Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Als der Propst sein Haus betreten hatte, dessen einziger Bewohner und Herr so lange Zeit der Diakon Achilla gewesen war, küßte er den wilden Riesen auf den trockenen Scheitel seines Lockenkopfes, ging dann mit ihm durch alle Zimmer, machte das Zeichen des Kreuzes über dem leeren, verwaisten Bettchen Natalia Nikolajewnas und sprach:

»Nun, alter Freund, jetzt hat es wohl keinen Sinn mehr, daß wir uns wieder trennen? Bleiben wir zusammen.«

»Mit tausend Freuden. Ich hatte es mir selbst auch schon so gedacht,« entgegnete Achilla und schloß den Propst wieder in seine Arme.

So hausten sie denn zu zwei hier. Achilla sang in der Kirche und sorgte für die Wirtschaft, Tuberozow saß zu Hause, las seinen John Bunian, dachte und betete.

Er lebte das intensive, konzentrierte Leben eines Geistes, der mit sich selbst ins Reine zu kommen sucht.

Achilla hielt ihm alle kleinen Alltagssorgen fern und gab dem Alten die Möglichkeit, ganz und gar der innern Sammlung zu leben.

Aber dieses Glück sollte nicht lange dauern. Dem Diakon ward eine große Ehre zuteil: der Bischof, der zur Session des Heiligen Synods berufen war, nahm ihn mit nach Petersburg, weil der Protodiakon der Gouvernementskathedrale erkrankt war.

Der Abschied des Diakons von Tuberozow war rührend. Achilla, der in seinem Leben noch keinen Brief geschrieben hatte, nicht wußte, wie man einen schreibt noch absendet, erklärte nicht nur, daß er dem Propst regelmäßig schreiben werde, sondern er tat es auch wirklich.

Seine Briefe waren ebenso eigenartig und seltsam wie seine ganze Denk- und Lebensweise. Zuerst erhielt Tuberozow einen Brief aus der Gouvernementsstadt, und in diesem Brief, dessen Umschlag die Aufschrift trug: »An den Vater Propst Tuberozow geheim und eigenhändig«, meldete Achilla, daß er während seines Aufenthaltes im Kloster für Tuberozow Rache an dem Zensor Troadij genommen habe: er habe dem Kater des Zensors eine Wurst auf den Rücken gebunden mit der Aufschrift:

»Diese Wurst bring ich, der Kater,Meinem Herrn, dem frommen Vater«

»Diese Wurst bring ich, der Kater,Meinem Herrn, dem frommen Vater«

und ihn in den Klosterhof laufen lassen.

Einen Monat später schrieb Achilla aus Moskau, wie sehr ihm die Stadt gefallen hätte; doch seien die Leute dort gar arglistig, insbesondere die Kirchensänger, die ihn zweimal aufgefordert hätten, mit ihnen Blachdnublach zu trinken, er aber habe »aus der Praxis wohl wissend, was sothanes Blachdnublach zu bedeuten habe, sich ob dieser ihrer Sängerfrechheit nicht wenig verwundert«.

Einige Zeit später schrieb er aus Petersburg:

»Mein vielgeliebter Freund und Euer Hochwürden Vater Sawelij. Freuet Euch. Ich lebe herrlich im Klostergasthof, in dem es freilich an Versuchungen jeglicher Art nicht fehlt, denn es geht hier fast ebenso zu, wie mitten im Lärm der großen Stadt. Und doch sehne ich mich sehr nach Euch. Wenn wir zusammen hier wären, könnten wir gemeinschaftlich viel schöner und mit viel mehr Freude alles bewundern.Eure weisen Ratschläge habe ich mir wohl gemerkt und werde von allen mit größter Achtung behandelt, was Euch ja das Moskauer Blachdnublach beweist, welches mitzutrinken ich mich weigerte. Ich trinke nur ganz wenig, und auch nur deshalb, weil ich sonst fürchte, gute Bekanntschaft zu verlieren. An Schönem ist hier kein Mangel, bloß einen richtigen Diakon, wie man ihn sich bei uns wünscht, habe ich noch nicht gefunden. Alle sind sie Tenöre, die nach unsern Begriffen nur zu Friedhofsgottesdiensten zu brauchen wären, und obgleich einige sich sehr aufspielen, so sind sie doch an Gestalt im Vergleich zu uns gar jämmerlich und ihr Gesang ist ein halbes Sprechen, wobei sie nicht mal die richtige Note treffen, und die Sänger mit ihnen gar nicht ordentlich zurechtkommen können. Ich aber, der ich mein Handwerk kenne, mache ihre Mode nicht mit, sondern singe die Messe so, wie ich es gewohnt bin, und, obgleich ich ein Fremder bin, hat mich die Kaufmannschaft doch aufgefordert, beim Dankgottesdienst vor der Markthalle mitzusingen, und ich habe dafür, außer der Renumeration in barem Gelde, noch drei Tücher aus Seidenfoulard erhalten, wie Ihr sie so gerne habt und welche ich Euch als Gastgeschenk mitzubringen gedenke. Wohl bekomm's! Langeweile habe ich oft. Man bekommt hier meistens Kaffee vorgesetzt. Wegen der weiten Entfernungen mache ich nur wenig Besuche. Fast alle wohnen in Nebenstraßen; und da ich auf dem Imperial fahre, komme ich in keine Nebenstraßen hinein. Doch Ihr als Provinzler werdet das gar nicht verstehen: man sitzt wie auf einem Hause, hoch oben auf dem Dache, und wenn man von da hinunter will, so muß man sehr gewandt sein, um abspringen zu können. Dem weiblichen Geschlecht ist dieses wegen seiner Kleidung überhaupt nicht gestattet. Die Droschkenkutscher aber sind hier, wie ich bemerke, große Spötter. Und wenneiner von uns geistlichen Personen einen mieten will und er bietet einen niedrigen Preis, dann schreien gleich alle andern: ›Mit dem sollt Ihr nicht fahren, Vater, der hat erst gestern einen Priester in den Schmutz fallen lassen.‹ Deshalb lasse ich mich mit ihnen lieber nicht ein. Unsern Warnawa habe ich einmal getroffen, sprach ihn aber nicht. Denn wir fuhren aneinander im Imperial vorüber, und ich konnte ihm nur von ferne drohen. Im übrigen sieht er halb krepiert aus. Was Euer Unglück betrifft, daß Ihr noch unter dem Bann steht und nicht für Euch in der Messe beten könnt, so grämt Euch deshalb nicht. Ich habe das alles wohl überlegt und eingerichtet und der Allmächtige sieht es. Seid getrost: Wenn Ihr auch für Euch selbst im Kreisstadttempel nicht beten könnt, in der Residenz ist ein Mann, durch den steigt das Gebet für Euch zum Himmel empor, – aus der Kasankathedrale, wo der Erretter des Vaterlandes, der durchlauchtigste Fürst Kutusow, beigesetzt ist, und aus der Isaakskathedrale, die von außen ganz von Marmor ist. Und dieser Beter in der Residenz bin ich, denn sobald ich die große Fürbitte verlesen habe, so verkünde ich laut die Namen, die mir vorgeschrieben sind, aber heimlich flüsternd nenne ich still für mich auch Deinen Namen, mein Freund Vater Sawelij, und sende mein allerheißestes Gebet für Dich zum Höchsten hinauf, und klage ihm, wie Du vor aller Welt von Deinen Vorgesetzten gekränkt worden bist. Und ich bitte Euch noch ganz besonders, nicht mehr an jenes Wort, Eure Tage seien gezählt, zu denken, es nicht auszusprechen, denn das wäre für mich und den Vater Zacharia über alle Maßen schmerzlich, und ich würde Dich, auf Ehrenwort, nur ganz kurze Zeit überleben.«

Unterzeichnet war der Brief: »Zeitweiliger Residenzstellvertreter des Protodiakons seiner Parochie, Diakon am Dom zu Stargorod Achilla Desnitzyn.«

Es kam noch ein zweiter Brief von Achilla, in dem er berichtete, daß er »durch einen glücklichen Zufall doch mit Prepotenskij zusammengekommen sei und sich mit ihm wegen der vergangenen Dinge habe schlagen wollen; daß die Sache aber eine ganz andere Wendung genommen habe und er sogar in seiner Redaktion gewesen sei.« Denn Warnawa war jetzt Redakteur und Achilla hatte verschiedene »Literaten« bei ihm getroffen und sich mit ihm ausgesöhnt. Als Grund zu dieser Versöhnung wurde angegeben, Warnawa (nach Achillas Behauptung) sei ein sehr unglücklicher Mensch geworden, weil er sich kürzlich mit einer Petersburger jungen Dame verheiratet hätte, die weit strenger wäre, als jede ältere Frau, und immer gegen die Ehe spreche. Auch solle sie Warnawa häufig prügeln. Er wäre gar nicht mehr so wie früher: »Er hat mir selber offen eingestanden, wenn er nicht eine solche große Angst vor seiner Frau hätte, so würde er in seiner Zeitung sogar für den lieben Gott eintreten; und dann schimpft er fürchterlich auf die Frau Biziukina und insonderlich den Herrn Termosesow, der sich anfangs hier sehr gut eingerichtet hatte und ein hohes Gehalt bezog im Geheimdienst, indem er ehrliche Leute auszukundschaften hatte. Aber der böse Feind verführte ihn durch seine Habsucht: er fing an falsches Papiergeld in Umlauf zu bringen, und nun sitzt er im Gefängnis.« Am meisten aber rühmte Achilla sich dessen, daß er eine Theatervorstellung mit angesehen habe. »Einmal (schrieb er) bin ich mit den Kirchensängern in bürgerlichem Gewande auf die höchste Galerie zur Oper ›Das Leben für den Zaren‹ gegangen, und habe nachher von dem schönen Gesang fast die ganze Nacht vor Entzücken weinen müssen. Ein andermal bin ich dann, wiederum als Zivilist verkleidet, hingegangen, den König Achilla selber zu sehen. Aber mit mir hatte er auch nicht die geringsteÄhnlichkeit: Es kam ein Komödiant herausstolziert, ganz in Gold gepanzert, und klagte über seine Ferse. Hätte man mir solch eine Montur angezogen, ich hätte es viel dröhnender gemacht. Das andere Spiel aber ist ganz heidnisch mit einer Offenheit bis hierher, und auf einen Witwer oder einzelnstehenden Mann wirkt das äußerst beunruhigend.«

Und dann kam endlich noch ein dritter Brief, in dem Achilla meldete, er käme jetzt bald zurück, und an einem trüben Herbsttag erschien er plötzlich bei Tuberozow, strahlend, als brächte er eine Freudenbotschaft.

Sawelij begrüßte ihn und lief sofort auf die Straße, um die Fensterläden zu schließen, weil kein Neugieriger von der Heimkehr des Diakons erfahren sollte.

Ihre Unterredung dauerte sehr lange. Achilla trank in der Zeit einen ganzen Samowar leer, Vater Tuberozow aber füllte seine Tasse immer von neuem und sagte:

»Trink nur, Lieber, trink nur noch,« – und wenn Achilla die Tasse geleert hatte, meinte der Propst: »Nun erzähle weiter, Freund, was hast du noch alles gesehen und erlebt?«

Und Achilla erzählte. Gott weiß, woher er das alles hatte, – Wichtiges und Unwichtiges bunt durcheinander. Was aber den Vater Sawelij am meisten wunderte, waren die vielen seltsamen Worte, die Achilla erbarmungslos in seine Rede mengte, mochten sie passen oder nicht, Ausdrücke, wie er sie vor seiner Petersburger Reise nicht nur nie gebraucht, sondern wohl auch gar nicht gekannt hatte.

So fing er zum Beispiel plötzlich ganz unvermittelt an: »Denk dir einmal, Vater Sawelij, diese Kumbination …« (Das ›u‹ wurde unbarmherzig scharf betont.)

Oder:

»Wie er mir das sagte, da sah ich ihn an und antwortete: ›Nein, mein Bester,je vous perdu! Das wäre mir gerade der rechte Türlütütü!‹«

Mit welch großer Teilnahme Vater Tuberozow auch seinem Diakon zuhörte, – als diese und ähnliche Ausdrücke sich immer häufiger wiederholten, runzelte er die Stirn und rief endlich ungeduldig:

»Was soll das eigentlich? Wo hast du all diese dummen Redensarten gelernt?«

Aber der begeisterte Achilla war so eifrig dabei, dem Propst alle seine aus der Residenz mitgebrachten Herrlichkeiten zu zeigen, daß er auch vor den tollsten Wortbildungen nicht zurückschreckte.

»Hab' nur keine Furcht, guter Vater Sawelij, solche Worte haben nichts zu sagen – sie sind nicht verboten.«

»Wieso nichts zu sagen? Sie klingen häßlich.«

»Ihr seid sie nur nicht gewohnt. Mir kann man jetzt sagen, was man will. Es ist alles Quatsch mit Sauce.«

»Schon wieder!«

»Was denn?«

»Was hast du da wieder für ein gemeines Wort gebraucht?«

»Quatsch mit Sauce!«

»Pfui!«

»Was ist denn dabei? Alle Literaten gebrauchen es.«

»Mögen sie es tun, in der Residenz sind sie eben so feine Herrschaften; da geht's nicht ohne Sauce. Wir einfachen Leute aber haben an dem Quatsch allein schon mehr als genug. Meinst du nicht?«

»Sehr richtig,« sagte Achilla und fügte nach einigem Nachdenken hinzu, er fände eigentlich auch, daß Quatsch ohne Sauce viel besser klinge.

»Denkt einmal,« widerlegte er sich selbst, »wenn unsereins einen Quatsch zum Besten gibt, dann lacht alles; aber die Leute geben gleich auch noch eine scharfe Sauce hinzu – zum Beispiel, es gebe keinen Gott oder ähnliche Torheiten, so daß einem angst und bange wird, und nachher gibt's dann allemal Zank und Streit.«

»Es muß einem dabei immer angst werden,« flüsterte Tuberozow.

»So streng darf man auch nicht sein, Vater Sawelij. Wenn sie's einem beweisen – wo soll man dann hin?«

»Was beweisen? Was redest du da? Was hat man dir bewiesen? Daß es keinen Gott gibt?«

»Ja, Vater Sawelij, das hat man mir bewiesen …«

»Was faselst du da, Achilla? Du bist doch ein ehrlicher Kerl und Christ! Bekreuzige dich! Was hast du da gesagt?!«

»Was soll man denn machen? Ich bin ja selbst nicht froh. Aber gegen ein Faktum kann man nicht ankämpfen.«

»Was für ein Faktum? Was hast du denn entdeckt?«

»Ach, Vater Sawelij, was soll ich Euch ärgern? Lest Ihr nur Euren Bunian und glaubt in Eurer Einfalt, wie Ihr bisher geglaubt habt.«

»Laß du meinen Bunian in Ruh und kümmere dich nicht um meine Einfalt. Bedenke nur, wie du dich selbst bloßstellst!«

»Was soll man machen? Es ist ein Faktum!« erwiderte Achilla seufzend.

Tuberozow stand erregt auf und verlangte, Achilla solle ihm sofort das Faktum nennen, auf das sich sein Zweifel an der Existenz Gottes gründe.

»Dieses Faktum hüpft auf jedem Menschen herum,« antwortete der Diakon und erklärte dann, er meine damit den Floh. Einen Floh könne jeder aus Sägespänen hervorbringen,und also hätte auch die Welt von selbst entstehen können.

Auf dieses naive und offenherzige Geständnis wußte Tuberozow zuerst gar nichts zu erwidern, Achilla aber begann nun, nachdem das Gespräch einmal diese Wendung genommen hatte, seine Petersburger Aufklärungsideen weiter zu entwickeln.

»Wozu arbeitet der Mensch? Um des Essens willen. Er möchte satt sein und keinen Hunger leiden. Wenn wir nicht essen müßten, würden wir überhaupt nichts tun. Man nennt das den Kampf ums Dasein. Ohne den gäb' es gar nichts.«

»Nun sieh mal,« sagte Tuberozow, »Gott hat das alles gar nicht nötig gehabt und hat doch die Welt geschaffen.«

»Das ist wahr,« sagte der Diakon, »Gott hat sie geschaffen.«

»Wie kannst du ihn dann aber leugnen?«

»Ich leugne ja gar nicht,« antwortete Achilla, »ich sage nur, daß, wenn man vom Faktum ausgeht, so kann, wie der Floh aus Sägespänen, die Welt auch aus sich selbst heraus entstanden sein. Ihr Gott ist, heißt es, der »Sauerstoff«. Aber der Teufel mag wissen, was das wieder für ein Stoff ist! Und nun seht einmal: wenn Ihr das wieder von der andern Seite betrachtet habt, versteh ich rein gar nichts mehr.«

»Wo ist denn dein Sauerstoff hergekommen?«

»Ich weiß nicht … Lassen wir das lieber, Vater Sawelij.«

»Nein, das kann ich nicht. Es muß wieder heraus aus dir. Also sag' einmal: wo hat er seinen Anfang, dein Sauerstoff?«

»Bei Gott, ich weiß es nicht, Vater Sawelij! Laßt es doch, Liebster!«

»Vielleicht ist dieser Sauerstoff ohne Anfang?«

»Das mag der Teufel wissen! Der soll ihn überhaupt holen!«

»Und er hat auch kein Ende?«

»Vater Sawelij! … Was geht uns dieser verfluchte Sauerstoff an? Mag er doch ohne Anfang und ohne Ende sein! Was kümmert's uns?«

»Begreifst du, was das heißt: ohne Anfang und ohne Ende?«

Achilla erwiderte, er begreife es, und fuhr mit lauter Stimme fort:

»Es ist ein Gott, der in der Dreifaltigkeit angebetet wird, der ewig ist, nicht Anfang noch Ende seines Seins hat, sondern immer war, ist und sein wird.«

»Amen,« sagte Sawelij lächelnd, und immer noch lächelnd stand er auf, faßte freundlich Achillas Hand und sagte:

»Komm, ich will dir etwas zeigen.«

»Gerne,« erwiderte der Diakon.

Und Hand in Hand gingen sie aus dem Zimmer, durchschritten den ganzen Hof und blieben schließlich in der Mitte des mit glänzendem frischen Schnee bedeckten Gemüsegartens stehen. Der Alte zeigte dem Diakon das Kreuz des Doms, wo sie so lange Zeit zusammen vor dem Altar gestanden hatten; dann richtete er immer noch schweigend den Zeigefinger abwärts und sagte streng:

»Falle nieder und bete!«

Achilla kniete nieder.

»Sprich: Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig,« sagte Sawelij und beugte sich selbst als erster zur Erde.

Achilla seufzte und folgte seinem Beispiel. In der feierlichen Stille der Mitternacht, im weißen, monderhellten, einsamen Garten stand er da und immer wieder schlug er mit der heißen Stirn gegen den kalten Schnee, und tiefe Seufzer wechselten mit der süßen Klage des Bußgebets: »Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig« – und dazwischenklang die Stimme des Propstes, der die zweite Bitte sprach: »Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht.« Der Prediger und der Büßer beteten zusammen.

Wie groß war doch der Unterschied zwischen diesem Achilla und jenem, den wir einst in der Morgenröte pfeifend auf flammendem Roß durchs Wasser reiten sahen!

Jener Achilla war wie ein frischer Morgen nach nächtlichem Regen, dieser flimmert wie Sonnenuntergang nach einem stürmischen Tage.

Während Achilla betete, saß Tuberozow in seinem leichten grauen Leibrock auf der Bank vor dem Badehause und zählte, mit dem Kopfe wackelnd, die Verbeugungen Achillas. Als er so viele abgezählt hatte, wie ihm nötig schien, stand er auf, faßte den Diakon an der Hand und friedlich gingen sie wieder in das Haus zurück. Aber ehe er sich zu Bett legte, trat der Diakon noch einmal zu Tuberozow heran und sagte:

»Wißt Ihr, Vater Propst, als ich betete …«

»Nun?«

»Da war es mir, als ob die Erde erbebte.«

»Gesegnet sei der Herr, daß er dir ein solches Gebet gab! Geh jetzt, leg dich nieder und schlafe in Frieden,« antwortete der Propst und beide schliefen friedlich ein.

Aber als Achilla am nächsten Morgen erwachte, da hatte er ein Gefühl, als wäre er aus sich selbst herausgekommen, als hätte er unversehens etwas fortgeworfen und etwas anderes dafür gefunden. Etwas, das schwer zu tragen war und wovon man sich doch nicht trennen konnte und nicht wollte.

Es war der Strom des lebendigen, rettenden Glaubens, der die verwirrte, bebende Seele überflutete.

Sie mußte krank werden und sterben, um auferstehen zu können, und diese heilige Arbeit war in vollem Gange.

Der törichte Achilla war weise geworden, er suchte die Stille, und eines Tages, als er sich schon etwas gefestigt fühlte, fragte er den Propst:

»Sage mir, du gewaltiger Greis, wie soll ich mit mir zurechtkommen, wenn Gottes Wille es so fügt, daß ich, sei's auch nur für kurze Zeit, allein bleibe? Bisher war ich stolz auf meine Kraft, aber nun bin ich andern Sinnes geworden und weiß, daß ich mich nicht auf sie verlassen kann.«

»Ja, du warst groß und stark, aber auch dir naht die Stunde, da nicht mehr du dich selbst, sondern da ein anderer dich gürten wird,« erwiderte Sawelij.

»Aber auf meine Vernunft ist noch weniger Verlaß als auf die Kraft, denn Ihr wißt ja, wie leicht ich irre werde.«

»Vertrau auf dein Herz, es schlägt treu und wahr.«

»Was aber soll ich sagen, wenn ich einmal Rede stehen muß? Mein Herz ist ja stumm.«

»Lausche nur, so wirst du wohl hören, was es leise zu dir flüstert. Aber die Flöhe, die von der schmutzigen Erde auf dich hüpfen, die schüttle ab.«

Achilla legte die Hand aufs Herz und ging. »Wie soll das zugehen?« dachte er, und eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er bald, sehr bald allein sein, daß all seine Kraft ihn verlassen und »ein anderer ihn gürten« werde.


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