Vierzehntes Kapitel.
Die Hostienbäckerin Prepotenskaja, ein kleines altes Frauchen mit einem winzigen Gesicht und ewig erstaunten, gutmütigen Äuglein, über welchen die Brauen gleich Apostrophen hingen, bat Darjanow um Entschuldigung, daß sie sein Klopfen nicht gehört habe, beugte sich über den Tisch zu ihm hinüber und fragte flüsternd:
»Haben Sie meinen Warnascha gesehen?«
Darjanow bejahte.
»Er bringt mich zur Verzweiflung, Valerian Nikolajewitsch,« klagte die Alte.
»Was sorgen Sie sich deshalb so sehr? Er ist jung, und Jugend hat keine Tugend. Wenn er älter wird, wird er auch vernünftiger. Und wenn er erst eine Frau hat …«
»Eine Frau? Wie soll ich ihn denn dazu bringen, daß er heiratet? Das ist ganz unmöglich. Er ist ja ganz verdreht. An den lieben Gott glaubt er nicht; Fleisch und Milch genießt er an allen Fastentagen, sogar in der Karwoche, und ich muß Ihnen gestehen, lieber Freund, ich fürchte mich, besonders abends …«
Die schwarzen Apostrophe über den Äuglein der winzigen, ängstlichen Alten schoben sich unruhig hin und her. Sie zuckte zusammen und flüsterte:
»Und zu alledem, lieber Freund, habe ich immer schreckliche Träume, so daß ich beim Erwachen gleich bete: ›SanktSimeon, deute mir mein Traumgesicht.‹ Könnte ich mich mit jemand im Hause darüber aussprechen, so ertrüge ich es viel leichter; aber so bin ich immer und ewig allein mit den Totengebeinen. Ich fürchte keinen Toten, über dem die Gebete gesprochen sind, aber Warnascha erlaubt es ja nicht, daß ich die Gebete lesen lasse.«
»Zürnen Sie ihm nicht, er ist trotz alledem ein guter Kerl.«
»Gewiß, gut ist er schon. Ich will auch nichts Böses von ihm sagen. Ich war seine glückliche Mutter, und er war früher so gut gegen mich, bis er in die Philosophieklasse kam. Damals, wenn er zu den Ferien nach Hause kam, ging er auch in die Kirche, und ich führte ihn zum Vater Sawelij, und der Vater Sawelij war freundlich gegen ihn und half ihm auch in diesem und jenem, – bis es dann plötzlich über ihn kam, ich weiß selbst nicht wie und woher: er fing an, den Weisen zu spielen. Seitdem wurde es mit jedemmal, wenn er aus dem Seminar kam, schlimmer und schlimmer. Sagen Sie, was Sie wollen, ich kann es mir nicht anders erklären, als daß er behext ist. Vater Zacharia hat mir neulich aus dem ›Familienblatt‹ vorgelesen, wie ein Sohn aus gutem Hause vom Teufel besessen war, so daß zehn Mann nicht mit ihm fertig werden konnten. Gerade so ist es mit Warnawa auch.«
Die Alte sprang auf, schlüpfte in die Küche, wischte sich dort die Tränen aus den Augen, kam wieder ins Zimmer zurück und berichtete weiter:
»Ich will es Ihnen nur gestehen, ich gebe ihm jeden Tag geweihtes Wasser zu trinken. Er weiß natürlich nichts davon und merkt es nicht. Ich geb's ihm aber. Es hilft nur leider nichts, und eine Sünde ist es auch. Vater Sawelij sagt immer wieder, er verdiente, irgendwohin nach Taschkent verschickt zu werden. Warum soll man es denn nicht nocheinmal mit Güte versuchen? denke ich. Er aber meint, mit Güte sei da nichts zu machen, weil ihm alle natürlichen Gefühle fremd sind. Aber wenn auch, mir ist es doch leid um ihn.« Und die Hostienbäckerin verschwand wieder.
»So ein unglückliches Wesen,« sagte die junge Frau leise.
»Ja, freilich,« stimmte Darjanow ihr bei. »Und der Rüpel spielt noch Komödie und kommt nicht mal zum Essen.«
»Gehen Sie doch noch mal hinaus und holen Sie ihn.«
»Er ist ja so störrisch wie ein Pferd und wird nicht kommen.«
»Das wollen wir doch sehen. Sagen Sie ihm, ich befehle es, ich sei Agent der Geheimpolizei und wünschte ihn sofort hier zu sehen, widrigenfalls ich Meldung mache, daß er nach Petersburg zu ziehen beabsichtige.«
Darjanow lachte und ging hinaus, um Warnawa zu holen. Inzwischen hatte der Lehrer seine Schätze in Sicherheit gebracht, und da die Arbeit seinen Appetit mächtig angeregt hatte, fiel es ihm nicht leicht, sich charakterfest zu zeigen und die Aufforderung zum Essen zurückzuweisen.
Um den freiwilligen Märtyrer aus seiner schwierigen Lage zu bringen, beugte sich der Abgesandte an sein Ohr und flüsterte ihm mit geheimnisvoller Miene zu, was die Serbolowa gesagt hatte.
»Sie Spionin!« rief Warnawa und wurde ganz rot.
»Ja.«
»Und vielleicht –«
»Was?«
»Vielleicht auch Sie …«
»Ja, ich auch.«
Warnawa drückte ihm freundschaftlich die Hand:
»Ich danke Ihnen, daß Sie kein Geheimnis daraus machen.«
Dann ging er mit reinem Gewissen zum Mittagessen.
»Ich muß Ihnen ja gehorchen …«