Vierzehntes Kapitel.
In der darauffolgenden Nacht, gegen elf Uhr, verließ der Diakon, ohne vorher jemandem etwas gesagt zu haben, leise das Haus und schlich sich nach dem Friedhof. Eine lange Stange und eine starke Hanfschlinge trug er in der Hand.
Niemand kam ihm in den Weg, niemand bemerkte ihn. Kurz vor halb zwölf erreichte er den Friedhof. Er betrachtete das Tor: es war geschlossen und klapperte leise, vom frischen Frühlingswind gerüttelt. Allem Anschein nach pflegte der Teufel nicht durch dieses Tor zu gehen, sondern nahm einen andern Weg.
Achilla trat zur Seite und stieß mit der Stange in den weichen Schnee, der den rund um den Friedhof gezogenen Graben füllte. Die Stange durchbohrte die dünne Eisschicht und drang etwa bis zur Hälfte ein. Der Graben war ungefähr zwei und eine halbe Arschin tief. Auf der gegenüberliegenden Seite bildete die abgegrabene Erde einen glitschigen, von außen leicht befrorenen Lehmwall.
Achilla stieß die Stange fester in den Boden, stützte sich auf sie, flog drachengleich empor und gelangte glücklich hinüber. Für die Stange, mit deren Hilfe er diesen gigantischen Sprung allein hatte ausführen können, erwies sich die Wucht seines massigen Leibes allerdings zu schwer: sie brach in demselben Augenblick, in dem die Sohlen des Diakons den Wallberührten. Achilla kümmerte es nicht; er hoffte, auf dem Friedhof irgend etwas anderes zu finden, das ihm auf dem Rückwege denselben Dienst leisten könnte. Außerdem hatte ihn jenes Gefühl erfaßt, das sich nachts auf dem Friedhof unser so leicht bemächtigt. Nicht Furcht, sondern eine Art Spannung, bei der alle fünf Sinne erregt und scharf arbeiten. Achilla atmete tief auf, nahm das schwarze Tuchkäppchen vom Kopf, schüttelte die grau gewordenen Locken und sah mit Vergnügen, wie hell das silberne Licht des Mondes über den Gottesacker floß. Wehmut erfaßte ihn, und doch fühlte er sich zugleich so frisch, wie schon lange nicht; er gedachte der alten Zeiten und ihrer Kämpfe und sandte dem Monde einen scherzhaften Gruß hinauf:
»Guten Abend, Kosakensonne!«
Tiefe Stille ringsum! Ja, hier herrschte wirklich Frieden! …
Der Diakon ging zum Grabe Sawelijs, setzte sich auf den Hügel und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Cherubim. Immer noch tiefe, durch nichts gestörte Stille, nur die Wolkenschatten zogen lautlos dahin. Neue und immer neue, ohne Ende.
Der Diakon wurde schläfrig. Er lehnte sich fester gegen die Pyramide und fiel in Halbschlaf. Nur für kurze Zeit; denn plötzlich schien es ihm, als stampfte jemand kräftig auf. Er öffnete die Augen: gleiche Stille ringsum, nur der Himmel hatte sein Aussehen verändert, der Mond war blasser geworden und längs der Pyramide lief ein einziger langer und breiter Schatten. Wolken ballten sich zusammen und die Luft wehte morgenkühl. Achilla erhob sich und wiederum hatte er die Empfindung, als wandele jemand auf dem Friedhof umher.
Der Diakon ging hinter die Pyramide. Niemand war zu sehen.
Nur eine frische Spur. Aber auch sie konnte von früher herstammen. Wie sollte man das unterscheiden, wenn der Schnee schon zum dünnen Brei geworden war, in den der Fuß riesige, fast formlose Gruben drückte? In der Stadt krähten die Hähne ihren Morgengruß. Nein, heute kommt der Teufel nicht mehr!
Achilla wandte sich langsam zu der Stelle, wo er über den Graben gesprungen war. Er fand sie ohne Schwierigkeit und griff ohne Bedenken nach der aus dem Graben emporragenden langen Stange, als er sich plötzlich erinnerte, daß sie gebrochen war! … Wo kam da die unversehrte Stange her?
»Sonderbar!« dachte der Diakon, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß er sich nicht täusche, sondern tatsächlich aus dem Graben eine tadellose Stange hervorragte, machte er sich zum Sprung bereit, als sich von hinten plötzlich über seine Schultern hinweg zwei mächtige Tatzen auf seine Brust legten. Sie waren mit dicker, filziger schwarzer Wolle bekleidet und hatten gewaltige Eisenklauen.
Der Teufel!