Zehntes Kapitel.
An demselben Tage, wo es in Stargorod so lustig herging, spielte sich weit draußen in dem gelben Stübchen des verbannten Propstes eine Szene anderer Art ab. Natalia Nikolajewna bereitete sich zum Sterben.
Gewissenhaft und sparsam, wie sie war, hatte die Pröpstin während der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes bei ihrem gemaßregelten Gatten sich ohne Bedienung beholfen und allerlei Arbeit auf sich genommen, an die sie nicht gewohnt war und die ihre Kräfte weit überstieg. Als sie bei dem letzten Fünfundzwanzigrubelschein in ihrer Schachtel angelangt war, erschrak sie, daß sie bald ganz ohne Geld sein würde, und beschloß, ihren Hauswirt, den Gendarm, zu bitten, ihnen die Miete zu stunden, bis der Propst wieder begnadigt sei. Der Gendarm ging darauf ein, Natalia Nikolajewna aber hielt das vor ihrem Gatten streng geheim und suchte auf jede Weise das Geld beim Hauswirt abzuverdienen: sie grub mit seiner Magd Kartoffeln, hackte Kohl und spülte ihre Wäsche selbst im Fluß.
Jedoch das war zu viel für ihre Jahre und ihre schwache Gesundheit. Sie erkrankte und mußte das Bett hüten.
Der Propst machte ihr Vorwürfe wegen ihrer übergroßen Sorgsamkeit.
»Du glaubst, du hilfst mir,« sagte er, »aber als ich hörte, was du getan hast, verdoppelte das meine Qualen.«
»Vergib,« flüsterte Natalia Nikolajewna.
»Was heißt: vergib? Vergib du mir,« antwortete der Propst und faßte ihre Hand, die er leidenschaftlich küßte. »Ich habe dich mit meiner starren Unbotmäßigkeit so weit gebracht, aber wenn du willst … sage nur ein Wort und ich gehe und demütige mich dir zuliebe.«
»Was fällt dir ein? Nie werde ich dieses Wort sagen! Soll ich deine Lehrmeisterin sein, der du alles weißt und alles zum Rechten wendest?«
»Um meiner Ehre willenmußich dieses tragen, Liebste.«
»Und Gott möge dir helfen, an mich aber sollst du nicht denken.«
Der Propst küßte noch einmal die Hände seiner Frau und ging an sein Tagewerk, Natalia Nikolajewna aber wickelte sich in ihre Decke und schlief ein. Und da sah sie im Traum den Diakon Achilla, der zu ihr ins Zimmer trat und sprach: »Warum betet Ihr denn nicht, daß der Vater Sawelij sein Leid leichter trage?« – »Wie denn?« fragt Natalia Nikolajewna, »lehre mich, wie ich zu beten habe.« – »Nun,« antwortet Achilla, »Ihr sollt bloß sagen: Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst.« – »Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst,« wiederholte Natalia Nikolajewna andächtig, und plötzlich war ihr, als nähme der Diakon sie auf seine Arme und trüge sie in das Allerheiligste, – der Raum war unendlich groß: Säule reihte sich an Säule, und der Altar reckte sich bis zum Himmel empor und flammte in tausend hellen Lichtern; hinter ihnen aber, von wo sie gekommen waren, schien alles winzig klein, so klein, daß sie gelacht hätte, wenn es sie nicht beunruhigt hätte, daß sie doch ein Weib sei, das Allerheiligste also gar nicht betreten dürfe. »Bist du bei Sinnen, Diakon!« sagte sie zu Achilla, »man wird dich deines Amtes entsetzen, wenn man erfährt, daß du eine Frau insAllerheiligste getragen hast.« Er aber erwiderte: »Ihr seid keine Frau, sondern eineKraft!« Und mit einem Male war Achilla und das Allerheiligste und der Altar und die Lichter – alles, alles verschwunden, und Natalia Nikolajewna schlief nicht mehr, sondern wunderte sich nur, warum alles um sie herum immer noch so klein aussah: der Samowar da drüben war gar kein richtiger Samowar, sondern ein Spielzeug, und die Teekanne darauf war nur eine Eierschale …
In diesem Augenblick kam Tuberozow aus dem Kloster zurück und fing an, freundlich zu ihr zu sprechen, sie aber wehrte mit beiden Händen ab.
»Still,« sagte sie, »still: ich muß ja bald sterben.«
Der Propst blickte sie ganz erstaunt an.
»Was fällt dir ein, Natascha? Gott behüte uns in Gnaden!«
»Nein, Liebster, ich muß sterben. Ich lebe nur noch halb.«
»Wer hat dir das gesagt?«
»Wer mir's gesagt hat? Ich sehe alles nur halb.«
Der Arzt kam, fühlte den Puls, besah die Zunge und sagte: »Nichts Besonderes, Erkältung und Übermüdung.«
Tuberozow wollte ihm sagen, daß die Kranke alles nur halb sehe, aber er genierte sich.
»Du hast sehr recht getan, es ihm nicht zu sagen,« meinte Natalia Nikolajewna, als er es ihr erzählte.
»Siehst du wirklich alle Gegenstände nur halb?«
»Ja! Ist das droben am Himmel der Mond?«
»Freilich ist es der Mond, der auf uns zwei Alte durchs Fenster herabschaut!«
»Und mir erscheint er wie ein Fischauge.«
»Das kommt dir nur so vor, Natascha.«
»Nein, es ist wirklich so, Vater Sawelij.«
Um seine Frau von ihrem Irrtum zu überzeugen, nahm Tuberozow den verhängnisvollen Fünfundzwanzigrubelschein aus der Schachtel und zeigte ihn ihr.
»Nun sag mal, was ist das?«
»Zwölf und ein halber Rubel,« erwiderte Natalia Nikolajewna sanft.
Tuberozow erschrak. Das war ihm unbegreiflich. Natalia Nikolajewna aber faßte lächelnd seine Hand und flüsterte, indem sie die Augen schloß:
»Du scherzest und ich scherze auch. Ich habe wohl gesehen, daß das unser Schein war. Aber alles sieht winzig klein aus. Doch sobald ich die Augen zumache, seh' ich alles groß, riesengroß. Alle wachsen: du und Nikolai Afanasjewitsch, unser Freund, und der liebe Diakon Achilla, und Vater Zacharia … Mir ist so wohl, so wohl, weckt mich nicht.«
Und Natalia Nikolajewna entschlief für immer.