Zehntes Kapitel.
Am Tage darauf zelebrierte der neue Propst zum erstenmal die Messe und hielt eine Predigt, in der er seinen Vorgänger mit Lobeserhebungen überschüttete und auf die Notwendigkeit und Pflicht eines ständigen Gedenkens und einer Ehrung seiner Verdienste hinwies.
»Wozu das? Was beabsichtigt er damit?« zürnte der Diakon, als er mit Zacharia aus der Kirche ging.
Er fühlte selbst, daß er ungerecht war, aber er konnte sich nicht beherrschen, und als Zacharia ihm zuzureden versuchte und betonte, wie edel das ganze Verhalten Grazianskijs sei, da zerbrach Achilla ungeduldig das Stöckchen, das er in der Hand hielt, in zwei Stücke und sagte:
»Das ist's ja gerade, was mich so ärgert.«
»Wäre es denn besser, wenn er nicht so gut wäre?«
»Natürlich … viel, viel besser wäre das,« unterbrach ihn Achilla ungeduldig. »Wißt Ihr denn nicht, daß wer nicht gesündigt hat, auch nicht Buße tut!«
Zacharia machte nur eine abwehrende Handbewegung.
Achillas Pilgerfahrt nach der Gouvernementsstadt wurde von Tag zu Tag aufgeschoben: der Diakon wohnte noch der Revision der Schatzkammer, der Bücher und der Kirchengelder bei, immer schweigend und grollend. Zu seinem großen Kummer bot sich ihm auch nicht die geringste Gelegenheit, dem »Neuen« etwas am Zeuge zu flicken, – bis Grazianskijendlich davon zu reden begann, daß man auf dem Grabe Tuberozows ein kleines Denkmal errichten müsse. Achilla sprang wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe.
»Warum denn ein ›kleines‹ Denkmal und kein großes? Er hat sehr lange unter uns gewirkt und Verdienste errungen, wie sie mancher andere nicht so leicht fertig brächte.«
Grazianskij sah den Diakon unwillig an und schlug, ohne ihm etwas zu erwidern, eine Subskription zum Bau eines Denkmals für Sawelij vor.
Durch die Subskription kamen zweiunddreißig Rubel zusammen.
Der Diakon wollte überhaupt nichts zeichnen und fand den ganzen Plan verkehrt.
»Weshalb bist du dagegen?« fragte ihn Benefaktow.
»Weil das alles eitel ist,« antwortete Achilla.
»Worin seht Ihr die Eitelkeit?« warf Grazianskij trocken dazwischen.
»Wie kann man einem solchen Manne namens der ganzen Gemeinde ein Denkmal für zweiunddreißig Rubel setzen? So ein Denkmal ist nicht besser als eine Pistole für einen Groschen. Nein, diese Kränkung will ich ihm nicht antun. Ich bitte, mir das gütigst zu erlassen.«
Am Abend erbat sich der Diakon vom neuen Propst einen vierzehntägigen Urlaub nach der Gouvernementsstadt, der ihm auch bewilligt wurde.
So begab sich Achilla auf die Wanderschaft, die er schon so lange zur Verwirklichung seiner großartigen Absichten geplant hatte. Schon in jenen Tagen, als er noch in seinem Kämmerlein auf der bretternen Bettstatt lag, war ihm der Gedanke gekommen, dem Vater Tuberozow ein Denkmal zu setzen, aber nicht für dreißig Rubel, sondern für all sein Geld, für all die zweihundert Rubel, die er aus dem Verkauf seinesdurch die Arbeit eines ganzen Lebens erworbenen Gutes gelöst hatte. Achilla hielt diese Summe für völlig ausreichend, um ein Monument zu errichten, das allen Zeiten und Völkern ein Wunder dünken müßte, ein so gewaltiges Monument, daß sein idealer Entwurf sogar in seinem eigenen Kopfe nicht Platz genug hatte.