Die Jüngere gehorchte. Dabei empfand sie, daß die Blicke der Kranken sie durchdrangen, und obwohl es ihr schien, als ob der silberne Ring, den ihr Wilmsgeschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger weißglühend würde, und trotzdem sie glaubte, ihre Lippen würden nun von selbst die heimlichen Küsse bekennen, so bezwang sie sich dennoch und sah die Kranke groß und ruhig an.Nur ihre Brust hob sich ängstlich. Die Blicke der beiden Schwestern trafen sich, und als Else in diese stillen, braunen Augen hineinsah, schien sie Beruhigung zu schöpfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange. Aber im Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den sitzenden Wilms. Ein Schlag durchzuckte das junge, aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen, wo sie sich beinahe über die Leidende geworfen hätte, um die Last von sich zu werfen und all ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des Arztes drängte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem der Physikus dem Pächter noch einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, verabschiedete sich der treue Hausfreund, und bald verkündete ein leises Rollen, daß er vom Hofe heruntergefahren sei.Die drei bedrückten und beladenen Menschen blieben allein. Tiefes, anhaltendes Schweigen herrschte, nur zuweilen knirschte der Sand auf dem Fußboden, oder die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. DieKranke lag und hatte die Augen geschlossen, aber unter den gesenkten Wimpern lenkte sie heimlich ihren Blick von Wilms auf Hedwig und von dem Mädchen wieder spähend auf den Mann.Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugeführt.Die beiden saßen sich gegenüber, als wären sie sich völlig fremd und gleichgültig.»Sollte der alte Knecht nur aus Haß gesprochen haben?« dachte Else erleichtert, »ach, wenn das doch wahr wäre.« Eine lange Zeit verging. Da bemerkte Else, die nach Art der Kranken nervös mit dem kleinen Goldherz auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester sich hinüberbeugte, als wünsche sie mit dem gänzlich in sich versunkenen Manne zu reden.»Nein – nein.« Das wollte die Leidende nicht. Mitten in ihrer Qual wurde sie eifersüchtig auf die junge Schönheit, die so ruhig auf dem Bettrand saß in ihrem weißen, mit Rosenknöspchen gemusterten Kleide, das leicht und knapp am Körper herunterfloß.Wie voll sie erblüht war. – Nein, nein, sie sollte mit Wilms nicht reden. Else wollte allein sein mit ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch auf, wie sonderbar Hedwig das Goldherz betrachtete. Das flößte der Kranken Furcht ein.»Das Herz – ist – ein Andenken – von Wilms,« brachte sie mit Anstrengung hervor, indem sie das winzige Kleinod küßte, »und nun, Hedwig – geh’ schlafen. – Wilms soll heut bei mir bleiben – ich – ich will allein sein mit – meinem Manne – hörst du?«Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer Abneigung begleitet, daß Hedwig sich rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus der dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie draußen, so atmete sie erleichtert auf und flog in ihr Kämmerchen empor, das sie seit Elses Rückkunft wieder bewohnte.Dort oben entzündete sie Licht, öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und sog den warmen betäubenden Nachtduft ein, der von Wiesen und Äckern herüberquoll.»Wie lange mag sie wohl noch leben?« ging es wieder ungeduldig durch ihre Sinne. Sie harrte jetzt schon wie eine Verzweifelte. Und während sie bereits halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte sie noch einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie jemand umfangen, unauflöslich an ihrer Brust verstricken. Glut und Begehren schwemmten alle Angst fort. Wild, ohne alle Eindämmung, lag sie im Betteund lauschte, ob nicht Wilms kommen würde, ihr das Abscheiden der Verfallenen zu melden.Ein längstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den summte sie in ihrer Aufregung vor sich hin:»Der schwarze Reiter hält vorm Haus.Komm’ feine Frau zu mir heraus,Ein Hemd genügt – mußt eilen,Daß ich vom ersten MorgenstrahlZurück bin über See und Tal;Wir reiten viele Meilen.«Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem Pachthof, das Stundenglas rann noch weiter.***Es schlug eins.Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt sie noch immer die Rechte des Gatten umspannt. »Wilms,« flüsterte sie heiser.Aufgescheucht fuhr der Pächter empor. In seiner Betäubung hatte er dem Schlummer nachgegeben und merkte erst jetzt, daß die erloschnen Augen seiner Frau schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen mußten.»Was willst du, Elsing?«»Ich glaube – es geht bald – mit mir zu Ende,« röchelte sein Weib, und es klang, als ob ihr der Tod bereits auf der Brust säße.»Elsing – um Gottes willen – bist du denn kränker geworden?«»Ja, ich glaub’ wohl. – Wilms – ich dank’ dir auch für alle Liebe – – – nur zuletzt – aber sag’ mir die Wahrheit; du hast mich nie belogen: – Wenn ich nun gestorben bin – willst – willst du dann Hedwig heiraten?«Es war schon, wie wenn die Stimme von jenseits des Grabes dränge, der Pächter umklammerte die Lehne seines Stuhls, er konnte kein Wort hervorbringen, die Zunge klebte ihm am Gaumen, seiner selbst kaum mächtig, schüttelte er nur den Kopf, während das Bild der immer mehr sich verfärbenden Frau seine ganze Seele gefangen nahm.Langsam hob die Scheidende den Finger und bewegte ihn, wie man einem kleinen Kinde droht. Dann winkte sie ihm, er solle sich über sie beugen, und während sie den plumpen Mann mit verendender Leidenschaft küßte, flüsterte sie ihm vernehmlich zu: »Hör’ auf mich – Hedwig ist nichts für dich – ihr paßt nicht zusammen, – weil – ach, weil sie viel mehrist als du – und erinnere dich, mein armer Mann – erinnerst du dich nicht – was ich dir – von Hedwig und dem Grafen damals erzählte –« Ein befriedigtes Lächeln spielte kaum merklich um die Lippen der Liegenden, diese letzte Rache schien ihr wohlzutun, namentlich als sie empfand, daß ihr Mann getroffen zusammenzuckte. Noch einmal öffnete sie die Augen, um dies Bild voll zu genießen, dann hauchte sie noch: »Sie ist nicht rein – nicht so, wie ich – wie ich – – wie – –«Die Worte verklangen im Wesenlosen, eine neue Ohnmacht nahm sie hinweg, und nur auf Momente erwachte die Gequälte wieder und schrie laut auf. Kaltes Entsetzen hatte Wilms gepackt, nein, er vermochte es nicht mehr, mit der Ringenden allein zu bleiben. Er sprang zur Tür und schallend rief er durch das Haus: »Hedwig – Hedwig.«Schlaflos lag das Mädchen noch oben in ihrer Kammer, denn sie erwartete ja etwas Ähnliches, daß Wilms ihr ein Zeichen geben würde.Ob das schon das Ende war?Eine nie gefühlte Lust durchdrang sie, ein schauerlich schöner Zustand, und doch klopfte ihr Herz wie eine Glocke, und die Angst übergoß sie mit schüttelndem Frost. Es war ihr, als fühlte sie Todeswehen umsich, als flöhe die Seele der Geschiedenen eben an ihr vorbei.»Hedwig – Hedwig.«Es klang so flehentlich. Notdürftig hüllte sie sich in Kleider und fuhr lautlos die Treppe hinab. Am untersten Absatz stand Wilms und starrte hinauf.»Ist sie nun tot?« fragte Hedwig, sich gänzlich vergessend.Der Landmann schüttelte den Kopf, jedoch er begriff sie wohl nicht.»Noch nicht,« gab er tonlos zurück – »aber ich kann nicht mehr mit ihr allein bleiben, – komm’ rein.« Er öffnete und ließ das Mädchen voranschreiten. Dann setzten sie sich dicht nebeneinander an das Fenster und sahen wortlos zu dem gefolterten Körper hinüber, der nicht leben und nicht sterben konnte. Dieses jammervolle Bild konnte die Jüngere nicht ertragen. Instinktiv, und nur ihrem stärksten Trieb folgend, überall einzugreifen, nahm sie das Fläschchen mit dem giftigen Beruhigungsmittel, und ließ die Tropfen in den Löffel herabträufeln. Mechanisch zählte Wilms mit. – Fünf – sechs – sieben.« Das Mädchen setzte ab und flößte der Leidenden den Trank ein, wonach sie bald einem bleiernen Schlaf anheimfiel.Aber Wilms Gedanken flogen weiter. Wär’s einVerbrechen gewesen, wenn man der Kranken die ganze Flasche gereicht hätte? grübelte er. Dann hätte sie endlich die Erlösung gefunden, sie wäre eingeschlummert, um nicht mehr aufzuwachen, und Ruhe wäre in das Haus eingezogen und Frieden.Ein scheuer Seitenblick streifte das Mädchen, das müde neben ihm saß, und jetzt merkte der Pächter erst, wie fest sie sich an ihn lehnte, um keinen Blick von der Ruhenden zu verwenden. Merkwürdig – Hedwigs Lippen bewegten sich leise, es war, als ob sie die Atemzüge der Schwester zähle. Und in diesen Minuten der Stille sah auch der Pächter, daß sie nur locker und leicht bekleidet war, überall schimmerte ihm ihre Schönheit entgegen. Er bedeckte die Augen mit der Hand, um es nicht zu beachten, aber er sah es doch. Die Frau, die sich dort immer tiefer in den Schlaf hineinwiegte, war im Augenblick, als ob sie schon versunken und vergessen wäre.Leise und weich schmiegte sich Hedwig an ihn, als ob sie einschlummern wollte.Beide Schwestern waren müde, sehr müde.Wilms wurde immer seltsamer zumute. Da wurde leise an der Haustür geklopft.Als der Pächter öffnete, sah er draußen in der klaren, sternenhellen Nacht Pastor Schirmer im vollenOrnat stehen, nach welchem Wilms auf der Sterbenden Wunsch geschickt hatte.Schweigend führte er den späten Gast ins Wohnzimmer. Der Geistliche mußte irgendwo im Vorüberwandern einen Zweig blühend roten Rotdorns abgepflückt haben. Den legte er als letzte Gabe auf das weiße Linnen. Dann wurde das Kruzifix vor das Bett gerückt, die Lichter angesteckt, und das zitternde Männchen wollte der Schlummertrunkenen die Sterbesakramente spenden. Jedoch still und starr lag die Wegbereite und hörte nichts von dem, was sie sonst leidenschaftlich in sich aufgenommen hätte. Aber die Gebete, die der Geistliche statt der heiligen Handlung vor sich hinmurmelte, waren doch nicht in den Wind gesprochen. Wenn es der einen Schwester auch verloren ging, die jüngere und schönere folgte seit langer Zeit zum erstenmal einer kirchlichen Handlung mit zurückgehaltenem Atem und brennenden Augen.Es war ihr, als wären dies die Hochzeitsweisen, die für sie und den Mann neben ihr gehalten würden – dicht neben dem Lager der Scheidenden.»Amen, – Amen,« schloß der Priester.»Amen,« wiederholte Hedwig fest und mutig.Der Pastor wollte allein bei Else bleiben, und so gingen die beiden andern still hinaus. Vor der Türverharrten sie noch einen Augenblick und lauschten zurück. Drinnen hörten sie, wie der Priester mit lauter, erregter Stimme Gebete aufsagte.Dann trennten sie sich, ohne sich die Hand zu reichen, ja, ohne Gruß. So hoch war schon die Spannung zwischen ihnen gestiegen, daß sie sich nichts mehr zu sagen hatten.Es war nur noch ein Hindrängen.Müde und gleichgültig suchte Hedwig ihr Lager auf, und Wilms wachte in der dunklen guten Stube neben Elsens Zimmer die bange, traurige Nacht durch.Drinnen sang das zitternde, greise Männchen immer hingebungsvoller, und was ärztliche Kunst nie vermocht hätte, das geschah hier.Else schlug plötzlich die müden Augen auf, und ein seliges Lächeln verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Das Tiefste in ihrem Leben war getroffen und klang jetzt aus. Ja, sie wollte wie ein Kind Gottes, wie eine Fromme sterben. Mit unsäglicher Mühe richtete sie sich auf und klammerte sich vor Freude weinend an den Geistlichen: »Sie – sind – es, Herr Pastor?« hauchte sie, »o, wie schön – – dann ist mir wohl – o, so wohl –«Und sie legte ihren Kopf andächtig gegen das weiße Greisenhaupt, und während sie durch das Fensterzu den hellflimmernden Sternen hinaufsah, sang sie ganz leise mit ersterbender Stimme das Auferstehungslied mit:»O selig, der das Heil erwirbt,Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt!O selig, wer, vom Laufe matt,Die Gottesstadt,Die droben ist, gefunden hat.Nun, Tor des Friedens öffne dich:Hinein! Hier schließt die Wallfahrt sich.Ihr Schlafenden im Friedensreich,Gönnt allzugleichAuch mir ein Räumlein neben euch.«Im dunklen Nebenzimmer saß ein Mann und hörte alles, was sich drinnen begab. – Wehmut, Verzweiflung, Leidenschaft stiegen in ihm auf, ein krampfhaftes Schluchzen drängte sich in seine Kehle; bebend, überwältigt faltete er die Hände und stammelte das nach, was zu ihm hereinschallte.Er wußte nicht mehr, was er betete.XI.Der letzte Morgen für die Kranke brach an.Pastor Schirmer, der gutmütige, greise Geistliche, hatte seinem Pfarrkind versprochen, bei ihm auszuhalten, und so fand das einströmende Tageslicht die blonde Frau in einem tiefen Schlaf, aus dem sie erquickt erwachte. Zu seinem Erstaunen erfuhr der Pastor, daß die Leidende sich wohler fühle. Nur das, was sie sprach, erschien ihm gereizt, wirr, unzusammenhängend, auch funkelten die Augen unruhig über alle Gegenstände im Zimmer umher. Ihre mageren Finger befanden sich in beständiger Bewegung und kratzten auf der Bettdecke auf und ab.»Hedwig – soll kommen – und mich kämmen – und waschen,« verlangte die Kranke dann, »und soll – einen Spiegel mitbringen.«Der Geistliche schüttelte besorgt das Haupt, aber er schickte doch nach dem Mädchen hinauf, um sich dann selbst mit herzlichen Worten zu verabschieden.Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein Weib beachtete ihn gar nicht und erst, als er ihr scheu »Guten Morgen, Elsing« bot, lächelte sie sanft und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren Gedanken kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn sie flüsterte verschämt:»Wenn ich – ein Kind bekomm’, – und es – wird ein Mädchen, dann – soll Hedwig – Pate stehen. – – Ist Hedwig noch nicht da?«Und immer in tiefen Gedanken löste sie ihr Haar, nahm es nach vorn und wickelte eine Strähne um ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien, blickten sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam an. Else sanft und glückselig lächelnd, die Jüngere hingegen erschrak und konnte sich das Bild nicht erklären.»Komm’, Heting,« flüsterte die Kranke, die von allen Schmerzen befreit schien, »waschen und – kämmen – das viele Haar drückt mich auf den Kopf – hast du auch so weiches Haar? – Sieh mal, ich kann mich ganz drin einwickeln – Wilms freute sich immer damit – – – Heting« – hier herzte sie die jüngere Schwester zärtlich und streichelte ihr die Wange, »wenn du seine Frau bist, mußt du es auch immer aufmachen. – Dann küßt er es. –«– Und während sie mit ihrem fahlen Gesicht in den Spiegel sah, summte sie:»Ihr Schlafenden im FriedensreichGönnt allzugleichAuch mir ein Räumlein neben euch.«Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang, und sie machte ihrem Spiegelbild ein neckisches Gesicht, als ob sie sich sehr schön fände.Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf sie hin. Dies war das Furchtbarste, was sie mit der Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten.Hedwig erfüllte mit leichter Hand alle Wünsche der Kranken, bis die Schwester plötzlich zusammenfuhr, um das Mädchen starr anzublicken.Sie hatte etwas entdeckt.Dann schaute sie wieder auf Hedwigs Finger hinunter, um endlich von neuem ihre funkelnden Augen über ihre Pflegerin gleiten zu lassen.Einen Moment sann sie nach.»Heting,« begann sie mit singender Stimme, »was trägst du da für einen Ring? – sieh mal, von Silber – den wollte mein Mann mir ja immer schenken, und nun hat er ihn dir gegeben – – sieh mal – bist du nun seine Braut?«»Else – laß meinen Finger – es tut mir weh.«»Bist du seine Braut? – Komm’, Heting, ich will dir was sagen,« sie beugte sich herab und kreischte plötzlich mit schneidender Stimme: »Ehebrecherin!« – Ehe der entsetzte Mann das Mädchen noch von den umklammernden Griffen befreien konnte, führte die Rasende die Hand Hedwigs zum Munde und biß, wie laut die Vergewaltigte auch schrie, in den Ringfinger hinein und kratzte sie und zerrte sie an den Haaren.»Hilfe – Hilfe,« rief Wilms. Mit einem Sprung war er am Bett, hob das Mädchen hoch in die Höhe und schleppte die Halbbetäubte ins Nebenzimmer hinein. Sie zitterte am ganzen Leibe und schlang schluchzend und Hilfe flehend die Arme um seinen Hals.Da vergaß sich Wilms.Er raffte das Mädchen, das er noch immer trug, an sich und voll wehen Mitleids preßte er ihr wütende Küsse auf Mund, Stirn und Hände, als müsse er alles gut machen, was eben an der Mißhandelten verschuldet war.»Heting, mein liebes Heting – großer Gott – wenn’s nur schon vorüber wär’.«Und seinem Wunsch sollte Erfüllung werden. Ein seltsam verröchelnder Laut tönte hinter ihnen auf,Else war, als man ihr die Jüngere geraubt hatte, ihrem kranken, delirierenden Gehirn nachgebend, aus dem Bett gesprungen, hatte mit nackten Füßen die anstoßende Tür erreicht und geöffnet.Da sah sie das Bild und hörte die Küsse.Langsam legte sie ihren Arm an das kalte Holz, machte mit der andern Hand eine matte Bewegung in die Luft hinein, und neigte darauf ihr Haupt wie müde, gegen den erhobenen Arm zurück.Und sie hatte auch genug geschaut.Ein Röcheln, ein schwerer, dumpfer Fall, die Augen schlossen sich, und im weißen Hemde lag eine Leiche auf dem Estrich.»Elsing – sie stirbt.«Keine Antwort.Da schleuderte der Landmann das Mädchen von sich und stierte wie geistesabwesend auf die starre Hülle seines Weibes herab.In der Kastenuhr schlug es die zehnte Morgenstunde, ein Pferd wieherte gerade im Stall.Der schwarze Reiter hatte die feine Frau im weißen Hemde geholt und jagte donnernd mit ihr über die Brücke, die in die Ewigkeit hinüberführt.***Es war nach dem Begräbnis.Die Leidtragenden hatten sich entfernt, und nun wollte sich auch der Rendant Schröder, der Vater der beiden Schwestern, verabschieden. Er sah der Verstorbenen sehr ähnlich, der alte Herr, trotz seines würdigen, schwarzen Gehrocks, des militärisch gescheitelten schneeweißen Haars, und der winzigen Ordensrosette im Knopfloch. Traurig ging er auf Wilms zu, der teilnahmslos in der Sofaecke saß, und drückte ihm schwermütig die Hand: »Gott hat Schweres über uns verhängt,« sagte er unsicher, »wir müssen uns aber in seinen Willen fügen, mein Sohn – ich hätt’ auch nicht geglaubt, daß ich das noch erleben würde.«Damit zog er ein weißes Taschentuch und weinte bitterlich hinein. Allmählich ermannte er sich und wandte sich an Hedwig, die schwarzgekleidet am Fenster saß und träumerisch über den Hof fort auf die sonnige Landstraße hinausblickte.»Komm, Heting, mein Wagen hält schon draußen, deine Sachen können dir nachgeschickt werden. Ich will jetzt wenigstens meine Einzige um mich haben.«Sie sollte fort?Eine lähmende Verwunderung erfüllte das Mädchen; an diese Möglichkeit hatte sie gar nicht gedacht.– Und doch, es war ja so natürlich, sie konnte doch vor den Augen der Welt nicht allein mit dem Mann im öden Pachthof bleiben.Sie erhob sich. Unterstützung heischend, sah sie zu Wilms herüber.Aber der rührte sich nicht. Er empfand nicht, wie schön sie war, immer mit demselben unbeweglichen Gesicht saß er geduckt in seiner Ecke und sah schweigend und gleichgültig vor sich hin. Mit der gleichen Miene hatte er in den letzten Tagen alles an sich vorüberziehen lassen. Den Sarg, die Leiche, die brennenden Lichter, die singenden Dorfkinder, den alten würdigen gebeugten Vater, die in die Gruft polternden Erdschollen, nichts hatte dieses stumpfe, gelassene Schweigen zu brechen vermocht.Aber jetzt – jetzt, wo man ihm die Geliebte entreißen wollte – da erwartete Hedwig, und ihre Augen begannen immer sehnsuchtsvoller zu leuchten – jetzt mußte er doch alle Erinnerungen von sich werfen, um sich das Weib seiner Wahl nicht nehmen zu lassen.O, sie war ja überzeugt, nun würde er aufflammen, nun – – sie horchte und wartete, allein immer dasselbe Schweigen.Sie scharrte ungeduldig mit dem Fuß.»Wilms,« sagte sie leise.Jedoch der Mann in der Ecke bewegte sich gar nicht, düstere Bilder mußten vor seiner Seele stehen, denn er wandte den Kopf und starrte auf die Stelle, wo Else im weißen Hemde gelegen hatte. Dann schauerte er zusammen.»Komm, Heting,« drängte der Vater. »Es wird nun Zeit, wenn wir noch vor Abend zurück sein wollen.«Der alte Herr griff nach seinem Hut und sah sich noch einmal still und betrübt in dem weiten Zimmer um, wo seine Tochter gestorben war.Da tat das Mädchen einen tiefen Atemzug, ihre ganze Gestalt reckte sich: »Vater,« entgegnete sie rasch und bestimmt, »ich kann dich jetzt nicht begleiten, ich muß noch etwa eine Woche hier bleiben, weil ich Wilms versprochen habe, ihm alles in der Wirtschaft zu zählen und instand zu setzen, was durch Elses Krankheit in Unordnung geraten ist. Aber dann« – und wieder atmete sie seltsam schwer – »dann komm’ ich dir nach.«Der Rendant stutzte. »Eine Woche noch?« wiederholte er verlegen und putzte an seinem Zylinder. »So? – Mein Sohn,« kehrte er sich fragend zu dem Landmann, »wäre es dir lieber, wenn Hedwig noch – noch hier bliebe? Ja?« Er wartete nocheine Weile, und da Wilms ihn augenscheinlich gar nicht gehört hatte, mußte er dieses Schweigen wohl für Zustimmung halten, denn er fuhr langsam und bedenklich fort: »Nun, wenn du es verlangst – natürlich – du hast ja auch einen so großen Verlust erlitten, daß du dich gewiß ein bißchen nach Gesellschaft sehnst, na, dann kann ja Hedwig auch noch acht Tage hier bleiben, ich habe nichts dagegen – obwohl, hm, ja, ich wünschte nur, du würdest mit der Zeit ein wenig ruhiger – und – nun adieu, Wilms – und daß wir uns zu besserer Gelegenheit wiedersehen, mein Sohn. Immer Kopf oben – hörst du?«Hier schwankte die Stimme des alten Beamten doch bedenklich, er kehrte sich rasch ab, und bald nachher fuhr er als der letzte Leidtragende von dannen.Hedwig und der Pächter befanden sich wieder allein.In den ersten Stunden konnte Hedwig ihr Herz klopfen hören, so hell und erwartungsvoll pochte es. »Was nun wohl folgen würde?« dachte sie. – Der Weg war frei, die Last abgeschüttelt, versunken, endlich gab es nichts Trennendes mehr zwischen ihnen, und mit verzehrender Gewalt verlangte es sie danach, daß der starke Mann sie nun in die Arme nehmen und sie küssen und wiegen sollte, noch zärtlicherund glühender, als vor wenig Tagen, da Else darüber gestorben war.Aber der Tag verfloß, ohne daß der stille Mann von ihr etwas verlangte oder begehrte; schweigend nahm er die Mahlzeiten ein, stumpf und trübsinnig brach er des Abends auf, um sich in seine Kammer hinauf zu begeben.Er hatte während der langen Zeit nicht ein Wort mit dem Mädchen gewechselt. Wie ein Alp bedrückte es bereits ihre Brust.Schon befand sich die große gebeugte Gestalt an der Tür, da rief ihn Hedwig atemlos an.»Wilms.«Er blieb stehen, hob aber nicht den Blick.»Willst du – willst du morgen nicht auf deine Felder gehen?«Der Landmann nickte gleichgültig und legte die Hand auf die Türklinke.Jetzt würde er verschwinden.Es war die höchste Zeit.»Wilms – willst du nicht noch hier bleiben?«Ein scheuer Blick streifte das schöne Geschöpf, dann irrte er an ihr vorüber und fiel auf das große zugedeckte Bett, das einst die Heimstätte der Kranken gebildet.Eine mächtige Bewegung lief durch den riesenhaften, ungelenken Körper, man sah ihm an, daß er sich beherrschen und bezwingen wollte, dann aber schlug Wilms beide Hände vors Gesicht, und ein halblautes, ersticktes Stöhnen drang zu der Erschreckten hinüber.Es war das wilde Schluchzen eines verzweifelten Menschen, eine erschütternde, trostlose Selbstanklage.Im nächsten Moment war der Pächter hinter der Tür verschwunden, und die Zurückbleibende vernahm nur noch, wie seine Tritte auf der knarrenden Treppe verhallten.Da stand sie und starrte mit bangem Entsetzen auf die leere Pforte.War es wirklich Wahrheit? – Sie befand sich jetzt allein? Der Mann, den sie erheben, befreien, glücklich machen wollte, dem sie mit weichen Händen unter Küssen die Schmerzenslast von den wunden Schultern zu nehmen gedachte, der flüchtete vor ihr? Der würdigte sie keines Wortes?Sie sah sich im weiten, hellerleuchteten Zimmer um.Nein, nein, an Schatten, an wiederkehrende Geister, die die Stätten der Sünde umschweben, glaubte sie ja nicht. Wilms war nur überreizt, unter ihrer Pflegewürde ihm die Gesundheit schon wiederkehren, und die Lust am Leben, und die Lust an ihr.Trotzig zog sie das Goldherz aus ihrem Kleide, das sie der Toten mit fester Hand abgenommen, und las mit ihren roten zitternden Lippen den Namen »Wilms«.Dann entkleidete sie sich, und ohne Furcht, mit einem seltsamen, fast übermütigen Lächeln, suchte sie ihr Lager auf und beschloß, von Wilms zu träumen.Nein, nein, der Schatten war beschworen, Gespenster kehren nicht wieder, die Toten stören die Lebenden nicht, getrost bettete sie ihr Haupt auf den weißen Arm, und im Traum, der sie zu dem geliebten Manne führte, lächelte sie wieder ihr stolzes, verführerisches Lächeln.XII.Am nächsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt.Zum erstenmal saßen Wilms und Hedwig in der Fliederlaube beim Kaffee.Schwüle, dumpfig-warme Luft strich über die Erde, Bäume und Blumen standen regungslos, als sähen sie furchtsam zu den grauen Wolken empor, die sich dort oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten, die Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schrägem, niedrigem Flug, dumpfe Gewitterstille ließ Menschen und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken und Frösche auf der Wiese summten und quakten lauter als je.Und still und schwül türmte sich auch etwas zwischen den beiden Menschen auf, die lautlos einander in der Laube gegenüber saßen. Geschäftig und leidenschaftlich für ihn besorgt, hatte Hedwig dem Pächter alles bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal wie zum Dank mit dem Kopf genickt, jetzt aber brütete er wieder, das Haupt in die Hand gestützt,düster in das brauende Unwetter hinein, das wie an ungeheuren schwarzen Seilen bereits vom Himmel herunterhing. Schon klatschten einzelne, schwere Tropfen von der Höhe auf den Rasen.Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm, wie er nach dem Kutscher rief, zugleich bemerkte sie auch, daß vor der Einfahrt bereits das Korbfuhrwerk wartete.»Willst du fortfahren?« begann sie befangen.Wilms nickte.»Geschäftlich?«Wieder neigte der Pächter schwerfällig das Haupt.»Wirst du lange fort bleiben, Wilms?«Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu den Boden, aber zum erstenmal seit Tagen erteilte er doch eine Antwort. Gepreßt kam es heraus: »Ja, es kann woll – ein paar Tage dauern.«Da freute sich das Mädchen, daß sie die erste war, die wieder seine Stimme vernahm, und im überwallenden Gefühl streckte sie ihm beide Hände entgegen, um sich von ihm zu verabschieden.Aber er rührte ihre Finger nicht an. Düster stand der große Mann vor ihr. Wohl blieben seine überbuschten Augen groß und starr an ihrer rosigen Haut haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennenkönnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfaßte er das Mädchen mit einem so jammervollen, so verängsteten und geistig zerrütteten Ausdruck, seine breiten Lippen zitterten derartig krampfhaft, daß das Mädchen in jähem Entsetzen zurückbebte.Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder.Sah sie nicht, daß der gequälte Mann mehrfach ansetzte, als wollte er dennoch ihre Hand ergreifen, um bald darauf seine Rechte wieder sinken zu lassen?Was hinderte ihn nur?Etwas Unsichtbares, Unerklärliches mußte sich regelmäßig vor ihm erheben, und mit einem plötzlichen Entschluß riß er sich jäh von dem Mädchen los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt zu seinem Wagen.Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und bald hörte die Zurückbleibende, wie der Wagen davonrollte.Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und sah abgespannt in den grauumzogenen Himmel hinauf, von dem der Gewitterregen noch immer nicht auf das lechzende Land niederrauschen wollte.»Das also ist das Ende?« dachte sie. Sie griff sich an die Stirn und fuhr auf. Ihre ganze Umgebungschien ihr plötzlich so fremd; wie konnte sie nur in diesem öden, verwunschenen Gehöft so lange gesäumt und geharrt haben, sie, die doch mit ganz anderen Hoffnungen in die Welt hinausgetreten war?Ein langes blendendes Leuchten ging über den Horizont, ein dumpfes fernes Murren schob sich dazwischen, und ein kurzer Regenguß pfiff über das Land.Die Bäume schüttelten sich und richteten sich auf. Auf Blättern und Halmen perlten große Tropfen.Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie hatte ihre Schwäche überwunden. – Spielend dehnte sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem kräftigen Gang in die Wirtschaftsgebäude, um ruhig und sicher, wie früher, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit die Geschäfte des kleinen Gutes zu besorgen.»Nimm die leeren Säcke dort vor dem Fenster fort, Dörthe,« ordnete sie mit ihrer frischen Stimme an.»Ja Fräulen, die liegen man noch da, damit die sel’ge Frau nich durch das Wagengerassel gestört werden sollt.«»Nun ja – aber meine Schwester braucht sie jetzt nicht mehr, wir aber könnten die Säcke vielleicht noch nötig haben.«Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung und widerspruchsloser Gehorsam waren in das Gehöft eingekehrt.Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit zurückgewonnen.Sie wußte jetzt, daß über Wilms der finstere Geist der Schwermut schwebe, daß die Tote dennoch aus dem Grabe auferstanden sei, um unversöhnt die beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu scheuchen. Aber sie scheute die Frau im weißen Hemde nicht. Die Lebende war vor ihr gewichen, und deshalb wollte sie alle Kraft einsetzen, um auch den blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen.Draußen schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgebäude, aus den grauen Nebelwänden rollte und polterte es dumpf heran.Eine zischende Windsbraut wirbelte über das Gehöft.***Wilms fuhr die Landstraße entlang. Sein Ziel waren ein paar große Güter in der Umgegend von Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen vorüberkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus, so daß er aus seiner Versunkenheit aufgestört wurde.Er wunderte sich.»Jochen, was is heut für ein Tag?« fragte er seinen Kutscher.»Ja Herr, weiten Se dat nich? Hüt hewwen wi ja unsen Herrn Christ sin Himmelfahrt.«Wilms faßte sich an den Kopf.Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, daß er von dem hohem Festtag gar nichts wußte? Früher hatte er an diesem Tage stets neben Else im eichenen Kirchenstuhl gesessen und andächtig mitgesungen. – Seitdem aber Hedwig auf dem Gehöft wirkte – – – nein, nein, er wollte nicht weiter denken.Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt hastig über die Treppen in das Gotteshaus hinein.Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht konnte hier die unselige, feige Angst von ihm genommen werden.Die Kirche war gedrängt voll. Eben schwieg die Orgel, und der kleine Pastor Schirmer begann von der Kanzel zu predigen. Rührend und beweglich schilderte er die Leiden und göttliche Sanftmut des Gottessohnes, und wie er nach seiner Auferstehung den Jüngern, die ihn nicht kannten, in seinem weißen Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie den gesegneten Fischzug tun zu lassen.»Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie der Schnee.«Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank Platz genommen hatte, erbleichend zusammen. Das Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor seine Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen drehten sich im Kreise.Die stürmische Angst jagte ihn von dannen.Nur hinaus – in die Luft – ins Freie, daß er atmen konnte. Schwankend erhob er sich.Allein der Eintritt des Pächters war von seinen Nachbarn bemerkt worden. Leise flüsterten sie sich zu, wie elend, krank und abgezehrt der Landmann aussehe, und Förster Eltze, der in seiner Nähe gesessen, folgte ihm hinaus.Und gerade als der nach Luft Ringende seinen Wagen erreicht hatte, ergriff der gutmütige Riese die Hand des Pächters und hielt ihn zurück.»Wilms, sind Sie krank?«Der Pächter starrte den andern an.»Ja – Eltze – ich kann – in der Nacht nich mehr schlafen.«»Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?«»Weil – weil meine Frau immer bei mir is.«»Wilms – um Gottes willen – alter Freund, das reden Sie sich bloß ein.«Der Pächter zuckte die Achseln, und während er sein Gefährt bestieg, antwortete er wehmütig: »Das kann woll sein,« dann grüßte er den Förster noch kurz, und im nächsten Moment rollte das Fuhrwerk in das graue Unwetter hinein.»Jochen, gib auf den Herrn Obacht,« rief Eltze voller Besorgnis den Abfahrenden nach.Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutmütige Weidmann.Der finstere Geist, der den Unglücklichen mit seinen schwarzen Fittichen beschattete, senkte sich immer tiefer auf sein Opfer herab, so daß die Nacht noch düsterer in ihm wurde.Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen Linien schossen die schmalen Feuerstreifen dahin, aus den dunklen Wolkengründen heraus rollte der Donner und hallte verendend über die weite Ebene.So waren die Reisenden an einen unbeträchtlichen Landsee gelangt, der mit einem Wasserarm die Chaussee unterbrach, so daß sie an dieser Stelle überbrückt war.Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser umgaben, quollen feuchte graue Dünste empor, fahlund farblos lag die Fläche, nur an der Brücke erhoben sich ein paar verkrüppelte Silberweiden.Eben rasselte das Gefährt über das morsche Holz, als Wilms Blick gleichgültig über den schweigenden See schweifte.Aber dann – der Pächter richtete sich auf und stierte auf das jenseitige Ufer hinüber.Er mußte etwas Furchtbares erschauen, denn kalter Fieberschweiß brach ihm aus allen Poren, mit der Hand umfaßte er die Schulter seines Knechtes.»Jochen,« schrie er, »kehr’ um.«»Herr – Herr Jesus – wat is denn?«»Jochen – Jochen – kehr’ um.«Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern:»Herr, Se sünd woll krank? Wat is denn dor äwern See? – Seggen Se mi’s doch – ick fürcht mi.«Aber der Landmann brachte kein Wort hervor. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er über die graue Fläche, denn der düstere Geist, der über ihm war, malte ein entsetzliches Bild.Dort drüben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd war »weiß wie der Schnee«, ihre Augen funkelten wie grelle Blitze, und über ihr entlud sich schmetternd ein krachender Donnerschlag.Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden Manne zu grausen, mit aller Kraft warf er die Pferde herum und jagte unter prasselndem Regen mit seinem ohnmächtigen Insassen den Weg, den er gekommen, wieder zurück.***Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte der Pächter das große Bett in der Wohnstube, an dem Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte, verlassen.Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so riesenhafte Mann kraftlos reckte und sich mit einem wehmütig lächelnden Blick im Spiegel beschaute.»Na, Wilms, nu frische Luft,« rief der dickeDr.Rumpf – »und dann, Kinding, die Fenster auf und was Ordentliches für den Magen – – paar Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!«Und am Arm des Physikus ließ sich Wilms in den Garten leiten, in dem jetzt die Linden blühten und einen erquickenden, würzigen Duft verbreiteten.»Ach, hier ist es schön,« sagte der Landmann, als er in der Laube saß, bewundernd, »komm, Heting – und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch ein bißchen zusammenbleiben.«Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen Blick zu und gedachten ihn durch ein harmloses Gespräch ein wenig aufzumuntern, jedoch der Pächter ließ sie nicht zu Worte kommen.Er war so gesprächig, wie seit vielen Jahren nicht. Alles, womit ihn die Natur umgab, erinnerte ihn an Begebenheiten aus seiner Jugend, aus seinen Lehrjahren und erweckte auch das Andenken an seine Mutter.»Trägst du noch den Ring, Heting? – Nicht wahr, den wirst du doch immer in Ehren halten? Weißt du noch – am Weihnachtsabend?«Nur Else erwähnte er nicht. Es schien, als ob das Grab sie nun doch festhalte, als ob die Erde sich endlich dauernd über ihr geschlossen hatte.Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen bestieg, folgte ihm Hedwig und fragte rasch und verzweifelt:»Nun, Herr Doktor, nun?«»Ja, was soll ich sagen? – Ernährung, mein Kind, Ernährung. Das ist das allereinzigste Mittel.«»Ja aber, Herr Doktor, er ißt ja fast gar nichts.«»Heting,« sprach der Physikus ernst und strich dem Mädchen über die heiße Stirn, »jetzt hängt alles von dir ab, verstehst du?«»Nein.«»Der Mann ist seelisch krank,« sagte der Doktor langsam, indem er ihr fest in die Augen sah, »verstehst du jetzt, warum alles von dir abhängt?«Da wurde das Mädchen blaß und wieder dunkelrot und sah vor dem alten Freunde zu Boden.Sie verstand ihn.»Und morgen komm’ ich wieder,« rief der Physikus in anderem Ton, küßte seiner jungen Freundin im Vorübergehen die Hand und fuhr vom Hofe herunter.Mit glühenden Wangen lief Hedwig in den Garten, jetzt wußte sie es, was der erfahrene Arzt verlangte, sie sollte den geliebten Mann verlassen. – Sie – sie selbst hielt man für die Ursache, daß er nicht zur Ruhe kommen könnte; war es möglich, daß ihre Gegenwart ihn quälte und peinigte? – Glaubte er sich wirklich sündenbeladen, weil er ihr blühendes Leben der Todverfallenen vorgezogen? – Die Tote siegte, die Tote ging im Hause umher, die Tote behauptete den Platz an seiner Seite. – Nein, so konnte sie sich nicht verscheuchen lassen. – Schmeichelnd setzte sie sich neben Wilms, und als er sie musternd anlächelte, schlang sie ihre weichen Arme um den abgezehrten Mann, und flüsterte mit ihrer angsterfüllten bebendenStimme: »Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr, jetzt wirst du auch wieder gesund werden?«Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da war es ihm, als ob ein köstlicher, erfrischender Heiltrank in ihn hinüberströme, der alle seine Glieder mit einer wohltuenden Schlaffheit erfüllte, so daß er sein Haupt müde an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern strebte.»Ja, Heting,« murmelte er erquickt, »nun werden wir bald sehr glücklich sein.«»Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht mehr so wie damals?«»Nein, nein, Heting – laß das – an meine Frau denke ich nich mehr – will nich mehr – nur du.«Waren es die Lindenblüten, die der leise Wind von den Zweigen schaukelte, war es Hedwigs Nähe, der müde Mann schlummerte an ihrer atmenden Brust wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein.Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der Linde. Die sang das Schlummerlied.Aber in dem Mädchen zehrte und bohrte der Gedanke an die verlangte Trennung weiter.***Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und nachdenklich auf Hedwigs stolzen, weißen Hals, von dem sich ein schmales, goldenes Kettchen abhob.»Heting, trägst du da nicht – – –?«»Ja, Elsens Goldherz.«»Das besitzt du?«»Ja, ich hab’ es ihr abgenommen.«Der Pächter stützte das Haupt und blickte sinnend vor sich hin.»Mir is es doch lieb,« sagte er endlich, »daß sie es nicht mitgenommen hat in die Erde. – Mir wär’ es dann immer gewesen, als wär mein Herz mit begraben. – So aber liegt es bei dir.«Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Und beide klammerten sich aneinander, als ob sie Schutz suchten vor dem weißen Schatten, der unerbittlich durch das Haus ging.Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine Arme schmiegte, da ging es wie ein Beben durch den kranken Körper. »Heting – Heting,« stammelte er, »ich werd’ – wohl nie wieder ganz glücklich werden.«Da fröstelte das liebeglühende Mädchen zusammen und verstand ihn.***Wilms Seelenzustand wurde immer trübsinniger. Oft, wenn Hedwig unvermutet zur Tür hereintrat, dann traf sie ihn, wie er starr auf die Schwelle hinblickte, auf der einst Else entseelt dahingesunken, und wenn sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe zu ermuntern, dann kam ein Ausdruck von Furcht in seine Augen, als wenn ihn ihre Zärtlichkeit quäle.Und einmal rang er sich schwer die Worte ab: »Heting, küß mich nich so – mir is es immer, als wenn Else zusäh.«Da zuckte das Mädchen zusammen, und so oft sie sich ihm in den nächsten Tagen näherte, immer glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu spüren, das an ihr vorbei strich.Sie faßte sich an die Stirn und begann schmerzlich zu lächeln. Sie fing an, an Gespenster zu glauben.Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen immer häufiger in seine Reden zu mischen. Bald erinnerte er sich an Worte seiner Frau, bald an allerlei Eigentümlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot, merkte Hedwig, daß sie der Pächter mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen beobachtete:»Was hast du denn, Wilms?«»Du – du siehst – ihr doch sehr ähnlich,« stammelteder Landmann fassungslos und ließ Messer und Gabel aus seiner Hand klirren.Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube wahr, daß Wilms, anstatt zu schlafen, bitterlich vor sich hin schluchzte.Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte.Ihr wunderbarer, prachtvoller Körper blühte neben ihm, und der Kranke koste und scherzte mit der Verwesten.***»Onkel Doktor,« weinte Hedwig vor sich hin, als sie mit dem weißbärtigen Physikus, den sie hatte holen lassen, in der Laube saß, »was soll ich dagegen tun?«Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was sie seit dem einen Jahre auf diesem Gehöft erlebt hatte.»Was du tun sollst?« fragte der alte Herr und legte die beiden Hände des jungen, fiebernden Geschöpfes in die seinen. »Heting, mein Kind, ich hab’ dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag’ ich, du mußt fort.«Sie starrte ihn mit ihren großen, braunen Augen an, und der Physikus fühlte an ihren Händen, wie das Blut in den Adern hämmerte und schoß.»Still, Kind, still,« sagte er, »du willst ihn doch nicht zugrunde richten, und sieh, so oft er dich anblickt, immer wird er in dir die Ursache sehen, die die Verstorbene in den Tod getrieben. – Nein, nein, mein Kind, bleib ruhig, ich weiß ja, du liebst ihn sehr, aber eben deshalb, Heting, bitt’ ich dich, befrei’ den armen Kerl von all’ den bösen Erinnerungen. Glaub mir, so lange du hier bleibst, bleibt auch die Tote bei ihm. – Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?«Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise. Dann sah sie mit sehnsüchtigem Blick auf den blühenden Garten hinaus, auf die anstoßende, saftige Wiese, auf die fernen Äcker, auf denen sonnendurchleuchteter Staub dahinzog.Überall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung und Wohlstand hatte sie zurückgezwungen. Das hatte die Tote doch nicht vermocht.Unter ihren Tränen zog ein trotziges Lächeln über das blasse Gesicht.»Nun, Heting,« fragte der Physikus und stand auf: »Weißt du nun, was du zu tun hast?«Sie nahm noch immer das Bild der blühenden Felder in sich auf, mit bebender Brust sog sie die frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte alles füreine glückliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern sollte sie nicht in das gelobte Land.»Heting?« fragte der Arzt dringender.»Sehen Sie, Herr Doktor,« rief das Mädchen, indem sie mit der Hand nach dem schönen Gut zeigte: »Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort drüben die grünen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer,« flüsterte sie mit erstickter Stimme.Da streichelte der alte Herr dem jungen Geschöpf die welligen braunen Haare aus der heißen Stirn, nahm sie in seine Arme, und während ihr Schluchzen zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen Kinde:»Recht – recht – du bist ein tapferes, kleines Ding, es wird auch alles wieder gut.«***»Heting,« sagte Wilms an einem der nächsten Tage, als sie nach dem Kaffee in der Wohnstube zusammen saßen, »du bist ja so vornehm angezogen, willst du ausfahren?«Das Mädchen sah ihn lange und ernsthaft an, als wollte sie sich jeden seiner Züge einprägen, dann schüttelte sie trübe lächelnd das Haupt, aber sie wandtesich ab und ließ ihren Blick lange auf dem Hof ruhen und sah grüßend zu den Pappeln der Landstraße hinüber.Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann ihr schönes Gesicht zu und fragte einfach und doch voll verschlossenen Wehs:»Wilms, hast du mich wirklich ein bißchen liebgewonnen?«»Wie kannst du nur so fragen, Heting.«»Und mehr – mehr als Else?«»Ich bitt’ dich, Kind – daran mußt du nicht rühren – laß sie doch ruhen.«Er verzog die Stirn und schüttelte matt den Kopf.»Bist du mir böse?« rief Hedwig plötzlich leidenschaftlich, und während sie sich vor dem Stuhl des gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang sie den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: »Nicht wahr, du bist nicht böse auf mich?« flüsterte sie mit schwankender Stimme und schmiegte sich an ihn, »ich habe doch alles bloß aus Liebe zu dir getan, das weißt du doch, Wilms?«Der Landmann wurde gerührt. »Ja, mein Kinding, ja,« sprach er liebevoll und streichelte ihr das goldglänzende, braune Haar.Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch einmal aufmerksam in der Stube um. Dann schritt sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um diese Zeit schon gewöhnt war, etwas vorzuspielen. Müde und erschlafft, wie er war, wiegten ihn die Töne noch immer am leichtesten in den ersehnten Schlummer.»Was soll ich spielen?«»Ganz gleich, es is ja alles schön.«»Nein, was du gern hast.«»Nun, dann das von Weihnachten, du weißt ja, Heting.«Sie schloß die Augen, ein süßer Schauer durchfuhr sie zum letztenmal. Und dann spielte sie das alte Volkslied, das schon so unendlich viel Müde eingesungen.Draußen rollte ein Wagen auf der Chaussee heran, Hedwigs Herz klopfte zum Zerspringen, aber sie ließ sich nichts merken und spielte tapfer den alten Sang, so leise und wehmütig und klagend, daß dem Kranken, der doch nicht wußte, was ihm bevorstand, die Tränen in die Augen traten.Und er schlummerte wirklich sanft und lächelnd ein, während das Abschiedslied leise austönte. Als er erwachte, war das Zimmer leer. Alles war still, nurvon der Landstraße hörte man dumpfen Hufschlag und das Rollen eines enteilenden Gefährts.***Der Förster hatte Hedwig in seinem Wagen zur Bahn gebracht, und sah zu ihr bewundernd in das Coupé hinauf.Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne zur Rüste, davon mochte das Mädchen so rosig übergossen sein, als sie zum Fenster hinaus nach der Gegend spähte, wo Wilmshus lag.Aber das Gehöft war längst hinter dem Tannenschlag versunken, und merkwürdig, wie Hedwig jetzt am Fenster lehnte, war sie wieder die vornehme, junge Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle angekommen war.Sie begriff sich selbst nicht; seit der öde Pachthof hinter ihr verschwunden war, strömte ihr frischere Luft entgegen, ihr war es, als hätte sie selbst ein Jahr lang siech gelegen und sollte jetzt zum erstenmal wieder in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus.»Wohin gehen Sie jetzt, Fräulein Hedwig?« fragte der Förster.»Ich weiß nicht. – Überall, wo es für mich etwas zu tun und zu schaffen gibt. – Die Welt ist groß.«»Da haben Sie recht. – Und kommen Sie vielleicht bald hierher wieder zurück?«»Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja nie, was die nächste Stunde bringt.«Die Glocke klang. – Der Förster schwenkte seinen grünen Hut.»Grüßen Sie Wilms,« rief Hedwig mit hervorbrechenden Tränen.Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr er in die rotgoldene Abendglut hinein.Hedwig sah nicht mehr zurück.
Die Jüngere gehorchte. Dabei empfand sie, daß die Blicke der Kranken sie durchdrangen, und obwohl es ihr schien, als ob der silberne Ring, den ihr Wilmsgeschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger weißglühend würde, und trotzdem sie glaubte, ihre Lippen würden nun von selbst die heimlichen Küsse bekennen, so bezwang sie sich dennoch und sah die Kranke groß und ruhig an.
Nur ihre Brust hob sich ängstlich. Die Blicke der beiden Schwestern trafen sich, und als Else in diese stillen, braunen Augen hineinsah, schien sie Beruhigung zu schöpfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange. Aber im Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den sitzenden Wilms. Ein Schlag durchzuckte das junge, aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen, wo sie sich beinahe über die Leidende geworfen hätte, um die Last von sich zu werfen und all ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des Arztes drängte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem der Physikus dem Pächter noch einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, verabschiedete sich der treue Hausfreund, und bald verkündete ein leises Rollen, daß er vom Hofe heruntergefahren sei.
Die drei bedrückten und beladenen Menschen blieben allein. Tiefes, anhaltendes Schweigen herrschte, nur zuweilen knirschte der Sand auf dem Fußboden, oder die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. DieKranke lag und hatte die Augen geschlossen, aber unter den gesenkten Wimpern lenkte sie heimlich ihren Blick von Wilms auf Hedwig und von dem Mädchen wieder spähend auf den Mann.
Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugeführt.
Die beiden saßen sich gegenüber, als wären sie sich völlig fremd und gleichgültig.
»Sollte der alte Knecht nur aus Haß gesprochen haben?« dachte Else erleichtert, »ach, wenn das doch wahr wäre.« Eine lange Zeit verging. Da bemerkte Else, die nach Art der Kranken nervös mit dem kleinen Goldherz auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester sich hinüberbeugte, als wünsche sie mit dem gänzlich in sich versunkenen Manne zu reden.
»Nein – nein.« Das wollte die Leidende nicht. Mitten in ihrer Qual wurde sie eifersüchtig auf die junge Schönheit, die so ruhig auf dem Bettrand saß in ihrem weißen, mit Rosenknöspchen gemusterten Kleide, das leicht und knapp am Körper herunterfloß.
Wie voll sie erblüht war. – Nein, nein, sie sollte mit Wilms nicht reden. Else wollte allein sein mit ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch auf, wie sonderbar Hedwig das Goldherz betrachtete. Das flößte der Kranken Furcht ein.
»Das Herz – ist – ein Andenken – von Wilms,« brachte sie mit Anstrengung hervor, indem sie das winzige Kleinod küßte, »und nun, Hedwig – geh’ schlafen. – Wilms soll heut bei mir bleiben – ich – ich will allein sein mit – meinem Manne – hörst du?«
Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer Abneigung begleitet, daß Hedwig sich rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus der dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie draußen, so atmete sie erleichtert auf und flog in ihr Kämmerchen empor, das sie seit Elses Rückkunft wieder bewohnte.
Dort oben entzündete sie Licht, öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und sog den warmen betäubenden Nachtduft ein, der von Wiesen und Äckern herüberquoll.
»Wie lange mag sie wohl noch leben?« ging es wieder ungeduldig durch ihre Sinne. Sie harrte jetzt schon wie eine Verzweifelte. Und während sie bereits halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte sie noch einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie jemand umfangen, unauflöslich an ihrer Brust verstricken. Glut und Begehren schwemmten alle Angst fort. Wild, ohne alle Eindämmung, lag sie im Betteund lauschte, ob nicht Wilms kommen würde, ihr das Abscheiden der Verfallenen zu melden.
Ein längstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den summte sie in ihrer Aufregung vor sich hin:
»Der schwarze Reiter hält vorm Haus.Komm’ feine Frau zu mir heraus,Ein Hemd genügt – mußt eilen,Daß ich vom ersten MorgenstrahlZurück bin über See und Tal;Wir reiten viele Meilen.«
»Der schwarze Reiter hält vorm Haus.Komm’ feine Frau zu mir heraus,Ein Hemd genügt – mußt eilen,Daß ich vom ersten MorgenstrahlZurück bin über See und Tal;Wir reiten viele Meilen.«
Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem Pachthof, das Stundenglas rann noch weiter.
Es schlug eins.
Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt sie noch immer die Rechte des Gatten umspannt. »Wilms,« flüsterte sie heiser.
Aufgescheucht fuhr der Pächter empor. In seiner Betäubung hatte er dem Schlummer nachgegeben und merkte erst jetzt, daß die erloschnen Augen seiner Frau schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen mußten.
»Was willst du, Elsing?«
»Ich glaube – es geht bald – mit mir zu Ende,« röchelte sein Weib, und es klang, als ob ihr der Tod bereits auf der Brust säße.
»Elsing – um Gottes willen – bist du denn kränker geworden?«
»Ja, ich glaub’ wohl. – Wilms – ich dank’ dir auch für alle Liebe – – – nur zuletzt – aber sag’ mir die Wahrheit; du hast mich nie belogen: – Wenn ich nun gestorben bin – willst – willst du dann Hedwig heiraten?«
Es war schon, wie wenn die Stimme von jenseits des Grabes dränge, der Pächter umklammerte die Lehne seines Stuhls, er konnte kein Wort hervorbringen, die Zunge klebte ihm am Gaumen, seiner selbst kaum mächtig, schüttelte er nur den Kopf, während das Bild der immer mehr sich verfärbenden Frau seine ganze Seele gefangen nahm.
Langsam hob die Scheidende den Finger und bewegte ihn, wie man einem kleinen Kinde droht. Dann winkte sie ihm, er solle sich über sie beugen, und während sie den plumpen Mann mit verendender Leidenschaft küßte, flüsterte sie ihm vernehmlich zu: »Hör’ auf mich – Hedwig ist nichts für dich – ihr paßt nicht zusammen, – weil – ach, weil sie viel mehrist als du – und erinnere dich, mein armer Mann – erinnerst du dich nicht – was ich dir – von Hedwig und dem Grafen damals erzählte –« Ein befriedigtes Lächeln spielte kaum merklich um die Lippen der Liegenden, diese letzte Rache schien ihr wohlzutun, namentlich als sie empfand, daß ihr Mann getroffen zusammenzuckte. Noch einmal öffnete sie die Augen, um dies Bild voll zu genießen, dann hauchte sie noch: »Sie ist nicht rein – nicht so, wie ich – wie ich – – wie – –«
Die Worte verklangen im Wesenlosen, eine neue Ohnmacht nahm sie hinweg, und nur auf Momente erwachte die Gequälte wieder und schrie laut auf. Kaltes Entsetzen hatte Wilms gepackt, nein, er vermochte es nicht mehr, mit der Ringenden allein zu bleiben. Er sprang zur Tür und schallend rief er durch das Haus: »Hedwig – Hedwig.«
Schlaflos lag das Mädchen noch oben in ihrer Kammer, denn sie erwartete ja etwas Ähnliches, daß Wilms ihr ein Zeichen geben würde.
Ob das schon das Ende war?
Eine nie gefühlte Lust durchdrang sie, ein schauerlich schöner Zustand, und doch klopfte ihr Herz wie eine Glocke, und die Angst übergoß sie mit schüttelndem Frost. Es war ihr, als fühlte sie Todeswehen umsich, als flöhe die Seele der Geschiedenen eben an ihr vorbei.
»Hedwig – Hedwig.«
Es klang so flehentlich. Notdürftig hüllte sie sich in Kleider und fuhr lautlos die Treppe hinab. Am untersten Absatz stand Wilms und starrte hinauf.
»Ist sie nun tot?« fragte Hedwig, sich gänzlich vergessend.
Der Landmann schüttelte den Kopf, jedoch er begriff sie wohl nicht.
»Noch nicht,« gab er tonlos zurück – »aber ich kann nicht mehr mit ihr allein bleiben, – komm’ rein.« Er öffnete und ließ das Mädchen voranschreiten. Dann setzten sie sich dicht nebeneinander an das Fenster und sahen wortlos zu dem gefolterten Körper hinüber, der nicht leben und nicht sterben konnte. Dieses jammervolle Bild konnte die Jüngere nicht ertragen. Instinktiv, und nur ihrem stärksten Trieb folgend, überall einzugreifen, nahm sie das Fläschchen mit dem giftigen Beruhigungsmittel, und ließ die Tropfen in den Löffel herabträufeln. Mechanisch zählte Wilms mit. – Fünf – sechs – sieben.« Das Mädchen setzte ab und flößte der Leidenden den Trank ein, wonach sie bald einem bleiernen Schlaf anheimfiel.
Aber Wilms Gedanken flogen weiter. Wär’s einVerbrechen gewesen, wenn man der Kranken die ganze Flasche gereicht hätte? grübelte er. Dann hätte sie endlich die Erlösung gefunden, sie wäre eingeschlummert, um nicht mehr aufzuwachen, und Ruhe wäre in das Haus eingezogen und Frieden.
Ein scheuer Seitenblick streifte das Mädchen, das müde neben ihm saß, und jetzt merkte der Pächter erst, wie fest sie sich an ihn lehnte, um keinen Blick von der Ruhenden zu verwenden. Merkwürdig – Hedwigs Lippen bewegten sich leise, es war, als ob sie die Atemzüge der Schwester zähle. Und in diesen Minuten der Stille sah auch der Pächter, daß sie nur locker und leicht bekleidet war, überall schimmerte ihm ihre Schönheit entgegen. Er bedeckte die Augen mit der Hand, um es nicht zu beachten, aber er sah es doch. Die Frau, die sich dort immer tiefer in den Schlaf hineinwiegte, war im Augenblick, als ob sie schon versunken und vergessen wäre.
Leise und weich schmiegte sich Hedwig an ihn, als ob sie einschlummern wollte.
Beide Schwestern waren müde, sehr müde.
Wilms wurde immer seltsamer zumute. Da wurde leise an der Haustür geklopft.
Als der Pächter öffnete, sah er draußen in der klaren, sternenhellen Nacht Pastor Schirmer im vollenOrnat stehen, nach welchem Wilms auf der Sterbenden Wunsch geschickt hatte.
Schweigend führte er den späten Gast ins Wohnzimmer. Der Geistliche mußte irgendwo im Vorüberwandern einen Zweig blühend roten Rotdorns abgepflückt haben. Den legte er als letzte Gabe auf das weiße Linnen. Dann wurde das Kruzifix vor das Bett gerückt, die Lichter angesteckt, und das zitternde Männchen wollte der Schlummertrunkenen die Sterbesakramente spenden. Jedoch still und starr lag die Wegbereite und hörte nichts von dem, was sie sonst leidenschaftlich in sich aufgenommen hätte. Aber die Gebete, die der Geistliche statt der heiligen Handlung vor sich hinmurmelte, waren doch nicht in den Wind gesprochen. Wenn es der einen Schwester auch verloren ging, die jüngere und schönere folgte seit langer Zeit zum erstenmal einer kirchlichen Handlung mit zurückgehaltenem Atem und brennenden Augen.
Es war ihr, als wären dies die Hochzeitsweisen, die für sie und den Mann neben ihr gehalten würden – dicht neben dem Lager der Scheidenden.
»Amen, – Amen,« schloß der Priester.
»Amen,« wiederholte Hedwig fest und mutig.
Der Pastor wollte allein bei Else bleiben, und so gingen die beiden andern still hinaus. Vor der Türverharrten sie noch einen Augenblick und lauschten zurück. Drinnen hörten sie, wie der Priester mit lauter, erregter Stimme Gebete aufsagte.
Dann trennten sie sich, ohne sich die Hand zu reichen, ja, ohne Gruß. So hoch war schon die Spannung zwischen ihnen gestiegen, daß sie sich nichts mehr zu sagen hatten.
Es war nur noch ein Hindrängen.
Müde und gleichgültig suchte Hedwig ihr Lager auf, und Wilms wachte in der dunklen guten Stube neben Elsens Zimmer die bange, traurige Nacht durch.
Drinnen sang das zitternde, greise Männchen immer hingebungsvoller, und was ärztliche Kunst nie vermocht hätte, das geschah hier.
Else schlug plötzlich die müden Augen auf, und ein seliges Lächeln verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Das Tiefste in ihrem Leben war getroffen und klang jetzt aus. Ja, sie wollte wie ein Kind Gottes, wie eine Fromme sterben. Mit unsäglicher Mühe richtete sie sich auf und klammerte sich vor Freude weinend an den Geistlichen: »Sie – sind – es, Herr Pastor?« hauchte sie, »o, wie schön – – dann ist mir wohl – o, so wohl –«
Und sie legte ihren Kopf andächtig gegen das weiße Greisenhaupt, und während sie durch das Fensterzu den hellflimmernden Sternen hinaufsah, sang sie ganz leise mit ersterbender Stimme das Auferstehungslied mit:
»O selig, der das Heil erwirbt,Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt!O selig, wer, vom Laufe matt,Die Gottesstadt,Die droben ist, gefunden hat.Nun, Tor des Friedens öffne dich:Hinein! Hier schließt die Wallfahrt sich.Ihr Schlafenden im Friedensreich,Gönnt allzugleichAuch mir ein Räumlein neben euch.«
»O selig, der das Heil erwirbt,Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt!O selig, wer, vom Laufe matt,Die Gottesstadt,Die droben ist, gefunden hat.
Nun, Tor des Friedens öffne dich:Hinein! Hier schließt die Wallfahrt sich.Ihr Schlafenden im Friedensreich,Gönnt allzugleichAuch mir ein Räumlein neben euch.«
Im dunklen Nebenzimmer saß ein Mann und hörte alles, was sich drinnen begab. – Wehmut, Verzweiflung, Leidenschaft stiegen in ihm auf, ein krampfhaftes Schluchzen drängte sich in seine Kehle; bebend, überwältigt faltete er die Hände und stammelte das nach, was zu ihm hereinschallte.
Er wußte nicht mehr, was er betete.
Der letzte Morgen für die Kranke brach an.
Pastor Schirmer, der gutmütige, greise Geistliche, hatte seinem Pfarrkind versprochen, bei ihm auszuhalten, und so fand das einströmende Tageslicht die blonde Frau in einem tiefen Schlaf, aus dem sie erquickt erwachte. Zu seinem Erstaunen erfuhr der Pastor, daß die Leidende sich wohler fühle. Nur das, was sie sprach, erschien ihm gereizt, wirr, unzusammenhängend, auch funkelten die Augen unruhig über alle Gegenstände im Zimmer umher. Ihre mageren Finger befanden sich in beständiger Bewegung und kratzten auf der Bettdecke auf und ab.
»Hedwig – soll kommen – und mich kämmen – und waschen,« verlangte die Kranke dann, »und soll – einen Spiegel mitbringen.«
Der Geistliche schüttelte besorgt das Haupt, aber er schickte doch nach dem Mädchen hinauf, um sich dann selbst mit herzlichen Worten zu verabschieden.
Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein Weib beachtete ihn gar nicht und erst, als er ihr scheu »Guten Morgen, Elsing« bot, lächelte sie sanft und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren Gedanken kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn sie flüsterte verschämt:
»Wenn ich – ein Kind bekomm’, – und es – wird ein Mädchen, dann – soll Hedwig – Pate stehen. – – Ist Hedwig noch nicht da?«
Und immer in tiefen Gedanken löste sie ihr Haar, nahm es nach vorn und wickelte eine Strähne um ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien, blickten sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam an. Else sanft und glückselig lächelnd, die Jüngere hingegen erschrak und konnte sich das Bild nicht erklären.
»Komm’, Heting,« flüsterte die Kranke, die von allen Schmerzen befreit schien, »waschen und – kämmen – das viele Haar drückt mich auf den Kopf – hast du auch so weiches Haar? – Sieh mal, ich kann mich ganz drin einwickeln – Wilms freute sich immer damit – – – Heting« – hier herzte sie die jüngere Schwester zärtlich und streichelte ihr die Wange, »wenn du seine Frau bist, mußt du es auch immer aufmachen. – Dann küßt er es. –«– Und während sie mit ihrem fahlen Gesicht in den Spiegel sah, summte sie:
»Ihr Schlafenden im FriedensreichGönnt allzugleichAuch mir ein Räumlein neben euch.«
»Ihr Schlafenden im FriedensreichGönnt allzugleichAuch mir ein Räumlein neben euch.«
Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang, und sie machte ihrem Spiegelbild ein neckisches Gesicht, als ob sie sich sehr schön fände.
Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf sie hin. Dies war das Furchtbarste, was sie mit der Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten.
Hedwig erfüllte mit leichter Hand alle Wünsche der Kranken, bis die Schwester plötzlich zusammenfuhr, um das Mädchen starr anzublicken.
Sie hatte etwas entdeckt.
Dann schaute sie wieder auf Hedwigs Finger hinunter, um endlich von neuem ihre funkelnden Augen über ihre Pflegerin gleiten zu lassen.
Einen Moment sann sie nach.
»Heting,« begann sie mit singender Stimme, »was trägst du da für einen Ring? – sieh mal, von Silber – den wollte mein Mann mir ja immer schenken, und nun hat er ihn dir gegeben – – sieh mal – bist du nun seine Braut?«
»Else – laß meinen Finger – es tut mir weh.«
»Bist du seine Braut? – Komm’, Heting, ich will dir was sagen,« sie beugte sich herab und kreischte plötzlich mit schneidender Stimme: »Ehebrecherin!« – Ehe der entsetzte Mann das Mädchen noch von den umklammernden Griffen befreien konnte, führte die Rasende die Hand Hedwigs zum Munde und biß, wie laut die Vergewaltigte auch schrie, in den Ringfinger hinein und kratzte sie und zerrte sie an den Haaren.
»Hilfe – Hilfe,« rief Wilms. Mit einem Sprung war er am Bett, hob das Mädchen hoch in die Höhe und schleppte die Halbbetäubte ins Nebenzimmer hinein. Sie zitterte am ganzen Leibe und schlang schluchzend und Hilfe flehend die Arme um seinen Hals.
Da vergaß sich Wilms.
Er raffte das Mädchen, das er noch immer trug, an sich und voll wehen Mitleids preßte er ihr wütende Küsse auf Mund, Stirn und Hände, als müsse er alles gut machen, was eben an der Mißhandelten verschuldet war.
»Heting, mein liebes Heting – großer Gott – wenn’s nur schon vorüber wär’.«
Und seinem Wunsch sollte Erfüllung werden. Ein seltsam verröchelnder Laut tönte hinter ihnen auf,Else war, als man ihr die Jüngere geraubt hatte, ihrem kranken, delirierenden Gehirn nachgebend, aus dem Bett gesprungen, hatte mit nackten Füßen die anstoßende Tür erreicht und geöffnet.
Da sah sie das Bild und hörte die Küsse.
Langsam legte sie ihren Arm an das kalte Holz, machte mit der andern Hand eine matte Bewegung in die Luft hinein, und neigte darauf ihr Haupt wie müde, gegen den erhobenen Arm zurück.
Und sie hatte auch genug geschaut.
Ein Röcheln, ein schwerer, dumpfer Fall, die Augen schlossen sich, und im weißen Hemde lag eine Leiche auf dem Estrich.
»Elsing – sie stirbt.«
Keine Antwort.
Da schleuderte der Landmann das Mädchen von sich und stierte wie geistesabwesend auf die starre Hülle seines Weibes herab.
In der Kastenuhr schlug es die zehnte Morgenstunde, ein Pferd wieherte gerade im Stall.
Der schwarze Reiter hatte die feine Frau im weißen Hemde geholt und jagte donnernd mit ihr über die Brücke, die in die Ewigkeit hinüberführt.
Es war nach dem Begräbnis.
Die Leidtragenden hatten sich entfernt, und nun wollte sich auch der Rendant Schröder, der Vater der beiden Schwestern, verabschieden. Er sah der Verstorbenen sehr ähnlich, der alte Herr, trotz seines würdigen, schwarzen Gehrocks, des militärisch gescheitelten schneeweißen Haars, und der winzigen Ordensrosette im Knopfloch. Traurig ging er auf Wilms zu, der teilnahmslos in der Sofaecke saß, und drückte ihm schwermütig die Hand: »Gott hat Schweres über uns verhängt,« sagte er unsicher, »wir müssen uns aber in seinen Willen fügen, mein Sohn – ich hätt’ auch nicht geglaubt, daß ich das noch erleben würde.«
Damit zog er ein weißes Taschentuch und weinte bitterlich hinein. Allmählich ermannte er sich und wandte sich an Hedwig, die schwarzgekleidet am Fenster saß und träumerisch über den Hof fort auf die sonnige Landstraße hinausblickte.
»Komm, Heting, mein Wagen hält schon draußen, deine Sachen können dir nachgeschickt werden. Ich will jetzt wenigstens meine Einzige um mich haben.«
Sie sollte fort?
Eine lähmende Verwunderung erfüllte das Mädchen; an diese Möglichkeit hatte sie gar nicht gedacht.– Und doch, es war ja so natürlich, sie konnte doch vor den Augen der Welt nicht allein mit dem Mann im öden Pachthof bleiben.
Sie erhob sich. Unterstützung heischend, sah sie zu Wilms herüber.
Aber der rührte sich nicht. Er empfand nicht, wie schön sie war, immer mit demselben unbeweglichen Gesicht saß er geduckt in seiner Ecke und sah schweigend und gleichgültig vor sich hin. Mit der gleichen Miene hatte er in den letzten Tagen alles an sich vorüberziehen lassen. Den Sarg, die Leiche, die brennenden Lichter, die singenden Dorfkinder, den alten würdigen gebeugten Vater, die in die Gruft polternden Erdschollen, nichts hatte dieses stumpfe, gelassene Schweigen zu brechen vermocht.
Aber jetzt – jetzt, wo man ihm die Geliebte entreißen wollte – da erwartete Hedwig, und ihre Augen begannen immer sehnsuchtsvoller zu leuchten – jetzt mußte er doch alle Erinnerungen von sich werfen, um sich das Weib seiner Wahl nicht nehmen zu lassen.
O, sie war ja überzeugt, nun würde er aufflammen, nun – – sie horchte und wartete, allein immer dasselbe Schweigen.
Sie scharrte ungeduldig mit dem Fuß.
»Wilms,« sagte sie leise.
Jedoch der Mann in der Ecke bewegte sich gar nicht, düstere Bilder mußten vor seiner Seele stehen, denn er wandte den Kopf und starrte auf die Stelle, wo Else im weißen Hemde gelegen hatte. Dann schauerte er zusammen.
»Komm, Heting,« drängte der Vater. »Es wird nun Zeit, wenn wir noch vor Abend zurück sein wollen.«
Der alte Herr griff nach seinem Hut und sah sich noch einmal still und betrübt in dem weiten Zimmer um, wo seine Tochter gestorben war.
Da tat das Mädchen einen tiefen Atemzug, ihre ganze Gestalt reckte sich: »Vater,« entgegnete sie rasch und bestimmt, »ich kann dich jetzt nicht begleiten, ich muß noch etwa eine Woche hier bleiben, weil ich Wilms versprochen habe, ihm alles in der Wirtschaft zu zählen und instand zu setzen, was durch Elses Krankheit in Unordnung geraten ist. Aber dann« – und wieder atmete sie seltsam schwer – »dann komm’ ich dir nach.«
Der Rendant stutzte. »Eine Woche noch?« wiederholte er verlegen und putzte an seinem Zylinder. »So? – Mein Sohn,« kehrte er sich fragend zu dem Landmann, »wäre es dir lieber, wenn Hedwig noch – noch hier bliebe? Ja?« Er wartete nocheine Weile, und da Wilms ihn augenscheinlich gar nicht gehört hatte, mußte er dieses Schweigen wohl für Zustimmung halten, denn er fuhr langsam und bedenklich fort: »Nun, wenn du es verlangst – natürlich – du hast ja auch einen so großen Verlust erlitten, daß du dich gewiß ein bißchen nach Gesellschaft sehnst, na, dann kann ja Hedwig auch noch acht Tage hier bleiben, ich habe nichts dagegen – obwohl, hm, ja, ich wünschte nur, du würdest mit der Zeit ein wenig ruhiger – und – nun adieu, Wilms – und daß wir uns zu besserer Gelegenheit wiedersehen, mein Sohn. Immer Kopf oben – hörst du?«
Hier schwankte die Stimme des alten Beamten doch bedenklich, er kehrte sich rasch ab, und bald nachher fuhr er als der letzte Leidtragende von dannen.
Hedwig und der Pächter befanden sich wieder allein.
In den ersten Stunden konnte Hedwig ihr Herz klopfen hören, so hell und erwartungsvoll pochte es. »Was nun wohl folgen würde?« dachte sie. – Der Weg war frei, die Last abgeschüttelt, versunken, endlich gab es nichts Trennendes mehr zwischen ihnen, und mit verzehrender Gewalt verlangte es sie danach, daß der starke Mann sie nun in die Arme nehmen und sie küssen und wiegen sollte, noch zärtlicherund glühender, als vor wenig Tagen, da Else darüber gestorben war.
Aber der Tag verfloß, ohne daß der stille Mann von ihr etwas verlangte oder begehrte; schweigend nahm er die Mahlzeiten ein, stumpf und trübsinnig brach er des Abends auf, um sich in seine Kammer hinauf zu begeben.
Er hatte während der langen Zeit nicht ein Wort mit dem Mädchen gewechselt. Wie ein Alp bedrückte es bereits ihre Brust.
Schon befand sich die große gebeugte Gestalt an der Tür, da rief ihn Hedwig atemlos an.
»Wilms.«
Er blieb stehen, hob aber nicht den Blick.
»Willst du – willst du morgen nicht auf deine Felder gehen?«
Der Landmann nickte gleichgültig und legte die Hand auf die Türklinke.
Jetzt würde er verschwinden.
Es war die höchste Zeit.
»Wilms – willst du nicht noch hier bleiben?«
Ein scheuer Blick streifte das schöne Geschöpf, dann irrte er an ihr vorüber und fiel auf das große zugedeckte Bett, das einst die Heimstätte der Kranken gebildet.
Eine mächtige Bewegung lief durch den riesenhaften, ungelenken Körper, man sah ihm an, daß er sich beherrschen und bezwingen wollte, dann aber schlug Wilms beide Hände vors Gesicht, und ein halblautes, ersticktes Stöhnen drang zu der Erschreckten hinüber.
Es war das wilde Schluchzen eines verzweifelten Menschen, eine erschütternde, trostlose Selbstanklage.
Im nächsten Moment war der Pächter hinter der Tür verschwunden, und die Zurückbleibende vernahm nur noch, wie seine Tritte auf der knarrenden Treppe verhallten.
Da stand sie und starrte mit bangem Entsetzen auf die leere Pforte.
War es wirklich Wahrheit? – Sie befand sich jetzt allein? Der Mann, den sie erheben, befreien, glücklich machen wollte, dem sie mit weichen Händen unter Küssen die Schmerzenslast von den wunden Schultern zu nehmen gedachte, der flüchtete vor ihr? Der würdigte sie keines Wortes?
Sie sah sich im weiten, hellerleuchteten Zimmer um.
Nein, nein, an Schatten, an wiederkehrende Geister, die die Stätten der Sünde umschweben, glaubte sie ja nicht. Wilms war nur überreizt, unter ihrer Pflegewürde ihm die Gesundheit schon wiederkehren, und die Lust am Leben, und die Lust an ihr.
Trotzig zog sie das Goldherz aus ihrem Kleide, das sie der Toten mit fester Hand abgenommen, und las mit ihren roten zitternden Lippen den Namen »Wilms«.
Dann entkleidete sie sich, und ohne Furcht, mit einem seltsamen, fast übermütigen Lächeln, suchte sie ihr Lager auf und beschloß, von Wilms zu träumen.
Nein, nein, der Schatten war beschworen, Gespenster kehren nicht wieder, die Toten stören die Lebenden nicht, getrost bettete sie ihr Haupt auf den weißen Arm, und im Traum, der sie zu dem geliebten Manne führte, lächelte sie wieder ihr stolzes, verführerisches Lächeln.
Am nächsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt.
Zum erstenmal saßen Wilms und Hedwig in der Fliederlaube beim Kaffee.
Schwüle, dumpfig-warme Luft strich über die Erde, Bäume und Blumen standen regungslos, als sähen sie furchtsam zu den grauen Wolken empor, die sich dort oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten, die Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schrägem, niedrigem Flug, dumpfe Gewitterstille ließ Menschen und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken und Frösche auf der Wiese summten und quakten lauter als je.
Und still und schwül türmte sich auch etwas zwischen den beiden Menschen auf, die lautlos einander in der Laube gegenüber saßen. Geschäftig und leidenschaftlich für ihn besorgt, hatte Hedwig dem Pächter alles bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal wie zum Dank mit dem Kopf genickt, jetzt aber brütete er wieder, das Haupt in die Hand gestützt,düster in das brauende Unwetter hinein, das wie an ungeheuren schwarzen Seilen bereits vom Himmel herunterhing. Schon klatschten einzelne, schwere Tropfen von der Höhe auf den Rasen.
Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm, wie er nach dem Kutscher rief, zugleich bemerkte sie auch, daß vor der Einfahrt bereits das Korbfuhrwerk wartete.
»Willst du fortfahren?« begann sie befangen.
Wilms nickte.
»Geschäftlich?«
Wieder neigte der Pächter schwerfällig das Haupt.
»Wirst du lange fort bleiben, Wilms?«
Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu den Boden, aber zum erstenmal seit Tagen erteilte er doch eine Antwort. Gepreßt kam es heraus: »Ja, es kann woll – ein paar Tage dauern.«
Da freute sich das Mädchen, daß sie die erste war, die wieder seine Stimme vernahm, und im überwallenden Gefühl streckte sie ihm beide Hände entgegen, um sich von ihm zu verabschieden.
Aber er rührte ihre Finger nicht an. Düster stand der große Mann vor ihr. Wohl blieben seine überbuschten Augen groß und starr an ihrer rosigen Haut haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennenkönnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfaßte er das Mädchen mit einem so jammervollen, so verängsteten und geistig zerrütteten Ausdruck, seine breiten Lippen zitterten derartig krampfhaft, daß das Mädchen in jähem Entsetzen zurückbebte.
Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder.
Sah sie nicht, daß der gequälte Mann mehrfach ansetzte, als wollte er dennoch ihre Hand ergreifen, um bald darauf seine Rechte wieder sinken zu lassen?
Was hinderte ihn nur?
Etwas Unsichtbares, Unerklärliches mußte sich regelmäßig vor ihm erheben, und mit einem plötzlichen Entschluß riß er sich jäh von dem Mädchen los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt zu seinem Wagen.
Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und bald hörte die Zurückbleibende, wie der Wagen davonrollte.
Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und sah abgespannt in den grauumzogenen Himmel hinauf, von dem der Gewitterregen noch immer nicht auf das lechzende Land niederrauschen wollte.
»Das also ist das Ende?« dachte sie. Sie griff sich an die Stirn und fuhr auf. Ihre ganze Umgebungschien ihr plötzlich so fremd; wie konnte sie nur in diesem öden, verwunschenen Gehöft so lange gesäumt und geharrt haben, sie, die doch mit ganz anderen Hoffnungen in die Welt hinausgetreten war?
Ein langes blendendes Leuchten ging über den Horizont, ein dumpfes fernes Murren schob sich dazwischen, und ein kurzer Regenguß pfiff über das Land.
Die Bäume schüttelten sich und richteten sich auf. Auf Blättern und Halmen perlten große Tropfen.
Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie hatte ihre Schwäche überwunden. – Spielend dehnte sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem kräftigen Gang in die Wirtschaftsgebäude, um ruhig und sicher, wie früher, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit die Geschäfte des kleinen Gutes zu besorgen.
»Nimm die leeren Säcke dort vor dem Fenster fort, Dörthe,« ordnete sie mit ihrer frischen Stimme an.
»Ja Fräulen, die liegen man noch da, damit die sel’ge Frau nich durch das Wagengerassel gestört werden sollt.«
»Nun ja – aber meine Schwester braucht sie jetzt nicht mehr, wir aber könnten die Säcke vielleicht noch nötig haben.«
Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung und widerspruchsloser Gehorsam waren in das Gehöft eingekehrt.
Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit zurückgewonnen.
Sie wußte jetzt, daß über Wilms der finstere Geist der Schwermut schwebe, daß die Tote dennoch aus dem Grabe auferstanden sei, um unversöhnt die beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu scheuchen. Aber sie scheute die Frau im weißen Hemde nicht. Die Lebende war vor ihr gewichen, und deshalb wollte sie alle Kraft einsetzen, um auch den blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen.
Draußen schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgebäude, aus den grauen Nebelwänden rollte und polterte es dumpf heran.
Eine zischende Windsbraut wirbelte über das Gehöft.
Wilms fuhr die Landstraße entlang. Sein Ziel waren ein paar große Güter in der Umgegend von Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen vorüberkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus, so daß er aus seiner Versunkenheit aufgestört wurde.
Er wunderte sich.
»Jochen, was is heut für ein Tag?« fragte er seinen Kutscher.
»Ja Herr, weiten Se dat nich? Hüt hewwen wi ja unsen Herrn Christ sin Himmelfahrt.«
Wilms faßte sich an den Kopf.
Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, daß er von dem hohem Festtag gar nichts wußte? Früher hatte er an diesem Tage stets neben Else im eichenen Kirchenstuhl gesessen und andächtig mitgesungen. – Seitdem aber Hedwig auf dem Gehöft wirkte – – – nein, nein, er wollte nicht weiter denken.
Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt hastig über die Treppen in das Gotteshaus hinein.
Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht konnte hier die unselige, feige Angst von ihm genommen werden.
Die Kirche war gedrängt voll. Eben schwieg die Orgel, und der kleine Pastor Schirmer begann von der Kanzel zu predigen. Rührend und beweglich schilderte er die Leiden und göttliche Sanftmut des Gottessohnes, und wie er nach seiner Auferstehung den Jüngern, die ihn nicht kannten, in seinem weißen Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie den gesegneten Fischzug tun zu lassen.
»Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie der Schnee.«
Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank Platz genommen hatte, erbleichend zusammen. Das Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor seine Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen drehten sich im Kreise.
Die stürmische Angst jagte ihn von dannen.
Nur hinaus – in die Luft – ins Freie, daß er atmen konnte. Schwankend erhob er sich.
Allein der Eintritt des Pächters war von seinen Nachbarn bemerkt worden. Leise flüsterten sie sich zu, wie elend, krank und abgezehrt der Landmann aussehe, und Förster Eltze, der in seiner Nähe gesessen, folgte ihm hinaus.
Und gerade als der nach Luft Ringende seinen Wagen erreicht hatte, ergriff der gutmütige Riese die Hand des Pächters und hielt ihn zurück.
»Wilms, sind Sie krank?«
Der Pächter starrte den andern an.
»Ja – Eltze – ich kann – in der Nacht nich mehr schlafen.«
»Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?«
»Weil – weil meine Frau immer bei mir is.«
»Wilms – um Gottes willen – alter Freund, das reden Sie sich bloß ein.«
Der Pächter zuckte die Achseln, und während er sein Gefährt bestieg, antwortete er wehmütig: »Das kann woll sein,« dann grüßte er den Förster noch kurz, und im nächsten Moment rollte das Fuhrwerk in das graue Unwetter hinein.
»Jochen, gib auf den Herrn Obacht,« rief Eltze voller Besorgnis den Abfahrenden nach.
Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutmütige Weidmann.
Der finstere Geist, der den Unglücklichen mit seinen schwarzen Fittichen beschattete, senkte sich immer tiefer auf sein Opfer herab, so daß die Nacht noch düsterer in ihm wurde.
Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen Linien schossen die schmalen Feuerstreifen dahin, aus den dunklen Wolkengründen heraus rollte der Donner und hallte verendend über die weite Ebene.
So waren die Reisenden an einen unbeträchtlichen Landsee gelangt, der mit einem Wasserarm die Chaussee unterbrach, so daß sie an dieser Stelle überbrückt war.
Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser umgaben, quollen feuchte graue Dünste empor, fahlund farblos lag die Fläche, nur an der Brücke erhoben sich ein paar verkrüppelte Silberweiden.
Eben rasselte das Gefährt über das morsche Holz, als Wilms Blick gleichgültig über den schweigenden See schweifte.
Aber dann – der Pächter richtete sich auf und stierte auf das jenseitige Ufer hinüber.
Er mußte etwas Furchtbares erschauen, denn kalter Fieberschweiß brach ihm aus allen Poren, mit der Hand umfaßte er die Schulter seines Knechtes.
»Jochen,« schrie er, »kehr’ um.«
»Herr – Herr Jesus – wat is denn?«
»Jochen – Jochen – kehr’ um.«
Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern:
»Herr, Se sünd woll krank? Wat is denn dor äwern See? – Seggen Se mi’s doch – ick fürcht mi.«
Aber der Landmann brachte kein Wort hervor. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er über die graue Fläche, denn der düstere Geist, der über ihm war, malte ein entsetzliches Bild.
Dort drüben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd war »weiß wie der Schnee«, ihre Augen funkelten wie grelle Blitze, und über ihr entlud sich schmetternd ein krachender Donnerschlag.
Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden Manne zu grausen, mit aller Kraft warf er die Pferde herum und jagte unter prasselndem Regen mit seinem ohnmächtigen Insassen den Weg, den er gekommen, wieder zurück.
Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte der Pächter das große Bett in der Wohnstube, an dem Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte, verlassen.
Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so riesenhafte Mann kraftlos reckte und sich mit einem wehmütig lächelnden Blick im Spiegel beschaute.
»Na, Wilms, nu frische Luft,« rief der dickeDr.Rumpf – »und dann, Kinding, die Fenster auf und was Ordentliches für den Magen – – paar Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!«
Und am Arm des Physikus ließ sich Wilms in den Garten leiten, in dem jetzt die Linden blühten und einen erquickenden, würzigen Duft verbreiteten.
»Ach, hier ist es schön,« sagte der Landmann, als er in der Laube saß, bewundernd, »komm, Heting – und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch ein bißchen zusammenbleiben.«
Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen Blick zu und gedachten ihn durch ein harmloses Gespräch ein wenig aufzumuntern, jedoch der Pächter ließ sie nicht zu Worte kommen.
Er war so gesprächig, wie seit vielen Jahren nicht. Alles, womit ihn die Natur umgab, erinnerte ihn an Begebenheiten aus seiner Jugend, aus seinen Lehrjahren und erweckte auch das Andenken an seine Mutter.
»Trägst du noch den Ring, Heting? – Nicht wahr, den wirst du doch immer in Ehren halten? Weißt du noch – am Weihnachtsabend?«
Nur Else erwähnte er nicht. Es schien, als ob das Grab sie nun doch festhalte, als ob die Erde sich endlich dauernd über ihr geschlossen hatte.
Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen bestieg, folgte ihm Hedwig und fragte rasch und verzweifelt:
»Nun, Herr Doktor, nun?«
»Ja, was soll ich sagen? – Ernährung, mein Kind, Ernährung. Das ist das allereinzigste Mittel.«
»Ja aber, Herr Doktor, er ißt ja fast gar nichts.«
»Heting,« sprach der Physikus ernst und strich dem Mädchen über die heiße Stirn, »jetzt hängt alles von dir ab, verstehst du?«
»Nein.«
»Der Mann ist seelisch krank,« sagte der Doktor langsam, indem er ihr fest in die Augen sah, »verstehst du jetzt, warum alles von dir abhängt?«
Da wurde das Mädchen blaß und wieder dunkelrot und sah vor dem alten Freunde zu Boden.
Sie verstand ihn.
»Und morgen komm’ ich wieder,« rief der Physikus in anderem Ton, küßte seiner jungen Freundin im Vorübergehen die Hand und fuhr vom Hofe herunter.
Mit glühenden Wangen lief Hedwig in den Garten, jetzt wußte sie es, was der erfahrene Arzt verlangte, sie sollte den geliebten Mann verlassen. – Sie – sie selbst hielt man für die Ursache, daß er nicht zur Ruhe kommen könnte; war es möglich, daß ihre Gegenwart ihn quälte und peinigte? – Glaubte er sich wirklich sündenbeladen, weil er ihr blühendes Leben der Todverfallenen vorgezogen? – Die Tote siegte, die Tote ging im Hause umher, die Tote behauptete den Platz an seiner Seite. – Nein, so konnte sie sich nicht verscheuchen lassen. – Schmeichelnd setzte sie sich neben Wilms, und als er sie musternd anlächelte, schlang sie ihre weichen Arme um den abgezehrten Mann, und flüsterte mit ihrer angsterfüllten bebendenStimme: »Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr, jetzt wirst du auch wieder gesund werden?«
Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da war es ihm, als ob ein köstlicher, erfrischender Heiltrank in ihn hinüberströme, der alle seine Glieder mit einer wohltuenden Schlaffheit erfüllte, so daß er sein Haupt müde an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern strebte.
»Ja, Heting,« murmelte er erquickt, »nun werden wir bald sehr glücklich sein.«
»Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht mehr so wie damals?«
»Nein, nein, Heting – laß das – an meine Frau denke ich nich mehr – will nich mehr – nur du.«
Waren es die Lindenblüten, die der leise Wind von den Zweigen schaukelte, war es Hedwigs Nähe, der müde Mann schlummerte an ihrer atmenden Brust wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein.
Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der Linde. Die sang das Schlummerlied.
Aber in dem Mädchen zehrte und bohrte der Gedanke an die verlangte Trennung weiter.
Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und nachdenklich auf Hedwigs stolzen, weißen Hals, von dem sich ein schmales, goldenes Kettchen abhob.
»Heting, trägst du da nicht – – –?«
»Ja, Elsens Goldherz.«
»Das besitzt du?«
»Ja, ich hab’ es ihr abgenommen.«
Der Pächter stützte das Haupt und blickte sinnend vor sich hin.
»Mir is es doch lieb,« sagte er endlich, »daß sie es nicht mitgenommen hat in die Erde. – Mir wär’ es dann immer gewesen, als wär mein Herz mit begraben. – So aber liegt es bei dir.«
Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Und beide klammerten sich aneinander, als ob sie Schutz suchten vor dem weißen Schatten, der unerbittlich durch das Haus ging.
Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine Arme schmiegte, da ging es wie ein Beben durch den kranken Körper. »Heting – Heting,« stammelte er, »ich werd’ – wohl nie wieder ganz glücklich werden.«
Da fröstelte das liebeglühende Mädchen zusammen und verstand ihn.
Wilms Seelenzustand wurde immer trübsinniger. Oft, wenn Hedwig unvermutet zur Tür hereintrat, dann traf sie ihn, wie er starr auf die Schwelle hinblickte, auf der einst Else entseelt dahingesunken, und wenn sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe zu ermuntern, dann kam ein Ausdruck von Furcht in seine Augen, als wenn ihn ihre Zärtlichkeit quäle.
Und einmal rang er sich schwer die Worte ab: »Heting, küß mich nich so – mir is es immer, als wenn Else zusäh.«
Da zuckte das Mädchen zusammen, und so oft sie sich ihm in den nächsten Tagen näherte, immer glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu spüren, das an ihr vorbei strich.
Sie faßte sich an die Stirn und begann schmerzlich zu lächeln. Sie fing an, an Gespenster zu glauben.
Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen immer häufiger in seine Reden zu mischen. Bald erinnerte er sich an Worte seiner Frau, bald an allerlei Eigentümlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot, merkte Hedwig, daß sie der Pächter mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen beobachtete:
»Was hast du denn, Wilms?«
»Du – du siehst – ihr doch sehr ähnlich,« stammelteder Landmann fassungslos und ließ Messer und Gabel aus seiner Hand klirren.
Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube wahr, daß Wilms, anstatt zu schlafen, bitterlich vor sich hin schluchzte.
Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte.
Ihr wunderbarer, prachtvoller Körper blühte neben ihm, und der Kranke koste und scherzte mit der Verwesten.
»Onkel Doktor,« weinte Hedwig vor sich hin, als sie mit dem weißbärtigen Physikus, den sie hatte holen lassen, in der Laube saß, »was soll ich dagegen tun?«
Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was sie seit dem einen Jahre auf diesem Gehöft erlebt hatte.
»Was du tun sollst?« fragte der alte Herr und legte die beiden Hände des jungen, fiebernden Geschöpfes in die seinen. »Heting, mein Kind, ich hab’ dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag’ ich, du mußt fort.«
Sie starrte ihn mit ihren großen, braunen Augen an, und der Physikus fühlte an ihren Händen, wie das Blut in den Adern hämmerte und schoß.
»Still, Kind, still,« sagte er, »du willst ihn doch nicht zugrunde richten, und sieh, so oft er dich anblickt, immer wird er in dir die Ursache sehen, die die Verstorbene in den Tod getrieben. – Nein, nein, mein Kind, bleib ruhig, ich weiß ja, du liebst ihn sehr, aber eben deshalb, Heting, bitt’ ich dich, befrei’ den armen Kerl von all’ den bösen Erinnerungen. Glaub mir, so lange du hier bleibst, bleibt auch die Tote bei ihm. – Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?«
Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise. Dann sah sie mit sehnsüchtigem Blick auf den blühenden Garten hinaus, auf die anstoßende, saftige Wiese, auf die fernen Äcker, auf denen sonnendurchleuchteter Staub dahinzog.
Überall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung und Wohlstand hatte sie zurückgezwungen. Das hatte die Tote doch nicht vermocht.
Unter ihren Tränen zog ein trotziges Lächeln über das blasse Gesicht.
»Nun, Heting,« fragte der Physikus und stand auf: »Weißt du nun, was du zu tun hast?«
Sie nahm noch immer das Bild der blühenden Felder in sich auf, mit bebender Brust sog sie die frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte alles füreine glückliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern sollte sie nicht in das gelobte Land.
»Heting?« fragte der Arzt dringender.
»Sehen Sie, Herr Doktor,« rief das Mädchen, indem sie mit der Hand nach dem schönen Gut zeigte: »Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort drüben die grünen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer,« flüsterte sie mit erstickter Stimme.
Da streichelte der alte Herr dem jungen Geschöpf die welligen braunen Haare aus der heißen Stirn, nahm sie in seine Arme, und während ihr Schluchzen zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen Kinde:
»Recht – recht – du bist ein tapferes, kleines Ding, es wird auch alles wieder gut.«
»Heting,« sagte Wilms an einem der nächsten Tage, als sie nach dem Kaffee in der Wohnstube zusammen saßen, »du bist ja so vornehm angezogen, willst du ausfahren?«
Das Mädchen sah ihn lange und ernsthaft an, als wollte sie sich jeden seiner Züge einprägen, dann schüttelte sie trübe lächelnd das Haupt, aber sie wandtesich ab und ließ ihren Blick lange auf dem Hof ruhen und sah grüßend zu den Pappeln der Landstraße hinüber.
Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann ihr schönes Gesicht zu und fragte einfach und doch voll verschlossenen Wehs:
»Wilms, hast du mich wirklich ein bißchen liebgewonnen?«
»Wie kannst du nur so fragen, Heting.«
»Und mehr – mehr als Else?«
»Ich bitt’ dich, Kind – daran mußt du nicht rühren – laß sie doch ruhen.«
Er verzog die Stirn und schüttelte matt den Kopf.
»Bist du mir böse?« rief Hedwig plötzlich leidenschaftlich, und während sie sich vor dem Stuhl des gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang sie den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: »Nicht wahr, du bist nicht böse auf mich?« flüsterte sie mit schwankender Stimme und schmiegte sich an ihn, »ich habe doch alles bloß aus Liebe zu dir getan, das weißt du doch, Wilms?«
Der Landmann wurde gerührt. »Ja, mein Kinding, ja,« sprach er liebevoll und streichelte ihr das goldglänzende, braune Haar.
Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch einmal aufmerksam in der Stube um. Dann schritt sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um diese Zeit schon gewöhnt war, etwas vorzuspielen. Müde und erschlafft, wie er war, wiegten ihn die Töne noch immer am leichtesten in den ersehnten Schlummer.
»Was soll ich spielen?«
»Ganz gleich, es is ja alles schön.«
»Nein, was du gern hast.«
»Nun, dann das von Weihnachten, du weißt ja, Heting.«
Sie schloß die Augen, ein süßer Schauer durchfuhr sie zum letztenmal. Und dann spielte sie das alte Volkslied, das schon so unendlich viel Müde eingesungen.
Draußen rollte ein Wagen auf der Chaussee heran, Hedwigs Herz klopfte zum Zerspringen, aber sie ließ sich nichts merken und spielte tapfer den alten Sang, so leise und wehmütig und klagend, daß dem Kranken, der doch nicht wußte, was ihm bevorstand, die Tränen in die Augen traten.
Und er schlummerte wirklich sanft und lächelnd ein, während das Abschiedslied leise austönte. Als er erwachte, war das Zimmer leer. Alles war still, nurvon der Landstraße hörte man dumpfen Hufschlag und das Rollen eines enteilenden Gefährts.
Der Förster hatte Hedwig in seinem Wagen zur Bahn gebracht, und sah zu ihr bewundernd in das Coupé hinauf.
Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne zur Rüste, davon mochte das Mädchen so rosig übergossen sein, als sie zum Fenster hinaus nach der Gegend spähte, wo Wilmshus lag.
Aber das Gehöft war längst hinter dem Tannenschlag versunken, und merkwürdig, wie Hedwig jetzt am Fenster lehnte, war sie wieder die vornehme, junge Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle angekommen war.
Sie begriff sich selbst nicht; seit der öde Pachthof hinter ihr verschwunden war, strömte ihr frischere Luft entgegen, ihr war es, als hätte sie selbst ein Jahr lang siech gelegen und sollte jetzt zum erstenmal wieder in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus.
»Wohin gehen Sie jetzt, Fräulein Hedwig?« fragte der Förster.
»Ich weiß nicht. – Überall, wo es für mich etwas zu tun und zu schaffen gibt. – Die Welt ist groß.«
»Da haben Sie recht. – Und kommen Sie vielleicht bald hierher wieder zurück?«
»Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja nie, was die nächste Stunde bringt.«
Die Glocke klang. – Der Förster schwenkte seinen grünen Hut.
»Grüßen Sie Wilms,« rief Hedwig mit hervorbrechenden Tränen.
Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr er in die rotgoldene Abendglut hinein.
Hedwig sah nicht mehr zurück.