Sogar als Frau Malcorn eintritt, leise, wie man zu Kranken kommt, und fragt: „Schon allein? Marie ist schon fort?“ nickt er nur, sagt aber dann unbestimmt: „Sieh mal.“ Mit dem geübten Verständnis der Pflegerin wendet sich Frau Malcorn den Fenstern zu, bemerkt aber nichts. Und so erklärt Harald: „Die Wolken ... Es ist ein wundersames Bild. Und ich habe es so lange nicht gesehen. Als Knabe manchmal und dann lange nicht mehr ...“ Und dann nach einer Weile beantwortet er auch die Frage der Mutter. „Marie müsste eigentlich nicht mehr kommen. Ich habe sie fortgeschickt. Ich wollte schlafen, hab' ich ihr gesagt. Aber ich war bloss müde, – müde sie zu sehen. Müde – immer wieder diese alten Dinge zu hören. Ich meine, von denen da unten. Da war ich nun ein halbes Jahr nicht bei ihnen. Ein halbes Jahr! Und während dieser ganzen Zeit ist nichts geschehen, scheint es. Wenigstens was Marie erzählt ...“
„Siehst Du, sie können nichts anfangen ohne Dich ...“
„Du Gute. Sie können auchmitmir nichts anfangen. Und vor allem:ichkann nichts mit ihnen anfangen, wirklich.“ Und er wendet sich wieder den Fenstern zu, als wäre jetzt nichts so wichtig wie dieser helle, bewegte Himmel. „Das hab' ich früher alles nicht gesehen. Und es ist doch so viel! Ich weiss nicht, Mama, macht das das Kranksein, dass man so aufmerksam wird auf alles und so dankbar, – fast weise .... So unwillkürlich weise, wie man als Kind ist? Man kann garnicht aus der Rolle fallen.“ Pause, dann leise: „Glaubst Du, dass es zu spät ist?“
Frau Malcorn richtet die Kissen, die über die Lehne des Sessels gelegt sind.
„Zu spät, Harald, wozu?“
„Zu beginnen. Noch einmal gleich hinter der Kindheit zu beginnen. Als ob diese drei Jahre da unten nichts gewesen wären. Oder, als ob sie eine lange Krankheit gewesen wären, aus welcher ich jetzt langsam zurückkomme ...“
Er fühlt einen Kuss auf seiner Stirne und fragt: „Nicht zu spät?“
Frau Malcorn schüttelt den Kopf; dann kniet sie neben Harald nieder, und er legt ihr seine feinen, ausgeruhten Hände leicht aufs Haar und spricht: „Schwer wird es mir nicht fallen, glaub' ich. Ich bin viel näher bei allem, was in der Kinderzeit liegt, als bei dem nachher. Alles weiss ich. Wenn Du mich doch prüfen wolltest. Bis ganz zurück. Bis damals, da Du ein Kleid trugst, ganz aus Spitzen, wie aus lauter solchen Wolken gemacht, – aus Frühlingswolken. Und – als Du oft weintest ... O ich weiss noch. Und als Du kleine, leise Lieder spieltest in der Dämmerung, – kannst Du sie noch?“ Frau Malcorn senkt die Stirne tief, so dass Haralds Hände weitergleiten in ihrem Haar, von Stellen, die unter ihnen warm geworden sind, zu anderen, kühlen. Und wieder hört sie Haralds Stimme über sich. „... Freilich, das ist lang. Und doch, ich fühle genau, wie es war. Als ob ein Glänzen glitte durch die Dunkelstunde, ein Aufleuchten, ein letztes Lächeln der Dinge vor dem Einschlafen: so war Dein Lied. Und einmal, als ich ganz leise zu Dir trat (Du hörtest mich garnicht kommen), da nanntest Du mich ... Du nanntest mich damals ... Jerôme ... Seltsam: Jerôme ... trotzdem ich Harald bin ... und ... der Vater ... hiess auch Harald ... aber Du sagtest damals Jerôme zu mir trotzdem ... Und das passte so gut zu dem, was Du spieltest ... das war wie das Lied selbst ... Siehst Du wohl, was ich alles noch weiss?“ Pause. Und dann steht Frau Malcorn auf und zwingt sich zu sagen: „Willst Du mir etwas zuliebe thun, Harald?“
„Alles.“
„Lass uns nicht nach Skal gehen, – lass uns hier bleiben!“
Harald staunt über den flehentlichen Ton dieser Worte. „Aber das sollte doch ohnehin nur auf Deinen Wunsch geschehen?“
„Ja – siehst Du – es ist ein grosser alter Park beim Schloss und überhaupt ... deshalb hab' ich an den Onkel geschrieben, ob er uns nicht einladen möchte. Ich hoffte: dort würdest Du Dich rascher erholen, – aber –“ Rasch fällt Harald ein: „Ich hätte Dich wahrscheinlich um das Gleiche gebeten, Mama. Heut oder morgen. Im Anfang schien es mir ja eine grosse Freude und Freiheit ... Aber mir sind unsere Stuben hier doch lieber. Jetzt, weisst Du, während der Krankheit, sind sie mir so lieb geworden. Und ich kenne sie eigentlich noch wenig. Ich war ja so selten zu Haus – früher, – damals ... Natürlich: bleiben wir.“
Hilflos und gequält fängt Frau Malcorn wieder an: „Und Du fragst garnicht, weshalb ich diesen Plan ..?“
„Du wirst Deine Gründe haben, Mütterchen ... Und ich glaube beinahe, ich errate sie; ich kenne Dich ja! Es widerstrebt Dir, vom Onkel eine Gnade anzunehmen, – Du Stolze ...“
Aber gerade damit zwingt er Frau Malcorn zum Reden. Und blindlings, ganz ausser sich vor Scham, wirft sie sich in die Worte: „Nein, Harald ... ich kann nicht lügen ... vor Dir ... ich muss es Dir sagen ... es ist nicht ... nicht ... aus Stolz, ... aus ... Furcht ...“
„Furcht?“
„Ja. Vor der weissen Frau ...“
Harald versteht noch garnicht: „Furcht? Vor Frau Walpurga? – Aber meine mutige kleine Mama und – Furcht?“
Frau Malcorn versucht zu lächeln. Doch am liebsten möchte sie dem Blicke ihres Sohnes entgehen. Sein Auge schaut so gross, und sie bleibt immer in seinem Kreis, seinem sanften Glanze erreichbar, wie sie auch unter den Dingen herumirrt. Endlich kauert sie sich vor den Ofen, als ob es dringend notwendig wäre, das Feuer zu erhalten. Und so, von dieser Zuflucht aus, knieend, das gesenkte Gesicht im heissen Schein der angefachten Glut, beginnt sie ein flüsterndes Gespräch.
„Erinnerst Du Dich der Sage von Frau Walpurga?“
„Ungefähr. Sie ist in verschiedenen Schlössern gesehen worden?“
„Ja, am häufigsten in Skal.“
„So? Immer drei Tage bevor jemand stirbt, nicht wahr?“
„Ja. Es heisst so.“
„Und nach der Chronik ist es ja auch fünf- oder sechsmal in Erfüllung gegangen. Wenn man aber bedenkt, dass Frau Walpurga um die Mitte des 16. Jahrhunderts blühte und sich seither nur fünf- oder sechsmal bemüht hat zu erscheinen, muss man annehmen, dass die meisten Malcorns ohne ihren Vorantritt gestorben sind – es sei denn, sie lebten noch?...“
„Und sonst weisst Du nichts von ihr?“
„Einmal hab' ich das alles gewusst, als Knabe, – als Kind ... aber dann müsste ich's ja gerade jetzt, da ich die Kindheit wie gestern empfinde, wieder wissen ... Wart' mal: Sie war die Gemahlin des ... des ... Grafen (oder waren sie damals noch Freiherren?...), nein, ich glaube ... wir wollen später doch nachschlagen, ob es richtig ist ... und, im Falle ich recht habe, bitt' ich mir eine Belohnung aus – ja?“ Harald sucht in seinem Gedächtnis, und so fällt es ihm nicht auf, dass Frau Malcorn nicht scherzhaft erwidert auf die letzte Frage. Er richtet sich ein wenig im Stuhle auf und zitiert richtig und sicher die betreffende Stelle: „Sigismund Ferdinand, erster österreichischer Graf von Malcorn, Herr auf Tschakathurn und Hallpach u. s. w. Söhne: Ferdinand III., Apel, genannt der Lahme, Christoph. Christoph, nachmals Herr auf Sarnkirchen und Skal, vermählt mit Walpurga, Freiin von Indichar ...“ da haben wir's! Siehst Du, Du wirst sehen, es stimmt. Willst Du weiter hören? Ich glaube, jetzt weiss ich Enkel und Enkelsöhne bis ins 18. Jahrhundert herein ...“
„Nein, nein,“ wehrt Frau Malcorn heiser.
„Na, ich denke auch, das genügt. Ich begreife überhaupt nicht, warum wir uns so gründlich mit Frau Walpurga beschäftigen. Wenn sie schon mal keine Ruhe hat ...“
„Weisst Du, weshalb?“
„Weshalb sie keine Ruhe hat? Offenbar wie alle ‚weissen Frauen‘ der Welt: treulos, sündig, vom erzürnten Gemahl erstochen ...“
„Treulos, sündig ...“ wiederholt Frau Malcorn mit so unsicherer Stimme, dass Harald sich erstaunt umblickt. Sie ist jetzt wieder ganz nahe, hinter seinem Stuhl, so nahe, dass die Flügel ihrer Worte ihn streifen, als sie fragt: „Erinnerst Du Dich an Deinen Vater, Harald?“
„Kaum. Er hatte einen dichten weissen Bart. Er war alt.“
Frau Malcorn möchte ihre Hand in Haralds Haar legen, aber sie hebt sie nur bis auf seine Schulter; denn ihre feine Hand ist schwer. Und in diesem Augenblick sagt Harald: „Seltsam wilde Hände hatte er ...“
„Harald!“ Es ist wie ein Schrei, aber Harald kann ihr Gesicht nicht sehen.
„Könntest Du Dir denken, Harald ...?“ hört er hinter sich, und weiter, in bangen, merkwürdig leeren Pausen – – „dass ... Dein ... Vater .. mich ...“ Da wendet Harald doch den Kopf. Frau Malcorn schaut über ihn fort in die beginnende Dämmerung und schreit fast: „... dass er gethan hätte wie Graf Christoph?...“
Erst begreift Harald nicht. Dann langt er rasch nach ihrer Hand, die eiskalt ist, und zieht sie sanft zu sich. Und da kniet sie auf einmal neben ihm und drückt ihr Weinen in seinen Schooss und hört über sich Haralds Stimme gehen, leise, ernst, beinahe feierlich: „Er war ein Greis. Ich hab' ihn nicht geliebt.“ Und da küsst sie seine erschrockenen, sich sanft wehrenden Hände. Harald aber ist schon bemüht, sie emporzuheben, und lächelt: „Siehst Du, dazu bin ich noch zu schwach. Das geht noch nicht. Heben kann ich Dich noch nicht.“
Dann, als sie leicht aufgestanden ist, lehnt er sich weit zurück, wie zu glücklichem Schlaf. Sein Gesicht ist unbewegt. Nur unter dem Kinn, auf dem gespannten, abgemagerten Halse fliesst eine kleine Ader in springenden Wellen dem stillen Herzen zu.
Nach einer Weile holt er tief Atem, und Frau Malcorn fragt: „Ist Dir gut?“ Harald öffnet die Augen nicht: „Ja. Heute wird es am Ende gar nicht kommen – das Abendfieber ...“
„Aber ruh' nur jetzt ...“
„Nicht – fortgehen –“
„Nein, ich bin immer da.“
Und in dem Schweigen, das dann folgt, vollzieht sich die Dämmerung. Die Dinge treten lautlos aus dem Glanz zurück, wie aus einer Kirche, deren Thore geschlossen werden. Sie kauern sich längs der Wände, wärmen sich eines am andern, und es geht ein Schläfern von ihnen aus, welches die Uhr am Pfeiler mühsam überwindet. Im letzten Augenblick, da die Stunde schon unerkannt vorüber will, ruft sie sie an, hastig und hell.
Das macht Harald wach.
„... Bist Du da?“
„Ja, Liebling. Brauchst Du etwas?“
„Ich will nicht schlafen.“
„Doch, Harald, schlaf! Das giebt Kraft.“
„Mir ist zu gut zum Schlafen. Mir ist so gut. Wenn ich schlafe, vergesse ich es. Und ich möchte gern wissen, dass mir gut ist. – Wir wollen reden.“ Jetzt erst rührt sich Harald. Die Augen bleiben im Schlaf, aber die Linke streckt er so nach der Seite hin und bittet: „Hand!“ Und dann, als sein Wunsch erfüllt ist: „Das ist Deine Hand ... Wenn ich erblinden müsste, ich würde Dich doch erkennen an dieser Hand ... Ich muss also keine Angst haben, nicht einmal vor dem Blindwerden ... nicht einmal – – – wenn ... doch ... dann muss ich sie ja loslassen ...“
Frau Malcorn erschrickt, auch deshalb, weil sie sein „dann“ gleich versteht. Unwillkürlich zieht sie ihre Hand zurück.
„O“ – macht Harald, als ob er etwas Gläsernes fallen gelassen hätte, und auf seinem Gesichte ist eine ängstliche Spannung, es aufklirren zu hören an dem harten Boden.
Aber schnell beschwichtigt Frau Malcorn seine Angst. „Ich bin ja da, Harald.“ „Ja.“ Und er lässt die Augen schlafen und spricht leise, wie um sie nicht aufzuwecken. „Es ist doch gut, dass ich krank geworden bin. Denk nur! Wenn ich nicht krank geworden wäre, das wäre so fort gegangen, da unten, immer und immer, bis ... Aber jetzt ... jetzt darf ich mein Leben wieder aufbauen ganz von Anfang ... Kindheit? Hm. Mit der war ich zufrieden. War da jemand, der mir sie so schön gemacht hat, so märchenhaft schön! Du wirst ... erraten ... wer ... Nicht gerade froh war sie, was man so froh nennt: voll von Gespielen und Festen. Ich war immer allein, oder doch allein mit Dir. – Aber sie war so ... tief. Ich kann ihren Anfang nicht erschauen. Es könnten Jahrtausende gewesen sein – Jahrtau ... Und doch, dann ist es wieder wie ein einziger Tag, der noch immer nicht zu Ende ist und von dem ich träume, dass er nicht enden soll. Kannst Du Dir das denken?“
Er erwartet keine andere Antwort, als die Stille. Und nachdem er dieser eine Pause lang zugehört hat, fährt er fort: „Es muss schwer sein, sich das zu denken. Ich hätte es selbst kaum gekonnt vorher; aber jetzt scheint es mir ganz natürlich. Die Kindheit ist ein Land, ganz unabhängig von allem. Das einzige Land, in dem es Könige giebt. Warum in die Verbannung gehen? Warum nicht älter und reifer werden in diesem Lande?... Wozu sich gewöhnen an das, wasAndereglauben? Hat das etwa mehr Wahrheit, als was man glaubt im ersten starken Kindervertrauen? Ich kann mich noch erinnern ... da hatte jedes Ding einen besonderen Sinn, und es gab unzählbar viele Dinge. Und keines war mehr im Werte als ein anderes. Gerechtigkeit war über ihnen. Jedes durfte einmal das Einzige scheinen, durfte Schicksal sein: ein Vogel, der in der Nacht geflogen kam, und nun, schwarz und ernst, auf meinem Lieblingsbaum sass; ein Sommerregen, der den Garten verwandelte, so dass alles Grün Dunkelheit und Glanz bekam; ein Buch, in dessen Blättern eine Blume lag, Gott weiss von wem, – ein Kieselstein von fremder deutsamer Gestalt, – das alles war so, als ob man viel mehr davon wüsste, als die Grossen. Es schien, als könnte man glücklich werden und gross durch jedes Ding, aber auch, als könnte man an jedem Dinge sterben ...“
Dann rasch mit anderer Stimme die Frage: „Es ist nicht zu spät, hast Du nicht so gesagt?“
„Es istniezu spät, Harald.“
„Nie? Es kann doch einmal sein, wenn ich zum Beispiel .... Sagt denn der Doktor auch wirklich die Wahrheit?“
„Du hörst es ja. Er spricht doch immer ganz laut und froh ...“
Jetzt braucht Harald die Augen zur Zeugenschaft. Er sieht die Mutter fest an. „Und ... er sagt Dir nicht vor der Thür etwas Anderes?“
Frau Malcorn war auf diese Frage vorbereitet. Ruhig hält sie Haralds Blick aus, mit einem leisen, verschwiegenen Vorwurf im Gesicht.
„Verzeih, Mama. Aber es könnte ja sein. Ich habe das oft gesehen früher in Häusern, wo Kranke waren. Ich hatte ja bisweilen Gelegenheit ... Aber was wollen wir denn nur Marien sagen?“
Ganz unvermittelt sagt er das. „Was meinst Du?“ staunt Frau Malcorn.
„Nun, damit sie nicht mehr wiederkommt.“
„Meinst Du das im Ernst?“
„Ja. Sie wird keinen Raum haben in der Zukunft, die ich mir denke. Das Leben ist eng, und ich muss so vieles darin unterbringen. – Marie gehört in das andere, in das Eintagsleben, das ich vergessen habe. Ich will nicht daran erinnert sein. Sie aber mahnt mich an das Vergangene, selbst wenn sie nicht davon spricht, durch ihr blosses Dasein. Sie muss fort!“ Das klingt entschlossen und rücksichtslos, und Frau Malcorn kann es gar nicht gleich fassen. Eine Menge Fragen steigen in ihr auf, für die sie keinen Ausdruck findet, und Harald ist auch schon wieder mit seinen Worten voraus und froh, wie erleichtert durch diese Erledigung.
„Ich werde malen ... oder vielleicht ein Buch schreiben: Kindheit und Kunst. Mir ist so manches eingefallen in diesen letzten Wochen; ich werde es Dir diktieren. Du musst nicht Angst haben, dass ich Dich überanstrenge. Jeden Tag nur ein paar Zeilen, aber vollendet, schön ... Einmal ersinn' ich vielleicht ein Lied, – dann musst Du es spielen. Und wenn es mir mal einfällt, ein Haus zu bauen, dann musst Du darin wohnen natürlich ... das heisst: wir, – denn wir werden nie voneinander gehen ... Nicht wahr?... Sag!...“
Frau Malcorn lächelt zerstreut: „Du wirst heiraten ...“
„Heiraten?“
„Nun doch – einmal ...“
„Glaubst Du, dass ich Marien geheiratet hätte?“
Frau Malcorn nickt zustimmend.
„Ich habe nie daran gedacht.“
Ganz verwirrt lenkt Frau Malcorn ab: „Und was wolltest Du malen? Das hast Du nicht gesagt.“
„Malen? Wolken.“
„Du Träumer!“
„Frühlingswolken! Ein Wolkenkleid! Dein Kleid!... Dich!“
„Ich habe keine Wolkenkleider mehr.“
„Dann musst Du Dir eines machen lassen ...“
Ganz wehmütig lächelt die zarte Frau. „Nur ein altmodisches weisses Atlaskleid hab' ich noch, vom letzten Ball her.“
„Ja, – weiss –“ plant Harald. „Ich müsste Dich in weiss malen und – mit Blumen. Mit irgend welchen heissen, roten Blumen. Mit Blumen, die es nirgends giebt. Mit solchen, roten ... (wo hab' ich sie doch gesehen?...) In Deinem Läufer. Mit solchen Blumen. Hast Du die selbst erfunden?...“
„Durch Zufall –“ flüstert sie und wird ganz rot.
„Seltsam, – o!... Blumen erfindest Du!“ Und Harald sieht sie forschend an, als ob ihr Gesicht in seiner scheuen, schamhaften Befangenheit ihn an etwas erinnern müsste. Dann unterbricht er sich kurz. „Es ist vielleicht kindisch, dass ich so spreche. Ich habe doch eigentlich nie versucht, zu malen. Aber soll ich es deshalb nie versuchen? Vielleicht bin ich wieder ... ein Beginn ... Mir ist, als hätten wir mal davon gesprochen, dass die Malcorns immer wieder Könige werden ... Und die kein Volk haben, – das sind vielleicht die wahren Könige ...“
„Auch in der Kunst kannst Du Dich über ein Volk setzen ...“
„Vielleicht. Vielleicht kann der Künstler sich aus allen Völkern sein Volk bilden, kann es sich erziehen .. Aber ich will es nicht. Ich werde es nie wollen. Ich will nicht erziehen. Ich will nicht den Erfolg, keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...“
„Ja –“ sagt Frau Malcorn, wie zu sich selbst.
„Du fühlst das?“ Und beinahe überrascht sieht Harald sie an.
„Ja ...“ wiederholt sie leiser und wagt kaum die Augen zu heben.
Und nach einer kleinen Stille hört sie ihn sagen: „Wie schön Du bist!“ Und schauernd fühlt sie sich von ihm angeschaut.
Und wieder: „Wie schön Du jetzt bist.“
Mit ganz leisen, verhaltenen Bewegungen steht sie auf und wartet, bis er ruft: „Du warst nie so schön!“
Aber diesmal erkennt sie seine Stimme nicht. Und unsicher geht sie von ihm fort und stellt sich ins Dunkel, wie unter den Schutz der Uhr, deren Atem ganz nahe geht. –
„Wie Du gehst! Junge Mädchen gehen so.“
Und sie steht zwischen den beiden Fenstern und horcht.
Und er fragt sie: „Wie heisst Du eigentlich?“
Sie rührt sich nicht, denkt aber: das Fieber, und fühlt eine grosse Erleichterung, aber zugleich ist ihr traurig, als ob ihr etwas wieder genommen würde, etwas kaum Geschenktes.
Und er sagt: „Ja, ich habe Dich nie beim Namen genannt. Ich hab' ihn vergessen.“
Eine Weile hört sie ihr Herz und wieder ihn. „Ich weiss jetzt: Edith heisst Du –“ Und wenn es doch das Fieber ist, denkt sie und horcht.
„Aber wie haben Dich die genannt, die ... die ... die Du lieb gehabt hast?“
Sie weiss kaum, dass sie antwortet und mit einer anderen, jungen Stimme: „Edel.“
Und er nimmt den Namen und liebkost ihn: „Edel – ja, so musst Du heissen. Edel: das ist weiss, ganz weiss ... Aber Du hast ja immer noch das alte Kleid, das Kleid von gestern und vorgestern, das schwarze Kleid, das kranke Kleid ... Du bist ja nicht weiss. Du hast Deinen Namen verraten. Du darfst ihn nicht mehr verleugnen jetzt; geh, hol' Dir Dein weisses Kleid!“ Sie klammert sich an den schwarzen Kasten der Uhr.
„Geh!“
„Morgen!...“
Er hört nicht. „Worauf sollen wir warten? Schönheit will über uns kommen.“
Und seine Worte drängen sie zur Thür, aber sie zögert noch.
„Eil' Dich! Mach' Dich schön und komm bald. Indessen wird hier alles festlich sein. Alle Kerzen, alle Lampen werden brennen, wenn Du wiederkommst, weisse Edel!“ Und da macht er eine Bewegung, als ob er sich erheben wollte. Und sie will hin zu ihm, will es verhindern, will mütterlich sein. Aber er steht schon da, stark, gross, die Arme wie Flügel und lacht ihr zu.
Und jetzt gehorcht sie und geht.
Und selig sieht er ihr nach. Und lächelt.
Aber das Lächeln hat nicht Halt auf seinen schmalen Lippen. Wie die Uhr sich regt, fällt es ihm ab, und erschrocken deckt er sein leeres Gesicht mit den Händen zu. Und fühlt sie kalt. Und er ist allein, und das Dunkel ist gross und drückt ihn in den Stuhl zurück, in dem er stumm versinkt.
So bleibt er, vielleicht lange.
Denn als er zu sich kommt, ist Nacht.
Seine Augen sind der schwarzen, schweren Dinge entwöhnt und gehen bang in der Stille umher. Plötzlich werden sie gross. Eine Thür bewegt sich und es kommt heraus, als ob Mondlicht ginge. Und vor dem Fenster sieht man: es ist eine Frau, ganz weiss ...
Da wehrt sich Harald mit den hageren Armen und schreit, hässlich vor Angst, heiser: „Noch ... nicht! Walpurga!“
Jemand hat Licht gemacht.
Harald sitzt entstellt in den Kissen, den Kopf noch vorgestreckt, mit herabhängenden Händen. Und vor ihm steht Frau Malcorn, welk, in Atlas, mit Handschuhen. Und sie sehen sich mit fremdem Entsetzen in die toten Augen.
Ende.
GEDRUCKT BEI I. S. PREUSS,BERLIN S.W., KOMMANDANTENSTR. 14,IM NOVEMBER 1901.
GEDRUCKT BEI I. S. PREUSS,BERLIN S.W., KOMMANDANTENSTR. 14,IM NOVEMBER 1901.