Hinweise zur Transkription

»Das schon. Gib Angeld, so unterschreib' ich.«

»Zwanzig Kronen. Nicht mehr. Jetzt schreib!«

»Nein – nachher.«

»Jetzt.«

»Also – leck' mich – da hast es! Wann geht mein Dienst an?«

»Morgen, neun Uhr. Pestsäule wartest du. Erst wirst du ausstaffiert.«

»Schön – Also morgen. Servus.«

Er streckt ihm frech die Hand hin. Secundus berührt sie lächelnd.

Er ist dreißig Schritte in die Nacht gegangen, hört katzenhaftes Anschleichen hinter sich, geht noch fünf Schritte, dreht sich dann blitzschnell um und fängt das auf seinen Nackenwirbel gezückte Messer auf.

»Ich würde dir dein Handgelenk auskegeln, wenn ich's nicht brauchte.«

»Sie entschuldigen schon. Der Tausender schien mir so einfacher zu verdienen.«

»Nein, du mußt schonmeinenWeg einschlagen. Gute Nacht. Morgen neun Uhr. Und gewaschen.«

Schwachen Mond überjagt Gewölk. Der Himmel ist wunderlich wolkengetigert. Der Wind dreht sich. Der du vom Himmel bist – –

Die Verhandlung gegen die des Ladendiebstahls beschuldigte Kathrin Nhilius findet Ende Juli im Bezirksgericht L. statt.

Die Stadt ist ausgestorben und nur wenige ehemalige Freundinnen der Angeklagten, die ein Zufall noch zurückgehalten hat, können sich's nicht versagen, dem interessanten Schauspiel beizuwohnen.

Die Hitze ist unerträglich. Der Himmel ungeheuer gelb und staubig. Am Horizont ziehen violette Gewitter auf. Hinter scharf grauen Dunstfetzen Wetterleuchten in fahlen Garben. Die paar Menschen im Saal halten sich geduckt, als sei Vernichtung auf ihre Nacken gezückt.

Der Strafrichter, ein großer, nachtköpfiger Aasgeier, sitzt, die Gedärme des letzten Opfers noch blutig aus dem Schnabel hängend, mit sieben Schrecken gerüstet auf seinem erhöhten Sitz hinter dem grünen Tisch. Seine Stimme, schriller Vogelschrei über falbe Wiesen geworfen, heischt gierig ihr Kommen. Ein Schutzmann schleppt sie unter dem gedämpften »Ah« des Auditoriums zur schmerzlichen Bank.

Über Stirne und Haar schmiedet die Sonne eine schwere Glorie. Kaum noch erträglichen Glanz. Der übrige Saal liegt in bösem, gelbem Schatten.

Über die Geschehnisse selbst berichten die Blätter am nächsten Tage folgendes:

»Sehr interessant gestaltete sich eine Verhandlung, die gestern vor dem Bezirksrichter Dr. Hanka, Bezirksgericht L., stattfand. Raffinierten Ladendiebstahls war eine noch vor kurzer Zeit in der Wiener Gesellschaft bekannte und gefeierte Dame, Frau Baronin N., angeklagt. Nach dem im Februar erfolgten plötzlichen Ableben ihres Mannes war Frau von N. infolge verfehlter Börsenspekulationen desselben in finanzielle Bedrängnis geraten, die schließlich zur Versteigerung ihres ganzen Besitzes führten und die schöne Frau zwangen, ihr Leben durch Sprach- und Klavierstunden zu fristen. Natürlich sagte diese Beschäftigung – wie auch der Richter im Verlauf des Verhörs konstatierte – der verwöhnten Weltdame nicht sehr zu und mit wenig Skrupeln behaftet entschloß sie sich, auf einem andern Weg eine Vergrößerung ihres Einkommens zu erreichen. Am 2. Juli besuchte die Dame gegen sechs Uhr abends das Kaufhaus Gerngroß und erstand daselbst eine einfache Waschbluse. Als sie sich entfernen wollte, machte ein Herr – Fürst C., eine in Wien gleichfalls sehr bekannte Persönlichkeit – den Abteilungschef darauf aufmerksam, daß sich die Dame nach seiner Wahrnehmung mehrere Meter einer kostbaren Spitze angeeignet und in ihrem Täschchen versteckt habe. Man holte Frau von N., die das Geschäft bereits verlassen hatte, zurück und untersuchte das Täschchen, in dem sich tatsächlich der Spitzenrest fand. Frau von N. wurde daraufhin der Polizei übergeben.Das Merkwürdige an der gestrigen Verhandlung, die sich mit diesem Diebstahl befaßte, war, daß die Angeklagte anfangs trotz des klaren Tatbestandes hartnäckig leugnete und die etwas romanhafte Geschichte von einem Unbekannten erzählte, der sich beim Ausgang angeblich an sie gedrängt und ihr bei dieser Gelegenheit die Spitze in das Täschchen geschmuggelt haben müsse. Vom Richter auf das Unwahrscheinliche ihrer Darstellung aufmerksam gemacht, erklärte Frau von N. ganz ruhig, sie sähe diese Unwahrscheinlichkeit selbst ein, könne sich aber den Vorgang nicht anders erklären. Ihr den Diebstahl einer für sie doch wertlosen Spitze zuzutrauen sei absurd.Richter: »Gar so absurd wär's schließlich nicht. Sie hätten immerhin 50 bis 60 Kronen beim Trödler für die Spitzen bekommen. Das wär' doch ein ganz hübsches Nadelgeld gewesen.«Angeklagteschweigt.Richter: »Gestehen Sie's lieber ein. Leugnen hilft doch nichts. Wir haben doch einen Zeugen, der beobachtet hat, wie Sie sich die Spitze angeeignet haben.«Angeklagte: »Konfrontieren Sie bitte den Zeugen mit mir. Er soll vor meinen Augen seine Aussage wiederholen.«Richter: »Das wird ohnehin sofort geschehen. Aber ich rate Ihnen, legen Sie lieber vorher ein volles Geständnis ab. Das wird Ihnen als mildernder Umstand angerechnet. Die Sache ist doch klar. An Luxus gewöhnt, konnten Sie sich nicht so rasch in Ihr neues Leben schicken und haben eben zu diesem Mittel gegriffen, sich etwas von diesem Luxus zu verschaffen. Sie sind die Erste nicht!«Da die Angeklagte trotzdem bei ihrer Verteidigung beharrt, wird unter starker Spannung des kleinen Auditoriums Fürst C. als Zeuge einvernommen. Zeuge gibt unter Eid an, er habe beim Vorbeigehen in der Auslage ein hübsches Blusenmodell gesehen und dasselbe gekauft mit dem Auftrag, es seiner Frau ins Palais zu senden. Beim Bezahlen habe er zufällig bemerkt, wie Frau von N., die er nicht gleich erkannt habe, in einem scheinbar unbeobachteten Moment den aufgewickelten Spitzenrest, der auf einem Ladentisch gelegen habe, schnell an sich genommen und in das Täschchen gesteckt habe. Er habe den Abteilungschef darauf aufmerksam gemacht und sich sodann entfernt, um nicht Zeuge der folgenden peinlichen Szene sein zu müssen. Erst später habe er sich erinnert, daß die Diebin eine ehemalige Bekannte seiner Frau sei, und das sei ihm natürlich sehr unangenehm gewesen.Richter: »Soll das heißen, Durchlaucht, daß Sie, wenn Ihnen diese Tatsache früher eingefallen wäre, von der Anzeige abgesehen hätten?«Zeuge(zögernd): »Kaum. Ich hätte wohl auch in diesem Falle meine Pflicht erfüllt, zumal ja sonst die arme Verkäuferin die Geschädigte gewesen wäre.«Richter: »Diese Anschauung macht Ihnen alle Ehre. Man muß ja gegen derartige ‹Damen› schonungslos vorgehen, sonst könnte man sich bald nicht mehr vor Ladendiebstählen schützen.«VerteidigerDr.Morgentau: »Ich protestiere gegen den neuerlichen Angriff auf meine Klientin, der in der ironischen Betonung des WortesDameliegt.«Richter(scharf): »Ich muß den Herrn Verteidiger bitten, nicht über Betonungen zu Gericht zu sitzen. (Zur Angeklagten:) Leugnen Sie auch diesem Zeugnis gegenüber?«Zum allgemeinen Erstaunen legt die Angeklagte nunmehr ruhigein volles Geständnisab. Über ihre Motive befragt, verweigert sie jedoch jede weitere Auskunft und verhält sich auch bei der Urteilsverkündung völlig teilnahmslos.Der Richter sprach die Angeklagte der Übertretung des Diebstahls schuldig und verurteilte sie, indem er ihre bisherige Unbescholtenheit und das schließliche Geständnis als mildernd annahm, zu einer Woche Gefängnis.Ein schneller Sturz von der Höhe der Gesellschaft in die Tiefe des ersten Verbrechens!«

»Sehr interessant gestaltete sich eine Verhandlung, die gestern vor dem Bezirksrichter Dr. Hanka, Bezirksgericht L., stattfand. Raffinierten Ladendiebstahls war eine noch vor kurzer Zeit in der Wiener Gesellschaft bekannte und gefeierte Dame, Frau Baronin N., angeklagt. Nach dem im Februar erfolgten plötzlichen Ableben ihres Mannes war Frau von N. infolge verfehlter Börsenspekulationen desselben in finanzielle Bedrängnis geraten, die schließlich zur Versteigerung ihres ganzen Besitzes führten und die schöne Frau zwangen, ihr Leben durch Sprach- und Klavierstunden zu fristen. Natürlich sagte diese Beschäftigung – wie auch der Richter im Verlauf des Verhörs konstatierte – der verwöhnten Weltdame nicht sehr zu und mit wenig Skrupeln behaftet entschloß sie sich, auf einem andern Weg eine Vergrößerung ihres Einkommens zu erreichen. Am 2. Juli besuchte die Dame gegen sechs Uhr abends das Kaufhaus Gerngroß und erstand daselbst eine einfache Waschbluse. Als sie sich entfernen wollte, machte ein Herr – Fürst C., eine in Wien gleichfalls sehr bekannte Persönlichkeit – den Abteilungschef darauf aufmerksam, daß sich die Dame nach seiner Wahrnehmung mehrere Meter einer kostbaren Spitze angeeignet und in ihrem Täschchen versteckt habe. Man holte Frau von N., die das Geschäft bereits verlassen hatte, zurück und untersuchte das Täschchen, in dem sich tatsächlich der Spitzenrest fand. Frau von N. wurde daraufhin der Polizei übergeben.

Das Merkwürdige an der gestrigen Verhandlung, die sich mit diesem Diebstahl befaßte, war, daß die Angeklagte anfangs trotz des klaren Tatbestandes hartnäckig leugnete und die etwas romanhafte Geschichte von einem Unbekannten erzählte, der sich beim Ausgang angeblich an sie gedrängt und ihr bei dieser Gelegenheit die Spitze in das Täschchen geschmuggelt haben müsse. Vom Richter auf das Unwahrscheinliche ihrer Darstellung aufmerksam gemacht, erklärte Frau von N. ganz ruhig, sie sähe diese Unwahrscheinlichkeit selbst ein, könne sich aber den Vorgang nicht anders erklären. Ihr den Diebstahl einer für sie doch wertlosen Spitze zuzutrauen sei absurd.

Richter: »Gar so absurd wär's schließlich nicht. Sie hätten immerhin 50 bis 60 Kronen beim Trödler für die Spitzen bekommen. Das wär' doch ein ganz hübsches Nadelgeld gewesen.«

Angeklagteschweigt.

Richter: »Gestehen Sie's lieber ein. Leugnen hilft doch nichts. Wir haben doch einen Zeugen, der beobachtet hat, wie Sie sich die Spitze angeeignet haben.«

Angeklagte: »Konfrontieren Sie bitte den Zeugen mit mir. Er soll vor meinen Augen seine Aussage wiederholen.«

Richter: »Das wird ohnehin sofort geschehen. Aber ich rate Ihnen, legen Sie lieber vorher ein volles Geständnis ab. Das wird Ihnen als mildernder Umstand angerechnet. Die Sache ist doch klar. An Luxus gewöhnt, konnten Sie sich nicht so rasch in Ihr neues Leben schicken und haben eben zu diesem Mittel gegriffen, sich etwas von diesem Luxus zu verschaffen. Sie sind die Erste nicht!«

Da die Angeklagte trotzdem bei ihrer Verteidigung beharrt, wird unter starker Spannung des kleinen Auditoriums Fürst C. als Zeuge einvernommen. Zeuge gibt unter Eid an, er habe beim Vorbeigehen in der Auslage ein hübsches Blusenmodell gesehen und dasselbe gekauft mit dem Auftrag, es seiner Frau ins Palais zu senden. Beim Bezahlen habe er zufällig bemerkt, wie Frau von N., die er nicht gleich erkannt habe, in einem scheinbar unbeobachteten Moment den aufgewickelten Spitzenrest, der auf einem Ladentisch gelegen habe, schnell an sich genommen und in das Täschchen gesteckt habe. Er habe den Abteilungschef darauf aufmerksam gemacht und sich sodann entfernt, um nicht Zeuge der folgenden peinlichen Szene sein zu müssen. Erst später habe er sich erinnert, daß die Diebin eine ehemalige Bekannte seiner Frau sei, und das sei ihm natürlich sehr unangenehm gewesen.

Richter: »Soll das heißen, Durchlaucht, daß Sie, wenn Ihnen diese Tatsache früher eingefallen wäre, von der Anzeige abgesehen hätten?«

Zeuge(zögernd): »Kaum. Ich hätte wohl auch in diesem Falle meine Pflicht erfüllt, zumal ja sonst die arme Verkäuferin die Geschädigte gewesen wäre.«

Richter: »Diese Anschauung macht Ihnen alle Ehre. Man muß ja gegen derartige ‹Damen› schonungslos vorgehen, sonst könnte man sich bald nicht mehr vor Ladendiebstählen schützen.«

VerteidigerDr.Morgentau: »Ich protestiere gegen den neuerlichen Angriff auf meine Klientin, der in der ironischen Betonung des WortesDameliegt.«

Richter(scharf): »Ich muß den Herrn Verteidiger bitten, nicht über Betonungen zu Gericht zu sitzen. (Zur Angeklagten:) Leugnen Sie auch diesem Zeugnis gegenüber?«

Zum allgemeinen Erstaunen legt die Angeklagte nunmehr ruhigein volles Geständnisab. Über ihre Motive befragt, verweigert sie jedoch jede weitere Auskunft und verhält sich auch bei der Urteilsverkündung völlig teilnahmslos.

Der Richter sprach die Angeklagte der Übertretung des Diebstahls schuldig und verurteilte sie, indem er ihre bisherige Unbescholtenheit und das schließliche Geständnis als mildernd annahm, zu einer Woche Gefängnis.

Ein schneller Sturz von der Höhe der Gesellschaft in die Tiefe des ersten Verbrechens!«

Und das sozialdemokratische Organ fügt hinzu: »Da sieht man wieder, wie sich die kapitalistische Moral bewährt, sobald ihr die nötige Unterlage – das Kapital – entzogen wird.«

An anderer Stelle der Blätter aber findet sich der Bericht über das furchtbare, von einer Windhose begleitete Gewitter, das sich zur selben Zeit über der Stadt entlud, in vier Häusern zündete und sieben Todesopfer forderte.Denn zwischen zwölf und ein Uhr, da Kathrin Nhilius zum Gefängnis verurteilt wurde, hatte die Hölle Macht über die Stadtund aus gelbem rauchenden Gewölk zerleuchteten Blitze ehernen Glanzes das Dunkel des Bezirksgerichtssaales L., aus dem sie abgeführt wurde.

Secundus aber ging hinaus und weinte bitterlich.

Während sie die Woche im Gefängnis erleidet, in eine Zelle gesperrt mit zwei Gewohnheitsdiebinnen und einer alten lesbischen Dirne, die sie bei Nacht mit Anträgen und unzüchtigen Zärtlichkeiten verfolgt, geplagt von Unreinlichkeit, einer höllischen Wächterin Stößen und Speichel preisgegeben, sorgen anonyme Briefe, denen Zeitungsausschnitte über die Verhandlung beigeklebt sind, an ihre Vermieterin und die Familien, die ihr Stunden gewährten, für den völligen Zusammenbruch ihrer materiellen Existenz. Dem Gefängnis entlassen, findet sie sich wohnungs- und subsistenzlos. Ein neues Zimmer, das sie mit Hilfe des letzten verkauften Ringes mietet, und neue Stunden, durch Annoncen gewonnen, werden ihr nach Ablauf einer Woche auf Grund der anonymen Briefe aufgekündigt. Der Versuch, in eine Modisterei als Aufputzerin einzutreten, scheitert an der Wachsamkeit des Verfolgers. Auch in einem dritten Zimmer bei einer alten, hochmütigen Beamtenswitwe kann sie sich nicht halten und als sie es in einem vierten mit einer Falschmeldung wagt, wird sie von unbekannter Seite angezeigt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie entschließt sich endlich, ein allzu teures Zimmer in einer ziemlich fragwürdigen Pension zu nehmen, wo ihr wenigstens der Steckbrief kaum zu Schaden gereichen kann. Seitens der Pensionsinhaberin an sie gestellte Anträge, sich an einem der »intimen Abende« in der Pension zu zeigen, lehnt sie – nicht mit Entrüstung oder Entsetzen – nur mehr müde und aus Gleichgültigkeit fast schon erliegend ab.

Nun hält Secundus die Zeit für reif geworden und geht zur Adèle Osterer.

Die Osterer ist die Besitzerin zweier großenMaisons des rendez-vousin Wien und Budapest und des elegantesten Bordells der City. Sie ist etwas wie eine Präsidentin des internationalen Mädchenhändlertrustes, nimmt eine anerkannte soziale Position ein, protegiert manchmal die Polizei bei ihren Streifungen und ist ob ihrer Beziehungen, die von rumänischen Bauernhöfen bis in die höchsten Kreise reichen, gefürchtet und unantastbar wie ein Abgeordneter.

Bei dieser Dame läßt sich Secundus melden, wird in einem strotzenden Salon empfangen und steuert nach Austausch gegenseitiger Höflichkeiten direkt auf sein Ziel los.

»Sagen Sie mir, ganz im Vertrauen, beste Frau Adèle, haben Sie die Nhilius schon?«

Sie lächelt geschmeichelt, daß der Puder stiebt. »Durchlaucht überschätzen mich. Ich habe die Dame allerdings seit längerer Zeit ins Auge gefaßt, glaubte aber bisher den Moment für ein Eingreifen meinerseits noch nicht gekommen.«

»Ich wußte, daß Ihnen dieser interessante Fall nicht entgangen sein könnte.«

»Gott, Durchlaucht – man muß doch ein Auge für die Vorgänge dieser Welt haben. Meine Hauptgeschäfte wickeln sich in der großen Gesellschaft ab. Ich spüre ihren Herzschlag, ich fühle gleichsam ihren Puls, die geheimsten Unregelmäßigkeiten seiner Schwingung, die feinsten Reize und Wünsche dieses Blutes muß ich kontrollieren und zu befriedigen suchen. Ließe ich nach, versagte die Feinheit meiner nachtastenden Finger, Durchlaucht können mir glauben, es käme zu den empfindlichsten Krisen des hiesigen gesellschaftlichen Lebens, zu Stockungen, die stationär würden, und jene sexuelle Revolution, die wir am Steuer Stehenden um jeden Preis verhindern müssen, da sie angesichts der Kreise, in denen sie ausbräche, leicht zu einer politischen werden könnte, stände uns unmittelbar bevor. In diesem Sinne kann auch ich mit Stolz sagen, daß ich den Posten, den mir die Gesellschaft – fast drängt sich mir das Wort ‹Vaterland› auf die Lippen – angewiesen hat, ganz ausfülle und trotz aller Schwierigkeiten, die Taktlosigkeit und Impotenz mir zwischen die Beine wirft, mit Gottes Hilfe aushalten werde.«

»Falls es bei uns zu einem passiven Wahlrecht der Frauen kommen sollte, stände ich nicht umhin, Ihnen als erster meine Stimme zu geben, verehrte Frau.«

»Ich danke, ich danke, Durchlaucht. Mir genügt mein stilles Wirken und der vertrauensvolle Dank der höchsten Stelle. Aber, um auf Ihre Anregung zurückzukommen, es ist mir nicht unbekannt, daß Durchlaucht ein gewisses Interesse an der Baronin haben.«

»Ein negatives, rein psychologisches, liebe Frau Adèle. Experimentalpsychologie.«

»Ich verstehe vollkommen, Durchlaucht. Da Sie zweifellos besser informiert sein dürften als ich, gestatten Sie die Frage: Sie halten den Moment für gekommen, an die Dame heranzutreten?«

»Soweit ich die Lage überblicke, glaube ich ‹Ja› antworten zu dürfen.«

»Sie halten also die Widerstandskraft der – für hiesige Verhältnisse zweifellos ganz merkwürdig anständigen – Frau genügend geschwächt, einem Anerbieten meinerseits nachzugeben?«

»‹Geschwächt› möchte ich nicht sagen. Aber ich glaube, daß jener psychologische Augenblick vollständiger Gleichgültigkeit, Nervenerschlaffung, Apathie, mit einem Wort,désinteressement absoluan der eigenen Person eingetreten ist, der bewirken wird, daß die Dame, schon um sich die Mühe weigernder Worte zu ersparen, bedingungslos auf jede halbwegs geschickt gestellte Proposition eingehen dürfte.«

»Ich würde natürlich mit der äußersten Delikatesse ans Werk gehen, die Baronin völlig als Dame behandeln, als meinesgleichen, wenn ich so sagen darf –«

»Auch das dürfte von guter Wirkung sein, da die Baronin seit jüngst in dieser Hinsicht kaum verwöhnt ist und jede Liebenswürdigkeit Ihrerseits in ihrem Unterbewußtsein sicher dankbar empfinden würde.«

»Verlassen Sie sich auf mich, Durchlaucht. Ich glaube auf diesem Gebiet alle Register zu beherrschen. Die Gräfin V. nach ihrer Scheidung zu dem ersten Schritt in mein Haus zu bewegen, war auch keine Kleinigkeit. Heute führt sie eine Maison in Petersburg.«

»Ich vertraue Ihnen unbedingt. Vor allem jedoch wird starke Energie, möglichst große persönliche Suggestion am Platze sein.«

»Wenn tatsächlich jener Moment seelischer Stagnation eingetreten ist, wie Durchlaucht es schildern, halte ich den Erfolg für sicher. Durchlaucht können überzeugt sein, daß ich alles einsetzen werde, schon aus Prestigerücksichten. Frau von Nhilius gilt als eine der anständigsten Frauen der Stadt, ihre Anwesenheit in meinem Salon würde triumphal für die Sache wirken, auch finanziell viel für mich bedeuten.«

»In dieser Hinsicht liegt ein Scheck auf 100.000 Kronen bereit, an Ihre Adresse abzugehen.«

»Meinen herzlichsten Dank, Durchlaucht. Eine so enorme Summe gibt Ihnen natürlich Vorrechte. Haben Sie für den Fall eines Gelingens besondere Wünsche?«

»Ich möchte, daß alles geheimgehalten wird, bis ich selbst das nötige Arrangement getroffen habe. Und dann – ich glaube, Sie werden die Dame wohl ziemlich mühelos herbekommen, sobald sie aber hier ist, dürfte starker Widerstand einsetzen.«

»Das ist meist so.«

»Für diesen Fall empfehle ich Ihnen äußerste Strenge. Schrecken Sie auch vor Erniedrigungen nicht zurück. Sie haben von mir aus völlig freie Hand.«

»Ich verstehe. Wir greifen nur selten und ungern zu körperlicher Züchtigung, aber wenn eine solche unvermeidlich ist –«

Secundus' Mund verzerrt sich leicht: »Es liegt mir daran, daß die Baronin alles auf diesem Gebiet kennen lernt – alles –«

Die elegante dicke Dame lacht etwas tückisch und durch ihr Parfüm beißt leichter Hyänengeruch. »Sie werden zufrieden sein.«

Nicht ganz drei Wochen später – der Umkreis des Jahres ist geschlossen, es ist wieder November und der Tag Allerseelen bricht mit heiseren Glocken aus schwarzen Nebelschwaden herauf – erhält er ein sanft parfümiertes Billet, in dem eine zierliche Handschrift ihm mitteilt, daß die neulich gesprächsweis erwähnte Dame es nunmehr vorgezogen habe, ihr bisheriges Logis zu wechseln und die besprochene neue Wohnung zu beziehen, woselbst sie sich freuen würde, Seine Durchlaucht gelegentlich zu empfangen.

Er ruft sofort die Osterer an und erfährt von ihr, daß sich die Dame bereits seit drei Tagen in ihrer Obhut befinde. Alles sei programmgemäß verlaufen, der in der Tat völlig apathische Seelenzustand der Dame habe ihr die Aufgabe sehr erleichtert. Sie – Madame Adèle – hätte natürlich schon längst Mitteilung gemacht, aber nach vollzogener Übersiedlung habe die Dame, gleichfalls wie erwartet, Spuren von Renitenz gezeigt und einen hysterischen Anfall erlitten, man habe zu den bewährten Hausmitteln gegriffen und nun sei alles in Ordnung. Seine Durchlaucht könne jederzeit erscheinen, es sei kein wie immer gearteter Widerstand seitens ihres Schützlings mehr zu befürchten. Sie selbst sähe den Anordnungen Seiner Durchlaucht mit Vergnügen entgegen.

Secundus dankt höflich für ihr Bemühen und bittet sie, für den Abend ein Souper zu etwa zehn Gedecken herzurichten, da er einige seiner intimeren Bekannten zu der Première einzuladen gedenke, ferner die Dame auf die kleine Abendgesellschaft entsprechend vorzubereiten, jedoch ohne den Veranstalter zu nennen, das Menu sei von Sacher zu bestellen, er lege Wert auf schönes Blumenarrangement. ChampagnerMumm extra dryundMoët et Chandon1892.

Wie er abläutet und sich wendet, sieht er um sich zerreißendes Licht aufstieben und knapp vor seinem ungeheuer aufgetanen Antlitz die spiegelnde Schärfe eines breiten Beiles niederblitzen und stürzt – das dumpfe, schwarze Rauschen aller Glocken der Erde enthallend in den Ohren – gelben Schaum vor dem Munde zu Boden.

Diener finden ihn die Zähne in den Parkettboden verbissen und tragen ihn aufgerissenen Kragens nach dem Diwan. Erweckt, verweigert er die Hilfe des rasch herbeigeholten Arztes und schickt – alles sehr sanften und gütigen Tones – die Umgebung fort. Eine halbe Flasche Whisky, unverdünnt getrunken, setzt ihn instand, die Einladungen zu dem Souper zu schreiben, die sofort ausgetragen werden, und dann ein längeres Schriftstück aufzusetzen, das er auf der Schreibmaschine vervielfältigt. Letzteres enthält eine Selbstanzeige wegen Verbrechens der schwersten Verleumdung, Mißhandlung eines Toten, begangen an weiland Baron Nhilius, Verleitung zum Diebstahl, fälschlicher Anzeige, Meineides und Unterstützung von Kuppelei. Als Beweise führt er die Zeugenschaft des Grafen Kolosvary, den Obduktionsbefund an dem Baron, der von einem schweren Faustschlag im Gesicht des Toten sprach, das Dokument des von ihm gedungenen Diebes, das Protokoll über seine Aussage in der Verhandlung kontra Kathrin Nhilius sowie den Brief der Osterer an. Als Motiv seines Vorgehens bekennt er Rachsucht für die Ablehnung eines von ihm an die Baronin gestellten Antrages. Die Vervielfältigungen des Schriftstückes, das er an die Staatsanwaltschaft schickt, sendet er den meistgelesenen Tageszeitungen ein mit dem beigefügten Ersuchen um Abdruck im nächsten Morgenblatt zwecks völliger Rehabilitierung der genannten Dame vor der Öffentlichkeit. Die adressierten Briefe übergibt er seinem Kammerdiener zur Beförderung.

Gegen fünf Uhr nachmittag – der werdende Abend dampft grau und naß an die hohen Fenster – ist er mit seiner Arbeit fertig, begibt sich in die Appartements der Fürstin und bittet diese um eine kurze Unterredung. Sie empfängt ihn, damit beschäftigt, Schuhe und Strümpfe zu wechseln, ohne sich von ihm – wie einem Nichtanwesenden – stören zu lassen. Er erklärt ihr, daß es für sie am vorteilhaftesten wäre, noch im Laufe des Tages die Scheidungsklage gegen ihn einzureichen, da sein Name bereits morgen kaum mehr ehrenvoll zu tragen und es ihr sicher gesellschaftlich von Nutzen sein würde, wenn sie bereits vor Erscheinen der morgigen Zeitungen sein Haus verlassen hätte. Das ihr überwiesene Dritteil seines ehemaligen Vermögens stehe ihr völlig integer zur Verfügung, ein weiteres Verbleiben an seiner Seite hätte schon aus dem Grunde keinen Sinn, weil er selbst vollkommen ruiniert sei und nach Verkauf des Palais ihm kaum noch drei Millionen bleiben würden, die übrigens einer von ihm zu leistenden Entschädigung zur Verfügung gestellt werden müßten. Die Fürstin dankt für seinen Rat und erklärt, die Spange an ihrem Schuh schließend, ihn befolgen zu wollen. Sein Gesicht ist so völlig in Unirdisches getaucht, daß eine boshafte Abgangsglosse, die sie seit Monaten vorbereitet hat, unterbleibt. Sie scheiden höflich und in Form.

In der Einsamkeit seines Zimmers faltet er, betäubt von der Größe des aus ihm Geschehenen, hilflos und armselig vor der mächtig die Stirne ihm überschattenden Ewigkeit, seine Hände.

»Mein Bruder in der Nacht, Engel aus den Engeln, dessen Weg meine Seele gegangen ist, du äußerster Liebender, Schatten, den das Licht wirft, weil es das Licht ist, du weißt, was das Licht nicht wissen kann,weiles das Licht ist, du weißt um das letzte schauderndste Dunkel der Seelen, du weißt, daß ich in äußerster Liebe gehandelt habe, daß ich aus Liebe meine Liebe geopfert habe, daß ich mich selbst verstieß, weil ich es nicht mehr tragen konnte, aufgenommen zu werden, daß ich schuldig wurde, weil ich schuldlos nicht mehr leben konnte, daß ich haßte und schlug und quälte und mordete, um gehaßt, geschlagen, gequält, gemordet zu werden, weil meine Liebe zu groß war, sich nochliebenlassen zu können! Du weißt, daß ich myriadenfach alles erlitten habe, was ich erleiden machte, daß ich zehntausend Tode gestorben bin ohne die Hoffnung der Auferstehung.Diesweißt du vor allem, daß ich gänzlichhoffnungslosgelitten habe, seit du mich wissen machtest, daß ich mir bewußt war, außerhalb der Gnade und der Vergebung zu stehen, daß ich so inbrünstig um die Verdammnis gerungen habe wie kein Mensch um seine Seligkeit. Nun bitte ich dich, du lässest meine Seele hinfahren in diese Verdammnis, du bindest mich an Händen und Füßenund werfest mich in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird – dahier ist mein Weg zu Ende. Ich bin ihn aufrecht gegangen, aufrecht mit zerschmetterten Gliedern, getreu bis in den Tod!!«

Aber das Schweigen wächst und das Dunkel wächst und strickt sich netzhaft um seine geschüttelten Glieder. Hölle und Himmel sind stumm und verfinstert; und ihm ist, als hinge er klein und nackt und gekrümmt an einem riesigen, blutbespritzten Kreuz und es wäre die sechste Stunde angebrochen, von der da geschrieben steht: Und es ward eine Finsternis über das ganze Land.

Der Eintritt des Dieners, der Licht macht und ihm den Smoking bringt, reißt ihn aus seiner entsetzlichen Halluzination. Verstört und naß von fiebrigem Schweiß kleidet er sich um, läßt das Auto vorfahren und begibt sich ins Johann Strauß-Theater, wo er den beiden ersten Akten der neuen Operette beiwohnt. Mehrere der zum Souper eingeladenen Freunde, die sich gleichfalls im Theater befinden, kommen im Zwischenakt in seine Loge und bedrängen ihn neugierig um das Geheimnis, das er bei Madame Adèle für sie vorbereitet habe. Er schweigt, geheimnisvoll schmutziges Lächeln um die grauen Lippen gelegt. Nach dem zweiten Aktfinale, es ist halb zehn geworden, fahren sie zur Osterer. Der erste Stock des unauffällig eleganten Hauses ist hell erleuchtet. Ein reinigender Wind hat die dicken Allerseelennebel auseinandergefetzt, der ungeheuer hohe Himmel beginnt sich zu bestirnen und in Strahlen zu werfen. Musik flattert aus einem nahen Restaurant, da sie in das Haus eingehen.

Frau Adèle in großer Toilette – distinguiert und busig – macht die Honneurs und empfängt die Gäste mit liebenswürdigen Scherzreden. Im ganzen acht Herren. Einer hat mit Berufung auf seine leider am Vormittag stattgefundene Verlobung abgesagt. Zum größern Teil Offiziere, darunter die beiden, die an jenem Abend in der Manhattan-Bar mit den Nhilius waren, lauter junge Leute, von denen Secundus weiß, daß sie die Frau umworben und nicht bekommen haben, lauter Menschen, von denen er weiß, daß sie an ihrem Tisch gesessen sind, ihre Hand geküßt und ihr Fleisch verehrt haben, weil es ihnen unerreichbar war. Menschen, die er haßt wie Aussatz und für würdelos genug hält, die Statisten in dieser letzten großen Entwürdigung zu spielen.

Eine Zigeunerkapelle beginnt gedämpft und geil den Walzer aus der neuen Operette zu spielen:

Auf eine einladende Geste Frau Adèles begeben sie sich ins Nebenzimmer, wo die Tafel, festlich in Weiß und Rosa gedeckt, sie erwartet. An dem einen Ende der Tafel steht, mit Rosen und Flieder bekränzt, etwas erhöht – gleichsam als Thron gedacht – ein prunkvoller Lehnstuhl mit Brokatüberzug Secundus, der am unteren Ende der Tafel Platz genommen hat, gegenüber.

Man setzt sich, etwas erstaunt, etwas leiser werdend, zu Tisch. Madame Adèle ist verschwunden, acht Herren allein, damenlos, in einem Bordell bei Tisch, die Situation ist entschieden originell. Bemerkungen wagen sich vor, Witze werden versucht:

»Hören Sie mal, lieber Fürst, ich hoffe doch entschieden, daß die Geschichte allmählich 'n weniger Liebenbergischen Anstrich bekommt?«

»Du hast uns doch nicht zu einem Junggesellensouper ausgerechnet zur Osterer bestellt! Das wär' doch auch im Bristol gegangen.«

»Nein, nein, Kinder, der Secundus hat noch a besondere Gaudee für unsin petto. Schauts doch den Thron an!«

»Aber nachher fix. Ich weiß nicht, der Hummer is doch sicher vom Sacher, aber mir schmeckt's gar nicht, wenn ich nicht a hübsches Weib zum Fußeln neben mir hab'!«

»Ich kenne diese deine Gewohnheit, lieber Kiki«, lächelt Secundus höhnisch. »Wie du siehst, habe ich darauf Rücksicht genommen und dich neben die Dame des Festes placiert.«

»DieDame? Also kommt doch wenigstenseine?«

»Nureine, Fürst? Neun sind wir – das wird schwer halten!«

»Also jetzt zum Teixel, wer is denn dieser steinerne Gast? Schau, Secunderl, ich bin solchen Aufregungen nicht gewachsen –«

»Das tut mir leid um dich, so jung –«

»Also, Kinder, nach den Zurüstungen serviert er uns entweder die Gaby Deslys oder die Kaiserin von China zum Dessert!«

»Aber um Gottes willen, Kinder, das ist ja –!«

Alle haben sich wandweiß und erschrocken erhoben, machen eine unsichere, halb wieder fallen gelassene Verbeugung, starren mundoffen auf die Erscheinung der Frau. Secundus allein ist sitzen geblieben. Langsam hebt er den Blick von den fleischigen Blumen auf, die in einer schlanken, grünes Licht versplitternden Vase vor seinem Gedeck stehen, und sagt, den Blick ganz fest in ihrem, leicht und nonchalant in die peinliche Stille:

»Sitzen bleiben, Kinder. Nur kein Zeremoniell.Voilà la dernière acquisition de madame Adèle.– Guten Abend, Kathrin, nimm Platz. Eine Vorstellung erübrigt sich. Du kennst ja alle, nicht? Es ist alles wie immer, nur daß wir hier ‹Du› zu dir sagen. Du erlaubst doch?« Und leert langsam mit einer niederträchtig höllischen Gebärde sein Glas gegen sie.

Sie steht starr und heilig lächelnd vor sich schließenden Vorhängen. Ihre Schönheit ist dem Ewigen so nahe, daß sie Stille und Schatten auch über diese wirft. Sie ist fast nackt, trägt ein phantastisches Kostüm, etwa im Stil des Directoire, aus dünnster, leuchtendster Gaze, das ihre Brüste frei und den völlig edlen Körper in triumphierender Enthüllung allen Falten entstrahlen läßt. An die bloßen Füße sind rotseidene Sandalen gebunden, die Hände sind nackt von Schmuck, in das griechisch zurückgetürmte violette Haar ist fahles Laub des Ölbaumes geflochten. Das zu weiße Antlitz ist sanft und stilisiert geschminkt und macht aus dem Todesgenius eine Kokotte.

Allen ist sie ungeheuer unwirklich und alle, auch die Verhärtetsten unter ihnen, erwarten unklar ein Wunder. Herabsturz von Engeln durch gebrochene Decke rauschend, der sie ihren Blicken entzöge, eine Blendung, ein Gericht. Aber da nichts Entscheidendes geschieht, da sie unter Secundus' Worten widerstandslos den ihr zugewiesenen Platz einnimmt und schamvoll lächelnd, fast grüßend die Gesichter entlang blickt, löst sich langsam der würgende Bann, der ihren Atem in der Kehle zurückhielt, und der Ausbruch – eine ganze Weile noch verhalten unter peinlichen Erinnerungen und letzten Resten von äußerer Form und Zucht – ist endlich riesenhaft und satanisch.

Primitive Geilheit und Lust an dem halbnackten, edlen Fleisch, gewürzt von dem Reiz der Situation, die ihnen das längst verloren gehaltene Genußmittel plötzlich in unwahrscheinlichster Erfüllung unter Finger und Atem wirft, gestachelt von dem männlichen Rachekitzel für den immerhin noch nicht verziehenen Abfall, dazu der Triumph der brutalen Überlegenheit über die überlegen Geglaubte an sich entladen sich in einer wilden, fanatischen Zügellosigkeit. Der ganze Haß des Geschlechtes steht nackt und roh auf und wirft sich – ein brünstiges, boshaftes Tier – auf die Wehrlose. Die unkomplizierteren Smokings begnügen sich damit, sie als Dirne zu behandeln und ihr ein schmutziges »Du« oder eine Zote ins Gesicht zu werfen, die feiner Organisierten machen es geschickter, sprechen zu ihr wie zu einer Dame, sagen sogar »Sie«, erinnern an gemeinsam Erlebtes, die Dolomitentour, das Fest bei der Croy, um plötzlich, wenn sie in Sicherheit gewiegt scheint, unter Tisch nach ihrem nackten Bein zu tasten oder einen Kuß auf ihre Brüste zu wagen oder ihr eine dreckige Liebkosung ins Ohr zu flüstern.

Sie spricht nicht, versucht sich innerlich ganz fern zu machen, von den obszönsten Scherzen fortzuhören, den gemeinsten Berührungen auszuweichen; gewohnt an die häßliche Entzündung des Fleisches rings um sie, hofft sie noch immer, daß die völlige Makellosigkeit ihres Selbst das Äußerste von ihr abwenden werde, aber sie muß erfahren, daß hier, wo sie keinen äußern Rückhalt mehr besitzt, wo sie nur als Weib, »nacktes Weib« eingerechnet wird, diese Makellosigkeit zur Stimulanz dient. Sie fühlt, entsetzt lächelnd, wie der gelbe, trübe Gischt näher an sie heranbrodelt, ihre Knöchel umspült, ihre Kniee bespeichelt, ihre Stirne mit schmutzigen Flocken überwischt.

Die Stimmung ist auf jenen Siedepunkt gestiegen, wo hinter der Begierde schon Verbrechen und Mord hockt. Das Zimmer dampft von Schweiß und Geschlecht, fad und süß geilt die Musik im Nebenzimmer, niemand berührt mehr eine Speise, kaum führt der eine oder der andere noch das Champagnerglas an die Lippen, ihre Münder sind trocken und klebrig, die Stimmen werden gedämpft und lallender, der Atem wird in kleinen, kurzen Zügen durch witternde Nasenflügel gestoßen.

Sie blickt in furchtbarster, letzter Todesangst um sich und starrt in verzogene Tierfratzen, schaudert in der plötzlichen völligen Stille und öffnet die gerougeten Lippen zu einem kleinen halben Schrei. Da fühlt sie sich schon in jäh sie überstürzendem Geheul von ihrem Stuhle gehoben, auf den Tisch geworfen, zwischen stürzende Flaschen und noch nicht abgespeiste Teller gebettet, sieht zerbrechenden Blickes, wie ein beschnurrbarteter Mann ihr die Sandale vom Fuß reißt, spürt einen Biß in die linke kleine Zehe, ringt mit unsicher tastenden, feuchten Händen, die die kaum hüllenden Gazeschleier zerreißen, und windet sich in irrer Verzweiflung unter Lippen, die sich keuchend in ihre Lippen, ihre Brüste, ihren Schoß wühlen –!

In diesem Augenblick vollzieht sich das Wunder.

Secundus, vom Sessel aufwachsend, die Lider ganz hoch gehoben und die Augen weit und offen für die Ewigkeit, sieht Decke zerreißen, Wände stürzen und den Boden des Zimmers mit sich, der Frau und den Tieren – eine schwankende Platform – in das azurene Dunkel des Raumes getragen. Und plötzlich entzünden sich Millionen Gestirne, die Milchstraße steht in Flammen und brennend blauer Äther umströmt in reißendem Wirbel seine Stirne. Von der Erde, der entsinkenden, aber weht ein würziger Geruch von Harz und Ölgärten ihm nach und läßt ihn tief und beruhigt aufatmen. Und einen unbeschreiblichen Frieden auf dem weiß verkohlten Antlitz, zieht er einen kleinen Browning aus der Tasche und schießt dem über ihr Antlitz gebeugten Tier knapp an ihrer Wange vorbei in den halb geöffneten Mund. Einen gurgelnden Blutstrom über ihr Gesicht erbrechend, stürzt der Erlegte, die Schläfe im Fall an der Tischkante aufschlagend, zu Boden. Zwei Schüsse in die auf ihn Eindringenden, die zwar nicht töten, aber stark blutende Fleischwunden reißen, genügen, diese zum Rückzug zu veranlassen. Sie gewinnen – den Körper des unter Blutstößen noch japsenden Rittmeisters mit sich schleppend – die Türe, die er ruhig hinter ihnen schließt und versperrt.

Wände und Decke begrenzen den Raum wieder. Der Tisch steht da mit dem halb herabgeglittenen Tischtuch, den zerschmissenen Gläsern, den zerscherbten Tellern, Blumen in umgeworfenen Vasen, Champagnerflaschen in Eiskübeln und Blut, Blut, Blut. Starr und müde, fast schläfernd blickt er in das stellenweise schon krustende, schwärzlichrote Blut.

Draußen verhallt Lärm, eilige Schritte, eine Telephonklingel schrillt auf entferntem Korridor. Dann Ruhe.

Langsam, leicht schwankenden Ganges tritt er an den Tisch heran, auf dem sie nackt und weiß, von fremdem Blut übersprungen liegt, nimmt sie leicht in seine Arme und bettet sie auf den breiten, prunkvollen Diwan, der fellübergossen – anderen Zwecken bestimmt – in der Ecke steht. Dann kniet er still vor ihr nieder und senkt seine Stirne auf ihre Brüste.

Leise und spielend geht ihre Hand durch sein Haar. »Lieber du. Armer du.«

An dem krampfhaften Schüttern seiner Schultern merkt sie, daß er weint, ein lautloses, zwischen den Zähnen zerrissenes Weinen.

»Nicht, nicht, Lieber, Lieber. Alles ist gut. So gut.«

Er hebt, wie aus äußerster Finsternis herauf erschaffen, noch am Lichte zweifelnd, sein Haupt und blickt in ihr Angesicht: »Und du hast – alles gewußt? Immer alles?«

Ihr Lächeln – ein Sternenstrom stürzt nieder über sein Antlitz und glüht Angst und Trauriges von seinen Schläfen ab. »Immer alles. Das heißt – nein. Die erste Zeit – die ersten Tage – gab es Stunden – nein, das nicht – Minuten – nein, nicht so lang – Sekunden gab's, wo ich zweifelte. Dann erzählte mir jemand, er hätte dich gesehen, wie du einem alten Schimmel, der vor einem Lastwagen auf der Straße, schlecht zugedeckt, dampfte, die Decke über den Rücken zogst. Seither wußte ich, daß alles nurLiebeist.«

»Und hast nie gezweifelt?«

»Lebte ich noch?«

»Ich habe so viel gelitten, weißt du –?«

»Kind du – meinst du, ich weiß esnicht? Mir war ja alles leicht, denn ich wußte es doch, daß das Ende solche Seligkeit sein würde. Aber du, du littest ja hoffnungslos,mußtesthoffnungslos leiden, denn du glaubtest außerhalb der Gnade zu stehen und wußtest nicht, daß Gott dein Opfer wog und wertete.Mich erniedrigend, hast du mich erhöht, mich hassend, hast du mich besser geliebt als je Liebe auf Erden war, denn du hast nicht Dich mir dargebracht, sondern, was dir tausendmal mehr galt, du hast in dir mich selber mir geopfert. Du hast deiner Liebe die Liebe selbst verbrannt!«

»Das alles – wußtest du! –«

»Ich liebte dich doch. Und hättedasnicht wissen sollen? So gerne hätte ich dir geholfen, mein Geliebter. Aber auchdasmußte geschehen. Auch meinen Körper mußtest du mir opfern. Du bist doch ein Mann. Gesteh nur, daß dir das am schwersten fiel?«

»Aberwarum, warummußtedas sein?«

»Entsinnst du dich nicht? Damals, als du mit mir sterben wolltest, sprach ich zu dir: Wäre das nicht zu klein für uns? Wir haben doch noch nicht aneinander gelitten? Nun haben wir gelitten, mein Geliebter, bis aufs Blut, bis aufs Herz, bis in die Seele. Denn auch mir, ob ich auch alles verstand, weh tat es mir schon. Ich bin ja nur eine Frau. Aber nein, was war das? Tausendfach littest du mehr, mein Geliebtester.« Und mit einem ganz kleinen, fast beschämten Lächeln: »Vergib mir, daß du mich so lieben mußtest.«

»Dies – daß esseinkann –«

»Dies – daß esseinkann –«

Worte gehen nicht gerade, aufrechte Boten schwebenden Herzschlags von einem zur andern, Worte schwanken und taumeln, sind Mantel um den nackten Gedanken, in den der Sturm fährt, und der Gedanke ist ein strahlender Gott.

Plötzlich erlischt das Licht. Secundus wendet, durch die unerwartete Finsternis unwillkürlich betroffen, halb den Kopf und sieht in undeutlichen Konturen den Traurigen im Dunkel stehen undlächeln.

Da kehrt er sich zu ihr zurück. Durch einen Regen verklärter Tränen brechen ihre Blicke und finden sich – ein schimmernder Bogen – Gesicht bindend an Gesicht.

»Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich.«

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.Darstellung abweichender Schriftarten:gesperrt,Antiqua.Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,auf Seite 36:im Original "gerade Ihnen einen solche Handlung"geändert in "gerade Ihnen eine solche Handlung"auf Seite 38:im Original "Und im Anhauch dieses fremdestens Atems"geändert in "Und im Anhauch dieses fremdesten Atems"

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Darstellung abweichender Schriftarten:gesperrt,Antiqua.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

auf Seite 36:im Original "gerade Ihnen einen solche Handlung"geändert in "gerade Ihnen eine solche Handlung"

auf Seite 38:im Original "Und im Anhauch dieses fremdestens Atems"geändert in "Und im Anhauch dieses fremdesten Atems"


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