Craignons, qu'une jalouse féeBornant les sages du LycéeDans leurs projets,Hors du giron de la scienceNe les change par sa puissanceEn perroquets.Glauben Sie wirklich, daß Männer und Frauen stundenlang in einem Raum zusammen aushalten, ohne daß alle trockene Weisheit vom lebendigenGefühl besiegt wird? Oder sollte vor all den Theorien und Prinzipien, die mir vorkommen wie Schulbuben mit dem Schmetterlingsnetz, die ausziehen, reizende Falter zu fangen, um sie schließlich aufzuspießen, die arme Liebe die Flucht ergreifen? Anzeichen genug gibt es dafür.Allein die Kleidung, – für die Frauen halb Sack halb Hemd, für die Männer der dunkle Frack und das Gilet, – scheint auszudrücken, daß sie ihre Aufgabe, zu schmücken, die Reize der Trägerin hervorzuheben, nicht mehr erfüllen will. Aber wo der Wunsch zu gefallen aufhört, da werden die Sitten roh, der Ton der Konversation wird schwerfällig, die Phantasie weicht der Nüchternheit, die Künste verarmen. Der Geist der Gesellschaft bildet sich nur in Kreisen, wo Männer in der Nähe der Frauen durch den Wunsch, liebenswürdig zu sein, alle Gaben ihres Geistes leuchten, zur höchsten Vollkommenheit sich steigern lassen, wo Frauen sich im stillen Ringen um den Würdigsten stets erinnern, daß sie der Natur schönstes Kunstwerk sind.Aber die Philosophie unserer Tage, die uns, den nicht Unsterblichkeitsgläubigen, lehrte, daß kein Besitz so kostbar, kein Verlust so unersetzlich ist, als der der Zeit, hat diese Reize der Geselligkeit grausam zerstört. Man will genießen, statt sich die Mühe zu machen, zu gefallen. Ohne die sichere Aussicht auf ihren raschen Besitz schenkt mander Frau kaum noch Beachtung. Jedes weibliche Wesen wird als Kurtisane gewertet, und wenn sie Erfolg haben will, muß sie mit der Kurtisane konkurrieren.Wir, schönste Frau, ein kleines Häuflein Verehrer der Vergangenheit, sind vor Paris und seinen Reformen bis nach Saint-Cloud geflohen, um jetzt schaudernd zu bemerken, daß die Reformen in Gestalt des Herrn von Calonne uns folgen. Der Kauf von Saint-Cloud, den die Königin ihm schließlich abtrotzte, hat ihn um den letzten Rest seiner Ruhe gebracht. Selbst für die Polignac, die seinen allzeit offnen Geldbeutel dem Herzoginnentitel vorgezogen hätte, ist er der Mann der zugeknöpften Taschen.Kommen Sie, teuerste Delphine, um uns durch den Reichtum Ihrer Schönheit und Ihres Geistes den schauderhaften Anblick gähnend leerer Schatzgewölbe vergessen zu machen. Bringen Sie der Königin frische Luft aus den Vogesen. Sie leidet sehr, und der kleine Dauphin ist wie die Verkörperung ihrer Sorgen. Ein frohes Ereignis genügt jedoch, um sie aufzuheitern.Als sich die reizende Komtesse Turpin mit dem Marquis Lemierre verlobte, wurde die Gelegenheit gleich zu einem Fest benutzt; wir erschienen alle im Hofkostüm der Regentschaft und träumten uns in jene schöne Zeiten zurück. Ein Bonmot des geistvollen Vaters der Braut machte die Runde. Lemierre,der seiner Schulden wegen, – die übrigens die Königin bezahlte, – bei Turpin nicht im besten Ansehen stand, suchte sich auf alle Weise bei ihm einzuschmeicheln. So sagte er einmal: »Man braucht Sie nur zu sehen, um zu glauben, daß Sie Toinettens Vater sind.« Mit der ernstesten Miene von der Welt entgegnete der Graf: »Sie vergessen, mein Herr, daß wir so glücklich sind in einer Zeit zu leben, wo man nichts mehr glaubt.«Aus diesem langen Brief mögen Sie die Länge der Konversationen ermessen, die Ihrer warten. Madame Campan will freilich gehört haben, daß das Neueste in Paris die Verachtung der Konversation ist. Irgend ein Held der Feder hat im Mercure de France auseinandergesetzt, sie sei »eine verächtliche Kunst schmarotzenden Hofgeschmeißes« –, das ist der liebenswürdige Ton, mit dem man uns auf Grund des Schimpflexikons, das das Pariser Parlament einführte und eifrigst zu bereichern trachtet, zu behandeln pflegt! –, und er fügt hinzu, man möge endlich aufhören, die Jugend in ihr zu unterrichten, um so mehr, als sie die brotloseste aller Künste sei.Wahrhaftig: Idealisten vom Schlage Lafayettes können nicht soviel Unheil anrichten als die revolutionären Philister, die den Zweck als ihren Gott anbeten. Sie werden noch unsere Schlösser in Kasernen umwandeln und in unseren Rosengärten Rüben pflanzen.Sie wissen, das Feld meiner Schlachten war stets das Parkett. Erst neuerdings habe ich mir den Degen schleifen lassen und trage Pistolen in der Manteltasche. Denn ich bin gesonnen, mich dem Pöbel von Paris erst zu ergeben, wenn ich nicht mehr ich, sondern nur ein Bündel blutiger Lumpen bin.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Paris,den 2. August 1786.Du fragst mich, ob Du der Einladung nach Saint-Cloud folgen sollst? Daß Du fragen kannst, Geliebteste, trägt die Antwort schon in sich. Wir wollen einander nicht aus Schonung belügen; das wäre der Anfang geistiger Trennung. Freudlosigkeit ruht schwer auf unserer Liebe, auf unseren heimlichen Zusammenkünften lastet die Schuld. Reise ruhig, armer Liebling, vielleicht daß die Luft fern von mir Dich leichter atmen läßt.Ich fand heute früh an den Mauern von Paris ein Gedicht angeschlagen, worin die Lämmer glücklich gepriesen werden, deren Hirte einen Zaun um sie zieht, damit Füchse und Wölfe sie nicht schrecken können. Zum Schluß heißt es:Mais si ces mêmes loups avaient formé l'enceintePour vous mieux dévorer sans péril et sans crainteDu berger vigilant, de la garde des chiens,Que seriez-vous, hélas?... De pauvres Parisiens.Mir scheint, als ob auch wir zu diesen gehörten.Graf Guibert an Delphine.Paris,den 26. August 1786.Teuerste Marquise. Erst jetzt erfuhr ich, daß Sie Paris mit Saint-Cloud vertauschten. Ein böses Omen, würde ich sagen, wenn es sich um jemanden anders handeln würde, als um Sie. Denn wer heute den Hof sucht, ohne zu müssen, gehört zu seiner Partei.Sie werden vermutlich von der Reise des Königs in die Normandie jetzt ein anderes Bild bekommen, als ich es Ihnen malte: weißgekleidete Mädchen, vor Rührung weinende Bauern, vivat-schreiende Massen, Männer und Frauen, die glücklich waren, wenn sie den Rock des Monarchen küssen konnten! So sieht jeder Fürst seine Untertanen, auch wenn sie alle schon heimlich den Dolch im Mantel trügen, um ihn in seine Brust zu stoßen. Die Krone und die Kirche haben, wenn sie all ihren Glanz entfalten, die gleiche faszinierende Gewalt. Der mystische Zauber, der sie umgibt, wirkt selbst auf die Ungläubigen.Auch von den Regimentern, die der König inspizierte, sah er nur die neuen schönen Uniformen. Daß Glieder desselben Volkes darin stecken, das ihn in allen Wirtshäusern mit Spottliedern verfolgt und über alles räsonniert, was von der Regierung ausgeht; daß die Unzufriedenheit mit ihrer persönlichen Lage und mit der Frankreichs dieOffiziere, wie die Gemeinen ergriffen hat, und die Armee, die vor kurzem noch befürchten ließ, sie könne vor dem Feind nicht schlagfertig sein, weil ihre Führer sich zu viel amüsierten, jetzt in Gefahr steht, sich ihrem Kriegsherren zu widersetzen, weil ihre Führer zu viel denken, – das alles sieht kein König.In Brest will man, wie ich las, Ludwig XVI. ein Denkmal errichten, – selbst unter dem großen König hat man dergleichen der Nachwelt überlassen; sollte man es jetzt damit so eilig haben, weil man befürchtet, sie könnte es vergessen?! Herr von Calonne wird es ihm als ein Zeichen der Treue seiner Untertanen darstellen, was nur ein Zeichen für die Servilität einiger titellüsterner Bürger ist.Ich würde von Ihrer Klugheit und Ihrer Königstreue hoffen, daß Sie bei Marie Antoinette den Einfluß der Polignacs untergraben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ihre Popularität seit dem Prozeß Rohan und dem Kauf von Saint-Cloud, – eine Million für ein neues Schloß, während das Volk von Paris bei der allgemeinen Teuerung kein Fleisch essen kann! –, endgültig verloren ist.An der Kirche von St. Géneviève ist kürzlich ein neues Portal geweiht worden, das die Königin gestiftet hat; es ist so prächtig, daß man den lieben Gott, wollte man ihm den besten Platz seines Hauses anweisen, vor die Türe setzen müßte.Das Volk stand umher und machte die bösesten Witze: »Die Österreicherin schenkt uns ein Portal, wir werden sie zum Danke dafür höflichst hinausgeleiten.«Frau von Staël, die der Szene zufällig beiwohnte und sich beeilte, sie in ihrem Notizbuch festzuhalten, bedauerte sehr, Ihre Gesellschaft, teuerste Marquise, so rasch schon entbehren zu müssen. In ihrem Salon herrscht eine neue Passion; jeder überbietet einander in der Erfindung von Geschichten über das gleiche Thema: den Liebeswahnsinn. Sie selbst hat mit ihrer Erzählung »Die Wahnsinnige des Waldes von Sénart« alle übertroffen.Da ich demnächst dem König über den Fortschritt der Heeresreform Vortrag zu halten habe, hoffe ich Sie in Saint-Cloud noch zu sehen. Es gibt für mich dort keinerlei andere persönliche Anziehungskraft. Selbst mein Ehrgeiz weiß nicht, wie lange es unter diesem Regiment noch eine Ehre ist, ihn zu befriedigen.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Paris,den 27. August 1786.Geliebteste. Die überraschende Nachricht von der Berufung der Notabeln, die Du mir gibst, nötigt mich zur Abreise in die Provinz. Da von ihrem Zusammentreten ungeheuer viel abhängt,muß ich alles daran setzen, die Stimmung in meinen Kreisen zu beeinflussen. Ich habe natürlich von Deiner Mitteilung keinen Gebrauch gemacht, glaube aber, daß sie trotzdem eher, als es Calonne lieb ist, in die Öffentlichkeit dringen wird. Für ihn ist die Notabelnversammlung der Strohhalm des Ertrinkenden, denn die Steuerreformen, die er vorschlägt, und von denen Du in Deinem leicht entflammten Enthusiasmus das Heil der Welt erwartest, sind nichts anderes, als die süße Oblate, in der dem großen Kinde Frankreich die bittere Medizin des Defizits gereicht werden soll. Ich begrüße trotzdem diese Entwicklung der Dinge, sie wird Klarheit bringen und das ist, – auch wenn sie schrecklich sein sollte, – besser als der ewige Dämmerzustand.Daß der Marquis sich ihr mit aller Kraft widersetzte und selbst die Ungnade des Königs nicht gefürchtet hat, ist vollkommen begreiflich. Für ihn ist der Appell an irgendeine Körperschaft und wäre es auch nur die seines Standes, eine Konzession an die öffentliche Meinung; für ihn sind die Reformen, vor allem der Vorschlag der Aufhebung der Grundsteuerfreiheit des Adels ein Waffenstrecken vor dem dritten Stand. Ich glaube aber auch, daß er einer der ersten ist, der die Veröffentlichung des Defizits zu fürchten hat, denn er ist zu sehr mit den großen Banken liiert, als daß eine allgemeine finanzielle Deroute ihn nicht treffen müßte.Vielleicht, – und diese Hoffnung stärkt meine Kraft für den kommenden Kampf –, läßt er Dich frei, wenn er einen Erben nicht mehr braucht!Unsere Korrespondenz wird erschwerter sein denn je. Meine offene Gegnerschaft zu der politischen Stellung des Marquis wird über dem schmalen Landstrich, der Montbéliard von Montjoie trennt, ihre Wirkung haben, seinen Zorn gegen mich also noch steigern. Kannst Du mir nachempfinden, Geliebteste, daß mich diese Gegnerschaft innerlich befreit? Mag kommen, was da will, wir bleiben vereint, auch wenn wir einander unerreichbar erscheinen. Verstummen zu können, ohne sich zu verlieren, ist ein Prüfstein der Liebe.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Saint-Cloud,den 3. September 1786.Daß auch Sie uns verlassen konnten, schönste Delphine! Denn diesmal ist es ein Verlassen! Die Königin, die sich bei der letzten Audienz wahrhaft königlich benahm, – sie lächelte Ihnen zu, als Sie kamen, sie legte Ihnen mit eigenen Händen die Kette mit ihrem Bildnis an, die Ihnen beweisen sollte, daß die Haltung des Marquis nicht als die Ihre empfunden wurde, sie flüsterte beim Abschied »Auf Wiedersehen!« –, und warf sich aufschluchzend in die Arme der Lamballe, als die Türe hinter Ihnen zufiel.Sie waren zu den königlichen Kindern gegangen. Bald darnach kam der Dauphin langsam, in Nachdenken verloren zu seiner erhabenen Mutter; seine dunklen Augen blickten fragend aus dem schmalen Gesichtchen, er hob die kleine blasse Hand zu ihr empor, – »ich glaube,« sagte er kopfschüttelnd, »die Frau Marquise Montjoie hat geweint.«Sind so viele Tränen nötig gewesen, holde Freundin? War der Moment nicht der geeignete, um – zu bleiben, während der Marquis ging?! Als uns vor einem Jahr die Nachricht von der Geburt Ihres Kindes erreichte, als dann der Marquis voll väterlichem Stolz von seinem Sohn und Erben sprach, war es mir gleich vollkommen klar, daß Sie nichts getan hatten, als Ihre Pflicht. Aber nun sind Sie ihrer entbunden, – kommen Sie zurück, schönste Marquise, ehe der Abgrund zwischen uns unüberbrückbar wird.Meine Devise bleibt: »Ma vie au roi, mon cœur aux dames;« seien Sie barmherzig und werden Sie nicht die Ursache, daß der zweite Satz mit dem ersten in Zweikampf gerät!Graf Guibert an Delphine.Paris,den 9. September 1786.Verehrte Frau Marquise. Mit einer fluchtähnlichen Hast hat die Familie Montjoie Paris verlassen. Und doch wäre es von solchem Interessegewesen, uns über die bedeutungsvollen Ereignisse der letzten Zeit mit Ihnen zu unterhalten.Herr von Calonne ist von der Not zu einem Schritt genötigt worden, der unter Umständen der Anfang konstitutioneller Entwicklung sein kann, – freilich nicht mit ihm, sondern gegen ihn. Im Kreise Neckers herrscht nur die eine schwere Besorgnis, daß er, der nur von Augenblickssorgen getrieben und von Augenblickserfolgen geblendet wird, töricht genug sein könnte, die finanziellen Verhältnisse in einer Weise zu enthüllen, die nur geeignet wäre, die Autorität der Regierung zu untergraben. Necker, der mir, – das möchte ich gerade Ihnen anvertrauen, der gegenüber ich mich seinerzeit so rückhaltlos gegen den damaligen Minister aussprach, – unter vier Augen mitteilte, daß er mit vollem Bewußtsein dessen, was er tat, im Compte rendu von 1781 die Wahrheit verschleierte, hegt nach dieser Richtung die ernstesten Befürchtungen.Wissen Sie etwa Näheres?Es wäre vielleicht noch möglich, wenn man beizeiten die nötige Kenntnis davon besäße, folgenschwere Entschlüsse rückgängig zu machen. Schreiben Sie mir, bitte, auch von Ihren nächsten Plänen. Bleiben Sie bis zur Notabelnversammlung in Froberg? Mein Dienst führt mich vielleicht nach dem Elsaß und ich möchte nicht verfehlen, der schönsten Frau Frankreichs die Hand zu küssen.Lucien Gaillard an Delphine.Paris,den 11. Oktober 1786.Verehrte Frau Marquise. Mit Freuden erfülle ich Ihren Wunsch, von dem ich nur bedaure, daß er sich so leicht erfüllen läßt. Sie werden stets im Besitz meiner Adresse sein, auch wenn sie noch so häufig wechselt. Meine Feder von der kein Geringerer, als der Polizeileutnant Lenoir behauptete, daß sie mit Gift statt mit Tinte schreibt, wird mich während der Notabelnversammlung zwingen, im Dunkeln zu bleiben. Selbst von meinen Gesinnungsgenossen verstehen nur wenige mein Entzücken über die Aussicht auf das Ereignis des nächsten Jahres.Die Notabeln, die das naive Volk immer noch durch den Glanz ihres Auftretens und die gewandte Form ihres Benehmens zu blenden verstehen, werden jetzt vor aller Welt gezwungen sein, auch den Blindesten Einblick in ihr Innerstes zu gewähren. Man wird ihre Selbstsucht erkennen, die auch ihre guten Handlungen regiert.Ihre Wohltaten sind Opium für das Volk; ihre Königstreue ist das Mittel, ihnen die reichsten Pfründen zu sichern, ihr Stolz die Maske für ihre innere Leere!Nur unter den Frauen gibt es Ausnahmen. Durch die schönste und bitterste Erfahrung meines Lebens weiß ich es: eine gibt es, die alle Tugenden undalle Vorzüge des Adels in sich vereinigt, ebenso wie ich eine andere kannte, deren Seele die offene Gosse war, die die Schmutzfluten aller Laster des dritten Standes in sich aufnahm. Die eine war meine Mutter. Werden Sie verstehen, Frau Marquise, daß meines Daseins glühendste Sehnsucht ist, mich so weit als möglich von ihr zu entfernen? Daß Sie darum der Stern sind, zu dem ich den krummen Körper emporrecke?Die Kinder der Zukunft dürfen keine Mütter mehr haben wie die meine. Das ist das höchste Ziel der Revolution.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Montbéliard,den 20. Oktober 1786.Geliebteste. Endlich ein zärtlicher Gruß auf sicherem Wege. Wie danke ich Dir, du Süße, für all die liebevollen, sehnsüchtigen Zettelchen, die Du mir schicktest. Ich trage sie auf dem Herzen; sie könnten mich vor feindlichen Hieben schützen, wie Deine Liebe mich für alles persönliche Leid unempfindlich macht.Was Du von unserem Sohne schreibst, beglückt mich aufs tiefste; daß er kräftig ist, wird ihn fähig machen, den Stürmen der Zukunft zu trotzen. Wie das Kind Dich über die Qual der Gegenwart hinweghebt, – »wenn ich es sehe, sehe ich dich,« sagst du, – so hilft mir die Arbeit.Unter dem kleinen Landadel spürt man den Hauch eines neuen Geistes. Grade der Umstand, daß er verarmte, macht ihn fähig zur Aufnahme moderner Ideen. Um so leichter wird er die Steuerprivilegien fallen lassen, wenn er auf der anderen Seite sieht, daß die Finanziers, die »an Papieren Reichen« zu neuen Steuern herangezogen werden. Mit den großen Grundbesitzern allerdings steht es anders. Der Marquis Montjoie hat unter ihnen die stärkste Anhängerschaft, und wenn der schlanke Greis mit dem Adlerprofil und den ruhigen Bewegungen seiner langen, blaugeäderten Hand vor die Versammlung tritt, um das ganze ehrwürdige Rüstzeug der Tradition gegen unsere neuen, unerprobten, blanken Waffen ins Feld zu führen, so hat er von vornherein gewonnenes Spiel. Jede Interessengemeinschaft mit dem dritten Stand lehnt er ab, am energischsten die mit den Parvenus, – »weil sie unsere Herrensitze usurpierten, glauben sie uns gleich zu stehen. Reich kann man werden, aber vornehm muß man sein.« Selbst im Kampf gegen mich verläßt ihn nicht seine äußere Ruhe; nur ich höre den schärferen Ton seiner Stimme, und sehe das Aufblitzen unversöhnlichen Hasses in seinen Augen. Aber wir sind ja erst beim Vorpostengefecht; der Feldzug beginnt in Paris.Einen einzigen Mißton, geliebte Frau, hat Dein letzter Brief in den reinen Akkord Deiner Liebeswortegebracht. Du willst während der Notabelnversammlung des Kindes wegen, dem die Pariser Luft nicht gut bekommt, in Froberg bleiben, Du freust dich sogar, mit ihm allein zu sein, der täglichen, stündlichen Pein enthoben, die die Zärtlichkeiten des Marquis für den Kleinen dir verursachen. Und ich?! Und die Möglichkeit, daß wir den rechten Augenblick versäumen könnten, einander ganz zu gehören?!Überlege mit dem Herzen, Geliebte, das in Wahrheit der Kopf der Frauen ist.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Paris,16. Februar 1787.Geliebteste. Dich nicht hier zu wissen, ist qualvoll genug, aber zu denken, daß Du allein in Froberg trüben Gedanken nachhängst, verwundet mein Herz noch mehr. Mir ist, als hätte auf dem Papier Deiner Briefe Deine Hand gelegen, heiß von der Stirn, auf die sie kurz vorher gepreßt war, als schwebe um jedes Wort ein langer Seufzer. Und doch sollte ein einziger Gedanke genügen, Dich aufzurichten: daß unser Schicksal von Deinem Willen allein abhängt. Willst Du Dich trennen von dem Manne, der Güte, Rücksicht, Vornehmheit benutzt, um Dich unter diesem Deckmantel nur um so mehr quälen zu können, so kannst Du es auch. Wahrhaftig, Du hast ihmseine grausamen Wohltaten genug gedankt. Nimm unser Kind auf den Arm und komm zu mir; wer Dich um dieser Tat willen ächtet, dessen Urteil trifft uns nicht.Trübe Ahnungen, sagst Du, schienen den Schlaf des Marquis zu stören; stundenlang hörtest Du ihn in der Nacht auf und nieder gehen, und wenn er, wie es neuerdings seine Gewohnheit ist, zuweilen vom neuen Schloß zu der alten, verlassenen Burg hinüberging, dann sahst Du ein Licht unruhig hinter ihren Fenstern auftauchen und verschwinden. In einer solchen Nacht hat Dein mitleidiges Herz Dich zu ihm getrieben und Du hast ihm stumm die Hand gereicht!Wie könnte ich Dir darum zürnen, Du Einzige Du?! Vergiß nur nicht, daß ein anderer Mann noch bemitleidenswerter ist!Die Mitglieder der Notabelnversammlung dürften schon vollzählig eingetroffen sein. Die Pariser, für die das Schauspiel doch nur hinter verschlossenen Türen vor sich geht, benehmen sich wie Kinder vor den Vorhängen des Kasperltheaters. Alles scheint Zeit zu haben, denn alles ist auf der Straße. Man scherzt und lacht, aber die Fröhlichkeit, die wie ein leichter Luftzug die Oberfläche des Wassers zierlich kräuselt, läßt nicht vergessen, daß ein Sturm seine dunkle Flut bis in ihre schlammigen Tiefen aufwühlen kann.Als Herr von Calonnes Erkrankung bekanntwurde, und manverbreitete, er speie Blut, frugen die Witzbolde der Journale: seins oder das der Nation? Als er zum ersten Male das Haus verlassen durfte, fand er an seiner eigenen Tür folgenden Anschlag: »Die Schauspieler des Finanzministers werden zur Aufführung bringen: 'Überflüssige Vorsicht' und 'Trügerische Hoffnungen'. Die Rolle des Souffleurs übernimmt er selbst.« Im Theater zu Versailles wurde in Anwesenheit der Königin die Oper »Theodor« von Paësiello aufgeführt. Als der Titelheld, ein verlassener König, seine Schmerzen klagte, rief eineStimmeim Parterre: »Berufen Sie doch die Notabeln!« Schallendes Gelächter und endloses Bravorufen unterbrach die Aufführung. Man versuchte, die Unruhstifter zu verhaften, die Königin erhob Einspruch; das Publikum jedoch empfand ihre Güte nur als Schwäche, als ein Buhlen um seine Gunst, und laute Pfiffe folgten ihrem davoneilenden Wagen.Wer es in den Journalen oder gar in den erregten Diskussionen versucht, die Reformen zu verteidigen, von deren Inhalt manches bekannt wurde, begegnet meist dem stärksten Unwillen. »Wir wollen keine Almosen, wir wollen Rechte,« rief Gaillard vor ein paar Tagen solch einem geheimen Emissär der Regierung zu. »Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten. Die Reformen sind nichts als neue Mittel, ihn denMachtmachern unterwürfig zu machen. Wir verwerfen sie. Wir verlangen die Anerkennung der Souveränität des Volkes, nicht die Stillung unseres Hungers durch Brosamen, die von des Reichen Tische fallen.«Die Notabeln sind äußerlich ruhiger, umso erregter im Innern. Es ist ein andrer Adel als der von Versailles, der sich den erstaunten Blicken der Pariser preisgibt: viele Männer mit großem Namen in geflicktem Rock, viele Priester mit arbeitsharten Händen.Ehe Du diesen Brief erhältst, werden wir zusammengetreten sein. Eine eben erschienene Broschüre steigert noch die Erregung. Sie trägt den Titel: »Letzte Gedanken des Königs von Preußen«, und enthält unter anderem folgende Sätze, die heute früh in großen Lettern an den Straßenecken prangten:»Nationen, die mit geborgtem Geld Kriege führen, werden niemals Frieden haben; nach dem Krieg mit dem Nachbarn beginnt der Krieg mit den Geldgebern; das Volk kommt nie zur Ruhe. Bleibt schließlich nur der Ausweg des Bankrotts, und er ist unvermeidlich.«Marquis Montjoie an Delphine.Paris,den 3. März 1787.Meine Liebe. Die außerordentlich anstrengende Tätigkeit im dritten Bureau der Notabelnversammlungmacht es mir erst heute möglich, Ihnen für die gewünschten regelmäßigen Berichte zu danken. Es freut mich zu hören, daß Sie und Godefroy sich wohlbefinden.Obwohl die Geheimhaltung der Verhandlungen mir verbietet, Ihnen ihren Verlauf im einzelnen zu schildern, so halte ich mich doch für verpflichtet, Ihnen, im Vertrauen auf Ihre unverbrüchliche Verschwiegenheit, – jede Veröffentlichung der Tatsachen würde unabsehbares Unglück heraufbeschwören –, den Ernst der Lage nicht vorzuenthalten.Stutzig gemacht durch die Andeutungen des Finanzministers über die Höhe der Schulden, und empört über die uns zugemutete neue Grundsteuer, – der Adel Frankreichs hat sich bisher die Steuer des Bluts und des Lebens für den König selbst auferlegt und braucht sich darum nicht wie ein jeder Krämer des dritten Standes behandeln zu lassen, dem man die Opfer für das Vaterland erst abzwingen muß, – haben wir einen Rechenschaftsbericht verlangt, um ihn mit dem Compte rendu Neckers vergleichen zu können. Er ist uns gestern in unzureichendster Weise gegeben worden. Darnach scheint die Schuldenlast seit 81, wo ein Überschuß von 10 Millionen konstatiert wurde, auf nicht weniger als 112 Millionen angewachsen zu sein. Das bedeutet, wenn die Aufstellung richtig und wenn eine Deckung nichtzu beschaffen ist, den Staatsbankrott, und wenn die Öffentlichkeit unterrichtet wird, eine ungeheure finanzielle Deroute. Diese beiden Möglichkeiten bitte ich Sie, ins Auge zu fassen und sich darauf vorzubereiten, daß auch ich den größten Teil, wenn nicht den ganzen Rest meines Vermögen bei dem stark engagierten Bankhaus Saint-James verlieren könnte.Es ist selbstverständlich, daß wir Alles tun, um ein Unglück zu verhindern. Es ist aber auch ebenso selbstverständlich, daß wir uns nicht, wie die Regierung zu erwarten schien, zu ihrem willenlosen Sprachrohr machen. Alle sieben Bureaux haben trotz des leidenschaftlichen Widerstandes des Herrn von Lafayette und seiner Anhänger, die um den Beifall der Straßenpolitiker zu geizen scheinen, die Grundsteuer abgelehnt, ehe uns nicht die detailliertesten Nachweise über die finanzielle Lage gegeben werden. Verschwendungen ungeheurer Art oder schmähliche Veruntreuungen innerhalb der Regierung sollen wir gezwungen sein, auf unsere Schultern zu nehmen? Der König, der sein Ohr schlechten Ratgebern lieh, hat es verstanden, den Adel, auf den er sich sonst allein stützen konnte, im Lager seiner Gegner zu sehen.Sollte Außerordentliches geschehen, so werde ich Ihnen durch besonderen Kurier Nachricht geben.Graf Guibert an Delphine.Paris,den 22. März 1787.Verehrte Frau Marquise. Ihre Antwort auf meinen Brief war so diplomatisch, daß ich wieder einmal von der Begabung der Frauen für die Politik überzeugt worden bin.Inzwischen haben die Ereignisse mir rechtgegeben. Calonne wird über ihnen stürzen, jetzt besonders, wo sein kopfloser Appell an die Öffentlichkeit sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen hat. Das Volk steht auf Seite der Notabeln, nur weil sie die Frondeure der Regierung sind. Die Zahlen, die allmählich, trotz des strengsten Schweigegebots durchsickern, steigern die Aufregung und rauben uns allen Kredit und alles Ansehen. Man hört von geheimen Rüstungen in England, von preußischen Truppen, die sich an der holländischen Grenze zusammenziehen. Der Tod Vergennes', eines tüchtigen Mannes, der verstand, unsere auswärtige Politik durch die bedrohlichsten Stürme zu steuern, die Unfähigkeit des Lakaien Montmorin, seines Nachfolgers –, das alles sind Vorboten trüber Tage.Aber nicht, um Sie mit ihnen zu schrecken, schreibe ich heute, sondern um Sie um die Gnade zu bitten, Sie bei meiner Inspektionsreise im Elsaß aufsuchen zu dürfen. Sollten Sie im Mai nicht in Froberg sein, so darf ich noch eine Nachricht erwarten. Oder dürfte ich, trotz Ihrer offenbarenUngnade, darauf hoffen, auf alle Fälle eine Zeile von Ihnen zu erhalten? Meine unerschütterte Verehrung für Sie sollte wenigstens auf die Gewährung eines Handkusses rechnen können!Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Paris,am 9. April 1787.Geliebteste Delphine. Ich beeile mich, Dir durch besonderen Kurier mitzuteilen, was Dich und uns auf das Nächste berühren muß. Calonne wurde heute seines Amtes enthoben. Über die schwindelnde Höhe des Defizits herrscht in der Pariser Bevölkerung kein Zweifel mehr. Die Bankhäuser Saint-James und Boutin sind seit gestern geschlossen. In der heutigen Sitzung erschien der Marquis als ein Gespenst seiner selbst, aber in grader, tadelloser Haltung. Er bat, wie ich erfuhr, um Urlaub. Wie weit er an dem Ruin des Herrn von Saint-James beteiligt ist, weiß niemand.Ich hoffe mit Bestimmtheit, daß diese Zeilen Dich vor seiner Ankunft erreichen, und Dein gütiges Herz nicht unvorbereitet seinem Unglück gegenübersteht.Marquis Montjoie an Delphine.Paris,den 9. April 1787.Meine Liebe. Das Gefürchtete ist eingetroffen, ohne mich noch überraschen zu können. Ich habemein Vermögen verloren. Das Wenige, was ich im Laufe der letzten Tage sicherzustellen vermochte, wird grade nur ausreichen, uns vor Entbehrungen zu schützen. Ich bedaure die Sachlage um Ihretwillen, die Sie an ein luxuriöses Leben gewohnt sind. Für meinen Erben möchte ich sie dagegen beinahe als ein Glück bezeichnen. Der Reichtum hat den Adel Frankreichs in Bahnen gelenkt, die ihn seiner besten Kräfte berauben; die Armut wird ihn unweigerlich vor die Wahl stellen, untergehen zu müssen oder sie zurückzugewinnen. Die Zukunft bedarf eines Geschlechtes von Eisen.Ich werde meiner Gemahlin keine anderen Kleinodien, und meinem Erben nichts mehr zu hinterlassen haben als die Ehre meines Namens. Ich erwarte, – das einzige, was mir das Leben noch zu erwarten übrig ließ –, daß sie sich dieses Schatzes würdig erweisen.Ich folge diesem Brief auf dem Fuß, da ich zunächst in Straßburg alles Geschäftliche zu erledigen habe. Froberg bleibt uns. Wir werden uns jedoch auf die Burg beschränken müssen.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Saint-Cloud,den 4. Mai 1787.Teuerste Delphine! Das Unglück, das Sie traf, hat mich mit betroffen, wenn ich auch zu sehr zur alten Schule gehöre, als daß ich öffentlichTränen darüber vergießen könnte. Sie wissen doch: sogar die Notabeln weinten, als Calonne, der arme Prügelknabe, gegangen war und der König ihnen die Vorlage aller Rechnungen versprach; sie haben ihre Tränendrüsen offenbar für Schmerzen und Freuden ordentlich eingeteilt.Die Königin erstarrte förmlich, als sie von Ihrem Schicksal erfuhr; sie kam gerade vom Krankenbett des Dauphin, wo sie ihren Vorrat an Tränen gelassen haben mochte. Heute sagte sie mir, ich möge Ihnen mitteilen, daß sie noch so glücklich ist, Ihnen beistehen zu können.»Daß die kleine Marquise ihre Perlen verkaufen mußte, erregt mich nicht,« sagte sie, »vielleicht hing auch an diesem wundervollen Geschmeide ein böser Fluch! Aber daß sie verurteilt wurde, in der dunklen Burg zu wohnen – ein sonnengewöhnter Paradiesvogel im Käfig! – das macht mich schaudern.« Sie bietet Ihnen an, in ihren Hofstaat einzutreten, und würde Ihnen im geheimen aus ihrer Schatulle die Mittel dafür bewilligen.Könnten wir nicht doch noch inmitten des schwarzen Weltmeeres eine Insel der Seligen mit den Flüchtigen vom anderen Ufer bevölkern?!Eine Ahnung von ihrer Möglichkeit hatten wir kürzlich.Die Guimard tanzte auf der kleinen Bühne des Schlosses, mit ihr die kaum zwölfjährige Laure,die wunderbare, jüngste Schülerin von Vestries. »Vergangenheit und Zukunft« war der Titel der Pantomime, die sie aufführten: die Guimard als Marquise Pompadour in der üppigsten Courrobe, übersäet mit funkelnden Juwelen, die kleine Laure in flatterndem Hemdchen, als einzigen Schmuck ein rotes Tuch turbanartig um das Köpfchen gewickelt. Sie hob und senkte sich, sie schwebte und wirbelte um die feierlichen Menuettpas der Marquise, daß diese »Zukunft« Jeden erobern mußte.Die Königin befahl die Tänzerinnen zum Souper. Noch einmal hatte die Göttin der Freude der hohen Frau ihr Szepter in die Hand gedrückt. Immer wieder sprangen die Korke der Champagnerflaschen gegen die Decke und trafen wie Pfeile Amors die bloßen Brüste gemalter Najaden; immer kecker wurden die Chansons, vom perlenden Lachen der Königin unterbrochen.Es war wie einst!Gegen Mitternacht öffnete sich die Türe zu den Gemächern des Königs. Er trat ein, fahl im Gesicht; der Gesang verstummte, die Tänzerinnen standen still, angstvoll flüchtete sich die zitternde Zukunft in die Arme der blassen Vergangenheit; der König flüsterte mit seiner Gemahlin; das Licht in ihren Augen erlosch.Es war der Tag, an dem Lomenie de Brienne Finanzminister geworden, Calonne nach England entflohen, und das böse Wort vom Staatsbankrottin der Notabelnversammlung zum ersten Mal gefallen war!Von der Insel der Seligen waren wir allzu rasch an das Gestade der Wirklichkeit zurückgekehrt. Aber wenn Sie bei uns sind, Holdseligste, werden wir uns nicht mehr von ihr vertreiben lassen.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Paris,den 27. Mai 1787.Geliebteste, ich höre nichts von Dir und bin in größter Angst. Da ich nicht weiß, was geschehen ist und was geschehen kann, habe ich der Post oder einem gewöhnlichen Kurier diese Zeilen nicht anzuvertrauen gewagt. Gaillard hat es übernommen, sie sicher in Deine Hände gelangen zu lassen.Ich flehe Dich an, stelle den Marquis endlich vor die Entscheidung. Er wird, er muß Dich frei geben, nachdem er weder auf seine Stellung am Hofe, noch auf eine Rolle in der Oeffentlichkeit mehr Rücksicht nehmen zu müssen glaubt. Tut er es nicht, so entschließe Dich, liebste Delphine, und komm unter dem Schutze Gaillards zu mir. Nicht nach Etupes, nicht nach Montbéliard, wo man Dich suchen würde, sondern nach dem stillen Nest, das wir nicht weit von Paris gefunden haben.Meine Liebe ist nur noch Sehnsucht.Selbst der Tumult der letzten Tage, die Auflösung der Notabelnversammlung, die stürmischeForderung nach der Einberufung der Generalstände, – das heißt nichts anderes als unsere Kriegserklärung an den König, – haben keinen Augenblick den lauten Ruf meines Herzens nach Dir, Du Süße, zu ersticken vermocht.Zu Zeiten der Gefahr gehören Liebende zueinander. Und jetzt, wo alles zusammenstürzt, wo die Götter, vor denen wir einstmals knieten, deren Unersättlichkeit wir in frommem Glauben Opfer um Opfer brachten, sich als tönerne Götzen erwiesen haben, wo die harte Faust einer eisengepanzerten Epoche alle Heiligtümer – die Ehe, die Familie, die Freundschaft, die Königstreue – der juwelenbesetzten Gewänder entkleideten, mit der die Jahrhunderte sie behängten, und armselige Gerüste uns nur noch entgegenstarren, – jetzt, meine Delphine, können befreite Menschen über die Trümmer hinweg sich ruhig die Hände reichen. Sie sind nicht nur die Baumeister neuen Menschenglücks, sie sind auch bestimmt, die Tempel der neuen Gottheit aufzurichten.Doch warum spreche ich so zu Dir? Bedarf es der Überredung, wo nichts entscheiden soll, als das Gesetz in Dir?Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Paris,den 19. Juni 1787.Meine Delphine – mein, trotz allem! Ich habe den ersten Sturm in meinem Innern erst austobenlassen; – nun ist von ihm nur die Verwüstung übrig geblieben!Wenn der Marquis Dich im tiefsten Kerker gefangen hielte, wenn Du eiserne Fesseln an Händen und Füßen trügst –, ich würde Dich erobert haben! Aber da Du selbst – Du selbst! – Dich in Ketten schlägst, wer vermöchte Dich zu befreien!Weißt Du denn, was Du mir geschrieben hast, kennst Du die Dolchspitzen, die auch Deine süßesten Worte mir ins Herz bohrten?!»... Mit eiserner Kraft hielt der Marquis sich noch in Straßburg aufrecht. Als der Marstall sich leerte, als die bepackten Möbelwagen sich unter Peitschenknallen und Räderknarren schwankend von Montjoie fort bewegten und der alte Gärtner mit zitternden Händen die Läden des leeren Schlosses über die schwarzen Fensterhöhlen legte, als die Dienerschaft Abschied nahm –, einer nach dem anderen in endlos scheinender Reihe, da stand er immer noch gerade aufgerichtet und hatte ein Lächeln für jeden wie bei einem großen Empfang...«Rühmst Du nicht mit jedem Wort den hartherzigen, alten Mann, der für scheidende Untergebene ein Lächeln, für sein Weib nur die Folter hat?!»Am Abend aber fand ihn der einzige, alte Diener, den wir behalten haben, bewußtlos amBoden neben seinem Schreibtisch. Erst nach Tagen der Sorge« – (Sorge um einen Menschen, der Dich kaufte?!) – »kam er zu sich. Seitdem wird das Sprechen, das Gehen ihm schwer. Unermüdlich läßt er sich im Rollstuhl durch die düsteren Räume fahren. Nur die Arme kann er bewegen, wie immer.« –Um Dich zu halten, Dich und unser Kind! –»Und gerade jetzt, in dieser gräßlichen Not sollte ich von ihm gehen, sollte in dem Mann, der alles verlor, den Glauben erwecken, daß ich wohl seinen Reichtum genießen, nicht aber seine Armut teilen kann? Die Frage, die zu stellen Du von mir verlangst, die Flucht, die mir übrig bleibt, wenn ein hartes Nein seine Antwort ist, würden den Geschwächten töten. Kannst Du verlangen, daß ich seine Mörderin werden soll?«Aber daß er in uns Alles tötet, was Glück und Hoffnung ist, – also mehr als das bloße armselige Leben eines vom Tode schon Gezeichneten –, das gibst Du zu?!Ich kann nicht anders: ich balle die Fäuste gegen Dich, Delphine!Gaillards Bericht hat das Bild vollendet, das Du mir maltest. Ich sah den starken, fast rohen Mann nie so bewegt.»Sie ist ganz blaß, ganz schmal,« sagte er; »sie irrt durch die hohen, dunklen Räume, vor denen sie sich graute, seit sie sie zum erstenmale betrat.Und unter den weißen Tüchern, in die sie sich hüllt, zittern ihre Schultern mitten im Sommer. Sie trägt den Kleinen jedem Sonnenstrahl nach, der hier oder dort durch die tiefen Fenster fällt. Seitdem die Bauern, von der Haltung des Marquis in der Notabelnversammlung unterrichtet, die Räumung des Lustschlosses im Park mit Vivatrufen begleiteten, und ein kleiner, schmutziger Dreikäsehoch nach ihrem Sohn mit einem Feldstein warf, als sie draußen mit ihm spielte, verläßt sie den engen Burghof nicht mehr.«Bist Du wahnsinnig, Delphine, daß Du Dein eigen Kind dem Greise opfern willst?! Oder ist es etwas anderes als ein Opfer, wenn Du ihn in dieser Atmosphäre des Grauens atmen läßt?!»Schreib mir nicht mehr,« bittest Du, »Deine Sehnsucht facht meine Liebe an, daß sie alles verbrennen könnte, was an Pflichtgefühl, an Lebensmut in mir ist...« Aller Entfernung, allen Gefahren zum Trotz würden, hättest Du Deinen Wunsch nur mit diesem Satz begründet, meine Kuriere täglich zu Dir fliegen, denn alles, alles soll verbrennen, damit Deine Liebe, ein Fanal des Sieges, hell auflodere. Aber Du fügst einen anderen Satz hinzu: »jedes Deiner Worte ist Gift in der großen, offenen Wunde meines Herzens, ich vergehe daran, und ich muß doch leben, um des Einzigen willen, den das kurze Liebesglück mir ließ: um unser Kind...«Ich verstumme, Delphine. Vielleicht, daß vollkommene Ruhe Dir hilft, Dich wiederzufinden. Alle Zweifel an Deiner Liebe, Deiner Treue, die in mir aufsteigen, will ich zu ersticken, alle Sehnsucht durch das Übermaß der Arbeit, die vor uns liegt, zu unterdrücken suchen.Lebewohl!Lucien Gaillard an Delphine.Paris,den 25. Juni 1787.Verehrte Frau Marquise! Meinem Versprechen getreu sende ich heute einen ersten Bericht. Ich würde, auch ohne Ihre bestimmte Aufforderung, stets rückhaltlos wahr sein.Der Prinz war ganz gebrochen. Er weinte nach innen, wie alle Starken. Tagelang schloß er sich ein. Erst die Nachricht, die der Marquis Lafayette ihm überbrachte, daß die beiden Minister des Kriegs und der Marine angesichts der drohenden Haltung der preußischen Truppen an der Grenze Hollands und der leeren Kassen Frankreichs ihren Abschied eingereicht haben, riß ihn aus der Versunkenkeit.Er ist ein Mann der Tat, darum wird er nicht untergehen, Frau Marquise!Das Gerücht, daß wir zu der Ehrlosigkeit gezwungen sein könnten, unsere holländischen Verbündeten im Stich zu lassen, empört die Pariser. An der Place de la Dauphiné verbrannte mandie Bilder des Finanzministers, die vorher gewaltsam aus den Buchhandlungen entfernt worden waren. Vor dem Schloß von Versailles versuchte man eine laute Demonstration; es wäre zu einem Zusammenstoß mit den Schweizer Garden gekommen, wenn nicht die Nachricht sich verbreitet hätte, daß die neugeborene Prinzessin soeben verschieden sei. Das Volk ging ruhig auseinander. Es ist jetzt noch ein lenkbares Kind. –Meine Adresse ist im Augenblick die Ihnen bekannte. Ich unterschreibe nicht. Eine Verbindung mit mir könnte Ihnen einmal gefährlich werden.Lucien Gaillard an Delphine.Paris,den 19. August 1787.Verehrte Frau Marquise! Der Prinz hat Paris verlassen. Nur auf kurze Zeit, wie er sagte, und um die Stimmung in der Provinz kennen zu lernen. Auch Lafayette und Mirabeau sind fort. Ich glaube, daß sie, seitdem das Parlament durch königliche Haftbriefe nach Troyes verwiesen ist, ähnlichem Schicksal aus dem Wege gehen wollen.Wir leben in dauernder Erregung. Wir erzwangen uns den Eintritt ins Parlament während der stürmischen Verhandlungen. Ich wahrte mir, so sehr ich konnte, die Kühle meines Kopfes und sehe in der Verweigerung der Grund- und Stempelsteuern weniger ein Zeichen des allgemeinen demokratischenGeistes, der sich keinem Machtwort eines absoluten Monarchen mehr fügen will, als einen Beweis für den Egoismus der Stände. Wären sie Vaterlandsfreunde, wie sie zu sein behaupten, so würden sie im Augenblick höchster Gefahr, wo die Regierung an ihren Opfermut appelliert, nicht krampfhaft die Hand auf den Beutel halten.Mir und meinen Gesinnungsgenossen kann diese Enthüllung der Motive ihres Handelns nur recht sein. Mit um so größerer Wucht werden wir im geeigneten Augenblick neben die von ihnen erhobene Forderung bürgerlicher Freiheit die der sozialen Gleichheit stellen.In den politischen Klubs tönt sie laut genug. Und die Polizei hat sie längst gehört. Vor kurzem rief ein Leidenschaftlicher im Palais-Royal über die Köpfe der Flaneure hinweg: »Mit den Gedärmen des letzten Priesters erdrosseln wir den letzten König.« Man wollte ihn verhaften, ließ ihn aber laufen, als sich zur Beschämung des Polizeibeamten herausstellte, daß der Satz von Diderot stammt, dem am gleichen Tage in der Akademie eine tönende Gedächtnisrede gehalten worden war.Die gewaltsame Registrierung der Steuern, – der König will seine Selbstherrlichkeit in einem Augenblick beweisen, wo sie nichts als eine Chimäre ist, – ruft noch ständig erregte Szenen hervor. Der Graf von Artois wurde gestern auf dem Wegezur Chambre des Comptes ausgepfiffen. Kein Steuererheber – davon bin ich überzeugt – wird gegen die Haltung des Parlaments den Mut haben, die Order des Königs auszuführen.Verzeihen Sie, wenn die Leidenschaft mich weit über meinen Auftrag hinausgehen ließ!Lucien Gaillard an Delphine.Paris,am 26. September 1787.Ich danke Ihnen, verehrte Frau Marquise, für Ihren Brief, und freue mich innig, Ihnen ein wenig helfen zu können, indem ich Ihr Interesse an den politischen Vorgängen wach erhalte.Der Prinz ist zurück. Die Provinzialversammlungen, die jetzt überall tagen, sind, nach seinem Bericht, vom gleichen Geist erfüllt. »Ich habe«, sagte er, »einmal um den Tod Rousseaus, Voltaires, Diderots geklagt. Jetzt weiß ich, daß wir Tote nicht zu betrauern haben, deren Geist unsterblich ist!«Der König glaubte die Parlamente übergehen zu können, er behandelte sie wie ungezogene Kinder; er lernte inzwischen, daß er Männer vor sich hat, und die Zurückziehung der bereits registrierten Steueredikte war ein Eingeständnis seiner Verlegenheit und seiner Schwäche, über die keine tönende Rede der Monarchisten mehr hinweghilft. Der Einzug Wilhelms von Oranien im Haag mit Hilfe preußischer Truppen, über den das ehrliebendeFrankreich heute in helle Wut gerät, hat den Rest von Respekt vor dem Kriegsherrn und seinen Ratgebern zerstört. In Kriegshäfen, Schiffe und Armeereformen haben wir Millionen gesteckt, und besitzen nicht einmal so viel politische Macht, um uns vor dem Hohngelächter der Nachbarn zu schützen. Die preußischen und englischen Diplomaten, die hier zusammentreffen, haben leichtes Spiel.Daß der Herr Marquis der Provinzialversammlung in Straßburg beiwohnen will, ist sehr erstaunlich. Darf ich vielleicht dem Prinzen mitteilen, daß Sie um jene Zeit allein sein werden?Graf Guy Chevreuse an Delphine.Versailles,den 22. November 1787.Schönste Marquise. Bisher zögerte ich, Ihnen zu antworten, denn was blieb mir zu sagen übrig? Sollte ich klagen, weil Sie nicht kommen mögen? Sollte ich Hoffnungen aussprechen, die nichts als leere Worte gewesen wären? Oder sollte ich Ihnen zur Erheiterung im Tone der Pariser Parlamentsräte das »üppige Hofleben« schildern, den »Taumel des Vergnügens«, in dem wir leben; den »Goldregen«, der sich über uns ausgießt, »während das Volk im Elend verkommt?!«Hier statt dessen ein Bild der Wirklichkeit: Nur von wenigen ihrer Getreuesten begleitet, durchstreifte die Königin die herbstöden Gärten vonTrianon. Den Tod der neugeborenen Prinzessin hat sie um so weniger überwunden, als irgend ein altes Weib in ihrer Umgebung ihn als böses Omen deutete. Sie trug, wie wir alle, Trauerkleider; der kleine Dauphin klammerte sich, wie immer, an ihre Hand, sein schwarzes Röckchen ließ seine Blässe doppelt durchsichtig erscheinen. Unser Ziel war der Pachthof.»Ich will mir einmal einen fröhlichen Tag bereiten«, hatte die Königin mit wehmütigem Lächeln gesagt und die Börse gefüllt für ihre Schützlinge in den kleinen Häusern.Als wir uns näherten, kamen uns die Lakaien, die den Besuch der Königin gemeldet hatten, mit verlegener Miene entgegen. Die Leute seien bei der Arbeit, hieß es. Die Königin grub die Zähne in die Unterlippe. »Wir werden warten«, sagte sie dann und ließ sich auf der Steinbank nieder. Ein paar Gesichter tauchten hie und da hinter den kleinen Fenstern auf und verschwanden wieder. Schließlich lief eine fröhliche Schar kleiner Kinder von der nahen Wiese uns entgegen. Die Königin rief sie, nahm den Kleinsten auf den Schoß, küßte ihn und drückte einem jeden ein Geldstück in das Fäustchen; die Eltern sahen hinter den Büschen und Hecken heimlich zu.»Vor einem Jahre haben sie noch alle vor mir im Staube gelegen,« sagte die Königin bitter. Wir gingen schweigsam zurück. Nur sie schritt stolz undhochaufgerichtet vor uns, einen hochmütig-verächtlichen Zug um die Lippen.Wir empfanden seitdem eine merkbare Umstimmung nicht nur bei ihr, sondern auch beim König, der die geheimen Unterhaltungen mit seiner Gemahlin mehr als sonst zu suchen scheint und nie versäumt, sie zum Ministerrat zuzuziehen. Das Maß seiner Güte scheint endlich erschöpft.»Die Neuerer wollen ein Frankreich, das englisch ist«, meinte er kürzlich erbittert, und bei Gelegenheit einer der letzten offiziellen Empfänge in Versailles erklärte er laut: »Die Idee, dauernde Generalstände zu schaffen, ist umstürzlerisch gegen die Monarchie. Wird sie verwirklicht, so existiert zwischen dem König und dem Volk als intermediäre Macht nur noch die Armee.« Jeder erstaunte; es war das erste Mal, daß der König an die Gewalt erinnert hat.Vor wenigen Tagen fand eine königliche Parlamentssitzung statt, in der sein Stimmungswechsel zu klarem Ausdruck kam. Sie wissen, daß ich der Politik bisher weiter aus dem Wege gegangen bin als den häßlichen Frauen. Wenn ich dieser Sitzung beiwohnte, so nur weil Schauspiele der Art, seitdem die Theater immer langweiliger, die Tänzerinnen immer älter werden, und selbst die Somnambulen, die uns so angenehm gruseln lehrten, anfangen, sich mit politischer Hellseherei abzugeben, die Öde des Lebens allein noch unterbrechen. Es war der Mühe wert.Im Namen des Königs hielt der Großsiegelbewahrer, aufgeplustert wie ein Truthahn und feuerrot wie er, eine donnernde Philippika, zwischen jedem Satz eine Pause machend, um ihre Wirkung zu beobachten.»Der König allein hat die souveräne Gewalt im Reich –«, ein paar Räte zuckten merklich die Achseln. »Gott selbst hat ihn eingesetzt; nur Gott ist er verantwortlich –«, auf allen Gesichtern stand ein spöttisches Lächeln. »Die gesetzgebende Gewalt ruht allein beim König –«, ein lebhaftes »Oho!« machte sich hörbar.Dann wurde das Anleiheedikt – es handelt sich um die hübsche Summe von vierhundert Millionen! – verlesen, und die Schleusen der Beredsamkeit waren geöffnet.Welche Wasserfälle sahen wir! Ein Herr Duval d'Esprèmenil zeichnete sich besonders aus; den ganzen Katechismus der Enzyklopädisten betete er herunter: »Menschenrechte« – »Volkssouveränität«, – »Gemeinwohl«, – »Gesamtwille«, – noch im Traum dröhnte mir das alles im Ohr. Von der Anleihe wollte keiner etwas wissen, ungefähr wie ein dressierter Hund, dem zwar nach dem fetten Bissen das Wasser im Munde zusammenläuft, der aber schielend den Kopf davon abwendet, wenn man ihm sagt: »Pfui – das kommt vom König!«Trotz des Widerspruchs wurde die Registrierung des Edikts befohlen. Ein unwilliges Gemurmelerhob sich; den Augenblick benutzte der Herzog von Chartres, – es wird mir schwer, ihn mit dem Titel seines vornehmen verstorbenen Vaters Orleans zu bezeichnen, – und erklärte das Vorgehen des Königs für ungesetzlich.Eine kurze Pause allgemeiner Verblüffung, die aber leider niemand benutzte, um dem neuen Volkshelden die Krone anzubieten, obwohl Madame de Genlis die Rolle der Pompadour schon ohne Souffleur zu spielen imstande ist.»Weil ich es will, ist es gesetzlich«, tönte des Königs Stimme scharf und hell durch den Saal. Und der Hof zog sich mit seinem Gefolge zurück.Heute ist der verbannte Herzog der Märtyrer der Volksfreiheit! Ich kenne eine erkleckliche Zahl Glieder des dritten Standes, die bitterlich um ihn weinen: die kleinen Mädchen aus den Singspielhallen, die Venuspriesterinnen vom Palais-Royal.Possen, wie diese, erinnern mich an Sankt Nikolas, mit dem man uns als Kinder schreckte; wenn die »große Revolution«, mit der man die Erwachsenen zu schrecken sucht, nichts anderes aufzuführen weiß, als daß sie mit der Rute droht, mit faulen Äpfeln wirft und bunte Pfefferkuchen verteilt –!Ach, wenn die Tage von Chantilly noch einmal wieder kämen! Wir sind doch noch so jung, schönste Delphine!Marquis Montjoie an Delphine.Straßburg,den 12. Dezember 1787.Meine Liebe. Die Verhandlungen der Provinzialversammlung werden sich noch bis Ende des Monats hinziehen. Ich fühle mich kräftig genug, sie auszuhalten, obwohl ich keinen leichten Stand habe. Die Mehrheit der Mitglieder neigt zur Annahme der Grundsteuern. Daß Rohan durch den Weihbischof seinen Protest mit dem meinen vereinigte, hat unserer Sache natürlich mehr geschadet als genutzt. Baron Flachslanden frug mich erstaunt, wieso gerade ich auf meinem Eigensinn beharre, da ich doch die Besteuerung nicht mehr zu fürchten brauche! Ein Zeichen der Zeit: man begreift nicht, daß ein Mensch uneigennützig nach Grundsätzen handeln kann!In allen anderen Fragen herrscht erfreuliche Einmütigkeit. Der Wunsch, die Machtvollkommenheit der Regierung auf alle Weise einzuschränken, die Übergriffe der durch unsere bisherige Nachgiebigkeit reich gewordenen Intendanten unmöglich zu machen, beherrscht die Verhandlungen.Daß die unaufhörlichen Regengüsse sich in der Feuchtigkeit des Schlosses so unangenehm bemerkbar machen, bedaure ich sehr. Beschränken Sie sich möglichst auf einen Raum, dessen Kamin dauernd geheizt bleibt, damit das Kind nicht Schaden leidet.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Montbéliard,den 15. Dezember 1787.Meine Sehnsucht siegt über meinen Stolz und meine Vernunft. Du bist allein. Ich bitte Dich, übergib meinem Reitknecht Deine Antwort auf meine Frage: Kann ich Dich sehen?Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Montbéliard,den 18. Dezember 1787.»Ich ertrüge es nicht,« sagst Du, »die Augen gehen mir über, wenn ich einmal aus der Burg ins helle Licht des Tages komme. Das Herz würde mir brechen, wenn ich Dich sehe –«Wüßte ich nicht so sicher, daß niemand bei Dir ist – bei Gott, Delphine, ich könnte nicht anders, als an einen Nebenbuhler glauben!Die Gespenster der Vergangenheit steigen vor mir auf. Gut, daß es ein Feld atemlos heißer Kämpfe gibt, in die ich mich stürzen kann.Lucien Gaillard an Delphine.Paris,den 11. Mai 1788.Verehrte Frau Marquise. Was ich versprach, vergesse ich nicht. Wenn ich nicht schrieb, so darum, weil ich den Prinzen monatelang aus demGesicht verloren hatte und fürchten mußte, zudringlich zu erscheinen, wenn ich eine Nachricht von ihm nicht geben konnte.Gestern erst sah ich ihn mitten im Tumult des Palais-Royal. Er schüttelte mir die Hand. »Es wird ernst,« sagte er mit einem Blick auf die gestikulierende, durcheinander schreiende Menschenmenge. »Der Todeskampf der absoluten Monarchie beginnt,« antwortete ich, und er nickte. Dann verlor er sich wieder im Gedränge.Seit dem achten Mai, wo der König die Parlamente ihrer Macht entkleidete, wächst die Erregung. Parlamentsräte, Aristokraten und Priester fraternisieren auf der Straße mit Krämern, Arbeitern und Journalisten. Und dem verblendeten Volke erscheinen sie plötzlich wie lauter Freiheitshelden.Die Sturmflut von Paris überschwemmt bereits die Provinz und wetteifert mit den Unwettern, die der Himmel sendet. Die berufenen Wächter des Thrones – der Priester und der Edelmann – erheben die zu seinem Schutze bestimmten Waffen gegen ihn, und zerstören damit im Volke den letzten Rest des Kindertraums von der unantastbaren Heiligkeit des Königs.In der altersgrauen Burg des Absolutismus sucht er sich zu verschanzen, zu blind, um zu sehen, daß sie schon eine Ruine ist.Graf Guibert an Delphine.Grenoble,den 20. Juni 1788.Teuerste Marquise. Meine Reise in den Elsaß wurde im vergangenen Jahre durch die Kriegsunruhen vereitelt; in diesem Jahre wäre sie durch den Krieg im Innern beinahe wieder verhindert worden. Ich habe Tage erlebt, die sich nicht leicht vergessen lassen und den Soldaten mit dem Bürger in mir in schwere Gewissenskonflikte gerissen haben.Wir hatten in Paris erfahren, daß die Registrierung der neuen Edikte in der Dauphiné selbst mit Hilfe der Bajonette auf bewaffneten Widerstand der Bevölkerung stieß. Der Kommandant, der Herzog von Tonnerre, bat um Hilfe. Ich wurde zur Rekognoszierung nach Grenoble gesandt. Kaum war ich angelangt, als erschreckte Landleute die Straßen füllten.»Das ganze Gebirge ist in Aufruhr,« erzählten sie; »Männer, wie Wilde, in Lederjacken und geschnürten Schuhen, mit Sensen und Dreschflegeln, Mistgabeln und Stöcken bewaffnet, steigen in hellen Haufen von den Bergen –« Ich alarmierte die Besatzung, aber es war zu spät; schon drangen Scharen abenteuerlicher Gestalten, Leute wie Riesen mit langen wirren Bärten in die Stadt. Der Herzog von Tonnerre, den sie in seinem Palais überfielen, wurde schwer verwundet; derGeneral Joucourt, der zur Hilfe gerufen worden war, meldete sich krank, und der erste Offizier, dessen Truppe den Angreifern gegenüberstand, warf den Degen fort, breitete die Arme aus und rief: »Wir schießen nicht auf unsere Väter und Brüder!«Es war eine verzweifelte Situation, der wir erst nach einigen blutigen Zusammenstößen Herr geworden sind. Aber wir fühlen uns wie in Feindesland; der kleinste Bursche zeigt seine Vaterlandsliebe, indem er vor jedem Uniformierten die Zunge ausstreckt.Sie kennen meine Ansichten und werden begreifen, daß ich dem Befehle, nunmehr im Elsaß den Manövern beizuwohnen, mit Freuden folge, nur um hier nicht weiter den Schergen des Absolutismus spielen zu müssen.Ich bin nächsten Monat in Straßburg und werde mir von da aus gestatten, Ihnen in Froberg meinen Besuch zu machen.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Versailles,den 10. August 1788.Allerschönste. Eine Zeichnung Guiberts macht die Runde in Versailles: unter dem düsteren Torbogen einer Burg steht die zarte Elfengestalt eines reizenden Weibes; weich fließt das weiße Kleid um ihre schlanken Glieder, aus dem schmalen süßen Gesichtchen glänzen übergroße erschrockene Kinderaugen.»Delphine« steht darunter – mitten in einem flammenden Herzen!Delphine –, welch ein Zauber umfängt mich wieder! Wie beneide ich den Glücklichen, der Sie sehen durfte; wie preise ich das Unglück, das Sie nur noch schöner werden ließ!Seit der Dauphin von uns gegangen ist –, es war wirklich ein leises Davongehen, kein Sterben, – hat die Königin nicht mehr gelächelt. Ihr Bild zauberte endlich wieder einen hellen Schein auf das Gesicht der Unglücklichen.»Ich küsse sie zärtlich in Gedanken, die liebe, kleine Marquise,« sagte sie.Und noch eine andere, eine ganz andere, hat das Bildchen angelächelt: die Guimard.»Zum letzten Tanz« hatte sie ihre alten Freunde geladen. Ihr Hotel strahlte von hundert Kerzen, ihre Tafel bog sich unter dem Silbergerät; ein Netzwerk köstlicher Rosen hing unter dem Plafond.Sie tanzte noch einmal alle Tänze, die ihre Triumphe gewesen waren, nur langsam, gleichsam zögernder, als einst, – wie im Traum. Und währenddessen regnete es Rosenblätter.»Die Rosen welken,« meinte die Tänzerin wehmütig. »Es liegt in Ihrer Hand, sie wieder blühen zu machen« – »Wie können Sie von uns gehn!« – »Was ist die Oper ohne Sie?!« rief alles durcheinander. Aber ihr Entschluß, der Bühne zu entsagen, war unwiderruflich.»Perrückenmacher und Lakaien sind die Richter der Talente geworden; ich aber habe meine Erfolge nur dem Urteil der besten Kreise verdankt; soll ich mich dazu hergeben, mich von der crapule kritisieren zu lassen,« erklärte sie, und wir widersprachen nicht mehr.Ein paar Tage später sandte sie mir eine Karikatur: unter federngeschmückter Perrücke eine Frau mit geschminktem Totenkopf, unter dem rosa Gazeröckchen ein Knochenbein in die Luft werfend –, »das Skelett der Grazien« stand daneben, »der Dank der Pariser« auf der anderen Seite in der Schrift der Guimard.Es ist heimlicher in Ihrer alten Gespensterburg, süße Delphine, als mitten in Paris.Graf Guibert an Delphine.Paris,den 23. August 1788.Meine teuerste Marquise. Noch fühle ich Ihre Atmosphäre um mich und bin doch schon über zwei Wochen in Paris. Ich glaube, sie kann sich nie mehr verflüchtigen, denn sie ist, – das haben Sie mir ja rasch und deutlich genug zu verstehen gegeben –, nicht jene von flüchtigen Liebesspielen parfümierte Salonluft, die dem bloßen offnen Fenster weicht, sondern die herbe Luft der Vogesen selbst.Ich kenne Frauen – sehr wenige nur! – die in ihrer Ehe die Erfüllung ihrer Glücksträume fanden.Um sie ist es ebenso ruhig; kein leichtsinniges Verlangen vermag neben ihnen wach zu werden. Wie kommt es nur, daß ich bei Ihnen wie bei jenen mich fühlte, obwohl das Leid, die Entbehrung Ihre Züge zeichnen?!Auf der ganzen Reise träumte ich noch, so daß ihre Bilder fast spurlos an mir vorüber zogen. Der böse Sommer, die Überschwemmungen des Frühjahrs machten die Landschaft traurig, wie die Menschen. Seltsam ist es, wie das Gesicht jedes Bauern sich erhellt, wenn die Generalstände erwähnt werden. Das Volk erwartet von seinen Vertretern, wie früher vom lieben Gott, die Erlösung von allem Übel.Seit Neckers Zurückberufung, die mir, wie ich Ihnen sagte, schon lange als einziger Ausweg erschien, fange auch ich an, daran zu glauben. Er ist entschlossen, die Generalstände so rasch als möglich zu berufen und den Parlamenten alle ihre Machtbefugnisse zurückzugeben. Es wird das im Augenblick wie eine Niederlage des Königs erscheinen, ist aber die einzige Möglichkeit, ein starkes konstitutionelles Königtum aufzurichten.Gegenwärtig steht Paris unter einem Platzregen von Broschüren. Linguet, der nichts weniger verträgt, als vergessen zu werden, schlägt allen Ernstes vor, zur Beruhigung der Gemüter – als »Symbol der Freiheit«! – die Bastille abzutragen; ein anonymer »Brief eines Bürgers« ergeht sichin überschwenglichen Lobpreisungen des dritten Standes: »er allein schafft den Reichtum der Nation, aus ihm allein erwachsen die führenden Geister der Kunst und Wissenschaft«; eine andere Schrift spricht von den »reinen Sitten des tugendhaften Volkes, das, aufgeklärt über seine Macht, die Tyrannei des Adels brechen wird, wie es die des Königtums gebrochen hat«. Ein ähnlicher Ton findet sich überall; wenn der kleine Mann diese ewigen Verbeugungen sieht, die übereifrige Volkstribunen vor ihm machen, wird er sich bald für den einzig berufenen Beherrscher Frankreichs halten müssen.Als ich Necker gegenüber Ähnliches aussprach, war er empört; er übertreibt den Respekt vor der öffentlichen Meinung, die, wie er selbst versicherte, die einzige Richtschnur seiner Handlungen ist.Man spricht übrigens von einer neuen Notabelnversammlung, die über die Zahl der Deputierten, die Größe der Ständevertretung und dergl. mehr beraten soll. Würde ich dann vielleicht das Glück genießen dürfen, Sie wieder in Paris zu sehen?Lucien Gaillard an Delphine.Paris,den 8. Oktober 1788.Verehrte Frau Marquise. Zum ersten Mal hat der Prinz mich gestern nach Ihnen gefragt, und ob ich Nachricht von Ihnen hätte. Ich verneinte, meinem Versprechen gemäß. Er war außerordentlicherregt – etwas, was man heute nur dann bemerkt, wenn es den Grad der Erregung Aller noch wesentlich übertrifft.Das Schicksal scheint sich gegen die Regierung verschworen zu haben. Was sie auch tun mag, um ihre Position zu stärken, schwächt sie nur.Der König genehmigt die Generalstände. Das hätte entweder alles mit ihm versöhnen, oder wenigstens die drei Stände zu gemeinsamer Friedensarbeit vereinigen können. Er will aber noch mehr tun, will sein diktatorisches Auftreten vom achten Mai vergessen lassen, und fragt seine guten Bürger nach ihrer Ansicht über die Zahl der Deputierten für jeden Stand. Mit dieser Tat hat er den Zankapfel in ihre Mitte geworfen. Die Privilegierten, die eben noch die Vorkämpfer der Freiheit waren, sind die Gegner der Gleichheit. Der dritte Stand sieht sich seinen Feinden gegenüber!Auf diesen Moment habe ich seit Jahren gewartet, Frau Marquise. Aber nie hätte ich geglaubt, ihn der Initiative des Königs verdanken zu müssen.Jetzt kommt es zur Abrechnung! Jetzt rollen wir die Rechnung der Jahrhunderte auf! Das Defizit des Staates ist nichts gegen sie.Die Knechtschaft, der Frohndienst, die Peitsche, der Hunger, das Blut der Männer, die Ehre der Töchter des Volkes –, das Alles steht darauf und fordert Bezahlung.In einer Gesellschaft vornehmer Leute hat, so sagte man mir, ein Mann namens Cazotte ein Gesicht gehabt: er sah ihre Häupter unter dem Richtschwert des Henkers. Sie lachten über den Verrückten und würfelten seitdem in ihren Klubs unter zynischen Witzen um ihre eignen Köpfe. Die Wahnsinnigen, – sie wollen nicht wissen, daß der Würfel schon gefallen ist.Erschrecken Sie nicht, verehrte Frau Marquise. Sie wissen, ich litt immer an blutigen Träumen. Aber nie, solange ich atme, soll Ihnen, soll dem kleinen Godefroy auch nur ein Haar gekrümmt werden. Wie könnte ich je vergessen, daß er mir mit seinen kleinen Händchen streichelnd über die Wange fuhr, als sehe er gar nicht meinen Buckel. Oft bin ich so ganz verwirrt, daß ich nicht zu entscheiden vermag, was ich sehnlicher wünsche: Frankreich von der Tyrannei zu befreien, oder Sie beide aus der dunklen Burg!Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Paris,den 8. November 1788.Ich sah ein Bild von Dir mit einem brennenden Herzen darunter und Deinem Namen darin. Ich sprach den Grafen Guibert, der wochenlang bei Dir war und in Verzückung gerät, wenn er Dich nur nennen hört. Ich sah in der Notabelnversammlung den Marquis –, weder gelähmt, nochkrank, nur ein wenig schmaler, ein wenig greisenhafter.
Craignons, qu'une jalouse féeBornant les sages du LycéeDans leurs projets,Hors du giron de la scienceNe les change par sa puissanceEn perroquets.
Craignons, qu'une jalouse féeBornant les sages du LycéeDans leurs projets,Hors du giron de la scienceNe les change par sa puissanceEn perroquets.
Craignons, qu'une jalouse fée
Bornant les sages du Lycée
Dans leurs projets,
Hors du giron de la science
Ne les change par sa puissance
En perroquets.
Glauben Sie wirklich, daß Männer und Frauen stundenlang in einem Raum zusammen aushalten, ohne daß alle trockene Weisheit vom lebendigenGefühl besiegt wird? Oder sollte vor all den Theorien und Prinzipien, die mir vorkommen wie Schulbuben mit dem Schmetterlingsnetz, die ausziehen, reizende Falter zu fangen, um sie schließlich aufzuspießen, die arme Liebe die Flucht ergreifen? Anzeichen genug gibt es dafür.
Allein die Kleidung, – für die Frauen halb Sack halb Hemd, für die Männer der dunkle Frack und das Gilet, – scheint auszudrücken, daß sie ihre Aufgabe, zu schmücken, die Reize der Trägerin hervorzuheben, nicht mehr erfüllen will. Aber wo der Wunsch zu gefallen aufhört, da werden die Sitten roh, der Ton der Konversation wird schwerfällig, die Phantasie weicht der Nüchternheit, die Künste verarmen. Der Geist der Gesellschaft bildet sich nur in Kreisen, wo Männer in der Nähe der Frauen durch den Wunsch, liebenswürdig zu sein, alle Gaben ihres Geistes leuchten, zur höchsten Vollkommenheit sich steigern lassen, wo Frauen sich im stillen Ringen um den Würdigsten stets erinnern, daß sie der Natur schönstes Kunstwerk sind.
Aber die Philosophie unserer Tage, die uns, den nicht Unsterblichkeitsgläubigen, lehrte, daß kein Besitz so kostbar, kein Verlust so unersetzlich ist, als der der Zeit, hat diese Reize der Geselligkeit grausam zerstört. Man will genießen, statt sich die Mühe zu machen, zu gefallen. Ohne die sichere Aussicht auf ihren raschen Besitz schenkt mander Frau kaum noch Beachtung. Jedes weibliche Wesen wird als Kurtisane gewertet, und wenn sie Erfolg haben will, muß sie mit der Kurtisane konkurrieren.
Wir, schönste Frau, ein kleines Häuflein Verehrer der Vergangenheit, sind vor Paris und seinen Reformen bis nach Saint-Cloud geflohen, um jetzt schaudernd zu bemerken, daß die Reformen in Gestalt des Herrn von Calonne uns folgen. Der Kauf von Saint-Cloud, den die Königin ihm schließlich abtrotzte, hat ihn um den letzten Rest seiner Ruhe gebracht. Selbst für die Polignac, die seinen allzeit offnen Geldbeutel dem Herzoginnentitel vorgezogen hätte, ist er der Mann der zugeknöpften Taschen.
Kommen Sie, teuerste Delphine, um uns durch den Reichtum Ihrer Schönheit und Ihres Geistes den schauderhaften Anblick gähnend leerer Schatzgewölbe vergessen zu machen. Bringen Sie der Königin frische Luft aus den Vogesen. Sie leidet sehr, und der kleine Dauphin ist wie die Verkörperung ihrer Sorgen. Ein frohes Ereignis genügt jedoch, um sie aufzuheitern.
Als sich die reizende Komtesse Turpin mit dem Marquis Lemierre verlobte, wurde die Gelegenheit gleich zu einem Fest benutzt; wir erschienen alle im Hofkostüm der Regentschaft und träumten uns in jene schöne Zeiten zurück. Ein Bonmot des geistvollen Vaters der Braut machte die Runde. Lemierre,der seiner Schulden wegen, – die übrigens die Königin bezahlte, – bei Turpin nicht im besten Ansehen stand, suchte sich auf alle Weise bei ihm einzuschmeicheln. So sagte er einmal: »Man braucht Sie nur zu sehen, um zu glauben, daß Sie Toinettens Vater sind.« Mit der ernstesten Miene von der Welt entgegnete der Graf: »Sie vergessen, mein Herr, daß wir so glücklich sind in einer Zeit zu leben, wo man nichts mehr glaubt.«
Aus diesem langen Brief mögen Sie die Länge der Konversationen ermessen, die Ihrer warten. Madame Campan will freilich gehört haben, daß das Neueste in Paris die Verachtung der Konversation ist. Irgend ein Held der Feder hat im Mercure de France auseinandergesetzt, sie sei »eine verächtliche Kunst schmarotzenden Hofgeschmeißes« –, das ist der liebenswürdige Ton, mit dem man uns auf Grund des Schimpflexikons, das das Pariser Parlament einführte und eifrigst zu bereichern trachtet, zu behandeln pflegt! –, und er fügt hinzu, man möge endlich aufhören, die Jugend in ihr zu unterrichten, um so mehr, als sie die brotloseste aller Künste sei.
Wahrhaftig: Idealisten vom Schlage Lafayettes können nicht soviel Unheil anrichten als die revolutionären Philister, die den Zweck als ihren Gott anbeten. Sie werden noch unsere Schlösser in Kasernen umwandeln und in unseren Rosengärten Rüben pflanzen.
Sie wissen, das Feld meiner Schlachten war stets das Parkett. Erst neuerdings habe ich mir den Degen schleifen lassen und trage Pistolen in der Manteltasche. Denn ich bin gesonnen, mich dem Pöbel von Paris erst zu ergeben, wenn ich nicht mehr ich, sondern nur ein Bündel blutiger Lumpen bin.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris,den 2. August 1786.
Du fragst mich, ob Du der Einladung nach Saint-Cloud folgen sollst? Daß Du fragen kannst, Geliebteste, trägt die Antwort schon in sich. Wir wollen einander nicht aus Schonung belügen; das wäre der Anfang geistiger Trennung. Freudlosigkeit ruht schwer auf unserer Liebe, auf unseren heimlichen Zusammenkünften lastet die Schuld. Reise ruhig, armer Liebling, vielleicht daß die Luft fern von mir Dich leichter atmen läßt.
Ich fand heute früh an den Mauern von Paris ein Gedicht angeschlagen, worin die Lämmer glücklich gepriesen werden, deren Hirte einen Zaun um sie zieht, damit Füchse und Wölfe sie nicht schrecken können. Zum Schluß heißt es:
Mais si ces mêmes loups avaient formé l'enceintePour vous mieux dévorer sans péril et sans crainteDu berger vigilant, de la garde des chiens,Que seriez-vous, hélas?... De pauvres Parisiens.
Mais si ces mêmes loups avaient formé l'enceintePour vous mieux dévorer sans péril et sans crainteDu berger vigilant, de la garde des chiens,Que seriez-vous, hélas?... De pauvres Parisiens.
Mais si ces mêmes loups avaient formé l'enceinte
Pour vous mieux dévorer sans péril et sans crainte
Du berger vigilant, de la garde des chiens,
Que seriez-vous, hélas?... De pauvres Parisiens.
Mir scheint, als ob auch wir zu diesen gehörten.
Graf Guibert an Delphine.
Paris,den 26. August 1786.
Teuerste Marquise. Erst jetzt erfuhr ich, daß Sie Paris mit Saint-Cloud vertauschten. Ein böses Omen, würde ich sagen, wenn es sich um jemanden anders handeln würde, als um Sie. Denn wer heute den Hof sucht, ohne zu müssen, gehört zu seiner Partei.
Sie werden vermutlich von der Reise des Königs in die Normandie jetzt ein anderes Bild bekommen, als ich es Ihnen malte: weißgekleidete Mädchen, vor Rührung weinende Bauern, vivat-schreiende Massen, Männer und Frauen, die glücklich waren, wenn sie den Rock des Monarchen küssen konnten! So sieht jeder Fürst seine Untertanen, auch wenn sie alle schon heimlich den Dolch im Mantel trügen, um ihn in seine Brust zu stoßen. Die Krone und die Kirche haben, wenn sie all ihren Glanz entfalten, die gleiche faszinierende Gewalt. Der mystische Zauber, der sie umgibt, wirkt selbst auf die Ungläubigen.
Auch von den Regimentern, die der König inspizierte, sah er nur die neuen schönen Uniformen. Daß Glieder desselben Volkes darin stecken, das ihn in allen Wirtshäusern mit Spottliedern verfolgt und über alles räsonniert, was von der Regierung ausgeht; daß die Unzufriedenheit mit ihrer persönlichen Lage und mit der Frankreichs dieOffiziere, wie die Gemeinen ergriffen hat, und die Armee, die vor kurzem noch befürchten ließ, sie könne vor dem Feind nicht schlagfertig sein, weil ihre Führer sich zu viel amüsierten, jetzt in Gefahr steht, sich ihrem Kriegsherren zu widersetzen, weil ihre Führer zu viel denken, – das alles sieht kein König.
In Brest will man, wie ich las, Ludwig XVI. ein Denkmal errichten, – selbst unter dem großen König hat man dergleichen der Nachwelt überlassen; sollte man es jetzt damit so eilig haben, weil man befürchtet, sie könnte es vergessen?! Herr von Calonne wird es ihm als ein Zeichen der Treue seiner Untertanen darstellen, was nur ein Zeichen für die Servilität einiger titellüsterner Bürger ist.
Ich würde von Ihrer Klugheit und Ihrer Königstreue hoffen, daß Sie bei Marie Antoinette den Einfluß der Polignacs untergraben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ihre Popularität seit dem Prozeß Rohan und dem Kauf von Saint-Cloud, – eine Million für ein neues Schloß, während das Volk von Paris bei der allgemeinen Teuerung kein Fleisch essen kann! –, endgültig verloren ist.
An der Kirche von St. Géneviève ist kürzlich ein neues Portal geweiht worden, das die Königin gestiftet hat; es ist so prächtig, daß man den lieben Gott, wollte man ihm den besten Platz seines Hauses anweisen, vor die Türe setzen müßte.Das Volk stand umher und machte die bösesten Witze: »Die Österreicherin schenkt uns ein Portal, wir werden sie zum Danke dafür höflichst hinausgeleiten.«
Frau von Staël, die der Szene zufällig beiwohnte und sich beeilte, sie in ihrem Notizbuch festzuhalten, bedauerte sehr, Ihre Gesellschaft, teuerste Marquise, so rasch schon entbehren zu müssen. In ihrem Salon herrscht eine neue Passion; jeder überbietet einander in der Erfindung von Geschichten über das gleiche Thema: den Liebeswahnsinn. Sie selbst hat mit ihrer Erzählung »Die Wahnsinnige des Waldes von Sénart« alle übertroffen.
Da ich demnächst dem König über den Fortschritt der Heeresreform Vortrag zu halten habe, hoffe ich Sie in Saint-Cloud noch zu sehen. Es gibt für mich dort keinerlei andere persönliche Anziehungskraft. Selbst mein Ehrgeiz weiß nicht, wie lange es unter diesem Regiment noch eine Ehre ist, ihn zu befriedigen.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris,den 27. August 1786.
Geliebteste. Die überraschende Nachricht von der Berufung der Notabeln, die Du mir gibst, nötigt mich zur Abreise in die Provinz. Da von ihrem Zusammentreten ungeheuer viel abhängt,muß ich alles daran setzen, die Stimmung in meinen Kreisen zu beeinflussen. Ich habe natürlich von Deiner Mitteilung keinen Gebrauch gemacht, glaube aber, daß sie trotzdem eher, als es Calonne lieb ist, in die Öffentlichkeit dringen wird. Für ihn ist die Notabelnversammlung der Strohhalm des Ertrinkenden, denn die Steuerreformen, die er vorschlägt, und von denen Du in Deinem leicht entflammten Enthusiasmus das Heil der Welt erwartest, sind nichts anderes, als die süße Oblate, in der dem großen Kinde Frankreich die bittere Medizin des Defizits gereicht werden soll. Ich begrüße trotzdem diese Entwicklung der Dinge, sie wird Klarheit bringen und das ist, – auch wenn sie schrecklich sein sollte, – besser als der ewige Dämmerzustand.
Daß der Marquis sich ihr mit aller Kraft widersetzte und selbst die Ungnade des Königs nicht gefürchtet hat, ist vollkommen begreiflich. Für ihn ist der Appell an irgendeine Körperschaft und wäre es auch nur die seines Standes, eine Konzession an die öffentliche Meinung; für ihn sind die Reformen, vor allem der Vorschlag der Aufhebung der Grundsteuerfreiheit des Adels ein Waffenstrecken vor dem dritten Stand. Ich glaube aber auch, daß er einer der ersten ist, der die Veröffentlichung des Defizits zu fürchten hat, denn er ist zu sehr mit den großen Banken liiert, als daß eine allgemeine finanzielle Deroute ihn nicht treffen müßte.
Vielleicht, – und diese Hoffnung stärkt meine Kraft für den kommenden Kampf –, läßt er Dich frei, wenn er einen Erben nicht mehr braucht!
Unsere Korrespondenz wird erschwerter sein denn je. Meine offene Gegnerschaft zu der politischen Stellung des Marquis wird über dem schmalen Landstrich, der Montbéliard von Montjoie trennt, ihre Wirkung haben, seinen Zorn gegen mich also noch steigern. Kannst Du mir nachempfinden, Geliebteste, daß mich diese Gegnerschaft innerlich befreit? Mag kommen, was da will, wir bleiben vereint, auch wenn wir einander unerreichbar erscheinen. Verstummen zu können, ohne sich zu verlieren, ist ein Prüfstein der Liebe.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Saint-Cloud,den 3. September 1786.
Daß auch Sie uns verlassen konnten, schönste Delphine! Denn diesmal ist es ein Verlassen! Die Königin, die sich bei der letzten Audienz wahrhaft königlich benahm, – sie lächelte Ihnen zu, als Sie kamen, sie legte Ihnen mit eigenen Händen die Kette mit ihrem Bildnis an, die Ihnen beweisen sollte, daß die Haltung des Marquis nicht als die Ihre empfunden wurde, sie flüsterte beim Abschied »Auf Wiedersehen!« –, und warf sich aufschluchzend in die Arme der Lamballe, als die Türe hinter Ihnen zufiel.
Sie waren zu den königlichen Kindern gegangen. Bald darnach kam der Dauphin langsam, in Nachdenken verloren zu seiner erhabenen Mutter; seine dunklen Augen blickten fragend aus dem schmalen Gesichtchen, er hob die kleine blasse Hand zu ihr empor, – »ich glaube,« sagte er kopfschüttelnd, »die Frau Marquise Montjoie hat geweint.«
Sind so viele Tränen nötig gewesen, holde Freundin? War der Moment nicht der geeignete, um – zu bleiben, während der Marquis ging?! Als uns vor einem Jahr die Nachricht von der Geburt Ihres Kindes erreichte, als dann der Marquis voll väterlichem Stolz von seinem Sohn und Erben sprach, war es mir gleich vollkommen klar, daß Sie nichts getan hatten, als Ihre Pflicht. Aber nun sind Sie ihrer entbunden, – kommen Sie zurück, schönste Marquise, ehe der Abgrund zwischen uns unüberbrückbar wird.
Meine Devise bleibt: »Ma vie au roi, mon cœur aux dames;« seien Sie barmherzig und werden Sie nicht die Ursache, daß der zweite Satz mit dem ersten in Zweikampf gerät!
Graf Guibert an Delphine.
Paris,den 9. September 1786.
Verehrte Frau Marquise. Mit einer fluchtähnlichen Hast hat die Familie Montjoie Paris verlassen. Und doch wäre es von solchem Interessegewesen, uns über die bedeutungsvollen Ereignisse der letzten Zeit mit Ihnen zu unterhalten.
Herr von Calonne ist von der Not zu einem Schritt genötigt worden, der unter Umständen der Anfang konstitutioneller Entwicklung sein kann, – freilich nicht mit ihm, sondern gegen ihn. Im Kreise Neckers herrscht nur die eine schwere Besorgnis, daß er, der nur von Augenblickssorgen getrieben und von Augenblickserfolgen geblendet wird, töricht genug sein könnte, die finanziellen Verhältnisse in einer Weise zu enthüllen, die nur geeignet wäre, die Autorität der Regierung zu untergraben. Necker, der mir, – das möchte ich gerade Ihnen anvertrauen, der gegenüber ich mich seinerzeit so rückhaltlos gegen den damaligen Minister aussprach, – unter vier Augen mitteilte, daß er mit vollem Bewußtsein dessen, was er tat, im Compte rendu von 1781 die Wahrheit verschleierte, hegt nach dieser Richtung die ernstesten Befürchtungen.
Wissen Sie etwa Näheres?
Es wäre vielleicht noch möglich, wenn man beizeiten die nötige Kenntnis davon besäße, folgenschwere Entschlüsse rückgängig zu machen. Schreiben Sie mir, bitte, auch von Ihren nächsten Plänen. Bleiben Sie bis zur Notabelnversammlung in Froberg? Mein Dienst führt mich vielleicht nach dem Elsaß und ich möchte nicht verfehlen, der schönsten Frau Frankreichs die Hand zu küssen.
Lucien Gaillard an Delphine.
Paris,den 11. Oktober 1786.
Verehrte Frau Marquise. Mit Freuden erfülle ich Ihren Wunsch, von dem ich nur bedaure, daß er sich so leicht erfüllen läßt. Sie werden stets im Besitz meiner Adresse sein, auch wenn sie noch so häufig wechselt. Meine Feder von der kein Geringerer, als der Polizeileutnant Lenoir behauptete, daß sie mit Gift statt mit Tinte schreibt, wird mich während der Notabelnversammlung zwingen, im Dunkeln zu bleiben. Selbst von meinen Gesinnungsgenossen verstehen nur wenige mein Entzücken über die Aussicht auf das Ereignis des nächsten Jahres.
Die Notabeln, die das naive Volk immer noch durch den Glanz ihres Auftretens und die gewandte Form ihres Benehmens zu blenden verstehen, werden jetzt vor aller Welt gezwungen sein, auch den Blindesten Einblick in ihr Innerstes zu gewähren. Man wird ihre Selbstsucht erkennen, die auch ihre guten Handlungen regiert.
Ihre Wohltaten sind Opium für das Volk; ihre Königstreue ist das Mittel, ihnen die reichsten Pfründen zu sichern, ihr Stolz die Maske für ihre innere Leere!
Nur unter den Frauen gibt es Ausnahmen. Durch die schönste und bitterste Erfahrung meines Lebens weiß ich es: eine gibt es, die alle Tugenden undalle Vorzüge des Adels in sich vereinigt, ebenso wie ich eine andere kannte, deren Seele die offene Gosse war, die die Schmutzfluten aller Laster des dritten Standes in sich aufnahm. Die eine war meine Mutter. Werden Sie verstehen, Frau Marquise, daß meines Daseins glühendste Sehnsucht ist, mich so weit als möglich von ihr zu entfernen? Daß Sie darum der Stern sind, zu dem ich den krummen Körper emporrecke?
Die Kinder der Zukunft dürfen keine Mütter mehr haben wie die meine. Das ist das höchste Ziel der Revolution.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Montbéliard,den 20. Oktober 1786.
Geliebteste. Endlich ein zärtlicher Gruß auf sicherem Wege. Wie danke ich Dir, du Süße, für all die liebevollen, sehnsüchtigen Zettelchen, die Du mir schicktest. Ich trage sie auf dem Herzen; sie könnten mich vor feindlichen Hieben schützen, wie Deine Liebe mich für alles persönliche Leid unempfindlich macht.
Was Du von unserem Sohne schreibst, beglückt mich aufs tiefste; daß er kräftig ist, wird ihn fähig machen, den Stürmen der Zukunft zu trotzen. Wie das Kind Dich über die Qual der Gegenwart hinweghebt, – »wenn ich es sehe, sehe ich dich,« sagst du, – so hilft mir die Arbeit.
Unter dem kleinen Landadel spürt man den Hauch eines neuen Geistes. Grade der Umstand, daß er verarmte, macht ihn fähig zur Aufnahme moderner Ideen. Um so leichter wird er die Steuerprivilegien fallen lassen, wenn er auf der anderen Seite sieht, daß die Finanziers, die »an Papieren Reichen« zu neuen Steuern herangezogen werden. Mit den großen Grundbesitzern allerdings steht es anders. Der Marquis Montjoie hat unter ihnen die stärkste Anhängerschaft, und wenn der schlanke Greis mit dem Adlerprofil und den ruhigen Bewegungen seiner langen, blaugeäderten Hand vor die Versammlung tritt, um das ganze ehrwürdige Rüstzeug der Tradition gegen unsere neuen, unerprobten, blanken Waffen ins Feld zu führen, so hat er von vornherein gewonnenes Spiel. Jede Interessengemeinschaft mit dem dritten Stand lehnt er ab, am energischsten die mit den Parvenus, – »weil sie unsere Herrensitze usurpierten, glauben sie uns gleich zu stehen. Reich kann man werden, aber vornehm muß man sein.« Selbst im Kampf gegen mich verläßt ihn nicht seine äußere Ruhe; nur ich höre den schärferen Ton seiner Stimme, und sehe das Aufblitzen unversöhnlichen Hasses in seinen Augen. Aber wir sind ja erst beim Vorpostengefecht; der Feldzug beginnt in Paris.
Einen einzigen Mißton, geliebte Frau, hat Dein letzter Brief in den reinen Akkord Deiner Liebeswortegebracht. Du willst während der Notabelnversammlung des Kindes wegen, dem die Pariser Luft nicht gut bekommt, in Froberg bleiben, Du freust dich sogar, mit ihm allein zu sein, der täglichen, stündlichen Pein enthoben, die die Zärtlichkeiten des Marquis für den Kleinen dir verursachen. Und ich?! Und die Möglichkeit, daß wir den rechten Augenblick versäumen könnten, einander ganz zu gehören?!
Überlege mit dem Herzen, Geliebte, das in Wahrheit der Kopf der Frauen ist.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris,16. Februar 1787.
Geliebteste. Dich nicht hier zu wissen, ist qualvoll genug, aber zu denken, daß Du allein in Froberg trüben Gedanken nachhängst, verwundet mein Herz noch mehr. Mir ist, als hätte auf dem Papier Deiner Briefe Deine Hand gelegen, heiß von der Stirn, auf die sie kurz vorher gepreßt war, als schwebe um jedes Wort ein langer Seufzer. Und doch sollte ein einziger Gedanke genügen, Dich aufzurichten: daß unser Schicksal von Deinem Willen allein abhängt. Willst Du Dich trennen von dem Manne, der Güte, Rücksicht, Vornehmheit benutzt, um Dich unter diesem Deckmantel nur um so mehr quälen zu können, so kannst Du es auch. Wahrhaftig, Du hast ihmseine grausamen Wohltaten genug gedankt. Nimm unser Kind auf den Arm und komm zu mir; wer Dich um dieser Tat willen ächtet, dessen Urteil trifft uns nicht.
Trübe Ahnungen, sagst Du, schienen den Schlaf des Marquis zu stören; stundenlang hörtest Du ihn in der Nacht auf und nieder gehen, und wenn er, wie es neuerdings seine Gewohnheit ist, zuweilen vom neuen Schloß zu der alten, verlassenen Burg hinüberging, dann sahst Du ein Licht unruhig hinter ihren Fenstern auftauchen und verschwinden. In einer solchen Nacht hat Dein mitleidiges Herz Dich zu ihm getrieben und Du hast ihm stumm die Hand gereicht!
Wie könnte ich Dir darum zürnen, Du Einzige Du?! Vergiß nur nicht, daß ein anderer Mann noch bemitleidenswerter ist!
Die Mitglieder der Notabelnversammlung dürften schon vollzählig eingetroffen sein. Die Pariser, für die das Schauspiel doch nur hinter verschlossenen Türen vor sich geht, benehmen sich wie Kinder vor den Vorhängen des Kasperltheaters. Alles scheint Zeit zu haben, denn alles ist auf der Straße. Man scherzt und lacht, aber die Fröhlichkeit, die wie ein leichter Luftzug die Oberfläche des Wassers zierlich kräuselt, läßt nicht vergessen, daß ein Sturm seine dunkle Flut bis in ihre schlammigen Tiefen aufwühlen kann.
Als Herr von Calonnes Erkrankung bekanntwurde, und manverbreitete, er speie Blut, frugen die Witzbolde der Journale: seins oder das der Nation? Als er zum ersten Male das Haus verlassen durfte, fand er an seiner eigenen Tür folgenden Anschlag: »Die Schauspieler des Finanzministers werden zur Aufführung bringen: 'Überflüssige Vorsicht' und 'Trügerische Hoffnungen'. Die Rolle des Souffleurs übernimmt er selbst.« Im Theater zu Versailles wurde in Anwesenheit der Königin die Oper »Theodor« von Paësiello aufgeführt. Als der Titelheld, ein verlassener König, seine Schmerzen klagte, rief eineStimmeim Parterre: »Berufen Sie doch die Notabeln!« Schallendes Gelächter und endloses Bravorufen unterbrach die Aufführung. Man versuchte, die Unruhstifter zu verhaften, die Königin erhob Einspruch; das Publikum jedoch empfand ihre Güte nur als Schwäche, als ein Buhlen um seine Gunst, und laute Pfiffe folgten ihrem davoneilenden Wagen.
Wer es in den Journalen oder gar in den erregten Diskussionen versucht, die Reformen zu verteidigen, von deren Inhalt manches bekannt wurde, begegnet meist dem stärksten Unwillen. »Wir wollen keine Almosen, wir wollen Rechte,« rief Gaillard vor ein paar Tagen solch einem geheimen Emissär der Regierung zu. »Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten. Die Reformen sind nichts als neue Mittel, ihn denMachtmachern unterwürfig zu machen. Wir verwerfen sie. Wir verlangen die Anerkennung der Souveränität des Volkes, nicht die Stillung unseres Hungers durch Brosamen, die von des Reichen Tische fallen.«
Die Notabeln sind äußerlich ruhiger, umso erregter im Innern. Es ist ein andrer Adel als der von Versailles, der sich den erstaunten Blicken der Pariser preisgibt: viele Männer mit großem Namen in geflicktem Rock, viele Priester mit arbeitsharten Händen.
Ehe Du diesen Brief erhältst, werden wir zusammengetreten sein. Eine eben erschienene Broschüre steigert noch die Erregung. Sie trägt den Titel: »Letzte Gedanken des Königs von Preußen«, und enthält unter anderem folgende Sätze, die heute früh in großen Lettern an den Straßenecken prangten:
»Nationen, die mit geborgtem Geld Kriege führen, werden niemals Frieden haben; nach dem Krieg mit dem Nachbarn beginnt der Krieg mit den Geldgebern; das Volk kommt nie zur Ruhe. Bleibt schließlich nur der Ausweg des Bankrotts, und er ist unvermeidlich.«
Marquis Montjoie an Delphine.
Paris,den 3. März 1787.
Meine Liebe. Die außerordentlich anstrengende Tätigkeit im dritten Bureau der Notabelnversammlungmacht es mir erst heute möglich, Ihnen für die gewünschten regelmäßigen Berichte zu danken. Es freut mich zu hören, daß Sie und Godefroy sich wohlbefinden.
Obwohl die Geheimhaltung der Verhandlungen mir verbietet, Ihnen ihren Verlauf im einzelnen zu schildern, so halte ich mich doch für verpflichtet, Ihnen, im Vertrauen auf Ihre unverbrüchliche Verschwiegenheit, – jede Veröffentlichung der Tatsachen würde unabsehbares Unglück heraufbeschwören –, den Ernst der Lage nicht vorzuenthalten.
Stutzig gemacht durch die Andeutungen des Finanzministers über die Höhe der Schulden, und empört über die uns zugemutete neue Grundsteuer, – der Adel Frankreichs hat sich bisher die Steuer des Bluts und des Lebens für den König selbst auferlegt und braucht sich darum nicht wie ein jeder Krämer des dritten Standes behandeln zu lassen, dem man die Opfer für das Vaterland erst abzwingen muß, – haben wir einen Rechenschaftsbericht verlangt, um ihn mit dem Compte rendu Neckers vergleichen zu können. Er ist uns gestern in unzureichendster Weise gegeben worden. Darnach scheint die Schuldenlast seit 81, wo ein Überschuß von 10 Millionen konstatiert wurde, auf nicht weniger als 112 Millionen angewachsen zu sein. Das bedeutet, wenn die Aufstellung richtig und wenn eine Deckung nichtzu beschaffen ist, den Staatsbankrott, und wenn die Öffentlichkeit unterrichtet wird, eine ungeheure finanzielle Deroute. Diese beiden Möglichkeiten bitte ich Sie, ins Auge zu fassen und sich darauf vorzubereiten, daß auch ich den größten Teil, wenn nicht den ganzen Rest meines Vermögen bei dem stark engagierten Bankhaus Saint-James verlieren könnte.
Es ist selbstverständlich, daß wir Alles tun, um ein Unglück zu verhindern. Es ist aber auch ebenso selbstverständlich, daß wir uns nicht, wie die Regierung zu erwarten schien, zu ihrem willenlosen Sprachrohr machen. Alle sieben Bureaux haben trotz des leidenschaftlichen Widerstandes des Herrn von Lafayette und seiner Anhänger, die um den Beifall der Straßenpolitiker zu geizen scheinen, die Grundsteuer abgelehnt, ehe uns nicht die detailliertesten Nachweise über die finanzielle Lage gegeben werden. Verschwendungen ungeheurer Art oder schmähliche Veruntreuungen innerhalb der Regierung sollen wir gezwungen sein, auf unsere Schultern zu nehmen? Der König, der sein Ohr schlechten Ratgebern lieh, hat es verstanden, den Adel, auf den er sich sonst allein stützen konnte, im Lager seiner Gegner zu sehen.
Sollte Außerordentliches geschehen, so werde ich Ihnen durch besonderen Kurier Nachricht geben.
Graf Guibert an Delphine.
Paris,den 22. März 1787.
Verehrte Frau Marquise. Ihre Antwort auf meinen Brief war so diplomatisch, daß ich wieder einmal von der Begabung der Frauen für die Politik überzeugt worden bin.
Inzwischen haben die Ereignisse mir rechtgegeben. Calonne wird über ihnen stürzen, jetzt besonders, wo sein kopfloser Appell an die Öffentlichkeit sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen hat. Das Volk steht auf Seite der Notabeln, nur weil sie die Frondeure der Regierung sind. Die Zahlen, die allmählich, trotz des strengsten Schweigegebots durchsickern, steigern die Aufregung und rauben uns allen Kredit und alles Ansehen. Man hört von geheimen Rüstungen in England, von preußischen Truppen, die sich an der holländischen Grenze zusammenziehen. Der Tod Vergennes', eines tüchtigen Mannes, der verstand, unsere auswärtige Politik durch die bedrohlichsten Stürme zu steuern, die Unfähigkeit des Lakaien Montmorin, seines Nachfolgers –, das alles sind Vorboten trüber Tage.
Aber nicht, um Sie mit ihnen zu schrecken, schreibe ich heute, sondern um Sie um die Gnade zu bitten, Sie bei meiner Inspektionsreise im Elsaß aufsuchen zu dürfen. Sollten Sie im Mai nicht in Froberg sein, so darf ich noch eine Nachricht erwarten. Oder dürfte ich, trotz Ihrer offenbarenUngnade, darauf hoffen, auf alle Fälle eine Zeile von Ihnen zu erhalten? Meine unerschütterte Verehrung für Sie sollte wenigstens auf die Gewährung eines Handkusses rechnen können!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris,am 9. April 1787.
Geliebteste Delphine. Ich beeile mich, Dir durch besonderen Kurier mitzuteilen, was Dich und uns auf das Nächste berühren muß. Calonne wurde heute seines Amtes enthoben. Über die schwindelnde Höhe des Defizits herrscht in der Pariser Bevölkerung kein Zweifel mehr. Die Bankhäuser Saint-James und Boutin sind seit gestern geschlossen. In der heutigen Sitzung erschien der Marquis als ein Gespenst seiner selbst, aber in grader, tadelloser Haltung. Er bat, wie ich erfuhr, um Urlaub. Wie weit er an dem Ruin des Herrn von Saint-James beteiligt ist, weiß niemand.
Ich hoffe mit Bestimmtheit, daß diese Zeilen Dich vor seiner Ankunft erreichen, und Dein gütiges Herz nicht unvorbereitet seinem Unglück gegenübersteht.
Marquis Montjoie an Delphine.
Paris,den 9. April 1787.
Meine Liebe. Das Gefürchtete ist eingetroffen, ohne mich noch überraschen zu können. Ich habemein Vermögen verloren. Das Wenige, was ich im Laufe der letzten Tage sicherzustellen vermochte, wird grade nur ausreichen, uns vor Entbehrungen zu schützen. Ich bedaure die Sachlage um Ihretwillen, die Sie an ein luxuriöses Leben gewohnt sind. Für meinen Erben möchte ich sie dagegen beinahe als ein Glück bezeichnen. Der Reichtum hat den Adel Frankreichs in Bahnen gelenkt, die ihn seiner besten Kräfte berauben; die Armut wird ihn unweigerlich vor die Wahl stellen, untergehen zu müssen oder sie zurückzugewinnen. Die Zukunft bedarf eines Geschlechtes von Eisen.
Ich werde meiner Gemahlin keine anderen Kleinodien, und meinem Erben nichts mehr zu hinterlassen haben als die Ehre meines Namens. Ich erwarte, – das einzige, was mir das Leben noch zu erwarten übrig ließ –, daß sie sich dieses Schatzes würdig erweisen.
Ich folge diesem Brief auf dem Fuß, da ich zunächst in Straßburg alles Geschäftliche zu erledigen habe. Froberg bleibt uns. Wir werden uns jedoch auf die Burg beschränken müssen.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Saint-Cloud,den 4. Mai 1787.
Teuerste Delphine! Das Unglück, das Sie traf, hat mich mit betroffen, wenn ich auch zu sehr zur alten Schule gehöre, als daß ich öffentlichTränen darüber vergießen könnte. Sie wissen doch: sogar die Notabeln weinten, als Calonne, der arme Prügelknabe, gegangen war und der König ihnen die Vorlage aller Rechnungen versprach; sie haben ihre Tränendrüsen offenbar für Schmerzen und Freuden ordentlich eingeteilt.
Die Königin erstarrte förmlich, als sie von Ihrem Schicksal erfuhr; sie kam gerade vom Krankenbett des Dauphin, wo sie ihren Vorrat an Tränen gelassen haben mochte. Heute sagte sie mir, ich möge Ihnen mitteilen, daß sie noch so glücklich ist, Ihnen beistehen zu können.
»Daß die kleine Marquise ihre Perlen verkaufen mußte, erregt mich nicht,« sagte sie, »vielleicht hing auch an diesem wundervollen Geschmeide ein böser Fluch! Aber daß sie verurteilt wurde, in der dunklen Burg zu wohnen – ein sonnengewöhnter Paradiesvogel im Käfig! – das macht mich schaudern.« Sie bietet Ihnen an, in ihren Hofstaat einzutreten, und würde Ihnen im geheimen aus ihrer Schatulle die Mittel dafür bewilligen.
Könnten wir nicht doch noch inmitten des schwarzen Weltmeeres eine Insel der Seligen mit den Flüchtigen vom anderen Ufer bevölkern?!
Eine Ahnung von ihrer Möglichkeit hatten wir kürzlich.
Die Guimard tanzte auf der kleinen Bühne des Schlosses, mit ihr die kaum zwölfjährige Laure,die wunderbare, jüngste Schülerin von Vestries. »Vergangenheit und Zukunft« war der Titel der Pantomime, die sie aufführten: die Guimard als Marquise Pompadour in der üppigsten Courrobe, übersäet mit funkelnden Juwelen, die kleine Laure in flatterndem Hemdchen, als einzigen Schmuck ein rotes Tuch turbanartig um das Köpfchen gewickelt. Sie hob und senkte sich, sie schwebte und wirbelte um die feierlichen Menuettpas der Marquise, daß diese »Zukunft« Jeden erobern mußte.
Die Königin befahl die Tänzerinnen zum Souper. Noch einmal hatte die Göttin der Freude der hohen Frau ihr Szepter in die Hand gedrückt. Immer wieder sprangen die Korke der Champagnerflaschen gegen die Decke und trafen wie Pfeile Amors die bloßen Brüste gemalter Najaden; immer kecker wurden die Chansons, vom perlenden Lachen der Königin unterbrochen.
Es war wie einst!
Gegen Mitternacht öffnete sich die Türe zu den Gemächern des Königs. Er trat ein, fahl im Gesicht; der Gesang verstummte, die Tänzerinnen standen still, angstvoll flüchtete sich die zitternde Zukunft in die Arme der blassen Vergangenheit; der König flüsterte mit seiner Gemahlin; das Licht in ihren Augen erlosch.
Es war der Tag, an dem Lomenie de Brienne Finanzminister geworden, Calonne nach England entflohen, und das böse Wort vom Staatsbankrottin der Notabelnversammlung zum ersten Mal gefallen war!
Von der Insel der Seligen waren wir allzu rasch an das Gestade der Wirklichkeit zurückgekehrt. Aber wenn Sie bei uns sind, Holdseligste, werden wir uns nicht mehr von ihr vertreiben lassen.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris,den 27. Mai 1787.
Geliebteste, ich höre nichts von Dir und bin in größter Angst. Da ich nicht weiß, was geschehen ist und was geschehen kann, habe ich der Post oder einem gewöhnlichen Kurier diese Zeilen nicht anzuvertrauen gewagt. Gaillard hat es übernommen, sie sicher in Deine Hände gelangen zu lassen.
Ich flehe Dich an, stelle den Marquis endlich vor die Entscheidung. Er wird, er muß Dich frei geben, nachdem er weder auf seine Stellung am Hofe, noch auf eine Rolle in der Oeffentlichkeit mehr Rücksicht nehmen zu müssen glaubt. Tut er es nicht, so entschließe Dich, liebste Delphine, und komm unter dem Schutze Gaillards zu mir. Nicht nach Etupes, nicht nach Montbéliard, wo man Dich suchen würde, sondern nach dem stillen Nest, das wir nicht weit von Paris gefunden haben.
Meine Liebe ist nur noch Sehnsucht.
Selbst der Tumult der letzten Tage, die Auflösung der Notabelnversammlung, die stürmischeForderung nach der Einberufung der Generalstände, – das heißt nichts anderes als unsere Kriegserklärung an den König, – haben keinen Augenblick den lauten Ruf meines Herzens nach Dir, Du Süße, zu ersticken vermocht.
Zu Zeiten der Gefahr gehören Liebende zueinander. Und jetzt, wo alles zusammenstürzt, wo die Götter, vor denen wir einstmals knieten, deren Unersättlichkeit wir in frommem Glauben Opfer um Opfer brachten, sich als tönerne Götzen erwiesen haben, wo die harte Faust einer eisengepanzerten Epoche alle Heiligtümer – die Ehe, die Familie, die Freundschaft, die Königstreue – der juwelenbesetzten Gewänder entkleideten, mit der die Jahrhunderte sie behängten, und armselige Gerüste uns nur noch entgegenstarren, – jetzt, meine Delphine, können befreite Menschen über die Trümmer hinweg sich ruhig die Hände reichen. Sie sind nicht nur die Baumeister neuen Menschenglücks, sie sind auch bestimmt, die Tempel der neuen Gottheit aufzurichten.
Doch warum spreche ich so zu Dir? Bedarf es der Überredung, wo nichts entscheiden soll, als das Gesetz in Dir?
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris,den 19. Juni 1787.
Meine Delphine – mein, trotz allem! Ich habe den ersten Sturm in meinem Innern erst austobenlassen; – nun ist von ihm nur die Verwüstung übrig geblieben!
Wenn der Marquis Dich im tiefsten Kerker gefangen hielte, wenn Du eiserne Fesseln an Händen und Füßen trügst –, ich würde Dich erobert haben! Aber da Du selbst – Du selbst! – Dich in Ketten schlägst, wer vermöchte Dich zu befreien!
Weißt Du denn, was Du mir geschrieben hast, kennst Du die Dolchspitzen, die auch Deine süßesten Worte mir ins Herz bohrten?!
»... Mit eiserner Kraft hielt der Marquis sich noch in Straßburg aufrecht. Als der Marstall sich leerte, als die bepackten Möbelwagen sich unter Peitschenknallen und Räderknarren schwankend von Montjoie fort bewegten und der alte Gärtner mit zitternden Händen die Läden des leeren Schlosses über die schwarzen Fensterhöhlen legte, als die Dienerschaft Abschied nahm –, einer nach dem anderen in endlos scheinender Reihe, da stand er immer noch gerade aufgerichtet und hatte ein Lächeln für jeden wie bei einem großen Empfang...«
Rühmst Du nicht mit jedem Wort den hartherzigen, alten Mann, der für scheidende Untergebene ein Lächeln, für sein Weib nur die Folter hat?!
»Am Abend aber fand ihn der einzige, alte Diener, den wir behalten haben, bewußtlos amBoden neben seinem Schreibtisch. Erst nach Tagen der Sorge« – (Sorge um einen Menschen, der Dich kaufte?!) – »kam er zu sich. Seitdem wird das Sprechen, das Gehen ihm schwer. Unermüdlich läßt er sich im Rollstuhl durch die düsteren Räume fahren. Nur die Arme kann er bewegen, wie immer.« –
Um Dich zu halten, Dich und unser Kind! –
»Und gerade jetzt, in dieser gräßlichen Not sollte ich von ihm gehen, sollte in dem Mann, der alles verlor, den Glauben erwecken, daß ich wohl seinen Reichtum genießen, nicht aber seine Armut teilen kann? Die Frage, die zu stellen Du von mir verlangst, die Flucht, die mir übrig bleibt, wenn ein hartes Nein seine Antwort ist, würden den Geschwächten töten. Kannst Du verlangen, daß ich seine Mörderin werden soll?«
Aber daß er in uns Alles tötet, was Glück und Hoffnung ist, – also mehr als das bloße armselige Leben eines vom Tode schon Gezeichneten –, das gibst Du zu?!
Ich kann nicht anders: ich balle die Fäuste gegen Dich, Delphine!
Gaillards Bericht hat das Bild vollendet, das Du mir maltest. Ich sah den starken, fast rohen Mann nie so bewegt.
»Sie ist ganz blaß, ganz schmal,« sagte er; »sie irrt durch die hohen, dunklen Räume, vor denen sie sich graute, seit sie sie zum erstenmale betrat.Und unter den weißen Tüchern, in die sie sich hüllt, zittern ihre Schultern mitten im Sommer. Sie trägt den Kleinen jedem Sonnenstrahl nach, der hier oder dort durch die tiefen Fenster fällt. Seitdem die Bauern, von der Haltung des Marquis in der Notabelnversammlung unterrichtet, die Räumung des Lustschlosses im Park mit Vivatrufen begleiteten, und ein kleiner, schmutziger Dreikäsehoch nach ihrem Sohn mit einem Feldstein warf, als sie draußen mit ihm spielte, verläßt sie den engen Burghof nicht mehr.«
Bist Du wahnsinnig, Delphine, daß Du Dein eigen Kind dem Greise opfern willst?! Oder ist es etwas anderes als ein Opfer, wenn Du ihn in dieser Atmosphäre des Grauens atmen läßt?!
»Schreib mir nicht mehr,« bittest Du, »Deine Sehnsucht facht meine Liebe an, daß sie alles verbrennen könnte, was an Pflichtgefühl, an Lebensmut in mir ist...« Aller Entfernung, allen Gefahren zum Trotz würden, hättest Du Deinen Wunsch nur mit diesem Satz begründet, meine Kuriere täglich zu Dir fliegen, denn alles, alles soll verbrennen, damit Deine Liebe, ein Fanal des Sieges, hell auflodere. Aber Du fügst einen anderen Satz hinzu: »jedes Deiner Worte ist Gift in der großen, offenen Wunde meines Herzens, ich vergehe daran, und ich muß doch leben, um des Einzigen willen, den das kurze Liebesglück mir ließ: um unser Kind...«
Ich verstumme, Delphine. Vielleicht, daß vollkommene Ruhe Dir hilft, Dich wiederzufinden. Alle Zweifel an Deiner Liebe, Deiner Treue, die in mir aufsteigen, will ich zu ersticken, alle Sehnsucht durch das Übermaß der Arbeit, die vor uns liegt, zu unterdrücken suchen.
Lebewohl!
Lucien Gaillard an Delphine.
Paris,den 25. Juni 1787.
Verehrte Frau Marquise! Meinem Versprechen getreu sende ich heute einen ersten Bericht. Ich würde, auch ohne Ihre bestimmte Aufforderung, stets rückhaltlos wahr sein.
Der Prinz war ganz gebrochen. Er weinte nach innen, wie alle Starken. Tagelang schloß er sich ein. Erst die Nachricht, die der Marquis Lafayette ihm überbrachte, daß die beiden Minister des Kriegs und der Marine angesichts der drohenden Haltung der preußischen Truppen an der Grenze Hollands und der leeren Kassen Frankreichs ihren Abschied eingereicht haben, riß ihn aus der Versunkenkeit.
Er ist ein Mann der Tat, darum wird er nicht untergehen, Frau Marquise!
Das Gerücht, daß wir zu der Ehrlosigkeit gezwungen sein könnten, unsere holländischen Verbündeten im Stich zu lassen, empört die Pariser. An der Place de la Dauphiné verbrannte mandie Bilder des Finanzministers, die vorher gewaltsam aus den Buchhandlungen entfernt worden waren. Vor dem Schloß von Versailles versuchte man eine laute Demonstration; es wäre zu einem Zusammenstoß mit den Schweizer Garden gekommen, wenn nicht die Nachricht sich verbreitet hätte, daß die neugeborene Prinzessin soeben verschieden sei. Das Volk ging ruhig auseinander. Es ist jetzt noch ein lenkbares Kind. –
Meine Adresse ist im Augenblick die Ihnen bekannte. Ich unterschreibe nicht. Eine Verbindung mit mir könnte Ihnen einmal gefährlich werden.
Lucien Gaillard an Delphine.
Paris,den 19. August 1787.
Verehrte Frau Marquise! Der Prinz hat Paris verlassen. Nur auf kurze Zeit, wie er sagte, und um die Stimmung in der Provinz kennen zu lernen. Auch Lafayette und Mirabeau sind fort. Ich glaube, daß sie, seitdem das Parlament durch königliche Haftbriefe nach Troyes verwiesen ist, ähnlichem Schicksal aus dem Wege gehen wollen.
Wir leben in dauernder Erregung. Wir erzwangen uns den Eintritt ins Parlament während der stürmischen Verhandlungen. Ich wahrte mir, so sehr ich konnte, die Kühle meines Kopfes und sehe in der Verweigerung der Grund- und Stempelsteuern weniger ein Zeichen des allgemeinen demokratischenGeistes, der sich keinem Machtwort eines absoluten Monarchen mehr fügen will, als einen Beweis für den Egoismus der Stände. Wären sie Vaterlandsfreunde, wie sie zu sein behaupten, so würden sie im Augenblick höchster Gefahr, wo die Regierung an ihren Opfermut appelliert, nicht krampfhaft die Hand auf den Beutel halten.
Mir und meinen Gesinnungsgenossen kann diese Enthüllung der Motive ihres Handelns nur recht sein. Mit um so größerer Wucht werden wir im geeigneten Augenblick neben die von ihnen erhobene Forderung bürgerlicher Freiheit die der sozialen Gleichheit stellen.
In den politischen Klubs tönt sie laut genug. Und die Polizei hat sie längst gehört. Vor kurzem rief ein Leidenschaftlicher im Palais-Royal über die Köpfe der Flaneure hinweg: »Mit den Gedärmen des letzten Priesters erdrosseln wir den letzten König.« Man wollte ihn verhaften, ließ ihn aber laufen, als sich zur Beschämung des Polizeibeamten herausstellte, daß der Satz von Diderot stammt, dem am gleichen Tage in der Akademie eine tönende Gedächtnisrede gehalten worden war.
Die gewaltsame Registrierung der Steuern, – der König will seine Selbstherrlichkeit in einem Augenblick beweisen, wo sie nichts als eine Chimäre ist, – ruft noch ständig erregte Szenen hervor. Der Graf von Artois wurde gestern auf dem Wegezur Chambre des Comptes ausgepfiffen. Kein Steuererheber – davon bin ich überzeugt – wird gegen die Haltung des Parlaments den Mut haben, die Order des Königs auszuführen.
Verzeihen Sie, wenn die Leidenschaft mich weit über meinen Auftrag hinausgehen ließ!
Lucien Gaillard an Delphine.
Paris,am 26. September 1787.
Ich danke Ihnen, verehrte Frau Marquise, für Ihren Brief, und freue mich innig, Ihnen ein wenig helfen zu können, indem ich Ihr Interesse an den politischen Vorgängen wach erhalte.
Der Prinz ist zurück. Die Provinzialversammlungen, die jetzt überall tagen, sind, nach seinem Bericht, vom gleichen Geist erfüllt. »Ich habe«, sagte er, »einmal um den Tod Rousseaus, Voltaires, Diderots geklagt. Jetzt weiß ich, daß wir Tote nicht zu betrauern haben, deren Geist unsterblich ist!«
Der König glaubte die Parlamente übergehen zu können, er behandelte sie wie ungezogene Kinder; er lernte inzwischen, daß er Männer vor sich hat, und die Zurückziehung der bereits registrierten Steueredikte war ein Eingeständnis seiner Verlegenheit und seiner Schwäche, über die keine tönende Rede der Monarchisten mehr hinweghilft. Der Einzug Wilhelms von Oranien im Haag mit Hilfe preußischer Truppen, über den das ehrliebendeFrankreich heute in helle Wut gerät, hat den Rest von Respekt vor dem Kriegsherrn und seinen Ratgebern zerstört. In Kriegshäfen, Schiffe und Armeereformen haben wir Millionen gesteckt, und besitzen nicht einmal so viel politische Macht, um uns vor dem Hohngelächter der Nachbarn zu schützen. Die preußischen und englischen Diplomaten, die hier zusammentreffen, haben leichtes Spiel.
Daß der Herr Marquis der Provinzialversammlung in Straßburg beiwohnen will, ist sehr erstaunlich. Darf ich vielleicht dem Prinzen mitteilen, daß Sie um jene Zeit allein sein werden?
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Versailles,den 22. November 1787.
Schönste Marquise. Bisher zögerte ich, Ihnen zu antworten, denn was blieb mir zu sagen übrig? Sollte ich klagen, weil Sie nicht kommen mögen? Sollte ich Hoffnungen aussprechen, die nichts als leere Worte gewesen wären? Oder sollte ich Ihnen zur Erheiterung im Tone der Pariser Parlamentsräte das »üppige Hofleben« schildern, den »Taumel des Vergnügens«, in dem wir leben; den »Goldregen«, der sich über uns ausgießt, »während das Volk im Elend verkommt?!«
Hier statt dessen ein Bild der Wirklichkeit: Nur von wenigen ihrer Getreuesten begleitet, durchstreifte die Königin die herbstöden Gärten vonTrianon. Den Tod der neugeborenen Prinzessin hat sie um so weniger überwunden, als irgend ein altes Weib in ihrer Umgebung ihn als böses Omen deutete. Sie trug, wie wir alle, Trauerkleider; der kleine Dauphin klammerte sich, wie immer, an ihre Hand, sein schwarzes Röckchen ließ seine Blässe doppelt durchsichtig erscheinen. Unser Ziel war der Pachthof.
»Ich will mir einmal einen fröhlichen Tag bereiten«, hatte die Königin mit wehmütigem Lächeln gesagt und die Börse gefüllt für ihre Schützlinge in den kleinen Häusern.
Als wir uns näherten, kamen uns die Lakaien, die den Besuch der Königin gemeldet hatten, mit verlegener Miene entgegen. Die Leute seien bei der Arbeit, hieß es. Die Königin grub die Zähne in die Unterlippe. »Wir werden warten«, sagte sie dann und ließ sich auf der Steinbank nieder. Ein paar Gesichter tauchten hie und da hinter den kleinen Fenstern auf und verschwanden wieder. Schließlich lief eine fröhliche Schar kleiner Kinder von der nahen Wiese uns entgegen. Die Königin rief sie, nahm den Kleinsten auf den Schoß, küßte ihn und drückte einem jeden ein Geldstück in das Fäustchen; die Eltern sahen hinter den Büschen und Hecken heimlich zu.
»Vor einem Jahre haben sie noch alle vor mir im Staube gelegen,« sagte die Königin bitter. Wir gingen schweigsam zurück. Nur sie schritt stolz undhochaufgerichtet vor uns, einen hochmütig-verächtlichen Zug um die Lippen.
Wir empfanden seitdem eine merkbare Umstimmung nicht nur bei ihr, sondern auch beim König, der die geheimen Unterhaltungen mit seiner Gemahlin mehr als sonst zu suchen scheint und nie versäumt, sie zum Ministerrat zuzuziehen. Das Maß seiner Güte scheint endlich erschöpft.
»Die Neuerer wollen ein Frankreich, das englisch ist«, meinte er kürzlich erbittert, und bei Gelegenheit einer der letzten offiziellen Empfänge in Versailles erklärte er laut: »Die Idee, dauernde Generalstände zu schaffen, ist umstürzlerisch gegen die Monarchie. Wird sie verwirklicht, so existiert zwischen dem König und dem Volk als intermediäre Macht nur noch die Armee.« Jeder erstaunte; es war das erste Mal, daß der König an die Gewalt erinnert hat.
Vor wenigen Tagen fand eine königliche Parlamentssitzung statt, in der sein Stimmungswechsel zu klarem Ausdruck kam. Sie wissen, daß ich der Politik bisher weiter aus dem Wege gegangen bin als den häßlichen Frauen. Wenn ich dieser Sitzung beiwohnte, so nur weil Schauspiele der Art, seitdem die Theater immer langweiliger, die Tänzerinnen immer älter werden, und selbst die Somnambulen, die uns so angenehm gruseln lehrten, anfangen, sich mit politischer Hellseherei abzugeben, die Öde des Lebens allein noch unterbrechen. Es war der Mühe wert.
Im Namen des Königs hielt der Großsiegelbewahrer, aufgeplustert wie ein Truthahn und feuerrot wie er, eine donnernde Philippika, zwischen jedem Satz eine Pause machend, um ihre Wirkung zu beobachten.
»Der König allein hat die souveräne Gewalt im Reich –«, ein paar Räte zuckten merklich die Achseln. »Gott selbst hat ihn eingesetzt; nur Gott ist er verantwortlich –«, auf allen Gesichtern stand ein spöttisches Lächeln. »Die gesetzgebende Gewalt ruht allein beim König –«, ein lebhaftes »Oho!« machte sich hörbar.
Dann wurde das Anleiheedikt – es handelt sich um die hübsche Summe von vierhundert Millionen! – verlesen, und die Schleusen der Beredsamkeit waren geöffnet.
Welche Wasserfälle sahen wir! Ein Herr Duval d'Esprèmenil zeichnete sich besonders aus; den ganzen Katechismus der Enzyklopädisten betete er herunter: »Menschenrechte« – »Volkssouveränität«, – »Gemeinwohl«, – »Gesamtwille«, – noch im Traum dröhnte mir das alles im Ohr. Von der Anleihe wollte keiner etwas wissen, ungefähr wie ein dressierter Hund, dem zwar nach dem fetten Bissen das Wasser im Munde zusammenläuft, der aber schielend den Kopf davon abwendet, wenn man ihm sagt: »Pfui – das kommt vom König!«
Trotz des Widerspruchs wurde die Registrierung des Edikts befohlen. Ein unwilliges Gemurmelerhob sich; den Augenblick benutzte der Herzog von Chartres, – es wird mir schwer, ihn mit dem Titel seines vornehmen verstorbenen Vaters Orleans zu bezeichnen, – und erklärte das Vorgehen des Königs für ungesetzlich.
Eine kurze Pause allgemeiner Verblüffung, die aber leider niemand benutzte, um dem neuen Volkshelden die Krone anzubieten, obwohl Madame de Genlis die Rolle der Pompadour schon ohne Souffleur zu spielen imstande ist.
»Weil ich es will, ist es gesetzlich«, tönte des Königs Stimme scharf und hell durch den Saal. Und der Hof zog sich mit seinem Gefolge zurück.
Heute ist der verbannte Herzog der Märtyrer der Volksfreiheit! Ich kenne eine erkleckliche Zahl Glieder des dritten Standes, die bitterlich um ihn weinen: die kleinen Mädchen aus den Singspielhallen, die Venuspriesterinnen vom Palais-Royal.
Possen, wie diese, erinnern mich an Sankt Nikolas, mit dem man uns als Kinder schreckte; wenn die »große Revolution«, mit der man die Erwachsenen zu schrecken sucht, nichts anderes aufzuführen weiß, als daß sie mit der Rute droht, mit faulen Äpfeln wirft und bunte Pfefferkuchen verteilt –!
Ach, wenn die Tage von Chantilly noch einmal wieder kämen! Wir sind doch noch so jung, schönste Delphine!
Marquis Montjoie an Delphine.
Straßburg,den 12. Dezember 1787.
Meine Liebe. Die Verhandlungen der Provinzialversammlung werden sich noch bis Ende des Monats hinziehen. Ich fühle mich kräftig genug, sie auszuhalten, obwohl ich keinen leichten Stand habe. Die Mehrheit der Mitglieder neigt zur Annahme der Grundsteuern. Daß Rohan durch den Weihbischof seinen Protest mit dem meinen vereinigte, hat unserer Sache natürlich mehr geschadet als genutzt. Baron Flachslanden frug mich erstaunt, wieso gerade ich auf meinem Eigensinn beharre, da ich doch die Besteuerung nicht mehr zu fürchten brauche! Ein Zeichen der Zeit: man begreift nicht, daß ein Mensch uneigennützig nach Grundsätzen handeln kann!
In allen anderen Fragen herrscht erfreuliche Einmütigkeit. Der Wunsch, die Machtvollkommenheit der Regierung auf alle Weise einzuschränken, die Übergriffe der durch unsere bisherige Nachgiebigkeit reich gewordenen Intendanten unmöglich zu machen, beherrscht die Verhandlungen.
Daß die unaufhörlichen Regengüsse sich in der Feuchtigkeit des Schlosses so unangenehm bemerkbar machen, bedaure ich sehr. Beschränken Sie sich möglichst auf einen Raum, dessen Kamin dauernd geheizt bleibt, damit das Kind nicht Schaden leidet.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Montbéliard,den 15. Dezember 1787.
Meine Sehnsucht siegt über meinen Stolz und meine Vernunft. Du bist allein. Ich bitte Dich, übergib meinem Reitknecht Deine Antwort auf meine Frage: Kann ich Dich sehen?
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Montbéliard,den 18. Dezember 1787.
»Ich ertrüge es nicht,« sagst Du, »die Augen gehen mir über, wenn ich einmal aus der Burg ins helle Licht des Tages komme. Das Herz würde mir brechen, wenn ich Dich sehe –«
Wüßte ich nicht so sicher, daß niemand bei Dir ist – bei Gott, Delphine, ich könnte nicht anders, als an einen Nebenbuhler glauben!
Die Gespenster der Vergangenheit steigen vor mir auf. Gut, daß es ein Feld atemlos heißer Kämpfe gibt, in die ich mich stürzen kann.
Lucien Gaillard an Delphine.
Paris,den 11. Mai 1788.
Verehrte Frau Marquise. Was ich versprach, vergesse ich nicht. Wenn ich nicht schrieb, so darum, weil ich den Prinzen monatelang aus demGesicht verloren hatte und fürchten mußte, zudringlich zu erscheinen, wenn ich eine Nachricht von ihm nicht geben konnte.
Gestern erst sah ich ihn mitten im Tumult des Palais-Royal. Er schüttelte mir die Hand. »Es wird ernst,« sagte er mit einem Blick auf die gestikulierende, durcheinander schreiende Menschenmenge. »Der Todeskampf der absoluten Monarchie beginnt,« antwortete ich, und er nickte. Dann verlor er sich wieder im Gedränge.
Seit dem achten Mai, wo der König die Parlamente ihrer Macht entkleidete, wächst die Erregung. Parlamentsräte, Aristokraten und Priester fraternisieren auf der Straße mit Krämern, Arbeitern und Journalisten. Und dem verblendeten Volke erscheinen sie plötzlich wie lauter Freiheitshelden.
Die Sturmflut von Paris überschwemmt bereits die Provinz und wetteifert mit den Unwettern, die der Himmel sendet. Die berufenen Wächter des Thrones – der Priester und der Edelmann – erheben die zu seinem Schutze bestimmten Waffen gegen ihn, und zerstören damit im Volke den letzten Rest des Kindertraums von der unantastbaren Heiligkeit des Königs.
In der altersgrauen Burg des Absolutismus sucht er sich zu verschanzen, zu blind, um zu sehen, daß sie schon eine Ruine ist.
Graf Guibert an Delphine.
Grenoble,den 20. Juni 1788.
Teuerste Marquise. Meine Reise in den Elsaß wurde im vergangenen Jahre durch die Kriegsunruhen vereitelt; in diesem Jahre wäre sie durch den Krieg im Innern beinahe wieder verhindert worden. Ich habe Tage erlebt, die sich nicht leicht vergessen lassen und den Soldaten mit dem Bürger in mir in schwere Gewissenskonflikte gerissen haben.
Wir hatten in Paris erfahren, daß die Registrierung der neuen Edikte in der Dauphiné selbst mit Hilfe der Bajonette auf bewaffneten Widerstand der Bevölkerung stieß. Der Kommandant, der Herzog von Tonnerre, bat um Hilfe. Ich wurde zur Rekognoszierung nach Grenoble gesandt. Kaum war ich angelangt, als erschreckte Landleute die Straßen füllten.
»Das ganze Gebirge ist in Aufruhr,« erzählten sie; »Männer, wie Wilde, in Lederjacken und geschnürten Schuhen, mit Sensen und Dreschflegeln, Mistgabeln und Stöcken bewaffnet, steigen in hellen Haufen von den Bergen –« Ich alarmierte die Besatzung, aber es war zu spät; schon drangen Scharen abenteuerlicher Gestalten, Leute wie Riesen mit langen wirren Bärten in die Stadt. Der Herzog von Tonnerre, den sie in seinem Palais überfielen, wurde schwer verwundet; derGeneral Joucourt, der zur Hilfe gerufen worden war, meldete sich krank, und der erste Offizier, dessen Truppe den Angreifern gegenüberstand, warf den Degen fort, breitete die Arme aus und rief: »Wir schießen nicht auf unsere Väter und Brüder!«
Es war eine verzweifelte Situation, der wir erst nach einigen blutigen Zusammenstößen Herr geworden sind. Aber wir fühlen uns wie in Feindesland; der kleinste Bursche zeigt seine Vaterlandsliebe, indem er vor jedem Uniformierten die Zunge ausstreckt.
Sie kennen meine Ansichten und werden begreifen, daß ich dem Befehle, nunmehr im Elsaß den Manövern beizuwohnen, mit Freuden folge, nur um hier nicht weiter den Schergen des Absolutismus spielen zu müssen.
Ich bin nächsten Monat in Straßburg und werde mir von da aus gestatten, Ihnen in Froberg meinen Besuch zu machen.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Versailles,den 10. August 1788.
Allerschönste. Eine Zeichnung Guiberts macht die Runde in Versailles: unter dem düsteren Torbogen einer Burg steht die zarte Elfengestalt eines reizenden Weibes; weich fließt das weiße Kleid um ihre schlanken Glieder, aus dem schmalen süßen Gesichtchen glänzen übergroße erschrockene Kinderaugen.»Delphine« steht darunter – mitten in einem flammenden Herzen!
Delphine –, welch ein Zauber umfängt mich wieder! Wie beneide ich den Glücklichen, der Sie sehen durfte; wie preise ich das Unglück, das Sie nur noch schöner werden ließ!
Seit der Dauphin von uns gegangen ist –, es war wirklich ein leises Davongehen, kein Sterben, – hat die Königin nicht mehr gelächelt. Ihr Bild zauberte endlich wieder einen hellen Schein auf das Gesicht der Unglücklichen.
»Ich küsse sie zärtlich in Gedanken, die liebe, kleine Marquise,« sagte sie.
Und noch eine andere, eine ganz andere, hat das Bildchen angelächelt: die Guimard.
»Zum letzten Tanz« hatte sie ihre alten Freunde geladen. Ihr Hotel strahlte von hundert Kerzen, ihre Tafel bog sich unter dem Silbergerät; ein Netzwerk köstlicher Rosen hing unter dem Plafond.
Sie tanzte noch einmal alle Tänze, die ihre Triumphe gewesen waren, nur langsam, gleichsam zögernder, als einst, – wie im Traum. Und währenddessen regnete es Rosenblätter.
»Die Rosen welken,« meinte die Tänzerin wehmütig. »Es liegt in Ihrer Hand, sie wieder blühen zu machen« – »Wie können Sie von uns gehn!« – »Was ist die Oper ohne Sie?!« rief alles durcheinander. Aber ihr Entschluß, der Bühne zu entsagen, war unwiderruflich.
»Perrückenmacher und Lakaien sind die Richter der Talente geworden; ich aber habe meine Erfolge nur dem Urteil der besten Kreise verdankt; soll ich mich dazu hergeben, mich von der crapule kritisieren zu lassen,« erklärte sie, und wir widersprachen nicht mehr.
Ein paar Tage später sandte sie mir eine Karikatur: unter federngeschmückter Perrücke eine Frau mit geschminktem Totenkopf, unter dem rosa Gazeröckchen ein Knochenbein in die Luft werfend –, »das Skelett der Grazien« stand daneben, »der Dank der Pariser« auf der anderen Seite in der Schrift der Guimard.
Es ist heimlicher in Ihrer alten Gespensterburg, süße Delphine, als mitten in Paris.
Graf Guibert an Delphine.
Paris,den 23. August 1788.
Meine teuerste Marquise. Noch fühle ich Ihre Atmosphäre um mich und bin doch schon über zwei Wochen in Paris. Ich glaube, sie kann sich nie mehr verflüchtigen, denn sie ist, – das haben Sie mir ja rasch und deutlich genug zu verstehen gegeben –, nicht jene von flüchtigen Liebesspielen parfümierte Salonluft, die dem bloßen offnen Fenster weicht, sondern die herbe Luft der Vogesen selbst.
Ich kenne Frauen – sehr wenige nur! – die in ihrer Ehe die Erfüllung ihrer Glücksträume fanden.Um sie ist es ebenso ruhig; kein leichtsinniges Verlangen vermag neben ihnen wach zu werden. Wie kommt es nur, daß ich bei Ihnen wie bei jenen mich fühlte, obwohl das Leid, die Entbehrung Ihre Züge zeichnen?!
Auf der ganzen Reise träumte ich noch, so daß ihre Bilder fast spurlos an mir vorüber zogen. Der böse Sommer, die Überschwemmungen des Frühjahrs machten die Landschaft traurig, wie die Menschen. Seltsam ist es, wie das Gesicht jedes Bauern sich erhellt, wenn die Generalstände erwähnt werden. Das Volk erwartet von seinen Vertretern, wie früher vom lieben Gott, die Erlösung von allem Übel.
Seit Neckers Zurückberufung, die mir, wie ich Ihnen sagte, schon lange als einziger Ausweg erschien, fange auch ich an, daran zu glauben. Er ist entschlossen, die Generalstände so rasch als möglich zu berufen und den Parlamenten alle ihre Machtbefugnisse zurückzugeben. Es wird das im Augenblick wie eine Niederlage des Königs erscheinen, ist aber die einzige Möglichkeit, ein starkes konstitutionelles Königtum aufzurichten.
Gegenwärtig steht Paris unter einem Platzregen von Broschüren. Linguet, der nichts weniger verträgt, als vergessen zu werden, schlägt allen Ernstes vor, zur Beruhigung der Gemüter – als »Symbol der Freiheit«! – die Bastille abzutragen; ein anonymer »Brief eines Bürgers« ergeht sichin überschwenglichen Lobpreisungen des dritten Standes: »er allein schafft den Reichtum der Nation, aus ihm allein erwachsen die führenden Geister der Kunst und Wissenschaft«; eine andere Schrift spricht von den »reinen Sitten des tugendhaften Volkes, das, aufgeklärt über seine Macht, die Tyrannei des Adels brechen wird, wie es die des Königtums gebrochen hat«. Ein ähnlicher Ton findet sich überall; wenn der kleine Mann diese ewigen Verbeugungen sieht, die übereifrige Volkstribunen vor ihm machen, wird er sich bald für den einzig berufenen Beherrscher Frankreichs halten müssen.
Als ich Necker gegenüber Ähnliches aussprach, war er empört; er übertreibt den Respekt vor der öffentlichen Meinung, die, wie er selbst versicherte, die einzige Richtschnur seiner Handlungen ist.
Man spricht übrigens von einer neuen Notabelnversammlung, die über die Zahl der Deputierten, die Größe der Ständevertretung und dergl. mehr beraten soll. Würde ich dann vielleicht das Glück genießen dürfen, Sie wieder in Paris zu sehen?
Lucien Gaillard an Delphine.
Paris,den 8. Oktober 1788.
Verehrte Frau Marquise. Zum ersten Mal hat der Prinz mich gestern nach Ihnen gefragt, und ob ich Nachricht von Ihnen hätte. Ich verneinte, meinem Versprechen gemäß. Er war außerordentlicherregt – etwas, was man heute nur dann bemerkt, wenn es den Grad der Erregung Aller noch wesentlich übertrifft.
Das Schicksal scheint sich gegen die Regierung verschworen zu haben. Was sie auch tun mag, um ihre Position zu stärken, schwächt sie nur.
Der König genehmigt die Generalstände. Das hätte entweder alles mit ihm versöhnen, oder wenigstens die drei Stände zu gemeinsamer Friedensarbeit vereinigen können. Er will aber noch mehr tun, will sein diktatorisches Auftreten vom achten Mai vergessen lassen, und fragt seine guten Bürger nach ihrer Ansicht über die Zahl der Deputierten für jeden Stand. Mit dieser Tat hat er den Zankapfel in ihre Mitte geworfen. Die Privilegierten, die eben noch die Vorkämpfer der Freiheit waren, sind die Gegner der Gleichheit. Der dritte Stand sieht sich seinen Feinden gegenüber!
Auf diesen Moment habe ich seit Jahren gewartet, Frau Marquise. Aber nie hätte ich geglaubt, ihn der Initiative des Königs verdanken zu müssen.
Jetzt kommt es zur Abrechnung! Jetzt rollen wir die Rechnung der Jahrhunderte auf! Das Defizit des Staates ist nichts gegen sie.
Die Knechtschaft, der Frohndienst, die Peitsche, der Hunger, das Blut der Männer, die Ehre der Töchter des Volkes –, das Alles steht darauf und fordert Bezahlung.
In einer Gesellschaft vornehmer Leute hat, so sagte man mir, ein Mann namens Cazotte ein Gesicht gehabt: er sah ihre Häupter unter dem Richtschwert des Henkers. Sie lachten über den Verrückten und würfelten seitdem in ihren Klubs unter zynischen Witzen um ihre eignen Köpfe. Die Wahnsinnigen, – sie wollen nicht wissen, daß der Würfel schon gefallen ist.
Erschrecken Sie nicht, verehrte Frau Marquise. Sie wissen, ich litt immer an blutigen Träumen. Aber nie, solange ich atme, soll Ihnen, soll dem kleinen Godefroy auch nur ein Haar gekrümmt werden. Wie könnte ich je vergessen, daß er mir mit seinen kleinen Händchen streichelnd über die Wange fuhr, als sehe er gar nicht meinen Buckel. Oft bin ich so ganz verwirrt, daß ich nicht zu entscheiden vermag, was ich sehnlicher wünsche: Frankreich von der Tyrannei zu befreien, oder Sie beide aus der dunklen Burg!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Paris,den 8. November 1788.
Ich sah ein Bild von Dir mit einem brennenden Herzen darunter und Deinem Namen darin. Ich sprach den Grafen Guibert, der wochenlang bei Dir war und in Verzückung gerät, wenn er Dich nur nennen hört. Ich sah in der Notabelnversammlung den Marquis –, weder gelähmt, nochkrank, nur ein wenig schmaler, ein wenig greisenhafter.