»Daß der Mann sich durch Maitressen, die Frau durch Liebhaber schadlos zu halten suchen«, schreibt er, »ist jedenfalls keine Lösung des Problems.«Der Verfasser einer anderen anonymen Broschüre verlangt gar als Heilmittel der totkrankenEhe, die Abschaffung der Mitgift. Danach wäre jedoch, wie mir scheint, die Korruption nur halb beseitigt: die Männer zwar würden nur aus Liebe wählen, die dann völlig besitzlosen Frauen dagegen noch mehr als bisher aus Berechnung.Ich habe all diese kuriosen Dinge vor Ihnen ausgebreitet, weil ich glaube, daß sie mindestens Ihre Neugier, vielleicht auch nur Ihr Lächeln hervorrufen werden. Und das wäre schon ein Fortschritt! Dabei verlor ich den Faden meines Briefes, und kann mich über meine Stilverletzung nur durch die Zuversicht trösten, daß meine Korrespondenz niemals die Bekanntschaft eines Setzers machen wird. Ich knüpfe also wieder am Anfang an, um Ihnen zunächst einmal den Rahmen des Bildes zu geben, daß ich Ihnen später, wenn Sie mich nicht etwa schweigen heißen, im einzelnen schildern werde.Wir befanden uns zuletzt im Kaffeehaus. Ist das Wetter schön, so ergeht sich die Menge in den späten Nachmittagsstunden in den Alleen davor. Hier zeigen sich dann auch Frauen in hübschen Polonaisen, mit Riesenmuffs oder langen Spazierstöcken. Ihre Zahl nimmt Jahr um Jahr zu; es ist Mode geworden, sich in freier Luft zu ergehen, und die Ärzte unterstützen sie nach Kräften. Die Vapeurs, die man für eine Einbildung mondainer Damen hielt, haben sich nämlich als eine ernste Erkrankung herausgestellt, und unsereMediziner führen sie auf die Zimmerluft, die sitzende Lebensweise, den Mangel an Bewegung, ja selbst auf das viele Teetrinken und den Gebrauch des Schnürleibs zurück. Man kann daher neuerdings vor den Toren von Paris sogar Herzoginnen zu Fuß begegnen, die der leichteren Bewegung zuliebe, den Umfang ihrer Röcke einschränkten; und im Garten des Palais-Royal erschienen kürzlich junge, hübsche Frauen, die ihren Busen, statt ihn in ein Mieder einzuzwängen, nur mit einem Mullfichu verhüllten.Sie sehen, meine liebe Marquise, der Stil meines Briefs ist hoffnungslos; der Gedanke an meine schöne Adressatin wirft alle Sätze aus ihrer Bahn, und ich rede, da ich nicht von Ihnen allein reden darf, wenigstens immer von Ihrem Geschlecht. Gestatten Sie mir noch einen letzten schüchternen Versuch, den Fluß meiner Rede in das alte Bett zurückzuleiten!Schließen sich abends die Pforten des Palais-Royal, so öffnen sich die der Klubs. Es sind das Vereinigungen mit literarischen, philosophischen und politischen Zwecken, die wir in dieser Form aus England übernommen haben. Sie vermehren sich wie Unkraut. Fast jeder kleine Krämer sucht nach dem Essen seinen Klub auf, wo er nach Herzenslust das Vergnügen genießt, über alles räsonnieren zu dürfen. Jener Volksauflauf im vorigen Monat, als die Nachricht vomSturz des Kanzlers sich verbreitete, wäre ohne die Klubs und ihre Aufklärungsarbeit nicht möglich gewesen. Die Pariser pflegten bisher nur zusammen zu strömen, wenn eine alte königliche Maitresse ins Exil geschickt wurde, oder eine junge in die petites appartements einzog. Sie hatten gewissermaßen ein väterliches Interesse daran; sie waren stolz darauf, die Hauptlieferanten der Liebesgenüsse großer Herren zu sein; sie zogen tief den Hut vor der eignen Tochter, wenn irgend ein Prinzlein sie mit Brillanten behängte –, heute spucken sie vor ihr aus. Etwas wie Selbstbewußtsein erwacht in diesen armen kleinen Hirnen, nur daß es niemand von den Herrschenden wahr haben will.Während die Männer in den Klubs sich Abend für Abend über Fragen des Freihandels oder der Zölle die Köpfe zerbrechen, Fragen, die seit Turgot, der Anhänger der Physiokraten, am Ruder ist, zu wahrhaft brennenden wurden, sitzt der Sultan der Oper, der Prinz von Soubise, nach wie vor in seinem Serail, der Loge, um die von ihm pensionierten Tänzerinnen neben den jüngsten Eleven huldvollst zu empfangen, und die »gute Gesellschaft« strömt nach Pantin zur Guimard, um Komödien zu sehen, von denen eine die andere an Laszivität übertrifft, oder sie füllt das Hotel der Madame de Montesson, die, trotz ihres Alters, noch immer als jugendliche Liebhaberin auf ihrer Bühne auftritt, und noch immer die Egeria des Herzogs von Orléansist.Ich aber, teuerste Marquise, bringe meine Abende am liebsten in einer Gesellschaft zu, die nicht durch Namen und Titel, wohl aber durch Geist und Witz die erste von Paris genannt werden darf. Sie versammelt sich im Hause Madame Geoffrins.Wie wünschte ich Ihnen die Bekanntschaft dieser wundervollen Frau, die es verstanden hat, ohne jung und ohne schön zu sein, die besten Köpfe Frankreichs an sich zu fesseln. Hier sind d'Alembert, Turgot, Diderot fast tägliche Gäste, hier wird freimütig ausgesprochen, was außerhalb dieses Salons noch in die Bastille führt, und die Wahrheit und die Religion des kommenden Jahrhunderts ist.Sie werden finden, daß ich unbescheiden bin, indem ich Ihre gütige Erlaubnis, Ihnen schreiben zu dürfen, in dieser Weise ausnutze. Aber mir ist, als wäre es wieder Nacht um Sie, die ein fernes Feuer rot durchglüht und als stünden Sie vor mir, die kleine Gräfin Laval mit den großen brennenden Augen und der stockend hervorgestoßenen Frage: »Ist es wirklich, kann es wirklich sein?!«Ob ich sie weiter beantworten darf, das haben Sie zu entscheiden.Johann von Altenau an Delphine.Paris,am 3. Oktober 1774.Verehrteste Frau Marquise, Ihre rasche Antwort würde mich entzückt haben, wenn ich sieder Wirkung meines Briefes zuschreiben dürfte. Aber selbst Ihr Dank, dessen Wärme so gar nicht im Verhältnis zu meiner Leistung steht, zeigt mir nur das Eine: daß Sie verschmachten, und somit auch den kleinsten Tropfen Wasser als Labung empfinden. Dabei überschütten Sie mich mit einer bunten Vielheit von Fragen, die zu beantworten ich eine wahre Encyklopädie schreiben müßte. Sie erwarten wohl auch dergleichen gefährlich Freidenkerisches, sonst würden Sie mich nicht bitten, als Deckadresse die Ihres Hofnarren zu benutzen, ein Vorgehen, das vielleicht gefährlicher ist, als wenn ein Unberufener meine Briefe liest. Sind Sie des Mannes so sicher, in dessen Hand Sie sich begeben? Ich erfuhr jetzt erst, daß er der Sohn unserer robusten Kaffeehaus-Wirtin ist, einer skrupellosen Person, die den einträglichen Weg vom Straßenmädchen zur Kupplerin hinter sich hat, und sicher für ein paar Louisdor ihre intimsten Freunde an den Galgen brächte.Doch genug davon. Ich will versuchen, Ihre Fragen zu beantworten und zwar möglichst der Reihe nach, weil ich gewiß zu sein glaube, daß diejenigen, die Ihnen am meisten am Herzen lagen, auch an erster Stelle stehen. Dabei muß ich meine Fragen nach dem Warum der seltsamen Reihenfolge in den Hintergrund schieben.Also zuerst: Marie-Madeleine Guimard. Ich wundere mich nicht, daß Sie so viel von ihr gehörthaben; mir scheint ein Teil des Geistes unserer Epoche in ihr verkörpert, wie denn überhaupt die Frauen, sei es infolge ihrer größeren Sensibilität, sei es, weil sie den geheimnisvoll wirkenden Kräften der Natur näher verwandt sein dürften als wir, in besonderem Maße die Produkte ihrer Zeit und ihrer Umgebung sind.Von majestätischem Wuchs und üppigen Formen, mit unbewegt regelmäßigen Zügen, waren die Frauen unter dem Zepter des Roi soleil; ihre Schönheit war eine rein körperliche, zu der das steife, prunkvolle Hofkostüm ebenso paßte, wie die antikisierenden Gewänder des Schauspiels und des Balletts; graziöser, lebhafter erschienen die Zeitgenossinnen der Marquise Pompadour; der Geist fing an, auch das unregelmäßige Gesicht von innen zu verklären; heute hat er sich den ganzen Körper unterworfen. Ein seelenvolles Auge, ein kapriziöses Näschen, ein Mund, der, selbst wenn er stumm bleibt, jeden Gedanken, jedes Gefühl wiedergibt; feine, schlanke Glieder, die nicht mehr um ihrer selbst willen da zu sein scheinen, sondern nur neue Ausdrucksmittel der Empfindungen sind –, das ist die Frau fin de siècle, das ist Madeleine Guimard. Sie ist nicht mehr jung, sie ist keine Schönheit, und doch ruiniert sich der Prinz von Soubise für sie, und der Herr von Laborde, ihr amant de coeur aus der Vergangenheit, bewahrt ihr die Treue einesHundes, obwohl er stets neue Rivalen hat. Sie ist aus der Hefe des Volks emporgestiegen, wie alle ihresgleichen, und würde am Hofe von Versailles keiner Prinzessin von Geblüt nachstehen, denn sie besitzt in höchstem Maße jene Anpassungsfähigkeit der Frauen, die in wenigen Jahren aus einem kleinen Vorstadtmädchen eine Dame macht, während ein Bauer immer ein Bauer bleibt, auch wenn er Jahrzehnte lang Titel, Degen und seidene Strümpfe trägt.Wenn sie tanzt, so könnte man ihr Antlitz verhüllen und würde doch jedes ihrer Gefühle verstehen. Man sieht, wie Himmel und Hölle um ihre Seele streiten. Ihre Luxusbedürfnisse sind ohne Grenzen, und doch kann man ihr in den Elendsquartieren der Butte St. Roche begegnen, wo sie, dicht in den Kapüchon gehüllt, Geld, Kleider, Lebensmittel unter die Armen verteilt. Kaltblütig hat sie schon Dutzende von Männern zu Bettlern gemacht, daneben rettet sie im Stillen junge Offiziere und arme Kollegen vor dem Elend. Die Orgien in ihrem Hotel bilden den Skandal der Nachbarschaft; dabei ist sie imstande, am nächsten Tage mit vollendeter Decenz Damen des Hofs, Männer der Kunst und der Wissenschaft zu empfangen, für die einen ein Beispiel in der Toilette wie im Haushalt, für die anderen eine sprudelnde Quelle der Anregung.Und nun die Raucourt. Ihre Schönheit ist einevöllig jünglinghafte, ihr Geist hat in seiner kühlen Schärfe etwas Männliches. Man erzählt sich nur eine weibliche Schwäche von ihr: als vor Jahr und Tag der Patriarch von Ferney, in dessen Tragödie »les Lois de Minos« sie sich weigerte, aufzutreten, ihre Tugend angriff, fiel sie in Ohnmacht. Seitdem ist sie unempfindlicher geworden. In den Rollen tragischer Heldinnen ist sie unvergleichlich, dagegen fehlt es ihr für die Rollen der Liebhaberin, die sie im Leben zu spielen versucht, an Grazie. Daher sind wohl auch ihre Verehrer meist sehr junge Leute, die mehr bewundern als lieben, mehr Schüler als Herren sind. Sie gehört zu den ständigen Besucherinnen der Gärten des Palais-Royal, wo sie weit mehr Frauen als Männer um sich versammelt. Eine der Pariser Sensationen war es, als sie kürzlich in einem der berühmten Privatzimmer der Madame Gaillard einen Frauenklub gründete, von dem die Lästerzungen der Kaffeehäuser, die viel giftiger sind als die der Salons, weil sie jeder guten Form entraten, allerhand Böses zu sagen wissen. Im übrigen glaube ich nicht, daß Mademoiselle Raucourt mehr als irgend eine andere der neuen Frauentypen ein Gegenstand Ihres Interesses zu sein verdient.Sie fragen sodann, verehrte Frau Marquise, nach neuen Romanen, nach dem Befinden der Königin, nach den Aussichten des Ministeriums,nach einer Adresse zum Bezug der Parfilage, jener gräßlichen neuen Beschäftigung für nervöse Frauenfinger, nach den Ideen Diderots; – ich stehe vor dieser bunten Vielheit wie ein Kind vor der Jahrmarktsbude und weiß nicht, wohin ich zuerst greifen soll, auch sind leider zu wenig Geistespfennige in meinem Besitz, um für all das mit der richtigen Münze zu zahlen.Neue Romane? Frauen schreiben sie mit derselben Fingerfertigkeit, wie sie Goldfäden zupfen. Es sind Herzensergüsse auf dem Papier, weil die Liebhaber sich aus dem Staube machten, die sonst zuhörten. Ich schicke Ihnen einige Proben und weiß, daß Ihr guter Geschmack Sie vor weiterem Bezug warnen wird. Die Zeit der Dichter ging vorüber, sobald die Wirklichkeit an den kühlen Verstand zu große Anforderungen stellte. Erst wenn wir das prosaische Problem des Sattwerdens gelöst haben, können wir uns wieder an der Tafel Anakreons mit Rosen kränzen.Das Befinden der Königin? Sie baut in Trianon Sennhütten und interessiert sich für das Melken der behäbig blökenden Kühe und die Aufzucht friedvoller Lämmer.Die Aussichten des Ministeriums? Sie werden unter diesem König, dem seine Räte täglich in ein anderes Jagdrevier nachreisen müssen, dem die Zahl der erlegten Rehböcke wichtiger ist, als die Zahlen des Staatsdefizits, der mit vielemSchweiß Schlösser konstruiert, die seine Garderobenschränke, nicht aber sein Reich vor Dieben sichern, – niemals zu berechnen sein.Die Adresse für die Parfilage? Ich verschweige sie, weil Strümpfe stricken und Hemden nähen immer noch geistvoller ist als dieser Zeittotschläger.Die Ideen Diderots? Sie unterwühlen wie eine Herde hungriger Ratten den Boden, auf dem unsere Welt gebaut ist, obwohl in Frankreich nicht hundert Menschen den Namen dessen kennen, der sie, ein umgekehrter Rattenfänger, hervorgezaubert hat. Sie sind wie vergiftete Pfeile, an denen der, den sie trafen, langsam hinsiecht. Rousseau hat die Rückkehr zur Natur wie ein neuer Religionsstifter gepredigt; Voltaire, der Hofnarr Seiner Majestät des achtzehnten Jahrhunderts, hat alles, was der Menschheit heilig erschien, mit der scharfen Lauge seines Spottes übergossen; Diderot aber ist der Held, der mit blanker Waffe, ein offner Feind der Gesellschaft, ihr gegenübertritt. Von ihr, so sagt er, stammen alle Leiden, alle Laster; von ihr, die die Religion und den Reichtum, das heißt Unterdrückung der Einen durch die Anderen, die vor allem die Moral erfunden hat. Die Religion ist die Quelle von Verfolgungen und Verbrechen, von Kriegen und Ketzergerichten; die Moral die Quelle der Heuchelei, des Seelenselbstmords, der Versklavung aller natürlichenTriebe; ihre Überwindung ist Wiedergeburt.Sie erschrecken, Frau Marquise?! Ach, ich dachte nicht daran, daß Sie sich in Ihren angstvollsten Stunden noch betend auf die Kniee werfen, daß Sie Ergebenheit in das Geschick, Unterdrückung der aufrührerischen Stimmen Ihres Inneren für Tugenden halten. Oder irre ich mich? Die kleine Gräfin Laval ist gegen den Befehl der Äbtissin bei Nacht und Nebel dem Kloster entflohen, die kleine Gräfin Laval ist, trotz der sicheren Strafe, freiwillig zurückgekehrt, um einer Sterbenden die letzten Stunden zu erleichtern.Verzeihen Sie! Das Bild dieses reizenden, tapferen Kindes hat sich meinem Herzen so unauslöschlich eingeprägt, daß ich darüber die Marquise Montjoie vergaß!Johann von Altenau an Delphine.Paris,am 20. Oktober 1774.Verehrte Frau Marquise! Einen Augenblick lang war ich wie vor den Kopf geschlagen, daß mein Mißtrauen in Ihre Willensstärke, in Ihr Selbstbewußtsein Sie dermaßen hat empören können. Jetzt freue ich mich der – ich gestehe – nicht ganz unabsichtlichen Wirkung, denn sie hat Ihre Kraft gestählt.Die kleine Abhandlung »Du droit au divorce« lege ich bei; von Diderots Dialog »Est-il bon? Est-il méchant?«, der in knapper Form das Wesentliche dessen enthält, was Sie wünschen, hoffe ich Ihnen eine Abschrift verschaffen zu können.Daß Sie die Möglichkeit eines Pariser Aufenthalts in Aussicht stellen, wenn »alles vorüber ist«, – Sie meinen doch wohl die Geburt Ihres Kindes? –, hat mich entzückt. Ich habe am letzten Mittwoch schon mit Madame Geoffrin gesprochen, die außer Fräulein de Lespinasse Damen nicht zu empfangen pflegt, weil sie, wie sie sagt, doch »nur aus Neid oder Neugierde kommen, und zum Klatschen und Keifen weggehn«, aber bei Ihnen eine Ausnahme machen will. Ihre Briefe fand sie bezaubernd; »eine Frau von Geist und Herz ist heute, wo der Verstand wie ein Prinz erzogen, gepflegt und gehätschelt, das Herz dagegen als Aschenbrödel behandelt wird, eine solche Ausnahme, daß ich sie liebe, ohne sie zu kennen.« Ein Urteil wie dieses aus dem Munde der Madame Geoffrin ist in den Kreisen des geistigen Frankreich, was der Nachweis von zweiunddreißig Ahnen für das Königshaus ist.Darf ich Sie noch bitten, Herrn Gaillard daran zu erinnern, daß er mir von Ihrem Befinden Nachricht geben möchte, sobald Sie selbst, teuerste Marquise, mir nicht mehr zu schreiben imstande sind.Lucien Gaillard an Delphine.Froberg,den 20. November.Hochverehrte Frau Marquise, Euer Gnaden werden mir diesen ungewöhnlichen Schritt verzeihen. Ich kann nicht anders, da es mir unmöglich gemacht wird, bis in Ihr Zimmer vorzudringen.Ehe die Frau Marquise auf Froberg einzogen, hat mich niemand in diesem Hause wie ein Mensch behandelt. Alles was an Empfindung in mir lebte, hatte sich darum nur zu einem Gefühl verdichtet: dem Haß. Euer Gnaden Güte und Teilnahme haben mich erst bemerken lassen, daß ich ein Herz in der Brust habe wie die gerade Gewachsenen. Jeder Schlag dieses Herzens gehört der Frau Marquise.Daß ich einen Menschen leben sehen muß, der Euer Gnaden Leiden und Schmerzen verursacht, ist schon gräßlich genug. Aber daß dieser Mensch sich nicht scheut, Euer Gnaden im eigenen Hause zu demütigen und, – es muß gesagt werden –, zu betrügen, das ertrage ich nicht.Madame Paumille, die für den jungen Herrn engagierte Amme, ist die Geliebte des Herrn Marquis, ihre Tochter die seine. Zum Beweis diene beiliegender Brief, den ich aus ihrem Schubfach entwendet habe.Marquis Montjoie an Delphine.Froberg,den 22. November 1774.Meine Liebe! Sie verweigern mir den Zutritt, und nur, um einen noch größeren Skandal zu vermeiden, der unsere Differenzen in die Mäuler aller Untergebenen trägt, füge ich mich zunächst. Auch glaube ich, daß es tatsächlich förderlicher ist, wenn wir eine mündliche Auseinandersetzung, wie die gestrige, bis zu Ihrer völligen Wiederherstellung vermeiden. Nur, weil ich befürchte, Sie haben in Ihrer Erregung nicht alles gehört, was ich gesagt habe, will ich versuchen, mich schriftlich verständlich zu machen, wobei ich nochmals ausdrücklich betone, daß ich mich weder gestern noch heute veranlaßt fühle, etwa wie ein Schuldbewußter vor Ihnen zu erscheinen.Ich wiederhole: Madame Paumille ist nicht meine Geliebte, was Ihre Kenntnis meines Geschmacks Ihnen ohne meine Versicherung hätte sagen müssen. Ich bin nicht zu tugendhaft, aber zu ästhetisch veranlagt, als daß ich die Absurdität begehen könnte, meine Maitresse in mein Haus zu nehmen. Der freche Brief meines Reitknechts, der Ihnen in die Hände gespielt wurde, bezeugt nichts anderes, als daß ich auf der Jagd in den Wäldern von Soultz eine Nacht bei dem Weibe zubrachte. Es wäre auch das nicht geschehen, wenn Sie, meine Teure, mir nicht gerade damals Gelegenheit gegebenhätten, Sie von Ihrer unliebenswürdigsten Seite kennen zu lernen.Ob die Tochter der Paumille die meine ist, kann ich nicht wissen. Ich halte es aber für eine einfache Anstandspflicht, auch auf die bloße Möglichkeit hin der Mutter des Kindes die nötige Unterstützung zukommen zu lassen.Was ihre Wahl als Amme meines Sohnes betrifft, so hat sie sich, wie Sie wissen, selbst gemeldet, und ist von unserem Arzt unter allen Bewerberinnen als die geeignetste bezeichnet worden. Da mir die Gesundheit meines Sohnes jetzt in erster Linie am Herzen liegt, – ganz abgesehen von der notwendigen Rücksicht auf das Gerede der Leute, – wünsche ich, daß keine Änderung eintritt. Ich werde dafür Sorge tragen, daß Madame Paumilles Haus in einen Stand gesetzt wird, der dem Range ihres Pflegebefohlenen entspricht. Sie wird Ihnen dann aus den Augen sein, und in wenigen Monaten werden Sie sich Ihrer Aufregung über die ganze Sache nur noch lächelnd erinnern.Nun zu dem Brief, den Sie mir übergeben ließen. Sie fordern nichts mehr und nichts weniger als eine Trennung unserer Ehe, und begründen diesen Wunsch mit einer Überfülle an tönenden Worten, wie Wahrhaftigkeit, Selbstachtung, persönliche Freiheit. Sie sind wirklich noch ein Kind, sonst müßten Sie wissen, daß es überhaupt keine Ehe mehr geben würde, wenn die Scheidung jedesmaldie Folge solch einer »Untreue« wäre; sonst würden Sie sich auch sagen können, daß die Marquise Montjoie sich niemals zum Gegenstand eines allgemeinen Hohngelächters machen darf.Ich fürchte nach allem Geschehenen, daß Sie, meine Liebe, noch sehr viel werden lernen müssen, ehe ich wagen kann, mit Ihnen nach Versailles zu gehen. Ich habe daher Auftrag gegeben, unser seit Jahren leerstehendes Palais in Straßburg in stand zu setzen, damit ich Sie zunächst der dortigen Gesellschaft vorstellen kann.Noch eins: Lucien Gaillard, dieser Schurke, der die Wohltaten, die meine Mutter und ich ihm seit seiner Geburt erwiesen haben, in so schändlicher Weise lohnte, ist von mir entlassen worden. Ich darf von der Vornehmheit Ihrer Gesinnung doch wohl so viel erwarten, daß Sie jeden Versuch dieses Menschen, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, gebührend zurückweisen werden.EINE DEUTSCHE TRAGOEDIEPrinz Louis Rohan an Delphine.Straßburg,den 21. Februar 1775.Schönste Frau! Meine Umgebung schließt aus meiner üblen Laune bereits auf die schwersten politischen Komplikationen. Sie ist so deutsch, so grenzenlos deutsch, daß sie die Größe meines Schmerzes, eine Einladung zu Ihnen ablehnen zu müssen, ebensowenig versteht, wie sie von der Größe der Wirkung eine Ahnung haben kann, die Ihr Erscheinen in Straßburg auf mich ausüben mußte. Seit Eröffnung des Hotels Montjoie verwandelt sich der Ort der Verbannung in eine Insel der Seligen.Mein Pariser Kurier hat die kleinen Pasteten, die ich Ihnen für das Souper versprochen hatte, mitgebracht. Der Neid auf Ihre glücklichen Gäste könnte mich fast verführen, sie vergiften zu lassen! Was er sonst mitbrachte – Briefe und Journale – ist kaum der Rede wert. Hier haben Sie im Zeitungsstil unserer jüngsten Literatur ein Ragout von Allem. Ihr Geist wird verstehen, es Ihren Gästen als das Neueste aus Paris geschmackvoll vorzusetzen:Aus den Zeichen am Himmel Frankreichs verkünden unsere weisen Sterndeuter das Nahen starker Gewitter. So hat die kleine Lucy vom Vaudeville jüngst in der Komödie zwei Verse bedeutungsvoll betont: »Il est des sages de vingt ans et des étourdis de soixante« und ist wegen Majestätsbeleidigung auf zwölf Tage eingesperrt worden. Ich überlassees Ihrem Scharfsinn, zu enträtseln, ob es der tote oder der lebendige König war, den sie beleidigte.Sodann ist in Voltaires neuester Tragödie der Satz: »sous les débris du trône écrasent les sujets« wütend applaudiert worden, wobei das Parterre an den Trümmern des Throns, die Logen an den niedergeworfenen Untertanen ihren Enthusiasmus entzündeten.Ferner hat Herr von Malesherbes seinen feierlichen Einzug in die Akademie gehalten, »Herr von Malesherbes« so schreibt mein Korrespondent, »der das Erscheinen der Encyklopädie ermöglichte«. Er begleitet diesen Satz mit drei schreckhaften Ausrufungszeichen; er ist nämlich noch nicht alt genug, um wissen zu können, daß nur Tote unter die »Unsterblichen« gehen.Und schließlich hat der Marquis Mirabeau sich der Öffentlichkeit als Plato eines neuen Sokrates vorgestellt, indem er einen gewissen Dr. Quesnay, der jüngst das Zeitliche segnete, als den Erlöser von allen Übeln, an denen wir kranken, pries. Das ist meines Erachtens das einzige Ereignis, das einen Augenblick lang nachdenklich stimmen könnte. Nicht wegen des Herrn Quesnay, der den gloriosen Gedanken, den Degen mit der Mistgabel, den Fächer mit dem Milchkübel zu vertauschen, im Boudoir der Marquise Pompadour konzipierte und nun der Heilige der Ökonomisten geworden ist, von dessen Wundertaten sie die Rückkehr zur Natur erwarten, sondern wegen der Persönlichkeitseines Propheten. Schiffbrüchige Aristokraten, die sich mit Volksbeglückung befassen, sind gefährlich, denn das aufreizende Gift der Unzufriedenheit brennt denen, die Alles verloren haben, stärker im Blut als armen Hungerleidern, die nichts besaßen und sich mit einem Stück Brot den schon zum Schreien aufgerissenen Mund wieder stopfen lassen.Im übrigen, schönste Frau, seien Sie gewiß: Sie würden in Paris so sicher tanzen können, wie in Straßburg, denn die einzige Revolution, die wirklich die Gemüter erhitzt, spielt sich nicht auf der Straße, sondern in der Oper ab, wo die Piccinisten mit den Gluckisten in wütendem Kampfe stehen; selbst dem Frieden der Familien droht Zerstörung, wenn der eine Teil für die Melodien des Italieners, der andere für die Trommeln und Trompeten des Deutschen schwärmt.Ich werde mir gestatten, mich nach Ihrem Fest persönlich um Ihr Befinden zu erkundigen und hoffe, mir dadurch für die verlorenen Stunden in Ihrer Nähe reichlichen Ersatz zu schaffen.Marquis Montjoie an Delphine.Froberg,am 25. Februar 1775.Meine Liebe! Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß die Erkrankung meiner Mutter eine leichtere ist, als ich glaubte, fürchten zu müssen, die Vorbereitungen zu Ihrem Fest daher nicht unterbrochen werden sollen. Die Blumen aus unserenWarmhäusern gehen zu gleicher Zeit ab. Meine Leibjäger dürften bereits heute in Straßburg eintreffen. Die Fracht aus Paris mit der Bühnendekoration begegnete mir unterwegs. Sie wird also rechtzeitig zur Stelle sein.Sie werden anerkennen müssen, daß ich keinen Ihrer extravagantesten Wünsche unerfüllt ließ, obwohl, wie Sie wissen, das System Herrn Turgots, der es darauf abgesehen zu haben scheint, den König der festesten Stütze des Throns, der Aristokratie, zu berauben, sich auch bei dem höchsten Einkommen schon peinlich bemerkbar macht. Ich habe mich trotzdem zu Opfern entschlossen, weil ich Ihnen in dem Bestreben, mit einem Schlage die erste Position in der Straßburger Gesellschaft zu erobern, nur beipflichten kann. Nun darf ich aber auch von Ihrer Seite einiges Entgegenkommen erwarten, um so mehr als Ihr Eigensinn alles vernichten könnte, was Sie mit Ihrem Fest bezwecken.Daß wir Mademoiselle Guimard bewogen haben, bei uns zu tanzen, wird nicht nur in Straßburg, sondern auch in Paris, – was erheblich wichtiger ist –, das Gespräch der Gesellschaft bilden; das Fräulein jedoch, wie Sie es wünschten, als Gast in unserem Hause zu beherbergen, würde uns lächerlich machen. Ich ersuche Sie daher, es bei meinen Arrangements mit dem Hotel de France zu belassen.Da ich in Bezug auf unsere zweite Differenz Ihrer schließlichen Geneigtheit weniger sicher zusein glaubte, habe ich Ihrer Entscheidung vorgegriffen und den Grafen Chevreuse auch in Ihrem Namen eingeladen. Es wäre ein nicht wieder gut zu machender faux-pas, einem Protégé der Königin, der sich noch dazu in ihrem Dienste in Straßburg aufhält, unser Haus zu verschließen. Ihre Gründe kenne ich nicht, habe auch nicht die Absicht, mich in ihr Vertrauen einzudrängen; ich weiß nur das Eine, daß sie unmöglich gewichtig genug sein können, um uns zu einer Brüskierung des Grafen zu zwingen.Ich habe im Interesse Frankreichs den lebhaften Wunsch, zu dem Gelingen seiner Mission beizutragen. Es handelt sich, – das sei Ihnen im tiefsten Vertrauen mitgeteilt –, um die Anbahnung einer Versöhnung der Königin mit dem Prinzen Rohan. Die Kaiserin von Österreich hat ihre Tochter sehr zu seinen Ungunsten beeinflußt, indem sie ihr einerseits mitteilte, in welcher Weise er sich erlaubte, kurz nach seiner Abberufung aus Wien, über sie zu sprechen, und ihr andererseits darstellte, welch ein Leben er als Gesandter und Priester zu führen sich gestattete. Beides sind zweifellos grobe Unvorsichtigkeiten, aber nicht ausreichend, um einen Mann von so erprobter Gesinnung und so einflußreichen Familienverbindungen kalt zu stellen.Graf Chevreuse erhielt vom König direkt den geheimen Auftrag, die Angelegenheit zu untersuchen und, wenn irgend möglich, beizulegen.Ich hoffe, der Juwelier hat Ihnen die Smaragden zur Auswahl vorgelegt, wenn nicht, so lassen Sie ihn rechtzeitig daran erinnern. Es wird sehr darauf ankommen, die Nüance der Steine zu der Rosenfarbe Ihrer Toilette richtig abzustimmen. Ich empfehle Ihnen, Herrn Duplessis, der für Ihr Porträt gerade diese Farben wählte, dabei zu Rate zu ziehen.Prinz Louis Rohan an Delphine.Straßburg,am 27. Februar.Alles ist berauscht von dem Fest im Hotel Montjoie und bezaubert von Ihnen, schönste Frau. Wollen Sie selbst beurteilen, ob man mir gut berichtet hat: Sie haben die Natur Ihrem Willen unterworfen, indem Sie den Sommer zwangen, mitten im Winter Ihre Säle zu schmücken, und Lukull von den Toten erweckten, damit er die Genüsse Ihrer Tafel bereite; eine neue, liebenswürdigere Circe, haben Sie die schwerfälligen Damen Straßburgs in eine Schar übermütiger Grazien verwandelt, und haben Terpsichore zu sich berufen, deren Hexenkünste die steifsten Glieder gelenkig machte, so daß sie sich bis zum grauenden Morgen unermüdlich im Reigen schwangen. Ihre Augen haben Herzen gebrochen; Ihr Lächeln hat Freunde entzweit, den Frieden der Ehen erschüttert. Wollten Sie beweisen, daß eine einzige schöne Frau größere Revolutionen verursachen kann, als alle Pariser Skribenten zusammengenommen?!Daß Sie mitten in Ihren Triumphen meiner gedachten und mir, dem einsamen Kranken, köstliche Proben Ihres Überflusses zukommen ließen, betrachte ich als eine Auszeichnung, deren ich mich erst würdig erweisen muß. Befehlen Sie über mich! In wenigen Tagen hoffe ich, das Zimmer verlassen zu können; mein erster Weg wird mich zu Ihnen führen.Marschall Maxim von Contades an Delphine.Straßburg,am 28. Februar.Verehrte Frau Marquise, darf ich Sie an ein Versprechen erinnern, das Sie vielleicht schon vergessen haben, auf dessen Erfüllung ich aber bestehen muß, weil es mir die Möglichkeit gewährt, Sie wenigstens auf ein paar Stunden nicht mit der Schar Ihrer Bewunderer teilen zu müssen?! Sie wollten meine Schimmelstute unter meinem Schutz zu reiten versuchen; das Pferd steht zu Ihrer Verfügung wie sein Herr, und das Wetter ist milde. Mein Reitknecht erwartet Ihre Bestimmung über Tag und Stunde.Karl von Pirch an Delphine.Straßburg,den 30. Februar.Gnädigste Frau Marquise, hier ist das Büchlein, von dem ich mit Ihnen sprach. Keiner Anderen hätte ich das mir so teure Werk anzuvertrauenvermocht, aber als Sie mitten im Gewirr französischer Konversation gütig lächelnd die ersten deutschen Worte an mich richteten, da stand ich nicht nur ganz in Ihrem Bann, sondern ich wußte auch, daß Sie den Dichter verstehen, mit seinem Werther weinen würden.Ich wage nicht, es Ihnen selbst zu überbringen. Ich fürchte, zudringlich zu erscheinen. Ich fürchte noch mehr, mich in ein Gefühl zu verstricken, das dem Franzosen ein Spiel, dem Deutschen aber ein Schicksal ist.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Straßburg,2. März 1775.Zürnende Göttin – darf ein armer Sterblicher voller Zerknirschung Ihrem Throne nahen? Sie warenverschwenderischin Ihren Gnaden, wie es einer Olympierin zukommt; vom Marschall bis zum kleinen deutschen Offizier rühmt sich ein jeder, Sie anbeten zu dürfen. Ich allein stehe vor verschlossenen Tempeltüren. Sie verweigerten mir sogar im Menuett Ihre Hand, auf der ich eben noch die Lippen des Herrn von Contades selbstvergessen hatte ruhen sehen.Ich vermutete in Ihrem Benehmen zunächst nichts anderes, als das Raffinement einer Frau, der die Langeweile der Ehe zur Schule der Koketterie geworden ist, und ich fühlte mich fast geschmeichelt.Nun bin ich aufgeklärt: die kleine Guimard,die Sie unvorsichtig genug waren, nach Straßburg kommen zu lassen, weil Sie offenbar ihre Kenntnisse in der Wissenschaft der Galanterie unterschätzten, ist mittels einiger Flaschen Champagner sehr gesprächig geworden.»Die Marquise war gnädig, außerordentlich gnädig,« erzählte sie und ließ den Brillanten in der Sonne funkeln, den Sie ihr schenkten, – »für meinen Tanz, natürlich nur für meinen Tanz,« wie sie mit listigem Augenzwinkern versicherte. »Ich mußte ihr von Paris erzählen,« plauderte sie dann weiter, »von meinem Hotel, meinen Soupers, – soweit man sie einer elsässischen Marquise schildern kann! –, von meinen Gästen vor allem.« »Von Ihren Gästen?!« machte ich erstaunt. Sie blinzelte mich von der Seite schelmisch an: »Aha, ich merke, Sie möchten wissen, für wen sich die schöne Frau so lebhaft interessiert, um eine Guimard in ihr Vertrauen zu ziehen, aber ich sage nichts, gar nichts! Ich kann diskret sein wie eine große Dame.«Ich wechselte das Thema des Gesprächs und ließ eine Flasche Burgunder entkorken, – sie liebt diesen dunkelroten Wein besonders, seitdem der Prinz von Soubise sie damit taufte und seine Feuerfarbe die Weiße ihrer Haut so leuchtend erscheinen ließ, daß er auf immer geblendet wurde –; ich spielte den schmachtenden Anbeter mit all der Virtuosität, die ich noch der Schule Dubarryverdanke. Und sie wurde weich, wurde schwärmerisch, sie erinnerte sich, Manon Lescaut und die Neue Heloïse gelesen zu haben. Jetzt warf ich Ihren Namen ins Gespräch. »Die arme Frau,« seufzte sie tränenschimmernden Blicks, »sie liebt, liebt unglücklich –«Nach diesem Geständnis, schöne Marquise, bedurfte es nun keiner Bitten mehr!Zwar weiß ich, meine stolze Feindin hat die kleine Balletteuse nicht zu ihrer Vertrauten gemacht, aber für eine Liebeskünstlerin wie diese war Ihre vornehme Reserve nichts als ein durchsichtiger Schleier.Also darum bin ich in Ungnade gefallen?! Und doch ritzte ich nur die glatte Haut des Prinzen und verlieh ihm einen Reiz mehr –, den des Helden!Wären Sie übrigens huldvoller gewesen, Sie hätten sich nicht zu einer Guimard herabzulassen brauchen, um von dem Gegenstand Ihres Interresses Näheres zu hören. Ich bin sehr gut orientiert, denn seit seiner Rückkehr nach Paris tut der Prinz Dienst bei der Königin.Er ist der Liebling der Damen; sie vermuten hinter seiner Melancholie einen erschütternden Roman, und da die große Leidenschaft Mode zu werden beginnt, fehlt es ihm nicht an Anbeterinnen, die jederzeit bereit sein würden, ihn zu trösten. Die Gräfin Diane de Polignac hat sich seiner, – sagen wir höflich als Kavalier: mütterlich –, angenommen. Er seufzt ihr zu Füßen, wenn auch vielleichtnoch nicht um sie. Sammle ich nicht feurige Kohlen auf Ihr Haupt? Werde ich endlich hoffen, von Ihnen beachtet zu werden? Oder wird nur der Mann im Tête-à-Tête empfangen, der den Namen eines Rohan mit der Aussicht auf einen Kardinalshut verbindet?! Ich weiß von ihm, wie gern Sie, reizende Delphine, Straßburg mit Versailles vertauschten. Aber leider ist ein Rohan immer noch der ungeeignetste Führer dorthin.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Straßburg,den 3. März 1775.In jedem Buchstaben Ihrer Antwort, verehrteste Marquise, bebt die Entrüstung: Weil ich »eine trunkene Tänzerin herausforderte«, von Ihnen Märchen zu erzählen, weil ich »so tief gesunken« bin, zu glauben, die Marquise Montjoie könnte mit einer Guimard auch nur einen Gedanken teilen. Ich fühle mich geschlagen, vernichtet, gnädigste Marquise; ich bin bereit, für meine Sünden kniefällig um Verzeihung zu bitten, – wenn Sie mir gestatten wollten, es nicht nur auf dem Papier zu tun!Fordern Sie, was Sie wollen, – nichts wird mir zu erfüllen unmöglich sein, ist Ihre Gunst der Preis dafür. Ich fühle mich schon als Ihren Beauftragten gelegentlich meines heutigen Gesprächs mit dem Herrn Marquis.»Nur des Königs ausdrücklicher Wunsch würdemich bewegen können, in Versailles zu erscheinen,« sagte er; »die Berufung Turgots ist ein Schlag ins Gesicht für den Edelmann; der König muß wenigstens durch unser Fernbleiben empfinden, was die Loyalität uns auszusprechen verbietet.« Meinen Einwand, daß die Königin dem gesamten Ministerium feindlich gegenübersteht und nichts sehnlicher wünscht, als durch die Heranziehung Gleichgesinnter ihre Position zu stärken, beantwortete er mit einem: »So mag Ihre Majestät uns rufen!«Auf Grund dieser Bemerkung dürfen wir hoffen, Frau Marquise. Wie dieses »wir« mich entzückt! Sie mögen sich sträuben, wie Sie wollen, schöne Delphine: ein Gefühl und ein Geheimnis haben Sie gemeinsam mit mir –, das sind die ersten Glieder einer Kette, die ich fester zu knüpfen mich rastlos bemühen werde.Wann empfangen Sie mich? Ihrer gnädigen Antwort sehe ich entgegen.Karl von Pirch an Delphine.Straßburg,am 9. März 1775.In der sternhellen Frühlingsnacht, angebetete Frau, bin ich stundenlang über die Wälle gegangen, habe vom feuchtwarmen Wind meine Haare durchwühlen lassen, und, von Zeit zu Zeit erschöpft mich auf die Erde werfend, meine glühenden Wangen an ihrer Brust gekühlt.Und nun sitze ich auf hartem Stuhl in meinem unwirtlichen Gemach, und es dünkt mir, ein seliger Traum gewesen zu sein, daß ich in einem blauen, fliederdurchdufteten Boudoir, vor dem sprühenden Feuer eines Alabasterkamins geweilt habe, das vollendetste Geschöpf, das aus Gottes Hand je hervorging, mir gegenüber!Ich bin ein zufriedener Mensch gewesen; mein brennender Ehrgeiz ließ mich vergessen, daß ich ihm Vaterland und Heimat geopfert habe, er verschloß mir die Augen vor meinem eigenen Elend. Seit ich Sie kenne – ach, erst seit gestern kenne ich Sie ganz! – fühle ich meine schreckliche Armut, meine grenzenlose Verlassenheit.O, warum weckten Sie mit Ihrer weichen Stimme, die so verständnisvoll von Werthers Leiden sprach, den Menschen in mir auf? Nun möchte ich Ihnen die Wunden des eigenen Herzens enthüllen, um Ihre Stimme um meinetwillen zittern zu hören!Und warum streichelte Ihre weiße Hand das kleine Buch; – wenn ich es in der meinen halte, spüre ich Ihren Zauber, wenn ich die Lippen darauf presse, wird meine Sehnsucht zu einer Furie, vor deren Streichen ich nur eine Zuflucht weiß: Sie!Haben Sie Erbarmen mit einem Rasenden! Bettelarm stehe ich vor Ihnen, und doch können Sie den Reichtum nicht ermessen, den ich Ihnen zu Füßen lege: die Menschen verschenken ihr Herz stückweise, – den Freunden, den Geschwistern,der Mutter, – ich aber gebe es Ihnen ungeteilt! Die Menschen spielen mit ihrem Gefühl, und verkaufen es gegen bare Bezahlung wie eine Ware, – ich aber flehe nur um die Gunst, daß Sie es nicht von sich stoßen mögen! –Erschrecken Sie nicht vor der Größe meiner Leidenschaft. Sie ist ein Atlas, der die ganze Welt zu tragen vermag, und ist vor Ihnen doch ein kleines Kind, das kein Haar Ihres Hauptes zu krümmen imstande wäre. Den Saum Ihres Kleides an meine Lippen pressen zu dürfen, wie gestern, ist das Höchste, was ich begehre.Marschall Maxim von Contades an Delphine.Straßburg,am 16. März 1775.Verehrteste Marquise! O, über die Launen schöner Frauen! Sollte man es glauben, daß die kühnste aller Reiterinnen, die einen alten Soldaten, den noch keiner ungestraft schief ansehen durfte, zu einem wehrlosen Feigling macht, – sie schlug ihm Wunden, die er nicht rächte!! –, daß dieselbe grausame Schöne eines kleinen Kapitäns mitleidsvolle Wohltäterin werden will?! – Sie haben recht: Herr von Pirch ist blutarm, aber er trägt bereits die Anwartschaft auf ein Vermögen in der Tasche. Er steht unter persönlicher Protektion des Herzogs von Aiguillon, die er sich durch seine genauen Kenntnisse der Kriegskunst des Königsvon Preußen erworben hat. Wir würden diesen deutschen Baron nicht angestellt haben, wenn wir uns nicht große Vorteile davon versprächen. Sie haben es in der Hand, reizende Samariterin, Ihrem Schützling eine glänzende Situation zu bereiten: bestimmen Sie ihn zu rückhaltloser Preisgabe seiner Geheimnisse. Sie leisten damit zu gleicher Zeit Ihrem Vaterlande einen wichtigen Dienst.Meine Stute erwartet ungeduldig ihre Gebieterin. Ich verzeihe es ihr, daß Sie mich nicht mehr im Sattel dulden will. Wer vermöchte die rauhe Faust noch zu ertragen, der von der zarten Führung Ihres Händchens verwöhnt worden ist?!Graf Guy Chevreuse an Delphine.Straßburg,Freitag.Schönste Marquise, der König hat befohlen, daß ich den Prinzen Rohan nach Versailles begleiten soll, und die letzten eiligen Geschäfte, die ich vorher noch abzuwickeln habe, zwingen mir das Opfer auf, Sie nicht mehr sehen zu können. Es würde mein Herz noch heftiger bluten machen, wenn ich nicht in letzter Zeit unter dem merkwürdigen Zufall, Sie bei meinen Besuchen stets in Gesellschaft des Herrn von Pirch zu treffen, so sehr gelitten hätte. Oder sollten diese Begegnungen einem Plan Ihres entzückenden Köpfchens entsprechen, das in seiner Klugheit sicher ebenso unergründlich ist, wie Ihr Herz in seinen Gefühlen?War es Ihre Absicht, mich den Stachel der Eifersucht immer heftiger empfinden zu lassen, damit ich alle Kraft daran setze, mich von ihm zu befreien, und helfe, Sie möglichst weit aus dem Gesichtskreis des kleinen Barons zu entfernen?!Seien Sie versichert, ich werde intriguieren, wie Mademoiselle de Lespinasse, die Minister und Akademiker kreiert, und plädieren wie Monsieur Linguet, der die Gräfin Bethune sogar dann noch rettete, als er bereits gestürzt war.In Paris sehen wir uns wieder – in diesem göttlichen Paris, wo alle Pulse schneller schlagen, wo das Leben ein spannendes Glücksspiel, die Liebe ein Champagnerrausch ist. Die Atmosphäre von Straßburg würde mich schwermütig gemacht haben, wenn die Luft, die Sie umgibt, nicht gesättigt gewesen wäre von diesem Paris.Aber zuweilen entdecke ich, daß die feuchten Nebel des Rheins Ihre Augen zu verschleiern beginnen, daß die erschreckende Nähe deutschen Barbarentums einen fremden Zug von Ernst um Ihre schwellenden Lippen legt; – Paris allein kann Sie entzaubern! Auf Wiedersehen in Paris! Soll ich den Prinzen Friedrich-Eugen von Ihnen grüßen? Darf ich ihm auch vom Baron von Pirch erzählen?!Mit deutscher Andacht küsse ich Ihnen die Hand und denke dabei mit französischer Verwegenheit des rosigen Grübchens auf Ihrem Ellenbogen.Karl von Pirch an Delphine.Straßburg,am 29. März 1775.Angebetete Frau Marquise! Wie lange noch soll ich es ertragen, daß Sie mir so kühl gegenüberstehen, mich wie einen Fremden betrachten, der ich Ihnen mein ganzes Wesen preisgab?! Ich weiß gar wohl: ich spiele eine schlechte Figur zwischen Ihren glänzenden Gästen; zähneknirschend empfand ich den hohnvollen Blick, mit dem der Graf Chevreuse meine schlichte Uniform zu streifen pflegte; der Zorn schnürte mir die Kehle zusammen, wenn ich, Sie erwartend, vor der Porte du Roi auf- und niederging, und der Marschall Contades an Ihrer Seite vorbeigalloppierte, so daß der arme Fußgänger im Staub, den die Pferdehufe aufwirbelten, verschwand; und der Neid jagte mir kalte Schauer über den Rücken, sobald der Prinz Rohan sich Ihnen nahte, der nie ohne kostbare Blumen Ihre Schwelle überschritt, während ich daneben stand mit leeren Händen!Aber heißt es nicht, Sie beleidigen, wenn ich solche Gründe für Ihre Ungnade annehme? Habe ich überhaupt ein Recht, mich zu beklagen –, ich, der ich versprach, wunschlos Ihre Nähe zu suchen?! Ach, Engel meines Lebens, ich bin nur ein Sterblicher, und bin jung, und habe noch nie geliebt! Vermessene Gedanken, die ich niemals wagen würde, vor Ihrer Reinheit auszusprechen, lassen mich das Licht des Tages schamvollfliehen, und das Dunkel der Nacht fürchten wie höllische Finsternis.Können Sie mir nicht lächeln, wie einst? Muß ich die Qual erdulden, immer hinter den anderen zurückzustehen? Darf ich nie mehr allein den Raum betreten, der voll Ihres Atems ist, nie mehr meinen heißen Kopf in die Falten Ihres Kleides vergraben? Ich bin jedes Verbrechens fähig um den Preis eines Blicks voll Güte!Marschall Maxim von Contades an Delphine.Straßburg,am 16. April.Verehrte Frau Marquise, noch habe ich mich von meinem Erstaunen nicht erholt, daß Sie den Baron von Pirch nicht beeinflußt haben wollten, und meine Vermutung entrüstet von sich wiesen! Wozu dies Versteckenspiel, schönste Frau? Meinen Sie, vor Ihrem grauhaarigen Verehrer Ihr warmes Interesse für den jungen Mann verstecken zu müssen? Was ich bei meinem letzten Gespräch mit Ihnen aus der veränderten Lage des Kapitäns, seinen englischen Pferden und Pariser Westen, nur schließen zu müssen glaubte, ist mir inzwischen zur Gewißheit geworden: der Herzog von Aiguillon erhielt die gewünschten Papiere, sie sind mit besonderem Kurier an den Kriegsminister, Herrn Marschall de Muy abgesandt worden, undHerr von Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohnempfangen.Warum weisen Sie das Verdienst einer Tat von sich, die Ihrem Patriotismus wie Ihrer – christlichen Nächstenliebe in gleicher Weise Ehre macht? Vielleicht, weil Sie mich nicht verletzen wollen?! Ist solche zarte Rücksicht noch nötig, nachdem Sie mir neulich deutlich genug zu verstehen gaben, daß ein grauer Bart zu stachlich ist für eine zarte Haut wie die Ihre?Zuverlässige Gewährsmänner erzählten mir, daß eine gewisse kleine Gräfin Laval als Klosterschülerin nachts in den Straßen von Paris mit einem jungen Manne gesehen wurde, und daß um die Gunst einer reizenden Marquise, – deren Name Ihnen nicht fremd sein dürfte –, der Prinz von Montbéliard mit dem Grafen Chevreuse ein blutiges Renkontre hatte. Ist es demnach so verwunderlich, wenn der Marschall Contades auf ein kleines Douceur für seine Ritterdienste glaubte rechnen zu dürfen?Ich küsse Ihnen die Hand –, das Einzige, was Sie mir nicht verweigerten –, und verharre in der Hoffnung auf kommende Geneigtheit.Karl von Pirch an Delphine.Dienstag.Teuerste Marquise! Mit fliegender Feder beantworte ich Ihre Zeilen. Kniefälligen Dank dafür, daß ich Ihnen dienen darf! Ich werde zurangegebenen Stunde bei Ihnen sein. So habe ich nicht umsonst gelitten, gehofft und – gesündigt!Karl von Pirch an Delphine.Straßburg,den 17. April 1775.Teuerste Marquise. Meine Forderung an den Marschall ist abgesandt und ich erwarte seine Antwort mit jener Ruhe, die nur der Mensch empfinden kann, dem selbst der Tod gleichgültig ist. Ach, wie flog ich zu Ihnen, von kühnster Hoffnung beschwingt, wie liebeglühend warf ich mich nieder vor Ihnen, als ich ihre Tränen sah und sie zu meinen Gunsten deutete! Sie aber sprangen auf und stießen mich zurück, und wilder Zorn, nichts als Zorn, brannte in Ihrem Antlitz, als sie mir des Marschalls Brief vor die Füße warfen.»Rächen Sie mich –«, ich erkannte Ihre Stimme nicht wieder, als Sie mir, heiser vor Erregung, diese Worte zuriefen. Und ich Betörter fühlte, während ich las, nur das Eine: daß Sie mich gerufen hatten, daß ich Ihnen dienen durfte, daß ich des köstlichsten Lohnes dafür sicher sei! Bis ich aus dem Traum gräßlich erwachte, bis ich endlich verstand, – verstehen mußte, daß ich nicht einmal besaß, wessen der letzte Ihrer Diener sich rühmen durfte: Ihre Achtung.»Ein Vaterlandsverräter!« Darum also haben Sie sich von mir gewandt, während ich glaubte, Sie mit Prunk und Glanz gewinnen zu können! O,daß ich Sie nicht früher kannte, daß meine Liebe nicht hellsehend genug war, um mich Ihre Größe erkennen zu lassen!Ich ging von Ihnen, ein Vernichteter, dem nur eines bleibt, zu sterben. Jetzt aber kehre ich zurück, teuerste Frau, um Ihnen aus tiefster Seele dafür zu danken, daß Sie mich dieses Sterbens würdigten. Nach Stunden, in denen die ganze Hölle sich meiner Seele bemächtigte, ist es still in mir geworden und ich sehe klar: der Weg, den Sie mich zu gehen heißen, ist der einzige, der mich zu Ihnen zurückführt. Ich werde fallen, und entsühnt werde ich nur noch in Ihrer Erinnerung weiter leben. Was verlange ich mehr?Bis in den Tod nannte ich mich einst den Ihren, bis über den Tod hinaus bin ich es jetzt erst.Karl von Pirch an Delphine.Straßburg,am 17. April 1775.Herr von Contades hat meine Forderung abgelehnt. Er schlägt sich nicht mit Ehrlosen. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird er trotzdem gerichtet sein, wie ich.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Versailles,am 29. April 1875.Teuerste Marquise. Kaum haben wir Straßburg verlassen, und glauben, dem Zentrum aller großen Ereignisse näher zu kommen, als es sich mit einercause célèbre an uns Provinzverächtern rächt. Ganz Paris spricht von der Ohrfeige, die der Straßburger Marschall empfing und von der Kugel, die der deutsche Baron sich darnach in die Schläfe jagte. Empfindsame Seelen lassen ein paar Tränentropfen über die Wangen fließen und flüstern einander in schauernder Bewunderung Ihren Namen zu. Unsere schöne Polignac hat, – ob aus Mitleid mit dem Opfertod des jungen Mannes, oder aus Neid über Ihren Ruhm?! –, einen Weinkrampf bekommen und quält seitdem den Prinzen Montbéliard mit unermüdlichen Fragen nach der Marquise Delphine, in der sie bereits die kommende Rivalin fürchtet. Ich selbst habe mich nicht ohne Erfolg bemüht, die Geschichte zu unserem Vorteil – »unserem«, schöne Frau! – auszunutzen; die Gelegenheit dazu ist so günstig, wie der kleine Roman selbst.Sie wissen: die Natur beginnt der Kunst den Rang abzulaufen; ihr Kredit ist im Wachsen, seitdem sie Rousseau nicht mehr kompromittiert, die Ärzte führen die famose Damenkrankheit der Langenweile, die sie in ihrer Weisheit als ein bedenkliches Nervenleiden erkannt haben wollen, auf die – Kunst zurück: auf das Korsett, das Sylphidentaillen vortäuscht, wo in Wahrheit die vierschrötige Figur einer Bauernmagd vorhanden ist, auf den Puder, der gelbes Leder in weiße Lilienblätter umwandelt, auf die Schminke, diebleichsüchtigen Lippen und Wangen blühende Rosenfarbe verleiht, auf Liköre und Zuckerwerk, die an Stelle von Wasser und Brot getreten sind, auf das Leben bei Nacht im Glanze des neuen Gaslichts, das uns die Sonne vergessen machte. Und sie verordnen keine bitteren Mixturen mehr, sondern – Natur: kaltes Wasser, frische Luft, schwarzes Landbrot, saures Obst, Leibesübungen, Morgenspaziergänge. Die Königin und ihre Damen zeigten sich zuerst als willfährige Patienten; ganz Paris folgt ihrem Beispiel. Die Kavaliere werden nicht mehr zum Lever im parfümierten Boudoir empfangen, sondern zum Spaziergang im taufrischen Garten. Und bei den Wanderungen zwischen den knospenden Alleen Trianons, über den smaragdgrünen Rasen, den bunte Krokus und gelbe Narzissen mit ihren leuchtenden Farben durchziehen, liebt es die Königin Geschichten à la Marmontel zu hören. Es müssen aber, wie wir als Kinder zu sagen pflegten, »wirkliche« Geschichten sein. Welche hätte den Wünschen der hohen Frau besser entsprechen können, als die Ihre?Unter den eben aufblühenden Syringen erzählte ich von der kleinen süßen Klosterschülerin; vor den rosa Tulpenbeeten schilderte ich die ach so stolze Schloßfrau von Froberg; auf der weißen Bank zwischen den Oleanderbäumen sprach ich von der geistvollen Königin der Straßburger Feste; und als wir an der Schäferhütte unter den hellgrünenSchleiern zarter Birken saßen, schwärmte ich von der wunderschönen Frau, um derentwillen ein deutscher Träumer sterben mußte und ein französischer Kavalier nichts heißer begehrt, als zu leben!Der Königin blaue Augen schwammen in Tränen; unter den duftigen Mullfichus, die die Damen des Hofes am Morgen um die Schultern legen, – natürlich nur, weil der Arzt verordnet, daß Luft und Licht den Körper berühren! –, bebten rosige Busen.»Schreiben Sie der Marquise Montjoie, daß ich mit ihr leide,« sagte die Königin; »fügen Sie auch hinzu, daß es mir eine besondere Freude sein würde, sie zu empfangen.« Und mit jener rührenden Einigkeit, die, wie Sie ahnen werden, die erste Tugend der Hofdamen ist, machten sie alle den Wunsch der Gebieterin zu dem ihren. Nur die Gräfin Polignac schwieg zerstreut. Der Prinz Montbéliard war kurz vorher im Boskett verschwunden.Können, nein, dürfen Sie jetzt noch zögern? Versailles erwartet Sie im schönsten Frühlingsschmuck, und Paris mit einer Fülle amüsanter Attraktionen. Der Barbier von Sevilla füllt täglich das Theater und der glückliche Verfasser, Herr von Beaumarchais, – ein Emporkömmling dunkelster Herkunft, ein verkrachter Advokat, ein skrupelloser Geschäftsmann, – ist dermaßen in Mode, daß Prinzessinnen sich um ihn reißen. Die drollige Komödie: »Die Kurtisanen«, versorgt die Salons mit Bonmots, die die Gesellschaft um soherzhafter belacht, je mehr sie sich getroffen fühlt. Mit dem Besten lassen Sie mich diesen langen Brief beschließen, damit sein Effekt wenigstens zuletzt der ist, ein Lächeln bei Ihnen hervorzuzaubern –, jenes verführerische Lächeln, das Perlenzähne zwischen glutroten Lippen hervorblitzen, und zwei tiefe Grübchen in zarten Pfirsichwangen sich eingraben läßt. Ein junger, vornehmer Mann, der wahrscheinlich allzuviel moderne Romane gelesen hat, deren Heldinnen tugendhafte Kurtisanen zu sein pflegen, verliebt sich in eine der Art. In ihrem Boudoir, dessen sich eine Gräfin nicht zu schämen brauchte, zu ihren Füßchen, die in der Höhe des Spanns und der Schmalheit der Fesseln der blaublütigsten Aristokratin gehören könnten, macht er ihr einen Heiratsantrag, den sie mit vollendeter Form akzeptiert. Er fühlt sich im siebenten Himmel. Da öffnet sich die Tür, herein tritt der Bruder der Schönen, – Schmierstiefeln an den klobigen Füßen, schmutzige Nägel an den breiten Händen, im roten Gesicht eine noch rötere Nase –, ein echter Pariser Droschkenkutscher. An dem verblüfften Biedermann, der den Schwager gerührt in die Arme schließen will, stürzt im selben Augenblick der verliebte Jüngling vorüber, zur Tür hinaus. Der Anblick genügte, ihn von seiner Liebe und die kleine Dame von einem Bräutigam zu befreien!Und die zweite Geschichte, die nichts ist als ein kurzer Dialog »Wissen Sie schon, Alcest hat diekleine Herzogin verlassen.« – »Nicht möglich! Und warum?« – »Wegen der niedlichen Tänzerin Cléone«. – »Gewinnt er denn bei diesem Tausch?« – »Vom Standpunkt der guten Sitten – gewiß!« –Von nun an erwarte ich Sie täglich!Prinz Louis Rohan an Delphine.Paris,am 7. Mai 1775.Meine liebe Frau Marquise. Zugleich mit meinem längeren, ich möchte beinahe sagen: geschäftlichen Schreiben an den Herrn Marquis, mache ich mir das besondere Vergnügen, diese freundschaftlichen Zeilen an Sie zu richten. Der Eindruck meines letzten Besuchs bei Ihnen ist ein so nachhaltiger gewesen, daß ich, offen gestanden, das meiste Gewicht auf Ihre Bundesgenossenschaft lege. Wer hätte hinter der Marmorstirn dieser reizenden Frau so kluge und so – kühle Gedanken vermutet; wer hätte je geglaubt, daß Ihre große Jugend der Erkenntnis so ernster politischer Fragen fähig wäre!Und nun ist, dank eines glücklichen Zwischenfalls, der große Moment gekommen, wo es gilt, die bisher – unter uns gesagt – noch spielerische Stellungnahme der Königin zu stärken und damit der Herrschaft dieses unseligen Ministeriums ein rasches Ende zu bereiten.Wir hatten vor drei Tagen so etwas wie eine Revolution, die die selbst in unseren Reihen so sehr gefürchteten Theorien der Philosophen undPhysiokraten über den Haufen stieß, denn sie entstand nicht als Folge der von diesen als so gräßlich geschilderten Mißstände, sondern entsprang dem Reformversuch Herrn Turgots, durch Freigabe des Mehl- und Getreidehandels jene Mißstände zu beseitigen. Ich kam gerade aus Versailles, wo ich den König zwar nicht traf – sein ganzes Interesse gehörte in diesem kritischen politischen Augenblick der Schnepfenjagd! – und stieß in der Rue St. Honoré mit einem Haufen aufgeregten Volks zusammen, der mich nötigte, meinen Wagen zu verlassen. Junge Vagabunden, kreischende Weiber, alte Trunkenbolde, Dirnen und verwahrloste Kinder sperrten unter Führung einiger behäbiger Mehlhändler die Straße vollständig ab und brachen mit dem Gebrüll »nieder Turgot!« Türen und Fenster ein. Während des ganzen Tages hörte der Lärm nicht auf, so daß ich vorzog, mein endlich erreichtes Quartier nicht mehr zu verlassen.Inzwischen hat der König von den Ereignissen erfahren; seine Haltung, als er Turgot gestern empfing, soll schon eine merklich kühle gewesen sein.Zur rechten Zeit ist eine Broschüre Herrn Neckers erschienen, die sich gegen die Theorien der Ökonomisten wendet und die Folgen Turgotscher Reformpläne so voraussieht, wie sie bereits anfangen, einzutreten. So wenig ich nun auch diesen Mann goutiere, der nicht nur ein Bürgerlicher im tiefsten Sinne des Worts, sondern überdies noch einSchweizer mit all seiner Steifheit ist, so halte ich ihn in diesem Augenblick so sehr für unsern Freund, daß ich mich entschloß, Madame Necker meinen Besuch zu machen. Ich habe es nicht bereut, selbst wenn ich dabei nichts anderes gewonnen hätte, als den Einblick in eine neue Welt. Wir mögen sie ignorieren, aber sie besteht, sie entwickelt sich, sie nimmt die Allüren der unseren an, und wir selbst haben sie ins Leben gerufen, indem wir all diesen Leuten, die noch vor zwanzig Jahren kleine Krämer waren und sich nicht tief genug vor uns beugen konnten, die Ausnutzung der finanziellen Kräfte des Landes überließen. Heute sind sie Bankiers und Generalpächter, haben Schlösser auf dem Land, Hotels in der Stadt, spielen die Mäzene aller unruhigen Geister und uns, den Privilegierten bis zum König hinauf, sind zu dem im Grunde gebotenen Kampf gegen diese neuen Mächte die Hände gebunden, weil wir ihren Einfluß und – noch mehr – ihr Geld gebrauchen.Sie hätten mit mir beobachten sollen, wie Madame Necker, die ihre mangelhafte Grazie durch kühle Klugheit zu ersetzen sucht, in ihrem eleganten Salon empfängt, wie sich Politiker, Philosophen und Poeten um ihre Tafel drängen. Wohl dachte ich dabei an die Glanzzeit Madame de Tencins und ihrer eleganten Besucher, deren Esprit alle Tagesinteressen graziös zu umflattern pflegte wie Schmetterlinge die Blumen, während derschwerfällige Geist der Gäste des Neckerschen Hauses an jeder Einzelheit kleben bleibt wie Raupen, die sich einspinnen wollen. Hat man es selbst im Salon der Marquise Dudeffant je gehört, daß Frauen sich über die Fragen der Getreideausfuhr, der Preßfreiheit, der ostindischen Bank, der amerikanischen Vermittelungen echauffieren?! Es nimmt mich nicht wunder, daß im Kreise der Madame Necker der Plan auftauchen konnte, Herrn von Voltaire ein Denkmal zu setzen, obwohl er vom Poeten so weit entfernt ist, wie der berüchtigte Abbé Galiani vom Priester.Trotz alledem, meine schöne Marquise, müssen wir klug genug sein, diese Situation zu benutzen, und ich würde auch Ihnen raten, bei Ihrem hoffentlich nunmehr gesicherten Hiersein den Salon Necker zu frequentieren, denn er ist der Herd der Feindschaft gegen das Ministerium Maurepas und mindestens so einflußreich als die Königin, auf die wir uns natürlich in erster Linie stützen müssen.Sie hatte leider nicht die Gnade, mich in privater Audienz zu empfangen. Ich sah sie nur bei Gelegenheit einer offiziellen Festlichkeit in Versailles, ihre unbeschreibliche Lieblichkeit würde mich ganz bezaubert haben, wenn ich nicht inzwischen von der Schönheit einer Ihnen nicht unbekanten Dame selbst für den Reiz der Königinnen unempfindlich geworden wäre! Graf Chevreuse, ihr getreuester Kavalier, – er gehört zu den wenigenHofherren, die, als sie jüngst an den Masern erkrankt zu Bette lag, ihre Anhänglichkeit so weit trieben, daß sie nur nachts zu bewegen waren, das Schlafzimmer der hohen Frau zu verlassen, – zeigte mir die entzückenden neuen Gärten von Trianon, die Herr von Caraman im englischen Stile anlegt. Der Königin ganzes Interesse gehört dieser neuen Schöpfung und ihr ganzer Zorn denen, die sie ihr durch grämliche Sparsamkeitsrücksichten vergällen wollen. Herr Turgot ist der erste unter den Spielverderbern. Als ob man einer Königin versagen dürfte, was jeder Parvenü heute schon besitzt! Die Rücksicht auf ihre Trianon-Phantasie vermag, was der Hinweis auf die politischen Interessen Frankreichs nicht vermocht haben würde: Marie Antoinette für unsere Intrigue zu gewinnen, vorausgesetzt, daß einer von uns sie beeinflussen kann.Sollte mein Brief an den Herrn Marquis, der noch ein wenig trockner ist als dieser, – ich fürchte fast, der Neckersche Salon hat seine Spuren bei mir hinterlassen und Sie werden sich beeilen müssen, sie zu verwischen! –, ihn noch nicht zu einem festen Entschluß geführt haben, so rechne ich, teure Marquise, auf Ihre ausschlaggebende Unterstützung.Darf ich Ihrer gütigen Verzeihung sicher sein, wenn ich eine andere, Sie persönlich betreffende Sache dem Herrn Marquis gegenüber zu meinen Zwecken auszunutzen versuchte? Ich schrieb ihm,daß die Affäre des kleinen Kapitäns viel Staub aufgewirbelt habe und daß es im Interesse Ihrer gesellschaftlichen Stellung wünschenswert sei, Straßburg mit Paris zu vertauschen. So kann die voreilige Tat des jungen Mannes, – hätte er nicht für die Unnahbarkeit der schönen Delphine gefällige Trösterinnen gefunden?! – den Interessen des Vaterlandes doch noch zugute kommen.Marquis Montjoie an Delphine.Paris,am 1. Juni 1775.Meine Liebe. Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise bin ich vor acht Tagen hier angekommen. Die Unsicherheit der Wege ist groß; lichtscheues Gesindel wagt sich mit frecher Miene und einer Art Bettelei, die fast eine Drohung ist, bis dicht an die Wagen, so daß wir bei Ihrer Übersiedelung nach Paris für eine größere Eskorte Sorge tragen müssen, als ich sie hatte. Sie sehen aus dieser Bemerkung, daß mein Entschluß nunmehr feststeht, und ich bitte, die Vorbereitungen für die Reise treffen zu wollen.Es geschieht nicht leichten Herzens, daß ich mich der klar erkannten Pflicht, dem Beispiel meiner erlauchten Ahnen folgend, unterwerfe, in gefährlicher Zeit das Herrscherhaus nicht zu verlassen. Die Tage, die ich hier in fast ständiger Gesellschaft der Minister und des Hofes verlebe, genügten, um mir die Lage der Dinge sehr schwarzerscheinen zu lassen. Wir dürfen uns vor allem Eins nicht verhehlen: der König folgt in seinen Handlungen keinerlei festem Plan, sondern teils seiner Laune, teils den Ratgebern, die ihm im Moment das Meiste versprechen. Diese Tatsache bietet uns freilich die Gewähr, daß auch Turgot sich über kurz oder lang beseitigen läßt, aber – dessen fürchte ich sicher zu sein – nur um durch neue vorübergehende Experimente ersetzt zu werden. Vorläufig sucht der König sein Heil noch darin, den Freidenkern und Ökonomisten Konzessionen zu machen. Man spricht sogar davon, daß Herr von Malesherbes in das Ministerium berufen werden soll, der der offene Beschützer und Parteigänger der Leute vom Schlage der Herren d'Alembert, Diderot e tutti quanti ist. Die einzige Stütze für uns ist der ehemalige Polizeileutnant Sartine, der aber leider auch durch Frau von Maurepas' Boudoir den Weg zu seinem Posten als Marineminister gefunden hat. Sein augenblickliches Verdienst ist die geschickte Inszenierung der Brotrevolten, die Turgots Ansehen nicht wenig erschüttert haben.Die schwankende Haltung des Königs ist jedoch nicht das einzige, was zu schweren Befürchtungen Anlaß gibt. Die Konflikte mit England nahmen leider in Verbindung mit den amerikanischen Unruhen eine drohende Gestalt an, umsomehr, als der König gewissenlosen Einbläsern ein geneigtesOhr leiht, die ihn glauben machen wollen, daß ein Krieg der allgemeinen Erregung eine andere Richtung geben, und sein glücklicher Ausgang die seit der Schmach des Siebenjährigen Krieges rapid wachsende Mißstimmung beseitigen würde. Schwärmer, die in einem freien Amerika die Träume der Philosophen glauben verwirklichen zu können, schlaue Geschäftsleute, die überall im Trüben fischen und, wie ich von zuverlässiger Seite hörte, schon jetzt den Bostonianern heimlich Waffen liefern, haben sich zusammengetan und schüren die Flammen. Wie weit es ihnen gelingt, geht schon daraus hervor, daß ein so kühl-reservierter Edelmann, wie der Prinz von Montbéliard, mir gegenüber die Absicht aussprach, sich dem Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien anzuschließen, auch wenn Frankreich neutral bleiben sollte, und daß Herr von St. James mir ernstlich zumutete, mich mit einigen tausend £ an dem geschäftlichen Unternehmen zu beteiligen. Übrigens bat mich der Prinz, Sie als seine Jugendfreundin von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen. Man müsse sich der Treibhausschwüle des untätigen Lebens entziehen, sagte er, um nicht zu enden wie Herr von Pirch.Da, wo er sich aufhält, – in der nächsten Umgebung der Königin, – ist allerdings diese Schwüle am fühlbarsten, und von hier aus drohen uns, wie ich glaube, die schwersten Gefahren. Ich darfvon Ihrem Charakter erwarten, daß Sie, meine Liebe, sich der Aufgabe, die sich Ihnen hier bietet, gewachsen zeigen werden. Sie besteht weniger darin, die Königin in ihrem Kampf gegen das Ministerium zu unterstützen. Das ist die Absicht des Prinzen Rohan, der nicht nur den Wünschen der Königin schmeicheln, sondern seine eigenen Interessen fördern will. Sein Ehrgeiz hat die Abberufung von dem Wiener Gesandtenposten nicht verwunden; der Kardinalshut ist das mindeste, durch das er befriedigt werden kann, und die Rücksicht auf seine einflußreiche und vermögende Familie wird den König schließlich zur Zustimmung bewegen, während die Königin den Prinzen nach wie vor zu empfangen sich weigert. Als Erklärung ihrer Stellungnahme, – denn Rohans Wiener Ungeschicklichkeiten scheinen mir für ihre Schroffheit doch keine ausreichende zu sein, – kam mir das Gerücht zu Ohren, daß er die kleine Erzherzogin mit deutlichen Liebesanträgen verfolgt haben soll. Ich halte es daher für ratsam, ihn etwas fern zu halten, um so mehr als sein Ruf auch hier in Paris der denkbar schlechteste ist. Er hat, wie er mir selbst erzählte, seit seiner Ankunft täglich im Hotel irgendeiner Kurtisane soupiert. Männer wie er würden die verderblichen Neigungen der Königin nur noch unterstützen, und den Kreis leichtfertiger Damen und Herren vergrößern, mit dem sie sich umgeben hat.Sie wissen, wie wir uns beglückwünschten, als die Maitressenwirtschaft mit der Thronbesteigung des Königs aufhörte. Ich scheue mich nicht zu erklären, daß wir bei dem Changement eher verloren als gewonnen haben. Marie Antoinette lebt nur dem Vergnügen und geht darin so weit, daß sie ohne Rücksicht auf die Würde ihrer Stellung in den gewagtesten Komödien vor einem Parterre applaudierender Kavaliere auftritt und ihre Günstlinge auf Grund ihrer schauspielerischen Talente auswählt. Ist es doch bereits so weit gekommen, daß hohe Herren, wie der Graf von Artois, sich in Versailles als Seiltänzer produzieren, und die Gräfin Polignac Unterricht im Ballettanzen nimmt! Kein Wunder, daß die Ehrfurcht vor dem Herrscherhaus mehr und mehr schwindet und Couplets gesungen werden, die die Neigung der Fürsten, sich in dieser Weise zu encanaillieren, in bitterster Weise verspotten.Ich habe Ihnen nur noch mitzuteilen, daß wir das liebenswürdige Anerbieten Ihres Herrn Onkels, des Grafen Waldner, zunächst in seinem Hause Wohnung zu nehmen, akzeptieren müssen, da es nicht leicht ist, ein passendes Hotel zu finden und unser Bleiben in Paris immerhin noch von der Gestaltung der Dinge abhängt.
»Daß der Mann sich durch Maitressen, die Frau durch Liebhaber schadlos zu halten suchen«, schreibt er, »ist jedenfalls keine Lösung des Problems.«
Der Verfasser einer anderen anonymen Broschüre verlangt gar als Heilmittel der totkrankenEhe, die Abschaffung der Mitgift. Danach wäre jedoch, wie mir scheint, die Korruption nur halb beseitigt: die Männer zwar würden nur aus Liebe wählen, die dann völlig besitzlosen Frauen dagegen noch mehr als bisher aus Berechnung.
Ich habe all diese kuriosen Dinge vor Ihnen ausgebreitet, weil ich glaube, daß sie mindestens Ihre Neugier, vielleicht auch nur Ihr Lächeln hervorrufen werden. Und das wäre schon ein Fortschritt! Dabei verlor ich den Faden meines Briefes, und kann mich über meine Stilverletzung nur durch die Zuversicht trösten, daß meine Korrespondenz niemals die Bekanntschaft eines Setzers machen wird. Ich knüpfe also wieder am Anfang an, um Ihnen zunächst einmal den Rahmen des Bildes zu geben, daß ich Ihnen später, wenn Sie mich nicht etwa schweigen heißen, im einzelnen schildern werde.
Wir befanden uns zuletzt im Kaffeehaus. Ist das Wetter schön, so ergeht sich die Menge in den späten Nachmittagsstunden in den Alleen davor. Hier zeigen sich dann auch Frauen in hübschen Polonaisen, mit Riesenmuffs oder langen Spazierstöcken. Ihre Zahl nimmt Jahr um Jahr zu; es ist Mode geworden, sich in freier Luft zu ergehen, und die Ärzte unterstützen sie nach Kräften. Die Vapeurs, die man für eine Einbildung mondainer Damen hielt, haben sich nämlich als eine ernste Erkrankung herausgestellt, und unsereMediziner führen sie auf die Zimmerluft, die sitzende Lebensweise, den Mangel an Bewegung, ja selbst auf das viele Teetrinken und den Gebrauch des Schnürleibs zurück. Man kann daher neuerdings vor den Toren von Paris sogar Herzoginnen zu Fuß begegnen, die der leichteren Bewegung zuliebe, den Umfang ihrer Röcke einschränkten; und im Garten des Palais-Royal erschienen kürzlich junge, hübsche Frauen, die ihren Busen, statt ihn in ein Mieder einzuzwängen, nur mit einem Mullfichu verhüllten.
Sie sehen, meine liebe Marquise, der Stil meines Briefs ist hoffnungslos; der Gedanke an meine schöne Adressatin wirft alle Sätze aus ihrer Bahn, und ich rede, da ich nicht von Ihnen allein reden darf, wenigstens immer von Ihrem Geschlecht. Gestatten Sie mir noch einen letzten schüchternen Versuch, den Fluß meiner Rede in das alte Bett zurückzuleiten!
Schließen sich abends die Pforten des Palais-Royal, so öffnen sich die der Klubs. Es sind das Vereinigungen mit literarischen, philosophischen und politischen Zwecken, die wir in dieser Form aus England übernommen haben. Sie vermehren sich wie Unkraut. Fast jeder kleine Krämer sucht nach dem Essen seinen Klub auf, wo er nach Herzenslust das Vergnügen genießt, über alles räsonnieren zu dürfen. Jener Volksauflauf im vorigen Monat, als die Nachricht vomSturz des Kanzlers sich verbreitete, wäre ohne die Klubs und ihre Aufklärungsarbeit nicht möglich gewesen. Die Pariser pflegten bisher nur zusammen zu strömen, wenn eine alte königliche Maitresse ins Exil geschickt wurde, oder eine junge in die petites appartements einzog. Sie hatten gewissermaßen ein väterliches Interesse daran; sie waren stolz darauf, die Hauptlieferanten der Liebesgenüsse großer Herren zu sein; sie zogen tief den Hut vor der eignen Tochter, wenn irgend ein Prinzlein sie mit Brillanten behängte –, heute spucken sie vor ihr aus. Etwas wie Selbstbewußtsein erwacht in diesen armen kleinen Hirnen, nur daß es niemand von den Herrschenden wahr haben will.
Während die Männer in den Klubs sich Abend für Abend über Fragen des Freihandels oder der Zölle die Köpfe zerbrechen, Fragen, die seit Turgot, der Anhänger der Physiokraten, am Ruder ist, zu wahrhaft brennenden wurden, sitzt der Sultan der Oper, der Prinz von Soubise, nach wie vor in seinem Serail, der Loge, um die von ihm pensionierten Tänzerinnen neben den jüngsten Eleven huldvollst zu empfangen, und die »gute Gesellschaft« strömt nach Pantin zur Guimard, um Komödien zu sehen, von denen eine die andere an Laszivität übertrifft, oder sie füllt das Hotel der Madame de Montesson, die, trotz ihres Alters, noch immer als jugendliche Liebhaberin auf ihrer Bühne auftritt, und noch immer die Egeria des Herzogs von Orléansist.
Ich aber, teuerste Marquise, bringe meine Abende am liebsten in einer Gesellschaft zu, die nicht durch Namen und Titel, wohl aber durch Geist und Witz die erste von Paris genannt werden darf. Sie versammelt sich im Hause Madame Geoffrins.
Wie wünschte ich Ihnen die Bekanntschaft dieser wundervollen Frau, die es verstanden hat, ohne jung und ohne schön zu sein, die besten Köpfe Frankreichs an sich zu fesseln. Hier sind d'Alembert, Turgot, Diderot fast tägliche Gäste, hier wird freimütig ausgesprochen, was außerhalb dieses Salons noch in die Bastille führt, und die Wahrheit und die Religion des kommenden Jahrhunderts ist.
Sie werden finden, daß ich unbescheiden bin, indem ich Ihre gütige Erlaubnis, Ihnen schreiben zu dürfen, in dieser Weise ausnutze. Aber mir ist, als wäre es wieder Nacht um Sie, die ein fernes Feuer rot durchglüht und als stünden Sie vor mir, die kleine Gräfin Laval mit den großen brennenden Augen und der stockend hervorgestoßenen Frage: »Ist es wirklich, kann es wirklich sein?!«
Ob ich sie weiter beantworten darf, das haben Sie zu entscheiden.
Johann von Altenau an Delphine.
Paris,am 3. Oktober 1774.
Verehrteste Frau Marquise, Ihre rasche Antwort würde mich entzückt haben, wenn ich sieder Wirkung meines Briefes zuschreiben dürfte. Aber selbst Ihr Dank, dessen Wärme so gar nicht im Verhältnis zu meiner Leistung steht, zeigt mir nur das Eine: daß Sie verschmachten, und somit auch den kleinsten Tropfen Wasser als Labung empfinden. Dabei überschütten Sie mich mit einer bunten Vielheit von Fragen, die zu beantworten ich eine wahre Encyklopädie schreiben müßte. Sie erwarten wohl auch dergleichen gefährlich Freidenkerisches, sonst würden Sie mich nicht bitten, als Deckadresse die Ihres Hofnarren zu benutzen, ein Vorgehen, das vielleicht gefährlicher ist, als wenn ein Unberufener meine Briefe liest. Sind Sie des Mannes so sicher, in dessen Hand Sie sich begeben? Ich erfuhr jetzt erst, daß er der Sohn unserer robusten Kaffeehaus-Wirtin ist, einer skrupellosen Person, die den einträglichen Weg vom Straßenmädchen zur Kupplerin hinter sich hat, und sicher für ein paar Louisdor ihre intimsten Freunde an den Galgen brächte.
Doch genug davon. Ich will versuchen, Ihre Fragen zu beantworten und zwar möglichst der Reihe nach, weil ich gewiß zu sein glaube, daß diejenigen, die Ihnen am meisten am Herzen lagen, auch an erster Stelle stehen. Dabei muß ich meine Fragen nach dem Warum der seltsamen Reihenfolge in den Hintergrund schieben.
Also zuerst: Marie-Madeleine Guimard. Ich wundere mich nicht, daß Sie so viel von ihr gehörthaben; mir scheint ein Teil des Geistes unserer Epoche in ihr verkörpert, wie denn überhaupt die Frauen, sei es infolge ihrer größeren Sensibilität, sei es, weil sie den geheimnisvoll wirkenden Kräften der Natur näher verwandt sein dürften als wir, in besonderem Maße die Produkte ihrer Zeit und ihrer Umgebung sind.
Von majestätischem Wuchs und üppigen Formen, mit unbewegt regelmäßigen Zügen, waren die Frauen unter dem Zepter des Roi soleil; ihre Schönheit war eine rein körperliche, zu der das steife, prunkvolle Hofkostüm ebenso paßte, wie die antikisierenden Gewänder des Schauspiels und des Balletts; graziöser, lebhafter erschienen die Zeitgenossinnen der Marquise Pompadour; der Geist fing an, auch das unregelmäßige Gesicht von innen zu verklären; heute hat er sich den ganzen Körper unterworfen. Ein seelenvolles Auge, ein kapriziöses Näschen, ein Mund, der, selbst wenn er stumm bleibt, jeden Gedanken, jedes Gefühl wiedergibt; feine, schlanke Glieder, die nicht mehr um ihrer selbst willen da zu sein scheinen, sondern nur neue Ausdrucksmittel der Empfindungen sind –, das ist die Frau fin de siècle, das ist Madeleine Guimard. Sie ist nicht mehr jung, sie ist keine Schönheit, und doch ruiniert sich der Prinz von Soubise für sie, und der Herr von Laborde, ihr amant de coeur aus der Vergangenheit, bewahrt ihr die Treue einesHundes, obwohl er stets neue Rivalen hat. Sie ist aus der Hefe des Volks emporgestiegen, wie alle ihresgleichen, und würde am Hofe von Versailles keiner Prinzessin von Geblüt nachstehen, denn sie besitzt in höchstem Maße jene Anpassungsfähigkeit der Frauen, die in wenigen Jahren aus einem kleinen Vorstadtmädchen eine Dame macht, während ein Bauer immer ein Bauer bleibt, auch wenn er Jahrzehnte lang Titel, Degen und seidene Strümpfe trägt.
Wenn sie tanzt, so könnte man ihr Antlitz verhüllen und würde doch jedes ihrer Gefühle verstehen. Man sieht, wie Himmel und Hölle um ihre Seele streiten. Ihre Luxusbedürfnisse sind ohne Grenzen, und doch kann man ihr in den Elendsquartieren der Butte St. Roche begegnen, wo sie, dicht in den Kapüchon gehüllt, Geld, Kleider, Lebensmittel unter die Armen verteilt. Kaltblütig hat sie schon Dutzende von Männern zu Bettlern gemacht, daneben rettet sie im Stillen junge Offiziere und arme Kollegen vor dem Elend. Die Orgien in ihrem Hotel bilden den Skandal der Nachbarschaft; dabei ist sie imstande, am nächsten Tage mit vollendeter Decenz Damen des Hofs, Männer der Kunst und der Wissenschaft zu empfangen, für die einen ein Beispiel in der Toilette wie im Haushalt, für die anderen eine sprudelnde Quelle der Anregung.
Und nun die Raucourt. Ihre Schönheit ist einevöllig jünglinghafte, ihr Geist hat in seiner kühlen Schärfe etwas Männliches. Man erzählt sich nur eine weibliche Schwäche von ihr: als vor Jahr und Tag der Patriarch von Ferney, in dessen Tragödie »les Lois de Minos« sie sich weigerte, aufzutreten, ihre Tugend angriff, fiel sie in Ohnmacht. Seitdem ist sie unempfindlicher geworden. In den Rollen tragischer Heldinnen ist sie unvergleichlich, dagegen fehlt es ihr für die Rollen der Liebhaberin, die sie im Leben zu spielen versucht, an Grazie. Daher sind wohl auch ihre Verehrer meist sehr junge Leute, die mehr bewundern als lieben, mehr Schüler als Herren sind. Sie gehört zu den ständigen Besucherinnen der Gärten des Palais-Royal, wo sie weit mehr Frauen als Männer um sich versammelt. Eine der Pariser Sensationen war es, als sie kürzlich in einem der berühmten Privatzimmer der Madame Gaillard einen Frauenklub gründete, von dem die Lästerzungen der Kaffeehäuser, die viel giftiger sind als die der Salons, weil sie jeder guten Form entraten, allerhand Böses zu sagen wissen. Im übrigen glaube ich nicht, daß Mademoiselle Raucourt mehr als irgend eine andere der neuen Frauentypen ein Gegenstand Ihres Interesses zu sein verdient.
Sie fragen sodann, verehrte Frau Marquise, nach neuen Romanen, nach dem Befinden der Königin, nach den Aussichten des Ministeriums,nach einer Adresse zum Bezug der Parfilage, jener gräßlichen neuen Beschäftigung für nervöse Frauenfinger, nach den Ideen Diderots; – ich stehe vor dieser bunten Vielheit wie ein Kind vor der Jahrmarktsbude und weiß nicht, wohin ich zuerst greifen soll, auch sind leider zu wenig Geistespfennige in meinem Besitz, um für all das mit der richtigen Münze zu zahlen.
Neue Romane? Frauen schreiben sie mit derselben Fingerfertigkeit, wie sie Goldfäden zupfen. Es sind Herzensergüsse auf dem Papier, weil die Liebhaber sich aus dem Staube machten, die sonst zuhörten. Ich schicke Ihnen einige Proben und weiß, daß Ihr guter Geschmack Sie vor weiterem Bezug warnen wird. Die Zeit der Dichter ging vorüber, sobald die Wirklichkeit an den kühlen Verstand zu große Anforderungen stellte. Erst wenn wir das prosaische Problem des Sattwerdens gelöst haben, können wir uns wieder an der Tafel Anakreons mit Rosen kränzen.
Das Befinden der Königin? Sie baut in Trianon Sennhütten und interessiert sich für das Melken der behäbig blökenden Kühe und die Aufzucht friedvoller Lämmer.
Die Aussichten des Ministeriums? Sie werden unter diesem König, dem seine Räte täglich in ein anderes Jagdrevier nachreisen müssen, dem die Zahl der erlegten Rehböcke wichtiger ist, als die Zahlen des Staatsdefizits, der mit vielemSchweiß Schlösser konstruiert, die seine Garderobenschränke, nicht aber sein Reich vor Dieben sichern, – niemals zu berechnen sein.
Die Adresse für die Parfilage? Ich verschweige sie, weil Strümpfe stricken und Hemden nähen immer noch geistvoller ist als dieser Zeittotschläger.
Die Ideen Diderots? Sie unterwühlen wie eine Herde hungriger Ratten den Boden, auf dem unsere Welt gebaut ist, obwohl in Frankreich nicht hundert Menschen den Namen dessen kennen, der sie, ein umgekehrter Rattenfänger, hervorgezaubert hat. Sie sind wie vergiftete Pfeile, an denen der, den sie trafen, langsam hinsiecht. Rousseau hat die Rückkehr zur Natur wie ein neuer Religionsstifter gepredigt; Voltaire, der Hofnarr Seiner Majestät des achtzehnten Jahrhunderts, hat alles, was der Menschheit heilig erschien, mit der scharfen Lauge seines Spottes übergossen; Diderot aber ist der Held, der mit blanker Waffe, ein offner Feind der Gesellschaft, ihr gegenübertritt. Von ihr, so sagt er, stammen alle Leiden, alle Laster; von ihr, die die Religion und den Reichtum, das heißt Unterdrückung der Einen durch die Anderen, die vor allem die Moral erfunden hat. Die Religion ist die Quelle von Verfolgungen und Verbrechen, von Kriegen und Ketzergerichten; die Moral die Quelle der Heuchelei, des Seelenselbstmords, der Versklavung aller natürlichenTriebe; ihre Überwindung ist Wiedergeburt.
Sie erschrecken, Frau Marquise?! Ach, ich dachte nicht daran, daß Sie sich in Ihren angstvollsten Stunden noch betend auf die Kniee werfen, daß Sie Ergebenheit in das Geschick, Unterdrückung der aufrührerischen Stimmen Ihres Inneren für Tugenden halten. Oder irre ich mich? Die kleine Gräfin Laval ist gegen den Befehl der Äbtissin bei Nacht und Nebel dem Kloster entflohen, die kleine Gräfin Laval ist, trotz der sicheren Strafe, freiwillig zurückgekehrt, um einer Sterbenden die letzten Stunden zu erleichtern.
Verzeihen Sie! Das Bild dieses reizenden, tapferen Kindes hat sich meinem Herzen so unauslöschlich eingeprägt, daß ich darüber die Marquise Montjoie vergaß!
Johann von Altenau an Delphine.
Paris,am 20. Oktober 1774.
Verehrte Frau Marquise! Einen Augenblick lang war ich wie vor den Kopf geschlagen, daß mein Mißtrauen in Ihre Willensstärke, in Ihr Selbstbewußtsein Sie dermaßen hat empören können. Jetzt freue ich mich der – ich gestehe – nicht ganz unabsichtlichen Wirkung, denn sie hat Ihre Kraft gestählt.
Die kleine Abhandlung »Du droit au divorce« lege ich bei; von Diderots Dialog »Est-il bon? Est-il méchant?«, der in knapper Form das Wesentliche dessen enthält, was Sie wünschen, hoffe ich Ihnen eine Abschrift verschaffen zu können.
Daß Sie die Möglichkeit eines Pariser Aufenthalts in Aussicht stellen, wenn »alles vorüber ist«, – Sie meinen doch wohl die Geburt Ihres Kindes? –, hat mich entzückt. Ich habe am letzten Mittwoch schon mit Madame Geoffrin gesprochen, die außer Fräulein de Lespinasse Damen nicht zu empfangen pflegt, weil sie, wie sie sagt, doch »nur aus Neid oder Neugierde kommen, und zum Klatschen und Keifen weggehn«, aber bei Ihnen eine Ausnahme machen will. Ihre Briefe fand sie bezaubernd; »eine Frau von Geist und Herz ist heute, wo der Verstand wie ein Prinz erzogen, gepflegt und gehätschelt, das Herz dagegen als Aschenbrödel behandelt wird, eine solche Ausnahme, daß ich sie liebe, ohne sie zu kennen.« Ein Urteil wie dieses aus dem Munde der Madame Geoffrin ist in den Kreisen des geistigen Frankreich, was der Nachweis von zweiunddreißig Ahnen für das Königshaus ist.
Darf ich Sie noch bitten, Herrn Gaillard daran zu erinnern, daß er mir von Ihrem Befinden Nachricht geben möchte, sobald Sie selbst, teuerste Marquise, mir nicht mehr zu schreiben imstande sind.
Lucien Gaillard an Delphine.
Froberg,den 20. November.
Hochverehrte Frau Marquise, Euer Gnaden werden mir diesen ungewöhnlichen Schritt verzeihen. Ich kann nicht anders, da es mir unmöglich gemacht wird, bis in Ihr Zimmer vorzudringen.
Ehe die Frau Marquise auf Froberg einzogen, hat mich niemand in diesem Hause wie ein Mensch behandelt. Alles was an Empfindung in mir lebte, hatte sich darum nur zu einem Gefühl verdichtet: dem Haß. Euer Gnaden Güte und Teilnahme haben mich erst bemerken lassen, daß ich ein Herz in der Brust habe wie die gerade Gewachsenen. Jeder Schlag dieses Herzens gehört der Frau Marquise.
Daß ich einen Menschen leben sehen muß, der Euer Gnaden Leiden und Schmerzen verursacht, ist schon gräßlich genug. Aber daß dieser Mensch sich nicht scheut, Euer Gnaden im eigenen Hause zu demütigen und, – es muß gesagt werden –, zu betrügen, das ertrage ich nicht.
Madame Paumille, die für den jungen Herrn engagierte Amme, ist die Geliebte des Herrn Marquis, ihre Tochter die seine. Zum Beweis diene beiliegender Brief, den ich aus ihrem Schubfach entwendet habe.
Marquis Montjoie an Delphine.
Froberg,den 22. November 1774.
Meine Liebe! Sie verweigern mir den Zutritt, und nur, um einen noch größeren Skandal zu vermeiden, der unsere Differenzen in die Mäuler aller Untergebenen trägt, füge ich mich zunächst. Auch glaube ich, daß es tatsächlich förderlicher ist, wenn wir eine mündliche Auseinandersetzung, wie die gestrige, bis zu Ihrer völligen Wiederherstellung vermeiden. Nur, weil ich befürchte, Sie haben in Ihrer Erregung nicht alles gehört, was ich gesagt habe, will ich versuchen, mich schriftlich verständlich zu machen, wobei ich nochmals ausdrücklich betone, daß ich mich weder gestern noch heute veranlaßt fühle, etwa wie ein Schuldbewußter vor Ihnen zu erscheinen.
Ich wiederhole: Madame Paumille ist nicht meine Geliebte, was Ihre Kenntnis meines Geschmacks Ihnen ohne meine Versicherung hätte sagen müssen. Ich bin nicht zu tugendhaft, aber zu ästhetisch veranlagt, als daß ich die Absurdität begehen könnte, meine Maitresse in mein Haus zu nehmen. Der freche Brief meines Reitknechts, der Ihnen in die Hände gespielt wurde, bezeugt nichts anderes, als daß ich auf der Jagd in den Wäldern von Soultz eine Nacht bei dem Weibe zubrachte. Es wäre auch das nicht geschehen, wenn Sie, meine Teure, mir nicht gerade damals Gelegenheit gegebenhätten, Sie von Ihrer unliebenswürdigsten Seite kennen zu lernen.
Ob die Tochter der Paumille die meine ist, kann ich nicht wissen. Ich halte es aber für eine einfache Anstandspflicht, auch auf die bloße Möglichkeit hin der Mutter des Kindes die nötige Unterstützung zukommen zu lassen.
Was ihre Wahl als Amme meines Sohnes betrifft, so hat sie sich, wie Sie wissen, selbst gemeldet, und ist von unserem Arzt unter allen Bewerberinnen als die geeignetste bezeichnet worden. Da mir die Gesundheit meines Sohnes jetzt in erster Linie am Herzen liegt, – ganz abgesehen von der notwendigen Rücksicht auf das Gerede der Leute, – wünsche ich, daß keine Änderung eintritt. Ich werde dafür Sorge tragen, daß Madame Paumilles Haus in einen Stand gesetzt wird, der dem Range ihres Pflegebefohlenen entspricht. Sie wird Ihnen dann aus den Augen sein, und in wenigen Monaten werden Sie sich Ihrer Aufregung über die ganze Sache nur noch lächelnd erinnern.
Nun zu dem Brief, den Sie mir übergeben ließen. Sie fordern nichts mehr und nichts weniger als eine Trennung unserer Ehe, und begründen diesen Wunsch mit einer Überfülle an tönenden Worten, wie Wahrhaftigkeit, Selbstachtung, persönliche Freiheit. Sie sind wirklich noch ein Kind, sonst müßten Sie wissen, daß es überhaupt keine Ehe mehr geben würde, wenn die Scheidung jedesmaldie Folge solch einer »Untreue« wäre; sonst würden Sie sich auch sagen können, daß die Marquise Montjoie sich niemals zum Gegenstand eines allgemeinen Hohngelächters machen darf.
Ich fürchte nach allem Geschehenen, daß Sie, meine Liebe, noch sehr viel werden lernen müssen, ehe ich wagen kann, mit Ihnen nach Versailles zu gehen. Ich habe daher Auftrag gegeben, unser seit Jahren leerstehendes Palais in Straßburg in stand zu setzen, damit ich Sie zunächst der dortigen Gesellschaft vorstellen kann.
Noch eins: Lucien Gaillard, dieser Schurke, der die Wohltaten, die meine Mutter und ich ihm seit seiner Geburt erwiesen haben, in so schändlicher Weise lohnte, ist von mir entlassen worden. Ich darf von der Vornehmheit Ihrer Gesinnung doch wohl so viel erwarten, daß Sie jeden Versuch dieses Menschen, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, gebührend zurückweisen werden.
Prinz Louis Rohan an Delphine.
Straßburg,den 21. Februar 1775.
Schönste Frau! Meine Umgebung schließt aus meiner üblen Laune bereits auf die schwersten politischen Komplikationen. Sie ist so deutsch, so grenzenlos deutsch, daß sie die Größe meines Schmerzes, eine Einladung zu Ihnen ablehnen zu müssen, ebensowenig versteht, wie sie von der Größe der Wirkung eine Ahnung haben kann, die Ihr Erscheinen in Straßburg auf mich ausüben mußte. Seit Eröffnung des Hotels Montjoie verwandelt sich der Ort der Verbannung in eine Insel der Seligen.
Mein Pariser Kurier hat die kleinen Pasteten, die ich Ihnen für das Souper versprochen hatte, mitgebracht. Der Neid auf Ihre glücklichen Gäste könnte mich fast verführen, sie vergiften zu lassen! Was er sonst mitbrachte – Briefe und Journale – ist kaum der Rede wert. Hier haben Sie im Zeitungsstil unserer jüngsten Literatur ein Ragout von Allem. Ihr Geist wird verstehen, es Ihren Gästen als das Neueste aus Paris geschmackvoll vorzusetzen:
Aus den Zeichen am Himmel Frankreichs verkünden unsere weisen Sterndeuter das Nahen starker Gewitter. So hat die kleine Lucy vom Vaudeville jüngst in der Komödie zwei Verse bedeutungsvoll betont: »Il est des sages de vingt ans et des étourdis de soixante« und ist wegen Majestätsbeleidigung auf zwölf Tage eingesperrt worden. Ich überlassees Ihrem Scharfsinn, zu enträtseln, ob es der tote oder der lebendige König war, den sie beleidigte.
Sodann ist in Voltaires neuester Tragödie der Satz: »sous les débris du trône écrasent les sujets« wütend applaudiert worden, wobei das Parterre an den Trümmern des Throns, die Logen an den niedergeworfenen Untertanen ihren Enthusiasmus entzündeten.
Ferner hat Herr von Malesherbes seinen feierlichen Einzug in die Akademie gehalten, »Herr von Malesherbes« so schreibt mein Korrespondent, »der das Erscheinen der Encyklopädie ermöglichte«. Er begleitet diesen Satz mit drei schreckhaften Ausrufungszeichen; er ist nämlich noch nicht alt genug, um wissen zu können, daß nur Tote unter die »Unsterblichen« gehen.
Und schließlich hat der Marquis Mirabeau sich der Öffentlichkeit als Plato eines neuen Sokrates vorgestellt, indem er einen gewissen Dr. Quesnay, der jüngst das Zeitliche segnete, als den Erlöser von allen Übeln, an denen wir kranken, pries. Das ist meines Erachtens das einzige Ereignis, das einen Augenblick lang nachdenklich stimmen könnte. Nicht wegen des Herrn Quesnay, der den gloriosen Gedanken, den Degen mit der Mistgabel, den Fächer mit dem Milchkübel zu vertauschen, im Boudoir der Marquise Pompadour konzipierte und nun der Heilige der Ökonomisten geworden ist, von dessen Wundertaten sie die Rückkehr zur Natur erwarten, sondern wegen der Persönlichkeitseines Propheten. Schiffbrüchige Aristokraten, die sich mit Volksbeglückung befassen, sind gefährlich, denn das aufreizende Gift der Unzufriedenheit brennt denen, die Alles verloren haben, stärker im Blut als armen Hungerleidern, die nichts besaßen und sich mit einem Stück Brot den schon zum Schreien aufgerissenen Mund wieder stopfen lassen.
Im übrigen, schönste Frau, seien Sie gewiß: Sie würden in Paris so sicher tanzen können, wie in Straßburg, denn die einzige Revolution, die wirklich die Gemüter erhitzt, spielt sich nicht auf der Straße, sondern in der Oper ab, wo die Piccinisten mit den Gluckisten in wütendem Kampfe stehen; selbst dem Frieden der Familien droht Zerstörung, wenn der eine Teil für die Melodien des Italieners, der andere für die Trommeln und Trompeten des Deutschen schwärmt.
Ich werde mir gestatten, mich nach Ihrem Fest persönlich um Ihr Befinden zu erkundigen und hoffe, mir dadurch für die verlorenen Stunden in Ihrer Nähe reichlichen Ersatz zu schaffen.
Marquis Montjoie an Delphine.
Froberg,am 25. Februar 1775.
Meine Liebe! Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß die Erkrankung meiner Mutter eine leichtere ist, als ich glaubte, fürchten zu müssen, die Vorbereitungen zu Ihrem Fest daher nicht unterbrochen werden sollen. Die Blumen aus unserenWarmhäusern gehen zu gleicher Zeit ab. Meine Leibjäger dürften bereits heute in Straßburg eintreffen. Die Fracht aus Paris mit der Bühnendekoration begegnete mir unterwegs. Sie wird also rechtzeitig zur Stelle sein.
Sie werden anerkennen müssen, daß ich keinen Ihrer extravagantesten Wünsche unerfüllt ließ, obwohl, wie Sie wissen, das System Herrn Turgots, der es darauf abgesehen zu haben scheint, den König der festesten Stütze des Throns, der Aristokratie, zu berauben, sich auch bei dem höchsten Einkommen schon peinlich bemerkbar macht. Ich habe mich trotzdem zu Opfern entschlossen, weil ich Ihnen in dem Bestreben, mit einem Schlage die erste Position in der Straßburger Gesellschaft zu erobern, nur beipflichten kann. Nun darf ich aber auch von Ihrer Seite einiges Entgegenkommen erwarten, um so mehr als Ihr Eigensinn alles vernichten könnte, was Sie mit Ihrem Fest bezwecken.
Daß wir Mademoiselle Guimard bewogen haben, bei uns zu tanzen, wird nicht nur in Straßburg, sondern auch in Paris, – was erheblich wichtiger ist –, das Gespräch der Gesellschaft bilden; das Fräulein jedoch, wie Sie es wünschten, als Gast in unserem Hause zu beherbergen, würde uns lächerlich machen. Ich ersuche Sie daher, es bei meinen Arrangements mit dem Hotel de France zu belassen.
Da ich in Bezug auf unsere zweite Differenz Ihrer schließlichen Geneigtheit weniger sicher zusein glaubte, habe ich Ihrer Entscheidung vorgegriffen und den Grafen Chevreuse auch in Ihrem Namen eingeladen. Es wäre ein nicht wieder gut zu machender faux-pas, einem Protégé der Königin, der sich noch dazu in ihrem Dienste in Straßburg aufhält, unser Haus zu verschließen. Ihre Gründe kenne ich nicht, habe auch nicht die Absicht, mich in ihr Vertrauen einzudrängen; ich weiß nur das Eine, daß sie unmöglich gewichtig genug sein können, um uns zu einer Brüskierung des Grafen zu zwingen.
Ich habe im Interesse Frankreichs den lebhaften Wunsch, zu dem Gelingen seiner Mission beizutragen. Es handelt sich, – das sei Ihnen im tiefsten Vertrauen mitgeteilt –, um die Anbahnung einer Versöhnung der Königin mit dem Prinzen Rohan. Die Kaiserin von Österreich hat ihre Tochter sehr zu seinen Ungunsten beeinflußt, indem sie ihr einerseits mitteilte, in welcher Weise er sich erlaubte, kurz nach seiner Abberufung aus Wien, über sie zu sprechen, und ihr andererseits darstellte, welch ein Leben er als Gesandter und Priester zu führen sich gestattete. Beides sind zweifellos grobe Unvorsichtigkeiten, aber nicht ausreichend, um einen Mann von so erprobter Gesinnung und so einflußreichen Familienverbindungen kalt zu stellen.
Graf Chevreuse erhielt vom König direkt den geheimen Auftrag, die Angelegenheit zu untersuchen und, wenn irgend möglich, beizulegen.
Ich hoffe, der Juwelier hat Ihnen die Smaragden zur Auswahl vorgelegt, wenn nicht, so lassen Sie ihn rechtzeitig daran erinnern. Es wird sehr darauf ankommen, die Nüance der Steine zu der Rosenfarbe Ihrer Toilette richtig abzustimmen. Ich empfehle Ihnen, Herrn Duplessis, der für Ihr Porträt gerade diese Farben wählte, dabei zu Rate zu ziehen.
Prinz Louis Rohan an Delphine.
Straßburg,am 27. Februar.
Alles ist berauscht von dem Fest im Hotel Montjoie und bezaubert von Ihnen, schönste Frau. Wollen Sie selbst beurteilen, ob man mir gut berichtet hat: Sie haben die Natur Ihrem Willen unterworfen, indem Sie den Sommer zwangen, mitten im Winter Ihre Säle zu schmücken, und Lukull von den Toten erweckten, damit er die Genüsse Ihrer Tafel bereite; eine neue, liebenswürdigere Circe, haben Sie die schwerfälligen Damen Straßburgs in eine Schar übermütiger Grazien verwandelt, und haben Terpsichore zu sich berufen, deren Hexenkünste die steifsten Glieder gelenkig machte, so daß sie sich bis zum grauenden Morgen unermüdlich im Reigen schwangen. Ihre Augen haben Herzen gebrochen; Ihr Lächeln hat Freunde entzweit, den Frieden der Ehen erschüttert. Wollten Sie beweisen, daß eine einzige schöne Frau größere Revolutionen verursachen kann, als alle Pariser Skribenten zusammengenommen?!
Daß Sie mitten in Ihren Triumphen meiner gedachten und mir, dem einsamen Kranken, köstliche Proben Ihres Überflusses zukommen ließen, betrachte ich als eine Auszeichnung, deren ich mich erst würdig erweisen muß. Befehlen Sie über mich! In wenigen Tagen hoffe ich, das Zimmer verlassen zu können; mein erster Weg wird mich zu Ihnen führen.
Marschall Maxim von Contades an Delphine.
Straßburg,am 28. Februar.
Verehrte Frau Marquise, darf ich Sie an ein Versprechen erinnern, das Sie vielleicht schon vergessen haben, auf dessen Erfüllung ich aber bestehen muß, weil es mir die Möglichkeit gewährt, Sie wenigstens auf ein paar Stunden nicht mit der Schar Ihrer Bewunderer teilen zu müssen?! Sie wollten meine Schimmelstute unter meinem Schutz zu reiten versuchen; das Pferd steht zu Ihrer Verfügung wie sein Herr, und das Wetter ist milde. Mein Reitknecht erwartet Ihre Bestimmung über Tag und Stunde.
Karl von Pirch an Delphine.
Straßburg,den 30. Februar.
Gnädigste Frau Marquise, hier ist das Büchlein, von dem ich mit Ihnen sprach. Keiner Anderen hätte ich das mir so teure Werk anzuvertrauenvermocht, aber als Sie mitten im Gewirr französischer Konversation gütig lächelnd die ersten deutschen Worte an mich richteten, da stand ich nicht nur ganz in Ihrem Bann, sondern ich wußte auch, daß Sie den Dichter verstehen, mit seinem Werther weinen würden.
Ich wage nicht, es Ihnen selbst zu überbringen. Ich fürchte, zudringlich zu erscheinen. Ich fürchte noch mehr, mich in ein Gefühl zu verstricken, das dem Franzosen ein Spiel, dem Deutschen aber ein Schicksal ist.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Straßburg,2. März 1775.
Zürnende Göttin – darf ein armer Sterblicher voller Zerknirschung Ihrem Throne nahen? Sie warenverschwenderischin Ihren Gnaden, wie es einer Olympierin zukommt; vom Marschall bis zum kleinen deutschen Offizier rühmt sich ein jeder, Sie anbeten zu dürfen. Ich allein stehe vor verschlossenen Tempeltüren. Sie verweigerten mir sogar im Menuett Ihre Hand, auf der ich eben noch die Lippen des Herrn von Contades selbstvergessen hatte ruhen sehen.
Ich vermutete in Ihrem Benehmen zunächst nichts anderes, als das Raffinement einer Frau, der die Langeweile der Ehe zur Schule der Koketterie geworden ist, und ich fühlte mich fast geschmeichelt.
Nun bin ich aufgeklärt: die kleine Guimard,die Sie unvorsichtig genug waren, nach Straßburg kommen zu lassen, weil Sie offenbar ihre Kenntnisse in der Wissenschaft der Galanterie unterschätzten, ist mittels einiger Flaschen Champagner sehr gesprächig geworden.
»Die Marquise war gnädig, außerordentlich gnädig,« erzählte sie und ließ den Brillanten in der Sonne funkeln, den Sie ihr schenkten, – »für meinen Tanz, natürlich nur für meinen Tanz,« wie sie mit listigem Augenzwinkern versicherte. »Ich mußte ihr von Paris erzählen,« plauderte sie dann weiter, »von meinem Hotel, meinen Soupers, – soweit man sie einer elsässischen Marquise schildern kann! –, von meinen Gästen vor allem.« »Von Ihren Gästen?!« machte ich erstaunt. Sie blinzelte mich von der Seite schelmisch an: »Aha, ich merke, Sie möchten wissen, für wen sich die schöne Frau so lebhaft interessiert, um eine Guimard in ihr Vertrauen zu ziehen, aber ich sage nichts, gar nichts! Ich kann diskret sein wie eine große Dame.«
Ich wechselte das Thema des Gesprächs und ließ eine Flasche Burgunder entkorken, – sie liebt diesen dunkelroten Wein besonders, seitdem der Prinz von Soubise sie damit taufte und seine Feuerfarbe die Weiße ihrer Haut so leuchtend erscheinen ließ, daß er auf immer geblendet wurde –; ich spielte den schmachtenden Anbeter mit all der Virtuosität, die ich noch der Schule Dubarryverdanke. Und sie wurde weich, wurde schwärmerisch, sie erinnerte sich, Manon Lescaut und die Neue Heloïse gelesen zu haben. Jetzt warf ich Ihren Namen ins Gespräch. »Die arme Frau,« seufzte sie tränenschimmernden Blicks, »sie liebt, liebt unglücklich –«
Nach diesem Geständnis, schöne Marquise, bedurfte es nun keiner Bitten mehr!
Zwar weiß ich, meine stolze Feindin hat die kleine Balletteuse nicht zu ihrer Vertrauten gemacht, aber für eine Liebeskünstlerin wie diese war Ihre vornehme Reserve nichts als ein durchsichtiger Schleier.
Also darum bin ich in Ungnade gefallen?! Und doch ritzte ich nur die glatte Haut des Prinzen und verlieh ihm einen Reiz mehr –, den des Helden!
Wären Sie übrigens huldvoller gewesen, Sie hätten sich nicht zu einer Guimard herabzulassen brauchen, um von dem Gegenstand Ihres Interresses Näheres zu hören. Ich bin sehr gut orientiert, denn seit seiner Rückkehr nach Paris tut der Prinz Dienst bei der Königin.
Er ist der Liebling der Damen; sie vermuten hinter seiner Melancholie einen erschütternden Roman, und da die große Leidenschaft Mode zu werden beginnt, fehlt es ihm nicht an Anbeterinnen, die jederzeit bereit sein würden, ihn zu trösten. Die Gräfin Diane de Polignac hat sich seiner, – sagen wir höflich als Kavalier: mütterlich –, angenommen. Er seufzt ihr zu Füßen, wenn auch vielleichtnoch nicht um sie. Sammle ich nicht feurige Kohlen auf Ihr Haupt? Werde ich endlich hoffen, von Ihnen beachtet zu werden? Oder wird nur der Mann im Tête-à-Tête empfangen, der den Namen eines Rohan mit der Aussicht auf einen Kardinalshut verbindet?! Ich weiß von ihm, wie gern Sie, reizende Delphine, Straßburg mit Versailles vertauschten. Aber leider ist ein Rohan immer noch der ungeeignetste Führer dorthin.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Straßburg,den 3. März 1775.
In jedem Buchstaben Ihrer Antwort, verehrteste Marquise, bebt die Entrüstung: Weil ich »eine trunkene Tänzerin herausforderte«, von Ihnen Märchen zu erzählen, weil ich »so tief gesunken« bin, zu glauben, die Marquise Montjoie könnte mit einer Guimard auch nur einen Gedanken teilen. Ich fühle mich geschlagen, vernichtet, gnädigste Marquise; ich bin bereit, für meine Sünden kniefällig um Verzeihung zu bitten, – wenn Sie mir gestatten wollten, es nicht nur auf dem Papier zu tun!
Fordern Sie, was Sie wollen, – nichts wird mir zu erfüllen unmöglich sein, ist Ihre Gunst der Preis dafür. Ich fühle mich schon als Ihren Beauftragten gelegentlich meines heutigen Gesprächs mit dem Herrn Marquis.
»Nur des Königs ausdrücklicher Wunsch würdemich bewegen können, in Versailles zu erscheinen,« sagte er; »die Berufung Turgots ist ein Schlag ins Gesicht für den Edelmann; der König muß wenigstens durch unser Fernbleiben empfinden, was die Loyalität uns auszusprechen verbietet.« Meinen Einwand, daß die Königin dem gesamten Ministerium feindlich gegenübersteht und nichts sehnlicher wünscht, als durch die Heranziehung Gleichgesinnter ihre Position zu stärken, beantwortete er mit einem: »So mag Ihre Majestät uns rufen!«
Auf Grund dieser Bemerkung dürfen wir hoffen, Frau Marquise. Wie dieses »wir« mich entzückt! Sie mögen sich sträuben, wie Sie wollen, schöne Delphine: ein Gefühl und ein Geheimnis haben Sie gemeinsam mit mir –, das sind die ersten Glieder einer Kette, die ich fester zu knüpfen mich rastlos bemühen werde.
Wann empfangen Sie mich? Ihrer gnädigen Antwort sehe ich entgegen.
Karl von Pirch an Delphine.
Straßburg,am 9. März 1775.
In der sternhellen Frühlingsnacht, angebetete Frau, bin ich stundenlang über die Wälle gegangen, habe vom feuchtwarmen Wind meine Haare durchwühlen lassen, und, von Zeit zu Zeit erschöpft mich auf die Erde werfend, meine glühenden Wangen an ihrer Brust gekühlt.
Und nun sitze ich auf hartem Stuhl in meinem unwirtlichen Gemach, und es dünkt mir, ein seliger Traum gewesen zu sein, daß ich in einem blauen, fliederdurchdufteten Boudoir, vor dem sprühenden Feuer eines Alabasterkamins geweilt habe, das vollendetste Geschöpf, das aus Gottes Hand je hervorging, mir gegenüber!
Ich bin ein zufriedener Mensch gewesen; mein brennender Ehrgeiz ließ mich vergessen, daß ich ihm Vaterland und Heimat geopfert habe, er verschloß mir die Augen vor meinem eigenen Elend. Seit ich Sie kenne – ach, erst seit gestern kenne ich Sie ganz! – fühle ich meine schreckliche Armut, meine grenzenlose Verlassenheit.
O, warum weckten Sie mit Ihrer weichen Stimme, die so verständnisvoll von Werthers Leiden sprach, den Menschen in mir auf? Nun möchte ich Ihnen die Wunden des eigenen Herzens enthüllen, um Ihre Stimme um meinetwillen zittern zu hören!
Und warum streichelte Ihre weiße Hand das kleine Buch; – wenn ich es in der meinen halte, spüre ich Ihren Zauber, wenn ich die Lippen darauf presse, wird meine Sehnsucht zu einer Furie, vor deren Streichen ich nur eine Zuflucht weiß: Sie!
Haben Sie Erbarmen mit einem Rasenden! Bettelarm stehe ich vor Ihnen, und doch können Sie den Reichtum nicht ermessen, den ich Ihnen zu Füßen lege: die Menschen verschenken ihr Herz stückweise, – den Freunden, den Geschwistern,der Mutter, – ich aber gebe es Ihnen ungeteilt! Die Menschen spielen mit ihrem Gefühl, und verkaufen es gegen bare Bezahlung wie eine Ware, – ich aber flehe nur um die Gunst, daß Sie es nicht von sich stoßen mögen! –
Erschrecken Sie nicht vor der Größe meiner Leidenschaft. Sie ist ein Atlas, der die ganze Welt zu tragen vermag, und ist vor Ihnen doch ein kleines Kind, das kein Haar Ihres Hauptes zu krümmen imstande wäre. Den Saum Ihres Kleides an meine Lippen pressen zu dürfen, wie gestern, ist das Höchste, was ich begehre.
Marschall Maxim von Contades an Delphine.
Straßburg,am 16. März 1775.
Verehrteste Marquise! O, über die Launen schöner Frauen! Sollte man es glauben, daß die kühnste aller Reiterinnen, die einen alten Soldaten, den noch keiner ungestraft schief ansehen durfte, zu einem wehrlosen Feigling macht, – sie schlug ihm Wunden, die er nicht rächte!! –, daß dieselbe grausame Schöne eines kleinen Kapitäns mitleidsvolle Wohltäterin werden will?! – Sie haben recht: Herr von Pirch ist blutarm, aber er trägt bereits die Anwartschaft auf ein Vermögen in der Tasche. Er steht unter persönlicher Protektion des Herzogs von Aiguillon, die er sich durch seine genauen Kenntnisse der Kriegskunst des Königsvon Preußen erworben hat. Wir würden diesen deutschen Baron nicht angestellt haben, wenn wir uns nicht große Vorteile davon versprächen. Sie haben es in der Hand, reizende Samariterin, Ihrem Schützling eine glänzende Situation zu bereiten: bestimmen Sie ihn zu rückhaltloser Preisgabe seiner Geheimnisse. Sie leisten damit zu gleicher Zeit Ihrem Vaterlande einen wichtigen Dienst.
Meine Stute erwartet ungeduldig ihre Gebieterin. Ich verzeihe es ihr, daß Sie mich nicht mehr im Sattel dulden will. Wer vermöchte die rauhe Faust noch zu ertragen, der von der zarten Führung Ihres Händchens verwöhnt worden ist?!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Straßburg,Freitag.
Schönste Marquise, der König hat befohlen, daß ich den Prinzen Rohan nach Versailles begleiten soll, und die letzten eiligen Geschäfte, die ich vorher noch abzuwickeln habe, zwingen mir das Opfer auf, Sie nicht mehr sehen zu können. Es würde mein Herz noch heftiger bluten machen, wenn ich nicht in letzter Zeit unter dem merkwürdigen Zufall, Sie bei meinen Besuchen stets in Gesellschaft des Herrn von Pirch zu treffen, so sehr gelitten hätte. Oder sollten diese Begegnungen einem Plan Ihres entzückenden Köpfchens entsprechen, das in seiner Klugheit sicher ebenso unergründlich ist, wie Ihr Herz in seinen Gefühlen?War es Ihre Absicht, mich den Stachel der Eifersucht immer heftiger empfinden zu lassen, damit ich alle Kraft daran setze, mich von ihm zu befreien, und helfe, Sie möglichst weit aus dem Gesichtskreis des kleinen Barons zu entfernen?!
Seien Sie versichert, ich werde intriguieren, wie Mademoiselle de Lespinasse, die Minister und Akademiker kreiert, und plädieren wie Monsieur Linguet, der die Gräfin Bethune sogar dann noch rettete, als er bereits gestürzt war.
In Paris sehen wir uns wieder – in diesem göttlichen Paris, wo alle Pulse schneller schlagen, wo das Leben ein spannendes Glücksspiel, die Liebe ein Champagnerrausch ist. Die Atmosphäre von Straßburg würde mich schwermütig gemacht haben, wenn die Luft, die Sie umgibt, nicht gesättigt gewesen wäre von diesem Paris.
Aber zuweilen entdecke ich, daß die feuchten Nebel des Rheins Ihre Augen zu verschleiern beginnen, daß die erschreckende Nähe deutschen Barbarentums einen fremden Zug von Ernst um Ihre schwellenden Lippen legt; – Paris allein kann Sie entzaubern! Auf Wiedersehen in Paris! Soll ich den Prinzen Friedrich-Eugen von Ihnen grüßen? Darf ich ihm auch vom Baron von Pirch erzählen?!
Mit deutscher Andacht küsse ich Ihnen die Hand und denke dabei mit französischer Verwegenheit des rosigen Grübchens auf Ihrem Ellenbogen.
Karl von Pirch an Delphine.
Straßburg,am 29. März 1775.
Angebetete Frau Marquise! Wie lange noch soll ich es ertragen, daß Sie mir so kühl gegenüberstehen, mich wie einen Fremden betrachten, der ich Ihnen mein ganzes Wesen preisgab?! Ich weiß gar wohl: ich spiele eine schlechte Figur zwischen Ihren glänzenden Gästen; zähneknirschend empfand ich den hohnvollen Blick, mit dem der Graf Chevreuse meine schlichte Uniform zu streifen pflegte; der Zorn schnürte mir die Kehle zusammen, wenn ich, Sie erwartend, vor der Porte du Roi auf- und niederging, und der Marschall Contades an Ihrer Seite vorbeigalloppierte, so daß der arme Fußgänger im Staub, den die Pferdehufe aufwirbelten, verschwand; und der Neid jagte mir kalte Schauer über den Rücken, sobald der Prinz Rohan sich Ihnen nahte, der nie ohne kostbare Blumen Ihre Schwelle überschritt, während ich daneben stand mit leeren Händen!
Aber heißt es nicht, Sie beleidigen, wenn ich solche Gründe für Ihre Ungnade annehme? Habe ich überhaupt ein Recht, mich zu beklagen –, ich, der ich versprach, wunschlos Ihre Nähe zu suchen?! Ach, Engel meines Lebens, ich bin nur ein Sterblicher, und bin jung, und habe noch nie geliebt! Vermessene Gedanken, die ich niemals wagen würde, vor Ihrer Reinheit auszusprechen, lassen mich das Licht des Tages schamvollfliehen, und das Dunkel der Nacht fürchten wie höllische Finsternis.
Können Sie mir nicht lächeln, wie einst? Muß ich die Qual erdulden, immer hinter den anderen zurückzustehen? Darf ich nie mehr allein den Raum betreten, der voll Ihres Atems ist, nie mehr meinen heißen Kopf in die Falten Ihres Kleides vergraben? Ich bin jedes Verbrechens fähig um den Preis eines Blicks voll Güte!
Marschall Maxim von Contades an Delphine.
Straßburg,am 16. April.
Verehrte Frau Marquise, noch habe ich mich von meinem Erstaunen nicht erholt, daß Sie den Baron von Pirch nicht beeinflußt haben wollten, und meine Vermutung entrüstet von sich wiesen! Wozu dies Versteckenspiel, schönste Frau? Meinen Sie, vor Ihrem grauhaarigen Verehrer Ihr warmes Interesse für den jungen Mann verstecken zu müssen? Was ich bei meinem letzten Gespräch mit Ihnen aus der veränderten Lage des Kapitäns, seinen englischen Pferden und Pariser Westen, nur schließen zu müssen glaubte, ist mir inzwischen zur Gewißheit geworden: der Herzog von Aiguillon erhielt die gewünschten Papiere, sie sind mit besonderem Kurier an den Kriegsminister, Herrn Marschall de Muy abgesandt worden, undHerr von Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohnempfangen.
Warum weisen Sie das Verdienst einer Tat von sich, die Ihrem Patriotismus wie Ihrer – christlichen Nächstenliebe in gleicher Weise Ehre macht? Vielleicht, weil Sie mich nicht verletzen wollen?! Ist solche zarte Rücksicht noch nötig, nachdem Sie mir neulich deutlich genug zu verstehen gaben, daß ein grauer Bart zu stachlich ist für eine zarte Haut wie die Ihre?
Zuverlässige Gewährsmänner erzählten mir, daß eine gewisse kleine Gräfin Laval als Klosterschülerin nachts in den Straßen von Paris mit einem jungen Manne gesehen wurde, und daß um die Gunst einer reizenden Marquise, – deren Name Ihnen nicht fremd sein dürfte –, der Prinz von Montbéliard mit dem Grafen Chevreuse ein blutiges Renkontre hatte. Ist es demnach so verwunderlich, wenn der Marschall Contades auf ein kleines Douceur für seine Ritterdienste glaubte rechnen zu dürfen?
Ich küsse Ihnen die Hand –, das Einzige, was Sie mir nicht verweigerten –, und verharre in der Hoffnung auf kommende Geneigtheit.
Karl von Pirch an Delphine.
Dienstag.
Teuerste Marquise! Mit fliegender Feder beantworte ich Ihre Zeilen. Kniefälligen Dank dafür, daß ich Ihnen dienen darf! Ich werde zurangegebenen Stunde bei Ihnen sein. So habe ich nicht umsonst gelitten, gehofft und – gesündigt!
Karl von Pirch an Delphine.
Straßburg,den 17. April 1775.
Teuerste Marquise. Meine Forderung an den Marschall ist abgesandt und ich erwarte seine Antwort mit jener Ruhe, die nur der Mensch empfinden kann, dem selbst der Tod gleichgültig ist. Ach, wie flog ich zu Ihnen, von kühnster Hoffnung beschwingt, wie liebeglühend warf ich mich nieder vor Ihnen, als ich ihre Tränen sah und sie zu meinen Gunsten deutete! Sie aber sprangen auf und stießen mich zurück, und wilder Zorn, nichts als Zorn, brannte in Ihrem Antlitz, als sie mir des Marschalls Brief vor die Füße warfen.
»Rächen Sie mich –«, ich erkannte Ihre Stimme nicht wieder, als Sie mir, heiser vor Erregung, diese Worte zuriefen. Und ich Betörter fühlte, während ich las, nur das Eine: daß Sie mich gerufen hatten, daß ich Ihnen dienen durfte, daß ich des köstlichsten Lohnes dafür sicher sei! Bis ich aus dem Traum gräßlich erwachte, bis ich endlich verstand, – verstehen mußte, daß ich nicht einmal besaß, wessen der letzte Ihrer Diener sich rühmen durfte: Ihre Achtung.
»Ein Vaterlandsverräter!« Darum also haben Sie sich von mir gewandt, während ich glaubte, Sie mit Prunk und Glanz gewinnen zu können! O,daß ich Sie nicht früher kannte, daß meine Liebe nicht hellsehend genug war, um mich Ihre Größe erkennen zu lassen!
Ich ging von Ihnen, ein Vernichteter, dem nur eines bleibt, zu sterben. Jetzt aber kehre ich zurück, teuerste Frau, um Ihnen aus tiefster Seele dafür zu danken, daß Sie mich dieses Sterbens würdigten. Nach Stunden, in denen die ganze Hölle sich meiner Seele bemächtigte, ist es still in mir geworden und ich sehe klar: der Weg, den Sie mich zu gehen heißen, ist der einzige, der mich zu Ihnen zurückführt. Ich werde fallen, und entsühnt werde ich nur noch in Ihrer Erinnerung weiter leben. Was verlange ich mehr?
Bis in den Tod nannte ich mich einst den Ihren, bis über den Tod hinaus bin ich es jetzt erst.
Karl von Pirch an Delphine.
Straßburg,am 17. April 1775.
Herr von Contades hat meine Forderung abgelehnt. Er schlägt sich nicht mit Ehrlosen. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird er trotzdem gerichtet sein, wie ich.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Versailles,am 29. April 1875.
Teuerste Marquise. Kaum haben wir Straßburg verlassen, und glauben, dem Zentrum aller großen Ereignisse näher zu kommen, als es sich mit einercause célèbre an uns Provinzverächtern rächt. Ganz Paris spricht von der Ohrfeige, die der Straßburger Marschall empfing und von der Kugel, die der deutsche Baron sich darnach in die Schläfe jagte. Empfindsame Seelen lassen ein paar Tränentropfen über die Wangen fließen und flüstern einander in schauernder Bewunderung Ihren Namen zu. Unsere schöne Polignac hat, – ob aus Mitleid mit dem Opfertod des jungen Mannes, oder aus Neid über Ihren Ruhm?! –, einen Weinkrampf bekommen und quält seitdem den Prinzen Montbéliard mit unermüdlichen Fragen nach der Marquise Delphine, in der sie bereits die kommende Rivalin fürchtet. Ich selbst habe mich nicht ohne Erfolg bemüht, die Geschichte zu unserem Vorteil – »unserem«, schöne Frau! – auszunutzen; die Gelegenheit dazu ist so günstig, wie der kleine Roman selbst.
Sie wissen: die Natur beginnt der Kunst den Rang abzulaufen; ihr Kredit ist im Wachsen, seitdem sie Rousseau nicht mehr kompromittiert, die Ärzte führen die famose Damenkrankheit der Langenweile, die sie in ihrer Weisheit als ein bedenkliches Nervenleiden erkannt haben wollen, auf die – Kunst zurück: auf das Korsett, das Sylphidentaillen vortäuscht, wo in Wahrheit die vierschrötige Figur einer Bauernmagd vorhanden ist, auf den Puder, der gelbes Leder in weiße Lilienblätter umwandelt, auf die Schminke, diebleichsüchtigen Lippen und Wangen blühende Rosenfarbe verleiht, auf Liköre und Zuckerwerk, die an Stelle von Wasser und Brot getreten sind, auf das Leben bei Nacht im Glanze des neuen Gaslichts, das uns die Sonne vergessen machte. Und sie verordnen keine bitteren Mixturen mehr, sondern – Natur: kaltes Wasser, frische Luft, schwarzes Landbrot, saures Obst, Leibesübungen, Morgenspaziergänge. Die Königin und ihre Damen zeigten sich zuerst als willfährige Patienten; ganz Paris folgt ihrem Beispiel. Die Kavaliere werden nicht mehr zum Lever im parfümierten Boudoir empfangen, sondern zum Spaziergang im taufrischen Garten. Und bei den Wanderungen zwischen den knospenden Alleen Trianons, über den smaragdgrünen Rasen, den bunte Krokus und gelbe Narzissen mit ihren leuchtenden Farben durchziehen, liebt es die Königin Geschichten à la Marmontel zu hören. Es müssen aber, wie wir als Kinder zu sagen pflegten, »wirkliche« Geschichten sein. Welche hätte den Wünschen der hohen Frau besser entsprechen können, als die Ihre?
Unter den eben aufblühenden Syringen erzählte ich von der kleinen süßen Klosterschülerin; vor den rosa Tulpenbeeten schilderte ich die ach so stolze Schloßfrau von Froberg; auf der weißen Bank zwischen den Oleanderbäumen sprach ich von der geistvollen Königin der Straßburger Feste; und als wir an der Schäferhütte unter den hellgrünenSchleiern zarter Birken saßen, schwärmte ich von der wunderschönen Frau, um derentwillen ein deutscher Träumer sterben mußte und ein französischer Kavalier nichts heißer begehrt, als zu leben!
Der Königin blaue Augen schwammen in Tränen; unter den duftigen Mullfichus, die die Damen des Hofes am Morgen um die Schultern legen, – natürlich nur, weil der Arzt verordnet, daß Luft und Licht den Körper berühren! –, bebten rosige Busen.
»Schreiben Sie der Marquise Montjoie, daß ich mit ihr leide,« sagte die Königin; »fügen Sie auch hinzu, daß es mir eine besondere Freude sein würde, sie zu empfangen.« Und mit jener rührenden Einigkeit, die, wie Sie ahnen werden, die erste Tugend der Hofdamen ist, machten sie alle den Wunsch der Gebieterin zu dem ihren. Nur die Gräfin Polignac schwieg zerstreut. Der Prinz Montbéliard war kurz vorher im Boskett verschwunden.
Können, nein, dürfen Sie jetzt noch zögern? Versailles erwartet Sie im schönsten Frühlingsschmuck, und Paris mit einer Fülle amüsanter Attraktionen. Der Barbier von Sevilla füllt täglich das Theater und der glückliche Verfasser, Herr von Beaumarchais, – ein Emporkömmling dunkelster Herkunft, ein verkrachter Advokat, ein skrupelloser Geschäftsmann, – ist dermaßen in Mode, daß Prinzessinnen sich um ihn reißen. Die drollige Komödie: »Die Kurtisanen«, versorgt die Salons mit Bonmots, die die Gesellschaft um soherzhafter belacht, je mehr sie sich getroffen fühlt. Mit dem Besten lassen Sie mich diesen langen Brief beschließen, damit sein Effekt wenigstens zuletzt der ist, ein Lächeln bei Ihnen hervorzuzaubern –, jenes verführerische Lächeln, das Perlenzähne zwischen glutroten Lippen hervorblitzen, und zwei tiefe Grübchen in zarten Pfirsichwangen sich eingraben läßt. Ein junger, vornehmer Mann, der wahrscheinlich allzuviel moderne Romane gelesen hat, deren Heldinnen tugendhafte Kurtisanen zu sein pflegen, verliebt sich in eine der Art. In ihrem Boudoir, dessen sich eine Gräfin nicht zu schämen brauchte, zu ihren Füßchen, die in der Höhe des Spanns und der Schmalheit der Fesseln der blaublütigsten Aristokratin gehören könnten, macht er ihr einen Heiratsantrag, den sie mit vollendeter Form akzeptiert. Er fühlt sich im siebenten Himmel. Da öffnet sich die Tür, herein tritt der Bruder der Schönen, – Schmierstiefeln an den klobigen Füßen, schmutzige Nägel an den breiten Händen, im roten Gesicht eine noch rötere Nase –, ein echter Pariser Droschkenkutscher. An dem verblüfften Biedermann, der den Schwager gerührt in die Arme schließen will, stürzt im selben Augenblick der verliebte Jüngling vorüber, zur Tür hinaus. Der Anblick genügte, ihn von seiner Liebe und die kleine Dame von einem Bräutigam zu befreien!
Und die zweite Geschichte, die nichts ist als ein kurzer Dialog »Wissen Sie schon, Alcest hat diekleine Herzogin verlassen.« – »Nicht möglich! Und warum?« – »Wegen der niedlichen Tänzerin Cléone«. – »Gewinnt er denn bei diesem Tausch?« – »Vom Standpunkt der guten Sitten – gewiß!« –
Von nun an erwarte ich Sie täglich!
Prinz Louis Rohan an Delphine.
Paris,am 7. Mai 1775.
Meine liebe Frau Marquise. Zugleich mit meinem längeren, ich möchte beinahe sagen: geschäftlichen Schreiben an den Herrn Marquis, mache ich mir das besondere Vergnügen, diese freundschaftlichen Zeilen an Sie zu richten. Der Eindruck meines letzten Besuchs bei Ihnen ist ein so nachhaltiger gewesen, daß ich, offen gestanden, das meiste Gewicht auf Ihre Bundesgenossenschaft lege. Wer hätte hinter der Marmorstirn dieser reizenden Frau so kluge und so – kühle Gedanken vermutet; wer hätte je geglaubt, daß Ihre große Jugend der Erkenntnis so ernster politischer Fragen fähig wäre!
Und nun ist, dank eines glücklichen Zwischenfalls, der große Moment gekommen, wo es gilt, die bisher – unter uns gesagt – noch spielerische Stellungnahme der Königin zu stärken und damit der Herrschaft dieses unseligen Ministeriums ein rasches Ende zu bereiten.
Wir hatten vor drei Tagen so etwas wie eine Revolution, die die selbst in unseren Reihen so sehr gefürchteten Theorien der Philosophen undPhysiokraten über den Haufen stieß, denn sie entstand nicht als Folge der von diesen als so gräßlich geschilderten Mißstände, sondern entsprang dem Reformversuch Herrn Turgots, durch Freigabe des Mehl- und Getreidehandels jene Mißstände zu beseitigen. Ich kam gerade aus Versailles, wo ich den König zwar nicht traf – sein ganzes Interesse gehörte in diesem kritischen politischen Augenblick der Schnepfenjagd! – und stieß in der Rue St. Honoré mit einem Haufen aufgeregten Volks zusammen, der mich nötigte, meinen Wagen zu verlassen. Junge Vagabunden, kreischende Weiber, alte Trunkenbolde, Dirnen und verwahrloste Kinder sperrten unter Führung einiger behäbiger Mehlhändler die Straße vollständig ab und brachen mit dem Gebrüll »nieder Turgot!« Türen und Fenster ein. Während des ganzen Tages hörte der Lärm nicht auf, so daß ich vorzog, mein endlich erreichtes Quartier nicht mehr zu verlassen.
Inzwischen hat der König von den Ereignissen erfahren; seine Haltung, als er Turgot gestern empfing, soll schon eine merklich kühle gewesen sein.
Zur rechten Zeit ist eine Broschüre Herrn Neckers erschienen, die sich gegen die Theorien der Ökonomisten wendet und die Folgen Turgotscher Reformpläne so voraussieht, wie sie bereits anfangen, einzutreten. So wenig ich nun auch diesen Mann goutiere, der nicht nur ein Bürgerlicher im tiefsten Sinne des Worts, sondern überdies noch einSchweizer mit all seiner Steifheit ist, so halte ich ihn in diesem Augenblick so sehr für unsern Freund, daß ich mich entschloß, Madame Necker meinen Besuch zu machen. Ich habe es nicht bereut, selbst wenn ich dabei nichts anderes gewonnen hätte, als den Einblick in eine neue Welt. Wir mögen sie ignorieren, aber sie besteht, sie entwickelt sich, sie nimmt die Allüren der unseren an, und wir selbst haben sie ins Leben gerufen, indem wir all diesen Leuten, die noch vor zwanzig Jahren kleine Krämer waren und sich nicht tief genug vor uns beugen konnten, die Ausnutzung der finanziellen Kräfte des Landes überließen. Heute sind sie Bankiers und Generalpächter, haben Schlösser auf dem Land, Hotels in der Stadt, spielen die Mäzene aller unruhigen Geister und uns, den Privilegierten bis zum König hinauf, sind zu dem im Grunde gebotenen Kampf gegen diese neuen Mächte die Hände gebunden, weil wir ihren Einfluß und – noch mehr – ihr Geld gebrauchen.
Sie hätten mit mir beobachten sollen, wie Madame Necker, die ihre mangelhafte Grazie durch kühle Klugheit zu ersetzen sucht, in ihrem eleganten Salon empfängt, wie sich Politiker, Philosophen und Poeten um ihre Tafel drängen. Wohl dachte ich dabei an die Glanzzeit Madame de Tencins und ihrer eleganten Besucher, deren Esprit alle Tagesinteressen graziös zu umflattern pflegte wie Schmetterlinge die Blumen, während derschwerfällige Geist der Gäste des Neckerschen Hauses an jeder Einzelheit kleben bleibt wie Raupen, die sich einspinnen wollen. Hat man es selbst im Salon der Marquise Dudeffant je gehört, daß Frauen sich über die Fragen der Getreideausfuhr, der Preßfreiheit, der ostindischen Bank, der amerikanischen Vermittelungen echauffieren?! Es nimmt mich nicht wunder, daß im Kreise der Madame Necker der Plan auftauchen konnte, Herrn von Voltaire ein Denkmal zu setzen, obwohl er vom Poeten so weit entfernt ist, wie der berüchtigte Abbé Galiani vom Priester.
Trotz alledem, meine schöne Marquise, müssen wir klug genug sein, diese Situation zu benutzen, und ich würde auch Ihnen raten, bei Ihrem hoffentlich nunmehr gesicherten Hiersein den Salon Necker zu frequentieren, denn er ist der Herd der Feindschaft gegen das Ministerium Maurepas und mindestens so einflußreich als die Königin, auf die wir uns natürlich in erster Linie stützen müssen.
Sie hatte leider nicht die Gnade, mich in privater Audienz zu empfangen. Ich sah sie nur bei Gelegenheit einer offiziellen Festlichkeit in Versailles, ihre unbeschreibliche Lieblichkeit würde mich ganz bezaubert haben, wenn ich nicht inzwischen von der Schönheit einer Ihnen nicht unbekanten Dame selbst für den Reiz der Königinnen unempfindlich geworden wäre! Graf Chevreuse, ihr getreuester Kavalier, – er gehört zu den wenigenHofherren, die, als sie jüngst an den Masern erkrankt zu Bette lag, ihre Anhänglichkeit so weit trieben, daß sie nur nachts zu bewegen waren, das Schlafzimmer der hohen Frau zu verlassen, – zeigte mir die entzückenden neuen Gärten von Trianon, die Herr von Caraman im englischen Stile anlegt. Der Königin ganzes Interesse gehört dieser neuen Schöpfung und ihr ganzer Zorn denen, die sie ihr durch grämliche Sparsamkeitsrücksichten vergällen wollen. Herr Turgot ist der erste unter den Spielverderbern. Als ob man einer Königin versagen dürfte, was jeder Parvenü heute schon besitzt! Die Rücksicht auf ihre Trianon-Phantasie vermag, was der Hinweis auf die politischen Interessen Frankreichs nicht vermocht haben würde: Marie Antoinette für unsere Intrigue zu gewinnen, vorausgesetzt, daß einer von uns sie beeinflussen kann.
Sollte mein Brief an den Herrn Marquis, der noch ein wenig trockner ist als dieser, – ich fürchte fast, der Neckersche Salon hat seine Spuren bei mir hinterlassen und Sie werden sich beeilen müssen, sie zu verwischen! –, ihn noch nicht zu einem festen Entschluß geführt haben, so rechne ich, teure Marquise, auf Ihre ausschlaggebende Unterstützung.
Darf ich Ihrer gütigen Verzeihung sicher sein, wenn ich eine andere, Sie persönlich betreffende Sache dem Herrn Marquis gegenüber zu meinen Zwecken auszunutzen versuchte? Ich schrieb ihm,daß die Affäre des kleinen Kapitäns viel Staub aufgewirbelt habe und daß es im Interesse Ihrer gesellschaftlichen Stellung wünschenswert sei, Straßburg mit Paris zu vertauschen. So kann die voreilige Tat des jungen Mannes, – hätte er nicht für die Unnahbarkeit der schönen Delphine gefällige Trösterinnen gefunden?! – den Interessen des Vaterlandes doch noch zugute kommen.
Marquis Montjoie an Delphine.
Paris,am 1. Juni 1775.
Meine Liebe. Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise bin ich vor acht Tagen hier angekommen. Die Unsicherheit der Wege ist groß; lichtscheues Gesindel wagt sich mit frecher Miene und einer Art Bettelei, die fast eine Drohung ist, bis dicht an die Wagen, so daß wir bei Ihrer Übersiedelung nach Paris für eine größere Eskorte Sorge tragen müssen, als ich sie hatte. Sie sehen aus dieser Bemerkung, daß mein Entschluß nunmehr feststeht, und ich bitte, die Vorbereitungen für die Reise treffen zu wollen.
Es geschieht nicht leichten Herzens, daß ich mich der klar erkannten Pflicht, dem Beispiel meiner erlauchten Ahnen folgend, unterwerfe, in gefährlicher Zeit das Herrscherhaus nicht zu verlassen. Die Tage, die ich hier in fast ständiger Gesellschaft der Minister und des Hofes verlebe, genügten, um mir die Lage der Dinge sehr schwarzerscheinen zu lassen. Wir dürfen uns vor allem Eins nicht verhehlen: der König folgt in seinen Handlungen keinerlei festem Plan, sondern teils seiner Laune, teils den Ratgebern, die ihm im Moment das Meiste versprechen. Diese Tatsache bietet uns freilich die Gewähr, daß auch Turgot sich über kurz oder lang beseitigen läßt, aber – dessen fürchte ich sicher zu sein – nur um durch neue vorübergehende Experimente ersetzt zu werden. Vorläufig sucht der König sein Heil noch darin, den Freidenkern und Ökonomisten Konzessionen zu machen. Man spricht sogar davon, daß Herr von Malesherbes in das Ministerium berufen werden soll, der der offene Beschützer und Parteigänger der Leute vom Schlage der Herren d'Alembert, Diderot e tutti quanti ist. Die einzige Stütze für uns ist der ehemalige Polizeileutnant Sartine, der aber leider auch durch Frau von Maurepas' Boudoir den Weg zu seinem Posten als Marineminister gefunden hat. Sein augenblickliches Verdienst ist die geschickte Inszenierung der Brotrevolten, die Turgots Ansehen nicht wenig erschüttert haben.
Die schwankende Haltung des Königs ist jedoch nicht das einzige, was zu schweren Befürchtungen Anlaß gibt. Die Konflikte mit England nahmen leider in Verbindung mit den amerikanischen Unruhen eine drohende Gestalt an, umsomehr, als der König gewissenlosen Einbläsern ein geneigtesOhr leiht, die ihn glauben machen wollen, daß ein Krieg der allgemeinen Erregung eine andere Richtung geben, und sein glücklicher Ausgang die seit der Schmach des Siebenjährigen Krieges rapid wachsende Mißstimmung beseitigen würde. Schwärmer, die in einem freien Amerika die Träume der Philosophen glauben verwirklichen zu können, schlaue Geschäftsleute, die überall im Trüben fischen und, wie ich von zuverlässiger Seite hörte, schon jetzt den Bostonianern heimlich Waffen liefern, haben sich zusammengetan und schüren die Flammen. Wie weit es ihnen gelingt, geht schon daraus hervor, daß ein so kühl-reservierter Edelmann, wie der Prinz von Montbéliard, mir gegenüber die Absicht aussprach, sich dem Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien anzuschließen, auch wenn Frankreich neutral bleiben sollte, und daß Herr von St. James mir ernstlich zumutete, mich mit einigen tausend £ an dem geschäftlichen Unternehmen zu beteiligen. Übrigens bat mich der Prinz, Sie als seine Jugendfreundin von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen. Man müsse sich der Treibhausschwüle des untätigen Lebens entziehen, sagte er, um nicht zu enden wie Herr von Pirch.
Da, wo er sich aufhält, – in der nächsten Umgebung der Königin, – ist allerdings diese Schwüle am fühlbarsten, und von hier aus drohen uns, wie ich glaube, die schwersten Gefahren. Ich darfvon Ihrem Charakter erwarten, daß Sie, meine Liebe, sich der Aufgabe, die sich Ihnen hier bietet, gewachsen zeigen werden. Sie besteht weniger darin, die Königin in ihrem Kampf gegen das Ministerium zu unterstützen. Das ist die Absicht des Prinzen Rohan, der nicht nur den Wünschen der Königin schmeicheln, sondern seine eigenen Interessen fördern will. Sein Ehrgeiz hat die Abberufung von dem Wiener Gesandtenposten nicht verwunden; der Kardinalshut ist das mindeste, durch das er befriedigt werden kann, und die Rücksicht auf seine einflußreiche und vermögende Familie wird den König schließlich zur Zustimmung bewegen, während die Königin den Prinzen nach wie vor zu empfangen sich weigert. Als Erklärung ihrer Stellungnahme, – denn Rohans Wiener Ungeschicklichkeiten scheinen mir für ihre Schroffheit doch keine ausreichende zu sein, – kam mir das Gerücht zu Ohren, daß er die kleine Erzherzogin mit deutlichen Liebesanträgen verfolgt haben soll. Ich halte es daher für ratsam, ihn etwas fern zu halten, um so mehr als sein Ruf auch hier in Paris der denkbar schlechteste ist. Er hat, wie er mir selbst erzählte, seit seiner Ankunft täglich im Hotel irgendeiner Kurtisane soupiert. Männer wie er würden die verderblichen Neigungen der Königin nur noch unterstützen, und den Kreis leichtfertiger Damen und Herren vergrößern, mit dem sie sich umgeben hat.
Sie wissen, wie wir uns beglückwünschten, als die Maitressenwirtschaft mit der Thronbesteigung des Königs aufhörte. Ich scheue mich nicht zu erklären, daß wir bei dem Changement eher verloren als gewonnen haben. Marie Antoinette lebt nur dem Vergnügen und geht darin so weit, daß sie ohne Rücksicht auf die Würde ihrer Stellung in den gewagtesten Komödien vor einem Parterre applaudierender Kavaliere auftritt und ihre Günstlinge auf Grund ihrer schauspielerischen Talente auswählt. Ist es doch bereits so weit gekommen, daß hohe Herren, wie der Graf von Artois, sich in Versailles als Seiltänzer produzieren, und die Gräfin Polignac Unterricht im Ballettanzen nimmt! Kein Wunder, daß die Ehrfurcht vor dem Herrscherhaus mehr und mehr schwindet und Couplets gesungen werden, die die Neigung der Fürsten, sich in dieser Weise zu encanaillieren, in bitterster Weise verspotten.
Ich habe Ihnen nur noch mitzuteilen, daß wir das liebenswürdige Anerbieten Ihres Herrn Onkels, des Grafen Waldner, zunächst in seinem Hause Wohnung zu nehmen, akzeptieren müssen, da es nicht leicht ist, ein passendes Hotel zu finden und unser Bleiben in Paris immerhin noch von der Gestaltung der Dinge abhängt.