Der Stern

Der Stern

Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen Walter Rohme« steht auf dem Titel zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so besonders tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig, diese »Sonatee-mollin tiefer Lage«. Unter Claudias Händen singt der Flügel mit dunklen, langsam aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit gespannt, ein Stückchen Nacht, das beinah spricht – von Trostlosigkeit spricht, hervorgebracht durch glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die zögern, sich wieder zu senken, stocken und sich neigen: vier gedehnte Takte ohne jegliche Nebenstimme. Und das Cello hebt dieselbe Weise an, das Lied vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu einem Zwiegesang der Schwermut, der manchmal in unverhofften Quinten und Oktaven auseinander klafft als öffneten sich plötzlich schreiende Durchblicke ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten Trauer … Aber alsbald webt Alexander Sirmisch mit beschwichtigendem Bogen und den vier zitternden Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit einem Gewirk gehaltener Klage und starr gemessenerTrauer zu verhüllen – bis an einer Stelle, auf die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven, ohne Schonung das nackte Thema wie einen Schrei der letzten Verlassenheit ausstöhnt … Hier läuft mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein Schauern von den Schultern zu den Lenden, ich strecke mich, lasse den Kopf rückwärts sinken und gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein Freund … ich erinnere mich, daß es Zeiten gab, in der Schule, noch auf der Universität, wo mir das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu werden, wenn du sie nicht mit mir teiltest … Vier waren wir – zwei fielen ab; du aber machtest dich davon, heimlich an einem Abend, als es regnete und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter vor dir auftauchten. Da dachtest du noch an mich und schriebst mir. Aber die Grenze war schon überschritten und deine Gestalt schon Bewohner desanderenReichs … Und es ist mir, als müsse der tote Komponist wieder an jenen Notenschrank gelehntstehen, als müsse er lautlos über den blauen Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst an den Flügel setzen, vor die Lichter, die so oft seinen Schatten riesengroß an die Wände gemalt haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner Klage und Verzweiflung noch viel härter lautwerden lassen, viel anklagender, viel erdrückender … Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen.

Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln des staccatierenden Cellos, beginnt das sinistre Scherzo und verändert die Stimmung, die uns alle erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich in unseren Bewegungen, ohne Anteil des Willens, wie ich von mir aus urteile: ich richte mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke um mich. Klaus Manth, der Maler, erhebt sich leise und tritt an das Fenster, den Vorhang zur Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir aus weiten Augen durch die Dämmerung des Raumes ernst und glänzend ein langer Blick; aber von Claudia sehe ich über dem Nacken nur dasschwarze Haarhaupt und ein Stückchen Wange, an der eine Strähne herniederhängt, und Sirmisch, hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte, neigt mir die erhellte Stirn zu und trinkt mit gesenkten Lidern und leicht geöffneten Lippen die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser erste Abend unseres wieder vollständigen Trios – Sirmisch war lange in Südfrankreich herumgewandert – ein Gedächtnisdienst für Oswald Saach werden sollte; drei Monate sind eine lange Zeit für Menschen, und die Toten sterben so schnell; aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es ist, der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers so schweigsam macht. Hat nicht, von dem Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen« fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt, und der früher nahe oder entfernter aber zu jedem von uns in bestimmter Ferne stand? Manth hatte ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung war es wohl geblieben; doch schon Sirmisch war ihm als sehr musikalisch angenehm, undzu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche Verehrung, die sie mit Güte und Beruhigung erwiderte. Ich aber blieb für ihn der Klassenkamerad, ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte, wenn er von seiner Zukunft redete und als Junge auf einem alten Klavier wunderlich wild fantasierte, und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu Claudia gebracht, zu dem Mädchen, das soeben mit von ihm gelernter Kunst sein Werk, seine Seele tönen läßt, und das die meine ganz besitzt …

Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein Künstler, Oswald Saach, und hast das Maß gefunden, welches eine solche Stimmung angstgespannter Trauer allein fassen und der Seele tragen helfen kann. Jetzt gibt es noch diese fünf Variationen, in denen das Cello die Stimme der Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets gleiche Thema vorträgt, am Ende ohne Bogen und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja, ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt mit beiden Händen schmerzvolle Dinge empor ans Licht, prüft die längst abgetanen und verwirft sieohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten Wissen frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor der Form, die Lust des Erratens kunstvoller Maskerade, das Erblicken des Gleichen im Veränderten und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks für diese eine, tief wehmütige Angelegenheit. Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme für das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen, jetzt ernst harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen, klingen und schweigt.

Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem hellen Tische bestellt mit japanischem Geschirr voller Rot und Gold und mit Astern in hoher Vase, und die beiden anderen; nur die Lichter knistern über den Tasten, Kerzenlicht, das allein ein lebendiges Wesen ist, nur bewegen sich die Schatten an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht leise, und in den Schläfen singt mein verstörtes Blut. Claudia verharrt vor dem Flügel, lautlos, sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet; der Maler versinkt klein in einem weiten Sessel, und Frau Eggeling stützt die Stirn mit einem nochim Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster des Divans – da legt, und wir alle erschrecken, der Cellist den Bogen hart klappend auf das schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und sagt schneidend in die Stille hinein, während er sein edles Instrument behutsam in die Ecke lehnt:

»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat man mich recht unterrichtet, so ist eine Ehefrau die Ursachedavongeworden, eine Hausfrau, ein sittsames Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch lehne ich diesen Ton ab.

»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme langsam und ganz einfach, »die Mutter zweier Kinder.« Und ich freue mich zunächst über diese Abwehr. Ich habe,waser sagte, noch nicht aufgenommen, plötzlich begreife ich's und es schlägt wie eine Kugel durch meine Brust.

Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel und sieht mich befremdet an, aus der halbdunklen Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe jetzt wieder einmal alle diese Menschen, die einandergernhaben und doch eben jetzt kämpfend einander entgegenstreben (und das ist kein Vergnügen, sondern eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die mit diesem Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint, und, daß Sirmisch sich damit nicht zufrieden geben kann – er hat ja erst vor Wochen von dem Ende des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß gleichsam selbst empfangen, ganz allein in Paris, unverhofft, ohne jede Vorbereitung – aber auch Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst den neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs erregtem Gesicht; und weiß doch, hier zwingt es einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu Untätigkeit gezwungen und möchte doch, wie er jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht.

»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs der Meinung, ganz und gar nicht, daß zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute … Das da« – er schlägt die Handfläche auf dieNotenseite – »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das Quintett; und seine Entwürfe, die Skizzen, die Sinfonie – gnädige Frau!« Seine Stimme zittert beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder … es geht mit ihm durch; aber ich lehne es nicht mehr ab … Um so ruhiger klingt die Antwort – und ich weiß, warum ich das bewundere.

»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe wenig von Musik, ich fühle mein Teil dabei, und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich hörte ihn eben reden und sah ihn, während ihr musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz aufmerksam. Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war eine Familie; und überdies ist ganz gewiß, daß Frau Doktor … daß diese Dame ihm nicht im geringsten zugetan war.«

Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier anstatt zu faulen; und mich schüttelt's.

»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen klage ich sie an? Wofür mache ich sie verantwortlich?Doch für ihre Stumpfheit, doch wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte wissen müssen, wie es um ihn stand, wenn sie ihn drei Monate lang wöchentlich dreimal sah! Was brauchte er anders um genial zu werden, reif zu werden, als das beglückende Anschmiegen dieser Frau? Sehen wir doch klar hin: um schaffen zu können benötigte er ein erträgliches Dasein, und weil er zart war, konnte ihm das nur von der Frau gegeben werden, die er liebte. Mochte das immer irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde – sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte. Davon hat diese Dame nichts geahnt, wie? Sie hat ihn standhaft abgewiesen, nicht wahr? Sie war honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller Bürger gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos sterbenden Künstler in den Mund der Leute kam und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls Notiz genommen hätte … Sind Sie mir böse, gnädige Frau? Aber ich kann nicht ausdrücken, wie sehr ich sie verachte, diese zahmen Puten, dieses Geflügel ohne Hirn und Seele,gackernd und eierlegend – nein, gnädige Frau, daß einer wie Oswald Saach umso einefortgehen mußte … das ist ein bißchen widerlich …«

Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch mit ungehemmter, etwas bissiger Neugierde. So sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten gewesen? Oder greift er in eigener Sache an, in der Verteidigung des Künstlers? Das würde einiges verändern, nicht? Wohl keiner von uns gibt ihm gänzlich recht, vermutlich sehen alle – ich gewiß –, an die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt, mit gerechteren Augen auf die gescholtene Frau; aber wir wissen auch, hier geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Freundschaft;wennes um Freundschaft geht. Ich stutze vor diesem Zweifel und finde erbleichend, daß ein unliebsamer Neid ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der einen Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke ich, wie Frau Eggeling – ist ihre Überlegenheit nicht staunenswert? – die Augen gütig auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippenöffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt – da geschieht das Überraschende.

»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber dasertrageich nicht länger!«

Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille. Wer sprach sie? Claudia? Kann in ihrer tiefen Mädchenstimme so Auflehnung und Entrüstung beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei heftigen Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang zur Seite fahren, indem sie ungestüm an der Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen! Tue ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel und löscht mit zornigem Atem beide Kerzen aus. Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt. Was ist das? frage ich mich –wasist das? und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem Erschrecken gleicht – übrigens ist es wirklich Schreck – und jede andere Regung für Sekunden aus meiner Seele drängt: ich stelle mit Klirren meine halbvolle Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend …Aber ehe sie die Lichter ausblies, habe ich, – und erst jetzt wird es mir bewußt, – im Umdrehen ihr Gesicht erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten, schwarz mit großen Pupillen. Ich begreife nichts, ich bin gewiß, niemand begreift. Sie fängt meinen Blick und antwortet, als wäre er eine Rede:

»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht, Walter, ob du's auch nicht glaubst, aber ich!« und eine besondere Heftigkeit entlädt sich im letzten Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich, die aber vor allem empfindet, daß dieser Ausbruch für Sirmisch und Klaus Manth fremdartig und zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz gestieltes Glas an die Augen und sagt scherzhaft, während sie sie forschend ansieht:

»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer Walter, wieviel Jahre kannten Sie Oswald Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen Tochter brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser Stimme. Aber noch ehe ich auf ihren klugen Spaß eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun, obwohlmir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen, ruft Claudia aus dem Dunkel:

»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für die Dauer der Verkenntnis. Geht mir damit, ja? Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen Strudel, den Sie in der Seele erregen. Ich liebe sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich heute fast verpflichtet.«

Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu Klaus Manth hinüberschießt, der sich schweigsam verhalten hat, wie er es am liebsten tut. Sein rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter Kopf wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters überragt, vor dem ich ihn sitzen sehe, und durch dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem nächtlichen Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich mir. Und warum nicht? ich erlaube sie mir nun gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond steht verschleiert inmitten sehr heller runder Wolkenschollen, die einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen, in beständigem Fließen. Es ist ohne Widerredeärgerlich, seine eigene Nervosität am Himmel wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich dort und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen kalter Luft: das schwarze Blau der frühen Nacht trennt streng und feierlich die Ränder zweier Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine Maler begnügt sich indessen damit, erstaunt auszusehen. Du bist angeredet, rufe ich mir zu, entgegne. Antworten: worauf und was? Aber Alexander Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem stillen Danke und läßt mich weiter auf den Wind horchen, der soeben beginnt, weich an die Scheiben zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar ist mein Zustand, daß die Gespanntheit meiner Seele sich als eine Art nervöser Unaufmerksamkeit zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief innen, lauernd, staunend, schwarz und drohend – ein unheimliches Auge, das Claudia ansieht.

»Zeit oder nicht, gnädige Frau – was können wir vorläufig sagen? Wenn Fräulein Claudia ausgeredet hat, werden wir wissen. Ich warte; und bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudiatritt zu unserm kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens sind es her, daß sie einem befremdlichen Gefühl nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst unerklärlichen Leidenschaft – und jetzt schon, in diesem Augenblicke, der ihr die zartbunte Teekanne in die Hand gibt, bedauert sie unsäglich ihre Aufwallung. Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in mir die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige Hoffnung des Rückzuges hinter diesen sehr abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes hineinsagt:

»Ich habe nichts mehr zu reden.« – Es ist für meine Ohren ein feines liebliches Geräusch, dieses Singen silberner Löffel auf zartem Porzellan, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen, unausgesetzt an das zu denken, was sie verschweigen will. Nicht weil es um Oswald geht. Ich muß wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt. Dieses erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint, habe ich etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der Dichter sieht sie nicht an; er betrachtet unhöflich, wie der dampfend goldene Teestrahl die weißeHöhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und sieht sehr abwesend und nicht gerade geistvoll drein; dann sagt er mit sachlich beherrschter Kälte, während er das Getränk durchwühlt, um den Zucker zu lösen und sich – irre ich nicht? – Mühe gibt, den kleinen Finger dabei nicht abzuspreizen:

»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das nicht genügt. Sie werden nicht umhin können, uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist nicht angängig.« Und dann bläst er auf die heiße Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem Munde. Wie er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte gemessen feindselig; spräche er mit einem Manne, so wäre das nächste Ereignis eine Forderung, ein Duell junger Herren; und ich lächele still über die imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit ihr beleidigt und ihr Beschützer sein … dies gibt den Grund dafür, daß er mir soeben winzig und belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm recht. Hatte sie sich nicht in einen Angriff jagen lassen, aus dem man nur nach vorwärts flüchtenkonnte? Jagen lassen – wovon? Ich vermag mir kein Bild mehr von ihrer Seele zu machen, die ich doch so lange als eine geliebte Landschaft besonnt und blumig gesehen habe … Finden sich da – ich frage nicht sehr kalt, meiner Treu – Abgründe, Dickichte und schwarze Wälder, in denen es sich schlängelt und ballt, und daraus eines Augenblicks solche Überraschungen hervorbrechen?

»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!« Sie bittet und senkt die Stimme; »es ist so wenig erfreulich, und ich bedaure so sehr …« Sie blickt mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt, dann die anderen, läßt zuletzt die schwarz fordernden Blicke auf Sirmischs Gesicht ruhen; und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's einen hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen sollte, als ich? Einen, der ebenso atemlos auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten Wesens wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das ist eine fast physiologische Antwort auf ihre Art zu bitten, auf Blick und Ton – mein Herz übertölpelt mich, und mein Geist läßt es zu. Er kannes ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an. Aller Reiz und wieviel Liebenswertes geht von diesem schönen Mädchen aus – dennoch bewegt ihr Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt sanft, mit der peinlichen Sanftmut des sicheren Mannes:

»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen? Was könnte ich verweigern, wenn Sie so bitten … aber ich sitze hier nicht in eigner Sache.«

Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt … Sie hat ein lebhaftes Gefühl für seelische Verpflichtung, diese junge Dame, und wird nicht zögern, sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören und setze mich zurecht.

Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen, bricht die Spannung und eine tiefe Ruhe breitet sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber wenn sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger lieben. (Ich werde doch hoffentlich?)

Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt sich besiegt; sie neigt das Haupt, ihre Brauen zucken zweimal – dann tritt sie wortlos nach hinten,aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie uns alle noch einmal anblickt, ihre Mutter an die Polster der Sofalehne geschmiegt, Sirmisch aufgerichtet neben dem Tische, den Maler, der in seinem Sessel verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes Gesicht das Licht erhellen mag, grell hervorquellend unter dem grünen Seidenschirm, mahnt sie noch:

»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und beginnt darauf, mit nur halb verwendeter Stimme, während sie hinten im Raume, an uns vorüber einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht schmerzfrei scheint: »Er hörte sehr bald auf, mein Lehrer zu sein, und was sich Menschliches zwischen uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir immer sonderbar. Freundschaft? Ach nein. Er war anziehend, aber mein Freund? Eruptive Menschen wie er, die in beständigem Pathos leben, sind für mich nichts; ich fürchte den Ausbruch, und dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter her stets merkte und auf eine peinliche Art auchaussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein, ohne Verpflichtung für das nächste Mal. Es haftete einfach auf immer an ihm, daß er von unten gekommen war.«

Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während meine Seele gierig harrte, daß Claudia, meine Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten sollte), wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun sinke ich in tiefes Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn auf halbgeschlossenen Lidern wie ein Bild: Fäuste, die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen, graue Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich hell in der Röte bräunlicher Wangen und unter stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden Lippen, der Schwall der Worte, begeistert, empört, befehlend – immer glühend und gleichsam emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er vor mir auf und ab, dieser Gütige, der stets entbrannt war und sich so bald verzehrt hatte … Unterdes höre ich Claudia:

»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp wie er umherging, innerlich wie außen. Aber ich gab mir nach den ersten Stunden zu, daß er bedeutend und berechtigt war, im Pathos zu leben. Nun, er wußte bald, daß ich das Große in vielen Formen schätzen konnte, und außerdem verliebte er sich in mich.« – In mir klappt etwas zu: eine Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält. Ich sitze starr; mir ist als fiele ich rapid und senkrecht ins Grundlose. Warum haben sie davon zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht? – »Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus einer summenden Ferne, »ich brauchte nicht davon Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen jungen Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum erstenmal zu gepflegten jungen Damen kommen. Nach unseren Stunden gingen wir oft in der alten Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in dem ich meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr mit den langen Füßen in die braunen Kastanienblätter, daß es zischte – und die Augen immer am Boden oder bei den großen goldenweißenWolken im Blauen hinter den geleerten Wipfelnetzen, sprach er von sich, immer von sich. Daß man einen Menschen seiner Art nicht liebenkönne, daß man ihn als Zugabe hinnehme zu seinen Händen und seinem Musikerhirn, daß er sich nach nichts so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst liebe, ja, daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen Dummkopf zu tauschen bereit sei, und im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent nebst seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen gutes Im-Sattel-Sitzen und leidliches Tanzen hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein Scherzwort, etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit zu tauschen, und er lachte mit; aber meine Abneigung gegen all das übertriebene, schamlose und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert. Und nur von diesem Menschen lernte ich die Apassionata spielen, nur er ließ mich solche Sonatenerleben, nur er schuf sie gleichsam noch einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur er hatte beides, den glühenden Anlaufunddie vollendete Einsicht: und wenn er gar einmal zuphantasieren begann, so hörte ich, ja ichhörtedie brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser zwiespältigen Seele, gemischt aus Feinheit und Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer dieser Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen Seele die Urform, die starke und noch wirre Grundweise dieser ›Sonate in tiefer Lage‹. Damals erkannte ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag trotz allem sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden – es kann vielleicht, für gewisse Menschen, noch schöner sein, ihn zu lieben …«

Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt mit ganz anderem Ton kalt, zu kalt:

»Habt ihr noch nicht genug davon?«

Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«, wie man zu sagen pflegt; dunkel bewegt von dem, was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich sitze still und aufmerksam da, allzu steif vielleicht; akademisch, wie man das nennt. Klaus Manth räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckendstill. Ich versuche aus der raumlosen Ferne, in die ich geworfen bin, durch die Helle, hinter der ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der ein roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias Dasein anzeigen: Gewand, Gesicht und die Hände. Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren zu verbieten. Ich bin nicht unbeträchtlich erregt, ich fürchte mich vor den nächsten Minuten … klang ihre Stimme – ihre Mutter kennt sie nicht besser als ich – nicht tiefer und innerlichst bewegt, als täte sie sich Gewalt an, Härte und Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört … Ich kann mich irren, selbstverständlich. Ich bin imstande, das zu wünschen. Aber vielleicht hat sie ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung, die von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich; geliebt auch nur für die halbe Stunde, als er das Gesicht und die Hände von den Tasten hob, an einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag Zorn, Erregung und Ausbruch einfach erzwungensein von Erinnerung nach dieser Musik: denn es gibt Liebe, die nur Stunden währt – und einiges Rätselhafte wäre gedeutet. Gleichgültiges wäre gedeutet. Und warum gerate ich denn außer mir? Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer halben Stunde Liebe? Du guter Gott – ich bin nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis ich gelegen komme, es zu empfangen. Nein, sondern: daß sie es bis heute verschwiegen hat, und daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin, ohne dergleichen zu ahnen: das ist's! Ich habe gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und: du hörst es gleich – ich fürchte mich; ich fürchte mich …

»Habt ihr noch immer nicht genug davon? – An jenem selben Abende, weil er fühlte, wie wir uns heute näher waren als je (vielleicht hatte er's meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche etwas mit, ein seelisches Faktum, ein kleines Erlebnis, offenbarte mir's als wäre seine Seele taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgangmit einem blonden Mädel und einem fallenden Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie halblaut und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas besinnt, sondern wie um die knappste Anordnung zu finden, die schlagendste Form, die unsere Neugier und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe erledigt – denn trotz jener Frage und allen Anteils erzählt sie zweifellos mit Lust am dargestellten Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl und ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die Tatsache ganz in uns zu beleben; und wie ich dies erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr zu trösten – »ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger Zeit hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel, eine Hamburgerin, schlank und grauäugig, von der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn von Herzen gern, sagte er, und hing an ihm mit aller Glut, deren sie fähig war, nicht um seiner Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch nicht des Ruhmes wegen, denn er war damals noch ganz ungekannt, sondern um des Menschenwillen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache, Liebliche. Er machte sie zu seiner Geliebten, diese Tochter eines kleinen Beamten und nichts als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen Grundsätze endlich über den Haufen geredet, ihre Neugierde endlich durch die Fremdartigkeit seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne durch seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig sein mit Wucht entfaltetes Anderssein als Bessersein empfand, weil sie selber arm und vereinsamt war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn und seine Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich nach, mit schüchterner Glut und einer stets keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal an sie gedacht, und er gab mir die Mittel dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer Liebe – er lieferte mir das Mädchen aus, vollständig, und betrunken von der holdesten Erinnerung.«

Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt,gut gekannt. Nicht wahr, zu Zeiten ist ein solches Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen gegenständlicher Vorstellungen ein kleines Glück … Wie manchen Abend habe ich bei den beiden verbracht und mich von Lisbeth verwöhnen lassen, in Oswalds großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern Beethovens Maske über ein gemietetes Klavier einsiedlerisch hinwegblickte … Wie hieß sie? Lisbeth – weiter fällt mir nichts ein … Sie hatte das sanfteste Lächeln … Ich sehe die Geste, mit der sie mir die geschälte Birne auf der Spitze des Messers bietet, über den Tisch hinüber … Sie schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter sich … Ah, Ohlsen heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal formte sich ein ungefähres O aus der gelblichgrünen Fruchthaut, und Oswald lachte bei ihrem Jubel: das ist dein O, nicht meins. – Und dies alles hat Claudia an sich herankommen lassen? Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag sie ihm zugehört haben? Und sie hatte nicht Schweigengeboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände zittern immer noch … Bin ich denn vom Tee vergiftet? »Eines Tages kamen die Ferien ihrer Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in Hamburg; und als sie wiederkam, ergab sich unwiderleglich, daß ihre Briefe ihn mit Grund beunruhigt hatten. Sie hatte sich von ihm befreit. Ja, sie hatte in der strengen und anständigen Luft der elterlichen Wohnung die Kraft gefunden, sich zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen; sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu machen und ohne ihn einen Augenblick weniger zu lieben) wohin er sie geführt hatte – auf einen Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie hatte unter argen Qualen gesehen, daß sie in ein ehrenfestes, solides, der Pflicht und den Sitten unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von sogenanntem Eigenleben durchschwärmte Luft der Künstler und Komödianten. Urteilt, wie verwirrt, unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr stehen mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete,wie er grimmig schalt und, als sie weinend bat, ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.«

Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling – sie hören allzueifrig, niemand achtet meiner, und das ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, unbemerkt … Ich muß sehr blaß aussehen … Wie oft, wie unausgesetzt hat Claudia über alles das nachgedacht!

»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er sie nicht einfach gehen ließ, in Anständigkeit hinein in ihren Frieden? Oh, er wußte ja, wo er sie zu fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten, Sehnsucht und Liebesschmerz ebensoviele Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja so völlig – hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr ganzes einfaches Herz gegeben … Sie schrieb ihm Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß, er hat sie mir zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,« – und sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend – »in denen sie ihm rührend tapfer auch Freundschaft abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer nichtsicher war; und aus denen doch allzubald erhellte, daß sie es sich noch nicht begreiflich machen konnte, wie man ohne ihn leben sollte … Aber der Kampf begann im letzten Ernste erst hier, in dieser gefährlichen und versucherischen Stadt, wohin sie die Verpflichtung und der Zwang der Dinge zurückführten. Sie weigerte ihm jeden Kuß, jede Liebkosung, ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie dachte, sie könnte mir so entwischen, einfach wie einem Jungen,‹ sagte er und lachte; denn er konnte ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen ihren Gewohnheiten und Pflichten vertraut war – und das tat er: und als sie seine Verzweiflung sah, vermochte sie nicht, es zum Äußersten kommen zu lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen des Großen Gartens; und oft hat sich mir während seiner Erzählungen die Einbildung aufgeprägt, als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar anwesend und wüßte: der Abend zwischen den Baumreihen und in den kleinen Gehölzen hallt wider von der unbedacht lauten Leidenschaft seiner Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warmeWind trägt wehend ihre sanfte Stimme, mit der sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe verleugnet, und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen beider. Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem, sehr entsagend und sehr sehnsüchtig, das war bald gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht eine Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend angenommen hatte. Eine Ehe ohne Mittel, mit einem ganz unbekannten Maler – denn das alles begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln saß, noch gar keinen Schatten warf, sich schwer und spärlich ernährte – sie war viel zu vernünftig, nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie auch vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie doch auch nur ein Mädchen und jung. Und wenn er auch kein Ende fand des bitteren und höhnischen Staunens darüber, daß die Vergangenheit über eine Frau keine Gewalt habe, und vorhanden sein könne wie ein gleichgültiges Ding, das die Seele nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht aufrechtstehen könnte unter solcher Last des Erinnerns – sie hat, wie die Folge zeigte, die niederziehendeKraft des Erlebthabens dennoch stets gespürt, und die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und Liebe widerstand, schien mir bewundernswert – und scheint mir heute noch bewundernswert.«

Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten, dadurch, daß sie nach ihnen schweigt, innehält, ich weiß nicht warum, und nach ihrem Haar langt, als hätten sich dort Nadeln gelockert … In mir, – gebe ich mich wieder einmal zu viel mit mir ab? – ist diese ganze Weile erfüllt von ätzend hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt, mir schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen, daß Claudia Eggeling sich verbündet und eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage vor dieser Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden Wirklichkeit – und dieses Mädchen, das sich ohne Ehe hingibt! Auf nur eine Weise kann sie zu Oswald Saachs Geliebten einen Zugang finden: und so albern bin ich, daß mir vor diesem Wissen schaudert. Erkläre, daß sie bisher davon geschwiegen hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängeneiner Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle, mein Sohn. Schwer, nicht wahr? Oh ja. – Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen ist … (sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher sollte er sie wissen? er kannte Oswald damals nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten … Und wüßte ich nur, wohin sie damit will! Vielleicht ist diese ganze Qual verfrüht, sinnlos! vielleicht erklärt das Ende alles … und Ruhe, Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten darf … Du darfst gut bitten, mein Alter.

Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; siesetztmehrfach an, schluckt, verbessert sich: ihre Stimme hat etwas wie Schwingen verloren, und vorher hat sie sich niemals um Worte mühen müssen. »Ich habe das Wichtigste vergessen – warum zwingt ihr mich auch, eine alte Historie heraufzuholen! Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß Oswald Saach sich in gewissem Sinne abhängig fühlte von unbekannten Gewalten? … Habt ihr je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch war?«

Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich. Wie an einer Schnur von Gummi schnellt sie mich heute durch alle Gefühle, auf und ab … Sie findet Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet den Aberglauben … Und was soll das jetzt, und hier? In mir atmet etwas auf: Unseresgleichen kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen nach Vollkommenheit folgen, das andere zu Heiligen macht oder zu Künstlern. Da meldet sich Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die Tochter sprach, hat sie das rückwärts gelehnte Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet; jetzt führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn es gibt oben nichts zu prüfen, das schwarzgestielte Glas an die Augen, um es sofort wieder in seine Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und sagt, ohne sich sonst zu rühren:

»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst …« mit einer Stimme, die sie schweben läßt. Sirmisch sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch das Wort, bitte.«

Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und her (quälen sie dich, Liebling? Einen Augenblick ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen). »Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere sich am Freitag zu reisen, ein Haus Nummer sieben zu beziehen, zu dreizehn bei Tische zu sitzen; oder daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern für ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen und Außen des Menschen und seiner Geschicke wie eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle, Ahnungen, unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er hat mir oft entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt oder fähig sei, all das durch Betrachtung zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit er nicht mehr an die Hölle glaube, mit der die Kirche seine Jugendjahre verstört und verängstigt hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen ihm gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle sein einziger Glaube, und er danke für sogenannte Philosophie und allen Skeptizismus und wolle ein Musiker bleiben.«

»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutetKlaus Manth von seinem Sessel her. Er hat sich aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des Herzens ist das feine Singen der metallenen Federn in seinem Sessel unendlich fesselnder als alle Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia, die hell und scharf zu denken gewohnt ist, ja diese Helligkeit nach Art der Frau überschätzt – hat sie sie doch eben erst gewonnen; – und sie nun von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie selig, wie übermütig, wie glücklich macht diese drollige Ursache – sie kitzelt mich süß in der Brust, ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam, was Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer Mensch?« Mag sie dem Freunde vorwerfen, was sie wolle … je ungerechter sie ihn schilt, um so froher darf ich sein. Ich glaube ja kein Wort von Oswalds »Aberglauben« …

»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker! Ich habe ihm das Ganze damals analysiert und ausgesprochen, denn wir waren in dauernder Zwietracht darüber – wissen Sie, was Sie tun?fragte ich, und ich war vielleicht sehr ungeduldig dabei – am Ende und im Grunde suchen Sie nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole, die Ihnen Gefühle und Wünsche, Befürchtungen, Abneigungen und Handlungen stärken sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen; Sie suchen Prophezeiungen. Er war erheiternd überrascht, verwirrt, er war darauf nie verfallen; er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht auf, darüber zu spotten, nach dem Dilettanten von Bayreuth alles öffentliche Unheil den Juden zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder Einäugigen, der ihm etwa begegnet war; er gelobte weiter – für sich, nicht bei einem Heiligen – bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit eine Arbeit glücke, schrieb den guten Ausgang dem Gelübde zu und hielt peinlich auf Erfüllung; er befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf sonstige Art orakelnd warf – ob er je zu einer Wahrsagerin schlich, weiß ich nicht, doch scheint es mir sehr möglich – und so glaubte er mit besondererNeigung an die wunscherfüllende Magie fallender Sterne.«

Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen; nebenbei aber ist sie mir ganz rätselhaft geworden. Verwirrung umdrängt mich wie ein gläsernes Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt es mir, innen kalt und still zu bleiben und nicht angstvoll und atemlos um mich kämpfend die Herrschaft zu verlieren über diese furchtbare und wichtige Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie das! Ich habe Oswalds Neigung, mit der Zukunft ratend zu spielen, immer als harmlos belächelt; sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie kann als Schülerin einfach ihren Lehrer ausgespäht haben; oder ihre Worte können gehässig sein aus Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches Bild trübt – und (jäh befällt mich neuer Schrecken) wiederum aus Neigung für ihn, den sie gerne makellos sähe … Ja, ich bin ins Netz geraten und gefangen außerhalb der Zeit. Ich altere in diesem Netz; durch seine Maschen stürzt das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schnellerals es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor zwei Stunden ihre ersten Worte gesprochen.

»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth, und Sirmisch prüft langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges nicht allzu leicht hell? Sie leugnen das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung. Ich finde, das alles wurzelt tiefer und vielfältiger in der Seele …«

»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange bekannte Größen ausreichen um die Aufgabe zu lösen, Unbekannte einzusetzen – das ist alles. Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft der Zahl x aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte zu verweigern. Genug, genug: Saach war abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens hat Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen. Fühle dich nur nicht veranlaßt, jetzt noch zu fechten …«

Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne mich, ob mir ein solcher Zustand fiebernder Erregtheit dieses Mädchens jemals vorstellbar gewesen. Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsameEntschiedenheit, ihr abwehrender Spott? Ich versinke immer tiefer in ein Staunen, das eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von einer Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man soweit, endlich! Nun hört noch den Schluß, und dann nur noch Musik: an einem der Tage, an denen Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist, holt er sie ab, und bald sind sie im Großen Garten; denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten, streng aufrecht, während er doch geglaubt hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles umwerfen, was ihre Briefe sich vorgenommen hatten. Ich sehe sie, ja ich sehe sie unaussprechlich deutlich vor meinen geschlossenen Augen, als wär' ich je und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern und bald im Dunkeln durch laubige Wege, über denen der Himmel immer tiefer blaut, den die ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach hat wie stets den breiten Hut unordentlich auf die Haare gedrückt, und der leichte Wind faltet im Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und machtihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr großer Hut aus hellem Stroh wird vom Winde gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten; und doch ist sie die Stärkere. Ihre Gesichter sind beide bleich, sie sehen einander nicht an; sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander, des Tons der geliebten Stimme, des Schimmers ihrer Augen und der Berührung ihrer Hände, die er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem wegzuschleudern – aber schmerzvoll durchpulst von der Fremdheit, die sie in sich entdeckt haben, erschüttert von der Ungemeinsamkeit, die sich ihrer bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich zu lieben wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon nicht mehr zu lieben wie sie es erzwingen will. Ihm werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche von Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende und verwirrte Reden überwältigen ihn, die schneidende Verzweiflung macht ihn toll. Sie weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die Augen führt, ist kaum weißer als ihr Gesicht. DasLeid des Geliebten und ihr eigenes läßt sie weinen; sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen. Er ist noch immer nicht im mindesten bereit, den ruhigen und reinen Gefühlen nachzugeben, um die sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre Unterwerfung, Rückkehr und Bekenntnis zur Vergangenheit. Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie ist bemüht, das Haar zu ordnen, das sich im Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr ins Gesicht, Nadeln sind verloren worden. Sie gehen den See entlang. Er muß in dieser Stunde der eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel daliegen, ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort von feinen Schimmern zitternd und von unsichtbaren Vögeln oder einem jagenden Fisch aufgeregt. Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit oder ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert, nicht einmal ein Wind zischt in den Wipfeln, und ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe Mond. Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigenKampfes zweier Liebenden, löst sich ein Stern aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam in einer lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich, ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker gewahrt ihn sogleich, und ohne Zögern wird in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte; ein Wort, das einen brennenden Wunsch bedeutet, zu dessen Erfüllung der fallende Stern ein gnädiges Wahrzeichen sei – und wie heißt die allgegenwärtige Begier des Mannes, der soeben dagegen kämpft, daß ihm der erste Mensch entgleitet, der ihn um seiner selbst willen liebt?Ruhm!rief es in Oswald Saach.«

Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer über unsere Köpfe hin, fast mit einer Geste, und schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck in mir gespürt, ich leugne nicht, und Alexander Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel erhoben, ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und beginnt, zu leisem Klirren des Teetisches auf demTeppich hin und her zu gehen. Man spricht nicht; jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten Worte, die das Ganze verursacht haben. Ich für meine Person bin noch kurze Weile mit meiner eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine Unruhe, die auf eine zusammenfassende Überlegung hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel von sich gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel. Welches Vertrauen muß er für sie empfunden haben – und wie wenig kannte er sie! Er hat dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während er erzählt, wie sie sich verschließt, innerlich abwendet, peinlich betroffen, ratlos und verstört … Ich bedauere Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas in mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr, völlig, übermäßig gut das für mich ist … Nein nein, das besteht nicht, was ich befürchtet habe, meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele Claudia zu, als sie ganz bleich ins Licht des Tisches tritt, um ihre kleine kalte Teetasse leer zutrinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen Erregung: ein Erlebnis hat darin gehaust, die Augen umschattet, den Mund bitter gebogen und schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien gehöhlt! Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt an; ich tue nichts als es abtasten mit meinen Augen. Das also ist Claudia – auch das. Die Hand zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch bleibt vor ihr stehen, er hat sich von dem Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern befreit und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht: »Sie stiften also eine Verbindung zwischen jenem betend und dem späteren Geschick, eine Art Schicksalswahl? Wie kühn, wie unbedenklich … sind Sie auch abergläubisch, Claudia, wie?«

»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich sage nur das: ihm geschah, was er selber wählte. Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab, begehrte er am heißesten den Ruhm –«

»Er war ein Künstler, Claudia!« – »Vortrefflich. Nur verriet er dabei zwei Seelen, die seineund die einer Liebenden; denn er fing das Mädchen hernach doch wieder ein. Schmäht also eine Frau nicht, die ihm mißtraute und neben ihm kalt blieb. Kann einer, dem es damals mit der Liebe so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und schaffen? nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht reizen sollen und alles wäre verschwiegen geblieben, oder ein andermal zu Worten gekommen, versöhnlicher, gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.« Mir fällt wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene mein Freund war … war.

»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten – Fräulein Claudia, Sie erzählen Märchen.«

Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke und macht sich daran, die Kerzen des Flügels und an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der Lichter Farbe, Wärme und Leben bekommt. Ich werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne. Ich liebe dich, Liebste, aber ich weiß nicht, wer du bist. Werde ich es einst wissen? Und ist das diesesAbends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte Mutter vom Divan her bedeutsam sagen:

»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach ein Mädchen ein anderes, verratenes, verteidigt?«

Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch:

»Wir wissen es, eifersüchtig sind sie alle und hassen das Werk, die Kunst und die Einsamkeit des Schöpfers.« Er weiß nichts, auch nicht Manth, Frau Eggeling sieht still und ahnungslos daran vorbei – und nur ich habe damit fertig zu werden … Aber das ist schließlich eine Art Glück … Eben gibt das Klavier einaan, ungeduldig, hämmernd, eine Aufforderung und wiederholte Mahnung, Versäumtes nachzuholen: unsere Noten liegen schon weiß aufgeschlagen da, und Claudia stellt gerade mit gereckten Armen die schwere Decke des Flügels auf, wie eine glänzend schwarze Schwinge geformt, zum Fluge in eine sanftere Fremde halb gelüftet und bereit. Sirmisch sitzt schon, auch Claudia, ich beeile mich mit meiner Geige, fühleeine müde Freude, des Nachdenkens enthoben zu sein, und sage halblaut zu Frau Eggeling, indem ich mich niederlasse und die Noten erkenne: »Opus 70, zwei, ind.« »Das Geistertrio?« Sie erhält keine Antwort. Wir setzten alle drei sehr stark ein, zu einem stufenweise stürmenden Anlauf; das Cello hält allein einen sanften Ton lang an und fließt vibrierend in das Thema über, eine kurze stille Melodie, vom Flügel her wellig begleitet; dann kommt sie an mich und ich verliere mich dumpf erlöst und ganz der Sache hingegeben an meine Geigenstimme, die nur Teil einer höheren Einheit ist, mein Ich aufsaugt und mein Denken entrückt, daß es irgendwo hinten schimmert, blaß, klein und unnütz.


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