Die Sonatine

Die Sonatine

Das nette rosige Dienstmädchen nahm so geräuschlos es anging, die blonden Brauen hochgezogen und gleichsam auf den Fußspitzen, das Geschirr des Abendessens vom Tisch, auf den von oben breit abspritzend Licht fiel wie Wasser auf einen weißen Stein. Es seufzte von Zeit zu Zeit in seinen sanften Busen, der nach Zärtlichkeit verlangte, und es warf hurtige Blicke zu den beiden auf dem Sofa dort, dringliche Blicke, hinter denen die Lider unschuldig herabfielen. Glücklicherweise – sie atmete wahrhaftig tief ein und ein Lachen sprang über ihr Kindergesicht – ließ der gnädige Herr das Blatt auf den Tisch fallen und sagte böse:

»Diese Zeitungen sind eine häßliche Sache. Man müßte dagegen einschreiten.«

Die gnädige Frau nickte lebhaft: »Abbestellen, Walter … Hast du die Morde gezählt, die heute darin episch verwertet sind?«

»Vier,« sagte er, »vier. Mit dem Mordversuch des besiegten Schülers am Mitschüler fünf. Willst du hören? es ist ungemein knapp zu sagen: ein Schüler ohrfeigt den anderen vor der Klasse, sieprügeln sich und der Geohrfeigte unterliegt: da zieht er ein kleines Terzerol und schießt dem Sieger die Kugel auf zwei Schritte in die Seite.« »Genug, ich bitte dich!« … und nach einem Schweigen leise: »Furchtbar …« und sie zuckte sonderbar mit den Schultern.

»Daß man daraus eine Spalte macht, ist wirklich arg. Aber abbestellen? Und welche dafür halten?«

»Gar keine halten. Wozu überhaupt Zeitung?«

»Und das Leben da draußen? Wie willst du davon unterrichtet sein?«

»Ach, das Leben,« sagte sie geringschätzig. »Ich vergaß, daß du es damit hast. Ich meinerseits, du weißt, bin ohne dieses Bedürfnis« …

Er schüttelte bedenklich lächelnd den Kopf, und sie bekräftigte: »doch«.

Das Mädchen warf ihr einen Blick zu, dem aber außer Hurtigkeit noch eine bittende Verlängerung eigen war, und wurde langsam ganz rot. »Else?« fragte die gnädige Frau und lachte ein wenig. Mit niedergeschlagenen Augen undfroh daß sie Teller in den Händen hatte, brachte das Mädchen die Bitte heraus, noch ein bißchen spazieren gehen zu dürfen, es sei so schöner Vollmond draußen.

Er ging indessen zweimal auf und ab in gefaßter Bestürzung. Es konnte unmöglich so fortgehen. Wußte sie nicht, daß dieses ängstliche Fliehen vor dem Wirklichen sie irgendeinmal von ihm trennen würde, wenn sie es nicht überwand? Was dem Mädchen wohl anstand – die junge Frau mußte damit fertig werden können … Er hörte sie fragen: »Ist alles fertig für die Nacht?« und sah, sich wendend, eifriges Nicken. »Dann können Sie gehen. Aber um elf sind Sie wieder da, Else, hören Sie?« Sie bedankte sich, und der gnädige Herr, der am Fenster stand ohne hinauszusehen – er erkannte gerade: er mußte sie zu sich hinüberziehen; Gelegenheit würde sich später finden – drehte sich um und neckte: »Sie müssen morgen zeitig heraus, zur Frühmesse; vergessen Sie das nicht! Marienmonat!« Was ging den das an, er war ja ein Ketzer und kannte die heilige Jungfraugar nicht, dachte sie unmutig und geschmeichelt, wurde ganz rot, bedankte sich nochmals und ging leise schnell hinaus.

Walter Rohme trat zu Claudia, die noch auf dem Sofa saß und den Nacken an die Rücklehne geschmiegt, soeben die Augen zu ihm hinwandte. »James«, sagte er vergnügt, »der Mond heißt James und ist bei dir bedienstet.« Sie lächelte mit den Mundwinkeln. Er bückte sich zu ihr herab, nahm ihren dunklen Kopf in beide Hände, ganz langsam und sanft und küßte ihre Lippen, die sanft geschlossen und blaßrot die seinen erwartet hatten, da nunmehr das Dienstmädchen draußen war. Er richtete sich endlich auf ohne die Umarmung zu lösen, hob sie so mit empor und führte sie, die dicht an ihm schritt, zu der Schiebetür in das Musikzimmer. Mit knapper Drehung löschte er hinter sich das Licht und schob die Türen auseinander. – Hinüberziehen? Claudia? Nein. Sie mußte von selbst zu seinem Ufer kommen, nur die Brücke durfte er zeigen und ihr die Hände hinhalten … irgend einmal, nicht allzuspät.

»Da haben wir also den gemeldeten Mond,« sagte Claudia … Der Raum war bis in die Ecken von Licht gefüllt, von einem stofflosen Lichte, das ohne Quelle schien: das Dach des Hauses über ihnen verdeckte schon das Gestirn. Die Luft selber glomm weißlich, sanft, traumklar und berauschend, man atmete sie ein und löste die Seelen der Glücklichen sofort, wie ein stark milchiger Wein, unbekannt und beseligend. Sie standen lange auf der Schwelle, die beiden, in einem Beieinander, das inniger war als Küsse, und blickten in die lichte Nächtlichkeit des vertrauten Raumes. Auf Beethovens marmorner Stirn glänzte ein silberner Schein, und der warme Nachtwind bewegte langsam die Vorhänge der geöffneten Fenster; aber der Flügel war ein Werkzeug aus Licht geformt, und seine Decke blinkte wie der Spiegel eines Sees geschmolzener Klänge, silbern, umrissen und leicht. Blüten dufteten vom Garten herein: es war eine Nacht des Mai. Sie traten ein. Er führte die geliebte Frau vor das Instrument, ohne den Arm von ihrer Schulter zunehmen, öffnete es: der Spiegel des Sees schwand hin, und auf hob sich die schwarze Schwinge zum Flug in eine tönende Ferne. Claudia entblößte dem singenden Drachen die Zähne, indem sie seine schwarze Oberlippe zurücklegte; sie ließ den Ring vom Finger neben sich aufs Fenster fallen und schlug einen hoch schwingenden Ton an, der sich dem Lichte hold vermählte, zitternd und schwindend.

»Und was?« fragte sie mit dunkler Stimme unterhalb des Klingens wie Dämmerung um Licht. Ein Flämmchen riß aufblitzend ein gelbes Loch in die Nacht und hinterließ einen kleinen roten Kreis, der duftend rauchte. »Cis-moll,« sagte der Mann endlich und atmete Rauch ein.

»Natürlich,« warf sie neckend hin, »ich wußte es vorher.« Aber er schwieg einfach, und als er hinter ihrem Rücken in einem großen Stuhle ruhte, begann sie.

Die zartfließende Dreiteilung, auf- und abrollend, in leichter Feierlichkeit ohne Trübe, dieser köstlich wehende Schleier aus Klang, über dem die Melodie aufglänzte, wie mit silbernen Sternen dareingestickt – was war in ihn verwoben, das ein so eindringendes Glück geben konnte, ein inniges Angerührtsein nahe am Herzen? Träumen, träumen. Hingeben und sich verlieren, wohin der unbesonnte Strom der Empfindungen strudeln will. Ja, denke deiner Jugend, Walter Rohme, da es in dir so will, frage nicht, warum sie sich heute meldet, vergiß die Spur, die du von dem mordenden Schüler jenes Zeitungsblattes zum gegenwärtigen Augenblicke führen siehst … Ja, du bist es, der hier sitzt, und du bist auch jener Knabe, den der Mond über stille Wiesen hin nach dem schwarz ängstigenden Walde lockte, den er auf einer Lichtung hinwarf, und dessen Tränen er zu weißem Silber zauberte … du bist es! Damals hat dir niemand so unirdisch zugesungen wie es jetzt eine tut – und die Krämpfe deiner Seele entluden sich nicht anders als in langem Laufen, in Träumen und auf den ärmlichen vier Saiten deiner gelben Geige, die alle deine brennenden Phantasien heiser aussprechen mußte … Jetzt aber – bist du nicht jetzt erst jung? Wohin ist der häßliche Bart, der deinGesicht alterte, wohin sind die Gruben unter deinen Augen und die hohen Kragen, die dich einengten und versteiften? Ein verjüngtes Gesicht hebt sich auf schlankem Halse aus dem niedrig umlegten Kragen, bartlos, und deine Augen blicken frei und zärtlich zu ihr hin, die dich entzauberte. Sie weiß freilich nicht, wovon sie dich erlöste, auch ahnt sie nichts von den Niederungen, aus denen du dich zu ihr erhobst – soll sie nie davon wissen? – aber höre sie: sie sendet dir ihre Töne; und was du mit den mondlichtvermählten einatmest, ist ihre ganze hingegebene fromm machende Liebe.

Sie schwieg und sah vor sich hin mit jenem Ausdruck, der ihr ganzes Gesicht veränderte und es entlehnt scheinen ließ in einer Welt, die ihre Augen noch schauten, dort, jenseits der Mauern. Walter Rohme liebkoste sie mit Blicken wie mit langen Wimpern, deren Bewegung auch er selbst beglückt fühlte: da erklang, wie dicht an seinem Ohre gespielt, aber doch nur in seinem Innern, ein Stückchen Geigenmusik, ein schüchternes Thema von leichtfüßiger Melancholie: nach einer Stufeebene Schritte, kleine Sprünge und ein hüpfend sanftes Auf und Ab – fast nichts. Klavierklänge vorher … aber als er sich der Erscheinung zuwandte, war sie sogleich wie nicht gewesen. Eine leichte Verwirrung entstand, dauerte und mündete in die Frage: woher kam diese phantastisch deutliche Musik? Es antwortete nach einer Pause: aus den jungen Tagen, als du gerade spielen konntest: rate; Haydn? Mozart? mußte es nicht Mozart sein?

Und plötzlich, als bedeute diese kurze Stille ein Ende, und nicht nur die Vorbereitung desandante, erhob er sich unter einem inneren Befehl. Er ging leise zum Notenschrank und öffnete ihn, dann nahm er den Geigenkasten herab, der oben lag. Claudia sah ihm schweigend, staunend zu. Offenbar will er geigen; er war heute also im Hören nicht stark. Hätte er nicht doch das Ende der Sonate erwarten sollen? Sie fühlte sich eher geneigt, allein zu spielen und nur aus sich zu schöpfen und zu strömen; die Noten würden sie nicht wenig beengen … aber da er wollte – – SeinBetragen war ungewöhnlich und hatte sicher ein starkes Motiv – was trieb ihn nur? Er kniete vor dem offenen Schrank und las, mit einem Streichholz leuchtend, in der Tafel, die seinen Inhalt angab; sie saß ruhig in ihrem Stuhl, die Hände im Schoß gefaltet, und betrachtete in wortlosem Warten, wie er die Kerzen zweier breitfüßiger Leuchter entzündete, von denen jeder zwei auf ausgebreiteten Armen über seinen kurzen Rumpf erhob; die Flammen glichen Lanzenspitzen und scheuchten die Dunkelheit in die Ecken des Raumes; und als er sie vorn auf den Flügel stellte, wich die Nacht vom Fenster zurück. Ehe er die Decke des Instrumentes herabließ, streichelte er rasch einmal ihren Scheitel; dann holte er die Geige und das grüne Heft. Sie war neugierig, seine Wahl zu wissen. Würde es Brahms sein oder Bach?

»Schubert,« las sie halblaut und verwundert, »Sonatinen,opus137?«

»Willst du, Liebling? Mich überfiel da plötzlich eine Erinnerung: wie stark, siehst du an meiner Ungezogenheit. Das ist hier die erste Sonate, dieich als Junge spielte; sie ist freilich ganz leicht und du langweilst dich am Ende dabei. Aber daswillheute gespielt werden … ich hatte es allzulange vergessen …« Du Gütiger, dachte sie glücklich und gab ihm statt aller Antwort den Grundton und die Quinten an; er stimmte, und die sanften lauten Doppelstimmen klangen im Flackern der Kerzen.

»Ich finge eigentlich gern mit dem zweiten Satze an,« sagte er, die Geige schon unterm Kinn; »aber mein Gewissen …«

»Dein Gewissen hat sehr recht.«

»Obwohl mich nur dasandantebesucht hat?« … Der Bogen hing schräg herab, mit der Spitze in den Teppich gebohrt.

»Und wenn das Kind noch netter bittet und das Stimmchen oben schweben läßt: erst dasallegro, und dasandanteals Belohnung.«

»Welche Mutter! Ich wünsche unsern Kindern Glück …«

»Still! hast du Mamas Brief gelesen?«

»Vorhin. Ich bin froh, daß sie sich mit Kaldernswohlfühlt, und daß Sirmisch bei ihr ist. Ich habe ihr gegenüber das schlechteste Gewissen von der Welt. Erst entführe ich dich, und dann überläßt sie uns das ganze Haus und reist, die alte Dame.«

»Welch ein Gewissen, das deine! Ich gestehe – nun, du warst nicht zehn Jahre lang mit ihr allein … Ich brächte übrigens zum Plaudern nicht nur die Geige in Spiellage, sondern auch den Bogen …«

Er lachte und setzte ihn an: »Also?« Und sie begannen: ein freundlich auf und ab eilendes Motiv, einstimmig hingestellt, ein Motiv wie eine kleine Welle, frisch, grün und ganz klar; dann kräuselte sich die Oberstimme des Klaviers zu spielenden Schaumketten, die Unterstimme verspätete das Thema um einen Takt – und im Vorwärtsdringen der Geige, mit Veränderung, Wiederholung und Tausch der Führung baute sich der Satz auf, ganz einfach in den Mitteln, ganz schlicht in der Ordnung, aber von einer Klarheit und verjüngenden Bewegtheit, daß Claudias Lippen voneinem leisen Lächeln getrennt wurden, und ihre weiten schwarzen Augen, die die Kerzenflammen gespiegelt enthielten, sanft glänzend und erfreut am Blatte hingen. Sie hatte das noch nie gespielt.

Walter Rohme dagegen fühlte seine Aufmerksamkeit beständig abirren und spielte endlich in traumgleichem Abseits von sich. Er beobachtete die sonderbaren Erscheinungen dieser Wiedergabe nach so langem Vergessen: da wußte er noch das Ganze auswendig, Noten, Pausen, Betonungen! Er sah einem Andern zu, der für ihn spielte, einem Ich, das die Form eines Knaben mit glücklichen Augen über mageren Backen annahm, sowie er die Augen schloß; er vermerkte die Muskelgefühle des Bogenführens, die gestreckte Geradheit des Arms von der Schulter zur Fingerspitze, wenn der Bogen herabging … das allmähliche Sich-Einkrümmen beim Aufstrich wie die Kolbengelenke eines Dynamos … das präzise Auffallen und rasche Hinaufschlüpfen der Finger über den Geigenhals – diese ganze geübte und zweckvolle Mechanik, die während seiner Abwesenheit einer lenkte undbewußt machte, der auch Er war, nur nicht sein innerster Kern – jetzt summte er ein Stückchen den Rhythmus mit, und »cis« rief Claudia, während sie einen Lauf in Sechszehnteln auffliegen ließ, »cis! du spielst schon zum zweiten Malec.«

Er erschrak, brach ab und lachte befangen. »Diesen Fehler habe ich als Junge eingeübt, er kommt wieder mit.«

»Dein Strich hat keine Seele heute, scheint mir; bist du müde, Lieber?«

»Ach nein; nur abwesend. Dahinten, ganz vorne vielmehr, bei dem kleinen Rohme. Aber laß nur, beim zweiten Satze …« »Ich bestehe trotzdem auf dem Schluß des ersten. Bitte noch einmal die drei Halben vor dem Lauf. Ich finde es entzückend.« Er begann gehorsam, und während sie den Satz zu Ende führten, wunderte er sich im Herzen über die Leichtigkeit dieser Musik … Ja, der kleine Walter hatte Fehler eingeübt, für ihn war das eine Eroberung gewesen, eine schwere … War er ihr nicht schuldig, von alledem zu reden, was mit den Klängen auferstand? … Da wäreschon die Gelegenheit? – Gefährlich! rief es ihm zu, zu nahe an dir, an ihr … Sie schlossen.

Er trat zum Fenster und beugte sich hinaus: welcher Friede! Auf jedem Blatte stand mit Mondschein geschrieben »Glück der Gegenwart«. Die Dankbarkeit, mit der er vom Winde atmete, der seine Haare bewegte, hob seine Brust und breitete in ihm Arme aus, umfangende. Oh Glück der Gegenwart, errungen nach sehr ätzenden Erschütterungen, verdient nach dem Sieg über die Jugend, über diese Zeit der zerfressenden Qualen! … Er wandte sich, im innersten Ring seines Wesens aufgeregt, und bettete sein Gesicht küssend in Claudias Haar, das wie Nachtblumen duftete. Blüte meines Glücks, sagte er in sich mit Zärtlichkeit, die in ihrer Fülle starb, Blüte du meines Glücks … oh Claudia … die Tränen waren ihm nahe. Sie bewegte den Kopf nicht, sie ließ die Liebkosung glücklich über sich hinrieseln; erst als er sich aufrichtete, wandte sie das Antlitz seitwärts und sagte ernsthaft:

»Ich glaube, ich war es, die vorhin dasandantenicht erwarten konnte.«

»Kleine Lügnerin,« antwortete er mit liebkosender Stimme.

Behutsam tupfend, mit kunstvoll beherrschten Händen ließ sie das Thema sich austönen, während die Geige schwieg, diese leichte Melancholie, aufhüpfend, schreitend und hinab – und dann lauschte sie lächelnd und beglückt dem durchsichtigen Spiel der getragenen Töne. Was hieran hieß denn schön, was war denn zauberisch in der schlichten Verbindung einfacher Terzen und Oktaven, was gab es denn Unerhörtes in diesem sachten Strömen von Stimmen, die miteinander gingen oder sich symmetrisch auswichen, was sprach denn so süß zu ihrem Herzen, während sie hier ihre Hände ausbreitete und schloß und mit denkenden Fingern Tasten sprechen ließ? Wie das einfach hinging, wie sanft und klar, und nicht trauriger als eine Nacht wie diese, beglänzt und voll von Glück … Ah, nun sang die Geige, sang sich aus mit einer Stimme über Menschenstimmen … fast zerbrach ihre sehnsüchtige Trauer, ihre von den Noten gefesselte Schwermut, die in sich vibriertewie man ein Weinen verhält, fast zerbrach dieses mühsam in Maß gezwungene Ausdrücken den zarten Gang des Ganzen … Man mußte die eignen Töne ehrfürchtig dämpfen … Ja, das war die Seele, die tönte, und der Bogen ging nicht anders über die Saiten hin, die unter ihm zitterten, wie über die Seele das Glück … Nun kam es an sie, zu antworten – und wie sich der Gesang der Saiten in ein murmelndes Gerank verlor, sprach sie und redete zu ihm in den weinhellen, weinsüßen Harmonien, die geschrieben standen. »Schubert,« dachte sie, und dachte »Walter« und dachte »ich liebe dich« und dachte »mein Glück –« alles in diesem einen Namen.

Das ist das Ende – schon; leider. Nun noch die beiden Akkorde, die alles lösten und gelind in die Stille entließen, in das tiefe wundervolle Schweigen, durchsungen von nachhaltenden Saiten … Ein Klappern von Holz auf Holz, laut und jäh, schreckte sie auf, noch ehe sie hinsah war ihr deutlich, daß Walter Geige und Bogen heftig fortgelegt hatte … Da stand er am Tisch, die Arme gespannt,die Fäuste geballt, tief einatmend, hart ausstoßend: von seinem Gesicht löste sich eine Qual ab, die es verzerrt hatte: »Was hast du, Liebster!« fragte sie angstvoll. Er antwortete, schnell gesammelt, sanft, indem er wieder zu ihr trat: »Nichts mehr, Liebling, oder wenigstens nicht viel.« … Sie hörte nicht auf, in den Augen ein dringliches und banges Fragen zu haben, und er sprach weiter: »Es sind nur die Erinnerungen. Ich weiß wohl, warum ich diesen kindlichen Mordversuch aus dem Druckpapier drinnen nicht los wurde, warum ich mich im Mond ergriffen fand und wie sich darauf diese Musik da meldete – oh, ich weiß wohl! Vergangenheit ist ein scherzhaftes Wort! Jetzt, neben dir stehend, erwachsen und gesichert, war mir wieder wie dem Knaben zumute, der sich aus seinen Peinigungen, aus den Wirrnissen seiner Seele, die sich nicht verstand, hierher rettete, zur Musik. Denn wenn ich phantasierte und versuchte, ohne Noten aus der Geige zu reden, wurde ich so schwermütig, so voll von pressender Angst und Not, als erdrücke einer mein Herz langsam mit harten Händen …dann brach die kümmerliche Melodie ab, und ich saß stumm im Dunkeln, in einem Grade unglücklich, vor dem mir jetzt schaudert … Dann kam alles das, womit ich rang, alles das in mir, was ich schlecht und böse nannte, das Lasterhafte und Dunkle, das ich aus mir herausschaffen wollte, all das, dem ich untertan war und gegen das ich mich fruchtlos empörte, und machte mich verzweifeln. Dies hier aber« – er schlug auf die Noten – »und dergleichen tröstete mich« … Er schwieg tief befreit. Wie das aus ihm quillt … Du Zarter, dachte sie, du Guter, was für winzige Erlebnisse mögen dich damals aufgeregt haben! Erinnerst du dich … als du mir von dem Pakete erzähltest, das nach so kuriosen Schicksalen zur Post kam? »Was quälte dich denn so, damals? Wie alt warst du, vierzehn, fünfzehn?« Es lag ein Lachen in ihrem Ton, ein zärtliches, schelmisches, ein verliebtes. Die Kerzen flackerten im Winde und tropften in weißen Wülsten. »Fünfzehn, glaub ich. Was mich quälte? Ich sagte es: ich fand mich schlecht; und befahl mir vergebens, gut, rein, fehllos zuwerden. Ich peinigte mich. Ich wünschte Katholik zu sein und einem Priester beichten zu dürfen, einem nicht mehr menschlichen Wesen, das strafen durfte, aber auch mit Kräften begabt war, zu verzeihen – mit lebendiger Gnade zu verzeihen. Wir hatten einen Geistlichen an der Schule, einen strengen, sanften und musikalischen Priester, klug, geschult und behutsam; er hätte mich verstanden. Unser eigener »Religionslehrer«? Gott, der Mensch war manchmal betrunken und versah außerdem den Turnunterricht« …

Claudia lachte hell und mit einem Übermut, den sie aus ihrer ganzen Freude an ihm aufschießen fühlte, nicht aus der Drolligkeit, von der er sprach. »Beichte mir,« sagte sie. »Kniee vor mir und beichte. Ich will streng und gnädig sein, beides. Ich lösche die Lichter aus« – und sie blies in die Flammen, »nun rede, Sündiger«. Wie Flut brach die Mondnacht durch die Fenster ein, schlug empor und füllte das Zimmer wie vorher still mit durchsichtiger Bläue. Er sah sie, ganz weiß in dem neuen Lichte, mit weiten Augen an, allzu ernsthaft für dies Spiel;er nickte, kniete vor dem Klaviersessel hin, umfaßte ihre Hüften und, ehe er den Kopf auf ihre Knie legte, sandte er noch einmal diesen Blick hinauf, ihr, die froh zu ihm hinabsah, mitten in die Lider und in das erschreckende Herz. Mondlicht schwimmt in seinen Augen … was wird er sagen? ist's dennoch etwas Ernsthaftes? Ach nein, dich schreckt die Stille, der Mond, das ungewisse Licht …

»Gut, ich beichte. Der Beichtstuhl ist ein Altar und der Priester ein Gott – was wird er sagen? Gleichviel. Höre gut hin, nimm es nicht allzuleicht und überlege, ehe du mich lossprichst. Ich log, um anzufangen. Nicht mehr als jeder Junge, aber ich litt hinterher und bereute – bis zum nächsten Mal. Ich bestahl meine Eltern, indem ich naschte. Die Leckereien waren nicht verschlossen, aber ichwußte, daß ich stahl. Ich stahl auch Bücher; kleine wertlose Heftchen; aber ich entwendete sie. Noch als Student, im ersten Semester, stahl ich in einem Antiquariat einen Descartes, 1650, Elzevir. Ich tat das, weil ich ihn nicht kaufen konnte, weil die Leute sorglos waren und leichtsinnig – aber ichstahl und behielt ihn. Er steht zwischen den anderen Büchern.« Er holte tief Atem; war es nicht möglich, der Stimme diese Schwere zu nehmen? Claudia saß ohne Regung; er wollte ihr Gesicht nicht sehen – dann: »Ich mordete auch. Nicht Tiere; auch starben die nicht, die ich mordete; denn ich war ohnmächtig und meist feige. So blieb es dabei, daß ich denen den Tod wünschte, glühend, rasend wünschte, daß ich zu Gott darum betete, er möge sie krepieren lassen, Lehrer, bei denen ich nichts gekonnt hatte, Kameraden, die mich überwunden hatten, meine Eltern, wenn sie mich hinderten, meinem Willen zu folgen. Es tobte in mir von Mordlust, von Gier nach blutigem, grausamem Töten. Nur die Hemmungen trennten mich von der Tat. Und wie leicht fielen sie! Ich erinnere mich, als geschähe es eben: ich habe ein leichtes Fieber, entzündeten Zahn oder so. Mein bester Freund kommt mich besuchen. Wir unterhalten uns, ich auf dem Sofa, er am Ofen stehend, wir disputierten, streiten, er wird recht behalten: da faßt mich Raserei und ich … gieße ihm ein GlasWasser ins Gesicht, das neben mir steht! Wer wagt zu sagen, daß ich ihn nicht erschossen hätte, wäre mir eine Pistole in die Hand gekommen, wie dem Jungen in der Zeitung? Ich liebte ihn sehr, es war mein Freund – und dennoch! … Aus Herrschgier, weil ich unterlag! Nachher bat ich ihn um Verzeihung« …

Er fühlte mit tiefem Staunen: was geschah hier? Wer schrie so leidenschaftlich aus ihm, aus Walter Rohme, dem Dreißigjährigen? Wessen Gesicht glühte hier vor Erregung und wer büßte hier, büßte mit heißer Stirn und zuckendem Herzen? Und was lag hier vor, daß er sich schämte, offen schämte, zu enden? Claudias Finger lagen so still in seinen Haaren, und erst hatten sie ihn gestreichelt …

»Zu enden: da war noch ein Junge, ein hübscher bräunlicher Knabe. Wir gingen zusammen baden, ins Schwimmhaus; eine nützliche Stiftung; ja. Und dort teilten wir die Zelle. Und wenn wir gebadet hatten, trockneten wir einander ab. Und dann blieben wir nackt. Ja. Und dann besahen wir uns, und berührten uns und küßten uns. Dannbefahl einer, und der andere legte sich auf die harten Holzlatten, zur Peinigung. Und der erste …«

Claudia stand auf, mit einem Ruck, der den Sessel umwarf. Sie hielt die Hände zwischen sich und ihren Gatten, mit einer Gebärde gelähmter Abwehr, und ging hinaus – das Gesicht abgewendet, mit ganz großen schwarzen Augen, blinkte im Mondlicht steinweiß – ging durch die Tür, durch alle Türen, durch alle Räume bis ins Schlafzimmer, und drehte den Schlüssel um, zweimal.

Sie hielt an und blickte starr in den lichten Raum, dessen weiße Wände die Helligkeit verdoppelten. Er lag ganz still, nur die Möbel knarrten noch von dem jähen Eintritt. Ihr Herz rührte sich in regellosen Schlägen langsam. Ihr Körper zitterte schrecklich, wie von elektrischen Strömen geschüttelt. Sie sah sich in dem großen Spiegel des Waschtisches, steif und erstarrt, in dem gelblichen Kleid, das der Mond ganz hell machte …, dann schlug sie die Hände auf die Brust, aus der ein Stöhnen brach. Frostschauer durchdrangen sie. Sie schüttelte schnell und entsetzt den Kopf: nichtmich ansehen! Die Kniee wurden ihr schwach, sie taumelte zum Fenster und auf einen Stuhl. Dann legte sie das Gesicht in die Hände und weinte laut.

Sie fühlte nichts mehr von sich: so ganz ausgefüllt war sie von wirbelnder Verstörung, die umschwang wie schwarzes Wasser im Trichter eines Strudels, die sie eisig lähmte, und die von der riesengroßen Woge hinterlassen war, mit der das Entsetzen in sie hereinbrach, vorhin, bei diesem furchtbaren Gestehen … Im Erinnern versagte ihr der Atem, sie keuchte leise. Er, er! das war in ihm, so sah er aus, ohne Kleider … Es war ihr, als müßte sie wieder aufspringen und weiterlaufen, laufen bis sie niederfiel, in einem Gebüsch, in Sicherheit, meilenfern von ihm … War sie hier sicher? Sie sprang auf, lief zur Tür; ja, sie war verschlossen, doppelt – aber noch den Riegel vorschieben: den Schrank davor stellen, wenn sie es gekonnt hätte! Der Blick, den sie durch die Tür und alle Räume auf den Knieenden schoß, enthielt nichts als Furcht und Abscheu … Dann lief sie lautlos zu ihrem großen Stuhle zurück, verkrochsich in seinen Lehnen und sah mit trostlosen, schon versiegten Augen vor sich hin, ins Leere.

Zwischen langem, von wirrer Stille erfüllten Nicht-Denkenkönnen erhoben Gefühle ihre Häupter und redeten. Er hätte schweigen müssen, schrie es, schweigen! Nein, er hätte das alles nicht in sich haben dürfen, wenn er mir so nahe kommen wollte. Er hat mich unerhört betrogen … Sie jammerte leise, und ihre Finger, ineinandergeschlungen, wanden sich ruhelos in schmerzender Verklammerung. So nahe! Ihr Blick zuckte scheu zu den Betten hinüber und fiel tot zu Boden … entsetzlich … Aber mindestens schweigen mußte er, nicht auch sie beschmutzen und zerrütten, damit auch sie heillos und erniedrigt sei … Welche Entblößung … und die Scham, die ihn hätte zügeln müssen, brannte in ihr, in ihrem Gesicht. Ja, sie hatte sich zu schämen, es war in der Ordnung: war sie ihm nicht ganz nahe verbunden, von Mensch zu Mensch, innerlich unlöslich an ihn geknüpft … Mußte sie nicht verzweifeln? … Da fragte es plötzlich; unlöslich? Eine schreckliche Pause … dannsah sie hin und stellte fest: – ja. Sie atmete tief und wußte nicht, warum. Ist das Verzweiflung? Wirre Stille übertäubte die Antwort.

Sie erhob sich und stand am offenen Fenster, blickte zum Himmel auf und sah den Mond, der sich gesenkt hatte, in fast erfüllter Rundheit und unsäglichem Glanze. Sie setzte sich auf das Fensterbrett, schräg, den Rücken an Mauer und Rahmen gelehnt; das gelbliche Kleid floß wie ein Lichtbrei ins Zimmer zurück, und ihr Blick zog sich fest an dem Gestirn, dem sie eine Seele lieh. Ein maßloses Mitleid mit sich drang in sie ein und löste ihr Unglück in neuen, nun sanften Tränen. Wie war sie so ganz allein! Wo lebte jemand verlassen wie sie … Tropfen um Tropfen rann über ihre Wangen und glitt salzig in die Winkel des in Schmerzen abwärts gerundeten Mundes. Hilflos litt sie, hatte nicht einmal einen Namen, ihn zu flüstern wie bisher – denn der diesen Namen trug, der machte sie leiden. Was war von dem Zauber der Nacht geblieben? Was geblieben von dem blauen Glanze in der Luft und dem Lichte, mit demman Liebe atmete? Liebte sie ihn denn noch? Auch jetzt? später wieder? Sie wußte es nicht, sie hatte keinen Rat, und ihrem Unglück antwortete er nicht, der Zauber des nächtlich blauen Himmels, der doch ihrem Glück ein Echo gewesen. Dort draußen hatte sich nichts geändert, die riesenhaften Leuchter der blühenden Kastanien drohten noch immer, mit bleichen Flammen besteckt, die im Winde schwankten, von den gerundeten Akazien her schwammen auf der Luft Duftwellen heran, Fliedergeruch sonderte sich davon wie von der sanfttönenden Klarinette der singende Klang der Oboe, und wie helle Flötentriller sandte das Hyazinthenbeet, farblos im bleichenden Lichte, seine Düfte empor. Da unten atmete ihr lieber Garten – warum blieb er schön, reich und böse, da alles andere sich zerstörte? Denn es war doch alles zerstört und zu Ende – und niemand so verlassen und unglücklich wie sie … Niemand? Nicht auch einer in ihrer Nähe, dort im Zimmer, nebenan? Saß da nicht einer, der litt, und bitterlich litt? …

Sie strich mit beiden Händen ihr Haar entlang,von der Stirn nach dem Nacken, wo es sich zum Knoten schürzte, und kreuzte unter ihm die Finger. Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich aus. Besinne dich, sagte es in ihr, besinne dich … und wie in plötzlichem Entschluß fragte sie sich: was ist überhaupt geschehen? Es schrie: etwas Entsetzliches, Unerhörtes, eine Beleidigung und Verletzung, ein Hieb ins lebendige Fleisch! – Ruhe jetzt und Kälte, Claudia; du warst im Recht, aber nun lege es dar. Ein Mann – wer? Dein Gatte, dein Geliebter, Claudia; Walter erzählt dir gewisse Erlebnisse der Jugend, die fünfzehn Jahre zurückliegen, spricht davon auf deinen Wunsch und weil sie ihn plötzlich peinigen, unausgesprochen wie sie in ihm begraben lagen. Zugegeben, daß sie besser verschwiegen blieben. Denn du fürchtest von jeher alles, was erniedrigt, Claudia, dein Leben war immer darauf gestellt, jenes andere, das man auch »Leben« nennt, zu verschweigen, nicht zu wissen – du wolltest stets in Reinheit deinen Weg gehen, du brauchtest das, weil du zart bist und wenig Waffen gegen das Grauen und die Hilflosigkeithast, die dich vor allem befällt, was du das Gemeine nennst … du weißt es. Nun dringt, von unvermuteter Seite, das »Leben« auf dich ein, du siehst den Mann, der neben dir schläft und dem du – wie gerne! alles gabst: du siehst ihn vom Leben gefangen; und was tust du? Du fliehst! Du läufst davon, als hättest du nicht längst, seit jener Nacht, das Leben ganz eng an dich herankommen lassen; du bist unselig, quälst dich und vergißt, daß er es ist, er, von dem es dir kam, und läßt ihn zurück, allein.

Sie glitt von ihrem Sitze herab und ließ Wasser in das Waschbecken rinnen, kühlte die Hände und das heiße Gesicht – wie wohltuend fühlte sie all die Frische! trocknete sich mit sanftem Tuche und kehrte zurück, am Fenster zu stehen, die Nachtluft zu atmen und das Geschehene im Mondlicht zu überdenken. Und plötzlich überflutete sie Verwirrung: was war doch gleich so Widerliches und Gemeines aufgedeckt worden? Sie konnte es noch denken, aber siefühltees nicht mehr … Sie war geflüchtet, denn sie saß jetzt hier, bei verschlossenenTüren – warum nur? … Es mußte ein Grund dafür gewesen sein, ein triftiger überdies. Sie besann sich auf ihn – vergebens. Er hatte stark gewirkt, und dennoch war er ihr nicht mehr gegenwärtig. Worin bestand das Schlimme, und was in ihr hatte sich so jäh dagegen erhoben? Sicherlich: wenn sie sich des Geständnisses erinnerte – nein, wenn dieses Geständnis ihr eben jetzt gemacht würde: eben jetzt würde sie gewiß nicht fliehen. Das wußte sie scharf, klar und staunend. Warum fliehen? Als Mädchen, ja, damals hätte sie nichts anderes tun können. Aber hatte nicht in diesen drei Monaten Ehe so vieles eine andere Farbe gezeigt – alles eigentlich? Sie merkte erst jetzt, wie fremd sie sich geworden war, sich von damals. Daß es süß war, ganz erkannt zu sein, daß man Glück fühlen könne, den eigenen Willen einem anderen zu unterwerfen; daß aus trivialen Verrichtungen der Häuslichkeit Heiterkeit in die Seele strömen könne, wenn sie für ihn geschahen – hätte sie früher nicht einfach gelacht, wenn man ihr dergleichen vorausgesagt hätte? Dennoch war es so. Undnun stand es überraschend da: ein früheres Ich, das Mädchen Claudia Eggeling, hatte sich ihrer bemächtigt und sie fortgetragen – und Claudia Rohme sah sich in dieses Schicksal und seine Qualen verwickelt, sich und ihn.

Sie blieb noch einen Augenblick mit angehaltenem Atem – dann machte sie sich an ein unruhiges Auf- und Abgehen, oft stehenbleibend und manchmal bis zu Worten ins Getümmel der Empfindungen hineingerissen. Er? litt er denn? Ja, er leidet, du weißt es. – So möge er; ich litt, ich auch, vielleicht mehr als er. Mehr – nein, nicht einmal ebenso sehr. Denn den Gedanken, Claudia wehe getan zu haben – er wird ihn schwer ertragen, und Reue wird ihn überdies vergiften … Hätte er doch geschwiegen! Kannte er sie denn nicht? Mußte er nicht wissen, daß sie sich entsetzen werde? Er wußte es und hatte dennoch geredet … Hatte er vielleicht einen Zweck damit verfolgt und in gewisser Absicht gesprochen? Es schien fast so … Doch gleichviel: das Schlimme blieb ausgesprochen und die Welt auf immer verändert. Aber – siehielt an und ihre Stirn spannte sich – mußte man nicht zusehen, gleichwohl weiter in ihr zu leben, miteinander, über dem neuen Wissen und aller Vertauschung? Sie hatte so viel Veränderung unmerklich hingenommen: immer einen Mann neben sich zu sehen – warum nicht auch diese? »Komme ich darüber hinweg?«

Aber ein jäher Zorn sprang sie an: wer war sie denn! kam es ihr zu, diese Frage zu stellen, oder mußte nicht vielmehr er zu ihr kommen, er ihr die Hände entgegenhalten und ihrhelfen? Er hatte es nicht so eilig, wahrhaftig! Er saß jetzt irgendwo herum und … Was tat er denn jetzt! Er versuchte ja nicht einmal, sich mit ihr zu verständigen, hereinzukommen, zu erklären, zu bessern! – Aber sie verwehrte sich diese Flucht in ungerechten Groll: nein, so töricht sollte sie nicht denken. Er durfte jetzt nicht hierher kommen, in diesen Raum mit den beiden Betten, er wußte das. Er blieb fern, aus Zartheit: gib das zu, Claudia. Ja, er hatte recht, es wäre eine Verfolgung gewesen und hätte alles verschlimmert. Wie schwer das war …Aber dennoch: sie mußte allein damit fertig werden. Sie mußte diese Nacht für sich haben, und morgen würde man sehen. – Morgen? Beim Lichte eines neuen Tages voreinander stehen? aber das bedeutete ja, eine Mauer aufrichten zwischen sich und ihm, die abzutragen lange Zeit bedurfte … eine ganze einsame Nacht, mit ruhelosem Grübeln und spätem Schlafe? Zwei fremde Menschen würden morgen vor einander umschattete Augen niederschlagen! Hier stand sie vor Unmöglichem. Sie blickte auf die verschlossene Tür und stöhnte. Wenn er doch käme, wenn er es doch wagte! Aber sie wußte, es blieb ihm verboten – und wie eine Verirrte, die im Dunkeln nach einem Ausgang tappt, machte sie ratlose Schritte, die sie ans Fenster führten.

Sie ließ die Blicke hinausgehen, Gleichgültiges zu sehen, eine kleine Weile Atem zu holen, zu ruhen. Der weite Garten lag weiß im Mondlicht, Wege wanden sich wie Dämme durch lichtes Wasser, und ganz schwarz ballten sich die Schattenmassen der großen Allee. Zwei junge Menschen traten daraus hervor, und Claudia wich zurück: Elseund James. Der junge Diener, in Hemdsärmeln, die Hände in den Taschen und die kurze Pfeife rauchend – sie sah sogar das Aufglimmen des Tabaks und den leichten Rauch – ging neben dem Mädchen her, auf das Haus zu, einen kurzen Weg, der sich alsbald gabelte. Sie hielten einen Augenblick an; augenscheinlich wußten sie nicht, welchen wählen; dann beschritt er den rechten, der zu der hinteren Tür führte, nach der Rückseite des Hauses. Sie blieb stehen – »sie will über die Vordertreppe« – machte auf dem anderen zwei trotzige, zwei zögernde Schritte, hielt an, wandte sich und eilte ihm nach; er nickte.

Claudia lächelte spöttisch: »natürlich;« dann empörte sich etwas in ihr so heiß, als ginge sie das da irgendwie an. Dann hob sie das Gesicht: ein plötzlicher Ernst weitete ihre Augen. Sie glitt langsam mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn zu den Schläfen und die Wangen hinab. Sie drehte sich um, ging leise zur Tür, schob leise den Riegel zurück, schloß ganz leise auf, öffnete geräuschlos, hob mit vorgestreckter Handden Vorhang zur Seite und stand starr: da lag er, ausgestreckt, dicht an ihrem Fuß, quer über ihrer Türschwelle.

Claudia sah, zwischen den Falten des Vorhangs umdunkelt, in einer ungeheuerlich seligen Überraschung auf ihn hinunter: in einem Blicke erfaßte sie sein Gesicht: gealtert, von Schmerz zerrüttet, die Augen in Schatten, der Mund gepreßt und die Linien der Stirn wie nachgehöhlt. Ihre Rechte, in den schweren Stoff verklammert, hielt den vorgeneigten Körper. Er gewahrte sie sogleich, fuhr auf und hob, sitzend, auf die Hände gestützt, ihr das bleiche Gesicht entgegen und Augen, die mit Ungewißheit und ergreifendem Ernste fragten. So blickten sie aufeinander und harrten stumm. Das Herz der Frau schüttete in groben Schlägen Wellen von Zärtlichkeit durch ihr Blut, Wellen, in denen sie ertrank. Sie stand zu ihm gebeugt als werfe sie sich in höchstem Leid oder höchstem Glück über einen geliebten Körper, zur Umarmung, aber die Hand ließ den Vorhang nicht; so schwebte sie über seinem aufsaugenden Antlitz wie die Göttineines Brunnens: und aus ihren Augen strömte Liebe. Er sah, erriet, zweifelte: dann löste Glauben die Spannung seiner Züge, und mit hörbarem Atem trank er die Erlösung, die sie über ihn ergoß. Grenzenlos schwermütige Zärtlichkeit glitt langsam in seinen dunklen Blick und umhüllte ihr bemondetes Gesicht, das ihm in Liebe zugewendet war, die der Ernst schmerzend machte. Sie schwiegen sich zu einander in einer Stille, unterhalb derer das Schlagen ihrer erschütterten jungen Herzen in das ferne, sanfte Zischeln der bewegten jungen Blätter floß und ins Wehen des Windes. Endlich sank Claudia in die Knie und war ihm nahe. Und er begann zu reden, mit einer tiefen, ganz leisen Stimme aus der innersten Brust:

»Kannst du mir wirklich verzeihen?«

Und sie flüsternd: »Und du mir? Daß ich dich allein ließ statt dir zu helfen? Wie eine Unmündige davonlief und töricht war?«

»Schilt dich nicht, Liebste! Zurückzuweichen, das war deine Waffe und dein Gesetz. Meins hätte geheißen: Schweigen.«

»Schweigen! mich außerhalb zu lassen, alles immer allein zu tragen!«

»Ja ich hätte dich schonen müssen. Wußte ich nicht, daß dein Leben hinweggehen will über alles das unterhalb des Menschen? Ich tat es trotzdem« …

– »Und es war gut. Esmußtegesagt werden, einmal, irgendwas. Konnte ich noch länger so nebenher gehen? Einmal wäre es aufgebrochen, und je später, um so schrecklicher. Nein, Walter, ich sehe es jetzt, es warsehrgut.«

»Siehst du es? Du siehst es also? Laß dir die Hände küssen … Du sagtest: beichte. In diesem Augenblick erwog ich, ob ich es dir sagen solle, und antwortete: ja. Aber nachher, als du gingst und mein Herz zerriß und die Verzweiflung in mir so tobte, daß ich meine Adern aufschneiden wollte, um sie herauszuspülen, nachher fand ich: mich trieb nicht, daß dein Leben falsch und künstlich sei, auch nicht, daß du von mir wissen solltest – mich trieb nichts als der eigensüchtige Wunsch des Befreitseins von dem, was ich nun 15 Jahre mit mirtrage, von dem Bewußtsein, daß du mich gar nicht kanntest. Jetzt erkenne ich, mich bewegten alle diese Triebe zugleich. Und ich beschloß, vor deiner Schwelle zu warten, und morgen früh deine ersten Schritte in die Versöhnung hineinzuziehen – oder in mein Ende. Denn ich kann nicht leben ohne dich – das habe ich grell gesehen da ich elender war als je zuvor.«

– »Aber mein Lebenwarfalsch und künstlich. Ich wußte vom Dasein, aber ich hatte es nie geschaut, vor Augen gehabt wie ich dich jetzt schaue, meinen Liebsten. Und wie ich sein Glück schaute, durch dich Liebster. Es ist frevelhaft, das Unglück zu verleugnen und das Grauenhafte nicht zu sehen. Ich fragte mich vorhin: komme ich darüber hinweg? Aber wo ist hier etwas, darüber hinwegzukommen? Ein Mann ist geprüfter als ich dachte, das Leben ist härter als ich dachte, – nur härter? Nicht auch allgegenwärtiger? Nicht auch sanfter? Wie sinnlos, vor ihm zu bangen, da ich doch von ihm umspült bin wie von Luft, da es doch in mir enthalten ist wie eingeatmete Luft.«

Er erhob sich und zog sie sanft empor. Sie standen nebeneinander, im silbernen Lichte, Hand in Hand, und ihre Schatten mischten sich zu einem, der als Brücke ins Dunkel des Raumes reichte und ihrem Dastehen einen Sockel gab und das Festgegründete von Statuen.

»Ich sehe, das Leben wird von neuem beginnen. Daß du stark bist über dich, wußte ich seit dem Abend, an dem du mir die Hand reichtest über ein Geständnis hinweg, das ich aus Pflicht und Liebe zwischen uns gestellt hatte wie einen Abgrund: das Eingeständnis meiner Schwäche. Aber du nahmst es leicht, du senktest eine Brücke und wir fanden uns – Fremde im Grunde. Und als du Oswald Saach vor uns anklagtest, den Toten, den du geliebt hattest, – da sah ich dich, eine Unbekannte. Heute jedoch – wie stark bist du denn, da du so fruchtbar zu leiden weißt?«

– »Und wie stark du, da du dich heraushobst aus solchem Dunkel und so viel Wirrnis? Das Leben, das du mir heute als gangbar zeigtest, ich bin entschlossen, es zu beschreiten, aber ich binschwach und neu. Ich zittere wie auf Eis, ich bin ängstlich und du mußt mich stützen, Nachsicht haben. Mit dir traue ich mich überall hin.«

»Du wirst es wagen? Aber wenn das Heutige nur ein Anfang war? Wenn von nun an mehr solche Ereignisse vor dich hintreten, und vielleicht schwerere? Kleine Claudia, was dann?«

– »Ich werde zittern, und werde wegsehen wollen. Aber dann wirst du bei mir stehen und mich anblicken. Ich glaube, dann werde ich vieles können.«

»Wir wollen uns festhalten aneinander. Man kommt allzuleicht und fortwährend auseinander, man muß sich ansehen und sich finden wollen und einander allezeit die Hände hinhalten.«

Er legte die Arme um ihren Leib und zog sie an sich; sie legte ihre Hände wie eine Schale um sein Gesicht, dem sie das ihre ganz näherte. So durchdrangen sich ihre Blicke, tief und selig, so berührten sich ihre Körper in völliger Liebkosung, Claudias Lider fielen, und die Lippen sanken aufeinander im Kusse.


Back to IndexNext