Sommerferienlust.

Sommerferienlust.

»Übermorgen gibt's Ferien, und Friede Heller kommt heim.« Die Oberheudorfer Buben und Mädel erzählten sich das nun schon zum hundertsten Male, und wenn nur ein Mensch in Oberheudorf gewesen wäre, der diese wichtige Sache nicht gewußt hatte, alle hätten es ihm gern nochmals und nochmals gesagt. Aber die Erwachsenen mochten gar nichts mehr von den Ferien hören. Hans Rumpf, der Nachtwächter, meinte sogar, es sei ein rechter Unsinn damit, doppelt Schule wäre richtiger. Nur Muhme Lenelies ließ sich immer wieder von den Ferien erzählen, und jedesmal freute sie sich und sagte auch: »Und Friede kommt heim.«

»Wenn er kommt, machen wir was,« erklärte Heine Peterle.

»Was denn?«

»Na, Musik oder so was. Wie wenn der Herzog kommt.«

»Laßt es lieber,« riet Muhme Lenelies. »Solche Überraschungen gehen manchmal verkehrt aus.«

Aber die Kinder hörten nicht auf den guten Rat. Traumfriede mußte feierlich empfangen werden, das stand fest. Aber wie? Anton Friedlich sagte: »Fahnen und Musik müßten wir haben, das ist fein.«

»So war's wohl in Schwipperlingen?« neckten etliche. Aber die Fahnen gefielen doch allen, nur – sie hatten keine. Die drei Fahnen, die manchmal an Festtagen das Dorf schmückten, bekamen die Kinder nicht, das wußten sie, auch ohne danach zu fragen. Sie rieten hin und her, bis auf einmal Schnipfelbauers Fritz rief: »Ich weiß was. Kathrine hat einen roten Rock und Mutter eine schwarze Schürze und ein weißes Tuch dazu; das ist wie 'ne Fahne.«

»Meine Mutter hat nur blaue Schürzen,« meinte der dicke Friede betrübt.

»Och, das schadet nicht,« schrie Anton Friedlich. »Fahne ist Fahne, 's kann auch blaue geben.«

»Und grüne und gelbe und rote und alle möglichen,« riefen die andern Kinder. Und jedem fiel ganz unversehens ein, aus was eine Fahne gemacht werden könnte. Es würde gewiß ganz wundervoll werden, und höchst befriedigt liefen alle heim.

Einen Tag vor Ferienanfang verschwanden den Bäuerinnen auf sehr geheimnisvolle Weise Schürzen, Röcke, Umschlagtücher, Bettlaken und ähnliche Dinge. Die meisten Hausfrauen merkten es gar nicht. Nur da, wo sich ein großes Suchen und Geschrei darum erhob, kamen die entschwundenen Sachen sehr geheimnisvoll wieder. So vermißte Muhme Rese plötzlich ihren neuen kornblumenblauen Sonntagsrock, worüber denn bald das ganze Haus in Aufregung geriet. Und auf einmal hing der Rock in der Federkammer, und kein Mensch wußte, wie er dahin gekommen war. Heine Peterle konnte nicht mal Antwort geben. Der Bube saß und lernte so eifrig; er schien nichts zu sehen und zu hören, und Muhme Rese dachte: »Er geht vielleicht doch noch auf die Stadtschule. So'n Fleiß ist noch gar nich dagewesen.«

Endlich war der letzte Schultag gekommen. Da an diesem Tage niemand zur Stadt fuhr, sollte Traumfriede zu Fuß heimkommen. Seine Sachen wollte Friede Hopserling am nächsten Tage mitbringen. Um zwölf Uhr wurde in Oberheudorf die Schule geschlossen, und die Kinder rechneten: »Erst ißt der Friede zu Mittag, dann läuft er vier Stunden, dann ist er da.« Sie fragten aber erst noch Muhme Lenelies: »Wann kommt er denn?«

»So um fünfe rum, denk' ich,« meinte die Muhme. »Aber Kinder, Kinder, macht nur keine Dummheiten.«

Hans Rumpf, der Nachtwächter, sah an diesem Tage alle Buben und Mädel auf eine am äußersten Ende des Dorfes gelegene Scheune zulaufen. Jedes trug geheimnisvoll ein Paket und eine Bohnenstange, und alle rannten scheu und heimlich hinter den Häusern vorbei. »Na warte, die haben einen dummen Streich vor,« dachte der Nachtwächter. »Da will ich mal aufpassen.« Er wanderte auch auf die Scheune zu, und als er hinkam, hörte er drinnen Geschwätz und Gelächter. »Was macht ihr da?« rief er und versuchte die Türe zu öffnen. Doch die ging nicht auf, sie wurde von innen zugehalten. Er bekam auch keine Antwort auf seine Frage, und so drohte er: »Ich werde euch schon erwischen, paßt nur auf; ich bleibe hier sitzen.«

Er setzte sich auf einen Baumstumpf am Scheuneneingang, zündete sich seine Pfeife an und wartete.

Innen schwatzte, lachte, polterte und lärmte es inzwischen ruhig weiter. Allmählich aber wurde es still und stiller, zuletzt schwieg alles. »Hei, nun möchten sie raus,« dachte der Nachtwächter. »Bleibt nur drinnen, ihr Mäuslein; ich erwische euch schon.« Er rauchte, betrachtete sich die Gegend und freute sich, daß er so ausnehmend klug war. Auf einmal ertönte vom Waldrand her ein lautes Geschrei. »Man sollte doch meinen, die Kinder wären's, wenn die nicht in der Scheune säßen,« dachte er und zündete sich eine neue Pfeife an.

Von Zeit zu Zeit lauschte er. In der Scheune blieb alles still. Aber aus der Ferne erklang immer wieder Lärm und Geschrei. »'s muß rein das Echo sein,« brummelte Hans Rumpf und zog sein Vesperbrot aus der Tasche, schmauste und rief dazwischen: »Na, ihr Mäuslein, wie gefällt's euch denn da drinnen?«

Keine Antwort kam aus der Scheune. Alles blieb still wie zuvor. Doch jetzt wurde es im Dorfe laut. Von den Feldern kamen die Männer heim, der Hirte trieb die Herde in das Dorf zurück, und die Abendglocke begann leise zu tönen und zu singen. Rufe erschallten vom Dorfe her, lauter und lauter erklangen sie, die Kinder wurden zum Abendessen gerufen. Endlich kamen ein paar Frauen angelaufen. »Hans Rumpf, hast du nicht unsere Buben und unsere Mädel gesehen?«

»Freilich, freilich!« Hans Rumpf nickte und lachte. Er deutete mit dem Pfeifenkopf auf die Scheune und sagte: »Da drinnen, alle sind drin. Sie haben 'ne Dummheit gemacht und trauen sich nicht raus!«

»Lieber Himmel, was das Kindervolk auch immer anstellt!« rief die Schulzenfrau. »Und sicher haben sie mir dazu wieder ein Bettuch von der Leine genommen; es fehlt eins.«

»Freilich, freilich, jedes hat'n Paket gehabt.« Hans Rumpf sah ordentlich stolz aus.

»Nä, aber so was! Fritze, komm 'raus! Je, der Bube hat am Ende gar der Kathrine ihren roten Rock, um den die den ganzen Nachmittag heult,« schrie die Schnipfelbäuerin.

»Freilich, freilich, der Fritze hatte 'n rotes Paket.«

Ein paar Bauern, die vom Felde heimkehrten, blieben stehen. »Was gibt's?«

»Da drin sind alle Kinder; sie haben 'ne Dummheit gemacht,« erzählten die Frauen.

Die Schnipfelbäuerin klopfte an das Tor: »Komm 'raus, Fritze, geschwind!«

»Se haben Angst.« Hans Rumpf hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ja mit mir ist nich gut Kirschen essen.«

»Jakob, Röse, kommt 'raus, flink!« Die Schulzenfrau rüttelte an dem Scheunentor, und das sperrte sichgar nicht. Es ging ganz gutwillig auf, und – die leere Scheune gähnte allen entgegen.

»Die sind hinten 'raus,« brummte ein Bauer und deutete auf das zweite gegenüberliegende Scheunentor, das weit offen stand.

»Ja, nä!« Hans Rumpf setzte sich vor lauter Erstaunen wieder auf seinen Baumstumpf. »So 'ne Frechheit!«

»Na, weißte, Nachtwächter,« sagte der Waldbauer lachend, »die wären arg dumm gewesen, wenn sie in der Scheune geblieben wären. Wo sind sie aber hin?«

»Am Walde hat's immer geschrieen und gelacht!« Hans Rumpf sah sich kläglich um. »Vielleicht waren sie das?«

»Sicher,« riefen die Frauen, und Heine Peterles Mutter, die auch herbeigekommen war, meinte: »Die warten auf Muhme Lenelies' Friede; der soll heute heimkommen.«

Der Abendwind trug jetzt näherkommendes Stimmengewirr zu den Wartenden hin, und die sagten zueinander: »Sie kommen schon, das Warten wird ihnen zu lang.«

Wirklich, sie kamen auch. Der Abendbrothunger trieb sie heim. In langem Zuge kamen sie an, und die Frauen kreischten erschrocken auf: »Aber so etwas! Was haben sie denn da!«

Seltsame Fahnen flatterten im Winde, und dieBäuerinnen riefen entrüstet: »Das ist meine Schürze,« »Unsere Tischdecke,« »Kathrines Rock,« »Mein Umschlagtuch,« »Nä so was, das ist Vaters Taschentuch,« »Je, und meine blaue Nachtjacke.«

Die Buben und Mädel erschraken, als sie vor der Scheune Väter und Mütter versammelt sahen. Sie hätten nun himmelgern ihre Fahnen versteckt, die sie heimlich in der Scheune hatten abbinden wollen. Nun war es zu spät. Die Fahnen hinwerfen und ausreißen ging auch nicht. Gesehen waren sie einmal, also zogen sie kleinlaut und recht langsam näher.

»Nur fix! Sollen wir euch Beine machen?« drohte die Schulzenfrau. »Warte, Jakob und Röse, ich will euch was lehren, mir meine Laken als Fahne zu nehmen!«

»Wir wollten Friede erwarten,« riefen die Kinder sehr kläglich.

»Aber der ist lange da! Um drei Uhr ist er schon gekommen; der hat lange Beine gemacht und um zehn Uhr schon frei bekommen,« rief die Waldbäuerin, die eben auch ihr Mariandel suchen kam.

»Juhu,« schluchzte Heine Peterle plötzlich, »jetzt krieg ich die Schimpfe umsonst.«

»Und Haue obendrein!« rief sein Vater; aber es war leicht zu merken, daß er es nicht so ernst meinte.

Es wurde auch mit der Schelte nicht so schlimm. Nur als die Bäuerinnen ein paar Löcher in den Fahnenentdeckten, wurden sie sehr ärgerlich. »Ihr müßt sie selbst flicken,« forderten sie. Als sie aber recht zusahen, waren es immer die Bubenfahnen, die Löcher hatten. Die Missetäter standen sehr keinlaut und verlegen da; flicken konnten sie doch nicht!

Da zeigte es sich aber, wie gut es ist, daß es Mädel auf der Welt gibt. Und wie hilfsbereit die Oberheudorfer Mädel waren! Krämers Trude, die immer mit einer blanken Eins aus der Handarbeitsstunde heimkam, erklärte gleich: »Ich flicke sie,« und ein paar andere Mädel riefen: »Wir helfen.«

Da hoben die Buben gleich wieder mutig die Köpfe, und ein paar der kecksten bettelten: »Aber sehen muß Friede die Fahnen doch, nur mal sehen; wir machen auch keine Löcher mehr.«

»Er kann doch nichts dafür,« wisperte Waldbauers Mariandel.

»Wird nicht erlaubt,« knurrte Hans Rumpf, der sehr böse darüber war, daß er so lange vergeblich vor der Türe gesessen hatte. »Marsch heim, ins Bett, marsch!«

Die Mütter waren nicht so streng wie der Nachtwächter. Als die Mädel feierlich gelobten, gleich morgen am ersten Ferientag alles sauber und ordentlich zu flicken, und die Buben nicht minder feierlich das Versprechen gaben, nie mehr Röcke, Jacken, Tücher und ähnliche Dinge als Fahnen zu verwenden, durften sie alle mitsammenzu Muhme Lenelies' Haus ziehen und Friede begrüßen.

»Hurra, Friede ist da! Hurra, hurra!« gellte es durch das Dorf. Die Fahnen flatterten lustig, und wenn jemand gesagt hätte: »Das sind aber sonderbare Fahnen!« den hätten die Oberheudorfer Buben und Mädel für sehr dumm gehalten. Traumfriede fand denn auch den ganzen Empfang großartig, auch Muhme Lenelies fand das. Da liefen alle Fahnenträger befriedigt heim, und daß Hans Rumpf diesen ersten Ferientag nicht schön fand, war seine Sache; den Kindern hatte er ausnehmend gefallen.

So glücklich war aber doch kein Bube und kein Mädel wie Traumfriede. Nun er wieder bei Muhme Lenelies in dem lieben kleinen, windschiefen Häuschen saß, merkte er erst, wie groß sein Heimweh gewesen war. Alles hatte er der Muhme gleich an diesem Abend erzählt; auch daß er hatte ausreißen wollen und sich der Kameraden geschämt hatte. Wenn sie es auch schon wußte, er mußte doch das Gesicht sehen, das sie dazu machte. Die Muhme hatte ihn nur mit ihren stillen, guten Augen angesehen und gesagt: »Wir laufen alle einmal ein Stück einen falschen Weg. Die Hauptsache ist, daß wir uns bald zurechtfinden. Nun aber schlaf, mein Junge, es gibt ja noch viele Ferientage.«

Friede reckte und streckte sich in seinem Bett.Wie schön war es wieder daheim bei Muhme Lenelies! O wie köstlich lang doch die Ferien waren; was konnte man da alles unternehmen!

Die Kinder unternahmen auch sehr viel. Sie liefen in den Kuhberger Wald, spielten so heftig Räuber und Prinzessin, daß erst Annchen Amsee, dann Waldbauers Mariandel in den Brunnen plumpsten. Und immer dachten sie am Abend, daß Ferientage sicher achtbeinig seien, so fix laufen sie über die Erde. Traumfriede war bei allem dabei, und wenn Muhme Lenelies manchmal gedacht hatte, es würde dem Buben nicht mehr auf dem Dorf gefallen, so merkte sie nun, wie sehr sie sich geirrt hatte.

Am ersten Tage hatte Friede erzählt, die Sonntagkinder wollten einmal kommen und Jobst von Hellfeld. Aber ein Tag nach dem andern verging, sie kamen nicht, bis sie plötzlich eines Nachmittags ganz unvermutet auf der Dorfstraße standen.

»Was ist das jetzt für 'ne Geschichte,« sagte Schuster Pechdraht erstaunt; »da sind ja auf einmal drei Stadtkinder.« Da stürzte aber auch schon Traumfriede über den Dorfplatz und begrüßte die drei mit lautem Halloh. »Wie seid ihr hergekommen?«

»Kaspar auf dem Berge hat uns mitgenommen,« rief das Füchslein und strich sich sein weißes Kleidchen glatt. »Ich hab' ihn heute früh gesehen und gesagt,ich möchte nach Oberheudorf. ›Komm mit!‹ hat er gerufen, na – – – und da sind wir.«

»Ein paar Tage dürfen wir bleiben,« erzählte Jobst. »Der Wirt hat gesagt, Nachtquartier bekämen wir, nur heimgehen müssen wir zu Fuß, und Herr Professor läßt dich grüßen. Er kann nicht kommen, er hat einen schlimmen Fuß.«

»Und das da ist Heine Peterle, nicht wahr?« rief das Füchslein und stürzte so eilfertig auf diesen zu, daß der beinahe hintenüber fiel vor Schreck. Nachher wurde er aber gleich gut Freund mit dem zierlichen Stadtmädel.

Die drei Städter gefielen überhaupt den Oberheudorfern sehr gut, und es entstand fast ein großer Streit darum, wo sie wohnen sollten.

»Die Buben kommen zu mir, und das Mädel muß ins Schulzenhaus, weil der Schulze nun doch mal der Schulze ist,« entschied Kaspar auf dem Berge. »Immer alles, wie sich's schickt.«

Da der Wirt die Kinder hergebracht hatte, gaben ihm alle recht, und so zog Füchslein in das Schulzenhaus, obgleich es am liebsten bei Muhme Lenelies gewohnt hätte. Aber in dem kleinen Haus war kein Platz, während es im Schulzenhaus eine stattliche Gaststube gab mit einem hochgetürmten Federbett darin. Eine ebensolche stattliche Gaststube bekamen die Bubenin der himmelblauen Ente, und sie gaben Kaspar auf dem Berge recht, als der sagte: »Ein Prinz könnte drin wohnen, wenn einer da wäre.«

»In Oberheudorf ist's herrlich,« rief Füchslein am nächsten Tage. »Ich wollte, ich könnte ewig hier bleiben!«

Die Hausfrau schenkte ihr gerade Milch ein und stellte ihr die verlockendsten Honigbrote hin. Jakob, Röse und die jüngeren Geschwister umdrängten den Gast, und Heine Peterle steckte seine Stubsnase zur Türe herein und rief: »Ist se noch da?«

»Warum soll ich denn fort sein?« fragte Füchslein erstaunt.

»Ich dachte, ich hätt's geträumt,« bekannte Heine Peterle. Er schob sich zur Türe hinein, warf einen riesengroßen, bunten Blumenstrauß gerade auf Füchsleins Honigbrot und stammelte: »Du, Muhme Rese sagt, weil de aus der Stadt bist, mußte de Blumen haben. Spielste auch Räuber und Prinzessin mit?«

»Ja,« schrie Füchslein entzückt, »und ich bin der Räuberhauptmann. Ich kann furchtbar schreien, paßt auf!« Und das zarte Stadtmädel schrie so laut und gellend, daß alle Hausbewohner zusammenliefen; selbst der Schulze kam angerannt. »Was macht ihr mit dem Mädel? Potzwetter, mit 'nem Stadtmädel geht man fein um!«

»Die – – die – – ist Räuberhauptmann!« Jakob krümmte sich vor Lachen. Röse und die Kleinen quiekten und kicherten. Heine Peterle aber stand mit offenem Munde da; endlich atmete er tief und bat: »Schrei noch mal!«

»Lieber nicht,« meinte die Hausfrau. »Jetzt hab' ich freilich keine Angst mehr, ihr könntet zu wild für unsern Gast sein. Da geht nur und spielt!«

Und sie spielten. Sie tobten die Dorfstraße entlang, daß Hans Rumpf grollte: »So schlimm war's noch nie.« Sie spazierten durch alle Gärten, sahen in alle Ställe hinein, lärmten um den Brunnen herum, und ganz alltägliche Dinge erschienen den Oberheudorfer Kindern auf einmal schön und groß, weil die drei Städter sie mit so jauchzender Freude bewunderten. Wie konnte sich das Füchslein über ein Lämmchen, ein Zicklein, eine junge Katze oder kleine Hühnchen freuen! So sehr, daß ihr Heine Peterle, Waldbauers Mariandel und Annchen Amsee am liebsten alles Kleintier gebracht hätten. Und wie gern fuhren Jobst und Ulrich mit auf das Feld hinaus, wo gerade der erste Schnitt getan wurde.

»Die sind besser als ihr,« sagten die Bauern; »die möchten wir wohl behalten.« Da blähten sich die beiden Stadtbuben ordentlich über das Lob, und am Abend schmeckte ihnen das Essen so gut, daß Kaspar auf demBerge seine helle Freude daran hatte. Denn Gäste, denen es schmeckte, die tüchtig zulangten und die Schüsseln leer aßen, die hatte man besonders gern in Oberheudorf.

In diesem wohlhabenden kleinen Dorfe saßen die Bauern meist schon seit Urgroßvaters Zeiten auf ihren Höfen. Darum gab es in ihren Häusern auch viel stattlichen Hausrat. Geschnitzte Truhen und Schränke, schöne Kannen, Teller und Schüsseln aus Zinn, auch Spinnräder gab es noch, wenn auch nur ein paar ganz alte Weiblein aus alter Gewohnheit die Räder surren ließen. Füchslein ließ sich besonders gern alle diese Dinge zeigen. Die Buben waren mehr für das Draußensein. Wenn Füchslein auch immer sagte: »Am allerbesten gefällt es mir doch bei Muhme Lenelies,« so kroch sie doch im Schulzenhaus, bei Heine Peterles Eltern, bei Amsees und auf dem Waldbauernhof in alle Winkel. Auch in das Schulhaus kamen die Stadtkinder. Der Lehrer war zu Friedes großem Leidwesen verreist; aber die Frau Lehrer zeigte den dreien noch am letzten Tage die Schule. In der sah Füchslein zuerst eine Geige.

»Eine Geige, eine Geige,« rief sie sehnsüchtig, und die Lust nach dem geliebten Instrument erwachte in ihr.

»Kannst du denn spielen?« fragte die Frau Lehrer.

»Ach ja!« Füchslein streckte die Hände aus. »Darf ich darauf spielen, einmal nur?«

»Ja, hole sie dir heute nachmittag. Wenn du gut damit umgehst, leihe ich sie dir gern.«

»Oh, mit einer Geige muß man gut sein; sie hat eine Seele, sagt Herr Wunderlich,« versicherte Marianne Sonntag eifrig.

»Nun, so hole sie dir jeden Tag!«

»Ach, morgen müssen wir schon fort,« riefen alle drei betrübt.

»Es ist dumm,« brummte Jobst von Hellfeld, der ganz vergessen hatte, daß er nur auf allerdringlichstes Bitten vom Füchslein mitgekommen war.

Am Nachmittag holte sich Marianne die Geige. Am Dorfbrunnen wollte sie spielen; so hatte sie es den Buben und Mädels versprochen.

Ein Mädel, das Geige spielt, hatten die Oberheudorfer noch nicht gesehen, und selbst die allerfleißigsten Hausfrauen ließen ein Weilchen ihre Arbeit ruhen, als Marianne Sonntag zu spielen begann. »Wir wollen auf der Dorfstraße tanzen,« hatten die Kinder gesagt, aber sie vergaßen das Tanzen über dem Spiel. Feine und süße Klänge durchzogen das Dorf. Es war wie das Singen der Vögel im Frühling, wie das Rauschen der Bäume, wenn leise der Abendwind über sie dahinstreicht. Immer stiller wurde es ringsum, und immer mehr Leute ließen ihre Arbeit ruhen und lauschten. Niemand aber hörte andächtiger zu als Muhme Lenelies,Friede und Waldbauers Mariandel. »Es ist, als ob du ein Märchen erzählst, Muhme Lenelies,« sagte Mariandel leise, und Friede dachte an Griechenland, von dem Professor von Spiegel ihm erzählt hatte. Er hörte das blaue Meer rauschen und sah die weißen Tempel am Ufer stehen. Die Sehnsucht erwachte in ihm, dorthin zu ziehen und alles zu sehen und dann auch so davon singen zu können wie Homer, der blinde Sänger.

Daran dachte Heine Peterle nun nicht. Ihm gefiel das Spiel und das zierliche geigende Mädel furchtbar gut. Er schwitzte ordentlich vor Entzücken; er wünschte, seine Feldburger Flöte wäre noch ganz, dann hätte er darauf blasen können, und als Marianne Sonntag die Geige sinken ließ, schrie er: »Das will ich auch lernen.«

»Nä, er ist und bleibt ein merkwürdiger Bube, unser Heine Peterle; aus dem wird noch was Großes,« sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies. Aber die gab keine Antwort. In ihren guten Augen lag ein stiller Glanz, sie schaute Marianne Sonntag an, wie ein Blumenfreund eine feine, schöne Blüte freudvoll betrachtet. Das Stadtmädel schien den Blick zu fühlen; es lief plötzlich auf die alte, arme Frau zu, legte beide Arme um deren Hals und flüsterte: »Muhme Lenelies, dich hab' ich aber doch am liebsten in Oberheudorf.«

»Fein hast du gespielt, Füchslein,« rief Jobst, der stolz auf die Freundin war.

»Ja, schene war's; blasen klingt freilich noch besser,« schnarrte eine Stimme, die wie eine knarrende Türe klang. Hans Rumpf hatte auch zugehört und nickte nun wohlgefällig. »Und gut ist's doch, daß es keine Tänze waren, sonst wär' gleich auf der Dorfstraße getanzt worden.«

»Ach ja, tanzen, wir wollen tanzen,« flehten ein paar Mädels.

»Nä, nä, das ist nicht,« brummte Hans Rumpf. Aber niemand hörte auf ihn. Füchslein begann wirklich eine lustige Tanzweise zu spielen. Sie kletterte dabei auf den Brunnenrand, und um sie herum hüpften und sprangen bald alle Buben und Mädel im Kreise. Im Takt, außer dem Takt, im Polkaschritt und Walzertritt, allein, zusammen, wie es gerade paßte. Eins schleifte, eins wiegte sich, eins schwenkte die Beinchen, als wollte es die eigene Nase treffen, eins trampelte einem andern auf die Füße, ein Mädel purzelte hin; aber alles in allem war es wunderschön.

Der herrliche Abend ging viel zu früh vorbei, und all die dicken, rotkarierten Federdecken sperrten ihre Mäuler auf, um die Buben und Mädel zu verschlingen. Die ließen sich das auch ganz gern gefallen, und mancher kleine Tänzer drehte sich im Traum noch weiter, linksum, rechtsum, fiedelfiedeldum. Heine Peterle aber sagte noch halb im Schlafe: »Ich will auch fiedeln lernen.«

Nur Traumfriede war an diesem Abend nicht so froh wie sonst. In Feldburg hatte er sich heiß nach Oberheudorf gesehnt, und heute sehnte er sich auf einmal nach Feldburg. Er schämte sich ordentlich, als er immer wieder denken mußte: »Könnte ich morgen einmal heimgehen ins Spiegelhaus! Wie mag es wohl dem Professor gehen?«

»Morgen gehen deine Freunde weg,« sagte auf einmal Muhme Lenelies. »Möchtest du nicht mit und den Herrn Professor einmal besuchen?«

Friede wurde blutrot. Ja konnte denn die Muhme Gedanken lesen, seine Wünsche erraten? Er senkte verwirrt die Augen: »Ich bin furchtbar gern bei dir.«

Muhme Lenelies lachte leise. »Das weiß ich, mein Friede; aber man kann irgendwo sehr gern sein, und es kann doch einen andern Ort geben, wo man auch gern ist. Und eigentlich wär's schlimm, wenn du den Professor nicht lieb hättest.«

Friede atmete tief auf und fiel der Muhme um den Hals: »Dich hab' ich aber doch am liebsten.«

»Und sehnst dich doch hinaus, das ist nun mal so in der Welt. Geh du morgen ruhig mit nach Feldburg, übermorgen kommst du wieder, und wir feiern Wiedersehen.« –

Kaspar auf dem Berge hatte gesagt: »Wen ich geholt habe, den bringe ich auch wieder heim.« Darumbrauchten die Stadtkinder auch nicht zu laufen; sie konnten nach Feldburg zurückfahren. Der Abschied wurde ihnen deshalb nicht leichter, und obgleich Jobst und Ulli sagten: »Tränen sind doch dumm,« schluchzte Füchslein ganz herzbrechend. »Kommt mit, ach, kommt alle mit!« bat sie. Sämtliche Buben und Mädel standen vor der himmelblauen Ente, als die Gäste schieden. Sogar die Wickelkinder waren von den großen Schwestern mitgebracht worden.

»Macht's nicht so arg mit dem Abschied!« mahnten die Erwachsenen. Aber die Kinder vollführten ein ganz unglaubliches Geschrei. Jedes hatte noch etwas zu sagen und zu fragen; am liebsten wären sie natürlich alle mitgefahren, und daß Friede es durfte, neideten sie ihm fast. Nur Heine Peterle fehlte. Seine Mutter war da und rief nach ihm; Muhme Rese suchte ihn an den merkwürdigsten Orten. Er war und blieb verschwunden. »Der wartet am Waldrand,« rieten die Kinder.

»Vielleicht liegt er noch im Bett,« sagte der dicke Friede. Doch Muhme Rese versicherte, dort sei er bestimmt nicht.

»Es ist häßlich von ihm, daß er nicht kommt,« schluchzte Füchslein. Da tröstete seine Mutter: »Paß auf, er kommt schon, ihm ist's arg leid, daß du wieder gehst!«

»Uns auch, uns auch,« schrieen die andern Kinder. »Wir besuchen euch alle.«

»Ja,« riefen die Stadtkinder, »bald!«

»Wenn Zirkus ist; im September ist Zirkus,« rief Marianne.

»Was ist denn das, ist das was zu essen?« fragte der dicke Friede nachdenklich.

Füchslein lachte hell auf und vergaß darüber das Weinen. Sie lachte immer noch, als der Wagen schon zum Dorf hinausrollte. »Dort steht Muhme Lenelies vor ihrem Hause,« rief Friede und winkte. Die drei andern taten es ihm nach. Sie winkten, nickten, die Kinder liefen hinter dem Wagen her, und immer wieder klang's: »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«

Bis zum Waldrand liefen die Oberheudorfer mit. Ein bißchen Neugier war auch dabei, zu sehen, ob Heine Peterle nicht dort wäre. Er war aber nicht dort, und als die Mitgelaufenen umkehrten und der Wagen in den Wald hineinrollte, sagte Füchslein betrübt: »Heine Peterle liegt vielleicht doch noch im Bette.«

»Nä, da liegt er nich,« erklang's laut, und aus Decken, unter Strohbündeln hervor kroch sehr vergnügt – Heine Peterle. »Ich fahr mit,« rief er stolz.

»Wer fährt mit?« Kaspar auf dem Berge drehte sich flink auf dem Bock herum. »Potzwetter, Bube, was fällt dir ein?«

»Ich will mit, Oheim,« rief Heine Peterle. Kaspar auf dem Berge war nämlich seiner Mutter Bruder,und er hatte gedacht: »Der Oheim nimmt mich schon mit, wenn wir nur erst zum Dorf hinaus sind.«

Er hatte sich aber verrechnet. »So was, das gibt's nicht,« sagte der Wirt. »Ausreißen gilt nicht. Gelt, daß dir's wie denen in Schwipperlingen geht! Nä, steig man runter.«

Da half kein Bitten. Heine Peterle mußte aussteigen. Sein schöner Plan war zu Wasser geworden. »Wir laden dich bald ein,« trösteten die Stadtkinder.

»Ich will auch in die Stadt,« heulte der Bube, »ich lern 's Fiedeln.«

»Lern du nur erst ordentlich das Lesen und Schreiben,« riet der Oheim.

»Nä,« murrte Heine Peterle, »fiedeln ist besser, da macht man keine Kleckse.« Und schwupp, drehte er sich um und lief dem Dorfe zu. Erst als er dort war, fiel's ihm ein, daß er nicht einmal Abschied genommen hatte.

Den vier Reisenden wurde unterdessen die Zeit nicht lang, sie kamen schneller nach Feldburg, als sie gedacht hatten. Erst fuhr der Wirt die beiden Sonntagskinder heim, dann Jobst von Hellfeld, der drei Häuser von denen entfernt wohnte, und zuletzt rollte das Wägelein über den Johannesplan und hielt vor dem Spiegelhaus. Friede sprang heraus, nahm kurzen Abschied und lief dann ins Haus. Niemand hatte ihn gehört, niemandihn gesehen. Die Tür stand offen, und so kam er unbemerkt an des Professors Studierzimmer. Er klopfte an und trat ein. Da saß der Professor über ein dickes Buch gebeugt an seinem Schreibtisch. Als er den blonden Buben gewahrte, glitt ein froher Schein über sein Gesicht. »Grüß Gott, Oberheudorfer Friede!« rief er. »Das ist recht, daß du einmal kommst; ich habe mich schon sehr nach dir gebangt.«

Da war es dem Friede auf einmal, als flüstere in seinem Herzen eine Stimme: »In Oberheudorf hast du eine Mutter, in Feldburg einen Vater. Ei, hast du es gut auf der Welt, Friede Heller!«


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