Traumfriedes Abschied.
Just um die gleiche Zeit, da die drei Kinder auf der Kirchentreppe von Feldburg von dem Oberheudorfer Jungen sprachen, der zu Vater Wunderlich kommen sollte, ging dieser Bube in seinem Heimatort von Haus zu Haus, um Abschied zu nehmen. Traumfriede nannte man den schlanken, blonden Jungen im kleinen Dorf zum Unterschied von ein paar gleichnamigen Genossen, dem dicken Friede und dem blauen Friede. An diesem Tage war der Traumfriede aber gar kein Träumer, er war vielmehr ganz wach und munter und sah jeden Menschen, jedes Haus, jeden Baum und Strauch an, als müßte er sich die Abbilder davon fest, fest in sein Herz einprägen. Zum Träumen ließen ihm aber auch seine Freunde und Freundinnen keine Zeit; ein ganzer Trupp lief mit ihm, und mitunter tat sich daund dort ein Fenster auf, und jemand sagte brummend: »Nä, die Kinder sind heute aber auch zu toll, sie tun ja gerade, als wäre Jahrmarkt, so einen Lärm machen sie.«
Traumfriedes Abschied.
Traumfriedes Abschied.
Die Kinder von Oberheudorf scherten sich kein bißchen um die ärgerlichen Zurufe und Verbote; sie meinten heute ein Recht zu haben, sehr laut zu sein. Es war doch keine Kleinigkeit, wenn auf einmal ein Dorfbube, dazu noch ein armer Waisenjunge, plötzlich in die Stadt ziehen sollte, um dort ein Gymnasiast zu werden. Schon das Wort klang so feierlich. Die meisten Kinder konnten es gar nicht richtig aussprechen, und Anton Friedlich hatte es flugs umgeändert und sagte: »Kimm na'm Ast.« Und merkwürdigerweise merkten sich diesen Namen alle Buben und Mädel ausgezeichnet. Also ein »Kimm na'm Ast« sollte Traumfriede werden und später ein Student, – und da sollen seine Kameraden nicht schreien und laut schwatzen am letzten Tag? Na, das wäre doch wirklich etwas viel verlangt gewesen! Es gab auch vor jedem Haus einen kleinen Aufstand. Während der Bube hineinging und Abschied nahm, redeten die Kinder laut von der Stadt, und ob Traumfriede drinnen im Bauernhaus wohl etwas geschenkt bekommen würde. Denn fürs Schenken – sie mußten aber die Beschenkten sein – waren die Oberheudorfer Kinder alle sehr eingenommen.
Sie standen alle zusammen, die ungefähr in FriedesAlter waren. Schulzens Jakob, seine Schwester Röse, Annchen Amsee, Anton Friedlich, Schnipfelbauers Fritz und Krämers Trude. Natürlich fehlten weder der dicke noch der blaue Friede, die beiden mußten doch ihren Namensvetter begleiten. Und Heine Peterle war auch da, der erst recht. Mit einem so wütenden Gesicht ging der einher, als hätte er einen Krug voll Essig getrunken. »Nä, in die Stadt,« murrte er immerzu, »zu dumm, da ging ich nich rein!« Er versicherte dabei aber doch dem Traumfriede, er würde ihn besuchen, ganz gewiß.
Heine Peterle dachte noch immer voll Entsetzen an den einzigen Tag zurück, den er einmal in der Stadt verlebt hatte. Zu dumm waren doch die Leute in der Stadt und gleich immer so grob! Nein, da war es doch in Oberheudorf viel, viel schöner, und ordentlich mitleidig schaute er den Traumfriede an, der gerade wieder aus einem Hause kam. Der Friede fühlte sich aber just gar nicht bemitleidenswert, sondern meinte, ihm gehe es recht gut auf der Welt. Überall bekam er freundliche Worte zu hören, wohl auch eine kleine Abschiedsgabe, und jeder sagte: »Aber gelt, wenn du heimkommst, siehst du bei mir ein, na, und vielleicht besuchen wir dich mal in der Stadt.«
Ihn in der Stadt zu besuchen versprachen ihm auch alle seine Freunde und Freundinnen einmütig, SchulzensJakob sagte sogar: »Kann sein, ich komme schon nächste Woche.«
»Wenn's nämlich der Vater erlaubt,« fuhr seine Schwester Röse dazwischen, »der hat aber gesagt, mit der dummen Stadtfahrerei wär's nichts.«
»Ha, meiner hat g'sagt, ich därf, wenn ich nur mal'n Einser bring',« schrie Anton Friedlich so stolz, als trüge er die Einser schockweis in der Hosentasche herum.
»Dann wirst du wohl am Nimmermehrstag in die Stadt fahren,« kicherte Annchen Amsee, und die andern schrieen und lachten: »Du kommst aber fix hin!«
Anton Friedlich war nämlich ein ausgemachter Faulpelz, und seine Einser hatten meist recht hübsche Querbalken und wurden Vierer genannt. Der Bube schrie aber doch ganz patzig: »Pah, werd' schon sehen, und vielleicht werd' ich auch noch mal'n Kimm na'm Ast.«
So unter Geschwätz und Geschrei, Necken und Lachen hatte Traumfriede seine Abschiedsbesuche gemacht, und die Zeit, da die Bäuerinnen die Abendsuppe auftischten, war gekommen. Friede nahm am Dorfbrunnen Abschied von seinen Gefährten; ein wenig kurz und eilig ging es dabei zu, denn Friede war das Herz schwer, und er konnte nicht viel sagen. Die andern aber hatten sich alle vorgenommen, morgen vor Tau und Tag aufzustehen und dem Freund noch einmal Lebewohlzu sagen. Kaspar auf dem Berge, der Wirt zur himmelblauen Ente, wollte am nächsten Morgen um vier Uhr die Stadtfahrt antreten und Friede mitnehmen samt seinem recht bescheidenen Köfferlein.
Als Traumfriede sich dem Häuslein der Muhme Lenelies, seiner Pflegemutter, näherte, sah er am Zaun dort Waldbauers Mariandel stehen. Das Mädel war vorangelaufen, um mit seinem guten Kameraden noch ein Weilchen zu schwatzen, und eifrig kam es ihm entgegen und erzählte, die Muhme habe Besuch, und mit dem Abendbrot sei es noch nicht so weit. Da liefen die Kinder den kleinen Nußberg hinauf, der über dem windschiefen Häuslein der Muhme anstieg, und oben setzten sie sich unter einen Haselbusch, der erst winzige, feine Blättchen hatte, und sprachen von Friedes künftigem Leben.
»Und Pfingsten kommst du wieder in die Ferien heim,« sagte Mariandel, froh, daß Pfingsten so bald schon auf Ostern folgen sollte.
Doch Friede schüttelte den Kopf: »Muhme Lenelies hat gesagt, so bald heimkommen gibt kein Geschick; vor den Sommerferien wird's nichts.«
»Oh,« schrie Mariandel entsetzt, »meine Mutter meint, du würdest wohl oft auf Sonntag kommen.«
»Die Muhme will's nicht, und der Herr Lehrer sagt auch, es wäre besser, ich lebte mich erst ordentlich inder Stadt ein, nur – – nur – – wenn ich's mal gar nicht aushalten könnte vor Heimweh, dann dürfte ich kommen, aber das tue ich nicht – – weil's doch feig wär.«
Mariandel schwieg betrübt, und die Kinder saßen still beisammen. Da tat sich auf einmal unten die Türe auf, und Muhme Lenelies trat heraus mit ihrem Gast: der Schulze war es selbst. Er war gekommen, um mit der alten Frau noch allerlei über ihren Pflegesohn zu sprechen, und als er jetzt aus dem Hause ging, sagte er – und der Wind trug die Worte zu den Kindern auf dem Nußhügel empor –: »Nun vermahne Sie den Buben nur noch ordentlich scharf, Muhme, damiter unserm Dorf keine Schande macht in der Stadt und kein eingebildeter Zierbengel wird oder gar dumme Streiche macht. Eine tüchtige Predigt zum Abschied ist allemal gut, himmelangst muß es so'nem Bengel werden!«
Friede wurde puterrot vor Entrüstung, und dem weichherzigen Mariandel kamen gleich die Tränen; es flüsterte: »Aber du bist doch brav und hast nichts getan!«
»Sei still,« tuschelte Friede, denn Muhme Lenelies sprach unten, und in diesem Augenblick kam es dem Buben gar nicht in den Sinn, daß er eigentlich lauschte; es war ihm plötzlich so schwer und bang ums Herz geworden. Würde die Muhme auch denken, daß es nötig sei, ihn hart zu vermahnen?
»Von so'ner Predigt halte ich nicht viel. Seht, so ein Kinderherz ist wie ein Garten im Frühling, man sät und pflanzt hinein und muß dann halt geduldig warten, ob alles blühen und reifen will. Man gießt immer achtsam, zieht ein Unkräutlein aus, aber viel hilft nicht immer viel, und wenn man den Garten überschwemmt, geht der Samen erst recht nicht auf. Alles mit Maßen, Schulze, und alles zu seiner Zeit. Ich habe an meinem Friede getan, was ich konnte, aber ihm heute den letzten Abend noch mit ellenlangen Ermahnungen verderben, das will ich lieber lassen; vergißter mich und meine Worte, dann vergißt er auch die lange Predigt.«
»Muhme Lenelies,« schrie Friede plötzlich oben unterm Nußstrauch und raste den Abhang hinab, »ich vergeß dich nicht, ich vergeß dich nie, und ich werde dir gewiß keine Schande machen.« Da hing er schon am Hals der alten Frau, und alles Abschiedsleid, das er bisher tapfer unterdrückt hatte, brach hervor; er weinte bitterlich und vergaß ganz, daß Buben immer meinen, ein paar Tränen zur rechten Stunde wären eine Schande.
Über den Kopf des weinenden Jungen hinweg, den sie sacht streichelte, sah die Muhme mit ihren klugen, freundlichen Augen still den Schulzen an. Der nickte, schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Weiß der Himmel, nä, Ihr seid doch ein ausnehmend kluges Weibsbild, Muhme. Hm, ja, na lebt wohl! Gib mir die Hand, Friede, und heule nicht, und das sage ich dir, wenn du mal vergißt, was du der Muhme verdankst, dann schlag' ich dir alle Knochen entzwei.«
Damit ging der Schulze seinem Hause zu, und Friede hatte nun doch seine Abschiedspredigt erhalten. Sie kränkte ihn aber nicht und trübte nicht den stillen Frieden dieses letzten Abends. Die Muhme und ihr Pflegesohn sprachen fröhlich von den Tagen, die kommen sollten, und von denen, die vergangen waren. Waldbauers Mariandel hatte dableiben dürfen, und auf ihrFlehen erzählte Muhme Lenelies selbst die Geschichte, wie Friede einmal durch den Schornstein in ihren Suppentopf gefallen war. »Da biste mir gleich ins Herz gefallen, mein Junge,« schloß die alte Frau ihre Erzählung. »So, und nun bring das Mariandel heim, und dann gehst du zu Bett; morgen um vier fährt Kaspar auf dem Berge schon los, da heißt es früh aufstehen.«
Ich werde sicher nicht schlafen, dachte Friede, als er zu Bett ging. Dann schlief er aber doch wie ein Murmeltier und mußte sich erst besinnen, was eigentlich für ein Tag sei, als die Muhme ihn weckte. Er war sogar noch ein bißchen verschlafen, als er im grauen Morgendämmern – denn die Sonne war noch gar nicht aufgegangen – mit Muhme Lenelies vor der himmelblauen Ente anlangte. Dort schirrte gerade der Knecht die Pferde an, und eben trat auch der Wirt aus dem Haus und rief freundlich: »Na, da ist ja unser Städter! Nun man aufgesessen, eins, zwei, drei, und keinen langen Abschied.«
Dafür war Muhme Lenelies auch nicht, sie umarmte noch einmal ihren Pflegesohn und sagte schlicht: »Zieh mit Gott,« und dann rollte der Wagen die Dorfstraße entlang. Die Muhme aber drehte sich um und kehrte rasch in ihr Häuschen zurück; es brauchte keiner zu sehen, wie bitterschwer ihr doch der Abschied wurde.
Friede war es zumute, als träume er, als er soin der Frühmorgenstille durch das Dorf fuhr. Mal bellte ein Hund auf, da und dort krähte ein Hahn, und aus den Ställen klang das Gebrüll der Kühe, die gerade ihr erstes Frühstück bekamen. Hans Rumpf, der Nachtwächter, kam just verschlafen, noch ein paar Strohhalme am Rock, aus einer Scheune heraus; er war von dem Wagenrollen aufgewacht, worüber er eigentlich etwas ärgerlich war. Er hatte nun mal die Meinung, ein armer, geplagter Nachtwächter brauche vor allem einen ruhigen Nachtschlaf. Als Hans Rumpf aber sah, daß es Traumfriede war, der davonfuhr, rief er ihm freundlich zu: »Gute Reise, Musjeh Kimmnaschiaste, und halt dich brav in der Stadt, sonst kommt's gleich in der ganzen Welt rum, daß die Oberheudorfer nichts taugen.«
»Na, er wird schon,« brummte Kaspar auf dem Berge. »Aber sag mal, Nachtwächter, wo sind denn die Kinder? Is doch zu kurios, daß auch nicht eine Bubennase zu sehen ist, nä, so was!«
Hans Rumpf drehte sich eilig rundum, er sah rechts und links, sah in die Luft, auf die Erde, legte den Finger an die Nase und sagte endlich bedächtig: »Die haben's alle verschlafen!«
Der Wirt lachte. »Dank schön für die Auskunft, die is mächtig klug. Hüh hott, wir woll'n bißchen rascher fahren!«
Die Pferde trabten davon, und der Nachtwächter sah dem Wagen stolz nach. Ja freilich, er war mächtig klug; es ist schon was, herauszukriegen, daß es die Buben und Mädel verschlafen haben, wenn sie nicht zur rechten Zeit auf der Dorfstraße sind!
Verschlafen hatten Friedes Freunde und Freundinnen das große Ereignis aber doch nicht, sondern sie waren alle putzmunter. Ganz leise und heimlich hatten sie sich wecken lassen, und ebenso leise und heimlich hatten sie sich aus den Häusern geschlichen, denn sie hatten sich miteinander eine Überraschung ausgedacht. Überraschungen fanden die Oberheudorfer Buben und Mädel immer sehr fein, wenn auch leider oft die Erwachsenen der Meinung waren, diese oder jene Überraschung wäre gar nicht so fein gewesen. Diesmal hatte Schulzes Jakob und der dicke Friede es gesagt, man müsse Traumfriede noch einen ganz besonders schönen Abschied bereiten. Natürlich waren alle Kinder einverstanden gewesen und waren sehr heimlich dabei zu Werke gegangen. Selbst Schuster Pechdraht, der doch sonst die Mäuslein pfeifen und das Gras wachsen hörte, hatte nichts gemerkt.
Dem Traumfriede war es eigentlich ganz recht, als er niemand sah, von dem er noch einmal Abschied nehmen mußte. Ihm kam es doch recht schwer an, daß er nun die Heimat verlassen mußte. Den ganzen Winter hatteer fleißig gelernt beim Herrn Pfarrer und in der Schule und immer gedacht, es würde wunderschön sein, wenn er erst in der Stadt auf das Gymnasium gehen könnte. Nun auf einmal dachte er mit heimlicher Angst und Bangigkeit an die fremde Stadt, in der er außer dem Doktor, den er einst zu Muhme Lenelies geholt hatte, niemand kannte, niemand unter den vielen, vielen Menschen. Feldburg war zwar keine große Stadt. Wer in Berlin wohnte, sagte wohl: »Ach, so ein Nest!« dem Oberheudorfer Buben erschien diese kleine Stadt aber doch groß, fremd und ein wenig unheimlich.
Schon war das letzte Haus von Oberheudorf erreicht, und Friede drehte sich gerade noch einmal um und schaute hinüber nach dem Häuschen der Pflegemutter, als ganz jäh aus dem Straßengraben lauter dunkle Gestalten aufsprangen. Von rechts und links tauchten sie auf, und plötzlich erhob sich ein wildes Geschrei. Kaspar auf dem Berge, der noch etwas verschlafen war, schrak auf seinem Bock zusammen und wußte gar nicht, ob er wachte oder träumte. Aber mehr noch als er erschraken seine beiden braunen Pferde; denen kam die ganze Sache höchst unheimlich vor, und da Ausreißen ihnen in solchen Fällen gut und nützlich erschien, rissen sie eben aus.
Heidi ging es wie die wilde Jagd davon. Kaspar auf dem Wege schrie laut: »Halt, halt, halt!« undFriede umklammerte angstvoll seine kleine Reisetasche, die seine wenigen Habseligkeiten enthielt.
Es ging bergab in wildem Galopp. Einmal schwankte der Wagen nach rechts, einmal nach links; ein Stein kam, hopp flog der Wagen hoch, nun kam ein Loch im Wege, und plumps fiel Friede mit der Nase vornüber. Die Sache wäre vielleicht schlimm ausgegangen, wenn der Weg statt bergab zur Abwechslung nicht einmal bergauf gelaufen wäre. Da wurde den Pferden das Ausreißen zu beschwerlich, und sie blieben einfach stehen und ruhten sich etwas aus.
»Potzhundert noch mal, diese Rasselbande!« schalt Kaspar auf dem Berge wütend. Er kletterte vom Bock und brachte das verwirrte Geschirr in Ordnung; dabei sah er Friede ingrimmig an und schrie: »Mit der Rasselbande meine ich deine lieben Kameraden, Musjeh! Nä, sag mir mal, was haben die vor Tau und Tag im Straßengraben zu sitzen und so'n Geschrei zu machen?«
»Ich weiß doch nicht,« stammelte Friede, der noch ganz verdattert war, »aber ich glaub' – – ich glaub', das sollte zum Abschied für mich sein.«
»Wa–as?« Der Wirt sah den Buben groß an, dann brach er in ein dröhnendes Lachen aus. »Is gut, is sehr gut, nä wirklich, wenn's auf die Dummheiten ankommt, dann stehen unsere Mädel und Buben immer an erster Stelle. 'n bißchen geschwind ist das ja nunman mit dem Abschied gegangen, und ich gäb' was drum, wenn ich die dummen Gesichter sehen könnte, mit denen sie jetzt im Straßengraben sitzen. Na, nu hüh hott, jetzt woll'n wir mal 'n bißchen langsamer nach der Stadt fahren.«
Die Oberheudorfer Buben und Mädel saßen inzwischen wirklich mit reichlich dummen Gesichtern im Straßengraben. Sie hatten sich die Geschichte aber doch so wunderschön ausgedacht! Mit Gesang hatten sie Traumfriede ein Stück begleiten wollen und hatten gemeint, der würde glückselig sein vor Überraschung, wenn sie alle aus dem Graben sprängen. Sie hatten sich dazu in zwei Hälften geteilt, in die rechten und in die linken Straßengräbler; vorher hatten sie es aber leider vergessen, sich das Lied zu sagen, das sie singen wollten. So fingen die von rechts mit: »Heil dir im Siegerkranz –« an und die von links mit: »Das Wandern ist des Müllers Lust.« Das stimmte nicht gut zusammen, und weil ein paar Buben, die nicht singen konnten, noch hurra dazwischen brüllten, klang der Gesang schon etwas wüst, und es war Kaspars Braunen nicht übel zu nehmen, daß sie lieber ausrissen, anstatt zuzuhören.
»So'ne albernen Pferde,« brummte Heine Peterle wütend. Annchen Amsee und Waldbauers Mariandel heulten aber plötzlich laut los: »Friede fällt runter, und denn ist er tot, huhuhu!«
»Huhuhu, huhuhu,« heulten ein paar andere Mädel mit. Die Buben schalten, das wäre Unsinn, aber ganz wohl war ihnen auch nicht zumute, und zuletzt zogen alle zusammen heulend und schreiend in das morgenstille Dorf hinein.
Da gab es nun eine Aufregung! Jene, die an diesem Morgen noch schliefen, wurden unsanft geweckt, und der Ruf: »Kaspar auf dem Berge ist mit seinem Wagen verunglückt,« verbreitete sich rasch im Dorf. Die Besonnenen meinten freilich, es würde wohl nicht so schlimm sein, und der Wirt käme schon mit seinen Pferden zurecht, aber sie riefen doch, man müsse ihm jemand nachschicken. Der Schulze gab in aller Eile seinem Jakob einen Katzenkopf: »Dummer Junge, was stellt ihr aber auch immer an!«
Der Schulze und der Schnipfelbauer ritten wirklich dem Wirt nach. Ein Viertelstündchen hinter dem Dorf aber trafen sie den Waldwärter Leberecht Sperling, der ihnen erzählte, Kaspar auf dem Berge sei ganz vergnügt an ihm vorbeigefahren. Da kehrten die beiden Helfer um, und man freute sich im Dorf, daß kein Unglück geschehen war. Weil die Kinder inzwischen aber so viele drohende »Nachhers« und »Wartenur« gehört hatten, machten sie es nun den Pferden des Gastwirts nach und rissen auch aus. Hui! waren sie weg, dorthin und dahin gelaufen, bis die Schulglockeertönte – denn in Oberheudorf waren die Osterferien kürzer als in der Stadt –, und Hans Rumpf, der Nachtwächter, wieder mal sagen konnte: »Na, endlich sind sie wieder untergebracht; so'ne Schule ist doch was Gutes, namentlich wenn die Kinder erst drin sind!«
Muhme Lenelies hatte von allem Lärm und Geschrei nichts vernommen. Sie saß still in ihrem etwas abseits liegenden Häuschen, und ihre guten, sorgenden Gedanken gingen ihrem Pflegesohn nach: jetzt war er da, jetzt fuhr er durch den Wald, nun wohl den Hohlweg entlang, und als ihre Uhr die Stunde anzeigte, da vor den Reisenden das Städtchen aufsteigen mußte, sagte die alte Frau still und fromm vor sich hin: »Gottes Segen mit dir, mein Herzensjunge!«