Verkehrte Gedanken.

Verkehrte Gedanken.

An dem Tage nach der Stadtfahrt der fünf Oberheudorfer Kinder dachten in Feldburg und Oberheudorf allerlei Leute allerlei Sachen, die nicht eintrafen. Wie es so geht, Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz dachten, es würde niemand etwas merken von dem, was sie in der Stadt angerichtet hatten, und dabei sagte jede Mutter gleich am frühen Morgen zu ihrem Buben: »Sag mal, was hast du nur getan? Du hast ja ein so schlechtes Gewissen.«

Was Mütter auch immer alles sehen und wissen! Den beiden blieb nichts anderes übrig, als ihre Untat zu bekennen. Die Mütter schalten zwar nicht sehr, aber beide sagten: »Bezahlt muß werden, das hilftnichts, und wenn die Sparbüchse ganz leer wird.« Dies klang den Buben gar bitter in den Ohren. Nachher in der Schule vergaßen sie zwar ihren Jammer rasch, denn es war zu schön, von der Stadt zu erzählen. Ordentlich protzig kamen die fünf an und sagten: »Wir haben aber viel gesehen!« Und als die andern schrieen: »Erzählt, erzählt! Wie war's?« da sahen die Buben die Mädel an und die Mädel die Buben, sie nickten und blinkerten sich zu und taten so wichtig und geheimnisvoll, daß die andern vor Neugier fast platzten. Zu schön war dies, so schön, daß Heine Peterle und Annchen Amsee dachten: »Heute wird der Herr Lehrer über ein bißchen Plappern in der Stunde nicht schelten.« Oh, das war aber falsch gedacht! Er schalt sogar sehr, und Annchen Amsee bekam wirklich eine Strafarbeit und Heine Peterle beinahe eine.

Die andern Kinder sagten an diesem Tage: »Vielleicht gibt es bald schulfrei, vielleicht schon morgen;« aber sie merkten es dann auch, wie falsch sie gedacht hatten. Kein Wunder war es, denn selbst die Erwachsenen dachten an diesem Tage immer etwas Verkehrtes. So dachte die Hausfrau in der himmelblauen Ente: »Heute wird mein Kuchen aber gut geraten,« und dann verbrannte der Kuchen und wurde pechschwarz. Und Schnipfelbauers Kathrine sagte: »Frau, ich denke, heute kriechen unsere ersten Hühnchen aus.« Aber denen fieldas gar nicht ein, sie blieben noch zwei Tage in ihren Eierschalen sitzen.

Auch Muhme Lenelies dachte etwas, das nicht in Erfüllung ging. Sie meinte, die Kinder würden ihr viele schöne Dinge von ihrem Friede erzählen. Was die fünf aber berichteten, klang der alten Frau so seltsam, daß ihr das Herz darüber schwer wurde. Und weil es mit dem Abschied in der Stadt so flink gegangen war, konnten ihr die Stadtfahrer nicht einmal Grüße ausrichten. »Nä, Grüße hat Friede nicht gesagt,« versicherte Heine Peterle, und Annchen Amsee wußte auch nichts von Grüßen. »Er hat gesagt, er käme am liebsten wieder nach Oberheudorf,« flüsterte Mariandel.

Dies Wort vermehrte nur noch die Sorgen der guten Muhme, und sie seufzte tief darüber, weil der Weg in die Stadt gar so weit und das Gehen ihr jetzt so beschwerlich fiel. Wie mochte es nur ihrem Friede gehen? Stimmte das wirklich alles so, wie es die Kinder erzählten, daß ihn das Fräulein Wunderlich aus dem Hause geworfen hatte und die Schulkameraden ihn nicht leiden konnten? Die Gedanken der guten Muhme liefen so geschwind nach Feldburg wie keine Buben- oder Mädelbeine jemals laufen können, und in Feldburg liefen diese Gedanken immer um Friede herum; der merkte aber nichts davon. Er ging wie alleTage um die Kirche herum ins Gymnasium und war dort froh, als endlich die Stunden begannen, denn laut und leise rief es hinter ihm und neben ihm: »Friede Pfennig, wie geht's den Oberheudorfern?« »Friede Pfennig, fährst du auch auf dem Mehlwagen spazieren?« »Hör du mal, in Oberheudorf sind die Leute wohl neunmalklug?«

»Na wartet nur,« dachte Friede trotzig, »ich will's euch schon zeigen, daß die Oberheudorfer nicht auf den Kopf gefallen sind.« Er konnte das auch gleich an diesem Morgen zeigen. Der Lehrer fragte ihn in der Geschichtsstunde allerlei, und Friede konnte klug und sicher Antwort geben, ja er wußte noch mehr zu sagen als der Klassenerste.

»Ei, du weißt ja sehr gut Bescheid,« sagte Doktor Schneider freundlich.

Weil der sonst nicht viel lobte, machte dies Lob auch großen Eindruck, und die Klassengenossen schauten den Oberheudorfer Buben auf einmal ordentlich verwundert an. So viel wußte der? Manch einer wünschte sich da heimlich: »Ach, wäre ich doch so klug!« und darüber wagte er es dann nicht, den Oberheudorfer Buben zu verhöhnen.

Trotzdem lief Friede nachher wieder allein aus der Schule nach dem Spiegelhaus, wieder um die Kirche herum. Er ahnte nicht, daß Fräulein Wunderlich amFenster saß und dachte: »Heute wird der Friede wohl zu mir hereinkommen, weil ich gestern so nett zu seinen Freunden war.«

Damit hatte sie aber auch etwas Verkehrtes gedacht, denn Friede kam der Besuch gar nicht in den Sinn, und Fräulein Wunderlich verlor darüber wieder ihre gute Laune, wurde brummig und verdrießlich und schalt im Hause herum. Sie gehörte eben auch zu den Menschen die meinen, eine einzige Freundlichkeit muß gleich Liebe erwecken.

An diesem Nachmittag sagte Frau Emma, die Hausbesorgerin: »Geh, Friede, besorg' mir einmal etwas in der Stadt, du tätest mir damit einen großen Gefallen.«

Sie brauchte wirklich nicht lange zu bitten, Friede war gleich bereit, und die Frau dachte: »Er ist doch ein gefälliger, lieber Junge.« Damit hatte sie nun wirklich etwas Rechtes und nichts Verkehrtes gedacht. Friede tat gern jemand einen Gefallen, und er lief auch gar eilig in die beiden Geschäfte, in denen er allerlei bestellen sollte. Der zweite Laden war jener, in dem er am Tage vorher mit seinen Gefährten zuerst gewesen war, und etwas bänglich betrat er das Geschäft. Die Verkäuferin erkannte ihn auch gleich wieder und rief ärgerlich: »Na, du hast aber ungezogene Freunde! Was waren denn das für abscheuliche Bengel, die hier so gepfiffen haben?«

»Gepfiffen?« Friede sah die Verkäuferin sehr erstaunt an, und diese merkte schnell, der Bube ahnte nichts. Ihr Gesicht hellte sich etwas auf, und sie erzählte den Streich, den Jakob und Fritz ihr gespielt hatten. Während sie erzählte, konnte Friede sich nicht helfen, er mußte ein wenig lachen, und dabei kam die Geschichte auch dem Fräulein auf einmal mehr lächerlich als ernsthaft vor, und zuletzt lachten sie beide ganz fröhlich und herzlich. Als Friede ihr sagte, seine Gefährten seien ausgerissen, gewiß vor Angst, rief sie sogar mitleidig: »Schreib es ihnen doch, es wäre nichts kaput gegangen, es sind nur ein paar Nickelbretter umgefallen, das hat freilich schrecklich gepoltert und geklirrt.«

In guter Freundschaft trennte sich Friede, nachdem er seine Botschaft ausgerichtet hatte, von dem Fräulein, und als er wieder auf der Straße stand und ihm die Frühlingsluft so mild um die Nase wehte, bekam er Lust, spazieren zu gehen. Er hatte Zeit, und im Spiegelhaus schalt niemand, wenn er später heimkam. Der Professor ermahnte ihn ja selbst manchmal: »Lauf hinaus, sieh dich in der Stadt um! Man muß mit offenen Augen durch die Welt gehen!«

Das tat Friede auch an diesem Tage. Er lief durch allerlei Straßen, die er noch nicht kannte, und schaute sich ganz ernsthaft die Häuser an und auch die Menschen, die an ihm vorübergingen. Dabei empfander wieder so recht, wie einsam er doch in der Stadt war. In Oberheudorf hatte er jeden gekannt, dem er auf der Straße begegnet war. Unwillkürlich schlug er in seinen sehnsüchtigen Gedanken den Weg ein, der nach Oberheudorf führen sollte. Dabei kam er auch an einer langen, grauen Gartenmauer vorbei, und wie er so dahinging, fühlte er auf einmal einen Ruck an seiner Mütze, und zu seinem maßlosen Erstaunen sah er diese durch die Luft entschwinden.

»Meine Mütze,« schrie er erschrocken, und in diesem Augenblick tauchte ein sehr verlegenes Gesichtchen über der Mauer auf. Das Füchslein war es, das rief bittend: »Ach du, ich dachte mein Bruder wär's, nun habe ich deine Mütze geangelt.«

»Geangelt?« Friede riß seine Augen weit auf, und er sah so erstaunt drein, daß Marianne Sonntagkichernd sagte: »Aber jetzt machst du ein dummes Gesicht, und Ulli meint doch, du seist klug!«

Friede wurde blutrot und brummte ein wenig beschämt: »Das ist doch aber auch komisch, Mützen zu angeln.«

Das Füchslein war jetzt ganz auf die Mauer geklettert, saß behaglich oben und schaute sehr vergnügt auf den Buben herab. »Ich will dir's erklären. Jobst und Ulli angeln manchmal Fische, – nein, so nicht – sie wollen welche angeln und fangen keine, bloß mal einen, und der war vorher schon tot. Aber weißt du, Buben sind immer eingebildet« – –

»Das stimmt nicht,« rief Friede dazwischen. Doch das Füchslein ließ sich nicht stören, es rutschte auf der Mauer hin und her, seine rotbraunen Zöpfe wippten wie ein Paar Uhrenpendel auf und ab, und lustig schwatzte es weiter: »Buben sind immer eingebildet, und darum wollten sie mich nicht mitnehmen. Wir haben uns miteinander gestritten, und ich habe gesagt, ich kann was Besseres angeln als tote Fische, und darum sitze ich hier.«

»Und angelst meine Mütze?« Friede lachte. Das lustige Mädel auf der Gartenmauer gefiel ihm so gut, daß er alle Befangenheit verlor. Dies gefiel nun wieder Marianne ausnehmend, und sie rief: »Deine sollte es ja nicht sein. Aber komm doch rein, wir angeln dann beide Jobst und Ullis Mützen. Komm fix, sonst sehen sie dich!«

Friede überlegte nicht lange, sondern trat durch die Türe, die Marianne ihm zeigte, in den Garten. Der war weder sehr groß, noch besonders schön angelegt, es war ein richtiger Obst- und Krautgarten, einer, in dem es sich gewiß wundervoll spielen ließ. Ein umgestülpter Schubkarren diente dem Füchslein als Standort. Sie konnte von ihrem Platz aus bequem die Straße überschauen, und Friede mußte sich neben sie stellen und aufpassen. »Du kennst doch Ulli und Jobst,« sagte sie, »sie gehen mit dir in eine Klasse. Sag mal, warum bist du am ersten Tage gleich so grob zu Ulli gewesen? Er ist ganz wütend auf dich.«

»Ich bin gar nicht grob,« verteidigte sich Friede, und er erzählte dem Füchslein, wie sehr seine Mitschüler ihn vom ersten Tage an geneckt hätten, und daß ihn in seiner Klasse niemand leiden möchte.

Das Füchslein wieder verteidigte den Bruder und Freund. Eifrig rief es: »Wir haben uns auf dich gefreut, weil Onkel Treumann schon von dir erzählt hat, und weil unsere Katerlies sagt, in Oberheudorf passieren so viele Geschichten. Aber warte, jetzt stifte ich Frieden zwischen euch. Erst angeln wir Ulli und Jobsts Mützen weg, und nachher werdet ihr gute Freunde.«

Im Eifer hatten sie aber vergessen, auf die Straße zu schauen, und so traten plötzlich die zwei Buben, von denen sie eben gesprochen hatten, in den Garten.

»O pfui, ihr kommt so heimlich,« schalt Marianne schmollend.

Die beiden achteten nicht auf sie. Erstaunt blickten sie auf den Gast, und Jobst rief in seiner herrischen Art: »Was tust du denn hier?« Er meinte es nicht so schlimm, es kam bei ihm aber alles etwas patzig und abweisend heraus, und wer ihn nicht kannte, hielt ihn wohl für einen recht eingebildeten Buben.

Ulli knurrte nur »Na« und maß den unwillkommenen Gast mit einem unfreundlichen Blick. Friede wurde feuerrot. Er fühlte, die Buben sahen ihn als einen Eindringling an in ihrem Garten. Vor Scham und Ärger vergaß er das freundliche Füchslein, und daß dies Frieden hatte stiften wollen; schwipp, schwapp, drehte er sich trotzig um und lief zum Garten hinaus.

»Friede,« schrie Marianne ihm nach, und dann schalt sie ärgerlich auf den Bruder und Freund: »Pfui, warum seid ihr denn so abscheulich zu Friede? Gerade war er so nett und wollte mit eure Mützen angeln.«

»Was?« rief Jobst erstaunt, »was wollte er tun?«

»Den geht meine Mütze gar nichts an,« brummte Ulli.

Mit ein paar guten Worten hätte Füchslein nun schnell alles erklären können, und sie hätte auch die Buben dazu gebracht, den Schulgenossen wieder zurückzuholen, doch sie war wie eine kleine Rakete. Puff,puff, ging es bei ihr gleich immer oben hinaus. Hinterher tat es ihr freilich bitter leid, aber dann wurde manchmal nicht so rasch glatt und gut, was ihr Ungestüm verfahren hatte. So ging es auch heute. Marianne schalt ein paar Minuten heftig auf die Buben ein, und die gaben ihr die unguten Worte reichlich zurück, Jobst laut und heftig, Ulli mit Brummen und Knurren. Es schallte gar nicht lieblich durch den Garten, bis sie auf einmal vor Wut und Ärger alle drei davonrannten, eines hierhin, das andere dahin. Im Winkel eines Gartenhauses heulte sich dann Marianne zurecht, wie die Mutter es nannte. Als sie das getan, lief sie in den Garten zurück und suchte versöhnungsbereit Jobst und Ulli, aber die waren weg und blieben weg. Da ging die Kleine mit kummerbeschwertem Herzelein zur Mutter, die an ihrem Nähtisch saß, erzählte der die ganze Geschichte und klagte sich dann selbst an: »Und ich dachte, nun würde alles gut werden.«

»Ja, mein Mädel, man denkt eben manchmal verkehrt herum,« sagte die Mutter, »und das Friedenstiften will sacht und leise angefaßt werden. Wenn du so wild und ungestüm auf deiner Geige spielen wolltest, kämen auch keine lieblichen Töne heraus, und mit Menschenherzen muß man ebenso zart umgehen.«

Marianne Sonntag nahm erst den rechten, dann den linken Zopf in den Mund, dann seufzte sie, undnach diesen Vorbereitungen sagte sie betrübt: »Ich will auf der Geige üben.«

»Tu es,« riet die Mutter und nickte ihrem Mädel zu. Sie lauschte dann dem Spiel der Kleinen, das klang erst gar nicht melodisch, aber nach und nach wurde es reiner, zarter. Dann klappte eine Tür, das Spiel brach jäh ab, nun flüsterten und tuschelten im Nebenzimmer zwei Stimmen, und plötzlich riß das Füchslein die Türe auf und rief: »Mutterle, wir vertragen uns wieder, und Ulli will auch nett zum Friede sein.«

Frau Sonntag hörte den guten Vorsatz, hörte ihre Kinder von Versöhnung reden, und sie freute sich darüber. Aber Friede wußte nichts davon. Traurig lief der durch allerlei Straßen, und wie er so ziel- und zwecklos dahin rannte, kam es ihm auf einmal in den Sinn: »Es wäre am besten, ich liefe nach Oberheudorf zurück.«

Er blieb unwillkürlich stehen. Der Gedanke an die Heimat erfaßte ihn mit solcher Gewalt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Ganz deutlich sah er das Haus von Muhme Lenelies, die Muhme selbst, die Dorfstraße, seine Gefährten, alles vor sich, und da fing er auch schon an zu laufen. Ich muß heim, gleich, dachte er, ich muß die Muhme sehen, ihr alles sagen, ich will wieder dort bleiben. Er kannte den Weg schon besser als Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz.Dort um jene Ecke mußte er gehen; nun kam die Straße, an deren Ende er schon grüne Saaten schimmern sah; da war er im Freien, war auf dem rechten Weg zur Heimat.

Aber allzu weit kam er nicht. Ein Wäglein kam angerollt. Er sah es erst, als es dicht vor ihm war; da sprang er zur Seite. In dem Wagen saß ein einzelner Herr, der sich scheltend herausbeugte: »Na, was ist denn das für eine Sitte, so toll auf der Straße herumzulaufen!«

Friede stutzte und blieb erschrocken stehen. Den Herrn kannte er, das war ja Doktor Treumann, zu dem er einst an einem stürmischen Wintertag gerannt war, um eine Medizin für Muhme Lenelies zu holen. Auch der Arzt hatte den Buben erkannt. »He, du,« rief er, »bist du nicht der Friede aus Oberheudorf, nach dem mich meiner Schwester Kinder schon halb entzweigefragt haben? Komm einmal her, wir zwei kennen uns doch, du bist ja mein kleiner Held.«

Friede trat verlegen an den Wagen heran, und der Arzt prüfte mit klugen, ernsten Augen sein Gesicht. Holla, da stimmt etwas nicht. Er merkte es gleich und fragte laut: »Läufst wohl spazieren, was?«

Der Bube nickte nur befangen, er stand mit gesenktem Kopf da und wagte es gar nicht aufzuschauen. Einen kleinen Helden hatte ihn Doktor Treumann ebengenannt, das war er doch nicht, er, der eben hatte feige ausreißen wollen.

»Na, sieh mich doch mal an, mein Junge!« sagte da der Arzt gemütlich. »Straßenstaub und Steine kannst du ja noch oft sehen, aber mich hast du doch noch nicht gesehen, solange du in der Stadt bist. War übrigens verreist, sonst hätte ich mich schon um dich gekümmert. Na, Kopf hoch! Ein tapferer Junge sieht jedem frei ins Gesicht.«

Friede schlug rasch die Augen zu dem Arzte auf. Er fühlte, der durchschaute ihn, ahnte, daß er nicht auf rechten Wegen ging. Stirn und Backen brannten ihm, er atmete tief, aber fest sagte er dann: »Ich wollte ausreißen, nach Oberheudorf zurück.«

»So, so!« Doktor Treumann war gar nicht überrascht, seine Augen blitzten, und seine Stimme klang scharf: »Bist du jetzt so einer geworden, der gleich das Hasenpanier ergreift? Hm, meinst wohl, die Muhme wird sich arg über dein Heimkommen freuen?«

Darauf gab Friede keine Antwort. Er schämte sich plötzlich unsäglich der eigenen Feigheit, und hastig drehte er sich um, lüftete höflich seine Mütze und begann wieder nach der Stadt zurückzulaufen.

Da rief ihm der Doktor nach: »Stadtwärts kannst du mitfahren. Komm, steig ein!«

Der Junge blieb zögernd stehen, er war unschlüssig,was er tun sollte. Mit dem Arzt zu fahren erschien ihm in diesem Augenblick gar nicht so vergnüglich, aber der streckte ihm jetzt die Hand entgegen und sagte in dem alten freundlichen Tone: »Du hast mir ja noch gar nicht die Hand gegeben, du Friede aus Oberheudorf. Komm, steig ein, wir erzählen uns was miteinander!«

Friede kletterte in das Wäglein und mußte sich neben den Arzt setzen, der so gemütlich zu plaudern begann, als wäre der kleine, blonde Dorfbube ihm ein herzlicher Freund. Und Friede taute auch bald auf und erzählte nun wieder treuherzig von seinen Kümmernissen. Nur seine letzte bittere Erfahrung verschwieg er. Doktor Treumann war ja Mariannes und Ulrichs Oheim, da wollte er nicht anklagen. »Ich hab' es mir ganz anders auf der Stadtschule gedacht,« schloß Friede seufzend seinen Bericht.

»Ja, ja, mein Junge, man denkt sich manchmal manches anders in der Welt,« tröstete der Arzt. »Ich dachte vorhin auch: Holla, der Friede aus Oberheudorf ist ja ein Feigling geworden! und dann habe ich gemerkt, daß ich falsch gedacht habe und du doch ein tapferer kleiner Kerl bist, und so einer kommt schon durch. So, und nun steig aus, da geht's zum Johannesplan hinauf. Grüße mir meinen alten Freund, den Professor, und dann, immer tapfer den Kopf oben behalten!«

Friede kletterte aus dem Wagen, grüßte und dankte. Jetzt brannte ihm wieder das Gesicht, aber diesmal vor Freude. Er nahm das gute Wort des Arztes mit in das stille Spiegelhaus, und an diesem Abend schrieb er den ersten Brief an Muhme Lenelies. Alles erzählte er darin, er schrieb aber auch, daß er tapfer sein und aushalten wolle. Und dieser Brief fiel nicht auf die Dorfstraße, er wurde auch nicht im Backofen verbrannt. Muhme Lenelies hob ihn gar sorgsam auf und las ihn so oft, bis sie ihn besser auswendig konnte als die Kinder in der Schule ihre Verse und Sprüche.

Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz hatten aber auch ihre unbändige Freude über den Brief, stand doch darin, daß sie nichts zerbrochen hatten. Seit sie das wußten, redeten sie noch kecker und hochmütiger von der Stadt und trillerten immerzu laut auf ihren Pfeifen, und alle Leute im Dorf sagten: »Wenn die Pfeifen nur erst kaput wären!« – –


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