Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte, und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.
So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, alsder Gerichtsbote zu ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las: daß der selige Herrgeschworen!Christel hatte nicht schwören wollen, da ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. —
Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte,demihre Noth zu klagen.
Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. — Wenn Du noch lange Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb’ ich mich noch ein Mal in Dich! — Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter! mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld war verloren — das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr. Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten, und das gemiethete Stübchen war nunihre Heimath, und Johannes setzte Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth warnun erstwie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam ihm einen ordentlichen Glanz — und einen bessern Ort; und wo er ging und stand, dawar er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage, die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt’ er zugleich auch den Mangel.
Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe, und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der Namen bezahlte.
Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war, und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:
Halt fest an Gottes Wort,Es ist dein Glück auf ErdenUnd wird, so wahr Gott lebt,Dein Glück im Himmel werden.
Halt fest an Gottes Wort,
Es ist dein Glück auf Erden
Und wird, so wahr Gott lebt,
Dein Glück im Himmel werden.
Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin.
Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen, und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.
Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte: Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? — Freilich! erwiederte er; aber nur vor der Unverschämtheit! die muß man vermeiden.
Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Mietheim Vogelheerd noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der Waldkapelle!
Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie.
Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.
So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn Gevatter-Pathen „Krieg.“ —
Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der Frankfurter?
Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt, daß sie nicht verloren gingen.
Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden.
Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die 96 hat 300 Gulden. — Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier hab’ ich’s roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt, und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! — Dann setzt’ er sich wieder an den Weberstuhl. —
Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie bete und danke. —
Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe. Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben! Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals. Mein Brot ist verdient! —
Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand, aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld hinunter fiel.
Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht’ er. Nun leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen — ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?
Christel war böse.
Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr fortkommt, sonst seh’ ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte, die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.
So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür — sie waren weg! sie lief hinzu — die Thür stand nur weit offen — sie waren noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon voll ward.
Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt, damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten Namen „Johannes“ und „Martha“ und das: Halt’ fest an Gottes Wort.
Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.
Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.
Du lügst! sagte die Mutter, sieh’, wie Du roth bist! Nun weine nur nicht, mein Kind. Wer hat denn bezahlt?
Mutter! bat Daniel.
Daniel! drohte ihm die Mutter!
Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.
Wovon denn? fragte sie.
Du hast mir ja immer gebracht — Du weißt schon was! sagt’ er.
Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthinhat mir gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem Schüsselchen komme? — Und Du hast keine gegessen?
Mutter! sagte Daniel.
Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.
Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!
Christel sprang hinaus an den Wagen.
Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig. — Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! —
Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen Namen: Johannes! — Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.
Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.
Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst aufseine Hand und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh’ doch, da ist das Geld! sieh’ doch, da ist der Leichenstein! —
— Er schlief. —
Am andern Morgen erwachteJohanneszeitig, so still auch die Kinder saßen und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben, da er den Denkstein sah.
BistDudenn hier? Christel, fragte er.
Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen, und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.
Ja so! — jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte?
Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich und besorgt.
Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt’ fest an Gottes Wort! —
Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an.
Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend: Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?
Das ist ja nun einerlei, lächelte sie.Wirhaben gewonnen! Nun kann ich Dich pflegen! —
Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich denke, wie ich es weiß.Welcheshat denn gewonnen?
Je nun, die 96! lächelte Christel.
Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem schwarzen Kreuze — so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh doch einmal hin!
Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter: ist No. 15,000.
Nun das ist unser! sagte Johannes.
Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth unterstrichen.
Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.
Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! — Freilich Du bist krank! setzte Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu.
Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh’, meine Christel, das Loos, die 96 ist unser.
Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn.
Recht gut! sagt’ er. Aber das Geld ist nicht unser.
Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! —
Schickees nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen.
Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blässer und gespannt. —
Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich inGedankenauf die Dorothee genommen. Sie hat es auch gezogen, und aufdas unsere hab’ ich zum Zeichen und Unterschied für mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel’s Tintenfasse gemacht.
Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thöricht!
Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel, meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und Gedanken?
Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel.
Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten. „Gedacht ist gethan!“ sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, laß das Gewinnloos aussägen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke die Wirthin und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom Schlosse, wenn sie will. — Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr.
Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um uns, Du guter Junge!
Ach Mutter, nun will ich Dir’s sagen! sprach Daniel froh.
Nun was denn? mein Daniel; frug ihnChristel.
Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser und wollte nicht reden.
Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6 Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand nahm, überfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als hätt’ ich’s entwendet. Wem? — wußte ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben! und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wennich einen ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglücklichen Leuten, die sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als hätt’ ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die andern Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde mich vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin und unehrliche Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten, verwünschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach, daß sie mein Geld hätten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht gerechter „Frau Redemehr“ — sprach er — „Euer Sinn ist schlecht! Ihr wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!“ und spuckte vor mir aus. Und so geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem neuen heiligen Geiste über die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! DenngewonnenesGeld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes aber — das hab’ ichverdient, mit meiner Müdigkeit und meinem Tage, den mir der liebe Gott gegeben. — Nun das hab’ ich dem Daniel gestern erzählt, als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld besitzen und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut er sich so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel!
Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie fort waren, setzte sie sich zu Johannesaufs Bett, und wand ihre Arme unter seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte.
Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. —
Freilichganz andersarm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! — Nun wirst Du mir traurig! versteh’ mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich! Nur um die Kinder!
So mein ich’s auch; seufzte Johannes.
Nein! ich nicht so. Daß sieDichnicht sollen haben! das thut mir leid! und Dumichnicht! —
Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du stirbst dann auch — ich und Du.
Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben! Was hilft also ReichthumohneGottes Segen? Nichts! denn der Herr kann nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen, so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? — Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß undgesegneteErnten undguteZeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist! Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt, und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch.
Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.
Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst, — Du solltest doch denken,wessenNamen Du trägst, Johannes; ach, Du hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und Vorwurf.
Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf Erden pilgerten und bloß vomSäenlebten! sagte mitleidig Johannes.
Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem Herrgott für die empfangene Wohlthat? —
Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich auf einmal in ihr Gebet mit einfalle undlautGott danke für Alles, was wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann strafst: Johannes! das ist kein Dank! — Wohl dem, der seinen Kindern geben kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus, worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die Kirschbäumeihnenkeine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachendenKörbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nichtumsonstgegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzerbezahlenkann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen, daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollendsjetzt! jetzt!meine Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem Gesichte an die Wand.
Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihmkein Menschhelfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er imHerzen empfunden, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein Zutrauenzu sichverschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an, zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte dieGleichgültigkeitder Todten gegen Alles, was Welt heißt — und die stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden! Ach, wir waren ihm nichtgeringergeworden, als etwas so Vergängliches, wie Menschen sind. Nein! — Gott war ihm als sein Vater und unser Vater erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Dasbedeutete sein letzter Blick zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh’ nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehenzu viel!uns verwirrt die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns, müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen.
Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte Johannes.
Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wirdas Unseregethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unseregethan, wenn es auch nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb? Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage? Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! — Du wirst schon besser werden, besonders wennDubesserwirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du bist der Hasenfuß — nicht der kleine Junge!
Johannes lächelte — Christel lachte vor Freuden, und die mühsam verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, — wie es noch regnet, wenn vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit.
Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie. Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte —
Christel lächelte und hob das Papier auf.
Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.
Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.
Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.
Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich das etwa beklemmt.
Aber noch Eins, eh’ Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers. Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine Ursachen dazu.
Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die Worte: Selig sind, die reines Herzens sind — aber sie seufzte unmerklich, dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.
Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.
Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es, wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es.
Meinem?erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu sehen, ob und was sie meine.
Nun ja: Deinem, versetzte Christel.
Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.
Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh’ nur mit Gott! — Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen.
DasGeld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.
Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn’ es zu sagen; um Deinetwillen muß ich besser werden!
Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most allein trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich und vom Lizentiat verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein,ergenieße seine Süßigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich seine Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des Gerichtshalters: daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht „aufhängen“ bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar und dieß Mal nicht ohne Grund — da er Alles verkehrt gelehrtund an den Kindern seinen Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die Schuldigen unfehlbar mit zu treffen — wirklich abgesetzt, dispensirt worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun:zweimal gehangen, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopistenbispensirtin seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewöhnlich, nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das Butterfaß auf dem Kopfe? —
Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue Wintermütze auf dem Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. —
Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. —
Nun das wollt ich nur wissen! versetzt’ er. Nur der alte Seiger mit dem Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. —
Auch neue Schuhe! erstaunte Christel.
Das wollt’ ich nur wissen! sagt’ er. Ich komme eigentlich, versetzt’ er, um zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht böse bin, daß er mich um mein Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die Scharte auszuwetzen! Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich habe eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! — es kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt’ er! Ich bin der Mann! Denn wie mein Halstuch ein Brotschrankist, so bin ich das leibhaftige Schulhaus nebst allem Zubehör, und was darum und daran hängt, wie an meinem alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat, und wenn er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen!
Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den Vers:
Erhalt’ uns in der Wahrheit!Gieb ewigliche Freiheit,Zu preisen deinen NamenDurch Jesum Christum. Amen!
Erhalt’ uns in der Wahrheit!
Gieb ewigliche Freiheit,
Zu preisen deinen Namen
Durch Jesum Christum. Amen!
Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die Ruthe neben sich hin.
Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre Häuser lehren, und man hörte sein: „Erhalt’ uns in der Wahrheit.“ Manche behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als wenn er nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich für das reichliche, wohlgebackeneSchulgeldbedankte. Er schlief des Nachts, wo es ihm gefiel, auf der Ofenbank,oder bei wem er gerade des Abends zuletzt war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und führte Krieg mit ihnen, wo er einen sah und krähen hörte, und sagte ihm: Mein Freund,Ichbin Wecker! und so fing er an, früh die Menschen selber zu wecken ohne Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie — Petrus.
Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück. Uebrigens war er glücklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der neue Schulmeister keinSchneiderwar und nicht exschellirte, wie er sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen lieben — Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte oft grobe Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthür an, und es standen nach und nach mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denner selber ließ sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder überhörte ihn.
Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch einen guten Zug zu beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte. Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben,um der gnädigen Frau gefällig zu sein, von der er wahrscheinlich schon die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thür, ließ ihn heraus kommen, und — gab ihm eine sehr billige Rechnung.
Der Apotheker ist auch dabei! den vertret’ ich! bemerkte er ihm.
Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an Gelde!
Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd.
Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.
Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen Miene.
Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch’ ich für die Kinder!
Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.
Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze hervor.
So? mein Kind! — Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen! sagte die Frau Lizentiatin.
So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühtensich, es in Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man mußvonEuch nehmen, was Ihr habt! Es thut mir recht leid.
Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne Wurst.
Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift — das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend, und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: „Nimm!wannes schmerzt“ — so nimm nur noch jetzt:wennes auch schmerzt! Das kleine Verbindungswörtchen „auch“ ist ja keine Grausamkeit! — Nur aufgeladen und festgebunden auf den Bedientensitz!
Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch.
Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen, daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen — die Stadt ist nicht weit — Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg mit dem kleinen guten Dinge.
Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war.
Christel und Wecker sahen nach.
Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah’! sprach er.
Das Schweinchen? sprach Christel.
Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker.
Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel.
Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister.
Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. —
Das wollt’ ich nur wissen! lächelte Wecker.
Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erboßt den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes Trinkgeld, auf den Tisch und warf sichauf’sBett.
Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel.
Recht schlecht! sagt’ er.
Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.
Nein! sagt’ er; aber erbittert!
Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So drang sie nicht weiter in ihn.
Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus dem alten entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang auf dem Rückwege von dem Lizentiat an das Feldgärtchen der alten Frau, seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu frieren, mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte,in dem Hasen sein ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld. Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt.
In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten, von einem Fremden und Niklas begleitet.
So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß auch die Rebhühner und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer, und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer!
Johannes erzählte den Fall.
Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen!
Johannes mochte nicht bitten.
DereinzigeFall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, daß es Euch trifft. Die Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sievornehmerund reicher Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und Euch zubeweisen, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch also nur dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will ich Euch sparen aus Gnaden.
So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten.
Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf dreimonatliche Gefängnißstrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das ruhig an und batnur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche, weil jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und er hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der Kälte gefangen zu sitzen. — Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte der Herr Gerichtshalter. Dann bat Johannes nur noch, daß seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er wieder entlassen sei. — Das ist wider die Lehre von der Besserung durch das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen über die Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte.
Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene zu machen, die Rolle durchzuführen und immer gleichgültig — grau auszusehen und uns sicher zu stellen, daß manunsnicht auf das Pergament klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel! und besser!Ruhigsie — hängen lassen, so spielen es die Meister. — Nun können Sie die Schule mit ihr anfangen!
Mitihrist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr.
Bedauere! —Ichhabe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der Justini—anus.
Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleißig bis zum Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht durch Zwei, wie Gott nun segnete.
So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der — Abreise saß Johannes in trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei sich — die Strafe hab’ ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei, die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der Lizentiat, — der Schulmeister hat mir das wohl erklärt — und einen armen Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt. Aber davon wissen die Gesetze nichts, unddienichts, die sie unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja, dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die Sache dem Principal vorträgt — um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer Johannes ganz Anderes litt!
Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wireinmal aus der Noth kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.
Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch, seufzte Johannes.
Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden, wenn Du weg bist. Ich — ich stelle mir tagtäglich vor:dasist ein großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da hast Du’s! Sag’ einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kindernichthaben wollen? Oder uns haben wollen — und arm sein, wie wir sind, und doch nicht sind! —
Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. —
Also bist Du mit mir und den Kindern nichtganzzufrieden? erschrak fast Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts Tisch stecken, ich will Dir’s ja nicht beneiden — komme nur wieder! wenn Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! —
Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden,verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand dabei und fror, und dochwarmangezogen, und den einzigen großen Hut im Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er noch nicht mitspielen konnte.
Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: — und sie nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, — ich muß ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen könnte — lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!
Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war.
Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker, ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab’ ich noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt’ er, die Hände reibend.
Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.
Das wollt’ ich nur wissen! versetzte der Alte.
Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert — er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich fürchten und freuen, daß das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum Troste sagen würde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen früge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht’ er, daß Daniel ihm schon beschert — den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem kleinen Päcktchen beschwert; aber er mußte es nehmen, die Kinder und sie darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang. Das Herz pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied. Und er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister die Wintermütze — sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den Kopf drücken lassen und hören, wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns! — und Wecker ihr sagte: das wollt’ ich nur wissen!
Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße, weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.
Da macht’ es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude gemacht!
Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch, das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch, und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann.
Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen.
„Ein Pischkind!“ schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her!
Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!
Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkindschlug die Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den kleinen Finger an den Mund.
Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber —Euchdas zu bringen, das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht kennen! Ich setzt’ es einem Reichen hin!
Wecker aber sagte: Höchstens gebendiedas Körbchen wieder auf die Ziehe! und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt’ Ihr es haben? —
— Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für das gnädige Zutrauen zu uns Armen!
Das wollt’ ich nur wissen! sagt’ Wecker.
Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?
Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht getauft! das macht wieder Kosten!
Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! —
Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den Kindern geben zu können.
Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh’ ich Gevatter.
Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein Annaröschen?
Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und mehrere Silbergulden.
Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte, lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum Morgen.
Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten,zum Kuchenbacken, wie er fröhlich sagte: —denKuchen zu backen, der uns schmecken soll! Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu „denKuchen backen!“ ergo heißtEinenKuchen backen auch „Kuchenbacken.“ Und dazu gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum „Schulmeisterabsetzen“ein ganzer Schulmeister, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenloseAnonyma. Der Mann bin ich. —
Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier? und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand mit bangem Erschreckendie Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in der Bibel verborgen gewesen.
Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was hätte! Der ist nicht der Mann!
Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.
Er verdient’ es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh’ mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium — oder kurzen geraden Wegs zum seligen Herrn, da werd’ ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so närrisch soll sein — was kümmern ihn die lieben Kinder!
Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth vergelten.
Das wollt’ ich nur wissen! sagt’ er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.
Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert. Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil ihm der Vater gut gewesen war.
Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenenPastor an ihren Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn’ er, nun er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in Ihrem Hause aufgehalten.
Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt, der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, siefreutesich jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleichGottliebchenhieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes Diminutivum von — Gottlieb, wie Wecker es nannte.
Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März schon heran, und an einem heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf und an Frau Redemehr’s Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne entgegen. Aufdem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die arme junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu ruhen. Das traf sich eben vor Christel’s Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte und nahm es an. Dorothee folgte stumm. In dem freundlichen Stübchen saß Clementine lange still, sah sich Alles mit wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der Hand: Hätt’ ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt, so lebt’ ich noch!
Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich lebe nicht mehr — ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt’ ich mit Dir getauscht, mein Kind!
Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige Frau, sagte Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich lege mich so müde hin, zu schlafen, daß mich das arme Kind kaum weckt.
Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder.
Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen. Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei, oder sah’ es ja deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den wenigen Wochen des Kindes seine Mutter nicht könne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht, waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem sanften lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn solieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel kaum sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen.
Dannlächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thränen vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den schwachen Druck an ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog.
Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, daß ihre Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis wird es langen.
Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich auf und machte der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener.
Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel. — Da besann sich Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder auf, erkannte auch Dorotheen und ging erbittert hinaus.
Das verdien’ ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen Thaten bin ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott weiß es ja.
Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie gewiß zu werden. Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und — sie nahm es und wiegte es, zwar mit Verdruß; sie nahm es ihr ab, und sie gab es — ohne Verdruß.
Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und Sophiechen neben sich im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen.
Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker draußen ein kleines Strohkränzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann unaufhörlich, aber still.
Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel tröstete sie. Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen wohl! Das wird Euch Gott vergelten. — Gebt Ihr das Goldstück nicht! —
Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das wollt’ ich nur wissen! und behielt seine Mütze auf.
Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den die Welt nicht kümmert, der hat die besten Güter, mit welchen sich Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange verträgt und zuletzt sie heimlich aufhebt und zu Grabe trägt — und sei’s des Reichen eigne, reiche, unglücksel’ge Frau! —
Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer!
Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut — so wird derFrommedie Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen — oder, ohne es zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. —
Das heißt ja nur: halt’ fest an Gottes Wort! weiter nichts.
Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr.
Wecker aber sagte: Die lob’ ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern ließ in die kalte Zugluft, ruckt’ er und stieß er mit seinem in Händen habenden Stöckchen, wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mütze, bis ich mit bloßem Kopfe da stand! Aber ich schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu sein, dem der Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm’ ich meine Mützetiefvor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr vor ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich!
Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher ihr Johannes zurück sein konnte, da ward ihr bang und bänger um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben übermannte sie manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen? getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, daß es ja gar nicht möglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige für immer. An sich selber dachte sie kaum.
Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung, als sie ihn sah: denn sie getraute sich nicht über den Steg zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre Augen.
Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt’ er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn EuchNiemand — er sitzt nur den Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald drüber hinweg. Seid nur ruhig.
So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.
Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand. Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich nicht mehr entfernen.
Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle „exigibilen“ Reste wären im „Transsubstantiations“ Verkauf mit angenommen; die „inexigibilen“ aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die Schwuracten nicht aufgehoben haben — sollte! Wer hat danach zu fragen? — Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und Schule halten; das Wecken besonders hatteder immer gern, aber Morgens am süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein tägliches — Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte.
Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel — so stürmisch und kalt winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich brennende Flüsse — hoch beschneite Berge — lange Eiszapfen an den Weinstöcken statt der Trauben — wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume im Walde — eingefrorene Fische — weißbereifte Bärte und Blumen an den Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei. Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nureineweiße flimmernde Decke, undeinblauer feiernder Himmel, mit seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre.
Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andernkleinenArbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen lebte, hatte ihr die letzten Monate hernach und nach drei Thaler geliehen. Nun aber wurden die „inexigibilen“ Reste eingetrieben, wo freilich kein Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fortauf das Schloßgeführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafürgelöschteGeld nur hin, daßChristeldie große Schuld abzahlte, wenn auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau nach, die ihrer kaum Herr ward.
Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den „alten Rest von den Besen“ schmecken. Von derZiegeäße ich auch nicht, sagt’ er; aber welcher große Herr weiß denn immer,waser ißt? Was würden da manchmal, d. h. so manchesliebesMal und Mahl für Dinge auf dem Tische stehen!wasfür Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an denWeinflaschen lesen! Vonwaswürden die Braten und Torten sein, wenn Alles in rerum natura zu sehen wäre! — Hu! Phantasmata! daß mir die Haut schauert — wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? — und er lachte mit nassen Augen, als sie sagten: Ja! Herr Wecker — — und sein: „Das wollt’ ich nur wissen,“ konnte er dasMalvor Jammernicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat einmal einen uralten Weltweisen gegeben, — als welche auch Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, —derhat in seinem unchristlichen Gedicht den Magen einUnthiergenannt. Das ist so wahr wie das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel!