Chapter 5

Christel war Alles zufrieden, wie den raschen Tod, so das schnelle Begräbniß.

Besser Eins wie Keins, sagte Wecker. Wer ein Kind verloren, und einen Mann; das heißt: seinen Einen Einzigen, wie soll der nicht gelassen sein, und verlassen ansehen, was sich etwa noch weiter Albernes in der Welt begiebt! Ihr seid nicht ganz dumm, Frau Christel, eine Frau bleibt Ihr doch, und die beste auf drei Quadrat — Schuhe im Umkreis — denn um die Lebendigen stehen alle guten Todten! Weiber und Männer; gewiß auch Johannes! Denn, sagt man, ein ganzes Jahr lang steht noch ein Vater bei seiner Wittwe und seinen Kindern hinter der Thür!“

Und Alle schwiegen bangselig, als die kleine Sophie die Thür vorsichtig aufthat, weit offen stehen ließ, so daß Licht indas Haus fiel, und weit vorgebogen mit dem Köpfchen hinter die Thür nach dem Vater sah.

Aber Christel rief sie, band ihr und den beiden andern Kindern den Flor um den Arm; und Daniel fiel dabei auf die Kniee und sprach in verworrenem Schmerz, des Vaters und Stephans gedenkend mitgefaltetenHänden wie betend: „Ach, Mutter! ein Hund ist ein treues Thier, geschweige ein Kind! Ich will den Vater zeitlebens vor Augen haben, wie . . . wie . . . und Euch im Herzen wie Er!“

Darauf beschickten die Männer, mit der nächsten Nachbarn Hülfe, den sonntäglich angezogenen Johannes in die geweihte Erde; während Christel, die einen kurzen getrosten Abschied genommen — weil alle Wittwen ihren Männern ja bald nachzufolgen glauben — mit Daniel und den Kleinen zu Hause geblieben, und zuletzt nur bis in den Hof trat, Sie hörte jetzt wirklich die Marseiller Hymne singen, blickte zum Himmel — und so sah sie nun auch — aus der Neujahrsnacht — das leere Kreuz, das Zeichen der angefangenen Erlösung vom Himmel herab hangen, und die Posaune des Weltgerichts, und die Inschrift rund umher mit den großen Buchstaben; und in der Ferne regte es sich arbeitsam-gespenstisch; und auch das Feuer der Hölle schien am Horizont herein; ein naher Kanonenschuß war ihr nur der Donnerschlag aus dem Wächterauge der Großmutter des Teufels „über die Arbeitenden im Gefild;“ über die im Gefecht stehenden Soldaten; und sie sah die vier Riesenbilder an den Weltwänden — aber es waren Wolkengestalten; und das Feuer war der Schein des aufgehenden Mondes; und sie wußte es, und doch sah sie das blasse Antlitz an alsdas leidende Gesicht der Menschheit— und endlich ward das Antlitzihr eigenesblasses Gesicht; und sie selber sah sich unaussprechlich leidend an, lange, lange. Und eine kalte Hand berührte ihre Schulter . . . und es war Wecker, der fröhlich die kalten Hände reibend sagte: „Vor der Hand ist das Loch in die Welt zu, und Johannes hindurch in alle Welt! Die Welt ist groß und schön, meine Christel; trotz des weltberühmten Allerweltsloches — ja eben des Loches wegen! Wenn ich nicht die Aussicht hätte, mich einmal vor mir selbstdareinzu verkriechen und eine Einsicht und Aussicht und Ansicht darin zu haben — vielleicht:das AntlitzGottes, statt Eures lieben, schönen, leidenden Mondscheingesichts — so wollt’ ich, wir gingen sogleich nach Mainz!“ Die Gedanken waren ihm vor Leid vergangen.

Und so thaten sie. Und nichts nahm Christel mit, als ein kleines Glasschränkchen mit den besten Angedenken: dem Osterei des Daniel; einem kleinen, kleinen Strohwisch aus Weckers großem, womit er den Daniel erweckt hatte; mit einem Span von dem Holze, das Christel entwendet; mit Johannes ABC-Buch; und der eisernen Spitze, die ihr Clementinchen durchbohrt; und zuletzt, mit dem Stück ausgeschnittenen Hemde, wodurch ihrem Johannes die Kugel in die Brust gegangen war. Wecker trug dieses kleine Leidenhäuschen „das Monstrandum, die Monstranz, oder das Monstrum“ feierlich, als wollte er es aller Welt zeigen; aber mit langen Schritten. „Denn,“ sprach er, „unser Geschichtschreiber wird sagen: „Sie eilten, von den nahenden Schüssen gedrängt, durch die finstere Mitternacht, und gelangten,frohdes eignen davon gebrachten Lebens, in diesichere Stadt— denn selbst seine Schmerzen werden dem Menschen unabkaufbar-lieb; und umsiefort zu genießen, selbst das elende Leben; denn der Schmerz ist ein Zauberspiegel mit allem genossenenGlücke klar und nah dahinter, statt Folie; und der Spiegel ist so warm undberedt, als das Glück groß war, daß es nicht ausgesprochen werden konnte — wie das Leben.“

Zu Paschalis Hause, das dem Dom gegenüber stand, wählten sie den Weg durch die erleuchtete, offene, menschenerfüllte Kathedrale, worin so eben Christus Auferstehung durch eine lebensgroße Puppe künstlich dargestellt ward, und —der Kinder willenwählte Christel den Weg durch die Kirche; obgleich Ellenroth sie so führte, daß sie an dem Grabmale des Churfürsten Albrecht von Mainz zu stehen kamen, der vom Papst Leo X. den Ablaß für Deutschland, wie ein Jude den Zoll, gepachtet hatte, so daß der geistliche Pascha seine große Pachtsumme nebst doch einigen Procenten den Deutschen ausängsten mußte — damit das deutsche Volk sich selbst auf ewig davon erlöste; wie der Wecker dem Schulmeister, und der Schulmeister dem Weber jetzt an dem Grabmal desselben stehend, davon erzählte.

Hier aber begrüßte sie leisePaschalis; und als er mit Christel allein einmal um das Altar gegangen, frug er sie: „Darf ich Dir den Schmerz um Johannes aus der Brust nehmen?“ — Und sie sagte: „Ich dächte nicht! Nicht gern.“ „Aber doch!“ sagte er langsam. „Siehe Christus ist erstanden: — — undDein Bruder Stephan ist umgekommen.“

Und Paschalis hatte wahr geredet. Denn das neue Leid erfüllte nun ganz ihre Seele. Jetzt war der Mutter das Kind nicht begraben worden; Johannes war nicht begraben worden; Alles lebte ihr in ewigem, heiligem, verborgenem Sein — und nur St. Etienne lag ihr als Leiche in der ganzen großen Welt, und die ganze Welt war ihr nur: der schöne geliebte todte Bruder. Und Paschalis ließ sie, still vor der Heiligkeit des Ortes, stillausweinen, während sie in’s Dunkel gekehrt ihre Stirn an einen kalten Engel legte, und ihn fest an dem kalten Händchen hielt.

Und als endlich Christel wieder Paschalis angesehen, und ihm eine Hand gereicht, und als er wieder mit ihr um das Altar gegangen, fragte er sie noch milder als zuvor: „Darf ich Dir wieder den Schmerz um den Bruder aus der Seele nehmen?“ Und sie sagte wieder: „Ich dächte nicht! Nicht gern!“— „Aber doch!“ sagte er: „Dein Bruder hat sich selber erschossen.“

Und eine jubelnde Musik fiel ein, und jauchzende Sänger riefen vom Chor über die Menschenhäupter durch den Kerzenglanz und den Weihrauchduft: „Christ ist erstanden!“und die, das uralte, mächtige Wort zurückhallenden mächtigen Pfeiler schienen es mitzusingen, wie versteinerte Riesen, denen das Wort Sprache gegeben; und an den Bogen des Gewölbes wälzte es sich vor Freuden dahin, und stieg herauf, und floß wieder herab . . wie ein Schmerzensstrom in Christels Brust. Und sie rief die Kinder zu sich, setzte sich in einen geschnitzten Stuhl und versank in die Tiefe ihrer Seele.

Und als sie endlich aufsah, aber zürnend und doch niedergeschlagen, frug sie Paschalis wieder: „Soll ich Dir auch diesen Schmerz verwandeln?“ — Und sie sagte jetzt: „Gern! Aber unmöglich!“ „Aber leicht!“ sagte er: . . . „Dein Bruder hat Deinen Johannes erschossen.“

Und Christel ward blaß, schloß die Augen, lehnte sich zurück, und über den schlafenden Augen und den schlafenden Ohren und dem zugeschlossenen Herzen verrauschte das Halleluja! so machtlos und freudlos und still, als würde es tausend Klafter tief unter einem steinernen Bilde der schönsten Mater dolorosa in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefemMeeresgrundesängen es, in den verborgenen zauberisch schönen Meeresgärten, die wundervollen Blumen mit Blumenlippen — und hoch, hoch, hoch darüber schiffte ein einsam verschlagenes Schiff auf den wüsten stürmenden Wogen mit nur noch Einem Menschen, einem Todten! Und die Todte wäre Christel! . . . Die Kinder wollten schreien, aber sie rüttelten nur an der Mutter, die erwachte, die Augen wild aufschlug, umhersah, jäh auffuhr, die Kinder vergaß und davon fliehen wollte, sie wußte nicht wohin. Paschalis hielt sie sanft, aber sicher am Arme; und an ihn sich stützend, ward sie wieder völlig munter, und war wieder aufgetaucht in die öde — liebevolle Welt.

„Denke doch, Christel,“ sprach Paschalis, „das liebevolle Herz schlägt ja eben in der Welt! Wäre die Welt nicht, nicht gewesen . . . Wen oder Was hättest Du doch geliebt? Die Welt ist nicht öde, sie ist nur graunvoll — denn eben unser Licht wirft nur graunvolle Schatten und schafft sie erst! Stirb, — und die Welt wird ruhig und voll, voll, schwervoll sein, wie — ein Grab. Das kann ich mir Alles denken! Ich aber, ich weiß, ich empfinde ganz Anderes. — Ihr habt Euch nicht selbst geholfen — Ihr leidet nur selbst. Das ist Nichts! spreche ich, und kann ich sagen! Nun komme mit mir! Jetzt glühst Du vielleicht so heiß in Gefühlen, und die Marterkammer der Menschen ist Dir so nah vor den Füßen aufgeborsten, Du wandelst noch selbst auf dem flammenerhitzten und durchzuckten Boden, um meiner Leiden Abgrund zu ermessen! — Kommt, Krieg! Wecker kommt; und komme auch Du — Du, Sebastianow! — Ich kann alle Leiden heilen — wie Moses selber sterbende Schlangen! Kommt!“

Und im Gehen sagte Wecker: „Ja! Seht, meine Christel, wie gut! Wir haben Alle nicht freventlich in der Arche gesessen!Wir sind rechtschaffen mit ersoffen! Deswegen verstehen wir nun recht die Sündfluth der gemachten Leiden und die schlagenden Herzen der geschlagenen Menschen weit und breit — denn wie hier, wie Uns ist es Hunderttausenden gegangen. Wir verstehen das Leid! Das Mitleid! das der Herr auf Erden wieder erwecken will, denn es hat lange, zu lange eisern geschlafen! Wir verstehen denKrieg, und — und — und werden nun auch erst recht dieFrüchtemit Muth zu verlangen, mit Kraft zu erlangen, zu schmecken und zu würdigen wissen, die uns der Friede bringen wird, der Friede der Lebendigen und der Todten! Denn der bloße nackte Friede selber,ohne seine versprochenen Gaben, ist bloß ein dummer Junge — ein wahrer „dummer Friede!“ Eine Scheune voll leerer Strohschütten nebst abgedroschenen Flegeln! Früchte wollen wir sehen und mit Freuden erndten, die wir mit Thränen gesäet! Die sollen uns schmecken, wie Nürnberger Pfefferkuchen! Nicht wahr Kinder?“

Und die Kleinen sagten: „Ja!“

„Armer hoffender Wecker,“ sagte Paschalis; „Ihr hofft für Andre. Mäßigung ist die beste Frucht der Unmäßigkeit.“

„Die Todten gehen nicht auf;“ seufzte Christel.

„Ihr wißt,“ erinnerte der Leinweber, „die Urheber müssen Alles gut machen, ersetzen;gutmacht es dann der sogenannte Herr!“

Paschalis führte Alle darauf in den Saal seines Hauses. In der Mitte über der runden Tafel leuchtete nur ein uralter Kronleuchter, fast wie eine dickbäuchige Kreuzspinne mit langen, dünnen Arm-Beinen, an jeder Fußspitze ein Wachslicht. Er lud sie ein sich zu setzen, vertheilte Osternachts-Gaben — bunte Eier, ungesäuertes Brod und Honig, hatte aber wenig Geduld und vielHast dabei, und sagte: „Ich reise weit weg; auf lange; und fahre die Nacht noch ab. Bleibt hier in meinem — nun Eurem Hause, bis Ihr aus der Arche gehen könnt. Ich lege meine Ehre und meine Schande in Eure Zunge. Auch meineJungfrau Mariabinde ich Euch mit Liebesstricken und Unglücksbanden auf’s Herz! Vielleicht, lieber Ellenroth, da Sie schon in Griechenland waren, reisen Sie noch mit Ihr nach Italien — nach Rom, — nach Loretto in die Casa santa!“

Von Ellenroth und die Anderen sahen ihn an — aber Paschalis fuhr fort: „Meine Christel, — Dich bitte ich, künftig in dem jetzt ausgebrannten Schlosse von Breitenthal, wenn es wieder eingerichtet ist, eine wirklich gnädige „gnädige Frau“ zu spielen; den alten weinseligen Herrn von Borromäus aus dem Vogelheerde zu erlösen, und ihm den Jäger Niklas zum Diener zu geben. Das Gut bleibe dann den Kindern. Der Leinweber und Wecker sollen Deine Amtleute und Rechnungsführer sein.“ Zu dem Herrn von Ellenroth meinte er: „Geld ist Ihnen lieber! Mein ganzes übriges Vermögen — wirklich nun ganz übrig — möge Sie an meinen guten Willen erinnern, Ihnen meinen edelsten Schatz auch gern anzuvertrauen, wenn der Schatz wollen durfte!“

Er gab ihm dabei einige Papiere, die der Schwiegersohn in — ewiger — spe, wie er ihn nannte, sogar aus Verlegenheit nahm und in Händen behielt. Darauf ward Paschalis sehr ernst, indem er nach Etwas in seiner Brusttasche zu fühlen schien, und sagte: „Dorothea ist todt! Meine und Ihre.“Aber . . . sprach er verstummend, ging und that leise die Thüre zu einer mäßig großen Halle zur Seite des Saales auf, welche ganz wie das heiligeHaus, die Casa santa in Loretto eingerichtet und hell erleuchtet war — „seht! Sehet recht hin! — Dorothea lebt!“

Christel sprang auf. Ellenroth wandte sich hin, und blieb wie bezaubert stehen.

„Dorothea lebt;“ sprach Paschalis mit bebender Stimme; „sie lebt; so scheint es. Ich weiß jedoch nicht, und nursiewird es wissen, ob es nochunserLeben ist, wenn Jemand Andres in uns und aus uns lebt, denkt, empfindet und spricht . . . . wenn ein jetziger Mensch ein nunmehr gewiß sehr altes, ja todtes Weib ist; nicht seine Gedanken, sondern ein Gedanke der curiosen Welt, also für sich ein Wahn, ein Hirngespinnst, ein Gespenst — aber ein unerträglicher Geist für mich! Denn sie ist und bleibt meine Tochter, nichts weiter. Sie aber — — so hat sich ihre Krankheit gelöst . . . so hat sich ihre Seele wieder hergestellt, oder der Sache ein Mäntelchen umgehangen — denn sie — sie ist sich: dieJungfrauMaria. Und also sind alle ihre Schmerzen verhallt, alle ihre vergeblichen Wünsche auf Erden wieder in dem Himmel ihrer Seele erfüllt. Sie war hoffärtig! Stolz! Sicher im Gefühl ihrer strengen Zucht und Ehre — der Herr hat sie gedemüthigt; aber die Niedergeworfene wieder aufgehoben, doch sie — Wecker geht hin und seht, — sie hat das ABC stets vor sich auf dem Schooß, den Lobgesang Mariä aufgeschlagen, und betet oft kniend laut daraus mitFreuden und Dank, daß mir die Haut schauert . . . denn sie betet: „Er übet Gewalt mit seinem Arm, und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebet die Elenden!“ —

Und sie traten an die Thür und sahen das schöne blasse Mädchen, eingeschlafen; aber auch schlafend noch in ihren morgenländischen Kleidern, nur sonderbar mit dem Bande der Ehrenlegiongeschmückt, auf alterthümlichem Sessel sitzend, die Linke auf die Lehne gelegt, die Rechte auf dem aufgeschlagenen Kinderbuche. Um ihren Kopf schimmerte ein ächtpersisches buntes Tuch, und auf dem Wirbel schimmerte eine kleine silberne Krone. Im Zimmer war wenig, aber gleichfalls alterthümliches Geräth; und an der Wand hing eine Copie derVerkündigungvon der Angelika Kaufmann, die zur Seite der Casa santa in der Kirche zu Loretto hängt.

Und wie dort der willfährig empfangene Engel, kniete jetzt hier der verstoßene Bräutigam vor sie hin, und beugte sich dann zu ihren Füßen nieder. Wecker aber nahete leise, legte sehr sanft die alte zitternde Hand auf ihr Haupt und sagte zu der Schlafenden: „Hätte ich Dich doch hinunter stürzen lassen, wo ich den Teufel vom Thurme stürzte! Denn Du arme Verrückte hast ja doch gethan, wovor Dich Gott, laut Deines Briefes, bewahren sollte: — Du bist katholisch geworden!“ — Dann zog er die Hand zurück.

„Wecker!“ tadelte ihn der Leinweber: „die wahre Jungfrau Maria ist nie katholisch gewesen! Selbst Christus war kein Katholik, höchstens rein evangelisch, und das noch kaum: Er war nur Er selbst ganz allein, nicht ein Christ, sondern Christus.“

Die Kinder aber fürchteten sich hinein zu gehn, und die Kleine war schon schlafend bei ihren Ostereiern am Tische sitzen geblieben. Christel stand also entfernt mit Daniel und Gotthelf. Sebastianow, der Mitverwüster dieser starken Seele, dieser schönen Jungfraugestalt, aber zitterte am ganzen Leibe wie vor dem jüngsten Gericht, das so eben wie Wetter hereingebrochen, und bebte nun seinen Namen zu hören.

Paschalis aber sagte ihm mild auf Russisch: „Janow — Zschartowitsch!*)Gehe getrost hinein. Sie kennt selbst den Vater nicht, denn sie wohnt in Nazareth, in alten, heiligen Tagen; und ich bin ihr nur ein fremder, fremder Mann aus der Zukunft . . . und doch bekannt . . . wie aus dem Paradiese! Hast Du aber vorhin in der Kirche, nach Eurer Sitte, vor jedem Geistlichen dreimal ausgespuckt, so schlucke hier dein Gift hinunter.“ — Dabei schenkte er ihm einen Beutel mit Golde, und der Mensch betete ihn bald an. „Ziehe in Frieden!“ sagte er ihm, sich von ihm wendend, ob er ihn gleich mit keinem Auge angesehen.

*)Teufels-Sohn.

„Nun, Christel.“ frug er diese, „hast Du noch einen Dolch im Herzen, um Dorothea! Auch den Schmerz will ich aus Deiner reinen Brust nehmen! Ja, wenn Du auch um mich noch einen Stich empfinden solltest, so will ich vorher dem Dolche die Spitze umbiegen. Ja, was Du auch gelitten hast, Du sollst Dich darüber freuen und dem Herrndafürdanken! Denn ich halte noch ein kleines aber furchtbares Licht in meiner Hand, das mich brennt es fallen zu lassen. Und doch bin ich innerlich schon dadurch verkohlt. Ich bin todt, und darf nur die Augen noch zuthun. Doch das ist bald gethan.“

Die Andern traten jetzt Alle um ihn, und Paschalis sprach ernst: „Nun wohl, so mögt Ihr es wissen, besonders der Bräutigam. Wie der bessere Mensch nur ein Wort ist, und die meisten nur ungesetzte Buchstaben im Buchdruckerkasten, die der Geist der Welt setzt, so konnten die Menschen, jeder eine Lehre aus seinem Leben ziehen: wieder das Wort. Klarer aber, alsda draußen aus der furchtbar wogenden Welt, springt aus unserem kleineren Leben eine große Lehre heraus, und die will ich als Kaufmann noch ziehen! Mäßigung, sagte ich angeklungen vorhin, Mäßigung ist die beste Frucht der Unmäßigkeit. Auch Mäßigung in den Wünschen. Die Hoffnung war auch etwas werth. Der Betrug wird auch klug machen. Ein Volk, das nur einmal wieder tüchtig zugestutzt worden ist, selbst bis auf den Stamm und die Wurzel, das hat wieder Lebenskraft erhalten, verjüngt sich wieder und geht nicht ein. Am schrecklichsten aber bestraft sich Selbsthülfe? Wenn sich ein Mensch helfen will, so thue er es bloß durch weise-, gelassen- und gut-sein. Völker denken oft anders. Aber auch zu ihrem Schaden; denn wenn Alle klug sind und fromm, kann Einer oder werden Mehrere nicht mehr gottlos und dumm sein. Sela.“

„Das wollt’ ich nur wissen!“ sprach Wecker.

„Ich aber verabscheue die Selbsthülfe, wenn sie nur ein wenig mehr ist, als Ertragung und Verwünschung der Uebel, selber der schwersten und schmählichsten,“ (Er sah wehmüthig nach Dorothea.)„Denn der Lastträger hat Kraft; der Verwünschende hat weiseres Wissen und Zorn gegen das Böse, und den Wunsch des Bessern, ja des Guten. Ich aber — beweint mich nicht — ich habe mir selber so geholfen . . . daß ich mir nicht mehr zu helfen weiß.Meine Tochterhat sich geholfen . . . bis in den Scheintod, ja bis zur Jungfrau Maria! Und ihr war doch schon geholfen durch mich. Der alte ZimmermannFrommholzhat sich geholfen . . . bis in den Kerker — und sein Helfer war schon bereit! —Johanneshat sich geholfen . . . bis in den ewigen Kerker — und die Kugeln rührten sich schon in den Läufen, die ihm freie Bahn machten!Stephanhat sichgeholfen — Alle haben sich selber geholfen . . . und Niemand kannihnenmehr helfen, selbst ein Gott nicht, der seine Welt nicht auf Selbsthülfe berechnet hat, sondern auf seinen Rath und seine Führung und seine Kraft, derNiemand, Niemand widersteht; und auf seine Liebe, dieAllenangedeiht; und auf dasZutrauenzu Rath, Führung, Kraft und Liebe des außerdem — Erschrecklichen! Zermalmenden! — Gottes!“

Paschalis ging einige Schritte bei Seite; stand, wandte sich ab; bog den Kopf zurück, als starre er hinauf in den Himmel; aber er hatte dabei seine Hand am Munde. Dann kam er zurück und sprach: „Kinder, Daniel und Gotthelf, geht doch zu Euerem alten Großvater Frommholz! Keines von Euch hat ihn bemerkt. Er sitzt schlafen hinter der offenen Thür, da ist sein warmes Plätzchen. Ich hab’ ihn erlöst; und als alter Zimmermann paßt er sich wohl hieher.“ Und die Kinder gingen und der Pathe.

Darauf sprach Paschalis eilend und schneller, aber auch schwächer und doch wie entzückt: „Sonderbar! Nun ichweiß:Ich — Ich habe sieben Menschen umgebracht — und weiß: nur gräßlichSchuldige, also Thiermenschen — undIchhabe sie geschlachtet, nicht meine theuere Dorothea hat es gethan — nun ist mir leicht! Denn sie sindeheran meinem mit Kirschlorbeerkraft vergifteten Rheinwein gestorben, als sie ersticktsind, nichtworden. Mein Kind hat es also nicht gethan —ob sie es gleich gethan hat— sondern doch nur gewollt. Todte kann man nicht tödten. Jeder Mensch, sieben oder einer — auch Ich — können nur einmal sterben. Ich könnte den sonderbarsten Prozeß mit meiner Tochter führen . . . und nur gewinnen! Denn Ich bin der Rächer für ihre erlittene Schmach! Mein Kind, meinarmes Kind istunschuldigwie das Lamm Gottes, das — der Welt Sünde trägt.“ Er taumelte. Und eilender sprach er: „Holt keinen Arzt! Ihr Thoren, sterben werde ich nicht — bis Gott stirbt.“

Er zitterte; er holte heißeren Athem; sein Gesicht glühte; seine Augen standen glotzend. Ihn erdrückte das Gewicht der Worte, die er gesprochen — daß sein Kindunschuldigsei, während sie doch der Welt Sünde trug, und schmachgebeugt, bis zur Unkenntlichkeit ihrer schönen Seele, vor ihm vergangen war, und herabgesunken bis zum Gespenst der Jungfrau Maria. Und zum Glück oder Unglück erhob sich jetzt die schöne stille Königin der Trauer, Dorothea, und kam in ihren rauschenden, langen Gewanden, mit schimmernder Silberkrone auf Paschalis zu. Und da sie so viele befreundete Menschen sah, breitete sie ihre Arme mit getäuschter und gesammelter Empfindung — nach ihrem Vater aus. Und er sank in ihre Umarmung.

So blieben sie lange. Bis Dorothea wankte, und sie ihr zu Hülfe kommen mußten. Denn der Vater, vom Gewissensschlag gerührt, wie Ananias, von Jammer zerrissen, und vom stillen schnellen Gift ausgelöscht wie ein Licht, war in ihren Armen vergangen.

Sie lehnten ihn hin. Und Dorothea verwunderte sich nicht, vergoß keine — Klage, ja ihre Augen wurden nicht feucht.

Und Christel zog und drückte ihre Kinder an sich, und pries sich glücklich, ja selig. „Der Prophet hat wahrgesagt! Mich würde kein Unglück treffen;“ dachte sie. Denn sie selber litt rein das unreine, schmähliche, aber nicht beschmitzende Leid des Lebens.

Nur Dorothea sah sie groß an, und lächelte spöttisch. Und Christel erröthete vor dem Geiste St. Etienne’s, der ihr erschien und verschwand. Und sie seufzte tief aus befreiter, nicht schuldig gewordener Brust auf . . .

Paschalis aber hielt in seiner Hand noch ein kleines Blatt Papier, das er vorhin, während er gesprochen, immer langsam um beide Zeigefinger spielend gerollt hatte. Dorothea langte es geisterhaft daraus, und wog es. Dann starrte sie lange hinein.

Und als gälten die Worte sowohl dem Vater, als ebenso wohlauch ihr, las sie erst halblaut . . . dann laut . . . dann begeistert, und wieder wie entseelt, und Alle zu Thränen hinreißend:

„Meine Grabschrift.“

„Es ist nur Eine Ruh’ vorhanden.“ DochDieträgeRuh’ im Grabe ist sie nicht!Die stille Kraft desGeistesist sie,Der in der Welt, dochüberaller WeltFestschwebend, alles Uebel niederhält,Nur voll vom Guten, nicht das Böse kennt,Und rein die Liebe walten läßt!IhmistDas regste Leben: ungestörte Ruhe;Der Kampf mit aller Welt: der tiefste Frieden!Der allverbreiteten urstillen Kraft,Die Ungemessenes unablässig wirkt,Der willst Du Ruh’ und Fried’ und SeligkeitAbsprechen? Gott? — Und Gott liegt nicht im Grabe!Ich selber gehe durch das Grab zu ihm,Und hoffe bei der Kraft und Liebe —Ruhe!Gott ist nichts Besseres als Du . . . sein kannst.

„Es ist nur Eine Ruh’ vorhanden.“ Doch

DieträgeRuh’ im Grabe ist sie nicht!

Die stille Kraft desGeistesist sie,

Der in der Welt, dochüberaller Welt

Festschwebend, alles Uebel niederhält,

Nur voll vom Guten, nicht das Böse kennt,

Und rein die Liebe walten läßt!Ihmist

Das regste Leben: ungestörte Ruhe;

Der Kampf mit aller Welt: der tiefste Frieden!

Der allverbreiteten urstillen Kraft,

Die Ungemessenes unablässig wirkt,

Der willst Du Ruh’ und Fried’ und Seligkeit

Absprechen? Gott? — Und Gott liegt nicht im Grabe!

Ich selber gehe durch das Grab zu ihm,

Und hoffe bei der Kraft und Liebe —Ruhe!

Gott ist nichts Besseres als Du . . . sein kannst.

„. . . Seine Tochter bin ich schon . . . seine Schwiegertochter!“ sprach Dorothea holdselig und begnügt.

Anmerkungen zur TranskriptionQuelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Siebenter Theil. Veit und Comp., Berlin, 1845, pp. 1-178.Im OriginalgesperrteTextstellen werdenkursivwiedergegeben.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):... Das habe ich schon von Andern gehört!engegneteWecker; ...... Das habe ich schon von Andern gehört!entgegneteWecker; ...... ja wie in die Acht erklärtenheiligeuGeiste, dafür, als ...... ja wie in die Acht erklärtenheiligenGeiste, dafür, als ......msehr! Ich halte es nicht aus — ohne meine Baßgeige! Hört ......mehr! Ich halte es nicht aus — ohne meine Baßgeige! Hört ......miSpiel, was ihren lieben Johannes betroffen, ja was der ......imSpiel, was ihren lieben Johannes betroffen, ja was der ...... immer verlassenesHans. So still! So göttlich! ...... immer verlassenesHaus. So still! So göttlich! ...... gedenkend mitgefaltetetenHänden wie betend: „Ach, Mutter! ...... gedenkend mitgefaltetenHänden wie betend: „Ach, Mutter! ...... in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefemMeeresresgrunde...... in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefemMeeresgrunde...

Anmerkungen zur Transkription

Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Siebenter Theil. Veit und Comp., Berlin, 1845, pp. 1-178.Im OriginalgesperrteTextstellen werdenkursivwiedergegeben.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):


Back to IndexNext