Chapter 6

Und da ich gerade vom Ausgehen spreche, mußich doch erwähnen, was für ein gottverlassener Ort die Stadt in jener Zeit war. Die Straße, in der ich wohnte, ist eine der breitesten in den Vorstädten, aber die ganze Seite, wo die Fleischer wohnten, besonders außerhalb der Schlagbäume, glich eher einer grünen Wiese als einer gepflasterten Straße. Es ist richtig, daß sie am äußersten Ende, gegen Whitechapel zu, nicht gepflastert war, aber auch auf dem gepflasterten Teile wuchs das Gras ganz dicht. Das darf nicht weiter wundernehmen, wenn man hört, daß auch in den großen Straßen in der inneren Stadt, wie der Leadenhall und Bishopsgate-Straße, in Cornhill und sogar vor der Börse große Grasflecken waren. Kein Wagen, keine Kutsche war von morgens bis abends auf den Straßen zu sehen, höchstens einige Bauernkarren, die Bohnen, Erbsen, Heu und Stroh auf den Markt brachten. Aber auch diese waren sehr spärlich. Droschken wurden nur gebraucht, um Kranke ins Pesthaus zu schaffen oder von Ärzten bei ihren Krankenbesuchen. Denn diese Droschken waren unheimliche Dinger, und die Leute hatten wenig Lust, sie zu benutzen, weil man nie wußte, wer zuvor damit befördert worden war. Wie gesagt: man brachte damit die Kranken ins Pesthaus und andere Krankenhäuser, und manchmal kam’s vor, daß sie während der Fahrt darin starben.

Solange die Seuche am ärgsten wütete, ließen sich nur sehr wenige Ärzte zu Krankenbesuchen bereitfinden. Die berühmtesten waren tot, wie auchviele von den Wundärzten, denn durch einen ganzen Monat starben täglich 15–1700 – Tag aus Tag ein.

Zu dieser Zeit war die Arbeit, die Leichen auf Karren wegzuschaffen, so widerwärtig und gefährlich geworden, daß Klagen ergingen, die Träger gäben sich keine Mühe mehr, sie aus den Häusern zu bringen, die ganz ausgestorben waren, sondern ließen die Leichen darin liegen, daß die Nachbarn es vor Gestank nicht mehr aushalten konnten und angesteckt wurden. Diese Pflichtvergessenheit nahm so zu, daß die Kirchenvorsteher und Polizisten beauftragt wurden, der Sache nachzugehen. Selbst die Friedensrichter mußten sich dazu herbeilassen, den Leuten Mut zuzusprechen, denn zahllose Träger starben an der Ansteckung durch die Leichen, und wäre nicht die Anzahl jener, die Arbeit und Brot um jeden Preis suchten, so groß gewesen, würde man kaum noch jemand zu solcher Arbeit gefunden haben, und die Leichen wären überall halb verfault herumgelegen.

Man kann den Behörden nicht genug Dank wissen, für die Art und Weise, wie sie sich des Beerdigungswesens annahmen. Sobald einer der Leichenträger der Seuche erlegen war, füllten sie seinen Platz sogleich mit einem anderen aus, was, wie gesagt, bei der Masse der Arbeitslosen nicht allzu schwer war, so daß man alles in allem niemals sagen konnte, die Lebenden wären nicht imstande gewesen, ihre Toten zu begraben.

Je weiter die Seuche fortschritt, desto mehrnahm auch die Verwirrung der Bevölkerung zu. Was die einen in ihrem Fieberwahn, andere in der Qual der Krankheit alles taten, ist nicht zu sagen. Einige trieben sich schreiend und weinend mit gerungenen Händen in den Straßen umher, andere betend mit zum Himmel erhobenen Händen, um Gottes Barmherzigkeit anzuflehen. Ich glaube, daß man sich noch des berüchtigten Salomon Eagle erinnert, der, zwar nur im Kopfe angesteckt, manchmal völlig nackt, eine Pfanne mit glühenden Kohlen auf dem Kopfe, durch die Straßen rannte und der Stadt das Gericht des Herrn verkündete.

Ich will ja nicht entscheiden, ob dieser Geistliche wirklich verrückt war oder nicht, und alles nur aus Mitleid mit den armen Leuten tat, die jeden Abend durch Whitechapel zogen und mit aufgehobenen Händen immer wieder flehten: »Verschone uns, lieber Gott, verschone dein Volk, das du durch dein heiliges Blut erlöst hat.« Ich kann nicht gut über all diese Dinge sprechen, weil ich sie nur aus meinem Fenster sah, denn ich öffnete selten die Läden, solange die Pest am ärgsten wütete, und viele glaubten, daß kein einziger übrigbleiben würde. Ich selbst glaubte das auch und hielt mich über zwei Wochen im Hause. Aber dann konnte ich nicht mehr. Übrigens gab es immer Leute, die trotz aller Gefahr den Gottesdienst nicht versäumten, sogar in der ärgsten Zeit. Freilich hatten manche Pfarrer ihre Kirchen geschlossen und waren geflohen wie die anderen Leute auch, aber dochnicht alle. Einige übten ihr Amt aus und hielten Gebetsversammlungen ab mit kurzen Predigten oder Ermahnungen zur Buße und Besserung, solange man sie nur hören wollte. Die Dissenters machten es gerade so, auch in den Kirchen, deren Pfarrer tot oder geflüchtet waren, und es war auch wirklich keine Zeit für Religionsstreitigkeiten.

Die Gnade Gottes hatte mich bisher noch immer verschont, und ich fühlte mich völlig wohl, nur machte mich der lange Aufenthalt zu Hause in der geschlossenen Luft allmählich ungeduldig. Endlich hielt ich’s nicht mehr aus und machte mich auf, einen Brief an meinen Bruder auf die Post zu tragen. Auf der Straße war kaum ein Laut zu hören. Als ich zur Post kam, sah ich einen Mann in einem Winkel des Hofes stehen und zu einem Fenster hinauf mit einem zweiten sprechen. Ein dritter stand an der offenen Tür des Amtsraumes. In der Mitte des Hofes lag ein kleiner Geldbeutel aus Leder, der Geld zu enthalten schien und an dem zwei Schlüssel hingen. Aber keiner wollte ihn anrühren. Ich fragte, wie lange er schon dort gelegen habe, und der Mann sagte mir aus dem Fenster, vielleicht eine Stunde, aber sie hätten sich nicht drum gekümmert, weil sie dachten, die Person, die ihn verloren habe, würde wieder zurückkommen. Ich war gerade beim Weggehen, als der Mann an der Tür meinte, er würde den Beutel doch aufheben, aber nur, um ihn dem rechtmäßigen Besitzer wieder zurückzugeben, falls er kommen sollte. Er holte also einen Eimer voll Wasser undstellte ihn neben den Beutel, dann warf er einen Haufen Schießpulver auf den Beutel und streute es in einer Linie noch etwa zwei Ellen weit, holte darauf eine rotglühende Feuerzange, die er offenbar schon vorbereitet hatte, und setzte das Pulver am äußersten Ende in Brand, um den Beutel und die Luft zu reinigen. Aber auch damit war er noch nicht zufrieden, sondern nahm den Beutel mit der Feuerzange auf, bis sie sich durch das Leder gefressen hatte, schüttelte das Geld ins Wasser aus und trug es erst dann mit dem Eimer hinein. Es waren, soweit ich mich erinnere, 13 Schillinge und einige Kupferpfennige und Heller.

Ungefähr um dieselbe Zeit machte ich einen Spaziergang über die Felder gegen Bow, denn ich war sehr neugierig zu erfahren, wie die Sachen auf dem Flusse und bei den Schiffen standen, und dachte, es wäre eigentlich das beste Mittel, sich vor der Seuche in Sicherheit zu bringen, sich auf einem Schiffe einzuquartieren. Unter solchen Gedanken war ich vom Wege etwas abgekommen und fand mich plötzlich an den Landungstreppen bei Blackwell. Hier traf ich einen armen Teufel, der ganz allein auf der Flußmauer auf und ab ging. Ich ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein und erfuhr, daß seine Familie nicht weit entfernt lebte. Eins von seinen Kindern war bereits an der Pest gestorben, die Frau und eins der beiden anderen Kinder war krank, und er erhielt sie als Bootsführer, indem er jeden Abend, was er verdient hatte, auf einen Stein in der Nähe derWohnung niederlegte. Das Boot diente ihm nicht nur als Mittel, den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu gewinnen, sondern zugleich als Schlafstätte während der Nacht.

Ich fragte ihn dann weiter, wie er denn in der jetzigen Zeit zu Gelde käme, da doch niemand ein Boot brauche. »Doch Herr,« antwortete er, »ich kann mich schon nützlich machen. Seht Ihr dort, unterhalb der Stadt, die fünf Schiffe vor Anker liegen und dort oben weitere acht oder zehn? Sie alle haben Familien an Bord, von den Reedern und Besitzern, die sich dort aus Angst vor der Ansteckung hingeflüchtet haben. Ich besorge für sie, was sie brauchen, ihre Briefe, und was sonst nötig ist, damit sie nicht an Land kommen müssen. Nachts mache ich mein Boot dann an einem von ihren Schiffsbooten fest und übernachte darin, und Gott sei Dank, bin ich bis jetzt verschont geblieben.«

»Ja, läßt man Euch denn an Bord,« fragte ich, »wenn Ihr aus diesem so schrecklich verseuchten Orte kommt?«

»An Bord komme ich auch nur selten,« sagte er, »sondern lasse, was ich gebracht habe, in ihrem Beiboot oder sie ziehen es auch hinauf. Übrigens wäre ich auch dann wohl keine Gefahr für sie, denn ich gehe niemals in ein Haus, nicht einmal mein eigenes, noch komme ich jemand in die Nähe, außer um Lebensmittel einzukaufen.«

»Um so schlimmer,« warf ich ein, »denn Ihr müßt doch die Lebensmittel von irgend jemand haben, und da dieser ganze Stadtteil aufs ärgsteverseucht ist, ist es schon gefährlich, nur mit jemand zu sprechen, und auch dieses Dorf ist viel zu nah an London, um sicher zu sein.«

»Wohl wahr,« meinte er, »aber Ihr versteht mich nicht recht. Hier kaufe ich nichts ein, sondern ich rudere nach Greenwich hinauf, um frisches Fleisch zu kaufen, und manchmal auch bis nach Woolwich hinab. Dann gehe ich in einzelne Bauernhöfe auf der Kentischen Seite, wo ich bekannt bin, und kaufe Geflügel, Eier und Butter und bringe sie zu den Schiffen, welche mir gerade den Auftrag geben. Hierher komme ich nur selten, um von meinem Weib zu hören, wie es allen geht, und ihnen das Wenige zu bringen, das ich in der vorigen Nacht verdient habe.«

»Armer Kerl,« sagte ich, »und wieviel habt Ihr diesmal bekommen?«

»Vier Schillinge, was heutzutage für einen armen Teufel schon etwas heißen will. Und außerdem haben sie mir noch einen Sack Brot, einen gesalzenen Fisch und etwas Fleisch mitgegeben, das kommt auch noch dazu.«

Während wir noch weiter uns unterhielten, öffnete sich die Türe seiner Hütte, die Frau kam heraus und rief: »Robert, Robert!« Er bat sie, einen Augenblick zu warten, lief die Treppe hinunter und kam wieder mit einem Sack, der die Lebensmittel enthielt. Dann ging er zu dem großen Stein, den er mir gezeigt hatte, leerte den Sack aus und zog sich wieder zurück. Als darauf die Frau hinging, einen kleinen Buben an der Hand,um alles zu holen, erklärte er ihr, von wem jedes einzelne Stück herstamme, rief den Schutz des Himmels auf sie herab und ging dann weg.

Ich fragte ihn dann, wie es käme, daß die Leute auf den Schiffen sich nicht mit genügenden Vorräten alles Nötigen versehen hätten? Er sagte, einige hätten das schon getan, andere aber hätten sich erst später an Bord geflüchtet, als es schon zu gefährlich war, in den Läden herumzukaufen. Er selbst bediene zwei Schiffe, auf denen sie fast nichts hatten als Schiffszwieback und schlechtes Bier, alles sonst müsse er besorgen. Ich fragte ihn darauf, ob es noch mehr Schiffe gäbe, die sich so abgeschlossen hielten? »Gewiß,« sagte er, »den ganzen Weg von einem Punkt gegenüber Greenwich bis Limehouse und Redriff ist der ganze Fluß voll, wo immer es Raum genug für zwei Schiffe gibt, nebeneinander zu liegen. Manche haben mehrere Familien an Bord.« Darauf wollte ich noch wissen, ob niemals die Seuche hingekommen wäre? Er meinte, er hätte nichts davon gehört, außer auf zwei oder drei Schiffen, die aus Nachlässigkeit die Seeleute an Land hätten gehen lassen.

Als er sagte, er würde wieder nach Greenwich fahren, sobald die Flut einsetze, fragte ich ihn, ob er mich nicht mitnehmen und wieder zurückbringen wolle, denn ich hatte große Lust zu sehen, wie die vielen Schiffe auf dem Wasser lagen. Er sagte, wenn ich ihm als Christ und ehrlicher Mann mein Wort geben wolle, daß ich nicht angesteckt sei, so würde er mich fahren. Ich versicherte ihm, daß ichdurch die Gnade Gottes bisher verschont geblieben war, daß ich in Whitechapel wohnte und nur durch das Bedürfnis nach frischer Luft herausgetrieben worden wäre, und daß niemand in meinem Hause auch nur die leiseste Spur einer Ansteckung gezeigt habe.

»Nun,« sagte er, »da Ihr Mitleid mit mir und meinen armen Leuten gezeigt habt, könnt Ihr nicht so unbarmherzig sein, in mein Boot zu steigen, wenn Ihr nicht gesund wärt. Denn das würde für mich und meine Familie den Untergang bedeuten.« Seine Angst rührte mich so sehr, daß ich ihm sagte, ich wolle lieber meine Neugierde unterdrücken, als ihn in Unruhe versetzen, obwohl ich so gesund wäre wie nur irgendeiner auf der Welt. Aber davon wollte er nichts wissen und redete mir jetzt selbst zu, mit ihm zu kommen. So stieg ich denn, als die Flut einsetzte, ins Boot, und er fuhr mich nach Greenwich hinüber. Während er seine Besorgungen machte, ging ich auf die Spitze des Hügels, an den sich die Stadt anlehnt, um einen Blick über den Fluß zu haben. Es war auch wirklich ein erstaunlicher Anblick: die vielen Schiffe, die je zwei und zwei manchmal, wo es die Breite des Flusses erlaubte, zwei oder drei Reihen bildeten, und das nicht nur bis weit in die Stadt, sondern flußabwärts bis zum Knie von Long-Reach, also soweit man sehen konnte.

Die Anzahl der Schiffe war nicht zu erraten, aber es mögen wohl an 300 gewesen sein, und ich mußte diesem Auskunftsmittel meinen Beifallspenden, durch das mehr als 10 000 Menschen sich hier vor der Ansteckung geschützt hatten und in völliger Sicherheit lebten.

Später erfuhr ich, daß die Schiffe, als die Seuche noch heftiger wurde, ihren Platz veränderten. Einige stachen sogar in See und suchten die Häfen an der Nordküste auf, wo sie eben am besten unterkommen konnten. Aber ganz sicher war man freilich auch an Bord der Schiffe nicht, eine ganze Anzahl Leute starb und wurde in den Fluß geworfen, manche in Särgen, andere ohne solche, die noch lange die Flut auf der Oberfläche des Wassers hin und wider trieb.

Ich bin jedoch überzeugt, daß es sich in solchen Fällen stets um Leute handelte, die sich zu spät auf die Schiffe zurückzogen und schon angesteckt waren, wenn sie selbst auch nichts davon merkten, so daß man in Wahrheit sagen kann: die Seuche kam nicht auf die Schiffe, sondern die Menschen brachten sie erst hin. Das waren auch immer jene Schiffe, auf denen man nicht für Vorräte hatte sorgen können, und um solche an Land schicken mußte, wodurch die Ansteckung unversehens hingelangte.

Ebenso wie die wohlhabenderen Leute auf die Schiffe flohen, hatten die Armen ihre Treckschuten, Schmacken, Leichter und Fischerboote, und viele, besonders die Bootführer, lebten vollständig auf ihren Fahrzeugen. Die letzteren gewannen allerdings nicht viel dabei, denn beim Einkaufen von Lebensmitteln wurden sie angesteckt und starbenin Haufen, oft mutterseelenallein in ihren Booten, wo man sie erst auffand, als sie sich schon in einem unbeschreiblichen Zustand der Auflösung befanden.

Die Lage der Seeleute in diesem Stadtteil war wirklich höchst bejammernswert und verdiente das größte Mitleid, aber zum Unglück war das eine Zeit, in der jeder zuerst an seine eigene Sicherheit dachte und sich mit dem Elend des Nächsten nicht abgeben konnte. Alle hatten den Tod vor ihrer Türe oder schon im Hause und wußten weder, wohin zu fliehen, noch was sonst sie tun sollten. Dadurch wurde alles Mitleid erstickt und die Selbsterhaltung zum obersten Gesetz. Kinder verließen ihre Eltern, Eltern ihre Kinder, wenn das auch vielleicht nicht so häufig vorkam. Schreckliche Geschichten waren in Umlauf von Müttern, die in ihrem Wahnsinn ihre eigenen Kinder umgebracht hatten. Die eine ereignete sich nicht weit von meiner Wohnung; das arme, von Sinnen gekommene, Geschöpf lebte nicht einmal mehr so lange, um zum Bewußtsein ihrer Untat zu kommen, geschweige denn, dafür bestraft zu werden.

Wundern darf man sich darüber nicht, denn die ununterbrochene Todesgefahr zerstörte alles Mitgefühl und alle Sorge für andere. Ich rede natürlich nur im allgemeinen, denn es gab auch Beispiele einer unauslöschlichen Liebe, von Mitleid und Pflichtgefühl, von denen ich einige durch Hörensagen erfuhr. Für die Wahrheit in allen Einzelheiten kann ich freilich nicht einstehen.

Ehe ich näher darauf eingehe, möchte ich noch bemerken, daß das ärgste Schicksal von allen Menschen in dieser Unglückszeit die schwangeren Frauen traf. Kam ihre Stunde und stellten sich die Wehen ein, so blieben sie ohne jede Hilfe. Weder Hebammen noch mitleidige Nachbarinnen kamen zu ihnen. Die meisten Hebammen waren schon gestorben, besonders jene, die unter den Armen ihren Beruf ausübten; die besseren waren geflohen, so daß es den armen Frauen, die nicht einen unerhörten Preis zahlen konnten, so gut wie unmöglich war, eine zu bekommen. Die man haben konnte, waren meistens ungeschickte und unwissende Weiber, und die Folge war, daß eine unglaubliche Anzahl von Schwangeren in das haarsträubendste Elend gerieten. Viele wurden bei der Entbindung durch die Dummheit jener sogenannten Hebammen zugrunde gerichtet, und zahllose Neugeborne, ich möchte sagen, ermordet, wobei sie sich darauf hinausredeten, sie hätten auf Kosten des Kindes die Mutter retten wollen. Oft genug starben Mutter und Kind, besonders, wenn die Mutter schon verseucht war, und nun niemand sich in ihre Nähe wagte. Viele starben während der Geburt, in anderen Fällen lebte das Kind, hing aber noch durch die Nabelschnur mit der toten Mutter zusammen. Man konnte wirklich damals von ihnen sagen: Wehe in diesen Tagen den schwangeren Müttern und jenen, die ihre Kinder säugen.

Das Elend der stillenden Mütter war fast ebensogroß.Viele Kinder gingen zugrunde, weil ihnen die Amme fehlte. Man fand Kinderleichen bei der toten Mutter, die an nichts als Nahrungsmangel gestorben waren. Andere wurden durch die Ammen angesteckt, ja selbst durch die eigene Mutter, die ohne es zu wissen, ihnen das Gift mit der Milch einflößte. Sollte jemals wieder solch eine Seuche auftreten, so meine ich, daß alle schwangeren oder stillenden Frauen die Stadt verlassen sollten, denn ihr Elend ging wahrhaftig über alles menschliche Maß hinaus.

Ich könnte manche Schauergeschichte erzählen von noch lebenden Kindern, die an der Brust ihrer bereits erkalteten Amme oder Mutter saugten. In meinem Kirchspiel geschah es, daß eine Mutter, deren Kind nicht ganz wohl war, zum Apotheker schickte, er möchte sich’s ansehen. Als er kam, stillte sie gerade und schien völlig gesund zu sein, aber wie er sich näherte, sah er die Merkmale der Seuche auf derselben Brust, die dem Kinde Nahrung bot. Er wollte die arme Frau nicht zu sehr erschrecken und bat sie, ihm das Kind zu geben. Als er’s nun in die Wiege legte und dabei sein Kleidchen öffnete, gewahrte er die gleichen Merkmale auch auf seinem Körper. Beide starben, noch ehe er nach Hause gekommen war, um ein Gegenmittel zu senden. Ein anderes Mal wurde ein Kind zu seinen Eltern wieder nach Hause gebracht, da die Amme an der Pest gestorben war. Trotzdem ließ es sich die zärtliche Mutter nicht nehmen, den Säugling an die eigene Brust zu legen. Dadurch wurde sieangesteckt und starb, das tote Kind in ihren Armen.

Von einem Handelsmann in Ost-Smithfield hörte ich, dessen Frau zum erstenmal gebären sollte und in die Wehen kam, während sie schon angesteckt war. Er konnte ihr weder eine Hebamme noch eine Pflegerin verschaffen. Die zwei Dienerinnen waren geflüchtet, und er rannte wie ein Verrückter von Haus zu Haus, fand aber keine Hilfe. Endlich versprach ihm ein Wächter, der vor einem verseuchten und abgesperrten Hause seinen Posten hatte, ihm bis zum Morgen eine Pflegerin zu schicken. Der arme Teufel ging verzweifelt heim, leistete seiner Frau Beistand, so gut es gehen wollte, und brachte ein totes Kind zur Welt. Auch die Frau starb eine Stunde später, und er hielt die Leiche noch in seinen Armen, als der Wächter mit der Pflegerin erschien. Er hatte das Haus offen gefunden, war die Treppe heraufgekommen und fand nun den Mann, wie er sein totes Weib umschlungen hielt, und so sehr drückte ihn der Kummer nieder, daß er einige Stunden später seinen Geist aufgab, ohne irgend ein Zeichen der Ansteckung zu zeigen. So war er wirklich an gebrochenem Herzen gestorben.

Von andern habe ich gehört, die der Kummer über den Tod ihrer Angehörigen blödsinnig machte. Einer insbesondere wurde von seinem Trübsinn so völlig überwältigt, daß nach und nach sein Kopf förmlich zwischen die Schultern hineinsank. Er verlor allmählich Stimme und Empfindung, dasGesicht lehnte sich gegen das Schlüsselbein und konnte nur mit Gewalt aufgerichtet werden. Der arme Teufel kam nie mehr wieder zu sich, sondern blieb fast ein Jahr in diesem Zustande, ehe er starb. Niemals schlug er die Augen auf oder richtete seinen Blick auf einen der ihn umgebenden Gegenstände. –

Ich spreche jetzt von der Zeit, als die Pest im östlichsten Teile der Stadt wütete. Die Leute dort hatten gehofft, daß sie verschont bleiben würden, und waren nun entsetzt, als die Seuche wie ein geharnischter Mann auf sie eindrang. Dabei fallen mir wieder die drei Gesellen von Wapping ein, der Bäcker, Zimmermann und Segelmacher, von denen ich schon erzählt habe. Als sie sahen, daß sie nirgends mehr Arbeit bekommen könnten, entschlossen sie sich, sich vor der Seuche davon zu machen, und da sie haushälterisch angelegt waren, wollten sie versuchen, solange als möglich von ihren Ersparnissen zu leben und dann zusehen, wie sie weiterkämen. Aber zuerst wurde noch viel hin und her geredet wegen der Ausrüstung und der Straße, die sie einschlagen wollten. Besonders waren sie wegen eines Unterkommens zur Nachtzeit besorgt, aber dabei hatte der Bäcker, der, wie man sich erinnern wird, früher Soldat gewesen war, einen guten Einfall, indem er vorschlug, der Segelmacher solle ihnen ein kleines Zelt verfertigen. Der einzige Einwand, der dagegen gemacht wurde, war der, daß es zu schwer zum Tragen wäre, da sie ja schon alles mögliche mitzuschleppenhatten und das Wetter recht heiß war, denn es war um Mitte Juli. Aber auch in dieser Sache kam ihnen das Glück zu Hilfe. Der Meister, bei dem der Segelmacher gearbeitet hatte, besaß ein kleines elendes Pferd, und da er den drei ehrlichen Gesellen wohl wollte, überließ er es ihnen, zusammen mit einem alten Topbesansegel, das zwar nicht mehr viel wert, aber zu einem Zelt noch recht gut zu gebrauchen war. Nach den Anweisungen des gewesenen Soldaten war es bald fertig, und so konnte also die Reise angetreten werden. Ihre Ausrüstung bestand aus dem Zelt, dem Pferde, einer Flinte, da der Bäcker sich seines früheren Standes erinnerte und nicht ohne Waffe ausziehen wollte, einem kleinen Sack mit Werkzeugen für den Zimmermann und ein wenig Geld, das in eine gemeinsame Kasse zusammengelegt wurde.

Da der Wind bei ihrem Ausmarsch aus Nordwesten blies, so entschlossen sie sich, in dieser Himmelsrichtung vorzugehen. Dabei gab’s gleich die erste Schwierigkeit, weil sie stark verseuchte Stadtteile hätten berühren müssen. Sie machten daher einen weiten Umweg und erreichten die Landstraße gerade bei Bow. Die Wache auf der Bowbrücke hätte sie nicht durchgelassen, so waren sie gezwungen, einen schmalen Nebenweg einzuschlagen, auf dem sie bis Oldford kamen. Auf allen Straßen standen Konstabler, nicht so sehr, um die Leute anzuhalten, als um dafür zu sorgen, daß sie sich nicht in den Orten, die sie zu bewachen hatten, niederließen. Außerdem war auf dem Lande dasGerücht verbreitet, daß die Bevölkerung Londons, aus Verzweiflung über den Mangel an Arbeit und an Lebensmitteln, sich bewaffnet hätte und ausziehen wollte, um die Orte in der Umgegend mit Gewalt zu plündern.

In Oldford wurden die drei Wanderer nur ausgefragt, und da sie eher vom Lande als aus der Stadt zu kommen schienen, benahmen sich die Leute ganz freundlich gegen sie, ja führten sie sogar in ein Wirtshaus und setzten ihnen zu essen und zu trinken vor. Dabei hatten die Drei den guten Gedanken, von jetzt ab nie zu sagen, sie kämen von London, sondern aus Essex. Um diesen kleinen Betrug wahrscheinlicher zu machen, bewogen sie den Konstabler, ihnen ein Zeugnis auszustellen, daß sie von Essex kämen und nichts mit London zu tun hätten, was übrigens ja auch dem Buchstaben nach wahr war, da Wapping nicht mehr zu London gehörte.

Diese Bescheinigung war ihnen von großem Nutzen. Mit ihrer Hilfe wurden sie nicht nur in Hackney durchgelassen, sondern erhielten auch vom dortigen Friedensrichter ohne viel Schwierigkeit ein richtiges Gesundheitsattest. So hatten sie denn bald Hackney hinter sich und wanderten weiter, bis sie bei Stamfordhill auf die große Heerstraße gelangten.

Mittlerweile waren sie rechtschaffen müde geworden und beschlossen, ein wenig abseits von der Straße ihr Zelt aufzuschlagen. Dies taten sie denn auch, und zwar mit dem Eingange gegeneinen Heuschober, den sie zuerst gehörig durchsuchten, ob niemand dort versteckt wäre. Dort legten sie sich schlafen, aber dem Zimmermann gefiel es nicht, daß sie so gleichsam schutzlos die Nacht zubringen sollten, er nahm die Flinte und ging als Wache vor dem Heuschober auf und ab. Bald hörte er das Geräusch von Stimmen, die lauter und lauter wurden, bis auch der Bäcker aus dem Zelt gekrochen kam. Die Leute gingen gerade auf den Heuschober zu, bis ihnen der Bäcker ein martialisches »Wer da?« zurief. Auf das hin hielten sie an und besprachen sich untereinander, woraus hervorging, daß sie alle zusammen 13 waren, darunter auch einige Frauen. Außerdem erfuhren unsere Freunde auf diese Weise, daß sie gleich ihnen auf der Flucht vor der Seuche waren und eine große Angst verrieten, von ihnen angesteckt zu werden, was wohl bewies, daß sie selbst gesund waren. Auf dies hin sagte der Bäcker zum Zimmermann, man solle die Leute doch herrufen, und nach längerem Hin- und Herreden kamen sie auch herbei und krochen in den Heustadel, der bis oben voll Heu war, so daß sie sich’s ganz bequem machen konnten. Ehe sie sich schlafen legten, hörte man sie noch beten und den Schutz Gottes auf sich herabrufen.

Als der Tag angebrochen war, machten sie sich näher miteinander bekannt und erfuhren, daß die Leute auch aus London kamen und den Plan hatten, über den Fluß und durch die Sümpfe in den Wald von Epping zu wandern, wo sie hofften, sichlänger aufhalten zu können. Sie hatten genug Vorräte für 2 oder 3 Monate bei sich, und dann, meinten sie, würde bei Eintritt kalter Witterung wohl die Seuche erlöschen, wenn auch vielleicht nur deshalb, weil kein Lebender mehr in der Stadt zurückgeblieben wäre.

Die Absichten unserer drei Freunde waren eigentlich nach einer anderen Richtung gegangen, aber nun entschlossen sie sich doch, mit den anderen gemeinsame Sache zu machen und ihnen nach Essex zu folgen. So wurde denn das Pferd mit dem Zelt beladen und dann gemeinschaftlich der Marsch angetreten.

An der Fähre über den Fluß gab es den ersten Aufenthalt, da der Fährmann Angst vor ihnen hatte. Aber endlich verständigten sie sich aus der Entfernung, und der Fährmann willigte ein, ein Boot etwas weiter flußaufwärts zu bringen und es dort zu lassen, damit sie sich selbst übersetzen könnten. Er zeigte ihnen, wo sie das Boot drüben lassen sollten, damit er’s mit seinem anderen wieder abholen könne, was er übrigens erst nach mehr als acht Tagen getan haben soll. Der Fährmann brachte ihnen auch Lebensmittel und Getränk ins Boot, nachdem man ihm das Geld dafür zuvor hingelegt hatte. Zum Schluß machte es noch nicht geringe Schwierigkeit, das Pferd hinüberzubringen, und da die Fähre dafür zu klein war, mußte man es abpacken und über den Fluß schwimmen lassen.

Vom anderen Ufer aus marschierten sie gegenden Wald zu, aber als sie nach Walthamstow kamen, verwehrte ihnen die Bevölkerung den Zutritt, wie es jetzt überall geschah. Die Konstabler und Wächter hielten sich in einiger Entfernung und unterhandelten mit ihnen. Sie wiederholten, was sie schon das vorige Mal gesagt hatten, aber hier fanden sie keinen Glauben, da schon 2 oder 3 Gesellschaften unter denselben Vorwänden sich durch mehrere Orte durchgeschmuggelt und eine ganze Anzahl von deren Bevölkerung angesteckt hatten. Darauf war man, wenn auch gerechtermaßen, so unbarmherzig gegen sie vorgegangen, daß einige von ihnen auf freiem Felde zugrunde gegangen waren, ob an der Pest oder aus Mangel an Lebensmitteln, ließ sich nicht sagen.

Daher waren die Leute in Walthamstow sehr argwöhnisch geworden und hatten den Entschluß gefaßt, niemand mehr aufzunehmen, von dessen Gesundheitszustand sie nicht überzeugt wären.

Der Zimmermann und einer von der anderen Gesellschaft meinten, das alles wäre kein Grund, die offene Straße zu versperren und die Leute nicht durch die Stadt zu lassen. Sie wollten ja gar nichts von ihnen als die Freiheit, durch die Stadt zu ziehen. Hätten die Einwohner Angst, so könnten sie ja in ihre Häuser gehen und die Türen abschließen. Die Konstabler aber und wer sonst noch herumstand waren jedem vernünftigen Grunde unzugänglich und versteiften sich auf das, was sie schon gesagt hatten. So kehrten die beiden Unterhändler zu ihren Kameraden zurück, um mit ihnenzu beraten, was zu tun wäre. Darüber konnten sie sich nicht einig werden, bis der Bäcker und frühere Soldat sagte, sie sollten alles ihm überlassen. Er wies darauf den Zimmermann an, aus Baumzweigen etwas Flintenähnliches zu schnitzen, und nachdem sie auf diese Weise 5 oder 6 Musketen verfertigt hatten, die aus der Entfernung ganz gut für solche gehalten werden konnten, nahm er ein paar Leute mit sich und schlug das Zelt mitten auf der Straße auf, der Barrikade gerade gegenüber, die von den Stadtbewohnern errichtet worden war. Dann stellte er vor das Zelt eine Wache mit der einzig wirklichen Flinte in ihrem Besitz, der mit geschultertem Gewehr auf und ab gehen mußte, daß jeder ihn sehen konnte. Das Pferd wurde an eine Hecke neben dem Zelt gebunden und ein Feuer auf dessen anderer Seite angezündet, so daß man von der Stadt aus das Feuer und den Rauch sehen konnte, aber nicht, was die Leute dabei taten.

Die Städter beobachteten sie eine gute Weile und mußten bei all diesen Zurichtungen glauben, daß sie es mit einer ganzen großen Bande zu tun hätten. Daher machten sie sich mehr Sorge, daß sie bleiben als daß sie weggehen würden. Von dem einen Pferd und der einen Muskete schlossen sie auf viele, und als sie noch Leute mit geschulterten Gewehren auf dem Felde hin- und hergehen sahen, gerieten sie in einen mächtigen Schrecken, liefen zum Friedensrichter und fragten ihn, was man tun solle. Was ihnen jener antwortete, weiß ichnicht, aber jedenfalls kamen sie gegen Abend auf die Barrikade und riefen die Schildwache vor dem Zelt an.

Das Ergebnis der langen Unterhandlungen war endlich, daß die Flüchtlinge versprachen, einen Fußweg hinten um die Stadt herum über die Felder zu nehmen, und die Städter sich dagegen verpflichteten, sie mit reichlichen Lebensmitteln zu versorgen, unter der Bedingung, daß jene auch nicht einen Schritt gegen die Stadt von der Stelle aus hin machten, wo die Lebensmittel niedergelegt würden.

Damit war alles einverstanden, und demgemäß wurden an den vereinbarten Platz 20 große Brotlaibe und ebensogroße Fleischstücke gebracht, auch einige Gatter auf dem Nebenwege geöffnet, aber niemand hatte den Mut, den Flüchtlingen zuzusehen, und da die Nacht schon hereingebrochen war, hätte man auch nicht gewahren können, wie wenige Leute sie waren.

So zog der Soldat die ganze Gesellschaft aus der Schlinge, brachte aber dafür die ganze Grafschaft in Aufruhr. Wären sie wirklich 200 oder 300 gewesen, wie es hieß, so hätte man die Bevölkerung gegen sie aufgeboten und sie ins Gefängnis geworfen oder auch totgeschlagen.

Das merkten sie bald, denn zwei Tage später trafen sie auf mehrere Haufen Reiter und Fußvolk, die »drei Kompanien mit Musketen bewaffneter Leute« verfolgen sollten, die von London kamen und mit der Pest verseucht waren, undnicht nur diese verbreiteten, sondern auch überall plünderten.

Nun erkannten sie die Folgen ihrer Handlungsweise und die Gefahr, in der sie sich befanden. Sie beschlossen daher, auf den Rat des früheren Soldaten, sich wieder zu trennen. Die drei wandten sich gegen Waltham, die andern in zwei Teilen nach dem Walde von Epping zu.

Die erste Nacht brachten sie alle im Walde zu, nicht weit voneinander, vermieden es aber, das Zelt aufzuschlagen aus Angst, daß sie dadurch verraten werden könnten. Dagegen machte sich der Zimmermann mit Axt und Beil an die Arbeit und schlug so viele Baumzweige herab, daß sie daraus drei hüttenartige Unterschlupfe machen konnten, in denen sich ganz gut übernachten ließ. Lebensmittel hatten sie auch genug, und die Sorge für den nächsten Tag überließen sie der Vorsehung. Die Ratschläge des alten Soldaten hatten ihnen so gut gefallen, daß sie ihn nun freiwillig zu ihrem Führer erwählten. Er zeigte auch gleich, daß sie damit das Richtige getroffen hatten. Er meinte nämlich, daß sie nun weit genug von London wären, und daß sie die gleiche Sorge tragen müßten, nicht angesteckt zu werden, als niemanden anzustecken. Gewaltsam wollten sie nicht vorgehen, und daher müßten sie sich den getroffenen Maßregeln anbequemen. Damit waren sie alle einverstanden und setzten am nächsten Tage ihren Marsch gegen Epping zu fort. Auch der Kapitän, wie er jetzt genannt wurde, und seine beiden Gefährtenhatten sich wieder an die anderen angeschlossen.

Als sie in die Nähe von Epping kamen, machten sie halt und suchten sich einen Platz im offenen Walde, nicht zu nah, aber auch nicht zu weit von der Straße in einem kleinen Gebüsch. Hier schlugen sie ihr Lager auf, das aus drei großen runden Hütten bestand, die der Zimmermann mit Hilfe der andern aus Zweigen aufbaute, die er an den Enden zusammenband. Die Seitenwände wurden mit Blättern und Moos verstopft, so daß sie vollständig dicht und warm hielten. Außerdem hatten sie das kleine Zelt, das den Frauen überlassen wurde, und eine kleine Hütte für das Pferd.

Am nächsten Tage war zufällig Markttag in Epping, wohin der Kapitän mit einem Begleiter sich aufmachte, um einige nötige Lebensmittel einzukaufen, nämlich Brot und etwas Fleisch. Zwei der Frauen gingen für sich, als ob sie gar nicht zu der Gesellschaft gehörten, und kauften noch mehr. Mittlerweile verfertigte der Zimmermann einen Tisch und einige Bänke und Stühle, so gut es eben gehen wollte.

Zwei oder drei Tage lang wurde ihre Anwesenheit nicht bemerkt, dann aber zogen die Leute haufenweise aus der Stadt, um sie anzusehen, und die ganze Gegend geriet ihretwegen in Aufregung. Anfangs hatte man Angst, ihnen nahezukommen, und die Flüchtlinge selbst waren froh, wenn dies nicht geschah, denn das Gerücht ging, daß die Pest auch in Waltham ausgebrochen sei und bereits auf Eppingübergegriffen habe. Daher bat sie der Kapitän, nicht in ihre Nähe zu kommen, da sie alle völlig gesund wären und weder von ihnen angesteckt werden noch auch hören möchten, daß sie die Seuche zu ihnen gebracht hätten.

Darauf erschienen die Kirchspielbeamten und fragten aus der Entfernung, wer sie wären und mit welchem Recht sie sich hier aufhielten. Der Kapitän antwortete ganz aufrichtig, sie wären arme Flüchtlinge aus London, die dem kommenden Elend sich hatten entziehen wollen, um ihr Leben zu retten und die weder Freunde noch Verwandte besäßen, wohin sie sich hätten flüchten können. Zuerst wären sie nach Islington gezogen, da aber die Seuche auch dahin gekommen sei, wären sie weitergewandert. Und weil sie voraussetzten, daß die Inwohner von Epping ihnen doch verwehrt hätten, in die Nähe der Stadt zu kommen, hätten sie nun ihr Lager unter dem freien Himmel aufgeschlagen und nähmen freiwillig all die Beschwerlichkeiten eines solchen Aufenthaltes auf sich, lieber, als daß irgend jemand ihnen vorwerfen könnte, er wäre durch sie zu Schaden gekommen.

Zuerst wollten die Leute von Epping nichts davon hören, daß sie dablieben und befahlen ihnen, weiterzuwandern. Dies wäre kein Platz für sie, und wenn sie auch behaupteten, gesund zu sein, so möchten sie doch, ohne es zu wissen, schon angesteckt sein und die ganze Gegend anstecken, und deshalb könne man sie hier nicht dulden.

Der Kapitän verhandelte mit ihnen in aller Geduldweiter und hielt ihnen vor, daß sie alle von London, wohin sie ihre Landesprodukte verkauften, lebten und ihre Höfe erhielten, und daß es nicht recht wäre, so unbarmherzig gegen Londoner zu sein, durch die sie so viel verdienten. Später würden sie sich nur mit Reue daran erinnern, wenn es sich herumspräche, wie ungastlich, unfreundlich und barbarisch sie sich gegen Bewohner von London verhalten hätten, die vor dem schrecklichsten Feinde des Menschengeschlechtes geflüchtet wären. Von nun an wäre jeder Eppinger in London verfehmt, und der Pöbel würde ihnen Steine in den Straßen nachwerfen, wenn sie wieder zu Markt kämen.

Die Eppinger erwiderten darauf, in Walthamstow wäre eine ganze Bande erschienen, die auch behaupteten, sie wären alle gesund, und hätten gedroht, die Stadt zu plündern und mit Gewalt ihren Weg fortzusetzen. Fast 200 wären sie gewesen, mit Waffen und Zelten wie eine richtige Armee. Durch die Drohung, sonst sich alles selbst zu nehmen, hätten sie Lebensmittel von der Stadt erpreßt, und die ganze Umgegend wäre von ihnen verseucht worden. Wahrscheinlich gehörten auch sie zu dieser Bande und verdienten, ins Gefängnis geworfen zu werden, bis sie Schadenersatz geleistet hätten für alles, was sie angerichtet und für die Angst und den Schrecken, in die sie die ganze Gegend gestürzt hätten.

So wurde noch lange hin- und hergeredet, bis endlich der Kapitän sagte, sie würden nichts mitGewalt nehmen, selbst wenn die Eppinger ihre Herzen gänzlich jedem Mitleid verschlössen, und wenn dann das Wenige, das sie hätten, verbraucht wäre, so müßten sie eben nach dem Willen Gottes zugrunde gehen.

Seine vernünftige und ruhige Art zu reden hatte eine solche Wirkung auf die Eppinger, daß sie fortgingen. Und obwohl sie wohl mit ihrem Bleiben nicht einverstanden waren, taten sie doch auch nichts, sie zu vertreiben, so daß die armen Teufel die nächsten drei oder vier Tage Ruhe hatten. Mittlerweile hatten sie sich mit einem Lebensmittelladen am Rande der Stadt in Verbindung gesetzt, der ihnen die nötigsten Bedürfnisse in der üblichen Weise lieferte, indem die Lebensmittel in einiger Entfernung auf die Erde gelegt wurden.

Das junge Volk kam inzwischen oft bis ganz nahe ans Lager, stand da herum, schaute sich alles an und unterhielt sich mit ihnen, wobei aber immer noch ein Zwischenraum aufrechterhalten wurde. Daß man hörte, wie sie am ersten Sonntag beteten und ihre Sonntagsfeier mit Psalmensingen begingen, machte einen guten Eindruck, so daß allmählich die Stimmung der Leute umschlug, und man sie mit Mitleid zu betrachten begann. Die Folge davon war, daß nach einer schweren Regennacht ein gewisser Landedelmann, der in der Nachbarschaft lebte, ihnen einen Karren mit zwölf Bündeln Stroh schickte, um darauf zu liegen und die Dächer ihrer Hütten damit zu decken. Der Kirchspielgeistliche sandte ihnen auch, ohne von demersteren Geber zu wissen, zwei Scheffel Weizen und einen halben Scheffel weiße Erbsen.

Nachdem diese beiden so begonnen und ein Beispiel der Nächstenliebe gegeben hatten, schlossen sich bald andere an, und es verging kaum ein Tag, der ihnen nicht irgendeine Gabe brachte. Einige schickten Sessel, Tische und solche Haushaltungsgegenstände, die sie nötig hatten, andere Leintücher und Bettdecken, die dritten Ton- und Küchengeschirr.

Dadurch ermutigt, baute ihnen der Zimmermann in wenigen Tagen einen großen Schuppen oder ein Haus mit Dachsparren, einem richtigen Dach und einem oberen Stockwerk, wo sie trocken hausen konnten, denn das Wetter begann jetzt, anfangs September, allmählich feucht und kalt zu werden. Auf der einen Seite errichtete er noch eine Erdmauer mit einem Kamin darin, und ein anderes Mitglied der Gesellschaft fabrizierte dazu mit unsäglicher Mühe und Arbeit einen Rauchfang, um den Rauch hinauszulassen.

Hier lebten sie also soweit ganz gut, bis anfangs September die schlimme Neuigkeit kam, daß die Seuche, die sich schon über die ganze Umgegend verbreitet hatte, nun auch Epping, Woodford und alle sonst um den Wald gelegenen Städte ergriffen habe. Daran sollten hauptsächlich die Hausierer schuld sein, die von und nach London her- und hinzogen. Wenn das wirklich der Fall war, so ist es ein klarer Gegenbeweis gegen die Behauptung, die man später in ganz Englandhörte, daß nämlich die Marktleute niemals angesteckt wurden oder die Seuche aufs Land hinaustrugen, was ich aus eigenem Wissen auch nicht bestätigen kann.

Die Flüchtlinge aber gerieten nun in große Aufregung, da die umliegenden Städte tatsächlich verseucht waren; sie trauten sich nicht mehr, sich um Lebensmittel umzutun und kamen dadurch in eine sehr üble Lage. Denn nun hatten sie nichts mehr, als was die Güte der Landherren in der Umgegend ihnen zukommen ließ. Ein Glück war, daß einer, von dem sie bisher nichts erhalten hatten, nun anfing, ihnen Lebensmittel zu schicken und gleich mit einem ansehnlichen Schwein den Beginn machte. Von einem andern bekamen sie zwei Schafe und von einem Dritten ein Kalb, kurz, an Fleisch fehlte es ihnen nicht, und zuweilen kam dazu auch noch Milch und Käse. Nur mit dem Brot sah es schlecht aus, da sie nur Weizen besaßen, aber endlich verfertigte der Bäcker eine Art Ofen und brachte damit ganz genießbare Brotkuchen zustande. So gelang es ihnen, ohne weitere Hilfe von den Städten auszukommen, und das war gut so, denn bald war die ganze Gegend verseucht, und in den umliegenden Dörfern starben nicht weniger als 120 Leute an der Pest.

Auf dies hin beratschlagten sie aufs neue, und jetzt hatten die Städte keinen Grund mehr, sich vor ihnen zu fürchten, im Gegenteil zogen einige Familien der ärmeren Bevölkerung zu ihnen in den Wald und bauten sich dort nach ihrem VorbildHütten. Aber schon war es zu spät für sie, und die Ansteckung folgte ihnen auch dahin. Das war ein schwerer Schlag für die Gesellschaft, als sie davon Kenntnis erhielt. Denn nun hieß es wieder weiterwandern, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollten, ihr Leben zu verlieren.

Es ist kein Wunder, daß sie den Ort nur mit schwerem Herzen verließen, wo sie so viele Barmherzigkeit und Menschlichkeit erfahren hatten, aber sie sahen ein, daß ihnen keine Wahl bliebe. So beschlossen sie, sich erst an jenen Gutsbesitzer zu wenden, der sich zuerst ihrer angenommen hatte, und ihn um Rat und Hilfe zu bitten. Der gute Mann redete ihnen zu, den Platz zu verlassen, um nicht von jeder weiteren Zuflucht abgeschnitten zu werden, wohin sie aber gehen sollten, wußte er ihnen auch nicht zu sagen. Schließlich bat ihn der Kapitän, ihnen als Friedensrichter Gesundheitszeugnisse auszustellen, die sie überall seinen Amtsgenossen vorzeigen könnten, damit man sie nicht wieder zurückwiese, obschon sie nun schon so lange von London fort wären. Dies geschah auch; sie erhielten die Atteste und hatten nun die Freiheit zu gehen, wohin es ihnen beliebte.

Mit diesen Zeugnissen versehen machten sie sich also auf den Weg und wanderten gegen die Sümpfe auf der Seite von Waltham zu. Hier trafen sie auf einen Mann, der eine Art Wehr im Flusse errichtet hatte, um das Wasser für die aufwärtsgehenden Schiffe aufzustauen, und der ihnen erzählte, daß alle am Flusse liegenden Orte inganz Middlesex und Hertfordshire, auch alle Plätze an der Hauptstraße verseucht wären. Dadurch ließen sie sich abschrecken, ihren Weg fortzusetzen, obwohl ihnen der Mann wahrscheinlich nur etwas vormachte, denn in Wirklichkeit lagen die Dinge lange nicht so schlimm.

Sie beschlossen nun, durch den Wald gegen Rumford und Brentwood zu ziehen, hörten aber, daß der ganze Wald schon voll von Flüchtlingen aus London wäre, die ohne Obdach und Lebensmittel, ein jämmerliches Dasein führten und von denen es hieß, daß sie durch Gewalttaten aller Art ihr Los zu erleichtern suchten. Einige von ihnen hatten neben der Straße Hütten errichtet und bettelten in der frechsten und unverschämtesten Weise, so daß die ganze Gegend in Aufregung geraten war und manche festgenommen werden mußten.

Mit der Mildtätigkeit und Freundlichkeit, die unsere Freunde früher erfahren hatten, war’s nun wohl zu Ende, das sahen sie ein, im Gegenteil waren sie in Gefahr, von den andern Flüchtlingen Böses gewärtigen zu müssen. In dieser Lage schickten sie den Kapitän zu dem guten Herrn zurück, ihrem Wohltäter, um ihn in ihrer aller Namen noch einmal um Rat zu bitten. Den gab er denn auch und meinte, sie sollten ihr altes Quartier wieder beziehen oder, wenn sie das nicht wollten, weil die Jahreszeit schon zu weit fortgeschritten wäre, sich näher an der Straße ansiedeln. Dort fanden sie ein altes, halbverlassenes Haus, daskaum noch bewohnbar war und ihnen deshalb gern von dem Bauern, dem es gehörte, überlassen wurde.

Nun gab es für den Zimmermann und seine Helfer genügend Arbeit, aber in wenigen Tagen hatten sie das Haus ganz wohnlich hergerichtet, und da sie dort einen Kamin und einen Ofen fanden, waren sie auch gegen die kommende Kälte gesichert. Was sie sonst noch brauchten, nämlich hauptsächlich Bretter, um Fensterladen, Fußböden und Türen zu machen, erhielten sie von den Leuten, bei denen sie nun schon einmal bekannt waren, und wo ihnen jeder gern aushalf.

Hier richteten sie sich nun für die Dauer ein, entschlossen, dazubleiben. Denn sie sahen wohl, wie aufgebracht die Provinz gegen alle war, die aus London stammten, und daß sie ohne die größten Schwierigkeiten nirgends durchkommen würden oder auf einen freundlichen Empfang rechnen könnten. Aber trotzdem ihnen von allen Seiten Hilfe zuteil wurde, hatten sie doch genug Beschwerden zu erdulden, denn nun, im Oktober und November, setzte die Kälte ein, so daß viele von ihnen erkrankten, freilich nicht an der Pest. Im Dezember kehrten sie dann wieder nach London in ihre Heimat zurück.

Ich habe diese Geschichte so ausführlich erzählt, um zu zeigen, woher plötzlich die Masse Menschen kam, die in London erschienen, sobald die Seuche nachgelassen hatte. Die bessern Klassen hatten bei ihren Freunden auf dem Lande ein Unterkommen gefunden, und jene, die keine Freunde draußenhatten, waren nach allen Richtungen geflohen, ob sie nun Geld hatten oder nicht. Die ersteren kamen am weitesten, da sie sich selbst erhalten konnten, die andern aber mußten die ärgsten Entbehrungen erdulden und konnten sich oft nur durch Stehlen durchbringen. Dadurch wurde man wieder gegen sie aufgebracht und steckte sie ein, obwohl man nicht recht wußte, was man mit ihnen anfangen sollte und sie nicht gut bestrafen konnte. Oft genug aber schob man sie von Ort zu Ort ab, bis sie wieder in London waren.

Ich habe seitdem überall nachgefragt und erfahren, daß es eine Menge von diesen armen, unglücklichen Leuten gab, die irgendwohin aufs Land hinaus geflohen waren und nun in Hütten und Heuschobern ihr Leben fristeten, wo man sie zuweilen auch unterstützte, wenn sie überzeugend dartun konnten, daß sie nicht zu spät London verlassen hätten. Die meisten aber wohnten in selbstgebauten Hütten auf freiem Feld oder in den Wäldern oder wie Einsiedler in Löchern und Höhlen, oder wo sie sonst bleiben mochten, wo es ihnen so schlecht ging, daß sie auf jede Gefahr hin wieder lieber nach der Stadt zurückkehrten. Die Hütten blieben dann verlassen, und das Landvolk glaubte, daß die Bewohner tot drin lägen, und traute sich noch lange nicht, in die Nähe zu kommen. Und wirklich ist es auch durchaus nicht unwahrscheinlich, daß eine Anzahl dieser unseligen Flüchtlinge allein und verlassen und ohne jede Hilfe zugrunde ging. –

Von einem traurigen Fall hörte ich, einem Bürger, der durch die Seuche seine Frau und alle Kinder verloren hatte. Nur er, zwei Dienstboten und eine alte Frau waren am Leben geblieben, eine Verwandte, die ihre Angehörigen bis zum Tode gepflegt hatte. Der Mann begab sich in ein nahes noch unverseuchtes Dorf, fand dort ein leeres Haus und mietete es von dem Besitzer. Nach einigen Tagen verschaffte er sich einen Karren, belud ihn mit dem Nötigsten und fuhr damit hinaus. Die Dorfbewohner wollten ihn zwar nicht durchlassen, aber teils durch Zureden, teils durch Gewalt, gelang es den Leuten, die den Karren schoben, doch bis zur Türe des Hauses zu kommen. Aber dort leistete der Konstabler ihnen neuen Widerstand und ließ sie nicht ins Haus. Der Mann ließ die Sachen vor der Tür abladen und schickte den Karren weg, worauf man ihn vor den Friedensrichter führte. Dieser befahl ihm, die Sachen auf dem Karren wieder zurückbringen zu lassen, was der Mann verweigerte. Darauf schickte der Friedensrichter den Karrenführern den Konstabler nach und beauftragte ihn, sie vorzuführen und sie zu zwingen, die Sachen wieder aufzuladen und fortzubringen, widrigenfalls sie in den Stock gelegt würden. Sollte er die Leute nicht finden und der Mann sich nicht bereit finden lassen, die Sachen zu entfernen, so sollten sie mit Hacken auf die Straße gezogen und dort verbrannt werden. Auf das hin ließ der arme Teufel die Sachen wieder holen, aber nicht, ohne sich über die ihm widerfahreneHärte und Grausamkeit aufs bitterste zu beklagen. Aber es half nun einmal nichts, der Selbsterhaltungstrieb zwang die Leute zu solchen Maßregeln, von denen sie unter andern Umständen nichts hätten wissen wollen. Was aus dem Manne wurde, kann ich nicht sagen, aber es hieß, er wäre schon damals angesteckt gewesen, wenn das auch vielleicht nur die Leute sagten, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen.

Ein Haus in Whitechapel wurde eines angesteckten Dienstmädchens wegen abgesperrt, das nur Flecken, nicht die eigentlichen Merkmale der Seuche hatte und später auch wieder gesund wurde. Die Hausleute durften also 40 Tage lang auch keinen Schritt an die Luft gehen. Angst, Ärger, Wut, Mangel an frischer Luft und was sonst noch mit einer solch schlimmen Behandlung zusammenhing, zogen der Hausfrau ein Fieber zu. Darauf erschienen die Visitatoren und sagten, sie hätte die Pest, obwohl die Ärzte erklärten, daß das nicht der Fall wäre. So wurde die Familie gezwungen, die Absperrungszeit von neuem durchzumachen, obwohl an der ersten nur noch ein paar Tage fehlten. Der Kummer und die Empörung darüber warfen sie nun alle aufs Krankenlager, die einen erkrankten an Skorbut, andere an ähnlichen Übeln, bis schließlich, nachdem die Absperrung noch mehrmals verlängert worden war, einige Besucher, die mit den Visitatoren kamen in der Hoffnung, die Ärmsten endlich in Freiheit zu setzen, wirklich die Seuche ins Haus schleppten, an der fast alle starben.Also nicht an der Pest, die sie gehabt hatten, sondern die jene ihnen zugebracht hatten, die sie davor hätten schützen sollen. Dergleichen passierte häufig genug und war eine der schlimmsten Folgen der Häuserabsperrung.

Um diese Zeit mußte ich eine kleine Mühe auf mich nehmen, die mich zuerst in große Bestürzung versetzte und sehr unbehaglich machte, obwohl sich später herausstellte, daß es damit nicht so schlimm war. Der Ratsherr unseres Distriktes nämlich ernannte mich zu einem der Untersuchungsbeamten in dem Bezirk, wo ich wohnte. In unserm Kirchspiel gab es deren nicht weniger als 18. Wir hatten den Titel Untersuchungsbeamte, das Volk aber nannte uns Visitatoren. Ich versuchte alles mögliche, um mich von einem solchen Amte loszumachen und brachte gegen den Stellvertreter des Ratsherrn einen Haufen Gründe vor, die mich verhinderten. Besonders führte ich an, daß ich gegen die Absperrung der Häuser sei, und daß es unrecht wäre, mich zur Durchführung einer Maßregel zu zwingen, die gegen meine Überzeugung wäre, und wie ich glaube, auch keinen wirklichen Nutzen brächte. Das einzige aber, was ich erreichen konnte, war, daß ich anstatt der üblichen zwei Monate nur auf drei Wochen verpflichtet wurde, vorausgesetzt, daß ich dann einen geeigneten Stellvertreter namhaft machen könne. Das war freilich nur ein schwacher Trost, denn es war äußerst schwierig, jemanden zu finden, der ein solches Amt auf sich nehmen wollte.

Einen Erfolg hatte tatsächlich die Absperrung der Häuser, den ich durchaus nicht verkleinern will. Den Erkrankten wurde es dadurch unmöglich gemacht, in den Straßen herumzulaufen, wie es am Anfang so oft geschah, ehe man sie einschloß. Damals kam es sogar vor, daß sie an die Haustüren kamen, erklärten, sie hätten die Pest und um alte Lumpen baten, um ihre Geschwüre zu verbinden.

Die Frau eines wohlhabenden Bürgers wurde, wenn die Geschichte wahr ist, von einem solchen Geschöpf in der Aldersgate-Straße oder da herum umgebracht. Der Mann, ganz von Sinnen, wanderte singend durch die Straßen. Die Leute meinten, er wäre nur betrunken, aber er selbst sagte, er hätte die Pest, was auch wohl wahr war. Als er der Frau begegnete, wollte er sie küssen. Entsetzt darüber, denn er war ein roher Patron, rannte sie davon, da aber nur wenig Leute auf der Straße waren, konnte ihr niemand zu Hilfe kommen. Als sie sah, daß sie ihm nicht entfliehen könne, wandte sie sich um und gab ihm mit aller Kraft einen solchen Stoß, daß er, schwach wie er war, auf die Erde fiel. Aber unglücklicherweise hielt er sich an ihr und zog sie auch zu Boden, worauf er sie packte und küßte. Das Scheußlichste war, daß er ihr dann sagte, er habe die Pest, und warum solle sie sie nicht ebensogut kriegen? Sie war schon zuvor außer sich, besonders da sie seit einigen Monaten schwanger war, als sie ihn nun aber sagen hörte, daß er die Pest habe, schrie sie auf und fiel inOhnmacht oder vielmehr bekam einen Anfall, von dem sie sich zwar wieder erholte, aber doch wenige Tage darauf starb, ob an der Pest oder nicht, habe ich nicht erfahren können.

Ein anderer erkrankter Mann erschien an der Tür eines Bürgers und klopfte. Da er dort gut bekannt war, ließ ihn das Dienstmädchen ein, und als man ihm sagte, der Hausherr wäre oben, lief er hinauf und trat in das Zimmer, wo eben die ganze Familie beim Abendessen war. Sie erhoben sich ein wenig erstaunt, da sie nicht wußten, um was es sich handelte. Der Mann aber bat sie, ruhig sitzenzubleiben, er käme nur, um Abschied zu nehmen. »Wieso?« fragte man ihn, »wohin geht Ihr denn?« – »Wohin –« antwortete er, »ich habe die Pest und werde bis morgen abend tot sein.« Es dürfte schwer sein, sich die Bestürzung der ganzen Familie auszumalen. Die Frauen und die Töchter, die noch kleine Mädchen waren, hatten vor Schrecken beinahe den Tod. Sie standen auf und rannten hinaus, die eine zu der Tür, die andere zur andern, die Treppe hinauf und hinab, und als sie endlich alle beisammen waren, schlossen sie sich im Zimmer ein und schrien aus dem Fenster wie die Wahnsinnigen um Hilfe. Der Hausherr, der trotz alles Schreckens und aller Empörung ruhiger geblieben war, wollte den Eindringling zuerst packen und die Treppe hinunterwerfen. Dann aber überlegte er den Zustand des Mannes und die Gefahr ihn zu berühren, und vor Entsetzen erstarrte er, ohne eine Bewegung machen zu können.Der arme Kranke, dem die Ansteckung wohl schon bis ins Gehirn gedrungen war, stand mittlerweile ganz still. Endlich wandte er sich um. »So, so,« sagte er mit der größten Ruhe, »ist es so mit euch allen! Hab’ ich euch wirklich gestört? Dann will ich nach Hause gehen und dort sterben.« Mit diesen Worten ging er zur Tür und die Treppe hinunter. Das Dienstmädchen, das ihn hereingelassen hatte, folgte ihm mit einem Licht, hatte aber Angst, an ihm vorbeizugehen und die Türe zu öffnen, so blieb sie auf der Treppe stehen, um zu sehen, was er tun würde. Der Mann machte die Tür auf, ging hinaus und warf sie hinter sich zu. Es dauerte einige Zeit, bis die Familie über den Schrecken wegkam, da aber schlimme Folgen ausblieben, haben sie seitdem die Geschichte oft mit großer Genugtuung erzählt. Der Mann war jedoch schon einige Tage fort, ehe sie sich wieder im Hause richtig zu bewegen trauten, und auch dann erst, als sie einen Haufen Räucherwerk in allen Zimmern verbrannt und einen dicken Rauch mit Pech, Schwefel und Schießpulver gemacht hatten. Auch trugen sie Sorge, die Kleider zu wechseln und zu waschen. Was aber den armen Mann anbelangt, so kann ich mich nicht erinnern, ob er auch wirklich gestorben ist.

Hätte man die Häuser nicht abgesperrt und die Kranken eingeschlossen, so wären sicher Haufen von ihnen in ihren Fieberdelirien beständig auf den Straßen hin und her gelaufen. Es taten’s ja so eine ganze Menge, die gegen die ihnen Begegnendenalle möglichen Gewalttätigkeiten verübten, wie ja auch die tollen Hunde jeden beißen, der ihnen in den Weg kommt. Ich bin auch überzeugt, daß jeder, der von solch einem verseuchten Geschöpfe gebissen worden wäre, sicher eine unheilbare Ansteckung davongetragen haben würde.

Ich hörte von einem Kranken, der von der Qual der Geschwülste, von denen er drei hatte, aus dem Bett getrieben wurde, die Schuhe anzog und nach seinem Rock griff, aber von der Pflegerin daran gehindert wurde. Sie riß ihm den Rock weg, er aber warf sie zu Boden, rannte die Treppe hinunter und im Hemd gerade auf die Straße, die zum Flusse führt. Die Pflegerin hinter ihm her, rief dem Wächter zu, ihn aufzuhalten, aber der hatte Angst ihn anzurühren und ließ ihn weiterlaufen. Er rannte bis zu den Stillyard-Stufen, zog sein Hemd aus und sprang ins Wasser. Und da er ein guter Schwimmer war, schwamm er bis ans andere Ufer, als gerade die Flut einsetzte und ihn bis zu den Stufen bei Falcon hinabtrug, wo er aus dem Wasser stieg. Wie er nun jetzt, zur Nachtzeit, niemand sah, rannte er splitternackt eine Zeitlang in den Straßen umher, sprang dann wieder ins Wasser und kam mit der Flut an denselben Platz zurück, von wo er weggeschwommen war. Dann lief er nach Hause, klopfte an die Tür, stieg die Treppe hinauf und legte sich wieder ins Bett. Durch dieses merkwürdige Mittel genas er von der Pest, d. h. die heftige Bewegung von Armen und Beinen brachte die Geschwülste in den Schulterhöhlenund der Leistengegend zum Reifen und Aufbrechen, und das kalte Wasser schlug das Fieber nieder.

Aber ungeachtet all solcher Vorfälle war man doch gegen die Absperrung der Häuser recht aufgebracht.

Es ging einem durch Mark und Bein, das Geschrei der Kranken zu hören, die von der Hitze im Blut oder der Heftigkeit ihrer Schmerzen von Sinnen gebracht, eingeschlossen oder an die Stühle oder die Betten gebunden waren, um zu verhüten, daß sie sich selbst beschädigten. Sie beklagten sich immer wieder aufs jämmerlichste, daß man sie einsperrte und nicht im Freien sterben ließ, wie sie es haben wollten.

Das Umhergelaufe der Erkrankten auf den Straßen war wirklich grausig, und die Behörden taten alles, um es zu verhindern, da es aber gewöhnlich bei Nacht geschah und sich um plötzliche Ausbrüche handelte, war meistens niemand da, der es hätte verhindern können. Und selbst bei Tage hatten die damit Beauftragten keine große Lust, sich einzumischen. Denn nur auf der Höhe der Ansteckung traten diese Anfälle ein, und demgemäß waren auch die Kranken besonders gefährlich, und es war das größte Wagnis der Welt, sie zu berühren. Ließ man sie aber in Ruhe, so rannten sie meistens so lange weiter, bis sie plötzlich tot umfielen oder völlig erschöpft zu Boden stürzten und dann nach einer halben Stunde oder einer Stunde starben. Das Kläglichste aber war, daßsie in dieser halben Stunde oder Stunde wieder zu sich kamen und dann die herzbrechendsten Klagen und Schreie ausstießen über ihre bejammerungswürdige Lage. Ehe die Absperrung der Häuser streng durchgeführt wurde, waren solche Anblicke nichts Seltenes, denn anfangs nahmen es die Wächter mit ihrer Pflicht nicht so ernst und genau wie später. Erst, als einige aufs strengste für ihre Nachlässigkeit und Pflichtvergessenheit bestraft wurden, weil sie die Leute unter ihrer Aufsicht ob krank oder ob gesund hatten entschlüpfen oder mit ihrem Einverständnis sich flüchten lassen, wurde es anders. Sie merkten nun, daß die Oberen, die ihre Führung zu prüfen und untersuchen hatten, entschlossen waren, sie zur Ausübung ihrer Pflicht zu zwingen oder zur Rechenschaft zu ziehen. Von da an wurden die Leute strenge bewacht, was sie aber aufs übelste aufnahmen und mit solchem Unwillen ertrugen, daß es kaum zu beschreiben ist. Aber die Notwendigkeit dazu war nun einmal da, das kann nicht geleugnet werden, außer man hätte zur rechten Zeit andere Maßregeln ergriffen, für die es nun zu spät war.

Hätte man die Erkrankten nicht abgeschlossen, so würde damals London der schrecklichste Ort auf der ganzen Welt gewesen sein. Ich glaube, daß dann ebensoviel Leute auf der Straße gestorben wären als in ihren Wohnungen. Denn während die Krankheit auf ihrem Höhepunkte war, wurden sie rasend und wie wahnsinnig, und man konntesie nicht dazu bringen, im Bett zu bleiben, außer durch Gewalt. Viele, die nicht angebunden waren, sprangen zum Fenster hinaus, als sie sahen, daß man sie zur Tür nicht hinauslassen würde.

Es kam von dem Aufhören allen Verkehres während dieser Unglückszeit, daß man nur wenig von Einzelheiten erfuhr, die in verschiedenen Familien vorkamen. Ich glaube, bis auf diesen Tag weiß man nicht, wie viele Leute während ihrer Delirien sich in der Themse ertränkten und in dem Flusse, der bei Hackney vorbeifließt und als Warefluß oder Hackneyfluß bekannt ist. Was in den Sterberegistern davon angeführt wurde, war nur unbedeutend; denn wie hätte man auch wissen können, wer durch irgendein Unglück ertrunken war und wer nicht. Ich habe mir ausgerechnet, daß in diesem Jahre mehr Leute ertranken als überhaupt in den Sterbelisten aufgeführt sind, denn manche Leichen wurden niemals aufgefunden von Leuten, die man vermißte. Und so war es auch mit den andern Arten von Selbstmord. Ein Mann in der Nähe der Whitecroß-Straße verbrannte sich in seinem Bett. Einige sagen, er habe es selbst getan, andere, daß es durch die Verworfenheit seiner Pflegerin geschah, nur darin stimmen alle überein, daß er die Pest hatte.

Ich wurde wieder von meinem gefährlichen Amte entbunden, sobald ich mir für einiges Geld einen Stellvertreter verschafft hatte. So war ich statt der üblichen zwei Monate nicht länger als drei Wochen im Amte, lang genug, wenn man bedenkt,daß es im August war, als die Seuche mit voller Heftigkeit in unserm Stadtteil ausbrach.

Während ich meinen Amtsgeschäften nachging, konnte ich mich nicht zurückhalten, meinen Freunden offen meine Meinung zu sagen in Hinsicht auf die Absperrung der Häuser. Unser Haupteinwand war, daß sie letzten Endes erfolglos war. Denn die Kranken liefen doch auf der Straße umher. Es war unser aller Ansicht, daß eine Maßregel, die in einem verseuchten Hause die Kranken von den Gesunden getrennt hätte, in mehreren Hinsichten viel vernünftiger gewesen wäre. Man hätte dann bei den Kranken nur solche Personen gelassen, die ausdrücklich darum baten und sich bereit erklärten, mit den Kranken abgesperrt zu werden.

Unser Vorschlag ging dahin, die Gesunden von den Kranken abzusondern, natürlich nur in verseuchten Häusern. Denn die Kranken abzusperren, konnte man keine Absperrung heißen. Jene, die sich nicht rühren konnten, hätten sich sicher nicht darüber beklagt, so lange sie noch bei Sinnen waren und ein Urteil hatten. Freilich, wenn das Fieber über sie kam, schrien sie laut über die Unmenschlichkeit, sie einzusperren. Was nun die Entfernung der Gesunden betrifft, so hielten wir’s für ebenso vernünftig als gerecht, sie um ihrer eigenen Sicherheit willen von den Kranken zu trennen. Zum Schutz der andern Leute konnte man sie ja für eine Zeitlang absondern, damit sie nicht Gesunde ansteckten, aber dazu schienen uns 20 oder 30 Tage genügend.

Hätte man nun Gebäulichkeiten für die Gesunden hergerichtet, um dort diese halbe Quarantäne abzusitzen, so hätten sie sich kaum darüber beklagen können, wie es geschah, wenn man sie mit den Angesteckten zusammensperrte.

Es muß aber bemerkt werden, daß man mit dem Absperren der Häuser aufhörte, als der Begräbnisse so viele geworden waren, daß man nicht mehr die Sterbeglocke ziehen, trauern, weinen oder schwarze Kleidung tragen konnte, wie es früher geschehen war. Nicht einmal Särge gab es damals mehr für die Toten. Die Wut der Seuche erschien zu fürchterlich, und alle Maßregeln, die man versucht hatte, waren fruchtlos gewesen. Die Pest verbreitete sich mit unwiderstehlicher Gewalt, wie im folgenden Jahre das Feuer, das zu löschen die Bürger auch in ihrer Verzweiflung aufgaben. So wurde auch endlich die Heftigkeit der Pest so furchtbar, daß die Leute nur noch still einander ansahen und sich der Verzweiflung überließen. Ganze Straßen schienen verlassen und nicht nur abgesperrt, sondern aller Bewohner entblößt. Türen standen auf, die Fenster schlugen im Winde gegen die leeren Häuser, da niemand da war, sie zu schließen. Mit einem Worte: das Volk fing an, in Angst und Entsetzen zu versinken und zu glauben, daß doch alle Maßregeln und Gegenmittel umsonst wären. Man wartete auf nichts mehr als auf ein allgemeines Verderben, und gerade dann, als die Verzweiflung auf den Höhepunkt gestiegen war, gefiel es Gott, seine Hand zu erheben undder Wut der Seuche Einhalt zu gebieten, in einer Weise, die ebenso wunderbar war, wie der Beginn, und klärlich anzeigte, daß seine Hand im Spiele war und der Gegenmaßregeln nicht bedurfte.

Aber noch muß ich weiter von der Pest erzählen, als sie am ärgsten wütete und das Volk geradezu zur Verzweiflung brachte. Es ist kaum zu glauben, was die Menschen alles in diesem Zustande vollführten. Kann man sich z. B. etwas Grausigeres vorstellen, als einen halbnackten Mann, der aus seinem Hause oder vielleicht gerade aus dem Bett kam und nun tanzend und singend unter tausend fratzenhaften Gebärden auf der Straße umherlief, während fünf oder sechs Frauen und Kinder ihm nachrannten, weinend und schreiend, er möchte doch um Gottes willen heimkommen, und die Hilfe aller Begegnenden anrufend, aber umsonst, da sich doch niemand traute, ihn zu berühren oder in seine Nähe zu kommen. Es brach mir fast das Herz, während ich von meinem Fenster aus zusah. Denn zu allem kam noch, daß der Kranke offenbar die äußerste Qual ausstand. Er hatte zwei Geschwülste an seinem Körper, die nicht zum Aufbrechen oder Eitern zu bringen waren, weswegen man Ätzmittel aufgelegt hatte, die wie glühendes Eisen in sein Fleisch brannten. Ich weiß nicht, was aus diesem Unglücklichen wurde, aber ich denke, er wird wohl weitergelaufen sein, bis er hinfiel und starb.

Kein Wunder, daß der Anblick auch der innern Stadt nur noch Entsetzen erregen konnte. Wo sonstein lebhafter Verkehr war, herrschte jetzt Einsamkeit und Öde. Die Börse war zwar nicht geschlossen, aber niemand ging hin. Die Straßenfeuer waren zusammengesunken und infolge eines heftigen Regens fast erloschen, aber einige Ärzte erklärten, daß sie nicht nur keinen Nutzen hätten, sondern der allgemeinen Volksgesundheit eher schädlich wären. Sie machten darüber ein großes Geschrei und wandten sich sogar an den Lordmayor. Andere Ärzte, die ebenso berühmt waren, traten ihnen entgegen und brachten allerlei Gründe vor, warum die Feuer unterhalten werden müßten, und inwiefern sie notwendig wären, um die Heftigkeit der Seuche zu brechen. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Argumente, die von beiden Seiten ins Treffen geführt wurden, und weiß nur noch, daß sie sich gegenseitig aufs eifrigste befehdeten. Die einen sprachen sich für die Feuer aus, vorausgesetzt, daß es Holz- nicht Kohlenfeuer wären und durch besondere Holzgattungen, vornehmlich Kiefern und Zedern, des Harzes wegen, genährt würden; andere waren für Kohlen- und nicht für Holzfeuer, weil jene mehr Schwefel und Erdpech enthielten; die dritte Partei war überhaupt gegen jede Art von Feuer. Übrigens verfügte der Lordmayor, daß mit den Feuern aufgehört würde, und zwar hauptsächlich deshalb, weil man einsah, daß alle Gegenmittel erfolglos waren und mehr dazu dienten, die Seuche zu verschlimmern als ihr vorzubeugen. Diese Erfolglosigkeit der Anstrengungen der Behörden kam aber mehrvon ihrer Unfähigkeit als von ihrer Abneigung, sich der Gefahr auszusetzen oder von einem Mangel an Verantwortungsfreudigkeit. Wenn man ihnen gerecht sein will, muß man anerkennen, daß sie weder Mühe noch Kräfte sparten, aber es half alles nichts, die Seuche wütete weiter und brachte die Bevölkerung in die äußerste Verzweiflung, so daß sie jede Hoffnung aufgab.

Hier muß ich jedoch bemerken, daß ich keine religiöse Verzweiflung meine oder eine Verzweiflung an den ewigen Verheißungen, wenn ich sage, die Bevölkerung habe sich der Verzweiflung überlassen. Ich meine: sie hatte jede Hoffnung verloren, der Seuche zu entgehen oder sie zu überleben, nachdem sie ihre unwiderstehliche Gewalt gesehen hatte. In der Tat entrann während der Höhe der Seuche fast niemand von den einmal Angesteckten dem Tode. Das war besonders im August und September, während im Juni und Juli und auch noch Anfang August viele erkrankten, aber nach einigen Tagen wieder gesund wurden. Jetzt aber dauerte die Krankheit meistens nur zwei oder drei Tage und nahm fast stets einen tödlichen Verlauf. Oft starben die Leute am gleichen Tage, da sie angesteckt wurden. Ob die Hundstage oder, wie die Astrologen das auszudrücken pflegten, der Einfluß des Hundssterns diese bösartige Wirkung hatte, oder ob die Ansteckung nun bei allen zugleich zum Ausbruch kam, weiß ich nicht, aber es war die Zeit, da in einer einzigen Nacht 3000 Personen gestorben sein sollen. Diejenigen,die angeblich besonders genaue Beobachtungen anzustellen in der Lage waren, behaupteten, daß sie alle binnen zwei Stunden starben, nämlich zwischen 1 Uhr und 3 Uhr des Morgens.

Für den plötzlichen Verlauf der Todesfälle in dieser Zeit gibt es unzählige Beispiele, und ich könnte mehrere davon in meiner nächsten Nachbarschaft anführen. Eine Familie, die gerade außerhalb der Schlagbäume und nicht weit von mir wohnte, war allem Anschein nach noch am Montag völlig wohl. Sie zählte alles in allem zehn Mitglieder. Am Abend legten sich ein Dienstmädchen und ein Lehrling und starben am nächsten Morgen. Tags darauf wurde der zweite Lehrling und zwei Kinder von der Seuche ergriffen, von denen eines noch am selben Abend, die beiden andern am Mittwoch starben. Bis Samstag mittag waren alle: Mann, Frau, vier Kinder und vier Dienstboten eine Beute des Todes. Das Haus war völlig leer bis auf ein ältliches Frauenzimmer, das für den Bruder des verstorbenen Hausherrn die Aufsicht über die zurückgelassenen Sachen übernahm. Sie wohnte in der Nähe und war nicht erkrankt.

Viele Häuser, deren Bewohner ausgestorben waren, waren nun gänzlich verlassen, besonders in einer engen Gasse auf meiner Seite außerhalb der Schlagbäume, die beim Wirtshaus von Aaron und Moses abbiegt. In mehreren Häusern nebeneinander war nicht ein Mensch mehr am Leben, und die Letztverstorbenen lagen lange darin herum,ehe sie begraben wurden. Der Grund hierfür war aber nicht, wie man später behauptet hat, daß es nicht mehr genug Lebendige gab, um die Toten zu begraben, sondern, weil die Seuche in der Gasse niemand mehr übrig gelassen hatte, der die Leichenträger oder Küster hätte benachrichtigen können, daß noch Tote vorhanden waren. Man erzählte, ob mit Recht, ist mir nicht bekannt, daß einige jener Leichen so verfault und zersetzt waren, daß man sie kaum noch herausschaffen konnte. Besonders auch, weil die Gasse zu eng war, um mit dem Karren weiter als bis zum Tor in der High-Straße zu gelangen. Um wie viele Leichen es sich handelte, weiß ich nicht. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß für gewöhnlich derartiges nicht vorkam.

Ich muß wohl zugeben, daß jene Zeit so fürchterlich war, daß alle meine Entschlüsse zusammenbrachen und ich den anfangs gezeigten Mut nicht aufrechtzuerhalten vermochte. Wie die Verzweiflung andere Leute aus der Stadt trieb, so trieb sie mich nach Hause, und nach meinem kleinen Ausflug nach Blackwell und Greenwich, von dem ich schon erzählt habe, blieb ich fast beständig zwischen meinen vier Wänden, wie ich es schon früher 14 Tage lang gemacht hatte. Ich wiederhole, daß mich oft die Reue faßte, in der Stadt geblieben zu sein und nicht mit meinem Bruder und seiner Familie mich fortgemacht zu haben. Aber für die Reue war es nun zu spät. Nachdem ich schon lange Zeit mich im Hause gehalten hatte, ehe meine Ungeduldund Neugier mich zu dem besagten Ausflug veranlaßten, brachte mich die Folgezeit in ein gefährliches und nicht weniger als angenehmes Amt, das mich zum Ausgehen zwang. Als nun meine Amtsdauer abgelaufen war, die Seuche aber noch immer in voller Stärke andauerte, zog ich mich von neuem zurück und schloß mich für zehn oder zwölf Tage ein. Doch gab es noch manchen schauerlichen Anblick, den ich aus meinem Fenster mitansehen mußte, wie jenes unglücklichen, in seiner Todesangst tanzenden und singenden Menschen, und noch viele andere. Kaum ein Tag oder eine Nacht verging, ohne daß sich das eine oder andere Fürchterliche am Ende der Harrow-Gasse ereignete, wo nur arme Leute, hauptsächlich Fleischer wohnten, oder solche, die mit dem Schlachten irgendwie zu tun hatten.


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