D.Philosophische Weltanschauung

D.Philosophische Weltanschauung

im Zusammenhang mit seinerEthikundReligions-zugleich seineGeschichts-undStaatsauffassungvor Augen führen werden:

1. seinen »Nathan«, 2. seine »Erziehung des Menschengeschlechts« und 3. seine Freimaurergespräche »ErnstundFalk«. Dazu wird 4. zu berücksichtigen sein, was F. H. Jacobi von seinem bedeutsamen Gespräch mit Lessing im Jahre 1780 über denSpinozismusberichtet hat.

Als die Aufregung über die »Fragmente« und Lessings Beigaben dazu unter den Orthodoxen immer stärker geworden war, wurde auf Andringen des braunschweigischen Konsistoriums am 13. Juli 1778 Lessing vom Herzog unter Androhung »schwerer Ungnade« jede fernere Publikation »dieser Fragmente und anderer ähnlicher Schriften« strengstens verboten. Daraufhin meinte er: »Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf demTheater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen.« Im Mai des folgenden Jahres erschien sein »dramatisches Gedicht«: Nathan der Weise.

Ich setze hier den Inhalt des »Nathan« als bekannt voraus und gehe auch auf die massenhafte Literatur über das Stück mit keinem Worte ein. Über Sinn und Tendenz dieses seines letzten Dramas ist unendlich viel gestritten worden. Und doch ist beides, Sinn und Tendenz, im Grunde unendlich einfach und klar. Der Verfasser selbst hat es in einer anfangs beabsichtigten Vorrede in den Satz zusammengefaßt, sein Stück wolle lehren, »daß es nicht erst von gestern her unter allerlei Volk Leute gegeben, die sich über alle Religion« – will sagen:geoffenbarteReligion – »hinweggesetzt hättenund doch gute Leute gewesen wären«. Es istdieReligion, die allen sogenannten Religionenoder vielmehr, wie statt dieses im Grunde blasphemischen und auch von Kant und Schiller mit Recht getadelten Plurals richtiger zu sagen ist: Religionsbekenntnissen, als ihr echter Kern zugrunde liegt: die Religion der Menschlichkeit, die Religion, wie Kant es ausdrückt, »innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«, oder, wie der Neukantianer Paul Natorp es formuliert, »innerhalb der Grenzen der Humanität«: gegen die auch der Bekenner dersogenannten»positiven« Religionennichts einwenden kann, wenn sie auch seinem religiösen Bedürfnis nicht genügen mag.

Ich begnüge mich, ihre Hauptzüge mit den unvergänglichen Versen Lessings Ihnen kurz vor Augen zu führen.

Zunächst ihre Übereinstimmung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur:

»Der Wunder höchstes ist,Daß uns die wahren, echten Wunder soAlltäglich werden können, werden sollen.«

»Der Wunder höchstes ist,Daß uns die wahren, echten Wunder soAlltäglich werden können, werden sollen.«

»Der Wunder höchstes ist,Daß uns die wahren, echten Wunder soAlltäglich werden können, werden sollen.«

»Der Wunder höchstes ist,

Daß uns die wahren, echten Wunder so

Alltäglich werden können, werden sollen.«

Sodann die Begründung auf dasGefühl, die tröstende Lehre:

»Daß ErgebenheitIn Gott von unserm WähnenüberGottSo ganz und gar nicht abhängt.«

»Daß ErgebenheitIn Gott von unserm WähnenüberGottSo ganz und gar nicht abhängt.«

»Daß ErgebenheitIn Gott von unserm WähnenüberGottSo ganz und gar nicht abhängt.«

»Daß Ergebenheit

In Gott von unserm WähnenüberGott

So ganz und gar nicht abhängt.«

Und dennoch die Verwahrung gegen bloße gefühlsmäßige Schwärmerei:

»Begreifst du aber,Wie vielandächtig schwärmenleichter alsGut handelnist?«

»Begreifst du aber,Wie vielandächtig schwärmenleichter alsGut handelnist?«

»Begreifst du aber,Wie vielandächtig schwärmenleichter alsGut handelnist?«

»Begreifst du aber,

Wie vielandächtig schwärmenleichter als

Gut handelnist?«

Dieselbe Ansicht, die der treffliche deutsche Mystiker Meister Eckhart mit den Worten ausdrückt: »Wäre der Mensch in Verzückung, wie Sankt Paulus war, und wüßte einen siechen Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfte, ich achte es weit besser, daß du ließest aus Minne von der Verzückung und dientest dem Dürftigen in größerer Minne.«[5]

Nichts anderes als eine andere Anwendung seines »Testaments Johannis« (S.33) ist das Fazit, was die berühmte Fabel von den drei Ringen zieht:

»Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnenVon Vorurteilen freien Liebe nach!«

»Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnenVon Vorurteilen freien Liebe nach!«

»Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnenVon Vorurteilen freien Liebe nach!«

»Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!«

und, wie die Worte weiter lauten, genau dem neutestamentlichen Spruch entsprechend:

»An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!«

»An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!«

»An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!«

»An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!«

Unbedingteste Duldsamkeit für alle Meinungen ist Grundprinzip: »Ich habe nie verlangt, daß allen BäumeneineRinde wachse«, sagt Saladin.

Wer seine Religion, wer seinen Gott so auffaßt wie Nathan-Lessing, der muß einen Sondergott für bestimmte Nationen oder Individuen als eine Herabsetzung des Gottesbegriffs empfinden:

»Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,Der einem Menschen eignet?«

»Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,Der einem Menschen eignet?«

»Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,Der einem Menschen eignet?«

»Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,

Der einem Menschen eignet?«

Damit hängt denn auch der dramatisch vielleicht nicht sehr geschickte, eher etwas enttäuschende, aber die Idee des Ganzen um so tiefer ausdrückende Schluß zusammen: daß die vorher einander gegnerisch gegenüberstehenden Nationen und Religionsbekenntnisse sich zu guter Letzt, ähnlich wie heute im Sozialismus, als AngehörigeeinerFamilie erkennen.

Wenn man Lessings Humanitätsdrama mit unbefangenem, reinem Gemüt liest und auf sich wirken läßt, dann muß es einem wahrhaftig kläglich vorkommen, wenn ein Eugen Dühring oder – etwas gemilderter, aber vielleicht um so gefährlicher – Adolf Bartels in seinem Buche »Lessing und die Juden« mit antisemitischen Mätzchen gegen den »Juden« oder »judenhaften« Lessing zu Felde zieht. Wer so handelt, ist nicht wert, daß er dem Volke der Lessing und Kant, der Schiller und Goethe angehört. Gewiß, es ist nicht zu bestreiten, daß der Dichter die christlichen Gestalten seines Dramas, insbesondere den offiziellen Vertreter der Kirche, den Patriarchen, desgleichen die gutmütige, aber beschränkte Dajah entschieden ungünstiger geschildert hat als die Vertreter des Islam, des Judentums, der Parsi-Religion. Meiner Meinung nach war das eine logische Notwendigkeit, weil er sein Stück eben für einchristlichesPublikum schrieb, dem er beweisen wollte, daß es in anderen Religionsbekenntnissen ebenso gute oder bessere Menschen geben könne. Hätte er es für Mohammedaner oder Juden geschrieben, so hätte er umgekehrt die Vertreter der beiden übrigen Konfessionen heben müssen; derPatriarch wäre dann eben ein Rabbiner oder ein Mufti geworden. Von einer Herabsetzung des Christentums als solchem kann keine Rede sein. Ruft doch der Klosterbruder, übrigens eine sehr sympathische Christengestalt, Nathan gerade im entscheidenden Augenblick die das Christentum aufs höchste anerkennenden Worte zu, die jeder echte Christ Lessing selber zurufen könnte:

»Nathan, Ihr seid ein Christ! ein beßrer Christ war nie!«

»Nathan, Ihr seid ein Christ! ein beßrer Christ war nie!«

»Nathan, Ihr seid ein Christ! ein beßrer Christ war nie!«

»Nathan, Ihr seid ein Christ! ein beßrer Christ war nie!«

Die höchste sittliche Wahrheit freilich steht für den Dichter mit Rechtüberden Religionsbekenntnissen:

»Sind Christ und Jude eher Christ und JudeAls Mensch?«

»Sind Christ und Jude eher Christ und JudeAls Mensch?«

»Sind Christ und Jude eher Christ und JudeAls Mensch?«

»Sind Christ und Jude eher Christ und Jude

Als Mensch?«

Woran sich der gerade unserem Lessing aus tiefster Seele kommende Ausruf Nathans an den Tempelherrn schließt:

»Ach, wenn ich einen mehr in EuchGefunden hätte, dem es genügt, ein MenschZu heißen!«

»Ach, wenn ich einen mehr in EuchGefunden hätte, dem es genügt, ein MenschZu heißen!«

»Ach, wenn ich einen mehr in EuchGefunden hätte, dem es genügt, ein MenschZu heißen!«

»Ach, wenn ich einen mehr in Euch

Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch

Zu heißen!«

Ein Wort, das gerade heute jedem Europäer, der sich zu einem sogenannten »Kultur«volk zählt, vor allem aber denen, die sich der Religion Jesu zurechnen, beschämend, mahnend, anfeuernd vor der Seele stehen müßte!

Ja, Dilthey, der sonst die Gefühlsworte nicht liebt, hat recht, wenn er in diesem »unvergänglichen Gedicht«, ebenso wie in Goethes »Iphigenie«, eine so »reine Seelengröße« verkündet sieht, daß kein ernster Forscher der menschlichen Natur es lesen könne, ohne daß sein Auge feucht werde. Und Lessing hatte recht, wenn er als Motto das Wort des antiken Dichters über sein Drama setzte: »Introite, nam et hic dii sunt!«, zu deutsch: »Tretet ein, denn auch hier sind Götter.«

Inhaltlich dem »Nathan« verwandt sind die letzten beiden – bezeichnenderweise beide ohne seinen Namen – erschienenen Schriften Lessings: 1. die »Freimaurergespräche« zwischen Ernst und Falk und 2. »Die Erziehung des Menschengeschlechts«. Der Zeitfolge nach ist es einerlei, welche von beiden wir zuerst behandeln. Von beiden ist ein erster Teil schon 1777 bezw. 1778 (gleichfalls anonym) und erst die zweite Hälfte in Lessings letztem Lebensjahr (1780) veröffentlicht worden. Wir ziehen es vor, mit der

zu beginnen, weil ihr teilsreligions-, teilsgeschichtsphilosophischer Inhalt dem »Nathan« näher steht als der teilsgeschichts-, teilsstaatsphilosophische der »Gespräche für Freimäurer«.

Die ersten dreiundfünfzig von den hundert Paragraphen der »Erziehung« waren bereits zusammen mit den fünf Fragmenten des »Ungenannten«, also 1777 herausgegeben worden: auch sie angeblich unter den Bücherschätzen seiner Bibliothek gefunden. Selbst dem Sohne von Reimarus stellt er sie noch in einem Briefe vom 6. April 1778 dar als herrührend »von einem guten Freunde, der sich gern allerlei Hypothesen und Systeme macht, um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen«, mit dem für sein innerstes Wesen bezeichnenden Schlußsatz: »Jeder sage, was ihm Wahrheit dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!«

Als Ganzes trägt die Schrift gleichwohl, wie mir scheint, einen etwas konservativeren Charakter als »Nathan der Weise« oder auch die ja nur zur Selbstverständigung niedergeschriebene »Religion Christi«. Der Verfasser sieht hier dieOffenbarungals in einem göttlichen Erziehungsplan der Menschheit gelegen an. Wie die Erziehung, so gibt auch die Offenbarung ihm zufolge »nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde«, sie gibt ihm das Wichtigste davon nur leichter und früher (§ 4); und zwar, gleich der Erziehung, nach einer bestimmten Ordnung. Nach dieser Einleitung, enthalten in § 1 bis 7, folgt dann von § 8 bis 52 die Erziehung des israelitischen Volkes durch das »Elementarbuch« desAlten Testaments. Für ein noch so rohes, auf noch so kindlicher Entwicklungsstufe stehendes Volk bedurfte es noch einer Erziehung durch unmittelbare, sinnliche Strafen und Belohnungen (§ 16). Es wußte noch nichts von einem zukünftigen Leben, von einer Unsterblichkeit der Seele (§ 17). Die meisten anderen Völker waren noch weit hinter ihm zurückgeblieben, einige glücklichere (Griechen, Römer) allerdings durch das bloße Licht ihrer natürlichen Vernunft ihm zuvorgekommen(§ 20, 21). Während des Exils, im Verkehr mit den religiös höher stehenden (obwohl ohne Offenbarung!) Persern, bekamen die Juden dann einen reineren Gottesbegriff, die Offenbarung ward durch die Vernunft erhellt, ihr Glaube erhob sich von ihrem Nationalgott Jehova zu dem aneinenGott (§ 35 ff.). So entwuchsen sie allmählich ihrem Elementarbuch, insbesondere auch durch ihre Bekanntschaft mit der griechischen Philosophie in Ägypten (§ 42) und suchten nun in ihre kindlich-einfältigen heiligen Schriften allerlei Anspielungen und Fingerzeige, oft recht spitzfindig-rabbinisch, hineinzulegen (§ 43 bis 52). Ein besserer Pädagog mußte kommen und »dem Kinde das erschöpfte Elementarbuch aus den Händen reißen« –Christuserschien (§ 53).

Das Kind war zum Knaben geworden, der zum »zweitengroßen Schritt der Erziehung reif war« (§ 57 ff.). Christus ward der erste »zuverlässige« und »praktische« Lehrer der Unsterblichkeit der Seele (§ 58). Als zuverlässig galt er seinen Zeitgenossen durch die in ihm erfüllt scheinenden Weissagungen, durch seine Wunder, durch seine Auferstehung. »Ob wir nochjetztdiese Wiederbelebung, diese Wunder beweisen können, das lasse ich dahingestellt sein … Alles das kann damals zurAnnehmungseiner Lehre wichtig gewesen sein: jetzt ist es zur Erkennung der Wahrheit seiner Lehre so wichtig nicht mehr.« (§ 59.)[6]

Christus lehrte aber auch praktisch das Leben nach dieser Lehre einrichten durch »innere Reinigkeit des Herzens« (§ 61), die dann seine Jünger, wenn auch mit anderen weniger einleuchtenden Lehren vermischt, unter andere Völker verbreiteten (§ 62, 63). So ward dasNeue Testamentdas zweite, bessere Elementarbuch für das Menschengeschlecht (§ 64) und hat es seit 1700 Jahren mehr als alle anderen Bücher beschäftigt und erleuchtet, wenn auch vielleicht »nur durch das Licht, welches der menschliche Verstand selbst hineintrug« (§ 65). Es war auch gewiß »höchst nötig«, daß man »eine Zeitlang« dies Buch für das Nonplusultra aller Erkenntnis hielt (§ 67). Und »Du, fähigeres Individuum, derdu an dem letzten Blatte dieses Elementarbuchs stampfest und glühest, hüte dich, es deine schwächeren Mitschüler merken zu lassen, was du witterst oder schon zu sehen beginnst«! (§ 68.) Lessing bemüht sich dann, in uns freilich etwas künstlich erscheinenden Ausführungen zu zeigen, was auch die menschliche Vernunft in den Geheimnissen der Dreieinigkeit, der Erbsünde, der Genugtuung des göttlichen Sohnes für sich finden könne (§ 73 bis 77). Es sei nicht wahr, meint er, »daß Spekulationen über diese Dinge jemals Unheil gestiftet und der bürgerlichen Gesellschaft nachteilig geworden«. Nicht den Spekulationen, sondern »dem Unsinn, der Tyrannei, diesen Spekulationen zu steuern, Menschen, die ihre eigenen hatten, nicht ihre eigenen zu gönnen«, sei dieser Vorwurf zu machen (§ 78).

Aber noch eine höhere Stufe, die Erziehung vom Knaben oder Jüngling zum Manne, der das Gute um seiner selbst, nicht um künftiger Belohnungen willen tut, stehe der Menschheit bevor. »Oder soll das menschliche Geschlecht auf diese höchste Stufe der Aufklärung und Reinigkeit nie kommen?« (§ 81.) Das wäre eine Lästerung des Allgütigen. »Nein, sie wird gewiß kommen,« so ruft er in gläubigem Vertrauen aus, »die Zeit einesneuen, ewigen Evangeliums« des Geistes und der Wahrheit, »die uns selbst in den Elementarbüchern des Neuen Bundes versprochen wird« (§ 86). Schon im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert haben Schwärmer – Lessing denkt wohl an Männer wie Joachim von Floris und Amalrich von Bene – ein »drittes Zeitalter« der Welt prophezeit. Er macht dabei eine sehr gute Bemerkung über die Schwärmer überhaupt, bei der wir unwillkürlich auch an unsere heutigen politischen Schwärmer denken: »Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft, er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft beschleunigt und wünscht, daß sie durchihnbeschleunigt werde. Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblick seines Daseins reifen.« Und er erkennt auch den egoistischen Nebengedanken darin: »Denn was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere erkennt, nicht auch bei seinen Lebzeiten das Bessere wird?« (§ 90.) Demgegenüber traut er auf die »ewige Vorsehung«, wennauch manchmal ihre Schritte ihm »zurückzugehen scheinen sollten«! »Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.« (§ 91.)

Und nun kommt zum Schlusse der sonst anscheinend so verstandeskühle Lessing auf eine Hypothese, auf die, wie er auch schon früher gelegentlich geäußert hatte,[7]schon die ältesten Philosophen im Abend- wie im Morgenland gekommen seien: dieSeelenwanderung(§ 93 ff.). Kann ich nicht schon einmal da gewesen sein, ohne daß ich es mir selbst bewußt bin, und »warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin« (§ 98, 99)?

Wir gehen nicht weiter auf diese Hypothese ein. Vielleicht war es eben nur ein Gedanke, den er einmal in das Publikum hineinwerfen wollte, ohne dafür öffentlich einstehen zu wollen, wie er ja auch die Schrift nicht mit seinem Namen gezeichnet hat. Aber ich habe sie Ihnen schon der Vollständigkeit wegen nicht vorenthalten wollen; schon um Ihnen zu zeigen, daß Lessing doch auch in Stunden ein wenig – Schwärmer sein konnte. Für die Praxis des Lebens hat er solche Hypothesen nicht benutzt, ja er warnt auch andere davor. Die Vernunft, sagt er einmal, habe doch mit Glück gegen die törichte Begierde der Menschen, ihr Schicksal indiesemLeben voraus zu wissen, geeifert: wann werde es ihr gelingen, ihnen die Neugier nach ihrem Schicksal injenemLeben ebenso verdächtig, ebenso lächerlich zu machen? Toren seien die, welche aus lauter Sorgen um ein künftiges Leben das gegenwärtige verlieren: »Warum kann man ein künftiges Leben nicht ebenso ruhig abwarten als einen künftigen Tag?« Lessing war ein viel zu frischer, lebensvoller, diesseitsfroher Mensch, um sich unfruchtbaren Grübeleien hinzugeben.

Und so wenden auch wir uns jetzt seinen Gedanken über die diesseitige Gemeinschaft der Menschen, seinen Ideen von Geschichte undStaatzu, die, soviel ich weiß, noch nirgends im Zusammenhang behandelt worden sind und auf die wir freilich auch nur einige Streiflichter werfen können und wollen.

Schon der sechzehnjährige Fürstenschüler hat den Kriegslärm ganz aus der Nähe kennengelernt. Am 9. Dezember 1745 wurde die Stadt Meißen bombardiert, und wenige Tage später donnerte von dem nahen Kesselsdorf der Schlachtenlärm herüber; die Stadt glich bald einem großen Lazarett. Aber all das scheint dem Primaner Gotthold Lessing, in einem Briefe an den Vater Pastor, in erster Linie doch nur als willkommener Anlaß zu dienen, um eher von der Schule zur Universität zu kommen; was ihm ja auch, wie wir wissen, gelungen ist. Auch sonst ist nichts von besonderen politischen Interessen des Jünglings aus seiner Gymnasiasten- und Studentenzeit bekannt. Er wird wohl, was bekanntlich Bismarck als Ergebnis der humanistischen Erziehung von sich und anderen behauptet hat – und was, beiläufig gesagt, auch unsere heutigen Republikaner und Sozialisten sich merken sollten, anstatt gegen die Lektüre der antiken Klassiker zu eifern, die doch ein Karl Marx und ein Ferdinand Lassalle mit Vorliebe bis an ihr Ende gepflegt haben –, das Gymnasium mitrepublikanischenGesinnungen verlassen haben. Damit steht unter anderem auch die Tatsache in Einklang, daß der Zwanzigjährige einen politischen Gegenwartsstoff zu einer republikanischen Tragödie verarbeiten wollte. Im Jahre 1749 hatte ein demokratischer Berner Patriot Samuel Henzi eine Verschwörung gegen das dortige verrottete Klassen- und Willkürregiment weniger patrizischer Familien angestiftet, war aber entdeckt und hingerichtet worden. Unter dem frischen Eindruck dieses Ereignisses dichtete der junge Lessing die anderthalb Akte seines Trauerspiels »Samuel Henzi«, die er dann auch in der ersten Sammlung seiner Schriften veröffentlichte: ein für seine Zeit ungewöhnliches Wagnis.

Daß er im folgenden Jahrzehnt ein antikes Drama »Das befreite Rom«, dessen Hauptheld der alte Königsstürzer Brutus war, und eine »Verginia«, in deren Titelheldin wir die Vorläuferin seiner späteren Emilia Galotti zu erblicken haben, entwarf, will vielleicht weniger besagen. Interessanter ist, daß er noch bis 1775 hin eine »antityrannische«Tragödie geplant hat, deren Held der berühmte SklavenführerSpartakussein sollte. Während in seinem ersten Römerdrama das Volk noch, ähnlich wie bei Shakespeare, als ein wankelmütiger Pöbelhaufe dargestellt wird, wurde hier ein erklärter Proletarierführer zum Helden gemacht, der in einem (erhaltenen) Selbstgespräch den Ausspruch tut: »Sollte sich der Mensch nicht einer Freiheit schämen, die es verlangt, daß er Menschen zu Sklaven habe?« Lessing tadelt in diesem Zusammenhang auch die »fast lächerliche« Verachtung eben des Spartakus durch den römischen Geschichtschreiber, der die Gladiatoren noch unter die gewöhnliche »Untergattung von Menschen«, die Sklaven, stelle. Schade, daß er diesen Plan nicht ausgeführt hat.

Lessing ist bekanntlich schon als zweiundzwanzigjähriger junger Mann aus seiner sächsischen Heimat nach Preußen gegangen. Aber es ist unrichtig, ihn deshalb und etwa noch wegen seiner »Minna von Barnhelm« oder seines Sekretärverhältnisses zu dem preußischen General v. Tauentzien, wie es gewöhnlich geschieht, schlechtweg als Verehrer desPreußentumsdarzustellen. Gewiß, er besitzt eine Vorliebe für soldatische Gestalten: von dem jungen Helden des Trauerspiels »Philotas« an, auf das wir noch zurückkommen, über Tellheim, Just und Werner in der »Minna« bis zu dem alten Obersten Odoardo Galotti, ja bis zu Sultan Saladin und dem jungen Tempelherrn im »Nathan«. In jener Zeit ängstlichen Spießbürgertums war eben, wie selbst ein so radikaler Politiker wie Franz Mehring in seiner »Lessing-Legende« hervorhebt, der Soldatenstand der einzige, in dem sich, wenigstens zu Kriegszeiten, persönliche Tüchtigkeit entfalten konnte:

»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,«

»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,«

»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,«

»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,«

und

»Auf sich selber steht er da ganz allein,«

»Auf sich selber steht er da ganz allein,«

»Auf sich selber steht er da ganz allein,«

»Auf sich selber steht er da ganz allein,«

wie Schiller die Wallensteinschen Reiter singen läßt. So konnte Lessing denken, wenngleich er den Krieg grundsätzlich verwarf, wie er in einer Rezension Rousseaus bemerkt: »Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir einander umbringen sollen?«

Aber ihn deswegen zum begeisterten Preußen und Verehrer Friedrichs des Großen zu erheben, wäre verkehrt. Liegen von ihm auch nicht ganz so feindselige Äußerungen wievon dem berühmten Winckelmann vor, der das Preußen, dem er entstammte und entfloh, um nach Italien zu gehen, geradezu gehaßt hat, so schreibt doch noch der vierzigjährige Lessing im August 1769 an Nicolai nach Berlin: »Sagen Sie mir ja nichts von Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben. Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen (Dummheiten) zu Markte zu bringen, als man will. Lassen Sie es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag dassklavischste Land von Europaist!« Ich denke, das ist deutlich genug. Freilich, die geliebten »Untertanen« Friedrichs II. waren selbst daran schuld, daß er gegen Ende seines Lebens von ihnen sagen konnte: »Ich bin es müde, überSklavenzu herrschen.«

Also von einer speziellen Verehrung Friedrichs II., dem er zwar in der »Minna« einige hübsche Worte widmet, aber dessen eigenmächtiges Verfahren in militärischen Dingen doch auch dies Stück geißelt, oder gar des preußischen Staatswesens jener Zeit überhaupt kann keine Rede sein. »Die Dienste der Großen«, läßt er vielmehr gerade seinen Tellheim sagen, »sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten.« Ebenso ist selbstverständlich der Dichter über jeden sächsischen Partikularismus erhaben. Und wie er am Schlusse seines Stückes die Sächsin Minna mit dem Preußen Tellheim sich verbinden läßt, so will er auch nichts anderes sein als ein Deutscher. Freilich nicht von der Art, die wir heute so zahlreich vertreten finden, die von ihrem Deutschtum viele und große Worte macht; sondern von der Art Kants und Schillers, Herders und Goethes, für die Patriotismus und Weltbürgertum keine Gegensätze waren. Gibt es im übrigen ein schöneres Lob der deutschen Sprache, als wenn er den französischen Windbeutel Riccaut sie eine »arme und plumpe Sprak« scheltenläßt, weil sie Dinge wie das Betrügen ehrlich bei ihrem wahren Namen nennt? Und sind nicht Charaktere wie Tellheim, Werner, Minna Urbilder guter Deutscher?

Aber Lessing, werden seine und unsere Gegner sagen, hat sich ja selbst den Patriotismus abgesprochen. In der Tat, er hat am 16. Dezember 1758 seinem Freunde Gleim, dem Dichter der Kriegslieder eines preußischen Grenadiers, geschrieben, daß »das Lob eines eifrigenPatrioten« nach seiner Denkungsart das »Allerletzte« wäre, wonach er »geizen« würde: »desPatrioten nämlich, der mich vergessen lehrt, daß ich einWeltbürgersein sollte.« Und am 14. Februar 1759 gar: »Ich habe überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es tut mir leid, daß ich Ihnen meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.« Sätze wie den letzten würde heute wohl nur ein entschiedener Kommunist unterschreiben. Aber der Satz vorher bezeichnet als die Veranlassung dieser Äußerung Betrachtungen über »übertriebenen« Patriotismus, die nicht sowohl Gleims »Grenadiere« als »tausend ausschweifende Reden, die ich hier (in Berlin) alle Tage hören muß, bei mir rege gemacht hatten«. Und wenn er im weiteren Verlauf des Briefes von »kleinen Uneinigkeiten« spricht, die Gleims und seine Freundschaft nicht stören könnten und auch nicht gestört haben, so waren es offenbar nur Äußerungen eines übertriebenen preußischen Partikularismus gewesen, die er seiner deutschen und menschheitlichen Gesinnung gemäß nicht mitmachen konnte.

Daß Lessing vielmehr den Patriotismus sogar in seinem höchsten, demOpfersinn zu würdigen versteht, beweist sein gleichfalls 1759 entstandenes Drama »Philotas«, dessen Kerngedanke darin besteht, daß der Held, ein kaum sechzehnjähriger antiker Königssohn, der in die Gefangenschaft des Feindes geraten ist, sich ähnlich dem Kodrus der Griechen-, dem Regulus der Römersage freiwillig den Tod gibt, um nicht als Geisel seinem Vaterland einen ungünstigen Frieden aufzunötigen. Und wie schmerzlich hat er es vermißt und am eigenen Leibe erfahren, daß »wir Deutsche noch keine Nation« waren! Weder in Berlin noch in Wien, weder in Hamburg noch in Mannheim konnte der größte Kritiker Deutschlands,konnte einer seiner besten Dichter auf die Dauer festen Fuß fassen. Bittere Sarkasmen enthalten die letzten »Stücke« seiner »Hamburger Dramaturgie« über den »gutherzigen Einfall«, den sein nie zu ertötender Idealismus selber gehegt hatte, »den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen«, da wir Deutsche eben doch »keine Nation« seien. Er redet dabei nicht von der politischen Verfassung – obwohl das Monstrum des »Heiligen Römischen Reiches Teutscher Nation« jeden Vernünftigen zu dem Spott herausfordern mußte, den einer von den lustigen Gesellen in Auerbachs Keller (im »Faust«) darüber ergießt –, »sondern bloß von dem sittlichen Charakter«. Aber »fast sollte man sagen, dieser sei: keinen haben zu wollen«. Die reichen Hamburger und sonstigen deutschen Kapitalisten hatten eben für andere, materiellere Dinge mehr Geld übrig als für Lessings ideale Unternehmungen. Und so mußte dieser noch in seinem fünften Lebensjahrzehnt in die Dienste eines Kleinfürsten in einer einsamen deutschen Kleinstadt gehen.

Daß ein Mann wie Lessing ein abgesagter Gegner alles Höflingstums und aller Standesvorrechte war, ist eigentlich selbstverständlich. Mit Recht hat schon Franz Mehring auf die scharfe Kritik eines königlichen Hoffestes auf dem Berliner Schloßplatz, ein sogenanntes Karussell oder Ringelrennen, das von dem anwesenden Voltaire in glänzenden Versen gepriesen wurde, durch den einundzwanzigjährigen Dichter in dem sarkastischen Gedicht »Auf ein Karussell« hingewiesen. Er hat auch einmal einen Aufsatz über die »Deutsche Freiheit« geschrieben, die zu Tacitus' Zeiten und auch das ganze Mittelalter hindurch wenigstens in der Form der Landstände den Absolutismus der Fürsten eingeschränkt habe. »Sollten wir nicht wenigstens in unseren Schriften unaufhörlich gegen diese ungerechten Veränderungen protestieren« usw.? Und seine »Emilia Galotti«, ist sie etwas anderes als ein flammender, ingrimmiger Protest gegen fürstliche Willkür- und Mätressenwirtschaft, ein Stück, in dem sogar der gewiß doch maßvolle, selbst an einem Fürstenhof lebende Goethe den »entscheidenden Schritt zur sittlich erregten Opposition gegen die tyrannische Willkürherrschaft« erblickte, den dann des jungen Schiller »Kabale und Liebe« zuerst vom italienischenauf einen deutschen Schauplatz zu übertragen wagte? So kann man in der Tat – es ist der eigentliche Grundgedanke von Mehrings »Lessing-Legende« – Lessing als ersten glänzenden Vertreter des aufstrebenden Bürgertums bezeichnen, das nur seines großen Vorkämpfers nicht würdig war, vielmehr durch wirtschaftliche und politische Rückständigkeit sich auszeichnete.

Allein Lessing geht über diesen Bourgeoisstandpunkt, mindestens an einzelnen Stellen seiner Schriften, noch erheblich hinaus. So in dem merkwürdigen, in der großen Lessing-Ausgabe von Lachmann und Muncker (XVI, 520 f.) in zwei Fassungen vorliegenden kurzen »Gespräch über die Soldaten und Mönche«. Man streite darüber, ob es mehr Soldaten oder Mönche in der Welt gebe. Aber wenn der Landmann seine Saat von Schnecken und Mäusen vernichtet sehe, frage er nicht danach, welcher von beiden es mehr seien. Und nun folgt in der längeren Fassung folgendes Zwiegespräch:

B. Was sind denn Soldaten?A. Beschützer des Staats.B. Und Mönche sind Stützen der Kirche.A. Mit eurer Kirche!B. Mit eurem Staate!A. Träumst du? Der Staat! Der Staat! Das Glück, welches der Staat jedem einzelnen Gliede in diesem Leben gewährt.B. Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen nach diesem Leben verheißt!A. Verheißt!B. Gimpel!

B. Was sind denn Soldaten?

A. Beschützer des Staats.

B. Und Mönche sind Stützen der Kirche.

A. Mit eurer Kirche!

B. Mit eurem Staate!

A. Träumst du? Der Staat! Der Staat! Das Glück, welches der Staat jedem einzelnen Gliede in diesem Leben gewährt.

B. Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen nach diesem Leben verheißt!

A. Verheißt!

B. Gimpel!

So starke Ketzereien in so zugespitzter Form hat unser Held allerdings vorsichtigerweise in seinem Schreibpult zurückgehalten. Aber in milderer Ausprägung erkennen wir doch die gleiche Anschauung auch im »Nathan« und in den Freimaurergesprächen wieder. Im »Nathan« in der eigenartigen Gestalt des Derwischs Al-Hafi, der es in der kapitalistischen Welt nicht mehr aushalten kann – denn »Borgen ist viel besser nicht als betteln, so wie Leihen, auf Wucher leihen nicht viel besser ist als stehlen«; und nun allerdings zumKampfdagegen sich nicht stark genug fühlt, sondern, »um das Werkzeug beider nicht zu sein« – an den Ganges fliehen will. »Am Ganges, am Ganges nur gibt'sMenschen!«, willsagen: vom Kapitalismus, diesem »Plunder«, dieser »Plackerei« erlöste Menschen. Von dieser Lebensansicht fühlt selbst der weise und kaufmännische Nathan sich so ergriffen, daß er in den, prinzipiell aufgefaßt, anarchistischen Ausruf ausbricht: »Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre König!« – Und nun zu Lessings

seinen »Gesprächen für Freimäurer«, fünf an der Zahl, von denen die drei ersten 1778, die beiden letzten 1780, anonym auch sie unter dem Zwange der Zeit, erschienen sind. Lessing hatte sich im Jahre 1771 zu Braunschweig in die Loge aufnehmen lassen (der ja auch Herder, Schiller und Goethe beitraten), aber schon ziemlich bald enttäuscht wieder zurückgezogen. Wir sehen hier von allem auf die Geschichte der Freimaurerei Bezüglichen, das in einzelnen Gesprächen eine ziemlich bedeutende Rolle spielt, ab und beschränken uns auf das, was sich aus ihnen für Lessings philosophische, insbesonderestaats- und gesellschaftsphilosophische Ansichten gewinnen läßt. Das Wichtigste in dieser Hinsicht findet sich im zweiten, einiges noch im vierten Gespräch.

Da ist es nun für den Sozialisten interessant, sozialphilosophischen Anschauungen zu begegnen, die der Verfasser zwar aus ihm vorangegangenen Denkern, wie den Franzosen Bodin und Montesquieu,[8]haben mag, die aber bis zu einem gewissen Grade schon an KarlMarxanklingen. Viele Staaten, läßt er im Verlauf des zweiten Gesprächs dessen Hauptwortführer (Falk) sagen, würden »ein ganz verschiedenes Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen haben«. Erinnert das »Klima« mehr an die beiden obengenannten Geschichtsphilosophen, so die »Bedürfnisse« und ihre »Befriedigungen« mit ihrem ganzen ideologischen Überbau an Marx-Engels' ökonomische Geschichtsauffassung. Daßsolche Anschauungen Lessings aber von lange her in ihm lagen, ergibt sich aus dem Umstand, daß er bereits im Januar 1753 in einer Rezension der »Vossischen Zeitung« die sogenannten »moralischen Ursachen« der Völkerverschiedenheit geradezu als nichts anderes denn »Folgen der physischen« (er sagt noch: physikalischen) bezeichnet.

Im übrigen ist freilich seine Staatsanschauung noch durchausindividualistisch, ja sein Staatsideal – wir streiften den Gedanken schon beim Al-Hafi des »Nathan« – beinahe anarchistisch. Die Ameisen werden als Vorbild hingestellt, weil sie die größte Geschäftigkeit und doch Ordnung zeigen und einander sogar helfen, obschon doch niemand sie zusammenhält und regiert. Und nun folgen in der bei Lessing so erfreuenden epigrammatischen Kürze Schlag auf Schlag die weiteren Fragen und Antworten: »Ordnung muß also doch auchohne Regierungbestehen können.« – »Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß, warum nicht?« – »Ob es wohl auch einmal mit den Menschen dahin kommen wird?« – »Wohl schwerlich!« – »Schade!« – »Jawohl!«

Des weiteren wirft Falk die Frage auf, ob dieMenschenfür dieStaatenoder die Staaten für dieMenschenda sind? Die Antwort wird dann in letzterem Sinne gegeben. Die Vereinigung der Menschen zu Staaten findet statt, damit durch diese und in ihnen jeder einzelne seinen Anteil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen kann. Die Glückseligkeit des Staates besteht in der Summe der Einzelglückseligkeiten aller seiner Glieder. »Außer dieser gibt es gar keine.« Und nun folgt ein Satz, aus dem man allerdings auch eine sozialistische Folgerung ziehen könnte. »Jede andere Glückseligkeit des Staates, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leidenmüssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!«

Und zwar ist das alles von derNaturso eingerichtet. Trotzdem entspringen auch aus der denkbar besten Staatsverfassung notwendig allerlei Übel. Vor allem ist einWeltstaat, schon wegen seiner ungeheuren Größe, nicht möglich, sondern nurNationalstaaten. Und innerhalb derselben entstehen notgedrungen wiederum verschiedeneStände. Selbst die anfänglichgleicheVerteilung des Besitzes vorausgesetzt,würde doch diese gleiche Verteilung keine zwei Menschenalter hindurch bestehen bleiben. Einer wird sein Eigentum besser zu nutzen wissen als der andere, der es womöglich dennoch unter mehr Nachkommen zu verteilen haben wird. Es wird also reichere und ärmere Glieder geben, aus dem wohltätigen Feuer der unvermeidlich unangenehme Rauch entstehen. Aber sollte man deshalb keinen Rauchfang erfinden? Lessing denkt dabei nicht etwa an Sozialisierung, auf die ihn Plato oder Morus an sich gebracht haben könnten, sondern an – die Freimaurer! Es ist »recht sehr zu wünschen«, daß es in jedem Staate Männer geben möchte, die erstens »über die Vorurteile der Völkerschaft (also in unserer heutigen Sprache über einseitigen Nationalismus) hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört«; die zweitens »den Vorurteilen ihrer angeborenen Religion nicht unterlägen, nicht glaubten, daß alles notwendig gut und wahr sein müsse, wassiefür gut und wahr erkennen«; die endlich »bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt, in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich dreist erhebt«.

Solche Männer, die es »freiwillig über sich genommen haben, den unvermeidlichen Übeln des Staates entgegenzuarbeiten«, die jene vielleicht unentrinnbaren Trennungen in Nationen, Stände, Religionsbekenntnisse nicht noch stärker einreißen lassen wollen, als es die Notwendigkeit erfordert, und ihre Folgen so unschädlich als möglich zu machen sich bestreben, sind die Freimaurer, odersolltenes wenigstens sein. Die Mitglieder einer »unsichtbaren Kirche«, deren »wahre Taten dahin zielen, alles, was man gemeiniglich gute Taten nennt, größtenteils entbehrlich zu machen«, eine wahrhafteInternationale, die freilich – ebensowenig wie zurzeit die modernere Internationale der Arbeiter – ihrer Idee entspricht. Mit Schärfe tadelt der Freimaurer Lessing namentlich die unsozialen Inkonsequenzen der Logen schon seiner Zeit. Wenn ein aufgeklärter Jude, wenn ein ehrlicher Schuster, wenn ein erfahrener und treuer Dienstbote es sich einfallen läßt, sich zur Aufnahme zu melden, so weist man sie ab: »Wir sind unter uns so gute Gesellschaft … Prinzen, Grafen, Herren von, Offiziere, Räte von allerlei Beschlag, Kaufleute, Künstler.«Dazu das »Kapitale haben, diese Kapitale belegen, sie auf den letzten Pfennig zu nutzen suchen, sich ankaufen wollen, von Königen und Fürsten sich Privilegien geben lassen« usw. Sie scheinen ihm auf dem besten Wege, von ihren ursprünglichen Zielen ganz abzukommen. Ob die heutigen Logen nicht auch manchen dieser Tadel verdienen? Etwas demokratischer mag ein Teil von ihnen ja geworden sein; aber grundsätzlich herrscht doch wohl noch immer bei ihnen das Prinzip der »guten« Gesellschaft; abgesehen davon, daß Atheisten und daß von der Vollmitgliedschaft auch Frauen heute noch ausgeschlossen sind.[9]

Aber das Bestehende verhält sich zum wahren Freimaurertum wie die bestehende, sehr mangelhafte Kirche, ja, man könnte erweiternd sagen: alle religiösen und politischen Parteien der Wirklichkeit, zu ihrerIdee. Und umgekehrt: man kann »die höchsten Pflichten der Maurerei erfüllen, ohne Freimaurer zuheißen«. Wahre Freimaurerei ist von jeher gewesen; sie ist so alt wie die bürgerliche Gesellschaft (hier natürlich im weitesten Sinne gemeint). Und ihr jetziges Schema, fügen wir hinzu: ihre Zeremonien und alles damit Zusammenhängende ist nur »Hülle« und »Einkleidung«. Die Hauptsache aber, die der Verfasser mit voller Deutlichkeit allerdings noch nicht ausspricht, liegt in dem aus seiner Gedankenreihe zu ziehenden Schlusse: Man soll das wahre Freimaurertumunter alle Welt verbreiten. Wie es zu Anfang in der kurzen Widmung an Ferdinand von Braunschweig heißt: »Das Volk lechzet schon lange und vergehet vor Durst!« Damit wäre freilich dem Freimaurer-Orden alsGeheimbund das Urteil gesprochen.

Schon in der »Emilia Galotti« hatte die Gräfin Orsina ausgerufen: »Das Wort Zufall ist Gotteslästerung; nichtsunter der Sonne ist Zufall.« Die in diesen Sätzen sich ausprägende Anschauung von der notwendigen und ausnahmlosen Naturbedingtheit alles schon Geschehenen, jetzt Geschehenden, noch Geschehenwerdenden, welche die Philosophie »Determinismus«, das heißt Bestimmtheit zu nennen pflegt, und die sich in religiöser Gestalt besonders im Islam und im Kalvinismus wiederfindet, scheint Lessing von jeher geteilt zu haben. Bereits eine Rezension aus dem März 1753 meint, daß die Leugner der Willensfreiheit wenigstens keine Feinde der Religion zu sein brauchen; auch in seiner Lehre von dem Wesen des tragischen Charakters sehen wir diese Lehre aufleuchten. Deutlicher spricht sich seine Vorrede zu des braunschweigischen Abtes Jerusalem »Philosophischen Aufsätzen« (1776), also aus seinen letzten Jahren über dies Problem aus. »Was verlieren wir denn,« fragt Lessing hier, »wenn man uns die Freiheit abspricht?« Und er antwortet: »Etwas, wenn es etwas ist, was wir nicht brauchen … Etwas, dessen Besitz uns weit unruhiger machen müßte, als das Bewußtsein seines Gegenteils …« Fühlt sich doch auch der Religiöse, wie wir hinzusetzen möchten, im Schoße seines alles lenkenden und bestimmenden Gottes ruhig und befriedigt. Ebenso muß auch der Philosoph sich nach Lessing sagen: »Zwang und Notwendigkeit, nach welchem die Vorstellung des Besten wirket, wieviel willkommener sind sie mir als kahle Vermögenheit, unter den nämlichen Umständen bald so, bald anders handeln zu können!« Und er fährt fort: »Ich danke dem Schöpfer, daß ichmuß, dasBestemuß. Wenn ich in diesen Schranken selbst so viel Fehltritte noch tue, was würde geschehen, wenn ich mir ganz allein überlassen wäre? einer blinden Kraft überlassen wäre, die sich nach keinen Gesetzen richtet und mich darum nicht minder dem Zufall unterwirft, weil dieser Zufall sein Spiel in mir selbst hat?« Zufall bedeutet also Gesetzlosigkeit, Naturgesetzlichkeit Ausschließung jedes Zufalls, allgemeine Geltung des Kausalgesetzes (Gesetzes von Ursache und Wirkung), ohne das keine Naturwissenschaft, ja Wissenschaft überhaupt denkbar ist.

Gerade starke Naturen haben das von jeher anerkannt und gleichwohl aus dem unversiegbaren Quell ihrer Persönlichkeit heraus zu diesem Naturmechanismus ihr trotziges: »Unddennoch!« gesprochen. Auf solche Weise löst sich auch der anscheinende Widerspruch zwischen jener Orsinaschen Verurteilung des Zufalls und dem bekannten: »Kein Mensch muß müssen« Nathans, dem dann das Wort Al-Hafis auf dem Fuße folgt: »Was er fürguterkennt, das muß ein Derwisch.«

Von der Seite der Ethik also oder der Moral, wie Lessing sagt, ist das System des Determinismus »geborgen«. Aber, fährt er fort: ob nicht die Spekulation Einwände dagegen erheben könnte, die sich nur durch ein zweites philosophisches System heben ließen? Mit diesem zweiten, »gemeine Augen ebenso befremdenden« System ist derSpinozismusgemeint.

Wir haben im Laufe unserer bisherigen Darstellung das Wirken Spinozas, der bis dahin in Deutschland nach Lessings eigenem Ausdruck wie ein »toter Hund« angesehen worden war, auf unseren Dichter nur angedeutet. Wir wollen zunächst einen merkwürdigen undatierten, aber wahrscheinlich aus der Breslauer Zeit stammenden kleinen Aufsatz von ihm nachträglich noch erwähnen: »Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott.« Dort wird geradezu gesagt: »Es gibt kein Dasein außer Gott«, »alle Dinge sind in ihm wirklich«. »Die Begriffe, die Gott von den wirklichen Dingen hat, sind diese wirklichen Dinge selbst.« Auch der § 73 der »Erziehung des Menschengeschlechts«, der von der göttlichen Dreieinigkeit handelt, führt den nämlichen Gedanken aus. Das ist völligerPantheismus (All-Gott-Lehre) oder, vielleicht noch genauer ausgedrückt, Panentheismus (All-in-Gott-Lehre). Ganz zu Spinoza durchgedrungen aber ist Lessing, wie wir jetzt bestimmt wissen, spätestens in seinem letzten Lebensjahr.

Am 5. Juli 1780 war Goethes und Hamanns Freund, der also philosophisch von ganz anderer Seite herkommende Düsseldorfer Friedrich HeinrichJacobi, zum Besuch in Lessings einsamer Bibliothek eingetroffen.[10]Da erklärte dieser, dem Jacobi Goethes berühmtes philosophisches Gedicht »Prometheus«zu lesen gegeben, dem Gaste zu dessen Erstaunen: Er nehme durchaus kein Ärgernis an der Anschauung Goethes; er habe im Gegenteil den Gesichtspunkt, von dem aus das Gedicht verfaßt sei, »schon lange aus der ersten Hand«, nämlich ausSpinoza. Und nun die Hauptäußerung: »Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich Ἓν καὶ πᾶν (d. h. es gibt nureinAll). Ich weiß nichts anderes.« Sie werden durch einen Besuch gestört. Am folgenden Morgen kommt Lessing zur Fortsetzung des Gesprächs auf Jacobis Zimmer. Er bekennt sich von neuem als Anhänger des Pantheisten: »Es gibt keine andere Philosophie als die des Spinoza.« Und weiter als entschiedenen Deterministen: »Ich begehre keinen freien Willen«, worein »der helle Kopf Ihres Spinoza sich doch auch zu finden wußte«.

Auffallenderweise bekennt er sich bei dieser Gelegenheit auch, ganz im Gegensatz zu der Philosophie seiner Zeit, alsGegner des erkenntnistheoretischen Idealismus, wie er von Parmenides und Plato begründet, von Descartes über Leibniz bis zu Kant und seinen Nachfolgern verkündet worden und unseres Erachtens unabweislich ist. Er erklärt es für ein menschliches Vorurteil, daß »wir denGedankenals das Erste und Vornehmste betrachten und aus ihm alles herleiten wollen«: während doch »alles, die Vorstellungen mit inbegriffen«, also »Ausdehnung, Bewegung, Gedanke« offenbar von »höheren« Prinzipien abhänge, in einer »höheren Kraft gegründet« sei, die »noch lange nicht damit erschöpft ist«. Er bedenkt dabei nicht, daß dies Ausgehen von einer »alle Begriffe übersteigenden«, gänzlich unbestimmten »höheren« Kraft uns in alle Dunkelheiten der Metaphysik und Theologie, ja unter Umständen Theosophie (oder, wie Rudolf Steiner es moderner umtauft: »Anthroposophie«) hineinführt. Zur weiteren Begründung dieser pantheistischen Metaphysik bezieht er sich auf einen merkwürdigen Gedanken von Leibniz, wonach die Gottheit sich in einem Zustand beständiger Expansion (Ausdehnung) und Kontraktion (Zusammenziehung) befände, womit zugleich Leben und Tod der Individuen in der Welt zusammenhängen soll; muß aber selbst zugeben, daß diese Stelle mit der sonstigen Überzeugung des Leibniz von einempersönlichen, außerhalb der Weltexistierenden Gott in Widerspruch stehe. Lessing selbst, setzt Jacobi hinzu, konnte sich mit dem Gedanken eines unendlichen persönlichen Wesens, das unaufhörlich im Genuß seiner eigenen »Vollkommenheit« schwelge, nicht vertragen. »Er verknüpft mit demselben eine solche Vorstellung von unendlicher – Langeweile, daß ihm angst und weh dabei werde.«

Von Lessings Freunden wollte, als Jacobi vier Jahre nach dessen Tode in seiner Schrift »Über die Lehre des Spinoza, in Briefen an Moses Mendelssohn« dies Gespräch veröffentlichte, niemand an eine solche Änderung seiner Ansichten, die in der Tat ein völliges Abweichen von den Grundsätzen der »Aufklärung« darstellt, glauben. Und es entspann sich darüber 1785/86 ein äußerst heftiger Philosophenstreit, der bei Mendelssohns ohnehin kränklichem Körper dessen Tod beschleunigt hat. Wir werden bei Herder und Goethe darauf zurückzukommen haben.

Ob Lessing im ganzen mehr Leibniz oder Spinoza zugeneigt habe, läßt sich schwer entscheiden. Zu Leibniz zogen ihn sicherlich dessen Hauptgedanken von der Entwicklung alles Lebendigen, von der ununterbrochenen Stetigkeit des Weltzusammenhanges, von der Verknüpfung kleinster vorstellender mit kleinsten körperlichen Einheiten in den »Monaden«; zu Spinoza –zuletztdoch, wie es nach Jacobis bestimmtem Zeugnis scheint, entscheidend – die streng monistische Folgerichtigkeit von dessen Lehre. Schulmäßiger Anhänger eines bestimmten Systems, also Spinozist oder Leibnizianer zu werden, lag seiner unabhängigen Natur überhaupt nicht. Auch Jacobi gegenüber hatte er eigentlich bloß erklärt: »Wennich mich nach jemand nennen soll, so weiß ich keinen anderen.« Völlig einem, und sei es auch der scharfsinnigste, Denker sich zuzuschwören, hinderte ihn sein lebhaftes Selbständigkeitsgefühl.

Damit kommen wir zum Schlusse noch einmal zu Lessings philosophischer und menschlicher

zurück. Mögen seine Einzeltheorien auf den verschiedenen Gebieten, auf denen er gearbeitet hat, in Religions-, Kunst-, Geschichts- und Staatsphilosophie, heute in mancherlei Hinsicht überholt sein: was uns immer wieder zu ihm und seinenWerken hinzieht, ist seine einzigartige Persönlichkeit. Schon seine Sprache, insbesondere seine Prosa, ist von großartiger Eigenartigkeit. »Solange Deutsch geschrieben ist, hat, dünkt mich, niemand wie Lessing Deutsch geschrieben«, hat schon einer, der doch auch etwas davon verstand, J. G. Herder, dem eben Verstorbenen nachgerühmt; und sein Hauptbiograph (Erich Schmidt) hat ihr im zweiten Bande seines Werkes über ein halbes Hundert Lexikonseiten gewidmet; auch ich habe Ihnen mit Absicht durch zahlreiche Zitate seine Stilart nahe zu bringen gesucht. Aber wenn ein Franzose gesagt hat: Der Stil ist der Mann, so kann man ebensogut sagen:Der Mann macht den Stil.Und so ist es bei Lessing: sein Stil geht aus seiner kraftvollen Persönlichkeit hervor. Diese Ehrlichkeit, diese Mannhaftigkeit, diese unbezähmbare Wahrheitsliebe, diese stete Kampfbereitschaft gegen alles Unrecht, der Haß gegen alle Unterdrücker, die Liebe zu den Unterdrückten, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie vollbracht ist, sein mit ungescheuter Selbstkritik verbundener echter Stolz, der Mut und die Selbstbeherrschung im Unglück: alle diese Charaktereigenschaften – von seinen intellektuellen Vorzügen ganz zu schweigen – haben sich selten in einem Menschen so vereinigt wie in Gotthold Ephraim Lessing.

Gewiß, alle menschlichen Handlungen sind naturbedingt. Jeder von uns wird unter bestimmten Verhältnissen auch notwendig so handeln, wie er es tut. Aber zu den Beweggründen, und zwar den allerstärksten, eben dieses Handelns gehört auch sein freilich wieder durch Tausende von Umständen so oder so gewordener innerer Mensch, sein »Dämon«, wie schon der alte Heraklit gesagt hat. So berichtet denn auch derselbe Jacobi, der Lessings Determinismus bezeugt, einen scheinbar ganz entgegengesetzten Ausspruch von ihm: »Wo keine Selbstbestimmung ist, keine Freiheit, da ist keine Menschheit.« Ja, Lessing, der »Determinist« ist zugleich ein radikaler Prediger derFreiheitauf allen Gebieten gewesen: in Religion und Staat, Ethik und Erziehung. Und er hat sie, hat seinen vollendeten Unabhängigkeitssinn vor allem auch in sein eigenes Leben hineingetragen. Er war gegen alles Sektenmachen, gegen alle Engigkeit und Beschränktheit. Er hat auch keine »Schule« gegründet, ja erwolltekeine gründen. Er hatsich nicht in das Universitäts-, das Hof-, das Beamtenleben hineinbegeben. Er trat auch nie mit sogenannter »Würde« auf. Im Gegenteil, »er warf die persönliche Würde gern weg, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder aufnehmen zu können« (Goethe). Nur ein Pedant und Philister von Kopf und Herz wird sich »nie gehen lassen«.

Freilich solche Menschen stehen dann in ihrer Stärke – »der Starke ist am mächtigsten allein« – und Höhe oft auch vereinsamt da, wie Lessing es einmal in seinen »Antiquarischen Briefen« in einem wundervollen Selbstvergleich mit einer einsam ihr Tagewerk vollziehenden Windmühle ausgeführt hat: »Da stehe ich auf meinem Platze ganz außer dem Dorf auf einem Sandhügel allein und komme zu niemandem und helfe niemandem und lasse mir von niemandem helfen. Wenn ich meinen Steinen etwas aufzuschütten habe, so mache ich es ab, es mag sein mit welchem Winde es will. Alle zweiunddreißig Winde sind meine Freunde. Von der ganzen weiten Atmosphäre verlange ich nicht einen Finger breit mehr, als gerade meine Flügel zu ihrem Umlauf brauchen. Nur diesen Umlauf lasse man ihnen frei … Wen meine Flügel in die Luft schleudern, der hat es sich selbst zuzuschreiben.«

Nun, Lessing hat sein Tagewerk wahrlich in reichlichem Maße getan. Und er hat stets zu seinen Taten gestanden: »Was ich tat, das tat ich!«, wie er seinen Tempelherrn sagen läßt. Und dabei, welch frischerLebensmutin ihm: »Wer gesund ist und arbeiten will,« schreibt er einmal an seine Eltern, »der hat nichts zu fürchten; Krankheiten aber und dergleichen Umstände zu befürchten, die außerstand setzen könnten zu arbeiten, zeigt ein schlechtes Vertrauen auf die Vorsehung. Ich habe ein besseres und habe Freunde.« Aber er will sich nur an Stellen festsetzen, für die er sich der geeignete Mann fühlt: »Wenn wir nicht versuchen, welche Sphäre uns eigentlich zukommt, wagen wir uns öfters in eine falsche, wo wir uns kaum über das Mittelmäßige erheben, während wir uns in einer anderen zu einer bewundernswerten Höhe hätten schwingen können.« Indessen wo er seiner Meinung nach etwas Edles und Großes zu fördern vermag, geht er, wie oft auch enttäuscht, stets wieder darauf ein. Und wenn er dann wiederum scheitert, so merken wir an der Art seines Rückzugs, daß auch»in ihm dieselbe Überlegung wie in uns« vorhanden gewesen, daß jedoch in ihm »eine größere Wärme des Herzens war als in uns« (Gervinus).

Und er bewährte diesen Mut, diese wahrhaft philosophische Gesinnung auch im schwersten Unglück und bis ans Ende. Als ihm, der nach langer Wartezeit zum späten Glück einer vortrefflichen Frau gelangt ist, diese Frau samt dem Neugeborenen nach kurzer Krankheit wieder entrissen wird, da schreibt er nur das freilich bittere Wort: »Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht bekommen.« Und weiter an einen Freund: »Meine Frau ist tot, und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viele dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin ganz leicht.« Einige Tage darauf: »Wenn ich noch mit der einen Hälfte meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andere Hälfte in Gesellschaft dieser Frau zu verleben, wie gern wollt' ich es tun! Aber das geht nicht, und ich muß nur wieder anfangen, meinen Weg allein so fort zu duseln.« Und ein halbes Jahr später, nach allerlei anderem Mißgeschick, an die Freundin Elise Reimarus: »Doch ich bin zu stolz, mich unglücklich zu denken, knirsche eins mit den Zähnen und lasse den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen. Genug, daß ich ihn nicht selbst umstürzen will.« Er sollte ihn noch zweiundeinhalb Jahre treiben sehen, mannhaft und unerschrocken wie immer, bis ihm der Tod das stets kampfbereite Schwert des Geistes aus der Hand schlug.

Man hat uns zu verschiedenen Zeiten Rembrandt, Goethe, Nietzsche, Fichte, Schopenhauer alsErziehergepriesen. Wir finden: geradeLessing, von dem wir nun Abschied nehmen, kann uns, dem einzelnen und dem ganzen Volke, gerade in heutiger Zeit ein Vorbild, ein Erzieher sein. Denn er vereinigte mit der Klarheit des Kopfes, die uns heute auch in der Philosophie gegenüber allen Schwärmereien und Rückwärtsereien so not tut, die Wärme des Gefühls, da wo sie am Platze ist, und die Fähigkeit des Willens zu festem, entschlossenem Handeln.


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