Chapter 3

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Gegenstande oder der dargestellten Person herausfinden, aber doch durch die darin enthaltene Uebertreibung unangenehm berührt werden. Das was die Carricatur im Bilde, das ist die witzige Uebertreibung oder Hyperbel in der Darstellung durch Worte. Ich erinnere z. B. an Haug's Zweihundert Hyperbeln auf Herrn Wahls „ungeheure Nase", von denen hier die folgende einen Platz finden mag:

Er stand und sprach vor seinem Haus,Da hielt ein Güterwagen an.He! rief der trunk'ne Fuhrmann aus:Den neuen Schlagbaum aufgethan!

Aus Kuno Fischer will ich hier noch einen recht guten Witz dieser Art mittheilen, den man sich von Friedrich Wilhelm IV. erzählt. — Auf einer seiner Landreisen wird der König in einer kleinen Provinzialstadt von der Obrigkeit empfangen und von dem Bürgermeister des Städtchens in feierlicher Anrede begrüsst; an dem kleinen wohlbeleibten Mann tritt nichts so hervor als die weisse Weste in stattlicher Wölbung; das Wetter ist sehr kalt und die Rede nimmt kein Ende; da unterbricht der König den Redner gleichsam besorgt um seine Gesundheit und auf die Weste deutend sagt er gütig: „mein Lieber, erkälten Sie sich Ihren Montblanc nicht." — Diese Anekdote enthält eine Fülle komischer Contraste, der eigentliche Witz beruht aber offenbar auf der Verbindung resp. Substituirung zweier vollständig heterogener Vorstellungen, die aber eine gewisse Aehnlichkeit mit einander haben. Fischer führt diesen Witz unter dem Wortspiel (speciell unter der mit „Doppelsinn" überschriebenen Form) auf, nach meiner Auffassung aber mit Unrecht, denn das Wort Montblanc enthältan und für sichkeinen Doppelsinn.

In manchen Fällen ist die versteckte Aehnlichkeit, die der Witz aufdecken soll, nicht direct ausgesprochen, sondern kann erst nach Kenntniss gewisser Verhältnisse verstanden werden. Als Beispiel führe ich einen fall von witzigem Anachronismus an: Ein italienischer Maler wurde von dem Prior eines Klosters aufgefordert, für dessen Kirche ein Altar-Bild, das heilige Abendmahl darstellend, zu malen. Er macht sich an die Arbeit; lernt aber während derselben den Prior als einen ganz schlechten Menschen, einen Lügner und Verräther kennen, der ihn selbst

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um den bedungenen Lohn betrügen will. Darüber entrüstet, beschliesst der witzige Maler sich zu rächen und malt in einer Nacht, nachdem das Bild vorher bis auf die Person des Judas fertig geworden war, die Gestalt des Priors wie er leibt und lebt an dessen Stelle, um sich dann natürlich heimlich davon zu machen. — Das Bild enthält einen Anachronismus, der in diesem Falle aber nicht blos komisch, sondern für den, der die Verhältnisse kennt, auch witzig wirkt. Die Person des Judas und des Priors, die hier mit einander indentificirt sind, gehören zeitlich nicht zu einander, dagegen finden wir in Beziehung auf ihren Geiz und ihre Verrätherei zwischen beiden eine Aehnlichkeit, die in Verbindung mit dem Anachronismus den Witz erzeugt. Die komische Wirkung wird in diesem Fall dadurch unterstützt, dass die gerechte Schadenfreude mit eine Rolle spielt; wir gönnen dem Prior wegen seiner Schlechtigkeit diese Blamage und den Aerger, den er doch wahrscheinlich über das Bild empfunden. Solche Witze, bei denen die gerechte Schadenfreude mitwirkt, nennen wirsatyrische WitzeoderSarkasmen, deren Wesen also in einer zum eigentlichen Witz hinzukommenden Nebenwirkung besteht.

Sahen wir in der ersten oben besprochenen Klasse der Associationswitze dieAehnlichkeitzur Erzeugung des angenehmen Gefühls thätig, so treten in den anderen Klassen ebenso die Normen derGleichzeitigkeitundSuccessiondafür ein. In dem schon erwähnten Lichtenberg'schen Auctionsverzeichniss wird u. A. weiter ausgeboten: Eine Mausefalle mit den nöthigen Mäusen dazu und ein messingenes Schlüsselloch. In dem ersten Beispiel erscheint es uns einerseits nach dem Gesetze der Coexistenz ganz natürlich, dass zur Mausefalle auch Mäuse gehören, andererseits sehen wir auch sofort das Unsinnige der Zusammenstellung ein. Ebenso ist es mit dem messingenen Schlüsselloch. Wir haben den Messing mit dem darin befindlichen Schlüsselloch so oft zusammen gesehen, dass wir diese beiden Begriffe leicht und ungezwungen in Zusammenhang bringen und deshalb lachen, wenn wir andererseits den Widersinn einsehen. — Es spielt in diesen Beispielen übrigens nebenbei auch das gesteigerte Selbstgefühl in gleicher Weise wie bei den Münchhausiaden mit. Wir merken, dass uns eine Falle gelegt ist,

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dass wir confuse gemacht werden sollten und freuen uns nun der glücklich überstandenen Prüfung.

Wir kommen jetzt zur zweiten Hauptgruppe der Witze, die wir

*2. Doppelsinn-Witze*

nannten. Bei den Doppelsinn-Witzen werden die zwei Vorstellungen resp. Vorstellungskreise, die in dem Witz uns dargeboten sind und mit einander in den Wettstreit eingehen sollen, gebildet: erstlich durch ein Wort, eine Aeusserung, Geberde oder Darstellung irgend welcher Art, und zweitens durch die Situation oder den Zusammenhang des Satzes, in welchem jene stehen. — Das erste dieser Glieder lässt eine doppelte Deutung zu, enthält einen Doppelsinn und je nachdem nun die eine oder die andere Bedeutung substituirt wird, passt das erste Glied in Bezug auf die logischen Normen (oder Ideen der Wahrheit) in den Zusammenhang vollständig hinein — oder nicht (resp. weniger gut).

Eine grosse Unterabtheilung hierzu bildet das Wortspiel oder genauer

a)das homonyme Wortspiel.

Bei diesem entsteht der Doppelsinn dadurch, dass das eine Wort zwei homonyme Bedeutungen in sich schliesst und zwar am häufigsten die methaphorische und sinnliche Bedeutung. Diese Witze sind sehr verbreitet und stehen ihrem Werthe nach den Klangwitzen nahe, weil sie sehr wohlfeil sind. Nicht eigentlich wir machen dieselben, sondern die Sprache macht sie für uns. — Auf unterster Stufe steht das Wortspiel mit Namen, von welchem u. A. Falstaff auch ein Beispiel liefert, wenn er zu seinem Fähndrich Pistol sagt: „Drücke Dich aus unserer Gesellschaft ab Pistol". Das Wortspiel ist hierin sogar ein doppeltes. Erstlich das mit dem Worte Pistol, das in der Bedeutung des Namens nicht eigentlich in den Zusammenhang des Satzes passt, (namentlich, wenn wir uns denken, es hiesse etwa:schiesseDich ab), während die andere Bedeutung einen Sinn giebt, der aber hier nicht gemeint ist. Durch Einzukommen des zweiten

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Wortspiels, oder richtiger Klangwitzes, welcher die Worte „sich abdrücken und sich drücken" für einander substituirt, wird der Witz verdoppelt und dem Wortspiel gewissermaassen der Weg besser gebahnt.

In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des Tobias ganz mit den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten „Hanna aber, sein Weib, die arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte ihnmit Spinnen", machte ein Mädchen mit Gesicht und Händen die Geberde des Abscheues und Ekels. „Agnes, was hast Du denn?" ruft der Lehrer: Antwort: „Ach Herr Lehrer, ist denn das wirklich wahr?" Lehrer: „Warum zweifelst Du daran?" Kind: „O, weildie Spinnendoch gar zu schlecht schmecken müssen!" — In der vorliegenden Anekdote, so wie sie hier erzählt ist, ist die Aeusserung des Kindes offenbar eine pseudonaive. Die Kleine sagt eigentlich etwas Dummes, aber indem wir uns auf den Standpunkt des in diesem Falle leicht entschuldbaren Missverständnisses stellen, hat sie mit ihren Worten eigentlich ganz recht. Dieselbe Aeusserung können wir aber auch als Witz auffassen und zwar als Wortspiel, wenn wir das Wort „Spinnen" bald in der einen, bald in der anderen Bedeutung in den Zusammenhang substituiren. Einen logischen Sinn geben in vorliegendem Falle eigentlich beide Bedeutungen, doch kann es für den Einsichtsvollen keinen Augenblick zweifelhaft sein, welche von beiden die gemeinte ist. Eine doppelt komische Wirkung entsteht oft dadurch, dass die nicht gemeinte Bedeutung uns zuerst allein aufstösst und wir gerade bei der Substituirung dieser ausserdem noch unsere Schadenfreude befriedigt sehen, wie im folgenden Beispiel. — Ein im Bezahlen seiner Rechnungen sehr säumiger Herr schickt seinen Diener zum Schneider, um diesen zum Maassnehmen für einen neuen Anzug zu sich zu bestellen. „Nun Friedrich"! fragt er den Rückkehrenden, „warst Du beim Schneider? Wann kommt er?" Antwort: „Gnädiger Herr, in einerschwachenStunde wird er herkommen, hat er g'sagt." — In einer schwachen Stunde soll offenbar soviel heissen wie in einer kleinen Stunde (so wie man von einer starken und schwachen Meile spricht). Die andere Bedeutung, die eigentlich nicht gemeint ist, aber ganz der Situation entsprechend die Ab-

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neigung des Schneiders ausdrückt, für einen so schlechten Zahler weiter zu arbeiten, fällt uns jedoch zunächst auf, und wir lachen deshalb um so mehr. — Es gehört dieser Witz, besonders wenn wir annehmen, dass der Schneider oder der Diener ihn absichtlich gemacht habe, zu den sog.zweideutigen Wortspielen, von denen Kuno Fischer sehr richtig sagt: „Jetzt ist der Doppelsinn nicht mehr harmlos, sondern pikant; das Wortspiel hat nicht blos zwei Bedeutungen, sondern zwei Gesichter, das eine ist Maske, das andere das wahre Gesicht; jenes sieht harmlos aus, dieses hat den Schalk im Nacken."

Bei einer anderen Klasse der Wortspiele ist es nicht diehomonymeBedeutung eines Wortes, sondern die doppelte Bedeutung, die dadurch entsteht, dass ein Wort dem Zusammenhang des Ganzen entsprechend (und zwar nicht immer ganz correct) in einem weiteren oder engeren Sinne gebraucht und dann im Witze plötzlich in seine wirklichen Grenzen zurückgewiesen wird. Ich nenne diese Wortspiele deshalb

b)limitirende Wortspiele

und führe zuerst solche an, bei denen ein Begriff, der eigentlich eine weitere Bedeutung hat, zunächst in einem engeren Sinne gebraucht wird und in diesem in den Zusammenhang des Ganzen nicht hineinpasst, während die Substituirung der eigentlich richtigen, weiter umfassenden Bedeutung, an die wir aber erst erinnert werden müssen, einen richtigen Sinn ergiebt. Fast sämmtliche Beispiele, die Schopenhauer vom Witz giebt, gehören in diese eben genannte Klasse und wir werden das gewissermaassen begreiflich finden, wenn wir uns der Schopenhauer'schen Definition des Lächerlichen erinnern. Die paradoxe und daher unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes unter einen ihm übrigens heterogenen Begriff gilt ihm als das Kennzeichen des Lächerlichen. Dabei soll beim Witz das Auffinden dieser Incongruenz vom Anschaulichen zum Begriff übergehen. Schopenhauer erzählt folgende Witze:

Ein Gascogner geht bei strenger Winterkälte in leichter Sommerkleidung umher. Der König, der ihm begegnet, lacht über ihn, worauf der Gascogner sagt: Hätten Ew. Majestät an-

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gezogen, was ich angezogen habe, so würden Sie es sehr warm finden. Auf die Frage: was er denn angezogen habe, erwidert er: „meine ganze Garderobe." — Unter demwas(ich angezogen habe) verstehen wir zunächst, der Situation ganz entsprechend, den Anzug, den wir auf seinem Leibe sehen und es scheint uns diese kärgliche dünne Bekleidung seine Behauptung nicht zu rechtfertigen. — In seiner weiteren Antwort wird aber dieses von uns selbstverständlich in so enger Bedeutung aufgefasste „was ich anhabe" plötzlich erweitert zu dem Begriff „meine ganze Garderobe" und in dieser Bedeutung passt allerdings seine Antwort vollkommen zur Situation. —

„Das Publikum eines Theaters in Paris verlangte einst, dass die Marseillaise gespielt werde und gerieth, als dies nicht geschah, in grosses Schreien und Toben, so dass endlich ein Polizeicommissarius in Uniform auf die Bühne trat und erklärte, es sei nicht erlaubt, dass im Theater etwas Anderes vorkomme, als was auf dem Zettel stehe. Da rief eine Stimme: „„Et vous, Monsieur, êtes-vous aussi sur l'affiche?"" welcher Einfall das einstimmigste Gelächter erregte."

Das Wort, um welches es sich bei diesem Witze handelt, ist das Wortvorkommen. Wir fassen dasselbe zunächst und entsprechend dem, wie es gemeint ist, in dem Sinne von: „aufgeführt werden" auf, „es darf im Theater nichts Anderes aufgeführt werden" etc. Der witzige Einfall erweitert aber plötzlich die Bedeutung zu ihrem eigentlichen Umfang und nun fällt das Auftreten des Polizeibeamten auch mit unter den Begriff: vorkommen. Hätte der Beamte sich correct ausgedrückt und gesagt: es darf nichts Anderes aufgeführt werden, als was auf dem Zettel steht, so wäre die Gelegenheit zu dem vorliegenden Witz genommen. —

Gerade die gegentheilige Operation findet bei den folgenden Witzen statt, bei denen ein Wort zuerst in einer weiteren Bedeutung gebraucht ist und nun plötzlich durch den Witz eingeschränkt wird.

Die Beispiele dazu entlehne ich aus Kuno Fischer, der dieselben unter der Form „Das witzige Abfertigen" mittheilt, ohne auf das eigentliche punctum saliens bei diesen Witzen einzugehen.

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„Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazierritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Handthierung beschäftigt ist; „kann er meinen Schimmel blau färben?" ruft ihm der Herzog zu, und erhält die Antwort zurück: „ja wohl, Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann". Die beiden Glieder des Witzes sind diebejahendeAntwort und das Wort „können". In der Frage des Herzogs ist letzteres in der weiteren Bedeutung gemeint „können, so dass es eben ohne Schaden geschieht." In der Antwort aber wird die Bedeutung in ihre strengen eigentlichen Grenzen zurückgewiesen und erst zu dieser Bedeutung passt die bejahende Antwort. —

Zur Verstärkung der komischen Wirkung, aber ganz ausserhalb des Witzes gelegen, kommt das Moment der witzigen Abfertigung hinzu (das also zur Unterscheidung einer besonderen Witzform eigentlich nicht gebraucht werden kann). Wir sympathisiren mit dem Färber, der vom Herzog geschraubt werden soll und gönnen letzterem die Abfertigung, die er sich zuzieht, als eine gerechte Strafe für seine böse Absicht. Aber auch ohne dies Nebenmoment bleibt der Witz als solcher bestehen und wir können ihn etwa in die Räthselfrage kleiden: Kann man einen Schimmel blau färben? Antwort: Ja, wenn er das Sieden vertragen kann.

„Friedrich der Grosse hört von einem Prediger in Schlesien, der im Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er lässt den Mann kommen und empfängt ihn mit der Frage: „Er kann Geister beschwören?" Die Antwort war: „zu Befehl, Majestät, aber sie kommen nicht". — Die beiden Glieder des Witzes sind auch hier die bejahende Antwort und das Wort „beschwören", das in seiner doppelten Bedeutung zu dem Wortspiel Veranlassung giebt. In der Frage ist dasselbe so gemeint, dass wir ohne Weiteres das Erscheinen der Geister mit einbegreifen; in der Antwort wird das Wort auf seine eigentliche Bedeutung zurückgeführt und daraus entsteht der Wettstreit mit der bejahenden Antwort. — Auch hier dient das Moment der Abfertigung nur zur Erhöhung der komischen Wirkung.

Es braucht aber nicht immereinWort zu sein, welches eine doppelte Bedeutung enthält, oft ist es auch die Construction die einen doppelten Sinn zulässt. Diese

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c)Witze aus doppelsinniger Construction

sind häufig unwillkürliche wie z. B. der folgende. — Einer unserer verflossenen Duodezfürsten überraschte eines Tages seinen Kammerdiener, wie dieser behaglich auf dem Thronsessel Probe sass und fuhr ihn mit den heftigen Worten an: „Kerl, verdammter, wie kommst Du mir vor? bildest Dir wohl gar ein, regierender Herr zu sein, dumm genug wärst Du dazu!" [1] — Was der Kurfürst sagen wollte, ist wol klar: „Du bist dumm genug, Dir das einzubilden." Durch die etwas uncorrecte Satzstellung aber ist der Sinn: „Dumm genug, regierender Herr zu sein" nahe gelegt, der offenbar nicht der gemeinte ist. Daraus aber entsteht ein Witz, dessen komische Wirkung zunächst dadurch beträchtlich erhöht wird, dass wir aus dem Munde eines Mannes, dem wir von vornherein übel wollen, diese (in gewisser Auffassung) naive Aeusserung, mit der er sich selbst ins eigene Fleisch trifft, gern und mit einer nicht unberechtigten Schadenfreude hören, weil wir diesen eigentlich nicht gemeinten Sinn, für den mit der Wahrheit am meisten übereinstimmenden halten. Dadurch, dass wir aber wissen, dass der Fürst seine Aeusserung nicht so gemeint hat, wird aus der Naivetät ein *unbewusster Witz*, indem bei Substituirung der beiden möglichen Constructionsauslegungen ein Wettstreit zwischen den beiden Sätzen eintritt. —

So wie hier in der doppelsinnigen Construction oder wie vorher in einem doppelsinnigen Wort, so liegt oft das punctum saliens des Witzes in einem ganzen Satze, der seinen Doppelsinn entweder in sich trägt oder durch eine ihn begleitende Geberde erhält. Meist handelt es sich dabei um ein absichtliches Missverständniss. Ich will diese Classe

d)Doppeldeutungs-Witze

nennen. Als Beispiele dienen folgende Anekdoten: Eine Dame steckt den Kopf zum Coupéfenster hinaus und schreit mit giftigem

[1] Ludwig Reinhard, Komische Spaziergänge. Coburg 1867.

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Gesicht: Herr Conducteur, ist es erlaubt, in diesem Coupé zu rauchen? „Wenn die Herren darin nichts dagegen haben, so können die gnädige Frau getrost rauchen", lautet die Antwort. — Die beiden Glieder des Witzes, die hier mit einander in Wettstreit treten, sind: die Frage und Antwort; die Gelegenheit zum Witze giebt die mögliche doppelte Deutung der Frage. Die Dame will sich offenbar über die rauchenden Herren beschweren; der Schaffner aber deutet ihre Frage anders, wozu er, wenn er die Geberde der Dame nicht bemerkt oder bemerken will, volles Recht hat. Die komische Wirkung wird auch hier durch unsere Schadenfreude gesteigert. Wir sympathisiren mit den rauchenden Herren, welche durch die Dame in ihrem Genuss gestört werden sollen und freuen uns, dass Letztere mit ihrer Beschwerde so lächerlich abfällt. —

In einer Dorfschule wird der Katechismus überhört. Der Lehrer sieht einen Knaben ganz unaufmerksam dasitzen und fasst ihn schnell mit den Worten beim Arm: „Was ist das?" um ihn nach der Lutherschen Erklärung des eben von einem andern Schüler hergesagten Gebotes zu examiniren. Der Unaufmerksame stottert die Antwort hervor: „Das ist meiner Mutter ihre alte Pelzjacke." Diese Antwort erregt natürlich unter den Mitschülern unbändiges Gelächter. Einzelne der Lacher werden vielleicht das unbewusst Witzige der Antwort gar nicht bemerken. Sie lachen einfach aus gerechter Schadenfreude über die der Dummheit resp. Unaufmerksamkeit folgende Blamage und etwaige Strafe. Anderen Schülern aber wird der Witz jener Aeusserung nicht entgehen. Die Frage des Lehrers war eine doppelsinnige, indem dieselbe durch Anfassen des Armes d. h. also der Jacke des Schülers begleitet war. Welchen Sinn die Frage eigentlich habensoll, darüber ist uns kein Zweifel; durch den Doppelsinn der Frage entsteht nun aber zwischen Frage und Antwort ein Wettstreit. In gewissem Sinne passen beide zu einander, in anderem Sinne und zwar dem eigentlich gemeinten, dagegen gar nicht. Das war ja aber das Charakteristicum des Witzes. —

Wir haben in den letzten Nebenformen den Widerspruch zwischen dem wirklich Gesprochenen und dem eigentlich Gemeinten als wesentlich erkennen müssen. Zwei andere Neben-

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formen zeigen ebenfalls diesen Widerspruch; doch ist bei ihnen derDoppelsinn nicht in dem gesprochenen Wort oder der geschehenenAeusseruug selbst enthalten, sondern wird erst durch die Hörenden demSinn des Redenden entsprechend hineingelegt. Es sind dies die beidenFormen der Ironie und des Vexirwitzes.

e)Die Ironie

charakterisirt sich dadurch, dass sie gerade das Gegentheil von dem behauptet, was sie wirklich meint, dabei aber voraussetzt, dass der Hörende den eigentlich gemeinten Sinn erräth. Sie lobt ebendieEigenschaften des Subjects, die sie tadeln will, indem sie ihnen Gründe vorstreckt, deren Unhaltbarkeit gerade in der Uebertreibung zu Tage kommt, oder sie sagt die entgegengesetzten schönen Eigenschaften von ihm aus [1]. — In ähnlicher Weise wie beim Wortspiel — nur noch etwas verborgener und darum für den Hörer angenehmer kitzelnd — enthält das ausgesprochene Urtheil eigentlich einen doppelten Sinn: einmal den wörtlich genommenen und zweitens den versteckten gegentheiligen; der letztere passt zur Situation, der andere nicht und indem bald der eine, bald der andere substituirt wird, erzeugt sich bald die Möglichkeit, bald die Unmöglichkeit der Vereinigung. — Je versteckter der Angriff, um so schwerer ist die Vertheidigung, um so sicherer trifft der abgeschossene Pfeil. Darum wirkt die Ironie so überaus vernichtend; denn wenn sie nicht plump, sondern fein angelegt ist, weiss der Angegriffene im ersten Augenblick wohl gar nicht, ob er's mit Ernst oder mit Ironie zu thun hat, und merkt er nun den Angriff, so gesteht er durch eine Vertheidigung zu, dass er das Lob, das ihm im wörtlichen Sinne gespendet wurde, nicht verdient habe, in der That also in dem betreffenden Punkte tadelnswerth sei. Besonders häufig bedient sich der Humor der Ironie als Waffe, indem er z. B. Handlungen, die aus grossartigen, oft grossartig bösen Motiven hervorgegangen sind, ganz im Sinne des Humors auf die kleinlichsten Gründe zurückführt. So sucht z. B. Hamlet im unversöhnten ironischen Humor die schnelle

[1] Vischer l. c. p. 437.

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Heirath seiner Mutter zu entschuldigen: „Pah, Oekonomie, Oekonomie; das Gebackene zum Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln!"

Der Grund weshalb dem Humor unter allen Formen des Witzes die Ironie gerade bei Weitem am meisten zusagt, ist leicht einzusehen. Die Neigung des Humors, das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige, Gemeine mit den höchsten sittlichen und religiösen Ideen in Gegensatz zu bringen, findet eben am leichtesten in der Form der Ironie Ausdruck, da diese ja gerade in der Vereinigung der grösst- denkbaren Gegensätze d. h. der Gegentheile besteht. — Deshalb aber, weil der Humor die Ironie so vorwiegend in seinen Dienst nimmt, darf man beide nicht mit einander verwechseln. —

In der Hand des Kritikers ist die Ironie eine der schärfsten Waffen.Unter den neueren Schriftstellern ist als Meister in ihrer BenutzungPaul Lindau zu nennen, der in seinen „literarischenRücksichtslosigkeiten", namentlich aber auch in seinen „harmlosenBriefen eines deutschen Kleinstädters" eine unerschöpfliche Fundgrubevon ironischen Witzen bietet, auf die ich hier nur verweisen kann.

f)Der Vexirwitz

hat viel Aehnlichkeit mit der Ironie, ist aber durchaus harmlos und nimmt eine ziemlich niedrige Stufe im Gebiet des Witzes ein. Wenn ich z. B. sage: Es ist doch recht abgeschmackt von Schiller, dass er seinen Don Carlos mit der alten, abgedroschenen Phrase beginnt: „Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber", so ist das ein Vexirwitz, indem ich dabei voraussetze, dass der Hörende weiss, was ich eigentlich sagen will und, die Entstellung der Thatsachen sofort merkend, den richtigen Sinn substituirt.

Wie bei den Münchhausiaden, die unter Umständen auch als Vexirwitze aufzufassen sind, wird das angenehme Gefühl durch die Freude darüber, dass wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, noch erhöht.

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Hiermit haben wir den Witz in seinen wesentlichsten Formen vorgeführt und wenden uns jetzt noch einmal zu dem ganzen Gebiet des Lächerlichen zurück. —

Wir haben nachzuweisen gesucht, dass bei allem Komischen zwei Gefühle, ein angenehmes und ein unangenehmes erregt werden. Wir haben ferner die Thatsache schon kurz erwähnt, dass diese beiden Gefühle von gleicher Stärke sein undgleichzeitigentstehen müssen, so dass sie mit einer gewissen Plötzlichkeit aufeinanderstossen. Es ist zum psychologischen Verständniss des Lächerlichen durchaus nothwendig, dass wir auf dieses Verhältniss noch näher eingehen. Die Gleichzeitigkeit der Entstehung beider Gefühle bedingt die sog. „Pointe", ohne welche eben die komische Wirkung eines Witzes oder einer Anekdote verloren geht. In der Pointe werden die beiden contrairen Gefühle durch das Aufeinanderstossen von Sinn und Unsinn, von Harmonie und Disharmonie mit den verschiedenen Normen gleichzeitig erzeugt. —

Wie aber gelangen diese Gefühle zum Bewusstsein? Nach dem bekannten Satze von der Enge des Bewusstseins können in derselben Zeiteinheit nicht zwei Vorstellungen mit gleicher Schärfe vom Bewusstsein wahrgenommen werden; dasselbe gilt auch von den Gefühlen. Was wird und muss also geschehen, wenn zwei Gefühle zu gleicher Zeit erzeugt werden, die wegen ihrer Gegensätzlichkeit nicht in eins verschmelzen können? Die Selbstbeobachtung der psychologischen Vorgänge in uns lässt uns dabei ziemlich im Stich, indem sie uns nur im Allgemeinen das Entstehen eines sog. Affectes schauen lässt. Wir wollen aber in das Wesen dieses Affectes eindringen und es bietet sich dazu nur ein Weg, auf welchen Wundt zuerst mit grosser Dringlichkeit in seinen Beiträgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen [1] aufmerksam gemacht hat, indem er sagt: „Es wäre ein fundamentaler Irrthum, wenn man in Bezug auf die experimentelle Erforschung der Empfindungs- und Wahrnehmungsprocesse an der Meinung festhalten wollte: Alles, was man auf diesem Wege finde, seien nur Gesetze, die Gültigkeit für die Seele besitzen in ihrem Verhalten gegen äussere Sinnesreize,

[1] Leipzig und Heidelberg 1862. p. XXIX u. 450.

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aber in dem von diesen unabhängigen Leben, im reinen Denken könnten vielleicht ganz abweichende Gesetze gültig sein, über die uns die Resultate unserer Experimente Nichts aussagten." — „Die experimentelle Untersuchung der Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen ergiebt vielmehr ein Resultat, das unmittelbar auch auf diehöheren Sphärengeistiger Thätigkeit sich anwenden lässt". — Schon der Satz von der Enge des Bewusstseins ist ja wie bekannt aus der experimentellen Thatsache hergeleitet, dass wir nicht im Stande sind, in derselben Zeiteinheit scharfe Wahrnehmungen durch zwei verschiedene Sinne zu machen. Im vorliegenden Falle handelt es sich nun aber umGefühle, die zwar einander conträr aber gleichsam von derselbeu Qualität sind und bei Entscheidung der Frage, was bei dem gleichzeitigen Auftreten solcher conträren Gefühle geschieht, werden wir also auf ähnliche Verhältnisse, aus der Sphäre der Sinneswahrnehmungen recurriren müssen. Die Fälle, in welchen ein und derselbe Punkt unserer Netzhaut zu gleicher Zeit von zwei aus derselben Richtung kommenden verschiedenen (namentlich verschieden gefärbten) Lichtstrahlen getroffen wird, werden offenbar dem hier zu ergründenden Factum ganz analog sein, und ihre genaue Prüfung wird uns das Verständniss des letzteren erschliessen. — Wenn das Licht zweier verschiedenen Gegenstände aus ein und derselben Richtung in unser Auge fallen soll, so müssen jene Gegenstände offenbar, wirklich oder scheinbar, hinter einander liegen und ausserdem wird im ersten Falle der vordere Gegenstand durchsichtig, also etwa von Glas sein müssen. Was geschieht nun, wenn wir einen Gegenstand durch eine farblose oder farbige Glasplatte betrachten? Fast immer wird unsere Aufmerksamkeit von dem hinter der Glasplatte liegenden Objecte so gefesselt, dass wir nur dieses bemerken, die Anwesenheit der Glasplatte dagegen vollständig ignoriren, und wenn sie gefärbt ist, ihre Farbe einfach dem durch sie gesehenen Gegenstande beilegen. Erst durch eine willkürliche Richtung unserer Aufmerksamkeit können wir uns zwingen, die Oberfläche der Glasplatte zu beobachten; doch wird, wenn uns an derselben Nichts mehr fesselt, sich uns immer wieder die Vorstellung des hinter ihr liegenden Gegenstandes aufdrängen. Wenn wir aber den Versuch so einrichten, dass unsere Auf-

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merksamkeit gleichmässig stark von der Glasplatte und dem Objecte in Anspruch genommen wird, so erhalten wir eine andere eigenthümliche Erscheinung. Legen wir nämlich nach Wundt's Angabe [1] auf ein blaues Glas ein rothes Papier, in welches ein kleines Fenster geschnitten ist, so dass also die Oeffnung des Fensters blau und durchsichtig erscheint, und halten hinter das Glas in einiger Entfernung einen weissen Papierstreifen, so erscheint die Fensteröffnung plötzlich im lebhaftestenGlanze.

Noch deutlicher lassen sich die eben besprochenen Erscheinungen an Gegenständen experimentiren, welche ausser der Ausstrahlung ihres Eigenlichtes, Licht an ihrer Oberfläche reflectiren. Auch hier wird aus ein und derselben Richtung (also aufeinenPunkt unserer Netzhaut) zweierlei verschiedenes, scheinbar aus verschiedener Entfernung kommendes Licht, in unser Auge gesandt, und in ähnlicher Weise wie in dem vorher besprochenen Falle, sehen wir auch hier je nach der Richtung unserer Aufmerksamkeit zwei verschiedene Erscheinungen auftreten, von denen wir die eine als Spiegelung, die andere (wie vorher) als Glanz erkennen. Ueber die Entstehung beider Phänomene und ihren gegenseitigen Unterschied, spricht sich Wundt folgendermaassen aus: „Ein Gegenstandspiegelt, dessen Oberfläche durch Reflexion ein solches Bild der umgebenden Objecte entwirft, dass wir den spiegelnden Gegenstand selber über der Betrachtung der Spiegelbilder vernachlässigen, indem wir diese gewissermaassen als die direkt betrachteten Gegenstände ansehen. Zur reinen Spiegelung gehört daher erstens eine gewisse Deutlichkeit der Spiegelbilder und zweitens eine solche Beschaffenheit des spiegelnden Gegenstandes, dass dieser nicht unsere Hauptaufmerksamkeit auf sich zieht; ebene oder gleichförmig gekrümmte polirte Flächen sind daher am häufigsten spiegelnde Objecte, insbesondere wenn sie farblos oder wenigstens gleichfarbig sind. Hat ein Object eine ausgeprägte Farbe, so regt dies schon leicht unsere Aufmerksamkeit an, und dies findet in noch höherem Maasse statt, wenn die Farbe nicht gleichmässig über die Oberfläche vertheilt ist. Wir nennen einen

[1] l. c. p. 313

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Gegenstandglänzend, wenn derselbe so beschaffen ist, dass wir zugleich den Gegenstand und die von demselben entworfenen Spiegelbilder in's Auge zu fassen genöthigt sind, wenn wir also gleichzeitig verschiedene Gegenstände sehen, die hintereinander in verschiedener Entfernung vom Auge gelegen scheinen und die daher sich decken sollten.Zu diesem gleichzeitigen Auffassen des Objects und seiner Spiegelbilder ist nothwendig, dass keins von Beiden über das andere das Uebergewicht erlange; werden die Spiegelbilder unmerklich, so hört natürlich der Glanz auf, wir sehen nur noch den Gegenstand in seinem eigenen Lichte; werden aber die Spiegelbilder sehr stark, so geht der Glanz in Spiegelung über. Wundt beweist ferner durch eine Reihe von Experimenten (p. 305-307), dass der Glanz nicht auf Accommodationsverschiedenheit, d. h. der verschiedenen Einstellung der Augen für die scheinbar oder wirklich verschiedenen Entfernungen der beiden Objecte beruht, sondern als ein Product der Vorstellungsthätigkeit auftritt und zwar definirt er den Glanz als einen solchen Urtheilsprozess, bei welchem die einzelnen Bestandtheile einer gegebenen Mischempfindung von einander losgelöst und für sich vorgestellt werden; während wir die beiden Farben (des spiegelnden und gespiegelten Lichtes) zugleich sehen, unterscheiden wir sie noch von einander. Wir erhalten beim Glanz die Vorstellung eines Gegenstandes, der das Bild eines anderen spiegelt, aber den Gegenstand deutlich aufzufassen, verhindert uns das Spiegelbild und das Spiegelbild deutlich aufzufassen, verhindert uns der Gegenstand. Der wesentliche Grund hierfür ist die Unmöglichkeit gleichzeitig zwei Dinge klar vorzustellen, die sich nicht ineineVorstellung vereinigen lassen. Unsere Vorstellungsthätigkeit, die aber nach Klarheit strebt, wird deshalb inschneller Schwankung von dem spiegelnden Gegenstand zum Spiegelbild, vom Spiegelbild zum Gegenstand hinüberschweifenund darauf beruht das eigenthümliche Princip der Unruhe, was im Glanze liegt und z. B. auch von Brücke [1] besonders hervorgehoben (freilich aber in

[1] Brücke, die Physiologie der Farben für die Zwecke der Kunstgewerbe. Leipzig 1866 p. 228.

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etwas anderer Weise erklärt) wird. Auch die eigenthümliche Thatsache des von Dove entdeckten stereoskopischen Glanzes beweist und illustrirt das eben Gesagte. Dove zeichnete die stereoskopische Projection eines Prismas oder einer anderen Figur für das eine Auge mit weissen Linien auf matt schwarzem Grunde, für das andere Auge mit schwarzen Linien auf weissem Grunde. Bei stereoskopischer Vereinigung beider erscheint das Relief von graphitglänzenden Flächen begrenzt. Ausser Schwarz und Weiss geben auch andere Farben die Erscheinung des Glanzes; aber nicht jede beliebige Farbencombination ist zu brauchen. Denn contrastirt die eine Farbe merklich lebhafter gegen den Grund als die andere und drängt sie sich daher unserem Bewusstsein stärker auf, so wird sie allein gesehen. Der Glanz ist am lebhaftesten, wenn der Contrast beider Farben gegen ihren Grund stark und ungefähr gleich gross ist. Ausserdem wird der Glanz durch den gegenseitigen Contrast der beiden zu combinirenden Farben erhöht. Man combinire z. B. stereoskopisch Blau und Gelb. Macht man den Grund weiss, so verdrängt leicht Blau das Gelb vollständig, macht man den Grund schwarz, so verdrängt Gelb das Blau, macht man den Grund aber grau, so erhält man einen lebhaften Glanz.

Da nun Heimholz auf das Ueberzeugendste nachgewiesen hat, dass der Inhalt jedes einzelnen Sehfeldes, ohne durch organische Einrichtungen mit dem des andern verschmolzen zu sein, getrennt zum Bewusstsein gelangt, so ist auch in diesen Fällen der Glanz als ein Product der Vorstellungsthätigkeit aufzufassen. Der Glanz entsteht auch hier dadurch, dass unserem Bewusstsein zu gleicher Zeit zwei verschiedene Eindrücke geboten werden, die wir, weil sie aus einer Richtung kommen, zu combiniren streben, die aber durch ihre Verschiedenheit von einander nicht vereinbar sind, sich vielmehr jeder für sich unserem Bewusstsein aufzudrängen suchen und dadurch insehr schnellem Wechselnach einander zur Auffassung gelangen [1]. Dass wir von diesem Wechsel der Eindrücke kein volles Bewusstsein haben und nur eine gewisse Unruhe im Glanze spüren,

[1] Dieselbe Erklärung des stereoskopischen Glanzes giebt u. A. auch J. Martins-Matzdort: „Die interessantesten Erscheinungen der Stereoskopie" Berlin 1868.

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im Uebrigen aber den Eindruck einer einheitlichen Lichtausstrahlung empfangen, ist durchaus kein Gegengrund gegen diese Auffassung, denn auch beim gewöhnlichen Sehen, resp. Betrachten eines Gegenstandes streifen wir mit unseren Augen (mit der allein deutlich sehenden Macula lutea) schnell über denselben, gewissermaassen ihn betastend, hin, combiniren aber trotzdem die einzelnen Eindrücke zu einem einheitlichen Bilde, ohne zu merken, dass dasselbe aus verschiedenen, schnell auf einander folgenden Wahrnehmungen zusammengesetzt ist. —

Sehr häufig wechselt mit dem stereoskopischen Glanze ein anderes Phänomen ab — nämlich der sogenannteWettstreit der Sehfelder, bei welchem die beiden Gesichtseindrücke inlangsamemWechsel (in Perioden von etwa 8 Secunden und länger) nach einander zum Bewusstsein kommen. Es tritt diese Erscheinung ein, wenn bestimmte Bedingungen [wie Wundt überzeugend nachgewiesen hat: eine durch unwillkürliche Bewegungen der Augen veranlasste momentane Verschiebung (Divergenz) der beiden Bilder] die Trennung der beiden gleichzeitig aufgenommenen Gesichtseindrücke begünstigen. Decken sich die beiden Farbenbilder vollständig, so sehen wir unter geeigneten Umständen Glanz oder auch nurdieFarbe, die mit dem Grunde stärker als die andere contrastirt und dadurch sich der Aufmerksamkeit mehr aufdrängt. Sobald aber durch eine Schwankung der Sehaxen, wie sie durch Ermüdung oder durch willkürliche Veränderung der Aufmerksamkeit sehr leicht und fast immer eintritt, eine Verschiebung der Objecte gegen einander stattfindet, so dass sie sich nur noch theilweise decken, kommt die sog. Verdrängung durch Eigencontrast zur Geltung und wir sehen nur die Farbe, die mit dem Grunde am wenigsten contrastirt [1]. Dadurch, dass wir nun unsere Augenstellung immer wieder zu corrigiren suchen, wodurch die Verdrängung durch Contrast mit dem Grund mit der durch Eigencontrast fortwährend abwechselt, erhalten wir den Wettstreit der Sehfelder, der also auch darauf beruht, dass wir die verschiedenen Eindrücke beider Sehfelder zu vereinigen streben, dass aber Bedingungen eintreten, welche die Trennung beider, bald das eine, bald das andere mehr be-

[1] Näheres über dies interessante Thema: Wundt. l. c. p. 330.

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tonend, erleichtern. Beim Glanz sind keine Bedingungen vorhanden, welche abwechselnd das eine und das andere Bild bevorzugt sein lassen und die Trennung beider Bilder ist darum keine so prägnante, obwohl sie wegen der Unmöglichkeit, beide in Eins zu vereinigen, auch vorhanden ist. Es wird darum eben der Wechsel beider Bilder unendlich viel schneller eintreten und wir könnenden Glanz einen sehr beschleunigten Wettstreit der Sehfelder nennen. —

Prüfen wir jetzt, welches der oben erörterten Gesetze auf das Komische Anwendung findet. Von einem Punkte aus sehen wir beim Komischen plötzlich und gleichzeitig zwei verschiedene unvereinbare Gefühlsqualitäten in uns erzeugt werden. Da nun der Affect des Komischen, wie die einfache Beobachtung lehrt, weder als ein unangenehmes, noch allein als ein angenehmes Gefühl sich auffassen lässt, so kann also von einer Verdrängung durch Contrast nicht die Rede sein, vielmehr ergiebt sich bei näherem Eingehen die völlige Analogie zwischen der Erscheinung des Glanzes und dem Komischen, da andererseits die Plötzlichkeit der Wirkung den langsamen Wettstreit der Sehfelder ausschliesst. Es stimmt hiermit die schon oben angedeutete Thatsache überein, und wird dadurch gewissermaassen bestätigt, dass die beiden conträren Gefühle beim Komischen von annähernd gleicher Stärke sein müssen, so dass keines von dem andern im Wettstreit ganz unterdrückt werden kann. Das Komische ist ein Mischgefühl eigenthümlicher Art; wie beim Glanze kommen die einzelnen Componenten in so schnellem Wechsel hintereinander zur Wirkung, dass wir scheinbar ein einheitliches Gefühl vor uns haben und nicht im Stande sind, die beiden Factoren desselben einzeln direct zu beobachten; so wie wir beim Glanze auch nicht direct darüber klar werden, dass derselbe aus zwei verschiedenen Lichtarten zusammengesetzt ist.Hierdurch wird der Einwurf gegen meine obige Darstellung beseitigt, dass man sich ja der angenehmen und unangenehmen Gefühle, die ich im Komischen gefunden haben will, gar nicht bewusst werde, und dass sie deshalb auch gar nicht vorhanden sein könnten. —

Wir haben also dasWesen des Lächerlichen als einen

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beschleunigten Wettstreit der Gefühle, d. h. als ein schnelles Hin- und Herschwanken zwischen Lust und Unlust erklärt. Mit dieser Auffassung stimmen aber die auf ganz anderem Wege gewonnenen Resultate der metaphysisch-ästhetischen Untersuchungen von Vischer und die Ansichten Kant's völlig überein. Kant hebt hervor, dass beim Lächerlichen, wenn der Schein, der uns auf einen Augenblick getäuscht hat, in Nichts verschwindet, das Gemüth wieder zurücksieht, um es mit ihm noch einmal zu versuchen und so durchschnell hintereinanderfolgende Anspannung hin- und zurückgeschnellt und in Schwankung versetzt wird, die, weil der Absprung von dem, was gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliches Nachlassen) geschah, eine Gemüthsbewegung und mit ihr harmonirende inwendige körperliche Bewegung verursachen muss, die unwillkürlich fortdauerte und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkung einer zur Gesundheit gereichenden Motion) hervorbringt.

Ganz ähnlich schildert Vischer [1] diesenWettstreit der Gefühlein folgenden Worten: „Dieses Lustgefühl darf aber mit demjenigen nicht verwechselt werden, welches aus der Anschauung des Schönen fliesst, denn es ist ein gegensätzlich bewegtes". „Die gegensätzlichen Glieder bilden eine widerspruchsvolle Einheit und ihr Ineinander nöthigt das Gefühl, zwischen ihnen herüber und hinüber zu gehen,was als ein rascher Wechsel zwischen Lust und Unlust empfunden wird, so zwar, dass jene durch diese verdoppelt, aber auch durch sie bedingt ist". — „Es ist also Lust durch Unlust, doppelte, weil durch Unlust gewürzte Lust, aber doch Lust mit Unlust.Es ist ein durchaus bewegtes Gefühl, worin Unlust in Lust, Lust in Unlust hinüberzittert." — Es lässt sich wohl nichts gegen die Behauptung einwenden, dass die Uebereinstimmung dieser auf ganz anderem Wege gefundenen Resultate mit der von mir aufgestellten Theorie des Komischen einen weiteren Beweis für die Richtigkeit derselben abgiebt. — Jetzt haben wir noch die Thatsache in's Auge zu fassen, dass uns das Komische doch in toto als etwas entschieden

[1] l c. § 225.

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Angenehmes erscheint, ja die gewöhnlichen Grade des Angenehmen gewissermaassen noch übertrifft. Eine Art von Erklärung finden wir in der obigen Aeusserung Vischer's, wo er das Komische „doppelte, weil durch Unlust gewürzte Lust" nennt. Vor Allem müssen wir aber auch hier wieder die Analogie mit dem Glanze hervorheben. Bei demselben erhalten wir ebenfalls überwiegend den Eindruck des helleren Lichtes, während das Schwarz nicht ganz unterdrückt, aber doch gewissermassen unwirksam gemacht ist. Es werden in dem beschleunigten Wettstreit der Sehfelder, den wir Glanz nennen, die hellen Lichter gewissermassen stärker betont und in ganz derselben Weise zeigen sich auch bei dem beschleunigten Wettstreit der Gefühle, welcher das Komische bildet, die angenehmen Gefühle als hauptsächlich wirksam und wir können, wenn wir die physiologische Wirkung des Komischen erforschen wollen, das unangenehme Gefühl, das sich ja nie zum psychischen Schmerz steigern darf, so weit vernachlässigen,dass wir das Komische als eine intermittirende, rhythmisch unterbrochene, freudige Gefühlserregung ansehen. —

Diese freudige Erregung tritt nach jeder Intermission unvermittelt und plötzlich ein und ist somit der freudigen Ueberraschung analog. — Beobachten wir nun aber die somatischen Vorgänge während dieses eben genannten psychischen Zustandes, so fallen uns besonders bei den stärkeren Graden der Ueberraschung Symptome in's Auge, die neben anderen Reizungen unzweideutig eine Reizung der vasomotorischen Centren, also des Sympathicus beweisen. Wir beobachten im ersten Augenblicke eintretender Ueberraschung ein Blasswerden der Haut, (wie Domrich [1] meint, nicht nur im Gesicht, sondern wahrscheinlich über den ganzen Körper). Die plötzliche Verengerung der Gefässe, durch welche dies Blasswerden bedingt wird, veranlasst weiter das Herz nach einem kurzen Augenblick des Stillstandes zu schnelleren und ausgiebigeren Zusammenziehungen, weil es bei Durchtreibung des Blutes durch die engeren Gefässe grössere Widerstände zu überwinden hat [2]. — Es sind auch hier besonders

[1] l. c. p. 233. [2] Goltz, Ueber den Tonus der Blutgefässe. Virchow. Arch. Bd. XXIX. Heft 3 u, 4 p. 419.

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die kleineren Arterien, die durch die reflectorische Reizung des Sympathicus verengert werden, was sich aus folgendem Umstande, auf den schon Domrich aufmerksam macht, schliessen lässt. — Auf das Stadium der Gefässverengerung folgt nämlich bei der Ueberraschung nach kürzerer oder längerer Zeit ein Stadium der Gefässerweiterung und die vorher vorhandene Blässe macht einer mehr oder weniger saturirten Röthe Platz. Nun ist aber die Haut mit derselben bei Weitem nicht so gleichmässig und intensiv übergossen, wie bei der Scham, was eben daher rührt, dass die Verengerung und folgende Erweiterung mehr die kleineren Arterien der Haut und nicht wie bei der Scham das ganze Capillargefässsystem derselben trifft. — Eine einmalige freudige Ueberraschung ruft also eine einmalige Sympathicusreizung mit entsprechender Verengerung der kleineren Arterien hervor.Demnach wird eine intermittirende freudige Erregung wie wir sie als Wesen des Komischen nachgewiesen haben, eine intermittirende Sympathicusreizung erwarten lassen. —

Das war ja aber das Resultat, welches wir nach Maassgabe des schon Eingangs erwähnten Experimentes finden wollten und es ist damit die Psychologie des Komischen mit der Physiologie in Einklang gebracht. Wie die intermittirende Sympathicusreizung das Lachen als physiologisch nothwendige Folge nach sich zieht, haben wir im ersten Abschnitt dieser Arbeit gezeigt, und wir sind mithin jetzt im Stande, auch das Lachen, welches durch das Komische bewirkt wird, als zweckmässige Reflexbewegung völlig zu verstehen.

Druck von Bär & Hermann in Leipzig.


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