Nach der Hinrichtung des Vaters besuchte ich allein den freien Platz, worauf viele Tausende versammelt waren. Und wohl zwanzig reisendeGeistliche benutzten die Gelegenheit zu zwanzig getrennten camp meetings, zu Feldpredigten oder Bergpredigten. Ich urtheile nie über Männer von meinem Fach — aber die Seele ging mir groß auf, als ich dachte, als ich sah — Erde und Himmel sind die schönste, die einzige wahre Kirche! Und das Leben ist der einzige, reinste, ächteste Gottesdienst. — Auch will ich nicht verschweigen, daß der Ankläger Marfolk fast gesteinigt worden wäre, daß ihn Furcht befiel, dann Haß und Lust von dannen zu ziehn. In dieser Noth hätte ich ihn beinahe »Vetter« genannt. Auch Maria zeigt ihm Mitleid. Nach einigen Tagen stellt er sich gleichfalls beinahe an: mich zu bitten, daß er mich Schwiegervater nennen dürfe. Aber nur beinahe. Maria bittet mich dringend von dannen zu reisen. Und hier muß ich doch sagen, wie meine Tochter hätte gesinnt seyn mögen! Und wie ich hätte gesinnt seyn mögen! Jedes ganz verschieden.
Nämlich Josephine und Erwin wußten, daß wir uns länger in Handerson aufhalten würden, um auszuruhen. Wir empfingen also Briefe.Ich einen Brief von meinem Caplan aus der Heimath, der meldete: daß die Baronesse Freysingen bankrot sey! DaßErwinsie ausgeklagt. (Das bestürzte Marien vollends.) Daß sie im Schlosse zur Miethe wohne, und daß sie nunmehr als armes, geringes, fast verachtetes Mädchen entschlossen sey, ihrem Jugendfreund Marbod, meinem Sohn, ihre Hand zu geben, wenn er nur von seiner tödtlichen Krankheit genese, und sie hoffe grade durch diese Aussicht ihn herzustellen. Daß meine alte Großmutter mit Gewalt sich habe den Staar stechen lassen, weil ihr Sohn kommen würde; daß sie aber von der Vorbereitungscur ganz schwach, und vor Alter ganz kindisch geworden.
Das war Ein Brief.
Dann schrieb mir meine liebe Clöta aus Neu-Orleans nach manchen andern und vielen Eingängen, daß ihre »schöne,« ihre »seelengute,« ihre »reiche,« ihre »junge,« ihre »geliebte und liebenswürdige« Herrin Josephine — seit dem Tage, unserer oder meiner Abreise krank sey, recht bedauernswürdig krank.Ihre großen Augen seyen noch größer, noch schmachtender geworden, ihr Mund noch kleiner, ihre Grübchen in den reinen Wangen noch sichtbarer. Sie rede oft im Schlafe — und von mir! Sie rufe mich! Sie springe im Nachtkleid aus dem Bett und ringe mit ihr matt und flehend, sie hinaus, sie fort zu lassen. Deswegen meine sie (nämlich Clöta), daß ihre Herrin seitmeinerAbreise krank geworden, und wohl nicht besser werden möchte, wahrlich nichtmöchte— so gleichgültig sey ihr das Leben, bis ich wiederkäme, oder bis sie mich wiedersähe, bis ich sie wiedersähe, aber mit günstigen Augen. Das läßt Clöta nur durchblicken. Clöta hat von Josephinen ihr kleines Bildniß erhalten — das schickt Clöta mir. Die kostbare Einfassung habe sie behalten. Als Nachschrift stehen die Worte: »Sie hat ihre Plantagen verkauft.«
Das war der zweite Brief.
Diesen las ich allein! Denn eine erwachsene Tochter ist wie ein Engel, vor welchem der Vater sich selber schämt . . . . geschweige ein schönes und junges Weib zu nehmen — so nöthiges dem armen Manne ist, so wohl es ihr selber auch thäte, damit sie vermöchte ein Engel zu bleiben, und nicht eine Sclavin zu werden brauchte.
Maria aber beredete mich fortzureisen. Ich war willig und wollte bereit seyn, wenn ich ein herrliches Grundstück, das ich hier gesehen hatte, für die Baronesse . . . . also auch für meinen Sohn gekauft hätte, woran ich jetzt erinnert worden. O, ein Vater ist ein edler Mann! Aber die Kinder machen ihn dazu! Ich fuhr mir unwillig und schnell mit der flachen Hand über die Stirn bis hinauf in die Haare! Es war aber klug und gut.
Kaufte ich nun für die Baronesse eine kleine Grafschaft, — denn hier sind auch Grafschaften, wie Spinnennetze ohne Spinne, so ohne ihre Hauptzierde: die Grafen — so war zu Hause Marbods Stelle leer, wenn er mit ihr herzog; oder der Diakonus nahm sie an, und bekam vielleicht wieder einmal am Tage Heirathsgedanken. Das Alles war Vorrath für jede Hoffnung, für jedes pis-aller. Ich hatte mit meinen paarGuineen in der Tasche unermeßliche Lande vom Strom aus gesehen, und die Begier, der Geiz der Ankömmlinge war über mich gefallen. Ich wollte das schönste, fruchtbarste Land, den Morgen für 27 Kreuzer, nicht gern aus der zweiten Hand für ein paar Kreuzer mehr. War es noch ganz mit Wald bewachsen, so schien es nach unseren Preisen wohl 100,000 Thaler mehr werth. Aber leerer Acker gilt hier mehr. So zweifelnd und wählend trieb ich mich müde umher, bis ich vor Verzweiflung am grünen Flusse in Kentucky 5000 Morgen — Alles kaufte, was mir irgendwo reizend geschienen. Aber als ich das Gold aufgezählt, von meinen paar Dreiern noch zugelegt, da sah ich — daß die Bergabhänge die Sonne im Rücken hatten — daß hier kein Wein gedeihen möchte. Gott, kein Wein! Ich war außer mir! Aber ich mußte die Acten zu mir stecken, und empfahl Bäume, Quellen, Wildpret, Truthühner, Vögel, Fische und Schlangen, Alles indessen dem lieben Gott. Mit dem Gelde war mir ein Stein vom Herzen, und zwei darauf. Denn ich fand auch, daß mein Eldoradounter dem 37sten Grade der Breite lag; und höchstens erst unter dem 38sten Grade soll sich ein Deutscher ankaufen, wenn er nicht aqua toffana schwitzen will, wie ich vor Angst schon schwitzte. Und nun sollte ich meinen Committenten zu Hause ihr künftiges Paradies aussuchen! War es schlechter als mein gekauftes, dann schien ich ein Eigennütziger! War es besser, dann war ich ein Narr gewesen — Volkmar! InOhiosollte alles gute Stromuferland schon besessen seyn.Indianaerst später bequem; und da es so breit daliegt, wird auch noch später wohl in Europa ein Unglück seyn, welches Unglückliche hier glücklich macht. Ich weiß nicht, wie mir ward; aber ich fuhr, über den Ohio eben nach Indiana hinüber, hinauf nach Clarkesville ganz in dessen Nähe mein Freund oder Feind Erwin den Adligen auf seines Vaters Befehl im Testament ein unschätzbares Grundstück eingeräumt. Und das erste Wort, das ich von dem vorigen Herrn von Habenichts hörte, war: »Rechts und links von White river, oder gar erst droben von Recovery bis Weautenan soll es am schönstenseyn!« — Wir hatten himmlische Freude, uns wiederzusehen. Ihre Wohnungen waren gut, ihre Gärten und Felder und Wälder wie unvergleichlich. Überall führten mich wenigstens immer funfzig glückliche Menschen herum. Der Nacken that mir weh, die thurmhohen, mit Blüthen wie dunkele große Rosenknospen überschütteten Fichten anzusehn! Die Trompetenbäume, welche, wie die Kinder sagten, Posaunenbäume heißen sollten. Aber wo führte mich der alte Freund auch hin! — In einen Saal, nicht weit vom Ohio, den schon Tausende, die stromauf oder stromab gefahren, besucht hatten, als ein hiesiges Weltwunder. Ich sahe beim ersten Blick ein Wachsfigurencabinet mit allen Europäischen Potentaten, die hier ganz eigenthümlich in tiefem Schweigen, wie in tiefer Überlegung dasaßen. Ich nahm meinen Hut ab, obgleich nichts gesünder ist, als der Gebrauch der Amerikaner, grade wenn man in’s Zimmer kommt, den Hut, selbst vor Damen, aufzubehalten, die ihre noch wunderlichern, man möchte oft sagen unhöflichern Hüte ja auch nicht abnehmen. Aber ich sahe nach langer Wehmuthendlich, daß der Saal ein Klein-Europa, voll seiner besten Erinnerungen, war, alle blos zum Andenken mitgebracht an das theure Vaterland — Deutschland. Da lagen aus dem Cours der Menschen mit fortgenommene Münzen, mit dem Bilde der verschiedenen souverainen Herren. Da hingen Ellen aus jeder Provinz, länger oder kürzer, keine gleich. Da blecherne Maaße, alle verschieden; Meßviertel und Metzen, alle verschieden. Und so tausend verschiedene Dinge. Dort Censuredicte, Cataloge verbotener Bücher aus jedem Ländchen, die einander meist aufhoben. Verschiedene Strafgesetzbücher, Städterechte, Privilegien, Uniformen, silberne Bischofsmützen, schwarze evangelische Mützen. Da hingen an einer langen Kette von Eisen die abgelegten Orden der Herren, ja der Stifts- und anderer Damen. Da lagen Armenlisten, Klosterlisten und Abbildungen von Sonderbarkeiten, eine Reihe Carrikaturen vom ersten Witz, aber unbeschreiblich. Dort lag schwarzes Bauerbrot nebst einer in Wachs bossirten Bauerfamilie. Da verkaufte ein Herr Salz; da Tabak; da einer Wolle,Holz; da hingen Studentenmützen von allen Farben . . . . da lagen Zeitungen mit den letzten Nachrichten; ich bückte mich — ich las den Büchertitel: »Von Authenrieth, Kunst aus Holz Brot zu backen.« — Mein Gott, ich war daheim! Unbezwingliche Wehmuth befiel mich. Heilige Sehnsucht nach alle dem Elend! Das Herz bleibt das Herz. Der Mensch bleibt der Mensch. — »Laßt uns betrachten« . . . . wollte ich anfangen, aber ich mußte aufhören vor Weinen. Ich ging an den großen Häuptern vorüber, die ohne Kronen und Scepter, nur ein Täfelchen mit ihren Namen an den gedeckten leeren Tischchen, saßen — bestaubt, blaß, in hundert Jahren alle todt, zerfallen, wie diese Wachsbilder bald zerschmolzen, in das uralte schwarze Element der Erde. Und ich sahe: Sie waren alle Menschen! Ich sahe, sie waren ja alle aus ihrem Volke! Sie thaten alles Mögliche für ihr Volk, in den Ketten und Banden der Zeit, die schleichen muß wie eine Schlange, nicht fliegen . . . . nicht auswandern kann, sondern daheim gebaut ist, wie Ulysses Bett auf den im Bodenfestgewachsenen Stämmen der uralten Olivenbäume gezimmert; unbeweglich wohl, aber theuer und werth ist, einzig werth; und wie Penelope daran, an diesem Geheimniß ihren lang verkannten Gemahl erkannte, so erkannte ich hier mein Vaterland! Aber ich stand wie ein Ehebrecher dabei — wie der erschlagene Sohn meiner Großmutter, der seiner Mutter um ein herbes Wort willen auf immer entronnen und umgekommen war, und die arme alte Mutter saß daheim, zwar nicht mehr blind, aber ohne ihn elend, wie er elend ohne sie gewesen. — »Laßt uns betrachten« — wollte ich wieder beginnen, aber ich konnte kaum meine Gedanken alle fassen! Mir war auf der Reise die Flasche zerbrochen, welche mir der Wagehals mit dem Schwimmgürtel ausgehändigt. Ich hatte eine Stelle in seinem Lebenslauf, den ich der Welt einmal mittheilen will, noch vor Kurzem nicht verstehen können; jetzt, jetzt klar und gewaltig überkamen mich die Worte, wie Feuer vom Himmel: »Nichts ist feiger als Flucht! Die armen Elenden! Sie ihrem Schicksal zu überlassen und sich allein zuretten — o Schaam, o Schande! Als wenn eine Mutter oder ein Vater ein krankes Kind, alle seine Kinder krank und gebeugt und hungrig zu Hause wüßte — und an einer prächtigen Hochzeittafel tafeln wollte, sich allein es wohl seyn lassen wollte, in dem freien, fröhlichen, hellen, sicheren, prachtvollen Hause — und nicht heimkehren! O Schaam! O Schande! Nicht heimkehren! Oder fortgehen! wenn sie ihm auch nur krankgeschienen! Wenn er ihnen auch nicht helfen könnte, nur mit ihnen leiden, sie nur trösten, sie nur küssen! Ja, hier in Amerika ist das freie, das fröhliche, helle, das sichere, prachtvolle Haus. Ja, es ist hier so schön — daß es eine Schande ist, es sich allein wohlgehen zu lassen, und nicht zu Hause zu sorgen, daß das Übel besser werde. Wo der Mensch besser werden kann, wo er am besten, am hülfreichsten, ja wo er nur am edelsten seyn kann, da ist sein Vaterland!«
So sprach ich mir ohngefähr in zitternder Gluth die Worte vor und vergab dem Manne.Ja, wie ich in Bremen gesehen meinen adligen Freund sich küssen an der Wand, so wußte ich es zu machen, daß ich meine Lippen an die Mauer drücken konnte — denn ich küßte die Welt.Ichwar der Schatten hier. Und ich hatte in mir ein Gelöbniß gethan, still, aber fest wie der stille Fels. Nämlich das Gelöbniß: Als ein Deutscher nach Deutschland zu kehren, in ein . . . in mein Vaterland! Damit ich ein Vaterland hätte, und das Vaterland mich; damit ich nicht ehrlos, feig, selbstsüchtig, muthlos, rathlos, hülflosscheine, so sehr ich eswäre! Oderwar! O, ich war es nicht mehr, denn ich fühlte mich froh schon daheim! O wie wollt’ ich nun wirken . . . und weben und ruhig sitzen an meinem, an unserem großen Webstuhl, der uns Deutschland heißt: O, ich hätte Heiden bekehrt, geschweige deutsche Auswanderer! Jetzt war mir ein schwererer Stein vom Herzen, der Fels, der mich zu Tode gedrückt. Wie der Riese hatte ich wieder die Erde berührt, und alle ihre Kraft hatte mich geladen. Ich hatte aber noch Pflichten. Mein armes Weib war also umsonst gestorben.Die guten, die edlen Weiber haben immer Recht. In jeder Mutter wohnt die Stimme der Natur. Ich schrieb in meiner neuen Stimmung an Clöta, ließ neue Plane durchblicken — ich legte ihr eine schwarze Locke von meinem Haupte mit in den Brief. Ich fühlte ein neues Leben — gesund am Leibe war ich so schon geworden, ich fühlte das Leben neu. Sollte ich blind seyn? Herzlos? Undankbar? Denn was ist älter als alle Welt? Welches Gefühl? Und wie Josephine mich eher gesehen, und ich sie eher gesehen hatte, ehe wir Beide wußten, daßmeine Fraudas Schicksal getroffen — wie ich Josephinen also noch in eine lebendige Welt, als die letzte, die schönste Gestalt mit aufgenommen, nicht farbenlos, geisterhaft in die darauf erst mir aufgethane farbenlose, geisterhafte Welt der Geraubten, so war Josephine ja nun darinnen lebendig, und regte sich — o sie regte sich wunderbar! Was ist der Mensch? — Ein immer neues Wesen in der immer um ihn versinkenden Welt. Oder man sollte im neuen Lenz keine neue Rosebrechen und an die alte Brust stecken, ja nur ansehn.
Darauf zog es mich ins Land hinein, links an den Wabasch. Schon der Name »Harmoniten« reizte mich. Ich wanderte mit meiner Tochter, wie in einem langen Traume, im süßesten Sonnenschein. Aber die Flasche konnte ja Unrecht haben, ich konnte nun erst am gewaltigsten irren, nun ich glaubte Recht zu haben! Das Gefühl, Unrecht gethan zu haben, verstimmt mit der Welt und macht blind auch. Und wollte ich billig seyn, ich konnte nicht leugnen: diese Deutschen in alle den Ansiedlungen, die ich nun antraf, schienen mein Heimweh überstanden zu haben! Denn sie schienen nicht nur, sie waren wirklich glücklich. Bei mäßiger, ja nicht der Rede werther Arbeit glückliche, harmlose Landleute. Sie waren keine Städter, keine von der alten Welt gebildete oder verbildete Leute, kurz keine Gelehrte, keine Vornehme gewesen. Und doch sagte mit ein Doctor, der hier zum Bauer geworden: »Welch Unglück ist größer, als einegroße Stadt? — Welche Lüste tauchen dort auf wie aus feuerspeienden Bergen und schwelgen sich satt! Hier im ganzen Lande, den einzelnen Meiereien, ist kaum ein treuloses Weib. Kein Spieler. Ich sage meine ganze Überzeugung: Es ist nichts schöner und menschlicher, als ganz an und mit der Natur zu leben! Versteht sich menschlich! Menschlich mit Blumen, die man tränkt, menschlich mit alten Bäumen, menschlich mit dem Lamme, dem Hunde, ja mit dem Bär im Walde und mit der Schlange. Denn durch Milde des Menschen sind alle Thiere zähmbar, dienstbar zu machen, und alle sind seiner väterlichen Stimme, seinem liebevollen Auge unterthan, denn die Thierseele ist auch noch ein Hauch von der großen Seele, wenn auch nur wie letzter rosiger Hauch an den Wolken in wunderlichen Gestalten, noch heiliges Licht der Sonne. Gartenbau, Feldbau, das ist das erste, mittle und letzte Geschäft selbst des einst ganz klaren, ganz großen Menschen, und im Schooße der Natur wird es am ersten, am schuldlosesten, wenn einmal die Flamme in ihm entbrannt ist — und sieist entbrannt! Und hier im Lande werden nur lauter Gärten seyn, lauter Gärtner und Bauern. Aber ein Bauer ist ein ungeheurer Kerl, groß wie Adam,« schloß er lächelnd. Der Doctor begleitete uns auf der Weiterreise, bis nach dem kleinen Flecken Fashionout oder Modelos, welchen Engländer angebaut, um der Mode zu entfliehn.
Mein Gott! wie oft des Tages mußte ich hier im Lande mein kaum gesagtes Wort zurücknehmen! Zu des Doctors Lob des Bauers hatte ich gesagt: In der freien Natur, in einzelnen Pflanzungen hebt das angeborene richtige Gefühl die Menschen über den kleinlichen, schwelgerischen, neidischen, erbärmlichen Verkehr großer Städte. Und hier gilt nur das Herz! Kein Rang, kein adliger Stolz, nicht Schaam einer niedrigen Magd. Man sieht, was in Europa die Seelen bedrückt, das Gefühl der Stände, des eigenen, von Jahrtausenden ausgedrückten Unwerths, das nicht zum Gefühl dergleichenMenschenwürde empor gelassen wird — nur fortnach Amerika. Ich mußte das Wort sehr bedingen. Denn der Doctor frug mich nun gern: »Warum wandern die so ziemlich freien Engländer aus? — Um der Sclaverei der Mode zu entfliehn, der Jeder, der reich geworden, erst recht verfällt! Ein ruinirter Fashionable, den ich curiren soll, sagte mir erst gestern: die Mode ist die albernste Gesetzgebung, die kostspieligste; die Mode ist das Ungeheuer, welches Europa’s Fleiß, der Männer und Weiber Schätze, Lebenslust und wahres Leben auffrißt. Die Europäer, vor allen die Engländer, sind die wahrsten Sclaven durch die Mode. Die Engländer — denn ich bin keiner mehr, sagte er — sind überall frei — aber im Hause Sclaven! Es wäre besser, sie wären in der Nachtmütze, in Pantoffeln, bei der Suppe, bei Messer und Gabel frei, als frei überall außerdem auf Land und Meer. Alle Künste müssen darüber zu Grunde gehn, alle Künstler, kurz Land und Leute. Die englische Gesellschaft und ein jeder Abdruck derselben umher ist die erbärmlichste auf dem Erdboden, und wenigstens zehntausendmal erbärmlicher als diechinesische, wo doch viel zu merken und viel zu lernen ist; aber Alles auf Zeit Lebens, auf das Leben vom Urgroßvater bis zur Urenkeltochter und immerdar in die selige Ewigkeit. Hier in Fashionout beobachten wir Menschenanstand, und kleiden uns und leben nach Wetter, Bedarf, Vermögen, Gesundheit.«
Ich aber dachte, daß Deutschland 2500 Städte hat und 40 Millionen deutsche Zungen, Seelen, oderMäuler, wie die Chinesen sagen, und Großmäuler, wie die großen Deutschen gern sagen.
Wie von diesem braven Doctor, so ging für mich nun ein tägliches Scheiden an, von jeder Gegend, jedem Bach, jedem Baum, jedem guten, freundlichen Menschen — aber zuerst beinahe von meiner Tochter! Sie war mir krank geworden; ich wollte sie in Gottes Namen nach Lawrencebury am Ohio schicken, in das Haus des jungen, sie ehrenden Marfolk. Aber mit wem? Ach, war nur mein Schulmeister Tolerahier! Denn auf dem Straßenbau hier im Lande hätte er nicht nöthig gehabt, die Menschen hungern zu lehren! Im Gegentheil nicht gar so viel essen; zum Frühstück schon in Butter gebratenen Schweinebraten, Fische, fetten Kuchen, Eier, Käse; und ihr Aufseher — nicht gegen die Unmäßigkeit im Essen angestellt — erzählte mir mit sonderbarer Freude, daß die 6000 Arbeiter hier in 90 Tagen keiner einen Schnaps getrunken habe! Aber meine Tochter nahm sich zusammen, und ihr Geist, so jung der liebe Geist war, war stark. Ich fand es für meine Leute hier überall gut, sich niederzulassen, so weit wir umherzogen, beschwerlich genug. Hier begruben die Leute selbst; sie trauten junge Paare, sie tauften selbst — und der Papst und die Clerisei fiele auch hier in Ohnmacht! Ja, wir wurden selber zu einer Taufe in Silverheelstown eingeladen, wo ein Vater an jedem seiner Kinder einen besondern Gläubigen hatte. Der älteste Sohn war ein Jude; der folgende ein Türke; der dritte ein Quäker; die älteste Tochter eine Katholikin, und so fort, damit doch Eines seiner Kinder den rechtenGlauben erwische. Ich sollte nun Pathe stehen bei einem kleinen Buddhaisten. Aber wir wußten Alle von den Ceremonieen dabei nichts. Tolera selbst hätte sich zu Tode gewundert oder betrunken. Indessen dieser Vater wollte auch Vater meiner Kinder werden, und ihnen ein gesegnetes Stück Wüstenei verkaufen. Und ich schloß mit ihm die Bedingungen ab. Und nun begehrten wir alle nach Cincinnati zum Bruder, vielleicht alle weiter, nach Hause. Aber das Geld ging mir unterwegs nun endlich aus! Maria will ihr Halsband von Josephinen verkaufen; — das will ich nicht! Ich will den Ring vom Prinzen verkaufen; — das will sie nicht. Aber das mußte geschehn, denn für den spätern Erlös des Halsbandes bezahlten wir die Heimfahrt nach Europa. Aber nun war kein baares Geld von den Kauflustigen für den Ring aufzutreiben! Höchstens Anweisungen auf eine ferne Bank. Sollten wir nun hier, was wir an Materialien zum Tausch erhielten, verzehren — so waren wir nicht weiter. Wir mußten also lebendige Ochsen und Schweine nehmen und einenTreiber, um sie am Ohio in Geld zu verwandeln. Die Reise war merkwürdig genug. Schweine verliefen sich — ich konnte nicht nachlaufen! Ochsen waren marode, Maria schüttete ihnen Gras hin, beklagte sie und ließ sie liegen. Eine Nacht ruhten wir in einer Höhle der Berge, die voll uralter fremdartiger Menschengerippe war. Wir sahen Postdampfwagen pfeilschnell vorüberfahren, wir konnten keine Stelle darauf bezahlen. Endlich trieben wir glücklich in Lawrencebury ein. Aber Niemand lachte uns aus. Alles Nothwendige steht hier in Achtung. Wir frugen nach Marfolk’s Wohnung, fanden sein großes Gehöft mit Niederlagen und Speichern, und ob er gleich mein Schwiegersohn werden wollte, so drückte er mir doch die übrigen Ochsen und Schweine ab. »Im Handel keine Freundschaft!« sagte er. Dagegen im Hause war er unser Freund. Er wußte um mein Anliegen, er führte mich, noch ehe wir ausgeruht, in seines Vaters Zimmer. Da hing über seinem Tische meiner Großmutter Bild.
Schwarz, in großer Haube, und drunten stand der Name des reisenden SilhouetteursNätheaus Görlitz. Er öffnete die Weihnachtsbriefe. Sie waren nach dem Ort meiner Heimath adressirt. Es gab eine Scene der Erkennung, welche Maria durch kühlen Anstand milderte. Marfolk war in allen Zeitungen im ganzen Lande durch seine Anklage auf Hinrichtung gleichsam an’s schwarze Bret geschrieben. Er wollte fort aus Amerika. Er fand es schön, vor die alte Großmutter zu treten, und wenn er nicht in Europa bliebe, wollte er bei der Rückkehr als ein frischer Einwanderer sich in einem andern Staate der Union unter seinem wahren Namen Volkmar niederlassen. Er wollte mit uns reisen! Das setzte voraus, daß wir wirklich reiseten. Auch war ihm die Reise im Testament des Vaters, also nun meines Oheims, aufgegeben. Wegen des Knaben Wilhelm bestimmten wir, daß er ein Gerber werde, als die jetzt noch vortheilhafteste Profession, weil Häute um ein Spottgeld und Leder sehr theuer wären. Übrigens war hier nichts mit andern Handwerken; denn die Maschinen machen schon alles, oder werden hier noch alles machen, als seelenlose, blinde Ableger oder Riesenkinder des Menschen, gleichsamein eisernes Geschlecht, in welches der Mensch seine Sclaverei gebannt hat; und worüber Europa zu Grunde geht, durch Maschinen, das bringt Amerika empor, weil hier Alle breit und bequem auf die fruchtbare Erde sich stützen, und Alle sich neben und mit Maschinen grade erst recht hoch emporrichten. Um dem Wilhelm zu der Ansiedlung von seinem Vater zu verhelfen, mußte ich ihn jedoch erst durch einen verschriebenen Taufschein als Erben legitimiren. Übrigens lernte ich hier im Hause das Verhältniß und das Verhalten der Dienstboten — bei uns des Gesindes — hier der dienenden Herren und Frauen — kennen, die so behandelt werden und so sich betrugen, als bei uns adlige Herrn und Fräulein im Dienst bei Bürgerlichen sich benehmen und behandelt werden würden. Mein Gott! so viel thut schon das bloße Bewußtseyn: Wir sind frei! und das große Verhältniß: Es ist nur Ein Stand im Lande — der Stand des Menschen! Das war das Bitterste, was ich erfahren habe, und das Schönste. Ja, wenn wir hier blieben, wenn ich keine andere Aussicht für uns wüßte — und ichsahe weder als Pastor, ja nur als Schulmeister ein Ankommen — wenn wir nichtBauerwurden, in dem kolossalen, freien, Amerikanischen Sinne, durch Ankauf aus dem Ertrag des Diamantenhalsbandes — — — so wollten wir uns selbst mit meiner Tochter vermiethen.
Aber ich hatte recht vermuthet! Mein Vetter Marfolk hielt um meine Tochter an. Ich konnte ihm nichts darauf sagen, als daß schon ein Anderer um sie angehalten, dem ich es schreiben wolle. Und so that ich. In 14 Tagen erhielt ich die Antwort von Erwin: »Im November komme ich nach Philadelphia. In vielen Geschäften. Erwin.« Noch stand das Wort dabei: »Ich bin Senator der vereinigten Staaten.«
Auf solche unbestimmte Antwort drängte mich meine arme Tochter, die mir herzlich leid that, zur Heimreise nach Europa. Ja vorher, gewiß vorher — ehe sie den Erwin wiedersähe. Aber leider waren wir schon im Herbst, der unendlich schön und bunt und mild und heiter sich über dasganze Land gesenkt hatte. Meine Reise konnte nicht die Absicht haben, die Natur abzumalen, und so habe ich alle die tausend Gelegenheiten vorüber gehen lassen, ein Bild von Dinte ihr nachzupfuschen! Denn hier ist mehr wie Griechenland und Italien. Hier ist Persien, kurz alle schönen Gegenden der Welt, nur keine Schweiz. Freilich blieb mir übrig, auf der Besitzung der Baronesse Freysingen und ihres mir so nah verwandten jungen Mannes den Voigt zu machen, oder den Gehülfen auf der Ansiedlung unsrer zwanzig Dörfer — aber meine Tochter hattealleAmerikaner satt, durch Einen, und Amerika mit ihm herzlich satt. Zum nächsten Frühjahr also versprach mir der gute, bescheidene Vetter Marfolk mit nach Europa überzufahren. Jetzt nahmen wir von ihm Abschied. Wir reiseten ziemlich armselig. Jeder Vater kann sich denken, daß ich endlich schweres Verlangen trug, meinen Knaben in Cincinnati zu sehen. Wir schifften die kurze Strecke den Ohio hinauf nach der Stadt, die einen Hügel hinauf schön und herrlich liegt. Wo er seyn sollte, wußte ich. Ich ließ meine Tochter in unserm Boarding,oder höchst anständigen Familien- oder Gesellschafts-Gasthof, ging allein und fand das Haus. Aber mein Sohn war fort! Fort in eine Anstalt nach Philadelphia. Wer konnte das gethan, ihm so wohlgethan haben? Alles Rathen war aber vergebens. Indeß er lebte, er hatte geschrieben — auch an mich; ich empfing seine Briefe. Ich mußte sie küssen, ehe ich sie las, und dann weinen, denn er erinnerte mich an die Mutter, die nun schon lange im Lande hier schlief. Ich schrieb ihm wieder und ein Diener ging sogleich mit dem Briefe fort.
Als ich nach Hause gekommen, fand ich eine Einladung zum Mittagessen zu einem guten Freunde, der sich jedoch nicht genannt hatte. Straße und Haus war angegeben. Warum sollte ich der Einladung nicht folgen? Meine Aufregung war heftig. Ich zog wieder einmal die guten Kleider an. Alle meine guten Freunde schwebten mir vor. Wie angenehm war mir ihre Nähe im Geist. Aber ach, wie viele waren elend gebannt zu Hause! Doch auch unter den Wenigen, die hierher gewandertseyn konnten, rieth ich vergebens, und blieb in der holden Erwartung, wen ich sehen, wen ich an das Herz drücken würde.
So geh’ ich. So trete ich ein. Niemand zu sehn! Nur ein Tischchen mit zwei Gedecken steht bereit. Aber im Cabinet regt sich es wieder mich sonderbar erinnernd. Ich sehe. Es lauscht zwischen den zugehaltenen Vorhängen. Ich spähe. Ich gewahre ein großes braunes Auge in seinem milchweißen Himmel. Mir klopft das Herz. Ich sehe oben darüber schwarzes, glänzendes Haar. Nun erscheint ein kostbares Nasenspitzchen, die schöne, edelgebildete Nase. Jetzt Lippen wie Erdbeeren, wie eine Doppelkirsche. Mir beben die Kniee wie in meiner grünsten Jugend. Mir vergehen die Sinne. Denn nun sehe ich auch schöne, aber blasse Wangen — das ganze edle Antlitz ist frei. Aber die Augen sind jetzt leise geschlossen. Die Augensterne zucken unter den langbesäumten Augenliedern. Ja, an den Wimpern quillt es leis und zart hervor wie Thau an Blumen. Ich weine selbst.
Josephine! ruf’ ich.
Da verhüllt sich ihre ganze Gestalt wieder hinter dem Vorhang. Ich bin betäubt. Ich setze mich gleichsam in Ohnmacht auf das Sopha. Meine Hand bedeckt die Augen. So bleibe ich lange. Ich träume, ich schlafe eine mannigfach bestürmte, aber schöne Zeit. Ich komme zu mir. Die Gestalt sitzt neben mir. Ihre Hand hält meine Hand. Ich schlage die Augen auf. Ihre großen, feuchten Augen sehen mich an. Wenn ich nicht auf dem Sopha saß, wär’ ich ihr zu Füßen gefallen.
In dieser herzbeklemmenden Stunde erschien mir wie damals wieder im Zimmer vor mir stehend die Gestalt meiner Frau. Ich machte die Augen vor ihr zu. Aber sie sprach heut mild zu mir: »Fürchte Dich nicht! Ich bin unter den Todten so klug geworden, wie alle Todten. Weiber und Männer, die von den Ihren hinweggerissen, nur wohlthun, ihnen auf Erden noch alles Glück zu gönnen, ihnen neidlos alles Glück zu verschaffen, oder bei ihrer Ohnmacht sie doch zu segnen. Also jetzt sprich zu dem armen Weibe.Sie wird kein Wort Dir sagen. Denn ein Weib ist edel. Und so sehr sie verrufen sind, daß sie schwatzen, so halten sie doch ihre Liebe zu heilig, als sie je auf die Zunge zu nehmen gegen einen Mann. Rede also Du! Und sie wird Dir antworten ohne Worte, mit Thränen, mit ihrem ganzen Dir holden, schönen Wesen. Auch prophezeihe ich Dir, lieber Volkmar: Noch heut wirst Du mit ihr getraut. Diese Nacht schon ruhest Du hier. Und wenn Du das Licht auslöschest, und es sich unheimlich im düstern Zimmer regt, so denke: ich bin’s, die hinschwebt, das kalte Lager der Todten zu drücken.« —
Jetzt schwieg sie, sahe mich zärtlich an, und verschwand oder verlosch vielmehr auf derselben Stelle allmählig, wie ein Regenbogen verschwindet und hin ist.
Ich aber war noch ganz verworren, und sagte laut und verständlich vor mich hin: Das laß ich mir eine vernünftige Frau seyn! Sie räth mir nun selbst zu, den Engel zum Weibe zu bitten.— Ich fuhr auf. Denn ich erwachte jetzt über die Worte erst völlig und war gewiß über und über roth.
Aber auch Josephine war von Röthe übergossen. Aber sie verbarg sie an mir.
Und das einmal ausgesprochene Wort meines vormaligen Weibes gab mir Muth und Veranlassung, der schönen jungen Wittwe zu erklären, ja Alles aufrichtig zu sagen, was ich von der Erscheinung gehört . . . . und mein Schlußwort dazu zusetzen oder anzubringen.
Und wie mich mein Weib versichert, so geschahe es. Josephine weinte blos, oder schlang höchstens nur einmal ihre Arme um meinen Nacken — aber die Edle küßte mich nicht! Doch — um ein aufrichtiger Mann zu seyn — ich küßte sie! Zum Erstenmal. Aber nicht zum Letzten. Und als Braut führte sie der Bräutigam — meine Wenigkeit — zu Tische.
Wie wenig essen Glückliche!
Aber wie viel trinkt ein armer erlöster Pastorvortrefflichen Wein! Um ein aufrichtiger Mann zu seyn, muß ich aber gestehen — und jeder Eingang mit dem Worte »gestehen« taugt gewöhnlich nicht viel — ich schämte mich vor meiner Tochter, wieder ein Weib zu nehmen, und ein so schönes, so junges, und da es einmal so war, auch ein so reiches. Wenn meine Tochter heirathete, so mußte sie sich vor mir schämen — daß sie so liebte bis zum Heirathen. Oder wir waren doch quitt. O, ein Vater hat in jeder Lage gar viel zu denken, zu bedenken, zu beobachten. Doch meine Tochter sollte ja gar nicht erfahren, daß ich nur wieder heirathen könnte! So war ich heraus. Aber dabei mußt’ ich nun bleiben.
So viele Monate, so schwere Zwischentage waren wir uns unter tausend Zweifeln mit Josephinen doch gut gewesen — hier zu Lande war kein langweiliges, meist nur überflüßiges Aufgebot nöthig, da keine Kirche, also auch keine Kirchenordnung oder Litanei hier ist. Auf einem Spaziergang gegen Abend ließen wir uns dem Geistlichen melden, denn meine Braut kam mir garnichtmehr so voll vor, als da ich sie zum letztenmal gesehen. Und so standen wir vor dem Geistlichen, gelobten uns Treue, gelobten uns: Glück und Unglück mit einander zu ertragen, und der Mann hielt eine kurze Rede, wie ich selber niemals eine zu halten im Stande gewesen — so gerührt war er. Und als junger Mann und junge Frau wandelten wir nach Hause. Marien aber ließ ich sagen, ich wäre in so liebe Gesellschaft gerathen, daß ich wohl vor Morgen früh nicht nach Hause kommen würde. Dabei schickte ich aber der guten Seele ein großes Körbchen mit allerhand vortrefflichen Speisen und Wein, damit sie unbewußt doch von meinem Hochzeitschmause koste.
Bis zum Morgen aber hatte sich meine liebe, kostbare Jungefrau entschlossen, mit uns nach Europa zu gehn. Ich bat sehr, ob ich gleich wußte, wie gern sie ging, um aus einem Lande zu kommen, wo sie, so schön und edel sie war, nur mit dem Schleier sich zeigen durfte — ihrer schimmernden Farbe wegen.
Als ich nach Hause kam, schlief meine Tochter, und ich küßte sie, und bat ihr unser Glück ab und meine liebende Täuschung. Ich aber konnte ja nun wieder — versteht sich ohne den rechten Namen — von ihrer guten Mutter reden. Ja, der folgenden Tage Einem führte ich Josephinen bei ihr ein — als eine Gesellschafterin für sie auf der schönen Herbstreise durch Ohio nach Philadelphia, ja nach Europa.
Abends ging ich gewöhnlich in die oben angeführte »so liebe Gesellschaft.« Und so hatte ich in diesen wieder glücklichen Tagen nur einen, aber höchst bittern Verdruß. Ich wollte doch das Merkwürdige von Cincinnati sehen. So lasse ich mich in die gelehrte Gesellschaft einführen, zu der auch, und besonders die hiesigen Buchhändler gehören. Man muß meinen Namen Volkmar mit: Volkhard verwechselt haben. Manche kommen und bedauern mich. Manche drücken mir die Hände. Einer fragt mich mißtrauisch: wie ich aus meinem 19jährigen Zuchthaus entkommen? Ein Andrer: was ich gedacht oder für Entschlüsse gefaßt,als ich das Bildniß habe um Vergebung anflehen müssen? Andere wendeten mir den Rücken, oder sahen mich höhnisch, ja was noch barbarischer war, sie sahen mich mitleidig an. Kurz, ehe es zu der Collecte kam, die man für meine arme, unschuldige Frau und Kinder sammeln und ihnen schicken wollte, suchte ich zu entkommen. Denn meine nackte Versicherung, daß ich kein Buchhändler, am wenigsten ein Bayer sei, schlug bei den einmal Verblendeten nicht an, und sie hielten mein Ablehnen für Schaam, für falsche Schaam in Amerika. Durch diesen Vorfall erwachte aber — in meiner Weise, der mitleidigen, hülfreichen — mein Heimweh bis zur Angst. Und ich wand die Hände.
Also nach einer schönen, glücklichen Reise durch das, reich angebaute, unvergleichliche Ohio — worin aber zwischen Urbana und Bixbie und zwischen Chillicothe und Marietta noch ungeheurer Platz zu den gesegnetsten Niederlassungen der Einwanderer harret — waren wir im November endlich in Philadelphia, und wohl logirt, denn meineFrau hatte unermeßliches Vermögen, ob ich gleich noch nicht darnach gefragt, und ich war der Herr wiederum meiner Frau.
Sie ging mit mir voll Freuden zu nunmehr unsrem Sohne Gustav Adolph, welchen, wie ich jetzt erfuhr,siein eine vortreffliche Erziehungs-Anstalt hatte bringen lassen. Sie ging zuerst zu ihm hinein. Aber das war vergebliche Vorsicht ihn auf den Vater vorzubereiten! Er kam — bei ihr vorbei, über den Saal, auf die Treppe mir entgegen gestürzt, wo er auf den höheren Stufen stehend, mich wie gleichgewachsen, so recht umhalsen konnte. Aber er hatte ja mich, den Vater. Und so war sein erstes Wort: »Ist die Mutter drunten?«
Vorbereitet auf diese Frage sagte ich ihm, daß sie wieder nach Hause gereiset sei, weil ihr lieber Sohn Marbod krank gelegen.
Das glaubte er. Denn er kannte ihre Vorliebe zu jenem Kinde. Und ach, so blieb ihm dieMutter leben, lange, lange Jahre. Er frug aber nach der Schwester Maria. Und so mußte ich ihn unter Bitten und Bedrohungen ermahnen, daß er sage: die Mutter habe mir ihn selbst, den Gustav Adolph, mit einem Freunde hierher nach Philadelphia nachgesandt, weil die Schwester sonst über die Mutter und den kranken Bruder sich grämen würde. Was die Mutter betraf, hatte ich die Wahrheit gesagt. Unter dieser mir von dem folgsamen Knaben zugesagten Bedingung konnte ich der armen Tochter doch eine Freude machen: den Bruder wiederzusehn. Auch mußte sie das glauben, denn auch ihr hatte ich in Vorrath gesagt, daß ich meinen kleinen Sohn gern nachgesandt hätte, und deswegen nach Hause an die Mutter geschrieben. Und so belohnte sich diese fromme List auf der Stelle. Denn Maria kam herauf, und die Geschwister weinten reine Freudenthränen.
Eines Abends darauf — es mochte in Deutschland um die Zeit seyn, wo Tag und Nacht mit einander ringen, nach Mitternacht —kam meine heimliche Frau zu uns in merkbarer Aufregung, und ladete uns zu einem Gang an den Hafen ein, denn es wären Schiffe gekommen, die auslandeten. Wir gingen also.
Die Delawarabai wimmelte von Schiffen. Unmerklich aber führte uns Josephine an einen Stapelplatz, wo Boot auf Boot voll Neger, Hundert zu Hunderten ans Land gesetzt wurden. Negermütter saßen schon auf der Erde, und hatten die Kinder an der Brust, auf dem Schooß, oder um sich her. Junge und ältere Männer, alle neu gekleidet, gingen ab und zu und halfen den Ihrigen Seil ziehen, Päcke tragen, alles in brüderlicher, fröhlicher Gemeinschaft. Auf einmal trat meine Tochter bestürzt hinter mich. Ich wandte mich um. Sie verbarg sich an meiner Brust. Sie war blaß wie von Schnee; sie bebte wie geschüttertes Rohr. »Was? Wer? Warum?« frug ich. — »Ach, dort!« sprach sie und deutete unmerklich über meine Achsel mit dem Zeigefinger. Ich sah überall umher. So erblickte ich auch unter einigen Gruppen zwei einzeln stehende Männer,deren Einem, dem großen, schlanken in blauem Überrock ich nicht ins Gesicht sehen konnte; aber der Andere hatte es uns zugewandt — es war Erwin. Nun wußte ich Alles! Ich drückte ihr herzlich die Hand und hieß sie abwärts sehen. Aber die Männer kamen beide im Gespräch auf uns zu. Ich wich unmerklich aus, aber Erwin schien uns vermuthet, erkannt zu haben. Und während wir alle die Augen zur Erde niedergeschlagen hielten, kamen sie uns so nahe, daß ich ihre Fußspitzen sahe. So blieben sie vor uns stehen. Sie grüßten leicht und zuversichtlich — und ich hatte die Ehre und das Vergnügen und die Erfahrung, an Erwin das Compliment eines getäuschten Tochtervaters zu machen oder zu schneiden, und ihm zu danken. Welches Gesicht ich aber dazu gezogen oder geschnitten, kann ich als ein aufrichtiger Mann nicht sagen; denn ich habe es nicht gesehen — als im Spiegel von Josephinens Antlitz, worauf es ganz roth aussah. Wie mußte mir aber erst werden, als Erwin nun so seine liebe Stimme vernehmen ließ:
»Ich sollte eigentlich recht bös seyn, und ichwill auch nicht leugnen, daß ich im Kern der Seele, im Stolze, recht schwer, ja recht schwer beleidigt war! Sehen Sie nur, General,« sprach er zu seinem Begleiter, »da hinter dem Vater steht verschämt das Kind, das mir das Leben so schwer gemacht — aber mich zum freien Manne, und hoffentlich nun auch zum glücklichen« . . . .
Er wollte Mariens Hand ergreifen, und wie sie sich ihm entzog, und um mich herum schlüpfen wollte — ergriff er sie von der andern Seite und hielt sie fest an der Hand. Und das ganze Mädchen zitterte.
Und mit seelenreiner, seelenfroher Stimme sprach er getrost zu ihr: »Ehe ich nicht frei war — denn wer nur noch einen Schatten von einem Sclaven hat, der ist selber ein Sclave — eher schämte ich mich Dir mit einem Worte zu nahen — und Du, Du hast doch das Schweigen verstanden? Meine ich! Aber jetzt, jetzt! Ich habe keinen Sclaven mehr! Bin ich nun Deiner werth? Nicht wahr — ein Amerikaner! . . . . und er sollteSclaven haben . . . . nicht wahr, das konnte die liebe Seele ja nicht ertragen! Wer würde so ein Mann als Mann gewesen seyn! Nicht wahr? Aber ich habe keinen Sclaven mehr, da siehst Du sie alle umher! Du, mein edles Kind, Du hast sie frei gemacht — und hast doch nur Einen Menschen recht geliebt. Und das hab’ ich verstanden! Das hab’ ich geehrt.«
»Wohl, sehr wohl! Senator,« sprach der General.
Wir andern alle weinten, und namentlich mir schnürte es heimlich ordentlich die Kehle zu. Aber o Gott, der Blick, der jetzt aus meines Mädchens Augen in ihres Freundes Augen strömte, der war wohl werth, daß Du Menschen geschaffen hast, Du allliebender Vater, daß Du sie Sclaven werden lässest und erlösest, durch Deine heilige Macht. Was hätten die Menschen denn sonst auf der Welt zu thun, als etwa alle ewig im Bett zu liegen — wenn Alles vollkommen wäre! Das verhüthe Gott, und hat es verhüthet. So habendie guten Menschen etwas vor, das Gute zu thun, und eine Freude, den Sieg über Irrthum und Blindheit der andern armen Menschen. — Das war mein innerliches Gebet. O ich war ja nun endlich ein glücklicher Tochtervater! Und die Unglücklichen können nicht beten; denn Beten heißt: Gott loben in allen Dingen. So meine ich.
»Die Sache freut mich!« sprach der General. »Sie geben ein Beispiel, und ich danke Ihnen für Viele, Senator.«
»Es geschieht nach meines Vaters Testament;« sprach nach Gottes Willen nun mein Schwiegersohn. »Denn welcher Deutsche vergäße sein Vaterland! Das ist uns keine Schande; denn Deutschland ist auch das Vaterhaus von England, woraus unser Penn stammt. Thue ich was dazu, so geschieht es aus allerhand Liebe und Ehrfurcht. — Also mir keinen Dank, Präsident!«
Gott’s Wetter! hätte ich bald laut gesagt, das ist der Präsident der ganzen 27 vereinigtenFreistaaten! und ich hielt mir wirklich den Mund bescheiden zu und sahe meine Tochter bedeutend an, deren Auge aber schon an dem Manne hing, still, sanft, ehrfurchtsvoll, wie eines Kindes Auge, das zum erstenmal den Engel, das Christkind sieht, und selber die eigene größere Schwester in ihm nicht erkennt, ob es sich gleich ohne Maske zu ihm neigt und mit unverstellter Stimme freundlich zu ihm spricht. Das blaue Band auf ihrem Busen ging aber auf und nieder . . . so klopfte ihr Herz. Und ich hätte die golden untergehende Sonne fragen mögen, ob sie etwas Größeres auf ihrer weiten Bahn erblicke, als einen freien Vater freier Kinder.
. . . . . »Und lieber Vater,« sagte Erwin nun zu mir, »die Neger gehen nach Deutschland.« —
Ich erschrak billig und unbillig.
»Ich meine in die Schule,« fuhr er fort, »in die mein gewesenen zwanzig Dörfer der Freysingen;denn ich habe sie laut Testament den Menschen zur Ausstattung mitgegeben. Die Güter der Einzelnen habe ich gekauft. Die Schiffe bringen die Neger hin, und laden Ihre Gesellschaft her. Künftig folgen Mehrere! Tausende! Sorgen Sie nur, daß Sie dagegen 5000 Männer hersenden; denn so viele können gleich einen eigenen Staat gründen und sich eine Verfassung geben, und schon Abgeordnete zum Congresse schicken. Das Schloß der Freysingen, den Park und die Appendixe von Vorwerken aber erlaube ich mir Ihnen anzubieten, lieber Vater!«
»Sie wollen also nicht bei uns bleiben? Wir haben die Deutschen so gern;« sagte mir der gegenwärtige Vater des Volks, »Jeder, wie er will. Nur recht für sich und nicht unrecht für Andere. Aber was haben Sie hier gesehen und bemerkt?«
Ich hatte aber das Herz auf einmal zu voll von der Heimath, oder sprach aus Verwirrung: Was ich alles nicht gesehen? Sub fide pastorali:keinen Majestätsverbrecher, keinen Censor, keinen Pfennig Steuer oder Gewerbesteuer im ganzen Lande, keinen Hungrigen, keinen Faulen, keinen Soldaten, keinen Adligen, keinen Erbitterten, der die Regierung stürzen will, keinen Bettler, keinen Krüppel, keinen Executor, keinen sogenannten Advokaten, keinen Theologen, ja nicht einmal einen Papst; schloß ich.
Es sollte aber noch ärger kommen, denn er wiederholte: »Nein, ich meine, Was Sie hier bemerkt haben?« — Und ich sagte nun gar: Keine Kunst, keine Cultur, keine Religion, — oder Moral, wollte ich sagen! Aber ich konnte gar nichts mehr sagen, und blieb rein stecken, roth wie begossen, denn ich merkte meinen groben Fehler, oder meine fehlerhafte Grobheit — aber mich überkam ein furchtbarer, verzweifelter Muth, und ich setzte hinzu . . . »um ein aufrichtiger Mann zu seyn. Hier steh’ ich, Gott helfe mir, Amen!«
Der Volksvater legte die Hand an’s Kinn. Erwin aber entgegnete mir, fein lächelnd: »SehnSie umher, lieber Vater! Es giebt ein großes Thier, dem der Mensch nur Alles nachmachen kann, aber soll! Wo ist in diesem großen Thiere Religion, als im Menschen? Im freien, im ausgebildeten Herzen des Menschen! das bedenken Sie wohl. Aber liegt nicht eben darum die Sittlichkeit der ganzen Natur zum Grunde, schwimmt sie nicht darauf, lebt sie nicht darin, wie eine Wasserblume mit allen ihren Kelchen? So muß die Sittlichkeit auch der Menschenschöpfung, dem Staate zum Grunde liegen, aus ihr hingebreitet, wie ein unsichtbares, aber festes Netz — das Niemand fängt, der es nicht sieht, nicht sehen will, oder nicht gewahren kann.«
Ich hatte mich wieder gesammelt, und fing an zu hören, was ich hörte; und hörte nun weiter: »Da ist die Staatsgestalt die rechte, da ist die Staatsgewalt die ächte, wo sie nicht alle Gewalten selbst ist, sondern alle ebenbürtigen Gewalten neben sich grade befördert; alle Gewalten nämlich, die keine Staatsgewalt weder hervorbringen, noch je vertilgen kann: die Gewalt derSeele: die sittliche oder religiöse Gewalt, und die patriarchalische, die väterliche, die hausväterliche Gewalt. Diese zwei Gewalten müssen in jedem Menschen, in jedem Hause herrschen. Daran darf nicht einmal ein Scherge klopfen — also auch kein Priester. Es giebt also Millionen Staatsgewalten im Lande, deren Ausdruck und Schutz blos die sogenannte eingesetzte Staatsgewalt ist. Wo es so steht, da ist das wahre Recht, die wahre Freiheit zuHause, wahrhaft zu Hause, zu Kopfe, zu Herzen! — und somit denn im ganzen Lande, bei uns, meine ich. Und der erste negative Staat wird wundersam der erste positive, den die Menschheit aber ausfüllen muß und darf und kann! meine ich.«
Jetzt fielen Kanonenschüsse von einem anlegenden Schiffe, und die Worte wurden mir ordentlich eingedonnert.
»Und was die Kunst betrifft? Ohne Wohlstand, Überfluß und Reichthum keine Kunst? Wo wird sie also eher aufblühen oder eher auslöschen,hüben oder drüben? — So frug ich mich selbst von Rom bis Bremen. Und glauben Sie, gegen eingewurzelte, in Jahrhunderten begründete Armuth sind Fleiß, Ordnung, Recht, ja selber die endliche Freiheit vergebliche Mittel. Doch unsere famose Geldaristokratie ist nur ein offenes, steigendes, sinkendes Institut, das hier kein einziges Vorrecht gewährt! Und wenn Viele im Lande 100,000 Dollar haben, was hindert das, daß nicht Alle so viel erwerben und haben? Was schadet das Haben der Andern Jedem, der nichtvorreichseyn will, sondern nur reich,mitreich! Denn das ist der erbärmliche Unterschied, der den Reichthum dem Vorreichen wieder zu Armuth macht, und dem Reichen den Reichthum zu Pein. Auch dieser Pein wird hier begegnet, durch auseinander wohnende Menschen! Das Paradies mit Einer großen Stadt, voll siebenstöckiger Häuser, wäre auch ganz ohne Adam’s und Eva’s Sündenfall dennoch zur Hölle geworden. Ich meine. Nur die Sonne sieht man mit einem geschwärzten Glase an! Uns aber gar mit russischem Marienglas? Doch sehen Sie nur dort die neuen Einwanderer,die da eben heraufsteigen — o es giebt auch Augen für uns! Indessen Sie sehen, es giebt Patrioten auch hier, die unaufhörlich aufmerksam und unermüdlich thätig das Volk das Gute finden lassen!«
Dabei lächelte er, gab mir eine Rolle Papier und sagte: »Das ist die Magna Charta für Ihre Neger. Ich meine, sie werden den Fürsten achten — unsern Freund, den Vater des lieben Leuthold; sie werden alle Gaben gern geben; gern Soldat werden; nach keiner Preßfreiheit fragen und so weiter; kurz, folgsame, glückliche Deutsche seyn. Ich dächte aber, Sie tauften sie dieser Morgen einen im noch einsamen Dämmer, gäben ihnen Namen, trauten die lange Verheiratheten und thäten dergleichen Europäisch Erforderlichen Alles. Bis zur Abfahrt lernen sie auch noch Etwas — das müssen sie wissen. Aber meine Schwägerin Maria hat ihren guten Theil an dem Allen, müssen Sie wissen. Werde nicht roth! Du aber, Maria, komm auch mit uns! Und der Vater! . . .«
Ich aber hatte mit Erschrecken meinen SohnMarbod mit der Baronesse Freysingen unter den Gelandeten erkannt, war in einiger Höllenangst und versprach nachzukommen! Sogleich! Und so ging denn meine Tochter, von Erwin an der linken Hand geführt, und zu ihrer Linken von dem edlen, ernsten, wohlwollenden Freunde ihres Freundes begleitet von hinnen, meine heimliche Frau aber zur Rechten Erwins. Mir war wohl, mir war unvergleichlich zu Muth. Denn meine Tochter sahe sich nach mir um, und ihre leuchtenden Augen nickten mir unter dem schattigen Hute so glücklich zu! O es ist wohl werth, edel zu denken und edel zu bleiben — und dann erst recht werth, wenn man dadurchnichtglücklich wird — wie mein armes Kind. Jetzt hatte sie gewiß Respect vor allen Amerikanern. Jetzt blieb sie hier!
Ich flog meinen Kindern entgegen. Wie froh waren sie, einen Vater zu finden, und hier. O, wer kann das beschreiben! Denn um uns standen Hunderte, die wie ein sonderbares, ganz eigenthümliches Geschlecht, ohne Heimath wie die Fische, ohne König und Herrn wie die Vögelgleichsam als Amphibien der Vor- und Nachwelt hier im Abendscheine standen, die noch wankenden Kleinen an ihrer Hand! Aber auch für sie war gesorgt. Nach den ersten Umarmungen aber schon frug auch mein Sohn nach der Mutter. Und so täuschte ich auch ihn, mit dem Wort, das nun gelten und stehen bleiben konnte, als Wahrheit für sie, so bald und so oft sich auch alle, jetzt und später, besprachen, daß die Mutter von Neu-Orleans nach Hause gereiset sey — in unsrer Abwesenheit — weil ihr Marbod krank gelegen. So sollte und konnte nun auch Maria wissen.
»So haben wir sie also verfehlt! die gute Mutter!« sprachen sie bedauernd. »Aber, Väterchen, Du gehst ja heim.« Und nun verschlang der Strom des Lebens die Gedanken, die Todten und Lebenden, die Fernen, die Alten, die heiligen Alten, die alte Welt — Alles und Alle. Ich führte die Angekommenen nach, zu Erwin und zu Maria, zu Josephinen — und heut war Amerika ein herrliches, heiliges Land.
Meine Lage war nun für einen Pastor äußerst lobenswerth, besonders, wenn ich wieder in die vorgeschobene »angenehme Gesellschaft« ging. Ja, ich bekam Amtsarbeit. Die Neger, wohl untergebracht, wohl unterrichtet im A. B. C., wohl beaufsichtigt und versorgt durch Wilberforce und meinen ganz dick gewordenen, fast majestätischen, langen, noblen, gutmüthigen Tolera — die Neger kamen eines Morgens sehr früh (am 14ten November) zur Taufe. Die katholischen Priester hatten ganze Schaaren Südamerikaner mit der Feuerspritze getauft, und dann mit Kartätschen erschossen — sovieleKöpfe zu taufen, sovielePathen zu stellen, war in der nöthigen Kürze unmöglich. Die Schwarzen lagen auf den Knieen. Der Morgen, von sonderbaren Wolken umhangen, graute kaum. In die heilige Stille sprach ich einige Worte zum Eingang. Da war es auf einmal, als wenn eine allmächtige Hand alle Wolken vom Himmel weggerissen! Tausend Gestirne glänzten da droben funkelnd, sprühend, Strahlen versendend, ausströmend, wie goldnen, brennenden, leuchtenden, langenRegen. Jetzt, jetzt rühren sich die Gestirne am Firmament — oder wanke ich? taumle ich? Aber nein! Was nie geschah, und nie geschehen wird — das ganze Firmament voll Gestirne zieht rasch, wie auf entsetzlicher Eil durch das dunkelblaue Himmelsschwarz. Alles wird licht auf der Erde! Die Meerbucht glänzt, die Büsche brennen, die Nachtvögel stürzen, wie betrogen von tausend Sonnen, zur Ruhe; ich unterscheide die Blätter der Blumen zu meinen Füßen, denn ich erblicke mit Erstaunen meinen wie rasend um mich schwirrenden Schatten. Jetzt reißt sich ein Stern los, er stürzt mit Gezisch und Gestrahl, mit Gedonner hernieder. Zehn Sterne reißen sich los, wie reife Früchte! Hundert Sterne stürzen mit Gezisch und Gestrahl hernieder! Tausend Gestirne, immer größer, wie Feuerkugel-Lawinen, stürzen und zischen und strahlen, und tausendfältiges Donnergekrach stürzt drüber hernieder. Ich war blind, ich war taub, ich war außer der Welt.
Es war geschehn. Es war ruhig, als wennnichts geschehen. Es war todtenstill, es war grabesfinster. Da standen die schwarzen Menschen auf, beteten mich fast an, und dankten mir bebend vor Furcht, und klappten noch mit den weißen Zähnen, die in dem Nachtgraun schimmerten. »Nun sind wir getauft!« riefen sie alle. Und: Ihr seyd getauft! sprach ich und segnete ihren Ausgang und Eingang — in Europa. Dann enteilten sie wie Geister.
Das war wieder einmal ein Wunder, stöhnte ich. Und nach langem Betrachten schlich ich nach Hause und verschlief den ganzen Tag. Mir träumte: Ich war in einem brennenden Hause und fiel in Ohnmacht — dann sprang ich auf und lief fort. Der Traum war meine völlige Lehre oder Cur. Wenigstens hast Du nun Deine Kinder und Kindeskinder beim sicheren Nachbar. So ergötzte ich mich nun noch mit ihnen Allen.
Zum zeitigen heiteren Frühling kam unser Vetter Marfolk richtig. Da war neue Freude.Meine Tochter, die ich mit Erwin getraut, in Gesellschaft der zu trauenden verheiratheten Neger, kam von Washington zu unsrer Abreise. Ich fuhr meinen anvertrauten Einwanderern voraus auf dem ersten Dampfschiff. Der Morgen der Abreise kam. Erwin kam noch, und nach dem Abschied flüsterte er mir noch ein Wort in’s Ohr: »Wir bitten einander zu Pathen!« — Er wußte also, daß ich ein Weib hatte — und Wen! Ich legte als Antwort den Finger über die Lippen. Und er sagte leise: »O gern!« — Ich band ihm meine Einwanderer nach Indiana nochmals auf die Seele. — Was soll ich nun sagen, wie ich von Tochter und Söhnen schied? O es war schwer. Aber alle sagten hier, wie daheim mir wieder: Väterchen, Du kommst wieder! Oder — droheten sie — wir kommen zu Dir! Und dennoch brach mir der Abschied von meinem Hunde, dem Pudel »Menschenfreund« fast das Herz. Meine Tochter wollte ihn behalten. Sie mußte ihn fort-, zurückschleppen, den Strand hinauf; da blieb er geduckt liegen undwinselte. Ich mußte noch von ihm Abschied nehmen. Ich streichelte ihm den Rücken; ich sagte ihm: Menschenfreund, sey verständig! Ich ließ ihn mir eine Pfote geben, und er gab mir seine treue, sanfte Hundehand. Aber wie er mich dabei ansah! Was, ja Wer in seinen dunkeln, bangen Augen so wehmüthig heraussah, herausdrang! O ich schämte mich! Kurz, warum bleibt der Hund im ärmsten Hause — wenn er auch darin mager und elend wird? O, die Welt ist gut. Nur der Mensch taugt nicht immer. Du bist ein gutes Thier, ein Menschenfreund! sagte ich ihm, und er wedelte mit seinem feinwolligen Wedel.
Wir kamen ohne Gefährde nach Hamburg. Diesmal in 14 Tagen! Ich konnte nun also langsam fahren, und das that schon fast Noth, doch nicht meinetwegen. Josephine war wie neugeboren. Und — um ein aufrichtiger Mann zu seyn — ich auch. O, es lebt nicht nur ein eigener Geist, meinetwegen ein erst so gewordnerin jedem Menschen. Jedes Haus im Lande, jede Familie, jedes Dorf, jede Stadt hat einen eigenthümlichen Geist,eineStimme wie ein Bienenstock, einen lieblichen Wiederhall, ein Verständniß all unsrer Worte, unsrer Wünsche, unsrer Freuden und Leiden. Und der Geist in einem Lande — der wäre kein Geist? Der Jahrtausende Eingewohnte, das millionenfache Ich? O, das ist das Vaterland! Und als ich Deutschland wiedersah, rief ich aus voller Brust: Ja, es giebt ein Vaterland! Nur wer es noch nicht erkannt, höchstens die Jugend wandere aus, und mache ihre Stimme wo drüben zur neuen Seele des Landes, der Berge, der Flüsse, der Haine. Aber wer je wo geweint hat, wie Männer weinen, der bleibe, und hoffe Frucht von seinen Thränen, und Segen von seinem Seufzen. Denn Millionen weinen und seufzen mit ihm, und wünschen und schaffen mit ihm, und sind stark und mild wie er, und werden sich freuen wie er.
Ich kaufte vier englische Schimmel und einen prächtigen Wagen — wenigstens um nicht ausgelachtzu seyn. Denn am Strande in Amerika hatte ich einen Müller gesehen, der bei schönen Müllerkenntnissen eine künstliche Mühle dort bauen wollen und Mehl wie Kreide mahlen. Aber er hatte eine Handvoll Amerikanisches Mehl in die Hand genommen — wie Schnee und fein — wie Amerikanisches Mehl, und war fein still nach Hause gereiset.
In meiner Vaterstadt fuhr ich nun donnernd über die Schloßbrücke, in nun mein Schloß. Ich saß kaum im Lehnstuhl, als es murmelte und trappelte auf der Treppe und im Vorsaal. Selbst mein Caplan war darunter, denn ich hörte ihn krähen. Aber ich bestellte ihn auf Morgen, denn meine Tochter war verheirathet, und ließ ihm nur sagen, seine sechs Muhmen hätten sechs reiche Kaufleute in Neu-Orleans; aber dort handelten auch die Geistlichen sogar mit Wein, und die Doctoren predigten auch nach Gelegenheit. — »Schon gut, schon gut,« hörte ich ihn sagen.
Eine Freude aber, mußte ich sogleich nochmachen: Meiner guten, theuren Großmutter! Ich ging zu ihr selbst hinüber auf die Pfarre; denn sie hatte nur gebeten, sie noch kurze Zeit in der Wohnung zu lassen. Sie wohnte aber unten. Sie sahe mich, sie erkannte mich. »Also Du hast ihn gefunden?« sprach sie. Nach einer langen Erzählung gestand ich vorsichtig zu: Ja, er ist gefunden! Er ist auf dem Schlosse. Er wird kommen. Aber mein Gott, sie freute sich so — daß sie einschlief! — Seliges Alter! Wer nicht alt wird, ist kein Mensch gewesen. Es ist fast übermenschlich und hautschauernd, so übermenschlich gefühllos, jetzt mit der Seele weg, jetzt da zu seyn! Jetzt jung, jetzt alt! Jetzt schon im Paradies — jetzt noch in der Kinderstube! Ein alter Mensch ist wirklich Alles; ein Junger ist nur immer — sein Tag, seine Stunde. Ihr Enkel, der ihrem Sohne so ähnlich sah, hatte auch sogar heut wieder die Kleider angezogen, in welchen sein Vater der Mutter entflohen war. Denn der Vater hatte sie treulich aufgehoben. So, in altväterscher Tracht, aber jungund wirklich voll Schaam hier hereinzutreten, trat er herein. Ich winke ihm, ruhig sich ihr gegenüber zu setzen, weil sie schläft. Nachdem er des armen Vaters gute Mutter sich lange angesehen, schläft er selber noch müde ein. Ich gehe indeß auf den Thurm; ich füttre die Tauben; ich winke Josephinen mit dem Tuche. Mir ist es wie ein Wunder, sie hier zu sehn. Wohl nach einer Stunde gehe ich wieder in das Zimmer. Der junge Volkmar schläft noch. Die Großmutter scheint zu schlafen. Aber ich sehe deutlich, — sie ist munter gewesen! Sie hat sich vorgeneigt — sie hat ihn erblickt — sie hat ihn erkannt: den Sohn! den treulosen Sohn. Die kindische Seele hat ihn für denselben gehalten — so ist sie sitzen geblieben — — aber gestorben, und ruhig und seligtodt! Und ich wiederholte meine Worte, jetzt aber mit fromm gefalteten Händen: »Jetzt jung; jetzt alt; jetzt noch in der Kinderstube — jetzt schon im Paradies! O, es können nicht Alle wiederkehren, die hinüber wandern! Schon Ein verlorener Sohnzerreißt der Mutter das Herz, daß sie nicht sterben kann. — — Und Ihr, Ihr tausend Söhne des Vaterlandes! Wie könnt’ es selbst sterben ohne Euch? — O, es giebt ein Vaterland! O seyd denn seine Söhne!«
Ich würde gar nicht geglaubt haben, weg, fort, so lange, so weit gewesen, und wieder da zu seyn, wenn nicht meine Amerikanische Frau kam, so still, so schön, so lieb, und lächelte, als sie die beiden Schlafenden sah. Viele der neuen Auswanderer umringten jetzt das Haus; sie sahen durch die Fenster; ich kannte die Gesichter. Ja Manche stimmten ein fröhliches Auswandrerlied an! Ihre Augen funkelten vor Freude! Und ich dachte: — Was kein Mensch erklären kann, das kann kein Mensch verhindern! Das ist nicht menschlicher Sinn; das ist göttliche Macht! So mußte ich sagen, um ein aufrichtiger Mann zu seyn. Denn ich sahe mein Weib vor mir; und welchen Schatz hatte ich da drüben gefunden! Ist nicht die Schönheit der Welt da drüben? Und die Welt der Liebe? —
Die Sonne ging unter. Die Glocke im Thurme läutete ihr zu Grabe. Der verlorene Sohn sprang auf von dem Hall und stand von dem Glanze geblendet. Und selber die Kinder draußen nahmen schon vor dem Walten der Welt ihr Hütchen ab, und beteten, unter dem Schwirren der Schwalben, das Vaterunser.