II. Ordnung: Ciliaten(Wimperinfusorien).

II. Ordnung: Ciliaten(Wimperinfusorien).

Zoologisches.Die Ciliaten leben theils frei schwimmend, theils festsitzend und Kolonien bildend, im süssen, wie salzigen Wasser. Zahlreiche Arten sind Parasiten bei verschiedenen niederen und höheren Thieren und einige auch beim Menschen. DieWimpern, deren verschiedene Anordnung am Körper das Prinzip für die Klassifikation der Ciliata ist, sind stets Fortsetzungen des Ektosarkes; ihre Gestalt ist verschieden, haar-, seltener dorn- oder griffel- oder hakenförmig; auch undulirende Membranen kommen gelegentlich vor (Braun). DieVermehrunggeschieht durch Zweitheilung, seltener, nach Encystirung oder durch Knospung. Die Theilungen können sich vielfach wiederholen, sistiren aber schliesslich, um durch Konjugation zweier Individuen eine Regeneration besonders der Kerne zu ermöglichen. Fast überall ist einGrosskern(Makronukleus) und demselben meist dicht anliegend einKleinkern(Mikronukleus) vorhanden. Zahlreiche Untersuchungen (Bütschli,Hertwig,Maupas) lehrten, dass nachdem sich zwei Individuen mit gleichnamigen Körperflächen aneinander gelegt haben, der Mikronukleus sich vom Makronukleus trennt, sich vergrössert und unter den Erscheinungen der Karyokinese zweimal theilt, so dass in jedem Paarling (Gamet) 4 Mikronuklei vorhanden sind; drei derselben gehen zu Grunde und werden resorbirt, der vierte rückt allmählich nach einer durch Resorption der Kutikula an der Berührungsfläche der Gameten entstandenen Verbindungsbrückedes Protoplasma und tauscht die Hälfte seiner Substanz gegen die Hälfte des vierten Mikronukleus des anderen Gameten aus; dann rekonstruirt sich dieser Mischkleinkern und theilt sich in jedem Gamet, gewöhnlich zweimal. Von den so entstandenen Theilstücken wird eines zum neuen Mikronukleus, eines oder mehrere verschmelzen zum neuen Makronukleus. Der alte Grosskern ist gegen Ende der Konjugation zerfallen und resorbirt worden. Gewöhnlich trennen sich die beiden Gameten früher oder später und vermehren sich dann selbständig durch Theilungen, bis einer Reihe von Theilungen wieder Konjugation folgt (Braun). Encystirung ist unter den Ciliaten allgemein verbreitet und dient als Schutzmittel beim Eintrocknen der Gewässer, in welchen die Ciliaten leben. Weil solche Cysten durch den Wind weit fortgetragen werden können, ist erklärlich, dass die meisten Arten eine sehr grosse geographische Verbreitung besitzen.

Nachv. Steinwerden die Ciliaten in folgender Weise eingetheilt, wobei die verschiedene Anordnung der Wimpern am Körper zu Grunde gelegt wird.

1. Ordnung:Holotricha, ciliate Infusorien mit Wimpern, welche gleichmässig über den ganzen Körper vertheilt sind.2. Ordnung:Heterotricha, wie die Holotricha allseitig bewimpert, aber mit stärkeren Wimpern am Peristom.3. Ordnung:Hypotricha, nur auf der Ventralfläche bewimpert.4. Ordnung:Peritricha, nur mit einer Wimperspirale, meist festsitzend.

1. Ordnung:Holotricha, ciliate Infusorien mit Wimpern, welche gleichmässig über den ganzen Körper vertheilt sind.

2. Ordnung:Heterotricha, wie die Holotricha allseitig bewimpert, aber mit stärkeren Wimpern am Peristom.

3. Ordnung:Hypotricha, nur auf der Ventralfläche bewimpert.

4. Ordnung:Peritricha, nur mit einer Wimperspirale, meist festsitzend.

Beim Menschensind parasitische Infusorien aus den Ordnungen Heterotricha und Peritricha bekannt.

Zu denHeterotrichagehörig ist von Bedeutung:

Balantidium koli(Malmsten 1857) (Syn.: Paramaecium koli)[286].

Zoologisches.Der eiförmige Parasit besitzt eine Länge von 0,01–0,07 mm und eine Breite von 0,05–0,07. Der Körper ist vollständig mit Flimmerhaaren besetzt: es verlaufen ferner über den Körper von vorne nach hinten parallele Streifen. Die Fortpflanzung erfolgt durch Konjugation und Encystirung.Leuckart[287]hat das konstante Vorkommen der Parasiten imCöcum und Colon des Schweineszuerst nachgewiesen und dabei sechs verschiedene Arten Balantidium als normalen Befund angegeben. Auch in derKloake des Froschessind Balantidien stets zu finden.

Beim Menschenist nureine Art Balantidiumbeobachtet worden und der Entdecker derselben istLeuwenhoek, der es an sich selbst gefunden hat. Das Verdienst jedoch diesen Parasiten in der Medizin bekannt gemacht zu haben, gebührtMalmsten[288](1856), welcher in zwei Fällen von schwerer Darmerkrankung nach Cholera und Cholerine denselben in den Stuhlentleerungen der Kranken aufgefunden hat. Später sind dann noch aus Stockholm und Upsala[289]weitere 13 Fälle gemeldet worden, über welcheMitter[290]neben anderen eine Uebersicht giebt. Zwei weitere Fälle sind dann noch aus Dorpat, je einer aus Freiburg, Turin und den Sundainseln, 6 Fälle aus Kochinchina, 2 Fälle aus Amerika bekannt geworden. Zu diesen 28 Fällen sind dann noch hinzugekommen ein Fall vonRoos[291], fünf Fälle vonLösch[292]und zwei vonDehio[293], so dass etwa 36 Fälle in der Litteratur mitgetheilt sein dürften.

Figur 37.Balantidium coli.a) Kern.b) Vakuole.c) Peristom.d) Nahrungsballen.

Figur 37.

Balantidium coli.a) Kern.b) Vakuole.c) Peristom.d) Nahrungsballen.

Hinsichtlich derAetiologieist die Vermuthung berechtigt, dass zwar das Schwein der eigentliche Träger des Parasiten ist, der Mensch sich jedoch gelegentlich durch das Schwein infiziren kann.Mittergiebt nach seiner Uebersicht an, dass in 13% der Fälle die Patienten wahrscheinlich, in 13%sicherihre Balantidien von den Schweinen bezogen haben. Wie jedoch die Balantidien in den menschlichen Körper gelangen, ist mit Sicherheit noch nicht zu entscheiden. Die eingekapselten Balantidien können sowohl mit dem Winde aufgewirbelt und eingeathmet werden, wie auch mit den damit verunreinigten Nahrungsmitteln in den Verdauungskanal des Menschen gelangen. Andererseits ist bemerkenswerth, dass in mehr als der Hälfte der mitgetheilten Fälle die Durchfälle, welche auf die Anwesenheit der Balantidien bezogen werden müssen, sekundär bei solchen Kranken aufgetreten sind, die vorher an sonstigen schweren Erkrankungen des Verdauungstraktes, wie z. B. Cholera, Typhus, tropischer Ruhr, akuter Gastritis gelitten haben.

Hinsichtlich derSymptome und des Krankheitsverlaufesist zu erwähnen, dass stets die Erscheinungen eines mehr oder weniger heftigen Darmkatarrhs vorhanden sind, welcher mit vielfachen Verschlimmerungen und Verbesserungen verlaufen kann und nach den bisherigen Erfahrungen nur wenig Aussicht auf definitive Heilung giebt. So sind Fälle bekannt, wo die Dauer 20 Jahre betragen hat; auch erfolgten in einzelnen Krankheitsfällen die Stuhlentleerungen 10–20mal täglich.

Aus den wenigen Sektionsberichten geht hervor, dassGeschwüre im Dickdarmauftreten und sich die Balantidien mit Vorliebe im Cöcum, Wurmfortsatz und im Mastdarm ansiedeln. Manchmal kann, wie ein vonDehiomitgetheilter Fall lehrt, die Ansiedelung der Balantidien sehr massenhaft erfolgen und die entstehenden Darmgeschwüre zuDarmblutungenmit tödtlichem Ausgang führen.

Demnach kann man aussprechen, dass dieBalantidienin einzelnen Fällendirekte Krankheitsursachesind, in anderen bestehende Darmerkrankungen durch ihr Hinzukommen wesentlich verschlimmern, oder — wieDehiobemerkt — eineBalantidien-Kolitishervorrufen können. Erwähnt sei hier noch, dassGrassiundCalandrucciosich durch Balantidiencysten aus dem Schwein nicht zu infiziren vermochten.Was die Behandlungbetrifft, so herrscht unter den Autoren darin Uebereinstimmung, dass innere Mittel (Opiate und Adstringentien) nicht helfen. Besserungen sind nur durch dieörtlicheBehandlung des Dickdarmes mit Klystieren aus Tannin oder Chinin. muriat. erzielt worden (50 g Essigsäure mit 5 g Acid. tann. auf 2000 ccm Wasser; oder Chinininfusionen 1:1000,0 Wasser).Dehiobeobachtete, dass die Balantidien nach der innerlichen Verabfolgung vonFelix massich sammt und sondersencystirtenund den Darm in dieser Form verliessen. Die Vermuthung liegt nahe, dass dieses Mittel nicht nur auf die parasitischen Würmer, sondern auch auf niedere Thierorganismen als ein spezifisches Gift wirken.

Bei Thierenist, wie erwähnt, Balantidium koli nur beimSchweinbeobachtet worden. Man hat den Parasiten sowohl in Deutschland, wie auch in Schweden, Russland, Frankreich und Italien bei Schweinengefunden. Derselbe scheint jedoch etwas kleiner zu sein, als Balantidium koli des Menschen. Bei etwas reichlicher Anwesenheit im Dickdarm des Schweines sind die Parasiten oft schon mit der Lupe als kleine, weissliche, mobile Pünktchen zu erkennen (Kitt). In halb vertrockneten Exkrementen des Schweines und in mikroskopischen, mit Wasser angemachten Präparaten, welche einige Zeit gestanden haben, verschrumpft der Cilienbesatz, das Balantidium erscheint als ruhende Blase von 80–100 µ (Kitt). Erwähnt ist auch bereits, dass mit dem Kothe der Schweine zahlreiche, bereits encystirte oder sich bald encystirende Balantidien entleert werden.

Nach allen bisherigen Erfahrungen scheintBalantidium koli für das Schweinohne jede Bedeutung zu sein, da Krankheitserscheinungen trotz oft massenhafter Anwesenheit der Parasiten nicht beobachtet werden.


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