10. Wege und Ziele.

10. Wege und Ziele.

Wie mannigfaltig sich das Arbeiten gestalten kann, das haben wir bei verschiedenen Gelegenheiten ersehen können, und je mehr der Radierer mit ernstem Fleiß alle Ausdrucksweisen sich zu eigen zu machen sucht, desto vielverzweigter sieht er die Wege sich auftun, die zum Ziele führen.

Vor allem ist es dasWie, mit welchem wir ringen in heißem Bemühen. Grundfalsch wäre es, wollte ich wähnen, erschöpfend über diese Technik geschrieben zu haben, denn verschieden wie die Gesichter der Menschen sind die Ausdrucksweisen, sie sind eben der treue Spiegel der Persönlichkeit.

Als die Radierung noch ein Reproduktionsverfahren war, dem es zukam, Kunstwerke größeren Stiles einem weiteren Publikum zugänglich zu machen, da lag ihre Ausübung in strengen Normen und es mußte so sein; was sollte auch dort ein persönlicher Ausdruck, wo es galt, eine Aufgabe zu erfüllen, die heute der photographischen Kamera zufällt! Da mußte der Radierer selbstlos zurücktreten und seine Art hinter der Aufgabe verbergen. Es lag viel Handwerkliches in dieser Kunst, die so willig war, fremdes Licht leuchten zu lassen mit ihren Mitteln, die dazu berufen sind, eine ganz eigene Sprache zu reden, eine Sprache, die dem Künstleraus dem Herzen kommt. An diese Erkenntnis knüpft sich der Aufschwung der modernen Radierung; sie wurde Selbstzweck und jeder Strich, früher vom Zwange einer notwendigen Norm dirigiert, er wird zum Wort, zum trotzigen, eigensinnigen vielleicht, das uns aber der Seele des Künstlers, seinem Empfinden nachfühlen läßt.

»Überfahrt«, Original-Radierung von Alois L. Seibold

»Überfahrt«, Original-Radierung von Alois L. Seibold

Wer wollte da noch von Arbeitsregeln sprechen, wer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er erfährt, daß der Meister vielleicht, einer Empfindung folgend, die gewöhnliche Schreibfeder zum Radieren benutzt oder mit den scharfen Kanten einer abgebrochenen Nadel arbeitet? Nimmer kann ein Lehrbuch über irgend eine Kunsttechnik mehr wollen als »Gehen lehren«; der es gelernt hat, wird seinen Weg finden, wenn ernstes Streben ihn beseelt. Es soll ja damit gewiß nicht gesagt sein, daß der Anfänger sich sobald als möglich nach einer recht »originellen« Ausdrucksweise umsehen soll; das wäre erbärmlicher Manierismus, weitab von jener Liebe zur Natur, die darzustellen, wie sie sich in unsrer Seele spiegelt, unsere höchste Aufgabe sein soll. Ohne äußeres Hinzutun wird die künstlerische Ader sich regen und der Hand, ihr unbewußt, Gesetze diktieren, nach denen sie arbeite. Denn bei fast keiner anderen Technik kann das Inhaltliche so unabhängig von manueller Fertigkeit zu uns sprechen als bei der Radierung.

Und das Inhaltliche ist es auch, welches der ganzen Technik Seele verleihen soll; denn wie hierdie Ausdrucksform vomrein Malerischenbeherrscht werden muß, so ist dasErzählendedas Impuls gebende Moment für dasInhaltliche.

Kein Zufall ist es, daß unsre größten Radierer auch die größten Grübler waren, vom Forschergeiste Dürers, vom Altmeister Rembrandt herauf bis zu unserer Modernsten einem.

Und soviel auch errungen, jeder macht’s für sich noch einmal mit, und jemehr er nach Ausdruck ringt, umso lieber wird ihm diese trotzige, spröde Technik, die sich ihre Geheimnisse von jedem ihrer Pfleger neu abringen läßt und dies mit so manchem Goldkörnchen einer neuen Ausdrucksmöglichkeit lohnt.

Wenn die Arbeit disponiert, was gibt es da nicht noch alles zu denken, zu überlegen! Schon beim Grundieren fragen wir uns: »Was für Druckfarbe? Was für Papierfarbe?« Da heißt’s schon beim ersten Strich allen diesen Faktoren Rechnung zu tragen und die Arbeit dem Endzweck anzupassen! Wie anders muß gearbeitet werden für getontes als für weißes Papier, für warmtonige als für kühlwirkende Druckfarbe!

Man versuche es nur einmal, eine für weißes Papier berechnete Platte auf farbiggetontem abzudrucken oder umgekehrt!

Und doch ist das Wie noch nicht allein der Endzweck, das Ziel! Was dem Pinsel oft versagt bleibt zu bilden mit seinen reichen Mitteln, das wird auf der Kupferplatte zu reinem Erguß, das offenbart sich in der Lapidarschrift der Nadel mitüberzeugender Kraft und Wärme. Menschenbeobachtung, dieses hehre Problem, es zeigt uns stets neue Ziele; und wieder ist es die Radierung, die dasMomentanedes Erschauten festzuhalten berufen ist. Und wenn nun auch die Hand des Einen mit plebeischer Derbheit zugreift, das Erschaute zu bilden, wenn das weichere Naturell des Andern mildere Töne anzuschlagen weiß, immer fühlen wir den Reiz eines intimeren Verkehrs mit dem Künstler auf uns wirken, wenn wir uns in die Anschauung solcher Blätter versenken.

Eines möchte ich auch gern dem Lernenden mit auf den Weg geben und wie ich glaube, wird mir jeder künstlerisch Empfindende zustimmen: »Nie soll das Radieren eine Kopierarbeit sein, nie sollen die Mittel ihrer Sprache einer andern als ihrer eigenen Sache dienen!« Ich habe den Anfänger vor dem Kopieren von Photographien gewarnt, (sieheSeite 20), es hat seine triftigen Gründe: Mit ihren ungezählten Abstufungen in den Tonstärken ist sie wirklich nicht geeignet, Klarheit in das Arbeiten des Anfängers zu bringen; ihn verwirrt die Vielheit, zumal er den Ton, auf den ja jedes Lichtbild aufgebaut ist, in ein System von Strichen bringen müßte, eine Sache, die die Schwierigkeiten, die bei den ersten Versuchen zu überwinden sind, nur vermehren würde.

Denn wenn auch die Bildidee, der Impuls zu einem Kunstwerk, aus einerAnschauungentspringenkann, das Denken an die Bewältigung mit demMaterialist doch erst das eigentlich Schöpferische.

Schönheit in der Natur – Schönheit des Materials – es sind zwei Welten; sie zusammenzwingen in ein Menschenwerk, das ist »Kunst«, und daß mit dem geeigneten Material der erschöpfende Ausdruck für den Impuls gefunden werde.Ist es nicht denkbar, daß ein an und für sich herrliches Motiv, – sei es landschaftlicher oder figuraler Art –, zur bitteren Enttäuschung des mit sich selbst Gerechten und Strengen trotz meisterhafter Technik nicht jene Erfüllung bringt, die er sich von ihm versprach? Wie oft ist ein Werk allein wegen unrichtiger Formatwahl verfehlt! Es gibt Motive, die durchgeführt in kleinen Dimensionen zum köstlichen Juwel werden können, und die auf großem Format all’ ihren Reiz verlieren würden. Aber mehr noch als dieses bestimmt dieWahl des Materialsdas Schicksal des Werkes.

Nicht jedes Motiv, nicht jede Bildidee eignet sich gleich gut für eine Durchführung in Aquarell, in Holzschnitt, für eine Radierung oder für ein Ölgemälde. Für den Radierer ergibt sich daraus der Schluß, daß er nicht ohne Überlegung an sein Werk gehen darf. Linienschönheit, Tonschönheit, das sind die Mittel, mit denen die Radierung arbeitet. Sie wird zum erschöpfenden Ausdruck,wenn sie im Motiv, in der Idee, Verwandtes findet und dieses mit ihren Mitteln also zu einer höheren Einheit erheben kann.

PietaOriginal-Radierung von Alois L. Seibold

PietaOriginal-Radierung von Alois L. Seibold

Dann wird neben der Idee auch das Material zu uns sprechen wie eine lebendige Sprache. Dann genießen wir nicht als Nebensache den feinen, matten Strich, den beruhigenden Ton und – nicht zuletzt auch den Reiz des eigenartigen Glanzes, den die Metallfläche dem Druckpapier verleiht –, die Freude am schönen Material.

Beantwortet sich aus diesen Betrachtungen nicht wie von selbst die Frage nach der zulässigen Größe einer Radierung.

Man sieht in Ausstellungen hie und da Radierungen, deren eine Bildkante fast einen Meter erreicht! Sind solche Riesenformate – Bravourarbeiten – künstlerisch gerechtfertigt? Ist der zarte Ton der Druckfarbe geeignet, in solchen Dimensionen zu wirken? Das geheimnisvolle Weben, dem nachzugehen vielleicht den Hauptreiz bei der Betrachtung von Radierungen bildet, erstirbt, wenn man von einem Werk dieser Technik zurücktritt – und zurücktreten muß man, wenn ein Bild einmal 80 × 100cmmißt. Wenn wir eine Radierung betrachten, dann wollen wir in dem Blatte lesen, im wahrsten Sinne des Wortes, lesen all’ das, was der Künstler mit der Nadel ins Metall geschrieben, lesen, wie ihm dabei war, alle Leidenschaftlichkeit, alle Schaffenslust; und Strich für Strich mitfühlen, was dageschrieben steht von einer in Arbeitsfreude vibrierenden Hand!

Dabei wollen wir aber doch auch nicht den steten Überblick über das Ganze missen; ergeben sich da bei Rücksichtnahme auf den Bau und die Fähigkeiten des menschlichen Auges die Grenzen der Bildgröße nicht von selbst? –

Ein Ölgemälde 30 × 40cmnennen wir ein »Bildchen«. Eine Radierung von derselben Bildgröße nennen wir ein »großes Blatt« – wie kommt das? Oder wie kommt das, daß eine Radierung in bescheidenen Dimensionen fesselnd, wuchtig und kraftstrotzend wirken kann und eine Riesenradierung daneben schlaff und leer?

Wer sein Material kennt, dessen Schönheit versteht, seine Vorzüge und Schwächen, dem wird es nicht widerfahren, daß er es an Aufgaben zwingt, vor denen es versagen oder doch zum mindesten die Eigenart einbüßen muß.

***

Ich habe an früheren Stellen empfohlen, bei der Arbeit auf Kontrastwirkungen Bedacht zu nehmen.

Dem Anfänger muß neben der Schulung der Technik an sich auch diejenige des Auges angelegen sein. Es muß sich an die Wirkungen der verschiedenen Materialmöglichkeiten gewöhnen, soll es imstande sein, scharf zu urteilen und Gutes von Unbrauchbarem – wie doch beides der Werdegangdes Radierers notwendig mit sich bringt – zu scheiden. Solches wird bei kontrastreichem Vortrag besser als bei einer mehr flachen Ausdrucksweise erreicht. Daß damit nicht etwa gesagt sein soll, daß eine Radierung unter allen Umständen Kontrastwirkung aufweisen muß, ist wohl einleuchtend; denn eine schleierige Wirkung kann ja gegebenenfalls zur beabsichtigten Stimmung gerade erforderlich sein. Doch das sind Dinge, über die man Bücher schreiben möchte – oder nichts –; Hier hört das Lehren auf, hier tritt das künstlerisch-schöpferische Empfinden in sein unantastbares Recht.


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