3. Das eigentliche Radieren.

3. Das eigentliche Radieren.

Für den Anfänger ist es keine leichte Sache, einen geeigneten Stoff für seine ersten Versuche zu wählen; deshalb wollen wir bei dieser Frage etwas verweilen.

Vor allem Andern muß betont werden, daß die Radierung sich auf den Strich aufbaut; Tonqualitäten können erst bei einiger Übung angestrebt werden und erfordern schon eine weitergehende Schulung und Erfahrung. Das Dankbarste für den Anfänger ist die Landschaft. Das Motiv sei einfach und zeige kräftige Kontraste. Je mächtiger und ausdrucksvoller die Formen, je geschlossener die darin vorkommenden Flächen, desto besser für die ersten Versuche. Eines sei dem Anfänger dringend ans Herz gelegt: »Nur ja keine Photographie kopieren wollen!« Bald nach den ersten Strichen würde Ratlosigkeit und Entmutigung eintreten und dem Lernenden die Freude an der Arbeit vergällen. Gewiß hat jeder meiner lieben Lernbegierigen genug flotte Federskizzen oder Kreidezeichnungen von selbst geschauten Landschaften in seiner Mappe, sie sind recht dankbare Vorlagen für unsre ersten Arbeiten und dürften in den wenigsten Fällen erheblicheSchwierigkeiten bereiten. Wir wollen ja zunächst einmal bloß mit Nadel und Ätzwasser recht vertraut werden und beabsichtigen keine Bilder zu schaffen, denen man das mühevolle und angestrengte Arbeiten schon beim ersten Blick anmerkt. Dafür aber führtvielesRadieren, Abwechslung in den Vorlagen zur Tüchtigkeit.

Wenn wir auch nicht daran denken, unsere Kunstweise zu Kopierzwecken herabzuwürdigen, so geschieht das Entwerfen der ersten Anlage doch selten auf der grundierten Platte. Eine Studie in Feder oder Kreide ist meistens Vorlage für die Arbeit und ihre Hauptumrisse werden auf den Ätzgrund mittelst Pause übertragen. Mit mittelweichem Bleistift wird sie auf starkem Pauspapier hergestellt. Ein Stück weißes, dünnes Schreibpapier wird auf eine harte, glatte Unterlage gelegt und mit weichem Fettrötel (oder Schneiderkreide) gleichmäßig übergangen; nach vollendeter Arbeit wird das überschüssige, noch am Papier liegende Rötelpulver abgestaubt, denn es würde sich beim Aufbringen der Zeichnung auf die Platte unangenehm bemerkbar machen. Überdies reibt man das aufgestrichene Pulver mit dem Handballen fest an’s Papier. Die Kupferplatte wird zunächst auf einem Brett mit Nägeln befestigt. Darüber wird die gepauste Zeichnung,Bildseite nach unten, gelegt, ihre Lage auf der Platte genau eingestellt und mit Reißnägeln aneinerSeite befestigt, damit man beim Pausen immer nachsehen kann. Das Rötelpapier wird dann zwischen Platte und Pause, bestrichene Seite nach unten, eingeschoben; es braucht ja in seiner Lage nicht genau fixiert zu werden. Mit einem mittelharten Bleistift, einem Holz- oder Beingriffel erfolgt nun das Aufpausen der Konturen auf den Ätzgrund. Sie sind nach vollendeter Arbeit licht auf dunklem Grund sichtbar.

Das bestrichene Papier läßt auf dem Ätzgrund einen mehr oder weniger dichten Schleier von Farbenpulver zurück, der die gepauste Zeichnung undeutlich macht. Dieser Schleier läßt sich mit einem sehr weichen Lappen, einem Stückchen Flanell oder Watte leicht wegwischen, die Zeichnung hält fest am Ätzgrund und tritt dann ganz klar zutage.

Braucht man die Vorlage nicht zu schonen, so kann das Pauspapier erspart werden. Man zeichnet dann die Konturen auf deren Rückseite durchs Fenster nach. Auch auf Gelatinefolien, dünnen glasklaren Gelatineblättern, kann die Pause hergestellt werden. Hier werden die Konturen nicht gezeichnet, sondern mit scharfer Radiernadel eingeritzt. Diese geritzte Zeichnung wird dann mit Rötelpulver eingerieben und blankgewischt. Sodann legt man sie – Bildseite nach unten – auf die grundierte Platte, legt zähes graphitiertes Papier darauf und reibt mit dem Beinstab kräftig (Abb. 13), oder läßt Platte mitPause und Papier durch die Walzen gehen bei schwach gestellter Spannung. Das Resultat dieses Verfahrens unterscheidet sich von dem des erstbeschriebenen Vorgangs nur durch seine Kostspieligkeit. Wer radieren will, muß eben ein kundiger Zeichner sein, und dem wird das Pausen gewiß keine Schwierigkeit bereiten.

Gelatinepausen zeichnen sich allerdings durch außerordentliche Genauigkeit aus und sind dann notwendig, wenn eine sehr komplizierte Zeichnung mit größter Präzision übertragen werden soll. (Faksimilie, Landkarten und dergl.)

Man kann eine Zeichnung auch direkt auf die Platte übertragen und zwar wie folgt: Man stellt das Bild – ohne viel Detail – auf glattem Naturpapier mit schwarzer und weißer Kreide her; dabei zeichne man alles sehr kräftig und präzis, vermeide jede Verschwommenheit und sehe auf klare Linienführung. Mit einem Gemisch von arabischem Gummi und etwas Seife reibt man die grundierte Platte ein und beeilt sich, auf diese noch feuchte Emulsion die soeben beschriebene Zeichnung – Bildseite nach unten – draufzulegen. Sofort wird damit begonnen, die Rückseite der Zeichnung mit dem Beinstab (Abb. 13) zu reiben. Dieser Vorgang liefert auf dem Ätzgrund ein sehr präzises Spiegelbild unserer Vorlage; man kann daran ohne weiteres mit dem Radieren beginnen. Bei reiner Linienzeichnung schummert man das Naturpapier vorerst ganz mit weißer Kreide an und zeichnetmit schwarzer Fettkreide auf diesen weißlichen Grund. Die Seifen-Gummischicht mußsehrdünn, gleichsam wie ein Hauch auf der Platte sein.

Abb. 5. Die Radiernadel (Längsschnitt.)

Abb. 5. Die Radiernadel (Längsschnitt.)

Das wichtigste Werkzeug zur Ausführung des künstlerischen Teiles der Radierung ist die Radiernadel. Sie muß aus gutem Stahl und darf nicht so dünn sein, daß sie sich bei schwachem Aufdrücken schon biegen läßt. Unbestritten vorzügliche Dienste leisten Nähnadeln von mittlerer Stärke. Sie sind so hart, daß sie eher brechen als sich biegen und schneiden gegebenenfalls auch ins Kupfer sehr gut ein. Zwei solche Nadeln, eine feinere und eine stärkere, genügen für den Anfang vollkommen. Sie werden in Hefte aus hartem Holz gefaßt, sodaß nur ihre Spitzen aus demselben hervorsehen. Eine solche Radiernadel hat dann das Aussehen eines feingespitzten Bleistiftes, dessen Dicke das Heft auch nicht übertreffen soll. (Abb. 5.) Wichtig ist, daß die Nadel fest und ohne zu wackeln oder zu »federn« im Holze sitze. Die Brauchbarkeit der Spitze prüft man, indem man auf einer anderen Kupferplatte (ein Abfall von Kupferblech genügt zum Probieren von Nadel und Ätzwasser) krumme Linien nachallen Richtungen hin zeichnet; gelingt dies, ohne daß die Nadel stecken bleibt oder scharrt, so ist dieselbe zur Arbeit brauchbar; im andern Falle muß die Nadel erst durch Wetzen auf glattem Holz, Leder oder Pappe dahin gebracht werden. In Fachgeschäften erhält man Radiernadeln gebrauchsfertig zu kaufen.

Für den Anfänger ist es ratsam, bei seinen Erstlingsarbeiten sich bloßeinerNadel zu bedienen. Diese sei nicht allzu dünn, damit die Strichführung nicht kleinlich und zaghaft werde.

Man kann mit der Durchzeichnung der Umrisse beginnen, damit sie nicht durch Verwischen verloren gehen. Ein leichter Druck der steilgehaltenen Nadel wird den Ätzgrund sicher bis zur Bloßlegung des Kupfers durchschneiden; mehr soll auch gar nicht angestrebt werden, also nicht »gravieren« wollen, das Vertiefen der Striche besorgt schon die Säure!

Man vermeide es, die Hand auf den Ätzgrund zu legen, da sie ihn erwärmen und verwischen würde. Man lege ein Stück Pauspapier unter die Hand.

Von den Konturen geht man dann allmählich zu Strichlagen über. Hier ist Vorsicht geboten. Die radierte Zeichnung gibt dem Auge des unerfahrenen Radierers fast gar keine Anhaltspunkte zur Abschätzung der im angestrebten Bilde beabsichtigten Dunkelheit des Tons. Der Anfänger ist leicht verleitet,mit allzu großer Kraft in die Schattenpartien hineinzuarbeiten, aus dem Radieren wird ein Gravieren, die offene Strichlage geht verloren und mit ihr die Aussicht auf einen guten Abdruck.

Nicht umsonst möchte ich mich bei diesem wichtigen Absatz länger aufhalten, denn hier sind die ersten ernsteren Gefahren zu bestehen, hier ist die Quelle so manches Mißerfolges zu suchen.

Der Anfänger bedenke Folgendes:

Druckfarbe kann nur in einer schmalen Vertiefung sitzen bleiben, von wo sie mit der Hand oder dem Wischballen nicht herausgewischt werden kann. Wird also infolge zu dichter und gekreuzter Strichlagen eine ganze Fläche vom Ätzgrund befreit, so frißt die Säure an dieser Stelle nicht voneinander getrennte, vertiefte Furchen, sondern eine Grube ein, der Form der Fläche entsprechend. Der Boden dieser Grube ist aber nicht fähig, Farbe an sich zu halten, dieselbe wird beim Abziehen der Platte einfach weggewischt. Ein Abzug von dieser Platte zeigt dann an der betreffenden Stelle einen schmutzigen, flauen Fleck und die Arbeit ist verdorben.

Die Strichlagen müssen also offen gehalten bleiben, d. h. es muß dafür gesorgt werden, daß zwischen den Strichen auch genügend breit der Ätzgrund bleibt; denn Erfahrung ist, daß die Säure nicht nur nach der Tiefe, sondern selbstredend auch seitlich ätzt; die Folge davon ist ein Breiterwerden des radierten Strichs. Es ist nun einleuchtend, daß zwei allzu nahestehende Striche auf diese Artihren »Steg« (das ist die vom Ätzgrund geschützte Fläche zwischen beiden) verlieren können; man nennt diese Erscheinung das »Unterfressenwerden« der Stege. Solche Stellen bilden im Abdrucke unerfreuliche Flecke (sogenannte »Nester«). Will der Anfänger schon jetzt an besonders zart zu gebenden Stellen eine feinere Radiernadel neben der stärkeren mit verwenden, so ist dagegen nichts einzuwenden. Nur darf nicht Zartheit mit Helligkeit verwechselt werden. Die Zartheit hängt von der Feinheit der Nadel ab, die Tonverschiedenheiten aber fast ausschließlich von der verschiedenen tiefen Ätzung. Ein haardünner Strich kann infolge tiefer Ätzung im Bilde sehr dunkel sein, hingegen aber ein mit grober Nadel erzeugter infolgeschwacherÄtzung ganz hell und duftig kommen. Diese Wechselbeziehungen zwischen Nadel und Ätzwasser bestimmen den Charakter des resultierenden Bildes, und schon bei der Anlage der ersten Strichlagen muß der Radierer sein Endziel klar vor Augen haben, wenn es ihm mit der Erreichung seiner künstlerischen Endabsicht ernst ist und er den Erfolg seiner Mühen nicht dem blinden Zufall überlassen will mit einem leichtsinnigen »Wird’s wie’s wird!« Denn darin liegt ja der Genuß, die Freude an dieser edlen Technik, daß sie alle künstlerischen Intellekte vereint; Geschmack in der Form, in der Raumverteilung und in der Verteilung der Tonqualitäten, diese vereint mit den nun erst zu erwerbenden technischen Erfahrungen führen dann zur Meisterschaft.


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