6. Retouche-Arbeiten.

6. Retouche-Arbeiten.

Sobald wir es durch unausgesetzte Übung dahin gebracht haben, einen in allen Strichen scharfen Abdruck zu erzielen, haben wir Gelegenheit, uns von dem Zustande unsrer Platte zu unterrichten. Hauptsächlich wird sich unsre Aufmerksamkeit auf die Tonintensität der einzelnen Flächen zu richten haben: Da ist ein Ton viel zu dunkel im Vergleich zu seinem benachbarten ausgefallen, dort treten die einzelnen Striche zu scharf hervor; hier wieder hat eine Ätzung vielleicht noch gar nicht gegriffen, und die beabsichtigte Verbindung zweier Tonflächen ist dadurch verloren gegangen. Da gibt es nun Stoff genug zum Nachdenken, teils über die Ursachen, teils über die Art einer allfälligen Abhilfe. Ohne Schwierigkeit werden wir alle erkannten Fehler in zwei große Gruppen teilen können: »Entweder es wurde zu tief oder zu wenig geätzt.«

Ist letzteres der Fall, so beginnen wir eine Art Nachradieren, indem wir die Platte von neuem mit Ätzgrund versehen. Vorher muß dieselbe von der noch anhaftenden Druckfarbe durch Übergießen mit siedendem Wasser (besser noch Sodalösung oder Ätzlauge) gereinigt werden. Das Grundieren ist jetzt nicht mehr so leicht wie das der neuen Platte. Es muß dafür gesorgt werden, daß der Firnis aufder erhitzten Platte in alle Ritzen eindringe, sonst würde an solch’ mangelhaft grundierten Stellen die Säure zum Schaden der Platte einwirken; deshalb erhitze man die Platte von unten her ein wenig, damit der Ätzgrund schmilzt und in die Striche vollends einsinken kann.Gerauchtwird die Platte nicht, da das Bild durch den Firnis durchscheinen muß. Solche Platten grundiert man am besten mittelst des flüssigen Ätzgrundes. Er wird wie folgt hergestellt: Harter Ätzgrund wird geschmolzen, und dann abseits vom Herde soviel rektifizierter Terpentin zugesetzt, daß das Gemisch im kalten Zustand leichtflüssig bleibt. Diese Lösung wird mit käuflichem Asphaltlack zu gleichen Teilen gemischt und lange kräftig geschüttelt. Zum Auftragen dieses Firnisses dient ein breiter flacher Haarpinsel. Nach dem Aufstreichen erwärmt man die Platte von unten etwas, damit der Ätzgrund sicher alle Ritzen fülle. Dieser Ätzgrund kann auch auf der blanken, neuen Platte Verwendung finden; er ist nicht so durchsichtig wie der gewalzte und erspart das Anrauchen. Aufgetragen wird er immer auf der kalten Platte; bei dem nachfolgenden Erwärmen desselben verschwindet jede allfällige, durch schlechte Pinselführung entstandene Streifung des Aufstriches.

Was nun die Arbeit selbst betrifft, so muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie mit allem künstlerischen Takt und zielbewußt vorgenommen werden muß. Oft genügt das Herausholen einer brillanten Kraftstelle, manchmal sind zerrissen wirkendeTonmassen mit einer verbindenden Strichlage zu übergehen. Dieses Nachradieren soll ja nur ergänzen, nicht aber neu schaffen! Hat man mehrere Abdrücke hergestellt, so kann man mittelst Feder oder schwarzen Stifts an ihnen versuchsweise eine oder die andre Wirkung herausholen (natürlich erst wenn die Bilder trocken sind). Solche korrigierte Drucke geben dann wieder Vorlagen für die weitere Behandlung der Platte ab.

Abb. 15. Schneidefeder.

Abb. 15. Schneidefeder.

Mit der gewöhnlichen, kegelförmig geschliffenen Radiernadel ist es oft schwer, die Richtung der beabsichtigten Striche beizubehalten, weil sie von den geätzten Furchen leicht in andere, nichtgewollte, Richtungen abgelenkt wird. Verfasser empfiehlt zu diesem Zweck die Anwendung der sogenannten »photographischen Beschneidefeder«, welche in allen photographischen Handlungen erhältlich ist. Sie hat die Gestalt einer gewöhnlichen Schreibfeder und wird in einem Federstiele steckend in einfachster Weise gehandhabt. Statt zweier Spitzen, wie die Schreibfeder, besitzt sie ein rautenförmiges Schildchen, dessen Vorderkanten scharfe Schneiden bilden, welchewieder in eine Spitze auslaufen. (Abb. 15). Die aus sehr hartem Stahl bestehende Feder erzeugt, steil gehalten, sehr feine präzise Linien, welche nicht nur den Ätzgrund, sondern auch das Kupfer schneiden, eine Eigenschaft, die, wenn es sich um saftige Tiefen handelt, wertvoll ist. Hinzuzufügen ist noch, daß die Richtung des Striches, den die Spitze ausführt, in der Ebene des Schildchens liegen muß, da die Feder sonst nicht schneidet, sondern kratzt.

Ist das Nachradieren vollendet, so wird die Ätzung wieder in der bereits beschriebenen Weise durchgeführt. Um den Fortschritt der Arbeit auf der Platte beobachten zu können, ist es geboten, sich von jedem Plattenzustande eine ausgiebige Anzahl reiner Abzüge zu nehmen und sie eventuell mit bezüglichen Notizen versehen in einer Mappe aufzubewahren. Eine solche Sammlung von Abdrücken, in der auch nicht die am ärgsten mißlungene Platte fehlen darf, hat soviel Lehrreiches für den Radierer, sie wird ihm ein klarer Beleg für seinen Werdegang bisher und zeigt ihm auch die Wege, auf denen ein ernstes, zielbewußtes Streben zur Meisterschaft gelangt.

Weit schwieriger gestaltet sich die Korrektur dann, wenn zu tief geätzt wurde, wenn also Stellen, welche duftig beabsichtigt waren, im Abzug zu derb, zu kräftig kommen. Dem Anfänger widerfährt dieses Mißgeschick meistens, wenn er, die Wirkung des Ätzwassers unterschätzend, lichte und zarte Partien zu lange ätzt. Läßt sich dieser Fehler nicht dadurch gut machen, daß man die benachbarten dunklenStellen durch Nachradieren und Nachätzen verstärkt und somit den Kontrast zu heben sucht, dann muß die zu dunkel geratene Partie abgeschliffen werden. Diesem Zwecke dient der Polierstahl. Man beschafft sich einen solchen von außerordentlicher Härte, indem man eine prismatische Feile mit dreieckigem Querschnitt einem geschickten Messerschmied mit dem Auftrag übergibt, die Flächen am vorderen Ende in sanfter Schwingung derart zu schleifen, daß sie mit den drei Kanten zusammen in eine Spitze auslaufen. Kanten und Spitze müssen abgerundet und das Instrument in seinem geschwungenen Teile noch überdies feinst poliert werden.

Mit diesem Werkzeug werden die zu tief geratenen Stellen auspoliert. Durch den Druck des Polierstahles werden die Stege zwischen den Furchen geglättet und ausgebreitet, und letztere selbst infolge der Reibung verengt. Die Striche erscheinen dann im Abdruck dünner und duftiger, weil die scharfen Kanten, welche früher zu viel Farbe an sich gehalten, jetzt abgeschliffen sind. Die Wirkung des Polierstahles ist umso energischer, je steiler man eine seiner Kanten über die Platte führt. Zum Schluß soll jedoch immer mit derFlächedes Werkzeugs poliert werden, um etwaige feine Streifen, welche während des Arbeitens entstanden sein mögen, auszuglätten; ratsam ist es auch beim Polieren, den Stahl mit Speichel oder Öl zu befeuchten. Außer Gebrauch muß der Polierstahl vor Feuchtigkeit sorgfältigst bewahrt werden; vor allen Verletzungenist das polierte Ende in einer Scheide aus dickem Leder geschützt.

Sollten beim Polieren auf der Platte graue Streifen entstanden sein, so putzt man mit etwas Globuspasta oder Holzkohle und Öl nach, indem man die Stelle mit einem um den Zeigefinger gespannten Lappen reibt und trocken nachwischt. Nach einer solchen Behandlung muß die Bildfläche mit Terpentin noch gründlich gereinigt werden.

Nach allen derartigen Prozeduren holen wir uns durch Abdrücke Auskunft über das Gelingen des Versuchten und bereichern unsre Erfahrungen durch den interessanten Vergleich der im Bilde deutlich wiedergegebenen Plattenzustände.

Denn alle diese Korrekturen sollen uns ja schließlich zu dem einen Ziele führen: unsre Erfahrung und Technik derart vervollkommnet zu haben, daß es uns möglich ist, eine Arbeitauf einen Wurfzu Ende zu führen.


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