Mir schien es, daß da keine Zeit zu verlieren war und indem ich dem Klüverbaum auswich, der wieder über das Deck schlingerte schlüpfte ich die Kajütentreppe hinunter in die Kabine. Dort fand ich eine unbeschreibliche Unordnung. Alle versperrbaren Möbel waren auf der Suche nach der Karte aufgebrochen worden, auf dem Fußboden lag dicker Schmutz, dort wo dieSchurken sich zum Trinken oder zur Beratung niedergelassen hatten, nachdem sie in dem Morast rund um ihr Lagerfeuer herumgewatet waren. Die Wände, alle sauber weiß ausgemalt und rings mit goldenen Kränzen geschmückt, zeigten die Abdrücke schmutziger Finger. Beim Rollen des Schiffes klirrten Dutzende von leeren Flaschen in den Winkeln aneinander. Eines von den medizinischen Büchern des Doktors lag offen auf dem Tische, mit zur Hälfte herausgerissenen Blättern, die, wie es schien, als Fidibusse verwendet worden waren — und auf alle diese Unordnung warf die blakende Lampe noch immer ihren trüben Schein.
Als ich in den Keller kam, fand ich, daß die Fässer fort waren und eine überraschend große Anzahl Flaschen geleert und weggeworfen worden waren. Zweifellos war seit Beginn der Meuterei kein Mann nüchtern geblieben.
Auf meiner Suche nach Eßwaren fand ich endlich eine Flasche, in der noch etwas Branntwein war, für Hands, und für mich ein paar Zwiebackstücke, eingemachte Früchte, eine große Malagatraube und ein Stück Käse. Damit beladen kam ich auf Deck, verstaute meine eigene Portion hinter den Rudern, so daß sie der Bootsführer nicht erreichen konnte, ging zum Wasserbehälter und trank einen guten langen Schluck Wasser, und erst dann und nicht früher gab ich Hands von dem Branntwein.
Er muß eine Viertelpinte getrunken haben, so lange dauerte es, bis er die Flasche vom Munde hob.
„Ja,“ sagte er, „beim Teufel, das habe ich gebraucht!“
Ich saß schon in meinem Winkel und begann zu essen.
„Stark verletzt?“ fragte ich ihn.
Er grunzte oder bellte vielmehr.
„Wenn dieser Doktor an Bord wäre,“ sagte er, „wäre ich bald wieder obenauf, aber ich bin ein Pechvogel, das ist die Sache bei mir. Der Waschlappen da, der ist tot,“ fügte er hinzu, auf die Rotmütze zeigend, „übrigens war er ja kein Seemann. Aber wo kommst denn du her?“
„Nun“, sagte ich, „ich bin an Bord gekommen, um dieses Schiff in Besitz zu nehmen, Herr Hands, und Ihr habt mich gefälligst bis auf weiteres als Euren Kapitän zu betrachten.“
Er sah mich ziemlich scheel an, sagte aber nichts. Ein wenig Farbe war wieder in seine Wangen zurückgekehrt, doch sah er noch immer sehr schlecht aus und rutschte noch immer bei jedem Ruck des Schiffes hilflos aus.
„Und übrigens“, fuhr ich fort, „mag ich diese Fahne nicht, Herr Hands und werde sie mit Eurer Erlaubnis einziehen. Lieber gar keine als diese.“
Und ich duckte mich wieder unter dem Klüverbaum, lief zur Flaggenstange, riß die verfluchte, schwarze Fahne herunter und warf sie über Bord.
„Gott schütze den König!“ sagte ich, meine Mütze lüftend, „und mit Kapitän Silver ist es jetzt aus.“
Er beobachtete mich scharf und schlau, während sein Kinn immer noch auf die Brust herunterhing.
„Ich glaube,“ sagte er endlich, „ich glaube, Kapitän Hawkins, Ihr werdet vielleicht an Land gehen wollen, jetzt. Darüber könnten wir reden.“
„Freilich,“ sagte ich, „natürlich, Herr Hands! Sagt was Ihr zu sagen habt.“ Und ich setzte mich mit gutem Appetit wieder zu meiner Mahlzeit.
„Dieser Mann da,“ er nickte schwach zu der Leiche hinüber — „O’Brien hieß er, ein widerlicher Irländer —, dieser Mann und ich haben das Segel aufgezogen und wollten zurücksegeln. Na, der Mann ist tot, so tot wie ein Schiffsrumpf. Wer jetzt das Schiff segeln soll, weiß ich nicht. Wenn ich Euch dabei nicht helfe, seid Ihr wohl nicht der Mann dazu, kommt mir vor. Ich sag Euch was: Ihr gebt mir zu essen und zu trinken und einen alten Schal oder ein Sacktüchel, um meine Wunde zu verbinden, und dafür sage ich Euch, wie man segeln muß. Ich glaube das ist ein ehrlicher Handel.“
„Ich will nicht zurück zu Kapitän Kidds Ankerplatz,“ sagte ich, „ich will in die Nordbucht und dort ruhig vor Anker gehen.“
„Ja natürlich wollt Ihr das,“ rief er, „ich bin doch schließlich kein so verteufelter Tölpel. Ich seh doch, was vorgeht, nicht wahr? Ich hab meinen Wurf probiert und verloren und Ihr habt mir den Wind abgefangen. Nach der Nordbucht? Aber ich hab doch keine Wahl! Ich würde Euch auch helfen die Hispaniola zum Hinrichtungsdock zu segeln, beim Teufel, das würd ich!“
Das schien mir ganz vernünftig. Wir schlossen sofort das Geschäft ab. Nach drei Minuten segelte die Hispaniola längs der Küste der Schatzinsel leicht vor dem Wind und ich hatte begründete Hoffnung die nördliche Spitze vor Mittag zu erreichen und bei der Nordbucht noch vor hohem Wasserstand zu sein, so daß wir sicher ankern und dann warten konnten, bis uns die zurückgehende Flut die Möglichkeit gab an Land zu gehen.
Dann band ich die Ruderpinne an und ging zu meinem eigenen Koffer, aus dem ich ein weiches, seidenes Tuch meiner Mutter herausnahm. Damit verband Hands mit meiner Hilfe die große, blutende Stichwunde, die er in den Schenkel bekommen hatte und nachdem er etwas gegessen und noch ein paar Schluck Branntwein genommen hatte fing er an sich sichtlich wieder aufzurichten, sprach lauter und deutlicher und war überhaupt ein anderer Mensch geworden.
Die Brise war uns sehr günstig. Wir glitten wie ein Vogel vor ihr her, die Küste flog vorüber und die Aussicht wechselte jeden Augenblick. Bald hatten wir die Hochfläche passiert und fuhren an niedrigem Sandland vorbei, das mit Zwergfichten spärlich bestanden war und dann wendeten wir uns um die Ecke des Felsenberges, der die Insel im Norden begrenzt.
Ich war in sehr gehobener Stimmung über mein neues Kommando und entzückt von dem schönen, sonnigen Wetter und den verschiedenartigen Ausblicken auf die Küste. Ich hatte nun genug Trinkwasser und gute Sachen zum Essen und mein Gewissen,das wegen meiner Flucht sehr unruhig gewesen war, war jetzt durch die große Eroberung, die ich gemacht hatte, beruhigt. Mir blieb nichts zu wünschen übrig, nur die Augen des Bootsführers, die mich spöttisch verfolgten und das sonderbare Lächeln, das fortwährend auf seinem Gesicht spielte, störten mich. Es war ein Lächeln, das einen Zug von Schmerz und Schwäche hatte — das Lächeln eines abgehärmten, alten Mannes —, aber ein Körnchen Spott, ein Schatten von Verrat lag dennoch in seinem Ausdruck, wie er mich da bei meiner Arbeit listig beobachtete, beobachtete, beobachtete.
Der Wind, der unseren Wünschen entgegenkam wandte sich jetzt nach Westen und wir konnten nun um so leichter vom nordwestlichen Winkel der Insel an die Mündung der kleinen Landzunge fahren, doch wagten wir es nicht, das Schiff an den Strand laufen zu lassen, ehe die Flut ein wenig weiter weg war, da wir keine Möglichkeit hatten Anker zu werfen. Der Bootsführer sagte mir, wie ich das Schiff beilegen sollte und als mir das nach einer Reihe von Versuchen gelungen war, setzten wir uns schweigend zum Essen.
„Kapitän!“ sagte er schließlich mit demselben unbehaglichen Lächeln, „könntet Ihr nicht meinen alten Schiffskameraden da, den O’Brien, über Bord werfen? Ich bin für gewöhnlich nicht heiklich und ich geniere mich nicht, weil ich ihn zu Brei geschlagen habe, aber ich finde, er ist nicht gerade ein Zimmerschmuck, wie er daliegt; hab ich recht?“
„Dazu bin ich nicht stark genug und ich mag auch so eine Arbeit nicht,“ sagte ich, „und von mir aus kann er hier liegen bleiben.“
„Jim, das ist ein unseliges Schiff, diese Hispaniola“, fuhr er blinzelnd fort.
„Ein Schüppel Männer tot von dieser Hispaniola — eine Menge armer Matrosen hin, seit wir zwei in Bristol zur See gegangen sind. Ich hab noch nie solch ein dreckiges Pech gesehen. Ich nicht. Da ist dieser O’Brien da — er ist doch tot, nicht wahr? Ja also, ich bin kein Gelehrter und Ihr seid ein Bursch, der lesen und rechnen kann. Na, und um es gerade herauszusagen, glaubt Ihr, daß ein Toter einfach tot ist für immer oder kann er wieder lebendig werden?“
„Man kann den Leib töten, Herr Hands, doch nicht den Geist, das müßt Ihr schon wissen,“ erwiderte ich, „O’Brien ist in einer anderen Welt und vielleicht beobachtet er uns.“
„So!“ sagte er, „nun, das ist unangenehm — scheint also, abmurksen ist schade um die Zeit. Na, hol’s der Kuckuck, vor Geistern braucht man sich nicht viel zu fürchten, das hab’ ich schon gesehen. Mit den Geistern will ich es schon noch aufnehmen. Und jetzt haben wir uns ausgesprochen, Jim, und es wär sehr nett von Euch, wenn Ihr da in die Kabine hinuntergehen würdet und mir — ja was denn? — ich kann mich an den Namen nicht erinnern — ja, also wenn Ihr mir eine Flasche Wein bringen würdet, Jim — der Branntwein da ist mir zu stark.“
Die zögernde Ausdrucksweise des Bootsführers kam mir unnatürlich vor und seine Behauptung, daß er Wein dem Branntwein vorziehe, glaubte ich schon gar nicht. Die ganze Geschichte war ein Vorwand. Er wollte, daß ich das Deck verlasse — soviel war gewiß; aber zu welchem Zweck, das konnte ich mir absolut nicht vorstellen. Ich begegnete niemals seinem Blick. Seine Augen schweiften fortwährend hin und her, hinauf und hinunter, hafteten einmal mit einem flüchtigen Blick am Himmel und dann wieder mit einem scheuen Blinzeln auf dem toten O’Brien. Dabei lächelte er ununterbrochen und steckte seine Zunge so schuldbewußt und verlegen heraus, daß ein Kind hätte erraten können, er sinne auf Betrug. Trotzdem stimmte ich ihm sofort bei, denn ich sah, daß das für mich vorteilhafter sei und daß ich einem so besonders dummen Kerl meinen Verdacht jederzeit leicht verbergen könne.
„Wein?“ sagte ich, „Herr! Wollt Ihr weißen oder roten?“
„Nun, es ist mir verflucht gleichgültig, Kamerad, wenn nur genug davon da ist und wenn er stark ist.“
„Gut,“ antwortete ich, „ich werde Euch Porter bringen, Herr Hands, aber eine Weile wird es schon dauern, bis ich welchen ausgrabe.“
Und damit rannte ich, so lärmend ich konnte, die Kajütentreppe hinunter, zog meine Schuhe aus, lief leise den Gang entlang zurück, stieg auf die Vorkastelleiter und schaute aus dem Kajütenfenster hinaus. Ich wußte, daß er nicht annehmen konnte mich dort zu sehen, doch machte ich es so vorsichtig wie möglich. Und richtig erwiesen sich meine ärgsten Vermutungen als nur zu richtig.
Er hatte sich aus seiner Lage erhoben, auf Hände und Knie gestützt und trotzdem ihn sein Bein sichtlich sehr schmerzte — ich hörte ihn unterdrückt stöhnen —, schleppte er sich doch ziemlich flink über das Deck. In einer halben Minute hatte er die Speigatluke erreicht und aus einer Tauwerkrolle ein langes Messer herausgezogen, das bis zum Griff mit Blut besudelt war. Er schaute es einen Moment an, indem er seinen Unterkiefer vorstreckte, probierte die Spitze auf der Handfläche, dann verbarg er es hastig unter seiner Jacke und wälzte sich wieder zu seinem alten Platz an der Reeling zurück.
Das war alles, was ich wissen wollte. Israel konnte sich bewegen, er war jetzt bewaffnet, und da er mich vorhin so eifrig loswerden wollte, war es klar, daß ich das Opfer sein sollte. Was er dann tun wollte, ob er versuchen wollte quer durch die Insel zum Lager bei den Sümpfen zu kriechen oder ob er den langen Tom abfeuern wollte, im Vertrauen darauf, daß seine Kameraden ihm gleich zu Hilfe kommen würden, das war natürlich mehr als ich wissen konnte.
Doch in einem Punkte konnte ich mich auf ihn verlassen, da unsere Interessen dabei zusammengingen: das war die Lenkung des Schooners. Wir beide wünschten ihn sicher an Land zu bringen,auf einen geschützten Platz, wo man ihn, wenn es dazu an der Zeit war, mit so wenig Arbeit und Gefahr wie möglich wieder fortbringen könnte. Solange das nicht vollbracht war, würde er mir sicherlich nicht den Garaus machen.
Während ich diese ganze Sache überdachte, war ich nicht müßig geblieben, sondern war leise in die Kabine zurückgeschlüpft, hatte wieder meine Schuhe angezogen, eine beliebige Flasche Wein mitgenommen und so ausgerüstet erschien ich wieder auf Deck.
Hands lag wie ich ihn verlassen hatte, wie ein Häuflein Elend mit halbgeschlossenen Augen, als sei er zu schwach das Licht zu ertragen. Immerhin blickte er auf als ich kam, brach der Flasche den Hals so geschickt wie einer, der das schon oft gemacht hat und nahm einen guten Schluck und sagte seinen Lieblingstoast „Gut Glück“. Dann lag er eine Weile still und zog schließlich eine Rolle Tabak heraus und bat mich ihm ein Priemchen zu schneiden.
„Schneidet mir ein bißchen davon, denn ich hab kein Messer und habe auch nicht die Kraft dazu, selbst wenn ich eines hätte. Ach Jim, Jim, ich glaube, mit mir ist’s aus! Schneidet mir ein Priemchen, es wird wohl das letzte sein, Junge, denn ich bin auf dem Weg in meine ewige Heimat, ganz gewiß!“
„Gut,“ sagte ich, „ich werde Euch Tabak schneiden, aber wenn ich an Eurer Stelle wäre und mich so elend fühlte, dann würde ich zu beten anfangen wie ein Christ.“
„Warum?“ sagte er, „jetzt sagt mir, warum.“
„Warum?“ rief ich, „Ihr habt mich doch gerade wegen der Toten gefragt. Nun, Ihr habt Euren Eid gebrochen; Ihr habt in Sünde, Lüge und Blut gelebt. Ein Mensch, den Ihr getötet habt, liegt in diesem Augenblick zu Euren Füßen; Gott schütze Euch. Und Ihr fragt, warum?“
Ich sprach ein wenig hitzig, denn ich dachte an den blutigen Dolch, den er in seiner Tasche versteckt hatte und der in seinen bösen Gedanken bestimmt war mir den Garaus zu machen.
Er hingegen nahm einen großen Schluck Wein und sagte mit ganz ungewöhnlicher Feierlichkeit:
„Seit dreißig Jahren segle ich jetzt auf dem Meere und habe gutes und schlechtes, besseres und schlechteres, schönes und dreckiges Wetter erlebt, habe mitgemacht, daß die Vorräte ausgingen, Messerstechen und noch mancherlei. Aber ich will Euch was sagen: ich hab’ noch niemals gesehen, daß aus Güte was Gutes entsteht. Wer zuerst schlägt, der ist mein Mann. Tote Leute beißen nicht — das ist meine Ansicht. Amen, so sei es. Und nun schaut her,“ fuhr er in plötzlich verändertem Tone fort, „genug von dem Unsinn. Die Flut steht gerade richtig. Nun nehmt gefälligst meine Befehle an, Kapitän Hawkins, dann werden wir im Nu drin sein und die Sache ist erledigt.“
Alles in allem hatten wir kaum mehr zwei Meilen zu segeln, doch war die Einfahrt in diesen nördlichen Ankerplatz nicht nur schmal und seicht, sondern drehte sich östlich und westlich und war darum schwierig zu bewerkstelligen, so daß der Schooner sehr vorsichtig hineingelotst werden mußte. Ich glaube, daß ich ein guter, flinker Untergebener war und ganz sicher war Hands ein vorzüglicher Pilot, denn er lenkte hierher und dorthin und manövrierte vorsichtig und vermied die Klippen mit einer Sicherheit und Sorgfalt, daß es eine Freude war.
Kaum hatten wir das Vorgebirge passiert, so waren wir von Land umschlossen. Die Ufer der Nordbucht waren so dicht bewaldet wie die des südlichen Ankerplatzes, doch war die Zunge länger und schmäler und es sah hier aus wie die Mündung eines Flußlaufes, was es ja tatsächlich war. Gerade vor uns am südlichen Ende lag ein fast ganz zertrümmertes Schiffswrack im letzten Stadium der Auflösung.
Es war ein großer Dreimaster, doch schien er schon sehr den Unbilden des Wetters ausgesetzt, da er ganz mit großen Büscheln Seetang bewachsen war. Auf Deck hatten ein paar Schößlinge der Ufergebüsche Wurzel gefaßt und standen jetzt in Blüte. Eintrauriger Anblick, doch gab er uns volle Gewißheit darüber, daß dieser Ankerplatz windstill war.
„Schaut her,“ sagte Hands, „das ist ein nettes Fleckchen zum Landen. Schöner flacher Sand, keine Katze zu sehen, ringsherum Bäume und Blumen wie in einem Garten auf dem alten Schiff da.“
„Und wenn wir erst gelandet sind,“ fragte ich, „wie sollen wir die Hispaniola wieder wegkriegen?“
„Sehr einfach,“ antwortete er, „wenn die Ebbe kommt nehmt Ihr ein Seil hinüber ans Ufer; dort legt Ihr es um eine der großen Fichten, kehrt um, bringt das Seil mit und legt es um den Gangspill, dann wartet Ihr auf die Flut. Wenn das Wasser hoch geht, alles an Bord zieht an dem Seil! Das Schiff schwimmt wie am Schnürchen. Und jetzt, mein Junge aufgepaßt, wir werden es gleich haben! Aber sie geht zu schnell, ein wenig nach Steuerbord — so — Vorsicht — Steuerbord — Backbord — ein wenig nur — vorsichtig — vorsichtig!“
So gab er seine Befehle, die ich atemlos befolgte. Und plötzlich schrie er: „Jetzt fest nach Luv!“ Ich wendete fest das Steuer, die Hispaniola drehte sich rasch herum und lief mit dem Steven das niedrige, bewaldete Ufer an.
Die Aufregung während dieser letzten Manöver hatte mich etwas von der scharfen Beobachtung des Bootsführers abgelenkt. Und auch jetzt noch war ich vom Interesse für unsere Landung so in Anspruch genommen, daß ich die Gefahr, die über meinem Haupte schwebte, ganz vergaß und über die Steuerbordreeling gelehnt dastand und auf das Wasser hinaussah. Er hätte mich kampflos niedermachen können, wenn mich nicht eine plötzliche Unruhe befallen hätte, so daß ich mich umdrehte. Vielleicht hatte ich ein Knarren gehört oder irgendwie seinen Schatten aus einem Winkel meines Auges bemerkt, vielleicht war es ein Instinkt wie der einer Katze — kurz, als ich mich umdrehte, war Hands schon den halben Weg zu mir mit dem Messer in der rechten Hand.
Wir müssen beide laut aufgeschrien haben als unsere Blicke sich trafen. Doch mein Schrei war ein Schreckensschrei, seinerdas Wutbrüllen eines losgehenden Stieres. Im selben Augenblick warf er sich nach vorne und ich sprang seitwärts gegen den Bug. Dabei hatte ich den Helmstock losgelassen, der leewärts schnellte und mir so das Leben rettete, denn er schlug Hands so heftig vor die Brust, daß er taumelte. Ehe er sich erholen konnte, war ich aus dem Winkel, in den er mich wie in eine Falle gelockt hatte, draußen, und hatte nun das ganze Deck zu meiner Verfügung. Vor dem Hauptmast hielt ich inne, zog eine Pistole ausder Tasche, zielte ruhig, obwohl er sich inzwischen umgedreht hatte und wieder auf mich zukam und drückte ab. Der Hammer fiel, doch folgte weder Blitz noch Knall, denn das Seewasser hatte die Zündung verdorben. Ich verfluchte meine Nachlässigkeit. Warum hatte ich nicht längst meine einzigen Waffen untersucht und neu geladen? Dann hätte ich nicht, wie jetzt, ein schwaches flüchtiges Schaf, vor diesem Schlächter zittern müssen.
Es war geradezu merkwürdig, wie rasch er sich trotz seiner Verwundung bewegen konnte, während sein graues Haar über sein Gesicht fiel, das vor Haß und Wut hochrot war. Ich hatte keine Zeit meine andere Pistole zu probieren und auch gar keine Lust dazu, denn es war klar, daß es nutzlos sein mußte. Eines war sicher: Ich konnte mich nicht einfach vor ihm zurückziehen, denn er würde mich sonst bald in den Bug jagen, wie er mich vor einem Augenblick fast in den Hintersteven gelockt hatte, und war ich einmal gefangen, so waren acht bis zehn Zoll des blutgetränkten Messers meine letzte Erfahrung in dieser Welt. Ich umfaßte den Hauptmast, der ziemlich dick war mit beiden Handflächen und wartete nun mit gespannten Nerven.
Da er sah, daß ich ihn überlisten wollte, hielt auch er ein, und ein oder zwei Augenblicke vergingen mit Scheinbewegungen seinerseits, die ich entsprechend erwiderte. Dieses Spiel hatte ich oft zu Hause zwischen den Felsen der Schwarzhügelbucht gespielt, doch sicherlich nie mit so wildklopfendem Herzen wie diesmal. Immerhin, es war, wie ich sagte, ein Knabenspiel, und ich glaubte wohl mich darin gegen einen ältlichen Seemann mit verwundetem Schenkel behaupten zu können. Ja, mein Mut begann so zu wachsen, daß ich mir einige rasche Gedankensprünge erlaubte und mir das Ende dieses Spieles vorzustellen versuchte. Und während ich als sicher annahm, daß ich es ziemlich lange ausspinnen könnte, sah ich doch keine Hoffnung für ein endgültiges Entkommen.
Aber während die Dinge so standen, lief das Schiff plötzlich mit einem Ruck auf, schwankte, grub sich einen Augenblick in denSand und kippte dann mit einem Schlag über, bis das Deck in einem Winkel von fünfundvierzig Grad stand und eine tüchtige Menge Wasser durch die Speigatlöcher hereinfloß und einen förmlichen Teich zwischen Deck und Reeling bildete. Wir beide wurden in einer Sekunde umgeworfen und rollten fast gleichzeitig in das Speigat. Die tote Rotmütze taumelte uns mit immer noch steif ausgestreckten Armen nach und so nahe waren wir einander, daß mein Kopf gegen den Fuß des Bootsführers anstieß, daß mir die Zähne krachten. Trotz der Erschütterung war ich als erster wieder auf den Beinen, denn Hands war mit dem Leichnam aneinander geraten. Die plötzliche Neigung des Schiffes machte es unmöglich auf Deck herumzulaufen und ich mußte einen anderen Weg zur Flucht suchen, und zwar sofort, denn mein Feind berührte mich schon fast. Schnell wie ein Gedanke sprang ich in die Besanwanten, kletterte rasch hinauf und tat keinen Atemzug, bis ich oben auf dem Kreuzmast saß.
Meine Schnelligkeit hatte mich gerettet, denn das Messer stak etwa einen halben Fuß unter mir und Israel Hands stand da mit offenem Munde und aufwärtsgewendetem Gesicht wie eine Statue der Überraschung und Enttäuschung.
Jetzt, da ich einen Augenblick für mich hatte, verlor ich keine Zeit, wechselte die Zündung meiner Pistole und als die eine in Ordnung war, ging ich daran, die zweite zu laden, um doppelt sicher zu gehen.
Meine neue Beschäftigung war ein schwerer Schlag für Hands; er fing an einzusehen, daß das Spiel sich gegen ihn wendete. Nach sichtlichem Zögern schleppte auch er sich zu den Wanten und fing an mit dem Messer zwischen den Zähnen langsam und unter Schmerzen hinaufzukriechen.
Es kostete ihm eine Menge Zeit und er stöhnte schmerzlich wie er da sein verwundetes Bein hinter sich herzog. Ich hatte inzwischen ruhig meine Vorbereitungen beendet, noch ehe er ein Drittel des Weges zurückgelegt hatte. Dann richtete ich mit einer Pistole in jeder Hand das Wort an ihn:
„Noch einen Schritt, Herr Hands,“ sagte ich, „und ich werde Euch das Gehirn ausblasen! Tote Leute beißen nicht, wie Ihr wißt!“ fügte ich mit einem Kichern hinzu.
Er hielt sofort ein. Ich konnte auf seinem Gesicht die Gedanken arbeiten sehen und der Vorgang war so langsam und mühevoll, daß ich in meiner neu gefundenen Sicherheit laut auflachte. Endlich begann er, nachdem er einmal oder zweimal geschluckt hatte, zu sprechen und sein Gesicht trug dabei immer noch denselben Ausdruck äußerster Bestürzung. Um sprechen zu können, mußte er das Messer aus dem Munde nehmen, doch im übrigen blieb er unbeweglich.
„Jim,“ sagte er, „ich denke wir sind beide in der Tinte und werden einen Pakt schließen müssen. Ohne diesen Ruck hätte ich Euch schon, aber ich bin ein Pechvogel und ich glaube, ich werde mich ergeben müssen und das ist nicht leicht, seht Ihr, für einen alten Seemann, so einem Schiffsjunker, wie Ihr seid, Jim.“
Lächelnd sog ich seine Worte ein, stolz wie der Hahn am Mist, als blitzschnell seine rechte Hand über die Schulter zurückgriff. Etwas schwirrte wie ein Pfeil durch die Luft, ich fühlte einen Schlag und darauf einen scharfen Schmerz und fand mich mit der Schulter an dem Mast festgenagelt. In dem entsetzlichen Schmerz und in der Überraschung des Moments — ich kann kaum sagen, daß es durch meinen eigenen Willen geschah und sicher ohne eine bewußte Absicht — gingen meine beiden Pistolen los und beide fielen mir aus der Hand. Sie fielen nicht allein; mit einem erstickten Schrei ließ der Bootsführer die Strickleitern los und stürzte mit dem Kopf voran ins Wasser.
Infolge der geneigten Stellung des Schiffes hingen die Masten weit über das Wasser hinaus und von meinem Sitz auf dem Kreuzmast sah ich nichts unter mir als die Oberfläche der Bucht.Hands, der nicht so weit hinaufgekommen war, war dem Schiff entsprechend näher und fiel zwischen mich und die Reeling. Er wurde noch einmal emporgetrieben und versank dann endgültig. Ich konnte ihn, als das Wasser ruhig geworden war, auf dem reinen weißen Sand im Schatten des Schiffes zusammengekauert liegen sehen. Ein paar Fische flitzten über seinen Leib hinüber. Manchmal schien er sich zu bewegen, so als ob er versuchte aufzustehen. Aber er war wirklich tot, erschossen und ertrunken und lag jetzt da, den Fischen zum Fraße, an demselben Platz, wo er beabsichtigt hatte mich niederzumachen.
Kaum hatte ich mich dessen versichert, trat mir die Schauerlichkeit dieser letzten Minuten erst voll ins Bewußtsein und ich fühlte mich krank, schwach und elend. Das Blut rann mir über Rücken und Brust. Das Messer brannte an der Stelle, wo es meine Schulter an den Mast festnagelte wie ein heißes Eisen, und doch waren es nicht diese körperlichen Leiden, die mich quälten, denn diese glaubte ich ohne Murren ertragen zu können, sondern es war die entsetzliche Furcht vom Kreuzmast hinunter in dieses stille, grüne Wasser neben die Leiche des Bootsführers zu fallen.
Ich hielt mich mit beiden Händen fest bis mich die Nägel schmerzten und schloß die Augen als könnte ich so die Gefahr zudecken. Allmählich aber kam ich wieder zu mir, mein Puls ging ruhiger und ich konnte überlegen. Mein erster Gedanke war, das Messer herauszuziehen, doch stak es entweder zu fest oder waren meine Nerven zu schwach, mich überlief ein heftiger Schauer und ich gab es auf. Sonderbarerweise brachte gerade dieser Schauer die Arbeit fertig. Das Messer hätte mich wirklich um ein Haar verfehlt, denn es hatte mich nur an einem Hautfetzen festgehalten, der jetzt durch den Schauer weggerissen wurde. Gewiß lief das Blut um so schneller an mir herunter, doch ich war wieder mein eigener Herr und nur mit meinem Hemd und meinem Rock am Mast festgehalten.
Die riß ich mit einem raschen Ruck fort und gelangte über die Steuerbordwanten wieder auf Deck. Um nichts in der Welthätte ich mich auf die überhängenden Backbordwanten gewagt, von denen Israel heruntergestürzt war.
Ich ging hinunter und versorgte meine Wunde so gut wie möglich. Sie schmerzte mich tüchtig und blutete noch immer heftig, doch war sie weder tief noch gefährlich und hinderte mich auch nicht sonderlich an der Benützung meines Armes. Dann schaute ich um mich, und da das Schiff nun gewissermaßen mein Eigen geworden war, wollte ich es noch von seinem letzten Passagier — dem toten O’Brien — befreien.
Er war, wie gesagt, gegen die Reeling gestürzt, wo er jetzt wie eine Art grauenhafter, plumper Marionette dalag, in Lebensgröße freilich, doch wie verschieden von der Farbe und Anmut des Lebens! In dieser Lage konnte ich ihn leicht handhaben und da meine tragischen Abenteuer in mir schon jede Furcht vor dem Toten verwischt hatten, so nahm ich ihn wie einen Sack Kleie um die Mitte und warf ihn mit einem festen Anlauf über Bord. Mit einem lauten Platschen fiel er ins Wasser, die rote Mütze wurde fortgeschleudert und schwamm an der Oberfläche weiter. Als die Wellen wieder ruhiger gingen konnte ich ihn und IsraelHands Seite an Seite liegen sehen, beide schaukelnd in der zittrigen Bewegung des Wassers. O’Brien war trotz seiner Jugend ganz kahlköpfig. Da lag er nun mit dem kahlen Kopf quer über den Knien seines Mörders und die schnellen Fische segelten über beide hinweg, hin und her.
Ich war nun allein auf dem Schiff und die Flut hatte sich eben gewendet. Die Sonne war schon so nahe am Untergehen, daß der Schatten der Nadelbäume auf dem westlichen Ufer bereits quer über den Ankerplatz fiel und Muster auf das Deck zeichnete. Der Abendwind hatte eingesetzt und trotzdem er durch den Berg im Osten mit den zwei Spitzen abgehalten war, so war doch ein leises Summen im Tauwerk zu vernehmen und die schlaffen Segel rasselten hin und her.
Ich begann für das Schiff zu fürchten. Rasch ließ ich die Stagsegel aufs Deck fallen, doch mit dem Hauptsegel war schwerer zu hantieren. Natürlich hatte sich, als der Schooner überkippte, der Mastbaum nach außen geschwungen und seine Kappe und ein oder zwei Fuß vom Segel hingen sogar unter Wasser. Dies, dachte ich, mußte die Gefahr noch vergrößern, doch war die Spannung so stark, daß ich fast fürchtete etwas zu unternehmen. Schließlich nahm ich mein Messer heraus und durchschnitt die Felle. Die Spitze neigte sich sofort und eine große Fläche losen Segeltuches schwamm breit auf dem Wasser. Und nun konnte ich ziehen wie ich wollte, es war nicht zu bewegen, und ich konnte jetzt nichts mehr machen. Von nun ab mußte ich die Hispaniola wie mich selbst dem Schicksal überlassen.
Inzwischen war der ganze Ankerplatz in den Schatten gerückt — ich erinnere mich noch wie die letzten Strahlen durch eine Waldlichtung fielen und leuchtend wie Edelsteine auf dem blühenden Mantel des Wracks leuchteten. Es begann kühl zu werden, die Flut strömte rasch seewärts und der Schooner setzte sich mehr und mehr an seinen Balkenköpfen fest.
Ich kletterte nach vorne und schaute hinüber. Das Wasser sah ziemlich seicht aus. Als letzte Sicherung das durchschnitteneAnkertau mit beiden Händen festhaltend, ließ ich mich langsam über Bord gleiten. Das Wasser reichte mir kaum bis zur Hüfte, der Sand war fest und von den Wellen gefurcht und ich watete in bester Stimmung ans Ufer, die gekenterte Hispaniola, deren Hauptsegel weit über die Oberfläche der Bucht herabhing, zurücklassend. Gerade sank die Sonne hinab und der Abendwind pfiff leise durch die rauschenden Fichten.
Schließlich und endlich war ich nun wieder auf dem Lande und war auch nicht mit leeren Händen zurückgekehrt. Da lag der Schooner, von den Piraten befreit und bereit, unsere eigenen Leute aufzunehmen und wieder in See zu gehen. Nichts war selbstverständlicher, als daß ich wieder in das Blockhaus heimkehren und mich meiner Errungenschaften rühmen wollte. Möglicherweise würde man mich ein bißchen wegen meiner Pflichtversäumnis schelten, doch die Wiedereroberung der Hispaniola war eine schlagende Antwort und ich hoffte, daß selbst Kapitän Smollett zugeben würde, daß ich meine Zeit nicht verloren hatte.
Mit solchen Gedanken und in bester Laune schritt ich dem Blockhaus und meinen Gefährten zu. Ich erinnerte mich, daß der östlichste der Flüsse, welche in Kapitän Kidds Ankerplatz münden, von dem zweispitzigen Berg links herabkam und wandte mich jener Richtung zu, um den Fluß zu übersetzen solange er noch schmal war. Der Wald war ziemlich offen und so hatte ich bald den Berg erreicht und watete durch das Wasser.
Ich war nun nahe dem Punkte, wo ich den ausgesetzten Ben Gunn getroffen hatte und blickte darum aufmerksamer rings um mich. Es war inzwischen ganz dunkel geworden, und als ich in die Schlucht zwischen den beiden Spitzen kam, bemerkte ich ein schwankendes Licht ungefähr in der Richtung, wo der Inselmensch sein Mahl beim offenen Feuer kochen mochte. Dennoch wunderte ich mich über seine Sorglosigkeit. Denn wenn ich dieses Licht bemerkte, konnte es nicht ebensogut Silver von seinem Lagerplatz in den Sümpfen aus gewahren?
Die Nacht sank allmählich noch tiefer herab und ich konnte mich nur schwer orientieren, denn der Doppelberg hinter mir und das „Fernrohr“ zu meiner Rechten waren nur mehr schwächer und schwächer sichtbar. Wenige Sterne standen am Himmel und in der Mulde, in der ich wanderte, stolperte ich oft über Büsche und Sandhügel.
Plötzlich wurde es heller. Ich blickte auf und sah, wie der blasse Schimmer der Mondstrahlen den Gipfel des „Fernrohrs“ erhellte und bald darauf sah ich ein breites silbernes Etwas sich hinter den Bäumen bewegen und merkte nun, daß der Mond aufgegangen war.
Mit seiner Hilfe legte ich den Rest meiner Reise rasch zurück und bald gehend, bald laufend, näherte ich mich unruhig der Umzäunung. Doch als ich das Wäldchen durchschritt, das davor liegt, mäßigte ich meinen Schritt und ging vorsichtiger, denn es wäre wohl ein trauriges Ende meiner Abenteuer gewesen, irrtümlich von meinen eigenen Leuten niedergeschossen zu werden.
Der Mond erhob sich immer höher. Sein Licht fiel breit auf die offeneren Teile des Waldes und gerade vor mir tauchte ein ganz anderes Leuchten zwischen den Bäumen auf. Es war rot und dann und wann verdunkelte es sich ein wenig, so daß es aussah wie ein verglimmender Scheiterhaufen.
Ich konnte mir absolut nicht denken, was dies sein mochte.
Endlich kam ich gerade auf die Lichtung hinunter, deren westlicher Rand schon in Mondlicht getaucht war, während das Blockhaus selbst und seine Umgebung noch im dunklen Schatten lag, der von langen silbernen Lichtstreifen stellenweise durchbrochen wurde. An der anderen Seite des Hauses brannte ein ungeheures Feuer eben zu Asche und warf einen roten Widerschein, der in seltsamem Gegensatz zu der bleichen Milde des Mondes stand. Keine Seele bewegte sich, kein Laut war zu hören, außer den Geräuschen der Brise.
Sehr verwundert und vielleicht auch etwas erschreckt blieb ich stehen. Es war nicht unsere Art, große Feuer anzuzünden, derKapitän hielt uns in bezug auf Brennholz eher knapp. Ich begann zu fürchten, daß während meiner Abwesenheit irgend etwas fehlgegangen sei.
Ich schlich um das östliche Ende, hielt mich vorsichtig im Schatten und überschritt an einem geeigneten Punkt, wo die Finsternis am dichtesten war, die Umzäunung.
Um noch sicherer zu gehen, kroch ich auf allen Vieren lautlos um die Ecke des Hauses. Als ich näher kam wurde ich plötzlich viel ruhiger und vergnügter. An und für sich ist es kein schönes Geräusch und ich habe mich zu anderen Zeiten oft darüber beklagt, doch in diesem Augenblick klang mir das friedliche, laute Schnarchen meiner Freunde wie Musik in den Ohren. Doch eines war sicher: Sie hielten verflucht schlecht Wache. Wenn jetzt Silver und seine Leute hereingekrochen wären, so hätte keiner mehr von ihnen den Tag erlebt. Das kommt davon, dachte ich, daß der Kapitän verwundet ist und machte mir heftige Vorwürfe, sie in dieser Gefahr mit so wenigen gesunden Leuten, die zur Bewachung taugten, zurückgelassen zu haben.
Inzwischen war ich zur Tür gekommen und hatte mich aufgerichtet. Drinnen war alles dunkel und ich konnte keine Einzelheiten ausnehmen. Man hörte nur das einförmige Schnarchen und manchmal ein kleines Geräusch wie Geflatter oder Picken, das ich mir absolut nicht erklären konnte.
Mit ausgestreckten Armen ging ich langsam hinein. Ich wollte mich auf meinen Platz legen und (dachte ich mit innerem Lachen) mich über ihre Gesichter freuen, wenn sie mich am Morgen dort fänden. Da stieß mein Fuß auf etwas — es war das Bein eines Schläfers. Er wandte sich um und seufzte, doch ohne zu erwachen. Plötzlich kreischte eine schrille Stimme aus der Dunkelheit heraus:
„Goldstücke! Goldstücke! Goldstücke! Goldstücke! Goldstücke!“ und ohne Pause immerfort weiter wie das Klappern einer kleinen Mühle.
Silvers grüner Papagei, Kapitän Flint! Ihn hatte ich an einem Stück Rinde picken gehört, er, der besser Wache hielt alsirgendein menschliches Wesen, hatte so mein Kommen mit seinem eintönigen Ruf gemeldet.
Ich hatte keine Zeit mich zu fassen, denn vom scharfen, schneidenden Ruf des Papageies erwachten die Schläfer und sprangen auf. Mit einem wilden Fluch rief Silver:
„Wer da?“
Ich wendete mich zur Flucht, stieß heftig gegen einen Mann, wich zurück und rannte geradewegs in die Arme eines zweiten hinein, der mich packte und festhielt.
„Bring’ eine Fackel, Dick“, sagte Silver, als ich nun gefangen war.
Und einer der Männer verließ das Blockhaus und kehrte sofort mit einer brennenden Fackel zurück.
Der rote Schein der Fackel, die das Innere des Blockhauses erleuchtete, zeigte mir die ärgsten meiner Erwartungen verwirklicht. Die Piraten waren im Besitz des Hauses und der Vorräte. Da war die Tonne Kognak, das Schweinefleisch und das Brot an den früheren Plätzen; doch zu meinem verzehnfachten Entsetzen kein Zeichen von Gefangenen. Ich konnte nur annehmen, daß alle zugrunde gegangen waren und mein Herz klagte mich schmerzlich an, daß ich nicht dabeigewesen, um mit ihnen zu sterben.
Es waren alles in allem sechs Freibeuter, sonst war keiner lebendig geblieben. Fünf davon standen da, erhitzt und aufgedunsen, plötzlich aus dem ersten Schlaf der Trunkenheit herausgerissen. Der sechste hatte sich bloß auf seinen Ellbogen gestützt, war totenblaß und die blutbefleckte Binde um seinen Kopf zeigte, daß er erst kürzlich verwundet und verbunden worden war. Ich erinnerte mich an den Mann, den wir bei dem großen Angriff angeschossen hatten und der in den Wald zurückgelaufen war und zweifelte nicht, ihn vor mir zu haben.
Der Papagei saß auf der Schulter des langen John und putzte sein Gefieder, John selbst fand ich etwas bleicher und ernster als früher. Er trug noch immer den seinen Tuchanzug, welchen er bei seiner Friedensbotschaft anhatte, der sah jedoch sehr mitgenommen aus, war mit Erde beschmutzt und von Dornen zerrissen.
„So,“ sagte er, „da ist ja Jim Hawkins wahrhaftig hereingeschneit, was? Na, ich freu’ mich sehr.“
Und darauf setzte er sich auf das Branntweinfaß und füllte sich eine Pfeife.
„Leih’ mir Feuer, Dick“, sagte er, und dann, als die Pfeife gut brannte: „Das ist genug, Junge, stecke es ins Holz zurück — und Ihr, meine Herren, braucht Euch nicht zu stören wegen Herrn Hawkins, er wird Euch entschuldigen, nicht wahr? Und nun, Jim“ — und dabei stopfte er sich die Pfeife, „da bist du nun, und eine nette Überraschung für den armen, alten John. Ich hab’ sofort gesehen, daß du ein geriebener bist als ich dich zum erstenmal sah, aber das jetzt schlägt dem Faß den Boden aus, meiner Seel’.“
Zu all dem schwieg ich wie man sich denken kann säuberlich still. Sie hatten mich mit dem Rücken gegen die Mauer gestellt, und da stand ich nun und schaute Silver ins Gesicht, dem äußeren Anschein nach ganz mutig, hoffe ich, doch schwarze Verzweiflung im Herzen.
Silver tat mit großer Seelenruhe ein paar Züge aus seiner Pfeife und fuhr dann fort:
„Also Jim, da du nun schon hier bist, will ich dir sagen, was ich mir denke. Ich habe dich immer gern gehabt, weil du eingescheiter Junge bist und mir aufs Haar ähnlich, als ich noch jung und hübsch war.
Ich hab’ es dir immer gegönnt, dich hervorzutun und als Gentleman zu sterben, und nun, mein Hühnchen, ist es so weit. Kapitän Smollett ist ein guter Seemann, das gebe ich ohne weiteres zu, aber streng auf Disziplin erpicht. ‚Pflicht ist Pflicht‘, sagt er und er hat recht, ihm mußt du also aus dem Wege gehen. Aber sogar der Doktor ist wütend auf dich — ‚undankbarer Taugenichts‘ hat er gesagt, und kurz und gut, du kannst zu deinen eigenen Leuten nicht zurück, denn sie wollen dich nicht, und wenn du nicht eine dritte Schiffsgesellschaft ausrüsten willst, die ganz allein aus dir bestehen soll — was ein wenig langweilig wäre —, so mußt du eben beim Kapitän Silver bleiben.“
So weit, so gut. Meine Freunde lebten also noch alle und obwohl ich teilweise Silvers Behauptung glaubte, daß sie wegen meiner Flucht gegen mich aufgebracht wären, so war ich doch durch das Gehörte eher erleichtert als betrübt.
„Ich will nichts darüber sagen, daß du in unseren Händen bist,“ fuhr Silver fort, „aber wahr ist es ja, sicherlich. Ich bin für freie Aussprache, denn beim Drohen kommt nichts heraus. Wenn du den Dienst bei uns magst, gut, dann tritt ein. Und wenn nicht, Jim, dann kannst du ruhig nein sagen, Schiffskamerad. Ich glaube, ehrlicher kann kein sterblicher Seemann reden, zum Teufel!“
„Soll ich also antworten?“ fragte ich mit zitternder Stimme. Während dieser höhnischen Reden hatte ich die Drohung des Todes, der über mir hing, wohl zu fühlen bekommen und meine Wangen brannten und das Herz schlug mir schmerzvoll in der Brust.
„Junge,“ sagte Silver, „kein Mensch zwingt dich. Überleg’ dir die Sache. Keiner von uns wird dich zur Eile antreiben, Kamerad, die Zeit vergeht so angenehm in deiner Gesellschaft.“
„Nun,“ sagte ich, etwas kühner werdend, „wenn ich wählen soll, so erkläre ich, daß ich ein Recht habe, zu wissen, was eigentlich vorgeht und warum ihr hier seid und wo meine Freunde sind.“
„Was vorgeht?“ wiederholte einer der Freibeuter mit einem tiefen Knurren, „ja, da wären wir selber froh, wenn wir das wüßten!“
„Du, halt gefälligst den Schnabel bis man mit dir spricht, mein Freund“, schrie Silver wild hinüber. Und dann fuhr er in dem früheren, süßlichen Tone fort: „Gestern früh, Herr Hawkins,“ sagte er, „kommt auf einmal Doktor Livesay mit einer weißen Flagge herunter. Sagt er: ‚Kapitän Silver, Ihr seid geschnapst. Das Schiff ist weg.‘ Nun mag sein, wir haben ein Glas zuviel getrunken und ein Lied gesungen, um’s leichter zu machen, ich sage nicht nein. Und wahrscheinlich hat niemand von uns Wache gehalten. Jetzt schauten wir hinaus und beim Teufel das alte Schiff war weg. Nun, wir haben wie die Narren dreingeschaut, und ich am närrischsten. ‚Also,‘ sagt der Doktor, ‚wir werden verhandeln.‘ Wir verhandelten, wir zwei, nun und wir kamen überein: die Vorräte, der Branntwein, das Blockhaus, das Brennholz, das Ihr so vorsorglich geschnitten habt, kurz, die die ganze verfluchte Sache gehört uns. Und jetzt sind sie weg, wo, weiß ich nicht.“
Er zog wieder still an seiner Pfeife.
„Und wenn du dir vielleicht in den Schädel setzt,“ fuhr er fort, „daß du mit in den Vertrag eingeschlossen bist, so irrst du dich sehr. ‚Wieviele von euch wollen fort?‘ war mein letztes Wort. ‚Vier‘, sagt er — vier, einer davon verwundet. ‚Wo der verfluchte Bub’ ist,‘ sagt er, ‚das weiß ich nicht und kümmere mich auch nicht darum. Wir haben so ziemlich genug von ihm.‘ Das waren seine Worte.“
„Ist das alles?“
„Nun, das ist zum mindesten alles, was ich dir zu sagen habe, mein Sohn“, erwiderte Silver.
„Und nun soll ich wählen?“
„Und nun sollst du wählen, freilich“, sagte Silver.
„Nun,“ sagte ich, „ich bin kein Esel und weiß ganz gut, was ich zu erwarten habe. Und wenn’s das ärgste ist, es macht mirnicht viel. Ich habe schon zu viele Leute sterben sehen in diesen letzten Tagen. Aber eins will ich Euch doch noch sagen“, fuhr ich erregt fort: „Erstens: Ihr seid bös’ dran: Das Schiff verloren, der Schatz beim Teufel, Eure Leute tot und Eure ganze Sache schiefgegangen. Und wenn Ihr wissen wollt, wer daran schuld ist — ich! Ich war im Äpfelfaß an dem Abend, als wir Land sichteten und ich habe jedes Wort gehört, was Ihr, John, und Ihr, Dick Johnson, und Hands, der nun am Grund des Meeres liegt, gesprochen habt und ich habe es noch in derselben Stunde gemeldet. Ich habe das Ankertau des Schooners durchschnitten, ich habe die Männer an Bord getötet und ich habe die Hispaniola dorthin gebracht, wo keiner von euch sie wieder sehen wird. Keiner! Das Lachen ist auf meiner Seite. Ich habe vom ersten Moment an diese Sache geführt und ich hab’ nicht mehr Angst vor Euch als vor einer Fliege. Tötet mich, wenn Ihr wollt, oder laßt mich leben. Aber eins will ich noch sagen: Wenn Ihr mich verschont, soll alles Vergangene vergessen sein und wenn Ihr wegen Freibeuterei vor Gericht steht, werde ich alles tun, um Euch herauszureißen. Es ist an Euch, zu wählen. Ihr könnt noch einen Menschen umbringen und Euch damit nichts nützen oder Ihr könnt Euch einen Zeugen aufsparen, der imstande wäre, Euch vor dem Galgen zu retten.“
Ich mußte einhalten, denn ich versichere, ich war ganz außer Atem, doch zu meinem Erstaunen regte sich kein einziger von ihnen und sie starrten mich an wie die Schafe. „Und nun, Herr Silver,“ rief ich aus, „ich denke, Ihr seid der beste Mann hier und wenn’s dazu kommt, auch der ärgste, ich wäre Ihnen verbunden, wenn Ihr den Doktor wissen ließet, wie ich die Sache aufgefaßt habe.“
„Ich werde daran denken“, sagte Silver in einem so merkwürdigen Ton, daß ich um keinen Preis hätte entscheiden können, ob er über meine Bitte lache oder ob ihm mein Mut gefallen habe.
„Ich weiß noch etwas von ihm,“ rief der alte, mahagonibraune Matrose Morgan, den ich in der Schenke des langen John inBristol zum erstenmal gesehen hatte, „er war’s, der den schwarzen Hund erkannt hat.“
„Und seht her,“ sagte der Schiffskoch, „dazu kommt noch etwas dazu, beim Teufel, es war dieser selbige Junge, der dem Billy Bones die Karte abgeschwindelt hat. Vom Ersten bis zum Letzten ist uns dieser Jim Hawkins in die Quere gekommen!“
„Das soll er zahlen!“ rief Morgan mit einem Fluch und stürzte mit gezogenem Messer vor.
„Halt!“ schrie Silver. „wer seid Ihr eigentlich, Tom Morgan? Glaubt Ihr vielleicht, Ihr seid der Kapitän? Zum Teufel, ich werde Euch eines besseren belehren! Wenn Ihr mich wild macht, dann werdet Ihr bald dort sein, wo ich manchen festen Kerl in den letzten dreißig Jahren hinbefördert hab’. — Mir hat noch niemand ungestraft getrotzt, Tom Morgan, da könnt Ihr sicher sein.“
Morgan hielt ein, doch ein heiseres Gemurmel erhob sich aus der Schar.
„Tom hat recht“, sagte einer.
„Ich habe mich lange genug an der Nase herumführen lassen von anderen“, fügte ein zweiter hinzu, „ich will gehängt werden, wenn ich mich noch von dir auch foppen lasse, John Silver.“
„Will einer von euch, ihr Herren, mit mir anfangen?“ brüllte Silver, sich von seinem Sitze auf dem Faß weit nach vorne beugend, die noch immer brennende Pfeife in der Rechten, „dann sagt nur, was ihr wollt. Ihr seid nicht stumm, denke ich. Wer was von mir will, der kann’s haben. Bin ich dazu so alt geworden, daß irgendein Sohn einer Rumtonne jetzt gegen mich aufmucken darf? Ihr kennt die Gebräuche, ihr seid alle Glücksritter auf eigene Rechnung. Nun, ich bin bereit. Soll einen Säbel nehmen, wer es wagt, und ich will mir ihn inwendig anschauen, trotz meiner Krücke, ehe diese Pfeife ausgeraucht ist.“
Keiner rührte sich, keiner antwortete.
„Ihr wollt also nicht?“ fügte er hinzu, die Pfeife wieder zum Munde führend. „Na, ihr seid eine nette Gesellschaft zum Anschauen,aber zum Kämpfen nicht. Jetzt werde ich euch etwas sagen, falls ihr Englisch versteht: Ihr habt mich zum Kapitän gewählt. Ich bin euer Kapitän, weil ich der beste Mann auf eine Seemeile weit bin. Ihr wollt nicht wie ordentliche Glücksritter kämpfen, nicht wahr? Dann, in Teufelsnamen, werdet ihr gehorchen, das sage ich euch. Ich kann diesen Jungen gut leiden, ich hab’ nie einen besseren Jungen gesehen. Er ist mehr Mann, als irgendeiner von euch Ratten hier im Haus, und eins sage ich euch: Den möcht ich sehen, der ihn anrührt! Das hab’ ich zu sagen! Und ihr könnt mir’s glauben!“
Ein langes Stillschweigen folgte. Ich stand kerzengerade an der Mauer und mein Herz schlug wie ein Schmiedehammer, aber ich hatte wieder Hoffnung gefaßt. Silver lehnte sich an die Wand, mit gekreuzten Armen, die Pfeife noch immer im Mundwinkel und anscheinend vollkommen ruhig, als wäre er in der Kirche. Doch seine Augen wanderten unruhig hin und her und er beobachtete seine unbotmäßigen Genossen. Diese zogen sich allmählich an das andere Ende des Blockhauses zurück und das leise Zischen ihrer flüsternden Reden schlug an mein Ohr. Manchmal blickten sie auf, und das rote Licht der Fackel beleuchtete dann sekundenlang ihre nervigen Gesichter. Doch nicht mir, sondern Silver wandten sie ihre Blicke zu.
„Es scheint, ihr habt euch eine Menge zu sagen“, bemerkte Silver, weit in die Luft hinausspuckend. „Laßt hören, was ihr wollt.“
„Entschuldigung, Herr,“ erwiderte einer der Leute, „Ihr geht etwas frei mit den Regeln um, aber vielleicht werdet Ihr so freundlich sein und Euch an die übrigen Regeln halten. Die Mannschaft ist unzufrieden. Die Mannschaft mag sich nicht tyrannisieren lassen; die Mannschaft hat Rechte, wie jede andere Mannschaft, und ich bin schon so frei, aber es steht auch in Euern Regeln, daß wir miteinander reden können. Ich bitte um Entschuldigung, wir erkennen an, daß Ihr zurzeit Kapitän seid, aber ich verlange mein Recht und wir wollen draußen beratschlagen.“
Und mit umständlichem Seemannsgruß schritt der lange, übelaussehende, gelbäugige Kerl, der etwa fünfunddreißig Jahre alt sein mochte, gemächlich zur Tür und verschwand draußen. Einer nach dem anderen folgten die übrigen seinem Beispiel. Jeder salutierte, als er vorüberkam und sagte ein Wort der Entschuldigung. „Gemäß den Regeln“, sagte der eine. „Matrosenberatung“, sagte Morgan. Und so marschierten sie alle hinaus und ließen Silver und mich allein beim Licht der Fackel.
Der Schiffskoch legte sofort die Pfeife aus der Hand.
„Die Sache ist so, Jim Hawkins,“ sagte er in kaum hörbarem Flüsterton, „du stehst hart vor dem Tod, und, was viel ärger ist, vor dem Gemartertwerden. Sie wollen mich absetzen. Doch wohlgemerkt, ich stehe zu dir in Dick und Dünn. Das war vorher nicht meine Absicht, ich meine, ehe du gesprochen hattest. Ich verzweifelte schon an dieser ganzen Sache und dachte schon, daß ich auch noch gehängt werde. Aber ich sehe, du bist schon der Richtige, und nun sage ich: Du stehst zu Hawkins, John, und Hawkins wird zu dir stehen. Du bist seine letzte Karte, und, zum Donner John, er ist deine letzte! Rücken an Rücken, sage ich. Du rettest deinen Zeugen und er wird dir deinen Hals retten.“
Ich begann dunkel zu begreifen.
„Ihr glaubt, alles ist verloren?“ fragte ich.
„Natürlich!“ antwortete er. „Schiff weg, Hals weg — so sieht die Sache aus. Als ich auf die Bucht hinausschaute, Jim Hawkins, und kein Schiff sah — nun, ich bin zäh, aber da habe ich’s aufgegeben. Was diese Kerle da und ihre Beratung betrifft, das sind ja ausgemachte Narren und Feiglinge. Ich werde dein Leben retten — wenn es irgendwie geht —, doch Jim, du mußt den langen John vor dem Galgen schützen!“
Ich war bestürzt, denn es schien so eine hoffnungslose Sache, die er da forderte — er, der alte Freibeuter, der Rädelsführer von Anbeginn.
„Was ich tun kann, werde ich tun“, sagte ich.
„Abgemacht!“ schrie der lange John. „Du wirst mutig für mich sprechen, und zum Donnerwetter, es wird schon gelingen!“
Er humpelte zu der Fackel, die zwischen dem Brennholz befestigt war, und zündete wieder seine Pfeife an.
„Versteh mich recht, Jim,“ sagte er dann, „ich bin ein vernünftiger Mensch. Ich bin jetzt auf der Seite des Squire. Ich weiß, Ihr habt das Schiff irgendwo. Wie Ihr das gemacht habt, weiß ich nicht, aber es wird schon irgendwo sicher liegen. Ich nehme an, Hands und O’Brien sind erledigt. Von denen habe ich nie viel gehalten. Jetzt paß’ auf: Ich stelle keine Fragen und lasse auch andere keine stellen. Ich weiß auch, wenn ein Spiel verloren ist, ganz genau weiß ich das, und ich weiß auch, wie ein tüchtiger Kerl ausschaut. Ja, du, der du jung bist und ich, wir zwei, miteinander hätten schon was ausrichten können.“
Er goß sich etwas Kognak aus dem Faß in ein Zinnfläschchen.
„Willst du probieren, Kamerad?“ fragte er. Und als ich ablehnte: „Nun, ich werde einen Zug machen, Jim, ich brauch eine Herzstärkung, böse Dinge stehen bevor.
Übrigens, Jim, weil wir schon davon reden, warum mag mir nur der Doktor diese Karte gegeben haben?“ Mein Gesicht drückte so ungekünsteltes Staunen aus, daß er die Überflüssigkeit weiterer Fragen einsah.
„Nun, er gab sie mir“, sagte er. „Irgend etwas steckt schon dahinter, kein Zweifel — Schlechtes oder Gutes.“
Und er nahm noch einen Schluck Branntwein und schüttelte sorgenvoll seinen großen blonden Kopf wie einer, der sich auf’s Ärgste gefaßt macht.
Als die Beratung der Freibeuter eine Zeitlang gedauert hatte, kam einer von ihnen in das Haus zurück und bat, neuerlich salutierend, und zwar mit einer Höflichkeit, die mir ironisch vorkam,ihm einen Augenblick die Fackel zu leihen. Silver gestattete es und der Abgesandte zog sich zurück und ließ uns im Dunkeln.
„Es kommt eine Brise, Jim“, sagte Silver der nun schon einen ganz freundlichen und herzlichen Ton angenommen hatte.
Ich schaute durch die mir nächstgelegene Schießscharte hinaus. Das große Feuer war jetzt fast niedergebrannt und glühte nur mehr so schwach, daß ich das Ersuchen der Verschwörer um eine Fackel begriff. Etwa auf dem halben Wege den Abhang hinab zur Palisade waren sie in einer Gruppe versammelt. Einer hielt das Licht, einer kniete in der Mitte, und ich sah die Schneide eines offenen Messers im Lichte des Mondes und dem Schein der Fackel vielfältig aufblitzen. Die übrigen standen alle nach vorn gebeugt, so, als ob sie die Bewegungen des einen in der Mitte beobachteten. Ich konnte gerade noch ausnehmen, daß er außer dem Messer auch ein Buch in der Hand hielt, und wunderte mich noch, wie etwas so nicht zu ihm Passendes in seinen Besitz kam, als der Kniende sich wieder erhob und die ganze Gesellschaft gegen das Haus zu schritt.
„Da kommen sie“, sagte ich und kehrte in meine frühere Haltung zurück; denn es schien mir unter meiner Würde, mich bei ihrer Beobachtung ertappen zu lassen.
„Aber ja, sollen nur kommen, Junge — laß sie nur kommen“, sagte Silver vergnügt. „Ich hab’ schon noch einen Schuß in meinem Köcher.“ Die Tür ging auf, und die fünf Männer, die zusammengedrängt gerade in der Türöffnung standen, stießen einen vorwärts. Unter anderen Verhältnissen wäre es komisch gewesen, sein zaghaftes Nähern zu beobachten, wie er einen Fuß vor den anderen setzte und dabei seine geschlossene rechte Hand vorstreckte.
„Komm nur vor, mein Junge,“ rief Silver, „ich werde dich nicht fressen. Gib es her, du Tölpel! Ich kenne die Regeln und werde doch eine Deputation nicht beleidigen.“
So ermutigt, trat der Freibeuter etwas kühner vor, und nachdem er Silver einen Gegenstand in die Hand gedrückt hatte, schlüpfte er ein wenig gewandter zu seinen Gefährten zurück.