V
Heinrich Craner lehnte sein Rad an das weißgemalte Gitter und ging den Kiesweg nach dem Hause hinauf. Die grüne Tür war verschlossen. Eine schwarze Katze lag davor und blinzelte in der Sonne. Er faßte nach dem Messingklopfer und weckte die Stille drinnen im Hause. Ein Klappern wurde hörbar, der Riegel wurde zurückgeschoben. Gesch Margrets Gesicht glänzte im grünen Rahmen.
»Sind Fräulein Hellweges zu Hause?«
»Besuk ...!« stotterte sie und sah hilfesuchend über die Diele zurück.
Craner wurde durch die dämmerige Diele gewiesen, wo schon der Mittagstisch gedeckt stand. Das Mädchen öffnete ihm die Wohnstube und knallte die Tür hinter ihm zu.
Nun stand er allein in dem kühlen, fein nach Lavendel riechenden Zimmer. Er sah sich um. Da war nichts Außergewöhnliches. Die Möbel standen umher wie überall, die Blumen blühten auf den Fensterbänken, an den Wänden hingen Bilder. Da war weder übertriebene Ordnung, noch aufdringliches Wesen. Und doch berührte ihn alles wohltuend. War hier nicht mit einer gewissen kühlen Präzision der Charakter fein empfindender Menschen ausgesprochen?! Eine feine Novelle hätte in diesem Raum spielen können. Er suchte nach Dingen, die ihm diesen Eindruck übermitteln mochten, er betrachtete die verschiedenen Gegenstände, da öffnete sich die Tür, und Agnes Elisabeth trat ein. Ein weiß und blaßlila gestreiftes Kleid trug sie, mit vielen Rosenrüschen und Falten; es mochte noch aus der Zeit ihrer Großmutter sein.
Craner trat auf sie zu.
»Ich glaube, Sie kennen mich nicht mehr, Fräulein Hellwege. Mein Bruder schickt mich; ich soll Ihnen einige Vormundschaftspapiere überbringen.«
»O doch! Ich erinnere mich,« sagte Agnes Elisabeth ruhig. »Sie waren bei Papas Begräbnis, nicht wahr? Es tut mir leid, daß Sie unsertwegen den weiten Weg haben machen müssen. Wollen Sie mit in den Garten kommen?«
Craner ging neben Agnes Elisabeth über die Diele. Er bemühte sich, durch das rote Gewirr ihrer Haare die Augen zu erkennen. Diese Augen interessierten ihn. Er hatte ihre Farbe im Zimmer nicht finden können. Sie fühlte seinen Blick, und das machte sie befangen. Noch niemand hatte Agnes Elisabeth befangen gemacht.
Sie kamen in den Garten. Da war ein schimmerndes Schweigen. Sie gingen über die seidenglatten Nadeln der Tannenallee. Auf dem Rasen saß Evelyn unter einem Hängerosenbusch. Neben ihr schillerte Pfauengefieder in der Sonne. Wie eine Märchenprinzessin sah sie aus. »Du bist so faul, wie du lang bist!« rief sie nach der Laube drüben. »So faul! Steh doch selbst auf! Ich sag’ ja: so faul, wie du lang bist!« Sie strich über den Pfauenhals. »Nicht? wir bleiben hier sitzen!« Und dann zerpflückte sie die Rosen in ihrem Schoße.
Aus der Laube kam ein träges Summen, das irgendein sentimentales Lied bedeuten konnte.
»Dort ist Tante Sophies Patenkind,« sagte Agnes Elisabeth zu Craner. »Evelyn!« rief sie hinüber.
Das Weiße auf dem Rasen sah sich nach allen Seiten um, suchte nach einem Schuh und kam dann langsam auf die beiden zu. Erst, als sie vor ihnen stand, hob Evelyn die Augen. »O so!«
»Ich soll Sie grüßen von Tante Sophie, Fräulein Evelyn!«
»So, dann sind Sie der Bruder von Onkel Wilhelm! Es ist nett, daß einmal jemand zu uns kommt!«
»Wilhelm begreift Sie gar nicht in Ihrer Vorliebe für die Einsamkeit, Fräulein Hellwege,« wendete sich Craner an Agnes Elisabeth.
»Nein, ich glaube sogar, er hält uns für überspannt und absonderlich. Und das sind wir doch wirklich nicht!« Sie sah lächelnd an sich herunter. Der Großmutter Kleid machte sie ein wenig erröten.
»Nun, wie alle Welt sehen Sie nicht aus!« meinte er mit ruhiger Anerkennung.
Evelyn ging auf den Rasen. »Marianne, ein Er ist da.«
In der Laube schwieg es eine Weile, dann gab es einen Krach, — und dann einen Plumps.
»Meine schöne Hängematte!« jammerte Evelyn.
Rosenrot und schläfrig erschien Marianne.
Unten um die Ecke bog Julie, mit einem Buch in den Händen.
Craner wußte, daß es vier Schwestern waren. Vier, — das war sonst so übersehbar gewesen; er hatte dabei die Empfindung von etwas angenehm Handlichem gehabt. Jetzt aber erschien es ihm plötzlich weich und unbestimmt.
Er begrüßte die beiden anderen Schwestern.
Marianne war ein wenig enttäuscht. Als sie die Hängematte verließ, hatte sie eine kleine Hoffnung gehabt, es könne der Lehrer sein. Sie hatte bereits die schauernde Wärme geheimnisvoller Strahlen empfunden, die von ihr ausgehen und den ungelenken Mann verwirren würden. Nun war es bloß des Vormunds Bruder, der ihr freundlich guten Tag sagte, ohne bewundernd die Augen aufzureißen. Sie dachte plötzlich an Lukas Allm mit Sehnsucht.
Julie stellte inzwischen mit sachlicher Kühle das Äußere ihres Gastes fest. Er war gut angezogen. Der Kragen hätte eine Kleinigkeit niedriger sein können, aber der Schlips hatte eine ruhige Farbe, die zum Anzug und auch zum Gesicht paßte. Seine Bewegungen waren angenehm und sicher, manchmal sogar schön; wenn er im Gespräch die Hand erhob und mit leicht gekrümmten Fingern eine dokumentierende Geste machte, gab es eine gute Linie. Und in allem, was er sagte, war eine lächelnde Bestimmtheit. Übrigens wandte er sich oft an Agnes Elisabeth und sah sie dabei mit freudigem Interesse an. Das war amüsant.
»So bin ich denn auf ein Jahr herübergekommen, um in Berlin noch genauere Studien über Tropenkrankheiten zu machen und das Material, das ich drüben gesammelt habe, durchzuarbeiten,« erzählte er.
Marianne hatte eine Abneigung gegen alle Ärzte. Sie dachte immer gleich an Operationen, rote Narben und Karbolgeruch. Sie blieb mit Evelyn zurück, und die beiden warfen sich mit Tannenzapfen.
»Sie sollten auch nach Berlin gehen, Fräulein Julie,« meinte Craner. »Mein Bruder sagt mir, daß Sie es mit Ihren Studien sehr ernsthaft meinen. Er ist der Ansicht, Sie sollten sich nicht hier vergraben, sondern ein Examen machen.«
»Warum?« fragte Julie ruhig.
»Sie erreichen dann doch ein Ziel, bringen Ihre Arbeit zu einem gewissen Abschluß und kommen mitten in das wissenschaftliche Leben hinein. Auch gewinnen Sie eine noch viel tiefere Freudigkeit zu Ihrem Beruf, wenn Sie für andere Menschen arbeiten und dabei Erfolge sehen!«
Julie lehnte den Kopf etwas zurück und faßte ihr Buch mit beiden Händen. »Ich möchte nicht für andere Menschen arbeiten! Was ich tue, geschieht nur für mich selbst!« sagte sie langsam.
Craner sah sie erstaunt an. »Priesterin des neuen Glaubens«, fuhr es durch seinen Kopf.
Agnes Elisabeth lachte kurz. »Nicht wahr, Sie halten uns für sehr egoistisch?«
»Das sind wir schließlich alle,« lenkte Craner ein. »Aber ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, daß es Freude macht, seinen Mitmenschen zu helfen. Natürlich ist auch diese Freude eigentlich eine selbstsüchtige Empfindung, doch ...«
»Ich will nach meinem Geschmack leben; weil meine Arbeit ihm entspricht, tue ich sie,« sagte Julie und brach eine weiße Rose ab. »Wenn andere Menschen etwas von meiner Arbeit haben, soll es mich freuen. Aber dies ist nicht der Zweck, den ich verfolge; ebensowenig, wie es mir auf Erfolg ankommt.«
»Das ist sehr heldenmütig!« sagte Craner mit leisem Spott und lächelte.
»O nein!« kam es kühl zurück.
»Übrigens führen Sie Ihre Idee auch nicht ganz durch!« begann Craner wieder. »Sie leben hier doch alle füreinander, nicht wahr?«
»Ich glaube nicht,« sagte Julie. »Nebeneinander! Nur Agnes Elisabeth, ja!« Sie drehte den Kopf hinüber. »Sie lebt für uns! Aber sie ist auch die Güte selbst!« fügte sie mit heiterem Lächeln hinzu.
Agnes Elisabeth schwieg, als Craner sie anblickte. Sie kam sich plötzlich so allein mit ihm vor, und es war gut, daß Gesch Margrets Schürze erschien. Das Essen ging kurz vorüber. Craner erzählte von seinem Aufenthalt in Kapstadt. Er hatte treffende Vergleiche, satte Farben. Die Schwestern hörten angeregt zu. Evelyn genoß das Weite, Unbekannte, und schwelgte in der Empfindung von noch blauerem Himmel, von Wärme, die noch heißer flimmerte. Mariannes Phantasie ging in die silbernen Mondnächte hinein; sie sehnte sich nach der lauwarmen Luft, die ihren Körper streicheln und ihr heißes Blut in Erregung bringen würde.
»Und nun wollen Sie ein ganzes Jahr in Berlin bleiben?« fragte Julie.
»Ja, bis zum nächsten August. Ich freue mich auf diese Zeit. Man kann in einer großen Stadt viel intensiver arbeiten. Es gibt da so viele Hilfsmittel, die einem die Arbeit erleichtern. Die hat man draußen nun einmal nicht. Auch Sie sollten das bedenken, Fräulein Julie. Bibliothek, Kunstsalons, Vorträge sind immerhin eine schätzenswerte Beigabe, auch wenn man nur dem eigenen Geschmack leben will.«
Er lächelte.
»Nein, wir wollen alle zusammen in unserem Hause bleiben! Das haben wir uns versprochen, nicht wahr, Agnes Elisabeth?«
»Also doch Altruismus!« meinte Craner.
Julie warf den Kopf zurück.
Die Erdbeeren waren gegessen, Agnes Elisabeth hob die Tafel auf. Marianne und Evelyn gingen wieder ihre eigenen Wege, Julie holte sich ein Buch.
Craner stand plötzlich mit Agnes Elisabeth allein in der Laube, in der eine grüngoldene Dämmerung zitterte. Sie hatte ihre kurzen weißen Hände auf den Tisch gestützt; in ihrem Haar flimmerte halbes Licht.
Craner fühlte mit einem Male die Einsamkeit, an der dieses Geschöpf ihre Kraft und ihre Liebe verzehrte. Der Hauch von Mütterlichkeit, der wie ein Goldton über ihrem Wesen lag, berührte ihn schmerzlich. Mit beiden Händen gab sie den Schwestern, was sie an Liebe besaß; aber keine dankte es ihr.
Er nahm die Papiere heraus, die ihm sein Bruder mitgegeben hatte.
»Darf ich Ihnen kurz erklären, um was es sich handelt?«
Agnes Elisabeth blickte auf und war sofort bei der Sache. Sie setzte sich auf die Bank, Craner zog einen Korbstuhl heran.
Mit sachlicher Stimme erläuterte er den schwülstigen Geschäftsstil der Formulare; auf einem Blatt Papier machte er ihr verständlich, wie sie dieselben zu behandeln hätte.
»Hier müssen Sie dann die verschiedenen Daten ausfüllen, also etwa: Agnes Elisabeth, in diese Rubrik hier: geboren den so und so vielten, und so weiter. Nicht wahr, Sie verstehen mich?«
Agnes Elisabeth hörte aufmerksam zu. Sie empfand ein neues Wohlbehagen. Sie lehnte sich an diese ruhige Stimme an. Nun würde schon alles in Ordnung kommen.
Dann sprach er von ihrem Einsiedlerleben. »Ich glaube Sie zu verstehen,« meinte er freundlich. »Sie sind in engster Verbindung mit der Natur, die Ihnen immer mehr geben kann, als Menschen es vermögen. Rücksichten auf die kleinen Dinge des Alltags sind hier kaum vorhanden. Und darum laufen Sie wenig Gefahr, sich selbst zu verlieren.«
»Wir haben es von Mama so übernommen,« sagte Agnes Elisabeth weich. »Und wir sind glücklich darin. Verstanden hat uns bis jetzt freilich noch niemand. Aber wozu braucht man Verstehen?« In ihren Augen war wieder jene Verschlossenheit sichtbar, die jeden Einblick in ihre Empfindungen kühl zurückwies.
Craner staunte. Dieser sprunghafte Wechsel zwischen Bewegung und geraden, harten Linien! Eine knisternde Unruhe, gleich einem Feuer, das mitten in der Heide emporzuckt und fliehend über lange Strecken flirrt.
»Ich weiß nur nicht,« begann er wieder, »ob nicht doch mit der Zeit andere Bedürfnisse aufwachen werden ...«
»Dann wird man weitersehen,« sagte sie, stand auf und legte die Papiere zusammen.
Das grüne Licht umhüllte sie kalt und trennte sie plötzlich von ihm. Diese Luft stand feindlich gegen ihn auf; das blasse Gesicht schien zu sagen, daß er nun entlassen sei. Dann kann ich mich ja wohl verabschieden, dachte er. Er erhob sich gleichfalls.
»Ich glaube, es wird Zeit, daß ich an den Heimweg denke!«
»Ich hoffe, daß Sie noch einmal wiederkommen, bevor Sie nach Berlin gehen!« sagte sie und gab ihm die Hand.
»Ist es Ihnen wirklich recht, wenn ich Sie noch einmal aufsuche?«
»Ich meine immer das, was ich sage!« Sie zog etwas ungeduldig die Augenbrauen zusammen.
Die zwei gingen den Seitenweg am Hause entlang. Die Hecke machte die Luft stickig; erdwarm und medizinisch roch der Buchsbaum.
Evelyn kam ihnen aus der Seitentür entgegen, mit einem riesigen Strauß von Heliotropen und weißen Rosen. »Bringen Sie den, bitte, Tante Sophie mit!«
Marianne saß auf der Bank vor dem Hause. Sie träumte in die Landstraße hinaus, die von Hellweges Haus schnurgerade in die Heide führte. Ihre Gedanken hingen ganz dort hinten, wo die Bäume sich zu einer bläulichen Wölbung zusammentaten.
Craner verabschiedete sich. Es gelang ihm nicht, einen herzlichen Ton zu finden, so sehr er auch darnach suchte. Agnes Elisabeths Augen standen ihm im Wege.
Aber diese Augen begleiteten ihn die lange Chaussee hinunter, und wenn er in die Sonne blickte, sah er sie in flimmernden Kreisen vor sich.
Über den Wiesen wetterleuchtete es. Ein schwacher Donner grummelte in der Ferne. Ein schwüler Heugeruch zog geheimnisvoll durch das weitgeöffnete Fenster. Draußen war es schwarz. Nur von den bekalkten, krumpeligen Stämmen der Birnbäume ging ein Leuchten aus, als ständen da nackte Beine im Grase. Wenn die Blitze kamen, war für Augenblicks Weile der Tag in fahlem Lichte da. Totenstill war es. Das verhaltene Murren klagte über die Ebene, und diese ferne Klage machte das Schweigen nur tiefer.
Wie leer war dies Schweigen! Agnes Elisabeth sah stumm hinein. Die Stille starrte sie an, wie die toten Räume ihres Inneren. Wie leer war es auch dort!
Die Schwestern bei der Hand nehmen wollte sie und sie führen, aber sie gingen ihre Wege allein. Sie wollte der Mutter blumenstilles Empfinden weiterleben heißen in diesem lieben Hause, aber der Rhythmus wollte nicht mehr stimmen, und neue Melodien wachten auf, die denen besser klangen; sie wollte so gern für andere leben und ihnen helfen, aber hier war nichts zu helfen; sie waren Naturen, die nur sich selbst vertrauten; sie sehnte sich nach Hilfsbedürftigkeit, die leises Streicheln brauchte; wie weich hätte ihre kurze Hand streicheln können. Aber es war keiner da! Evelyn vielleicht noch eine kurze Weile, aber dann ...?
Die Blättermassen draußen blickten regungslos auf sie herein, mit starren Augen. Ängstigend und unbewegt stand jenes Versprechen vor ihr. »Daß die Kinder eine Heimat behalten«, hatte die Mutter gesagt, »geh du nicht von ihnen.« Sie hatte es ihr versprochen, in einem Taumel schmerzlicher Begeisterung, die diese Lebensaufgabe mit beiden Händen erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte. Aber wie anders sah nun die Wirklichkeit aus! Hätte die Mutter nicht eigentlich wissen müssen, daß dieser letzte Wille für Agnes Elisabeth die Ursache eines zwecklosen Daseins werden würde!? Von vornherein waren die Kinder gelehrt worden, zuerst sich selbst zu suchen, um sich dann aus eigner Kraft des Lebens Wertvollstes zu sammeln. Nun sollte sie denen eine Heimat sein, die doch bei sich selbst zu Hause waren und keine andre Heimat brauchten.
Waren Frau Hellwege vielleicht in letzter Stunde Zweifel gekommen, ob der Weg, den sie den Kindern gewiesen hatte, der richtige sei? Oder hatte die Angst vor dem Tode ihren Glauben zittern lassen, daß sie nach Händen gegriffen hatte, denen sie ihren liebsten Besitz anvertrauen könnte?
Jedenfalls hatte Agnes Elisabeth das Versprechen gegeben und mußte es halten; und sie wollte es auch. Daran war kein Zweifel.
Wie würde ihr Leben nun weiter gehen?
Es blitzte. Draußen auf dem Rasen lag noch Evelyns Hut.
Sie würde den Haushalt besorgen und alles mit den Geschwistern teilen. Was würde sie von diesen zurückempfangen? Sie würde geben, geben! Aber das würde niemals seliger sein als Nehmen! Sie strich mit der Hand über ihre Arme. Ein schwüler Windschauer ließ das Laub draußen verschlafen rascheln. Die Baumkronen wiegten sich sehnsüchtig zueinander.
Ein Rieseln stieg in ihrem Nacken auf und glitt kalt über den Rücken hinunter.
Was sie aber brauchte ...?!
Sie glitt von der Fensterbank hinab und stand in der Mitte des Zimmers. Sie streckte sich plötzlich lang auf die harten Holzdielen aus. Die Arme preßten sich gerade an ihren Körper, als müßten sie ihn festhalten.
Ja, was sie brauchte! Liebe brauchte sie, und immer und immer wieder Liebe. Sie wollte Liebe geben, aber sie wollte sie auch nehmen!
Die Blitze zuckten über ihren weißen Körper, die Bäume sahen erschrocken herein. Da lag sie und krümmte sich unter den Schmerzen ihrer Sehnsucht.
Eine schwere Wärme dämmerte vor ihrem Gesicht. Vor ihren Augen tanzten Funken.
Drüben im Alkoven standen zwei brennende Kerzen. Mit heiliger Ruhe leuchteten ihre Flammen. Sie ließen die knisternde Masse des Haars kupfergolden glühen, rostbraun erlöschen. Und ein feiner Rauch stieg gerade in die Höhe, wie eine Bitte, daß dieses Opfer Gnade finden möge.
So lag Agnes Elisabeth lange. Als warte sie in dieser Stille auf Erlösung.
Aus braungoldiger Tiefe tauchte ein grünbeschirmtes Nachtlicht auf, dessen Leuchten rötlich durch eine weiße Hand schimmerte. Eine blasse Helle tastete durch das Zimmer.
Julie blieb vor dem Körper der Schwester stehen und betrachtete ihn.
Agnes Elisabeth zog ihre Glieder zusammen und richtete sich auf. Ihre Augen fanden Julie nicht sogleich; sie sah die Kerzen, das Nachtlicht und die zuckenden Schatten auf der Tapete; sie hörte den leisen Regen.
Eine stumpfe Pause dehnte sich.
»Evelyns Hut wird naß werden!« sagte sie. Sie besann sich.
»Was willst du noch so spät, Julie?« —
»Das Glucksen in der Regentonne läßt mich nicht einschlafen. Hast du nicht irgend etwas Einschläferndes? Ich habe schon so viel wirres Zeug durcheinandergeträumt!«
Agnes Elisabeth stand auf, ging auf die Diele und holte von dem Büfett die Obstschüssel.
»Komm, Äpfel helfen am besten.«
Julie nahm einen und biß krachend in die Schale. Der Apfelduft brachte vieles wieder in Ordnung.
Agnes Elisabeth flocht ihr Haar in einen strammen Zopf und war ganz die alte.
Julie setzte sich auf einen Strohstuhl und stützte die Arme auf die Knie.
»Ich glaube, ich gehe nun doch nach Berlin,« sagte sie gemächlich. »Das Fleisch schmeckt, wie Seide. Etwas fade! Man kann vielleicht dort besser arbeiten.«
Agnes Elisabeth setzte sich unschlüssig auf den Bettrand. »Wenn du meinst — natürlich! Aber ich denke, du arbeitest nur zu deinem Vergnügen?«
Julie machte mit dem halben Apfel eine Geste.
»Das tue ich auch! Aber was Craner sagte, hat mich berührt. Wenn ich jetzt in die Stadt fahre, um mir Bücher zu holen, wie ist das umständlich! Dort habe ich jeden Tag alles zur Verfügung. Und ich will alles nehmen, was ich haben kann.«
»Dann werden wir also nicht zusammen bleiben?«
»Nein! Das heißt, ich komme natürlich wieder; vielleicht ein, zwei, drei Jahre bleibe ich in Berlin, dann nehme ich mir irgendeine große Arbeit mit hierher und wohne wieder bei euch.«
Agnes Elisabeth zog die dünne Decke herauf und legte den Kopf ins Kissen. »Du kannst tun, was du willst,« sagte sie müde.
Julie legte das Kerngehäuse auf den Teller.
»Es ist doch gut, daß wir unser Leben so genießen können, wie wir es uns wünschen.« Sie dehnte sich behaglich.
»Wir ...?« dachte Agnes Elisabeth.
»Genießen ist die vornehmste Kunst des Lebens,« sagte Julie und stand gähnend auf. »Gute Nacht! Soll ich die Lichter ausmachen?«
»Bitte!« kam es vom Alkoven. Die Flammen, eine nach der anderen, beugten sich zur Seite, duckten sich und verloschen.
Das Nachtlicht zog langsam ab, die bloßen Füße tappten über die Diele.
Agnes Elisabeth lag allein, im Dunkeln. Ein lächelnder Schimmer war noch in ihren Augen. Genießen ...?! Aber dann wurde er breit, höhnisch und grinsend.