VII
Wenn Evelyn etwas Heimliches tat, so geschah es, wo die Äste der breiten Kastanie einen Saal bildeten, dessen Tapeten stumpfgrüne Blätter waren, während von der Decke ein Dämmerlicht herniederfloß, wie von Flammen, die durch feine grüne Seide hindurchzitterten. Es war der siebente Ast in der Höhe. Er war breiter als die anderen und gab mit dem Stamm als Rückenlehne einen bequemen Platz. Bequem, wenn man dünn war, nicht allzu groß und dichtes blondes Haar als Kissen hatte.
Dort saß sie nun jeden Tag, nach Tisch, wenn Agnes Elisabeth noch im Haushalt zu tun hatte, Julie in ihrem Zimmer las und Marianne in der Laube an ihrem Tagebuch schrieb. Marianne schrieb nämlich seit einigen Wochen auf goldgeränderten Seiten Gefühle nieder.
Hier war die Erde weit weg von ihr, und in dem Stückchen Himmel da oben gab es weite Möglichkeiten, in die ihre Träume ahnungsvoll hineingingen.
Wenn ihr Kleid von den angehockten Knien herabglitt, dann war es wie der Spitzenschleier einer Fee oder die seidene Schleppe einer Prinzessin. Vielleicht auch nichts davon, nur eine schöne Linie und das Bewußtsein, daß sie ihr zugehörte.
Der grüne Saal war heute eine Halle mit Bogenfenstern und Säulen, morgen ein Garten mit fremden Bäumen, die es nirgends gab, und Blumen voll kühlen Dufts.
Und Schmetterlinge kamen, sie zu besuchen, Kavaliere in Seide oder träumende Boten von Märchenufern.
Ganz, wie es ihr beliebte.
Doch seit acht Tagen lag zwischen den Ästen eingeklemmt da oben ein Buch. Und wenn Evelyn dort saß, dann sah man nur etwas Weißes, das sich zusammenkauerte, und in der Mitte — alle Linien schienen da hineinzulaufen — dieses grüne Buch.
Das war Jens Peter Jakobsens »Frau Marie Grubbe«.
Da las sie nun von allen den seltsamen Dingen, die es in der Welt gibt. Mit kühlem Grausen las sie davon.
Und zum ersten Male streckte sie ihre Hände nach des Lebens Wirklichkeiten aus.
Und was das Heimliche betrifft, so hatte Julie ihr das Buch nicht geben wollen, aber sie hatte es sich genommen.