XVII
Frisches Grün, Frühlingsduft, leichte Staubwolken: das war Julies erster Eindruck von Berlin. Und eigentlich enttäuschte er sie. Bäume und Büsche, das konnte sie zu Hause auch haben, und besser; die hier waren ja nur aufgebaut und hingestellt und konnten gewiß einen richtigen Sturm nicht vertragen. Sie wollte Häusermassen haben, Menschengewühl, Lärm und Spektakel. Es müßte ein Gedränge sein, daß man Angst bekäme. Hier so gemächlich dahinzufahren, wie mit Teetjes Gaule ...
»Ja, Evelyn ist nun bei Tante Sophie.«
»Und das junge Paar?«
»Auf der Hochzeitsreise! Sie waren zuerst in Berlin, sind aber schon nach Dresden weitergereist. Wir wissen noch nicht viel von ihnen; wir haben nur ein paar Ansichtskarten bekommen.«
Ein Coupé mit einem gut angezogenen Kutscher rollte vorüber. In Craner breitete sich ein behagliches Gefühl aus, er dachte plötzlich an Ellinor Grünhagen.
»Agnes Elisabeth ist nun ganz allein!« sagte Julie kalt.
»So!« Die angenehme Empfindung war sofort zerstört. Craner machte ein verlegenes Gesicht. Er war erbittert. Sie schwiegen, bis der Wagen vor der Pension am Nollendorfplatz hielt.
»Sie erlauben, daß ich Ihnen gelegentlich etwas von Berlin zeige?« Er war stolz, daß er seine Verstimmung mit ruhiger Überlegenheit verbarg. Übrigens war Julie eigentlich ganz pikant, und dann machte es auch einen guten Eindruck, wenn man sich einer Verwandten ritterlich annahm.
Es sei liebenswürdig von ihm, sie wolle daran denken!
Das war nun ihr Zimmer. Eine Atmosphäre von braunem Plüsch. Man konnte nicht mehr und nicht weniger verlangen. Für den Preis gab es eben dieses Zimmer. Jeder Gegenstand darin schien zu wissen, daß er mit dazu beitrug, die Höhe dieses Preises zu bestimmen. Die Aussicht auf die Anlagen, das Sofa, der Schreibtisch, dies alles war eingeschätzt worden und ergab, zu der Lage und der Verpflegung hinzuaddiert, den Wert pränumerando.
Dann erschien auch Fräulein Meusel, in einem blauen Schneiderkleid mit Litzenbesatz.
»Herzlich willkommen, mein liebes Fräulein Hellwege. Ich hoffe, Sie fühlen sich bei uns wohl!« sagte sie mit kühler, geschäftsmäßiger Freundlichkeit.
Julie war angenehm berührt. Sie machte den Eindruck einer Dame, sie wollte nicht mehr sein, als sie war, und führte ihre Pension und schrieb ihre Rechnungen. Allerdings, Rechnungen mußte sie schreiben ...
Dann ging man zu Tisch.
»Fräulein Auguste Berg, unsere Gelehrte, Fräulein Liecke, Sängerin, Fräulein Thea Allenbach, unsere kleine Bildhauerin.« Damit setzte sie sich.
Gleich während der Suppe fühlte Julie sich von drüben fixiert. Sie bemerkte mit Unbehagen, wie Thea Allenbachs Augen über ihr Gesicht gingen und in jede Ecke stöberten. Erst lachte sie gezwungen, aber schließlich fragte sie über den Tisch hin:
»Warum sehen Sie mich immer an?«
»Oh, ich bin Bildhauerin! Sie haben so ein entzückend schmales Kinn! Dieser Zug hier ...« Sie machte eine affektierte Bewegung. »Sie haben gewiß schon viel erlebt!«
Julies Hand strich über ihren Hals.
»Ich bin Künstlerin, wissen Sie, und da achtet man auf alles!«
»Sie sehen heute recht blaß aus!« sagte Fräulein Meusel zu der Sängerin.
»Mein Herz wollte mal wieder nicht mit!« erklärte Fräulein Liecke mit wehleidigem Pathos. »Nächste Woche soll mein Konzert sein und ich kann nicht singen. Mit mir wird’s wohl überhaupt bald zu Ende gehen.«
»Ach was, Liecke,« sagte Thea, »erst werden Sie die Welt noch von sich reden machen. — Fräulein Liecke hat eine himm—lische Stimme!« wendete sie sich an Julie.
»Eine Altstimme?«
»Und was für eine! Zwei Töne tiefer als ein Ochse, sagt ihr Professor!«
Die Unterhaltung amüsierte Julie. Übrigens war sie auf diese Altstimme gespannt. Wenn Fräulein Liecke sprach, hatte sie vorläufig keinen anderen Eindruck, als eine Erinnerung an Öl und Vanillegeruch.
»Sind Sie auch musikalisch?« fragte Fräulein Meusel.
»Nein, eigentlich nicht,« entgegnete Julie.
Auguste Berg rückte ihren Klemmer zurecht.
»Endlich mal eine, die nicht Kunstenthusiastin zu sein scheint. Gott sei Dank! Heutzutage, wissen Sie, haben die jungen Mädchen überhaupt nichts anderes im Kopf als Kunst. Die notwendigsten Fragen des Lebens,« sie nestelte an ihrem Kragen, »die notwendigsten ...«
Julie dachte, sie würde es nun wohl so oft sagen, bis der Kragen zugehakt wäre. Und da es nicht kam, nahm sie es ab. »Die notwendigsten Fragen? Sie interessieren sich also dafür?«
»Ja, gewiß!«
»Ja unserer Zeit, wo endlich die Frau erwacht, wo sie ihre Persönlichkeit findet, wo wir neue Bahnen gehen und das Feld unsrer Tätigkeit mehr und mehr erweitern, ist es die Pflicht jeder Frau, wenn sie überhaupt Anspruch auf den Namen Frau erheben will, mitanzufassen!«
»Struve hält die ägyptische Kunst überhaupt für die größte. Struve ...«
»Gott, hören Sie auf!« sagte die Liecke, »wir wissen, Struve ist der einzige Künstler! Struve, Struve ...«
»Ist nicht eine Salome von ihm?« fragte Julie hinüber.
»Diewarvon ihm,« meinte Thea geringschätzig. »Über die ist er aber längst hinaus!«
Julie hatte die Empfindung von rosa Gazewolken, auf denen die kleine Künstlerin schwebte. »So! Mir hat sie auch nicht gefallen!« sagte sie ruhig.
»Nun, in der Behandlung der Flächen ist sie vorzüglich. Gott, leicht verständlich sind seine Sachen alle nicht. Man muß sich natürlich die Mühe nehmen, in seine Ideen einzudringen, man muß vor ihm stehenbleiben!«
Thea Allenbach hatte ihn natürlich verstanden.
»Sie wollen hier Ihr Examen machen?« fragte Fräulein Liecke.
Julie hob den Kopf.
»Examen? Das weiß ich nicht. Ich will nur arbeiten.«
»Das ist die einzig richtige Auffassung,« rief Thea herüber. — »Examen, Anerkennung, darauf kommt es nicht an!«
Das bestritt Fräulein Liecke nun energisch. Sie war Hochschülerin und durfte ihr System nicht im Stich lassen.
Fräulein Berg hatte zwar das Lehrerinnenexamen bestanden, sprach sich aber dagegen aus. Nach Prüfungen könne man nicht urteilen; die seien höchstens ein Beweis, daß das Handwerkszeug für ein Fach da sei, aber mehr besagten sie auch keinen Tipps.
Es entspann sich ein regelrechter Streit, in dem Auguste Berg mancherlei Brauchbares gesagt hätte, wenn es nicht so einseitig und animos herausgekommen wäre. Die Liecke, als »beste Schülerin«, vertrat den Standpunkt der Lehrer, Thea zitierte Struves mystische Worte und bewegte sich im übrigen in Gemeinplätzen über Freiheit, künstlerische Individualität und dergleichen mehr.
Julie wußte schließlich gar nicht mehr, daß sie es gewesen war, die diesen Kampf veranlaßt hatte; dagegen meinte sie, daß es nun Zeit sei, aufzustehen.
Fräulein Meusel mochte das gleiche empfinden und hob mit einem freundlichen Wort die Tafel auf.
Nun war Julie in ihrem Zimmer und packte ihre Koffer aus. Die Gespräche schwirrten noch in ihren Ohren, die Stimmen fuhren durcheinander, und die Gesichter wollten nicht weggehen. Was war das für eine künstliche Aufregung um alle möglichen Dinge, ein Hagel von Schlagworten und Standpunkten, ein Getue und Gehabe, ohne jeden ersichtlichen Grund!
Sie fragte sich plötzlich, warum sie eigentlich nach Berlin gekommen wäre? Onkel Wilhelm hatte ihr zugeredet. Draußen in der Heide würde sie ihr Leben nur verträumen, hatte er gesagt; sie würde zwar vielleicht allerhand innere Anregung finden, aber ihre Studien niemals über ein gewisses Maß hinausbringen können. Nun hatte allerdings Onkel Wilhelm keinen rechten Begriff von ihrer Arbeit. Einmal dachte er doch wohl insgeheim, daß sie es auf ein Examen absehe, und dann glaubte er auch, daß sie sich mit einem bestimmten Fach beschäftige. Aber sie hielt nun einmal nicht auf System. Sie las, machte sich Notizen, Auszüge, wurde zu neuer Lektüre angeregt und nahm diese vor. Es war nicht nur Philosophie, oder nur Literatur, oder nur Geschichte, was sie trieb, sondern von allem etwas. Die Auswahl, die sie traf, wurde durch ihr Gefühl bestimmt, nicht durch ein Ziel, dem sie zugestrebt hätte.
Denn der Zweck ihrer Arbeit war ja Genießen.
Obwohl Julie Onkel Wilhelm im Innersten nicht recht geben konnte, — denn sie lebte der Überzeugung, daß sie auf ihre Weise überall, auch in der Einsamkeit der Heide, arbeiten könne, — war sie doch klug genug, viele seiner Gründe anzuerkennen. Darum wollte sie den Versuch machen, ob der Aufenthalt in Berlin, die Berührung mit andersgearteten Menschen, die Anregung durch Theater und Vorträge nutzbringender für ihre Arbeit wäre als die Stille.
Sie hatte diesen Vorsatz gefaßt und wollte ihn ausführen; sie wollte sich durch nichts beirren lassen. Das wiederholte sie sich; und sie schien es nötig zu haben. Denn nebenan hörte man nun verworrenes Gespräch und ab und zu den Anfang einer Gesangsübung. So viel Ruhe wie zu Hause würde sie hier also nicht haben. Das stand fest. Übrigens zweifelte sie auch schon daran, daß sie von diesen Damen Anregung, geschweige denn inneren Nutzen haben würde. Vielleicht von Fräulein Berg; die schien jedenfalls ernsthaft zu arbeiten. Aber die beiden anderen waren wohl nur Dilettantinnen, die mit Künstlerallüren kokettierten. Immerhin, auch von ihnen wollte sie nehmen, was zu nehmen wäre.
So versuchte Julie also mit Eifer, sich die Straße vorzuzeichnen, die sie hier gehen wollte. Daß sie die wichtigsten Momente vergaß, jene Dinge, die an den Ecken jedes neuen Weges warteten, um andere Ausblicke zu öffnen und andere Ziele zu zeigen, das war kein Schaden.
Die Energie, die einen gewissen Erfolg ohne weiteres verbürgt, blieb somit ungeschwächt durch Sorgen um künftige Dinge. Durch ihren Mut besaß sie von vornherein eine Überlegenheit. Wer sie jetzt gesehen hätte, wie sie fröhlich mitten im Zimmer stand, wie das Licht die Linien ihres Gesichts kühn nachzeichnete, der hätte die Gewißheit gehabt, daß sie sich hier nicht verlieren würde.