XXI

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Um diese Zeit fingen sie im Dorfe an, über Agnes Elisabeth zu sprechen.

Es war nicht der gewöhnliche Klatsch, der von Haus zu Haus geht, sich an den Ofen niederläßt, sich behaglich breit macht und wichtig tut, als könne er allein die Unterhaltung führen, bis er langweilig wird, weil er keine neuen Geschichten mehr zu erzählen weiß, und schließlich in einer Ecke stehenbleibt und vergessen wird.

Über Fräulein Hellwege sprach man in anderer Art.

Irgendwo einmal waren ein paar Worte gefallen, sie sei zuzeiten so wunderlich. Keiner hatte diese Worte aufgehoben, sie waren im Staube des Alltags liegen geblieben. Aber unter dem Staub mochte doch fruchtbarer Boden gewesen sein, der Bauern bedächtige Zweifelsucht, ein unbewußter Argwohn gegen alles, was außerhalb des Verständnisses ihres Standes lag.

Als die warmen Tage mit den lichten Abenden vorüber waren und zum ersten Male des Morgens Reif über den Wiesen schimmerte, da war ein Flüstern aufgewacht, und keiner wußte, von wannen es gekommen war. Es war da, wisperte hier ein Weilchen, glitt an den Zäunen entlang, raschelte drüben am andern Ende des Dorfs ...

Sie sei wunderlich geworden. Tagelang gehe sie durch Haus und Garten, ohne ein Wort zu sprechen, mit dem nämlichen blassen Gesicht. Einige hatten sie des nachts in einem langen, weißen Kleide gesehen; vor der Laube stehe sie und rühre kein Glied, sagten welche, und andere erzählten, sie sei ganz langsam durch die Tannenallee gegangen, hinauf und hinunter, und wieder hinauf und hinunter, bis die Kirchenuhr drei geschlagen habe. Der Pastor traf sie auf dem Kirchhofe; da kniete sie vor dem Grabe ihrer Mutter, und es war ihr gleichgültig, ob einer an ihr vorüberkam, sie kniete und betete; oder sie pflanzte Blumen auf dem Hügel, am nächsten Morgen aber riß sie die Blüten ab und zerbrach die Stengel. Einmal war sie verschwunden, irgendwo in der Heide oder im Moor mochte sie sein, und erst am Abend des zweiten Tages kehrte sie heim und trug Blumen im Haar.

Solche Dinge flüsterte man, weder aus Neugierde, noch aus Teilnahme; es war nichts anderes, als der einfache Vorgang, daß etwas herumkam, und daß nun alle darum wußten.

Im Lehrerhaus gab dies Anlaß zu einiger Verstimmung. Lukas Allm war voller Mitgefühl und hatte allerhand Pläne im Kopf, daß Agnes Elisabeth zu ihnen ins Haus ziehen solle, oder daß sie reisen solle, daß er an den Vormund schreiben oder einmal mit ihr selbst sprechen müsse.

Marianne hingegen fühlte sich bloßgestellt und grollte mit Agnes Elisabeth. Sie wollte nur um Gottes willen kein Familiengerede und meinte, dies alles sei ohne Belang.

»Man muß ihr nur Zeit lassen, dann wird sie schon von selbst darüber hinwegkommen,« sagte sie und fühlte sich dabei älter als die Schwester und mit allen inneren Erfahrungen einer verheirateten Frau ausgestattet.

Da Mariannes Meinung noch immer maßgebend war, blieb es bei Lukas’ guter Absicht. Auch wurden beider Gedanken bald nach einer anderen Richtung hin gelenkt, und diese Dinge traten in den Hintergrund.

Obwohl man erst im September stand, begannen sie nämlich mit einem Male von Weihnachten zu sprechen, und daß sie dann nicht mehr allein sein würden. Von nichts anderem sprachen sie. Lukas Allm hatte dabei jene weiche Freude, mit der Kinder an das Christfest denken, während in Marianne vielerlei Sorgen waren, Geschäftigkeit und Unruhe, wie es einer jungen Frau zukommt.

An einem jener späten Sommertage, die den Frieden eines schlummernden Kindes haben, just als die Sonne unterging, erfuhr auch Hinrich Teetje von den Gerüchten über Agnes Elisabeth. An dem Fenster der Gaststube stand er und trank sein Braunbier aus, als der Wirt vorsichtig zu ihm trat, den Tisch abwischte und mit verhaltener Stimme sagte:

»Die ist nun glücklich wunderlich geworden!«

Teetje stellte sein Glas hart auf den Tisch.

»Wer?«

»Die Älteste von Hellweges.« Und als der andere keine Miene verzog, kam es triumphierend hinterdrein: »Zwei Stunden ist sie heute wieder auf dem Kirchhof gewesen.«

»Unsinn!«

Darauf hatte der Wirt nur gewartet. Denn nun kam die ganze Geschichte, mit Anmerkungen, Erläuterungen und sämtlichen möglichen Lesarten. Teetje saß daneben und starrte nach dem Fenster, hinter dem rote Lichtschwaden dampften. Plötzlich lachte er laut, stand auf, legte sein Geld auf den Tisch und ging weg.

Er kam an Hellweges Haus vorüber. Es schwieg in dem schreckhaft bewußtlosen Licht, mit dem der Tag nach dem Kampf der ersten Dämmerung noch einmal die Augen öffnet, um zu sterben.

Mitten auf der Straße blieb er stehen, bis die Schatten der Nacht sich hoben und um ihn herumstanden. Da lächelte er, ein grausames Lächeln, und dann ging er nach Hause.

Zu derselben Stunde erhielt Agnes Elisabeth die Anzeige von Heinrich Craners Verlobung mit Fräulein Ellinor Grünhagen. Dabei fand sich ein Brief: ein paar Worte, daß er ihr doch niemals hätte geben können, was sie brauchte, daß sie ihm das freundliche Gedenken einer Schwester bewahren möge, und was in solchen Fällen sonst noch geschrieben zu werden pflegt.

Agnes Elisabeth las beides mit vollkommener Ruhe, wie die Mitteilung einer gleichgültigen Person. Der ihr das geschrieben hatte, war auch längst nicht mehr derselbe, der ihre Gedanken beherrscht hatte.

Als es dunkel geworden war, ging sie zu Marianne, um ihr ein Rezept zu bringen, um das sie gebeten hatte.

Marianne hieß sie mit ungewöhnlicher Feierlichkeit willkommen, brachte sie ins Wohnzimmer, schloß behutsam die Tür, griff nochmals nach der Klinke, trug die Lampe auf einen kleinen Tisch an der Wand, setzte sich neben Agnes Elisabeth und hatte etwas auf dem Herzen. Sie druckste eine Weile, und als Agnes Elisabeth endlich von dem Rezept anfing, kam es:

»Ich muß dir etwas sagen!«

Dann erfuhr Agnes Elisabeth unter Flüstern, daß Marianne um Weihnachten herum ein Kind erwarte. Es flossen Tränen, und Marianne war stolz auf sie. Denn neben echter Freude nahm doch das Gefühl der Wichtigkeit den größeren Platz in ihr ein. Auch war sie schon ganz von dem Egoismus der jungen Mutter beherrscht, die an nichts anderes denkt, als an ihr Kind.

Sie bezog es auf sich, als Agnes Elisabeth beide Hände vor ihr Gesicht legte und weinte; und Marianne freute sich dessen.

Aber Agnes Elisabeth weinte um anderes. Sie weinte, wie Kinder weinen, die sich verlaufen haben und nicht nach Hause finden können.

Zwar suchte Agnes Elisabeth schon lange nicht mehr nach einem Wege, erst jetzt aber wußte sie, daß sie sich verlaufen hatte und niemals mehr nach Hause finden würde.


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