XXVI
Kurz vor Weihnachten erhielt Julie einen Brief von Professor Stockmann. Darin stand, er wolle sie gern in einer wichtigen Angelegenheit sprechen, ob sie noch vor dem Fest zu ihm kommen könne. Dann folgten noch ein paar geheimnisvolle Andeutungen, von der rechten Weihnachtsfreude, die auch in ihr Herz Einzug halten möge, daß wir in dieser begnadeten Zeit recht daran denken sollten, unseren Mitmenschen Liebe zu erweisen und deren Liebe in der rechten Demut hinzunehmen ...
Es war der 23. Dezember, ein kalter Tag mit klarer, starrer Luft, und Julie ging nun zu ihm. Gemächlich schritt sie zwischen den Tannenbäumen hindurch, die überall auf der breiten Straße standen.
Sie dachte nicht darüber nach, was der Professor von ihr wolle, ihre Gedanken waren bei Agnes Elisabeth. Es tat ihr mit einem Male leid, daß Agnes Elisabeth Weihnachten ganz allein sein würde. Wie gut, daß sie wenigstens Zeit zu einem langen Brief gefunden und ihr das Bild und die Bücher geschickt hatte. Einen Augenblick stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie nicht doch nach Hause fahren oder ihr wenigstens offen den Grund ihres Hierbleibens hätte sagen sollen. Aber ... Plötzlich hörte sie ihren Namen nennen. Sie blickte auf.
Heinrich Craner stand vor ihr, neben sich eine elegante junge Dame. Schade, daß die Farbe des Kostüms nicht zu dem Blau des Hutes paßte, stellte Julie fest.
»Ah, so fleißig, daß Sie selbst Weihnachten nicht nach Hause fahren? Darf ich Ihnen meine Braut vorstellen?«
Fräulein Grünhagen reichte Julie liebenswürdig die Hand.
Julie redete frisch mit den beiden. Es interessierte sie, einmal einem dieser Wesen gegenüberzustehen, die es fertigbringen, sich mit Spitzen, Chiffongewuschel, goldenen Täschchen und sonstigem Gebaumel zu behängen.
Ob er nun wieder nach Südafrika gehe?
Er wüßte es noch nicht. Jedenfalls solle im Mai die Hochzeit sein. Danach wollten sie nach Norwegen reisen. Um diese Zeit könne man anderswohin ja nicht gehen. Vielleicht bliebe er dann auch hier; man hätte ihm eine Stellung angeboten. Freilich die Unabhängigkeit dort unten ...!
Julie lächelte.
Fräulein Grünhagen schien für Afrika keine Neigung zu haben.
»Ich weiß nicht, ob meine Gesundheit das Klima verträgt; Professor Stengel meint ... Und dann: ohne jede Anregung, ohne Theater, Konzerte ...«
Julie dachte, wie oft Heinrich Craner wohl darüber geklagt haben mochte.
Bei der Gedächtniskirche trennten sie sich.
»Ich würde mich freuen, Sie einmal bei meinen Eltern zu sehen!« Fräulein Grünhagen hob ihr Kleid auf und nickte Julie freundlich zu.
Julie bog in die Rankestraße ein. Ob Agnes Elisabeth ihn wirklich einmal liebgehabt hat? dachte sie.
Nun kam sie zu Stockmanns. Martha begrüßte sie im Korridor.
»Wie lange waren Sie nicht bei uns, Julie!« sagte sie mit einem ängstlichen Blick. »Vater ist in seinem Studierzimmer. Er wartet schon den ganzen Tag auf Sie! Hoffentlich kam Ihnen sein Brief nicht ungelegen!«
Julie war überrascht. Hatte Martha sich vielleicht verlobt? Sie war so weich, nahm ihr Hut und Jacke so zärtlich ab, sah sie ein paarmal verstohlen an ...
Martha öffnete ihr die Tür zu des Professors Zimmer und ließ sie allein eintreten. Hier war eine trockene Luft, die nach Plüsch und kalter Zigarrenasche roch.
Der Professor saß am Schreibtisch. Eigentlich ist sein Kopf beinahe schön, dachte Julie und freute sich der scharfen Profillinie, die im Fensterrahmen stand. Sie nahm sich vor, sehr freundlich zu ihm zu sein.
Er stand auf und drückte ihr die Hand.
»Wie schön, daß Sie doch noch kommen! Machen Sie sich’s gemütlich!« Er schob ihr einen Sessel zu.
Julie setzte sich. Sie hatte eine peinliche Erinnerung an ihren Konfirmationstag; ob diese aus der feierlichen Erwartung kam oder von dem Rosa der Alpenveilchen hinter den gelblichen Stores, wußte sie nicht.
Der Professor räusperte sich.
»Mein liebes Fräulein Julie!« begann er. »Ich habe es mir reiflich überlegt, ehe ich Sie bat, zu mir zu kommen. Ich weiß, daß in einem Falle, wie dem vorliegenden, am besten Frau zu Frau redet. Die meine ist ja nun leider schon seit vielen Jahren heimgegangen, und Ihre liebe Tante ...«
Julie durchfuhren mit einem Male allerhand wirre Gedanken: Marianne, die ihr Kind erwartete, Agnes Elisabeth, die so seltsam geschrieben hatte ... Oder sollte man von Peter Owen und ihr wissen?
»Ihre liebe Tante, die ihrer angegriffenen Gesundheit wegen im Süden weilt, wollte ich durch einen langen Brief nicht aufregen. Als Freund Ihres seligen Vaters und auch als Ihr väterlicher Freund glaube ich eine gewisse Berechtigung zu haben ...«
»Aber, Herr Professor, was ist denn geschehen?« fragte sie ungeduldig.
»Ich will mich kurz fassen.« Er räusperte sich von neuem. »Mein Sohn kam vor einigen Tagen zu mir, um mir ein Geständnis zu machen.« Er stockte einen Augenblick und hätte sich gern an Julies Erstaunen geweidet. »Das Geständnis seiner Liebe zu Ihnen, meine liebe Julie!« fuhr er bedeutungsvoll fort. Sie hielt die Augen gesenkt. »Es hat mich innig gefreut, daß nun auch mein Sohn, der so still und treu nur seiner Arbeit gelebt hat, die Liebe kennenlernt. Gerade zu dieser heiligen Advents- und Weihnachtszeit. Diese Liebe, die erst durch das Christentum in die Welt gekommen ist, die durch die christliche Ehe zu einer veredelnden Gemeinschaft wird. Nun hat der Herr sie Ihnen beiden zum Christgeschenk machen wollen!«
»Uns ...?«
»J—ja, — ja, — ja! Zum lieben Weihnachtsfest ist es ja besonders die Aufgabe der Frau, zu beglücken und Liebe zu spenden. Diesmal hat der Herr gerade Ihnen die Freude machen wollen, daß Sie einem Menschen Ihre ganze Liebe geben dürfen!«
»Aber, Herr Professor ...«
»Gewiß, ich verstehe, Sie wundern sich, daß mein Johannes Ihnen dies alles nicht selbst sagt. Er dachte, es würde Ihnen zu plötzlich kommen, zu unerwartet. Sie werden ihm für dieses Zartgefühl gewiß nur dankbar sein.« Der Professor stand auf und blieb vor ihr stehen. »Ich weiß ja, Ihre Anschauungen haben sich noch nicht zu der Klarheit durchgerungen, deren wir für das Leben bedürfen. Noch bauen Sie zu sehr auf eigene Kraft, meine liebe Julie! Darum schickt der Herr Ihnen eine treue Hand, an der Sie sich festhalten sollen, um gemeinsam den Weg zum himmlischen Vaterhause zu suchen. Nicht wahr, Sie werden diese Hand mit Freude und Demut ergreifen? Meine liebe Julie, darf ich ihm die Antwort bringen, daß Sie die Seine werden wollen?«
Der schwarze Rock kam näher und näher auf sie zu ...
Sie konnte keine Worte finden.
»Herr Professor, es tut ... Es tut mir ... So leid tut es mir ... Aber ich habe ihn nicht lieb! Nein, ich habe ihngewißnicht lieb!«
»Ich begreife, es kommt Ihnen zu überraschend! Sie sagen, Sie haben ihn nicht lieb ...«
Julie schüttelte heftig den Kopf. Ein Gefühl von Widerwillen schlug plötzlich über ihr zusammen. Die stickige Luft, die rosa Blumen, seine wohlmeinend überlegene Stimme verursachten ihr Unbehagen.
»Sie sagen, Sie haben ihn nicht lieb?! Die Liebe wird kommen, mein Kind, wenn Sie nur in Demut darauf warten!« Seine Güte begann gereizt zu werden.
»Bei andern mag das sein. Von mir aber weiß ich genau, daß ich ihn niemals liebhaben werde.« Er machte noch einen Versuch.
»Bedenken Sie, was Sie von sich weisen! Sie stehen allein in der Welt. So, wie Sie sind, wie Sie alles Freie, Moderne lieben, liegt die Gefahr nahe, daß Sie sich verlieren und vom rechten Wege abkommen. Sie kennen das Leben nicht! Sie wissen nicht, was Sie jetzt ausschlagen! Sie brauchen eine Stütze, und Johannes möchte Ihnen diese Stütze sein. Er würde Ihnen ...«
Julie stand auf.
»Ich liebe ihn nicht, und ich weiß, daß auch nicht das geringste Verstehen zwischen uns ist!«
Nun wurde er ängstlich um seine Mission.
»Nein, so dürfen Sie nicht gehen! Johannes muß selbst ...«
»Bitte, Herr Professor! Er kann nichts daran ändern. Ich danke Ihnen, daß Sie es gut mit mir gemeint haben!«
Damit war sie aus der Tür.
Sie hörte noch, daß der Professor ihr folgte, aber er ging ins Zimmer nebenan.
Julie fuhr in ihre Jacke, setzte den Hut auf, fand irgendwo ihre Handschuhe und riß den Schirm aus dem Ständer. Schon kam des Professors Stimme der Tür wieder ganz nahe, auch Johannes schien zu sprechen. Sie riß die Tür auf und flog die Treppe hinunter. Hinter ihr wurden Schritte hörbar, Johannes, der etwas Heftiges sagte ... Nun war sie draußen.
Sie ging schnell. Die Menschen bogen ihr aus, so schnell ging sie. Plötzlich fing sie mitten auf der Straße zu weinen an.
Wie konnte man so allein sein! So ganz verlassen! Es kam ihr vor, als ob alles, was sie sich an Anschauungen erkämpft hatte, sie im Stich ließe, als ob ihre innere Unabhängigkeit ein Traum sei, der der Wirklichkeit nicht standgehalten hätte. Sie suchte nach Gedanken, an die sie sich hätte klammern können; aber woran sie auch dachte, alles war gleichgültig, alles erfüllte sie mit Widerwillen. Was sie umgab, erschien ihr häßlich; die Straße war schmutzig, die Schaufenster aufdringlich erleuchtet, die Menschen rücksichtslos, der Himmel ein grauer Dunst. Ein kahles Gefühl von Heimatlosigkeit, ein Frost, der gleichsam von innen kam, das war alles, was sie empfand.
Einer wäre dagewesen, der hätte ihr helfen können. Manche lassen sich auch helfen und werfen ihren Kummer weg. Das aber konnte Julie nicht. Es war ihr unmöglich, Peter Owen auch nur mit einem Wunsche zu streifen.
So kam sie nach Hause. Auf dem Korridor tobte Weihnachtsferientrubel. Thea Allenbach, kokett angezogen, lief mit einer Reisetasche und zwei Pappschachteln hin und her, die Liecke band sich vor dem Spiegel ihren Schleier um, und nun erschien auch Fräulein Meusel. Sie war in gehobener Stimmung, denn sie freute sich auf ein paar ruhige Tage. Den Tee könnten sie doch noch zusammen trinken, bis zu ihrem Zuge hätten sie noch Zeit genug!
»Gott, meine Theosophie habe ich vergessen,« schrie Thea.
»Wo sind nur wieder meine Gummischuhe!« beklagte sich die Liecke.
»Sie kommen doch auch, Fräulein Hellwege?« fragte Fräulein Meusel. »Wir haben unsern kleinen Baum schon angesteckt.«
Aber Julie wollte nicht. Nein, das konnte sie nicht.
»Verzeihen Sie, Fräulein Meusel, ich habe solches Kopfweh!«
»Ja, ja, mit der Liebe!« kam es aus der Ecke, wo die Gummischuhe gesucht wurden.
»Na adieu, fröhliches Fest!« rief Thea.
»Danke schön! Viel Vergnügen zu Hause,« entgegnete Julie und ging in ihr Zimmer.
»Grüßen Sie Ihren blonden Freund von mir,« kam es hinter ihr her.
Im Zimmer war es dunkel. Nur an der Decke blinzelten die Lichter der Straße. Ihre Hand streifte einen Stuhl, sie stieß ihn heftig zurück. Was war denn geschehen? Sie wollte doch gewiß nichts Absonderliches vom Leben, nichts Außergewöhnliches. Sie wußte doch, daß Heiraten so vor sich ging, daß der Antrag kam und alles Weitere sich mit geschäftsmäßiger Feierlichkeit abspielte. Unter anderen Bedingungen, meinte sie, hätte ihr dies alles auch nicht weh getan.
Aber, daß es so gekommen war! Daß dieser alte Mann, den sie geachtet hatte, sie mit seinem Sohne zusammenbringen wollte, ganz gleich, ob sie ihn liebte oder nicht, daß er sich ihr Alleinstehen in der Welt zunutze machte, sich ihrer Schwachheit und Zaghaftigkeit bedienen wollte, um sie zu dieser Ehe zu überreden, das traf sie. Nicht nur ihren Stolz. Oh, demütigend war es wohl, aber es kam ihr auch unsittlich vor. Ihr Schamgefühl litt.
Sie war oft bei Stockmanns gewesen und hatte sich mit Johannes beinahe freundschaftlich gestanden. Vieles an ihm gefiel ihr; erst neulich hatte er ihr gesagt, er wolle bei dem Vater wohnen bleiben, er fühle sich innerlich dazu verpflichtet; das hatte sie für ihn eingenommen. Mit dem Professor hatte es zwar immer erregte Auseinandersetzungen gegeben; aber Achtung vor seinen Anschauungen war stets in ihren Worten gewesen. Sie hatte von diesen Menschen lernen wollen und hatte auch nach dem ersten mißlungenen Versuche nicht die Mühe gescheut, es wieder und nochmals zu tun. Hatten Stockmanns nicht einmal so viel von ihr kennengelernt, daß sie sich einen Begriff davon hätten machen können, wie sie über die Ehe dächte. Ohne Liebe ...!
Lange saß Julie und grübelte darüber, wie dieses hatte kommen können. Es mußte schon spät sein, als sie durch ein Klopfen aufgeschreckt wurde. Das Mädchen kam; dieser Brief sei abgegeben worden. Ob sie die Lampe bringen solle? — Ja, wenn sie so freundlich sein wolle.
Julie nahm den Brief, und jetzt zum ersten Male dachte sie an Peter Owen. Ja, o ja! Sie konnte es kaum erwarten, daß Licht käme. Sie streichelte den Brief, riß ihn auf und ging ans Fenster; vielleicht könnte sie ihn bei dem Lichte der Laternen lesen. Aber es war nichts zu erkennen. Endlich kam die Lampe. Sie setzte sich an den Tisch und nahm den Bogen vor die Augen.
»Mein sehr verehrtes, gnädiges Fräulein!« las sie. Sie drehte das Blatt heftig um. »Johannes Stockmann!« — Einen Augenblick dachte sie daran, den Brief zu einem Knäuel zu ballen; den wollte sie auf die Straße werfen oder ins Feuer oder in den Papierkorb. Doch dann hob sie müde die Hände und las:
»Mein Vater hat mir soeben das Ergebnis seiner Unterredung mit Ihnen mitgeteilt. Ich bin dadurch schmerzlicher betroffen, als Sie wahrscheinlich ahnen werden. Wenn ich mit diesen Zeilen nochmals zu Ihnen komme, so geschieht es nicht in der Hoffnung, doch noch eine günstige Antwort auf meine Frage von Ihnen zu erlangen, sondern um ein Mißverständnis aufzuklären, das mich Ihnen in einem falschen Lichte hat erscheinen lassen. Als ich meinem Vater mitteilte, daß ich Sie um Ihre Hand bitten wolle, stand er meiner Bitte um seine Einwilligung nicht so freundlich gegenüber. Er äußerte Bedenken, die sich insonderheit auf Ihre freieren Anschauungen bezogen. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, aus der ich schließlich nur dadurch als Sieger hervorging, daß ich meinem Vater sagte, Sie würden, wenn Sie erst meine Frau wären, unter seinem und meinem Einfluß gewiß wieder auf den rechten Weg kommen. Dieses Argument leuchtete ihm ein. Er wollte sich jedoch nicht nehmen lassen, selbst als erster mit Ihnen darüber zu reden. Weil ich hoffte, daß Sie für seine väterliche Sorgfalt das rechte Verständnis haben würden, fügte ich mich. Ich will Ihnen offen alles sagen. Daß ich Sie sehr lieb habe, brauche ich nicht zu betonen; Sie werden aus den Zugeständnissen, die ich meinem Vater gemacht habe, um seine Einwilligung zu erlangen, erkennen,wielieb ich Sie haben muß. Aber noch etwas anderes muß ich Ihnen sagen. Gerade durch Sie hoffte ich mich von den drückenden Fesseln frei zu machen. Mit Ihnen wollte ich ein neues Leben anfangen. Sie sollten es mich lehren. Das war die sehnende Hoffnung, die ich auf Sie setzte, die große Lebensfrage, die Sie entscheiden sollten.
Nun haben Sie anders beschlossen. Ich werde lernen müssen, mich damit abzufinden. Aber Sie sollen später nicht an mich zurückdenken als an einen, der den Kampf nicht wagen wollte. Deshalb habe ich Ihnen diese Zeilen geschrieben.
Sie werden mir wohl nichts zu antworten haben; jedenfalls wissen Sie nun alles.
Ihr Johannes Stockmann.«
Julie legte den Brief aus der Hand.
Aber plötzlich zerriß sie den Brief und krampfte die Hände ineinander. Dann sank sie auf die weiße Decke ihres Bettes und schluchzte.
Sie sehnte sich nach Peter.