XXXII
Es war an einem der nächsten Tage. Sie gingen durch den Garten, und auf dem Wege um den großen Rasenplatz erfuhr Agnes Elisabeth, daß Julie ein Kind bekommen würde.
Ihr Gesicht veränderte sich nicht, als sie es hörte, und es dauerte eine Weile, bis sie etwas sagte. Endlich aber kamen Worte, und Julie hatte andere erwartet.
»Es ist gut, daß du hier bist! Gesche und ich werden für dich sorgen. Wir werden alle die kleinen Sachen nähen und zurechtmachen, das wird hübsch werden, wir werden dich pflegen ...« Agnes Elisabeth streichelte Julies Haar.
Da fing Julie zu weinen an.
Nur weil diese rauhe Hand sie streichelte, weinte sie. Dann kam eine Wehmut über sie, und sie weinte immer heftiger.
Ihre Kindheit, ihre Arbeit, die Empfindungen, die sie damals geträumt und mit Peter erlebt hatte, dies alles glitt an ihr vorüber. Die neben ihr ging, hatte ebenfalls ihre Hände ausgestreckt, aber sie hatte nichts bekommen! Sie war an ihr vorbeigegangen, alle die Jahre hindurch, und hatte sie nichteinmalgeküßt, alle die Jahre. Sie aber streichelte sie!
»Du darfst nicht traurig sein, Julie, es wird schon alles gut werden!«
Sie kamen an die Johannisbeersträucher. Die Trauben troffen hernieder wie Blut. Da nickte Agnes Elisabeth plötzlich.
»Ach ja! Ich hatte es ganz vergessen! Hier steht noch so viel Unkraut!« Sie bückte sich und fuhr mit den Händen in das grüne Gewucher.
Julie setzte sich unten am Wasser auf eine Bank. Wieder kamen Tränen in ihre Augen, als sie die Schwester dort zwischen den Sträuchern hocken sah.
Das also war aus ihr geworden! — Sie sammelte Körbe und ordnete sie nach der Größe, sie flocht bunte Seide und zupfte Unkraut. Sie hantierte zwischen Nichtigkeiten, freute sich an müßigem Klatsch und verkroch sich vor Marianne. War sie nicht einmal eine Mutter für sie alle gewesen?! Sie hatte ihre Liebe weggegeben und besaß nicht mehr als einen Rest, der ihre Hand nur eben noch zu einem spröden Streicheln hob.
Sie hoffte nichts mehr vom Leben und konnte sich doch nicht von ihm abwenden. An irgend etwas mußte sie sich noch immer halten, selbst wenn es nur die Angst war, die sie hierhin und dorthin trieb, die im Sonnenlicht nach ihr schielte und des Nachts hinter ihrem Bette stand.
Mit gierigen Händen griff sie nach dieser Angst und meinte, das Leben zu fassen.
Sie wußte noch nicht, daß das Leben sie vergessen hatte!
Agnes Elisabeth kniete auf dem Wege und wühlte mit beiden Händen zwischen den Johannisbeersträuchern.
Ob sie dieses Mal wohl dabei sein durfte?! Bei Marianne hatte man sie nicht hineingelassen. Aber hier im eignen Hause! Sie wollte das doch gern einmal sehen, wie so das Leben anfängt! Diese dumme Wolfsmilch! Fünf Blätter, drei Krauseminzen, vier schwarze Johannisbeerblätter, bei zunehmendem Mond, er wurde jetzt voller; dann könnte sie endlich wieder schlafen! Auf den Boden mußte sie gehen, wegen der Wiege und der Kindersachen und der Wachspuppe ...! Und der Doktor ...! Wann würde das Kind kommen? Kam es nicht oft vor, daß die Mutter dabei starb? Dann wolltesiedas Kind haben! Dann wollte sie aber lachen! Daßsieein Kind hatte!
Als sie endlich aufstand, war alles Unkraut wieder eingepflanzt.
Julie ging inzwischen durch den Garten. Sie lehnte sich ans Gitter und sah die Chaussee hinunter. Ein paar Torfwagen rumpelten vorüber, ein kleines Bauernmädchen knickste. Alles war wie früher. Eben wollte sie ins Haus, da kam um die Ecke dort drüben etwas Gelbes; ein volles Rosa wölbte sich darüber und zuoberst nickte ein Geranke von Federn, Blumen und Stroh.
Julie in ihrer Kurzsichtigkeit meinte zuerst, das Ganze sei Marianne. Sie atmete auf, als sich das eine als Kinderwagen, das andere als Mariannes Hut herausstellte.
Nun löste sich etwas Schwarzes und steuerte nach der Tür herüber. Das Gelbe mit dem rosa Verdeck aber zog vorüber. Dahinter kam Marianne, eine Weile nichts, als Marianne, breit und voll und himmelblau ... Sie blickte zur Seite und wollte Julie nicht sehen.
Das war eine Demonstration!
Julie nahm sie belustigt entgegen.
»Guten Tag, Julie!« sagte Lukas. »Ich mußte doch kommen und dich begrüßen.«
Julie gab ihm die Hand.
»Das ist nett von dir! Wie geht es dir, Lukas?«
»Gut!« Sein Gesicht strahlte. Er war froh, daß er standhaft geblieben war; wenn es auch nicht gerade gegen Mariannes Willen, so war es doch ohne ihre Zustimmung geschehen, daß er sie verlassen hatte, um Julie zu begrüßen.
»Wie geht es Marianne und eurer Kleinen?« fragte Julie.
»Der Kleinen? Oh, das ist ein Prachtmädel! Gesund und fidel, wiegt schon vierundzwanzig Pfund! Auch Marianne geht es, Gott sei Dank, recht gut. Sie hat viel im Haushalt zu tun. Es ist gemütlich bei uns. Du solltest ...« Er brach plötzlich ab und wurde rot.
Julie mußte lächeln; sie war eingehüllt in eine Wolke von Fliederparfüm. Das war Mariannes Seife, und auch Lukas mußte sie natürlich benutzen.
»Nicht wahr, Julie,« begann er stockend, »du trägst es Marianne nicht nach, daß sie ...? Sie wird schon zur Einsicht kommen. Im Grunde ist sie doch so gut ...!«
Julie nickte freundlich.
»Ich kenne sie. Aber willst du nicht hereinkommen, Lukas?«
»Ich habe keine Zeit. Pastor Gerlach will mich heute noch sehen. Wir richten eine Schulbibliothek ein; da gibt es viel zu besprechen. Du hast wohl keine alten Bücher, die du entbehren kannst?«
»Ich will einmal nachsehen!«
»Wir nehmen alles mit Dank an!« Lukas schüttelte ihr die Hand und ging eiligen Schrittes der Kirche zu.
Der Fliedergeruch dehnte sich in der Sommerluft, wurde flacher und dünner und war verschwunden. Julie verstand jetzt besser als früher, daß man Lukas Allm lieb haben konnte.
Aber warum gerade Marianne ihn lieb hatte?!