XXXVI

XXXVI

Am Morgen fand man sie, kaum eine Viertelstunde von Hellweges Haus. Drüben bei Gertelmanns, wo der Fluß die Biegung macht.

Daniel und der Knecht rackerten sich fast eine halbe Stunde ab, den Körper unter der Weide hervorzuziehen.

Dann legten sie ihn auf einen Wagen; ihn zu tragen, war es bis zu Hellweges zu weit. So würden sie auch noch hinüberkommen, ehe die Kirche aus wäre, meinte Daniel.

Aber die Predigt war kurz gewesen — man fror jetzt zwischen den Mauern —, und so trafen die Kirchgänger den Wagen, just als er an der Kirche vorüber wollte. Weil Daniel so sonderbar aussah, und weil etwas Schwarzes auf seinen Knien lag, ließ man sich gern seinen Sonntagsstaat mit Schmutz und tauendem Schnee bespritzen, drängte sich an den Wagen und wollte sehen, was da nicht richtig wäre.

Als sie erkannten, wen Daniel bei sich hatte, kehrten alle um und gingen dem Wagen nach.

Wenn eine Leiche da ist, schweigt man. Wenn aber bei Lebzeiten viel Gerede und Munkeln und Tuscheln gewesen ist und mit einem Male der Tod dazwischenkommt, alles still zu machen, so kann man sich nicht zufrieden geben. Denn es ist nichts in der Welt, was aufkäme mit wunderlichem Wesen und Menschen erschreckte, und dürfte mit einem Male hingehen und sterben, als wäre nie etwas gewesen. Es muß alles seine Ordnung haben.

Die Alten zwar nickten nur, bedächtig und zufrieden, wie man tut, wenn etwas so ausgegangen ist, wie man es erwartet hat.

Aber die Jungen, die weiter hinten gingen und der Leiche nicht so nahe waren, konnten ruhig aussprechen, was gesagt werden mußte.

Das hätte sie nun von dem Laufen bei Nebel und Tauwetter; so etwas könnte kein gutes Ende nehmen; aber sie hätte ja nicht hören wollen! Wunderlich, wie sie gewesen wäre! Eigentlich sei es gut für das ganze Dorf, daß sie nun schliefe! Wer so anders gewesen sei und nicht unter Menschen gepaßt habe! Wer nachts herumgelaufen sei und keine Ruhe habe finden können! Nun würde sie ihre Ruhe haben, auf dem Kirchhofe, wo sie ja immer schon gesessen hätte.

»Dat schöt wi eerst noch to sehn kriegen, ob de Ruhe hebben ward. Denn dat dat mit richtigen Dingen togon is, glövt See doch wol silbens nich!« sagte plötzlich jemand.

Da wurde es mit einem Male still. Und es stand fest, daß sie den Tod selbst gewollt hätte.

Der Wagen hielt. Die Leute blieben stehen. Es war kein neugieriges Gedränge. Mit spitzen Gesichtern sahen sie zu, wie Daniel sich schwerfällig aufrichtete und die Leiche herunterhob. Wie ein Haufe von Anklägern standen sie, die jede Bewegung der Beschuldigten verfolgen.

Einen Augenblick erschien das grünlichweiße Gesicht, das rote Haar über der Menge. Sie konnte sich nicht verteidigen!

Sie trugen sie hinein.

Alle blieben stehen. Es war eine Drohung, wie sie da warteten, breitbeinig, schweigsam, ohne Erbarmen. Man fand es in der Ordnung, daß der Gemeindevorsteher und der alte Gertelmann ins Haus gingen, um drinnen zu sagen, wie man draußen hierüber dachte.

Sie warteten. Der Wind blies durch die Straße. Sie schlugen die Kragen hoch.

Es fing zu schneien an, große Flocken, die sie naß machten. Sie warteten.

Bis die beiden wieder herauskamen und nickten. Da waren sie zufrieden und konnten auseinandergehen.

Im Alkoven lag sie und schlief.

Große Flocken klebten die Scheiben zu, und das dämmernde Licht des Frühnachmittags ging zu den brennenden Kerzen, die um ihr Bett herumstanden.

Sie hatten nur Tannengrün streuen können. Woher sollten sie Blumen nehmen ...?!

Sehr fern war die Tote, sehr allein! Zwar saßen die Schwestern bei ihr; man hätte meinen können, sie seien alle vier noch einmal beisammen; zwar schluchzte Marianne und wußte nicht, wie sie es tragen sollte; zwar weinte Evelyn viele hilflose Tränen. Doch dies alles geschah mitten im Zimmer. Die Tote aber lag im Alkoven! Zwischen ihr und den Schwestern stand die blasse Helle der Kerzen; über die kamen sie nicht hinweg.

Sie wollten mit ihr von alten Zeiten sprechen, wollten ihr danken, — denn es gab wohl viel zu danken —, aber es war nicht möglich. Es schien, als wolle die Tote nichts mehr von ihnen wissen.

Vor den Fenstern war es schon dunkel, als Gesche die Tür öffnete. Lukas Allm und der Pastor traten ein.

Julie stand auf und reichte ihnen die Hand.

Der Pastor trat neben das Bett und sah mitleidig auf die Tote. Lukas stand in der Ecke und weinte. Er, der sie am meisten mit Freundlichkeit umgeben hatte, war auch der einzige, der etwas von eigener Schuld empfand.

Nach einer Weile wendete sich der Pastor zu den Schwestern.

»Wir wollen miteinander beten!«

Sie standen auf und traten um das Bett herum, und der Pastor faltete die Hände und betete:

»Aus der Tiefe rufen wir, Herr, zu dir! So du willst Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen?

Diese Tote ist dahingegangen, in der Blüte ihrer Jugend, in der Hälfte ihrer Tage ist sie dahingegangen.

Den Schwesternkreis hat sie verlassen und das Ziel ihres irdischen Lebens gefunden.

Herr, wir wissen nicht, ob sie in ihren Sünden gestorben ist; aber wir flehen zu dir, du wollest dich ihrer erbarmen.

Denn bei dir ist Gnade und viel Erlösung.

Du hast ihr Leben reich gesegnet, und ihrer Arbeit warst du gnädig. Den verwaisten Schwestern durfte sie die Mutter sein, sie durfte für sie sorgen, du gabst Gelingen zu ihrem Werke und ließest sie die Früchte genießen.

Es kann dein Wille nicht sein, daß diese Seele verlorengehe. Du bist gerecht und heilig. Sünde bleibt nicht vor dir. Aber du bist auch gnädig und voll großer Güte.

Darum heben wir unsere Hände zu dir auf: Vergib ihr ihre Sünde und nimm sie in Gnaden in dein himmlisches Reich.

Herr, lehre uns bedenken, daß auch wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.

Daß wir beizeiten tun, was zu unserem Frieden dient, daß wir entsagen der Hoffart der Welt und töten des eigenen Herzens Wünsche, daß wir wandeln in deinem Licht und merken auf dein Wort.

Herr, hilf uns, daß wir nicht vergehen!

Herr, hilf uns, daß es niemals von uns heißen müsse: Sie haben ihren Lohn dahin!«

Der Pastor schwieg. Dann drückte er den Schwestern, einer nach der anderen, die Hand.

Unter schluchzendem Flüstern bedankte sich Marianne, auch Lukas atmete auf; das Gefühl der Trostlosigkeit hatte ihn verlassen. Mit den Worten des Pastors war eine weiche Empfindung über ihn gekommen: da drüben, wo die Tote nun sei, wäre ein anderer, der besser für sie sorgen würde, als sie alle es hatten tun können.

Der Pastor ging.

Lukas trat noch einmal an das Bett und legte seine Hand auf das rote Haar, so, wie er es manchmal bei Marianne tat.

Wie hilflos doch die Toten sind! dachte Evelyn.Derkonnte sie nun streicheln, was er im Leben nie fertiggebracht hätte, und der Pastor hatte solche Worte über sie sagen dürfen.

Dann gingen sie alle hinaus.

Die Tote blieb allein, wie sie es auch im Leben gewesen war.

Nach einer Weile kam Julie zurück. Sie hatte Niels auf dem Arm und setzte sich in den großen Stuhl zwischen Ofen und Fenster.

Als Niels die Lichter sah, begann er laut zu krähen. Als er sie im Spiegel nochmals fand, strampelte er mit Armen und Beinen. Julies Haar glänzte so goldig, die kleinen Finger mußten schnell hinein, mußten zerren und den Kopf zu sich herunterziehen.

»Das muß Jungchen nicht! Dann tust du Mutter weh!« sagte Julie und machte ihr Haar von den kleinen Händen frei.

Sie setzte ihn zurecht und neigte sich zu ihm hinunter.

»Siehst du, sie hätte auch solch einen kleinen Jungen haben müssen wie dich! Sie war so arm! Sie war so allein! Sie hat immer für uns gesorgt, hat alles für uns getan. Aber darüber hat sie sich selbst vergessen. Siehst du, für andere leben kann man nur, wenn das eigene Leben voll ist von Schönheit und Freude. Sonst hat es keinen Wert! Du kannst das jetzt noch nicht verstehen, aber später wirst du es wissen! Peter und ich, wir wollen dafür sorgen, daß in deinem Leben so viel Schönheit, so viel Lachen und so viel Glück sein wird, daß du auch andere Menschen glücklich machen kannst. Du sollst noch viel glücklicher werden als Peter und ich, bis du einmal so weit bist, daß du unsere Hilfe nicht mehr brauchst!«

Mit großen Augen sah das kleine Wesen zu Julie auf. Ganz, als verstünde es alles, was sie ihm sagte.

Sie beugte sich hinunter und küßte ihren Jungen. Draußen kamen Schritte über die Diele, feste, kurze Schritte.

Dann sprang die Tür auf.

Julie erschrak. Ein Zittern lief über die Kerzen. Eine nach der anderen zuckte zusammen.

Hinrich Teetje stand vor Agnes Elisabeth.

Stand — und sagte kein Wort.

Ende


Back to IndexNext