Wieder steckt er die Patrone in den Lauf. Sie lehnt in dem Ginstergold. Was da irisiert in ihren Augen — ist nicht ein Schmerz dabei, eine Klage, ein Zagen, ein Bedürftiges, eine Demut? Aber hastig greift sie nach der geladenen Waffe, wie nach ihrem Recht, ihrer Rechtfertigung, ihrem Ausweis. Diesmal muß es gelingen!
Sie liegen auf der Lauer. Noch sind die Viecher vergrämt. Hier und da lugen ein paar scheue runde Augen aus den Erdröhren.
Da — ein Neugierling hebt den Kopf zum Bau heraus — dreht ihn und lugt — hebt ihn weiter — die Vorderfüße kommen nach — nun steht der Bursche auf vier Beinen — blickt sich noch einmal um und putzt sich dann sorglos die Nase.
Ein Knall —
Er bleibt sitzen, ganz erstaunte Frage. Macht seine Männchen zu Ende — Vita hört die Bestie kichern — und flitzt dann erst wieder in sein Erdloch.
Nun ist es mit der Jägerin aus und vorbei. Sie hat sich ins Gras geworfen, drückt das Gesicht in dieHalme, und nur die trommelnden Beine führen eine beredte Sprache ihrer Herzensnot.
Hier ist jetzt der redliche Trost am Platz. Kunz redet ihr zu. „Liebe kleine Vita — das Schießen fordert nun einmal eine gewisse plumpe Begabung — wie das Bauchreden und das Mitdenohrenwackeln. Wer dies nicht kann oder das nicht kann — braucht der sich der Verzweiflung zu ergeben?“
Und nun erzählt er und lügt er ihr vor aus dem Schatz seiner Unbildung. „Wissen Sie, daß Lykurgos, der große spartanische Kriegsheld, dem Titus Livius zufolge im Bogenschießen als Junge das Mitleid aller seiner Mitschüler in der Arena erregte? Karl der Große war auf der Jagd ein höchst mäßiger Speerwerfer, während Karl der Dicke nie ein Wild fehlte. Wenn Prinz Eugen eine Reiterpistole zur Hand nahm, duckte sich nicht bloß seine Umgebung, meilenweit in der Runde alle österreichischen Regimenter duckten sich. Und der alte Zieten kniff beim Zielen immer das verkehrte Auge zu.“ Aber viel hilft das alles nicht, Vita bleibt verstockt in ihrem Schmerz, fühlt sich immer mehr gekränkt, je mehr er sie tröstet, und schließlich durch ihn gekränkt, den Tröster, der auch ihr Lehrmeister gewesen. Ein schöner Lehrmeister! An ihm liegt die Schuld!
Und alles, was so in dem Köpfchen herumtanzt an Wirbel und Wolken, das schlägt sich dann nieder. Sie starrt in die Weite, sucht irgendeine Zuflucht, sehnsüchtig vertieft sich das Grün der Augen zu tiefstem Smaragd, und Perlen leuchten auf seinem Grunde, richtige Tränen.
Dies ist die Stunde, von Schönheit gesegnet, die letzte ihrer lieben lächerlichen Kinderschmerzen — jetzt wird in ihr das Magedin geboren! Von jetzt an wird sie mein Mädchen sein.
Und Kunz zieht sich näher zu ihr hinan. Seine Hand nimmt innig ihre spitze Knabenschulter. Steil setzt sie sich hin, zur Abwehr und Gewähr. Kunz aber fackelt jetzt nicht lange. Ihren Nacken umschlingt er, ihren Kopf, ihre Lippen beugt er sich zu.
Da aber — ein Schreck, glückhaft und furchtbar in seiner Seligkeit — und dann ist alles phosphoreszierende Wildheit und fauchendes Ungestüm. Sie greift das Gewehr mit beiden Händen, hält es breit ihm entgegen, Schlagbaum, trennende Grenze soll es sein — er achtet den Trennungsstrich nicht und dringt siegreich lachend auf sie ein — da stößt sie blindlings den schweren Stab zwischen den beiden Fäusten ihm entgegen, hart trifft das Schloß das Stirnbein über dem Auge — die Funken sprühen ihm — unwillkürlich zuckt er zurück — da springt sie auf und rennt von ihm — kehrt halbwegs wieder um, zu sehen, was sie ihm getan — und will ihm helfen und kann es nicht — und stürzt in hohen Sprüngen waldeinwärts.
Und Kunz — Kunz ist vor den Kopf geschlagen. Dann verfällt er in schweres Sinnen. Ich dachte, es wäre soweit. Und nun war es zu früh. Und was ich jetzt angerichtet habe! War ich ein Unhold gegen pastorale Sitten? Er faßt sich an den Kopf.
O du PenthesileaMein Aug tut immer weha.
O du PenthesileaMein Aug tut immer weha.
O du PenthesileaMein Aug tut immer weha.
O du Penthesilea
Mein Aug tut immer weha.
Wie hab ich von holdseligem Liebesleben geträumt! Aber für ein Liebesleben mit Dir muß man erst einen Kursus bei Achim, dem Knochenkrachim, nehmen.
Was wird nun werden? „Mädchenseelen sind von Kristall!“ Er hört es in der Trompetenstimme seiner nunmehr antiker Form sich nähernden jungfräulichen Tante Olga, die es ganz gewiß wissen mußte. Hat er hier etwas zerschlagen und zersplittert?
Was wird nun werden? Und der nackenfeste Kunz schleicht doch jetzt etwas geduckt nach Hause.
O Kater Kunz, was hat Dein Kätzchen Dich gestriegelt! Und seine Träume sind voll Krallen.
Weidlichgezaust und gekraust wachte er am andern Morgen auf und war ganz in der Verfassung, mit Dankwart, dem Skeptiker, in den kommenden Tag sich hineinzugrimmen.
Dessen Gedanken waren wie ihrer aller bei dem Haus, das kräftig und frei und stolz in die Höhe ging, aber er hatte seine bösen Beklemmungen, die er los werden mußte. Stoßweise kam es hervor. „Das Haus — wird man seiner recht froh? Wenn auch alle ihre frömmsten und kugelrundesten Augen dazu machen.“
„Das laß sie.“ Kunz blies in dasselbe Horn. „Immer gefühlvoll — wie können wir auch anders! Es gibt eine Franzosenkrankheit, und es gibt eine deutsche Krankheit — und unsere ist die Sentimentalität. Das Haus — die holde Stätte des Friedens. Und das eine ist selbstverständlich: jetzt kommt das Vielliebe auch über uns, sie, die ganze soziale Wonne.“
„Mit der Frage, wer dieses Haus beziehen soll.“
„Die eigentlich keine Frage ist.“
„Du meinst, Horst gehört da hinein.“
„Natürlich. Und Du mit Deiner Werkstatt. Und das Bureau.“
„Das meinst Du. Aber die andern meinen auch. Und sie meinen anders. Wird unser heiliger Zimmermann nicht predigen?“
„Natürlich wird er das. ‚Die Ersten sollen die Letzten sein!‘ wird er predigen. Wobei man sich immer fragt: wie lange, nachdem nun die Letzten die Ersten gewordensind! Und unser praktischer Maurer wird daraus die ihm genehme Forderung ziehen. Und mein Liebling, der Metzling, grinst als Abgesang seine sozialwissenschaftlichen Theorien herunter — hol der Deixer den Feixer! Aber, Du lieber Gott — was wollen die! Horst hat ja doch schließlich alles in der Hand.“
„Ja. Wenn er die Hand noch hätte! Überall und auch hier kommt erst mal das Geistige — früher hätte er so gesprochen!“
„Das wird er ihnen auch heute sagen. Und das wollen sie ja hören. Sie sehnen sich danach, gerade die am meisten, die ihre armselige Materie herauskehren. Führerschaft ist, was sie wollen! Was sie brauchen!“
„Bloß Horst — will er denn noch seine eigene Führerschaft?“
„Wie kannst Du das sagen! Er hat sich doch längst wieder beisammen.“
„Nein, Kunz, das hat er eben nicht. Und das kriegt er auch nicht. Und darum kriegt er auch uns hier nicht mehr zusammen. Du wirst es ja sehen. Und nun laß mich. Ich hab die eine Schraube noch nicht.“
Er arbeitete an einem Flugzeugmodell mit ganz neuem Propeller-System und zog sinnend über die Heide. Und Kunz blieb allein. Nie waren seine Gedanken so schwer über Liebe und Leben. Aber stecken blieb er nicht in dem zähen Brei. Es gab etwas zu tun. Über Horst zu reden, das lag ihm weniger. Mit Horst wollte er sprechen, frei von der Leber.
Horst saß in dem engen Verschlag, der sich Bureau nannte, über den Rechnungsbüchern.
„Nun, wie stehen die Papiere?“ fragte Kunz.
„Kümmerlich.“
„Wie können sie hier anders als kümmern. Zum Rechnen gehört auch ein genius loci. Hier aber ist mehr locus als genius. Im neuen Haus wirst Du den angemessenen Raum haben.“
„Ich — im neuen Haus? Und einen Bureauraum! Die Stimmung ist anders.“ Er sagte es dumpf und unfroh.
„Stimmung — was Stimmung! Stimmung wird gemacht und Du wirst sie machen!“
Horst sah ihn an mit großen Augen. Sie waren nicht ganz bei der Sache. Ihr Ausdruck war müde. Dann sprach er still und fest: „Gerade hier will ich nicht eingreifen. Es geht Dir um Selbstverständliches — mir im Grunde auch. Aber eben deshalb lasse ich die Sache an mich herankommen. Ein Führer braucht etwas, was ihn trägt.“
Weiter war er nicht zu sprechen, der Rechnungsabschluß drängte. Kunz aber fragte sich: ist das ein Wort, ein Manneswort? Ist es einer Ausrede ähnlich? Wie schlimm, daß solches Mißtrauen an einem schmarutzt! Aber — hat Dankwart nicht recht und bleibt es nicht dabei, daß Horst nicht mehr der Alte ist? —
Sitzung der Siedler. In vierzehn Tagen etwa steht das Richtfest des Hauses bevor. Sie wollen sich heute schlüssig werden, wer es beziehen soll. Für zwei Familien ist es berechnet. Darum ist auch Familie das Merkwort für die Geister.
Horst nimmt vorher die Freunde beiseite. „Wir wollen die Leute ruhig sich ausdenken und ausreden lassen.“
Kunz erhebt Einwand. „Ausreden, Du lieber Gott! Soll hier jeder wieder seinen Ochsenmaulsalat bereiten! Gut — wir sind hier an Mehrheitsbeschlüsse gebunden. Wir sind in der Politik. In der Politik aber gilt die Agitation und nichts Dümmeres gibt es hier als die spröde Vornehmheit.“
Doch der Wunsch von Horst bleibt bestehen. Soviel Kunz auch schilt: nun horstet er wieder in seiner Erhabenheit. Und es kommt im wesentlichen, wie Dankwart es angekündigt hat.
Horst spricht die einleitenden Worte: es sei davon die Rede gewesen, zu losen. Aber dies blöde, blinde Ungefähr sei ihrer nicht würdig. Wählen wollten sie. Er bitte um Vorschläge.
Maurer Mulitz ist treulich zur Stelle. Sie hätten sich das durch den Kopf gehen lassen. Zwei Kameraden wären so gut wie Familienhäupter. Zuerst Lüders, der mit einer Witfrau, Mutter von zwei Kindern, verlobt wäre. Und dann Hofmann, dessen Braut ein Kind erwarte. Beides Kameraden, gegen die niemand etwas einzuwenden hätte. Sie, so wäre die Meinung, hätten die erste Anwartschaft auf das neue Siedlerhaus.
Ist die Begründung für alle zwingend? Aber Meinung ist jedenfalls Meinung. Und Klassensinn bleibt Klassensinn.
Gegenvorschläge tragen ihr Mal an der Stirn. Und Kunz, der sie macht, befindet sich schon deshalb im Nachteil, weil er zornig ist. „Ich habe ja gewiß nichts gegen Lüders und Hoffmann einzuwenden. Auch für Bräute und Witwen mit und ohne Kinder habe ich eine fühlende Brust. Aber bei jedem Werk ist nun mal die Leitung die Hauptsache, und der Kopf muß besser und höher liegen als die Beine. Darum und um dessentwillen: unser erstes Haus gehört zuerst einmal dem Gründer und Führer unserer Siedlerschaft für seine Arbeit an unserem Werk. Da er nicht alle Räume für sich braucht, mag er sich seinen oder seine Hausgenossen aussuchen!“
In den Worten, deren Ton mühselig die Grenze wahrt, schnaubt seine Erregung. Und die ist es, die Widerhall und Widerstand erweckt. Die Meinung steift sich gegen ihn, in dem sattsam gehegten und gepflegten Zeichen des Sozialen. Und der schlaue Metzling weiß wohl, was er spricht: „Wir möchten, daß Herr Oldefeld sich selbst hierzu äußert. Wenn es sein ausdrücklicher Wunsch ist —“ Die Pause ist inhaltschwer.
Darauf Horst sehr gehalten: „Ich soll hier einen Wunsch aussprechen, der von mir ausgesprochen kein Wunsch mehr ist.“
Kunz schlägt sich aufs Knie und blickt zuckend zu Dankwart hinüber. Nun hat er sich von dem Feixer auf den Leim locken lassen und spricht Feinheiten. Und noch schlimmer, empfindet sie. Die andern aber haben es nicht nötig, sie zu verstehen. Wenn sie überhaupt Sinn dafür haben. Um so bereitwilliger fliegt ihr Verständnis den letzten Worten von Horst entgegen: „Im übrigen bin ich dadurch, daß ich an der Spitze stehe, bevorzugt genug. Und dieser Vorzug nimmt gern die kleinen Unbequemlichkeiten in Kauf. Außerdem sollen bei uns ganz gewiß auch die Rangverhältnisse des Bedarfes und der Bedürftigkeit gelten. Die beiden Kameraden brauchen zuerst ein Nest — sie sollen es haben.“
In den Worten, die immer bestimmter wurden, fehlte etwas von dem alten Herzenston, der sonst die Gemüter zwang. Aber die Wirkung blieb nicht aus, die Augen leuchteten ihm zu.
Dankwarts harte Dürftigkeit grollte: Ist er jetzt wie einer, der bei der Masse sich schustern will! Immer schwerer, aus ihm klug zu werden!
Gisbert, treu bei der Sache, sobald er seine Gedanken in die Erdenbahn gezwungen, stand lebhaft auf und drückte Horst die Hand. Kunz aber stöhnte laut auf zu diesem lebenden Bild, zu solcher politischen Gruppe. Nun ist er bei der Lotosblume angelangt, jetzt wird er mit dem Hinduknaben sich weiter zerpflücken und zerfasern. Sein Grimm, der Scheltworte brauchte, benannte die beiden vor Dankwart „die Indiafaserkompagnie“, und der quittierte mit gezerrtem Lachen. Und Kunz klagte sich aus: so bleibt also wieder mal die Empfindsamkeit Trumpf, und wie istsie uns so not, so bitter not, die gesunde Rohheit unserer Urnatur!
Die beiden, Horst und Gisbert, gingen in den Abend hinein. Mit ganzer Zärtlichkeit umfing Horst den jungen Freund. Er fand in dessen Augen, die sonst so gläubig sich verklärten, die Tiefen einer dunklen Angst. Er ahnte wohl, was ihn so quälte und umtrieb. Aber war dies nicht zarter und feiner, als daß hieran selbst Gedanken rühren durften!
Sie wanderten still. Horst war auf dem Wege zu dem Landhaus der Schweden, wo er den Abend verbringen sollte. Er dachte nicht anders, als daß Gisberts Ziel das Moorhofer Herrenhaus sei. Aber wie ihre Wege sich trennten, ging er die Höhen hinauf, nach den Dünen zu, an die See.
Sie alle badeten am Tage, meist in der Morgenfrühe. Er war der einzige, der den Abend dazu wählte. Wie alles bei ihm Naturandacht war, so auch sein Schwimmen.
Hineintauchen in die Dunkelheit, mit dem weißen Leib die schwarze Flut beseelen, der Lichtbahn eines Sterns sich hingeben, dem Staub der Erde entfliehen, aufgehen in das schweigende, sternenhohe, gütig verhüllte, gnädig sich entschleiernde selige All — das war seines Schwimmens heilige Lust.
Er hatte wie keiner die Kunst, sich auf die Flut zu legen, sich von ihr tragen zu lassen, ohne daß er ein Glied rührte, auszuruhen auf ihr in Schlaf und Traum. Wie eine Mutter hielt ihn das Meer in den Armen.
Noch war es ihm zu früh für sein Bad. Auf einem der Hügel ließ er sich nieder, hier sah Horst ihn sitzen, die Hände verschränkt um die Knie, und mit zurückgebeugtem Antlitz in den Abendstern, den der Osten emportrug, sich hineinheben.
Der Abendstern, der Morgenstern, der Liebesstern — aller Zeiten der Stern bist Du!
Und Du, Gisbert, flüchtest Du Dich nicht bewußt aus der Sinnenwelt in diesen Sternenglanz?
Lange noch sah Horst die Silhouette gegen den Abendhimmel — die feine überschlanke Gestalt, diese zarten in die Dämmerung gestrichelten, mit der Dämmerung sich lösenden Linien, die schon nichts Körperliches mehr hatten.
Und Horst stockte der Fuß auf seinem Weg. Da geh ich nun zu den Fremden — und Gisbert, mein lieber Junge, schwindet uns hier unter den Händen. Muß ich — ich vor den andern ihn nicht halten und hegen!
Wär nicht diese Scheu um ihn, diese sprödeste Wehr, und in ihm dies Rührmichnichtan, das vor jedem Wort versteinert, das schon vor einem Ahnen des andern zusammenschauert. Was hat es zu leiden, das deutsche Blut!
Wie kann er dem Freunde helfen, da er nur erschrecken und wehtun würde. Und ist in ihm selbst nicht diese Scheu? Dieses Heiligtum der Schweigsamkeit, das niemand betreten darf?
Jetzt führt ihn sein Weg zu den Fremden, denen aufs neue er widerstrebt. Was will er bei ihnen, was soll er bei ihnen? Blutsverwandte ja — aber wie weit blieben sie vom Schuß! Diese lieben germanischen Neutralen! Wie haben sie sich gepflegt, da die Not uns verzehrte, wie wohl lassen sie es jetzt sich sein, da Elend und Schande uns zerfressen. Was soll ich bei diesen Menschen mit den wohlig satten Muskeln und den gut genährten Gehirnen?
InFreundschaft aber löste dieser Abend allen Unmut und Unwillen.
Eine Flut von Licht empfing ihn, in dem einfachen hellen Landhaus mit seinen strahlenden Birkenmöbeln.Alle Lampen brannten, auch die in den unbenutzten Räumen. Das liebte Herr Thorild so. Wieder bei Horst so etwas wie Zorn: nun ja, sie haben es und können es, denn sie haben die Valuta.
Aber auch in diesen Menschen brannte alles Licht ihrer Herzlichkeit. Und sein Mißtrauen, das dagegen aufflackerte, als ob hier zuviel Güte und Mitleid wäre, war bald im Erlöschen.
Wie gut sprachen sie von Deutschland, wie gut verstanden sie deutsche Art, das deutsche Leid, die deutsche Schuld, das bresthafte deutsche Dasein.
Mehr als einmal schüttelte Oberst Thorild schwer den Kopf. „Daß Ihr aus der Parteizerrissenheit nicht herauskommt, nicht aus Eurer Selbstzerfleischung! Die Fremden peitschen Euch in Wut — und Ihr geht Euch selber an die Gurgel. Nicht leicht ist es, Euch zu begreifen. Kein Land hat soviel Herz und Hirn — kein Land, dank seiner Parteipolitik, so viel herzlose Rechner und hirnwütige Verbrecher.“
Horst nickte dazu mit düsteren Augen.
„Euer großer Physiker hat mit dem von ihm gefundenen Gesetz das deutsche Wesen auf die rechte Formel gebracht: innere Wärme entlädt sich in äußere Bewegung. Vielleicht ist es Euer Fluch, daß Ihr zu viel innere Wärme habt, daß die sich in zu viel äußere Bewegung umsetzt, die Euch so heillos in Fetzen zerreißt. Das Stillhalten freilich ist nie unsere, der Germanen Sache gewesen. Im Draufgehen waren wir groß und im Dulden klein — schon Tacitus hat es uns bezeugt.“
In diesem „uns“ war ein Bekenntnis.
Und dann schloß er diese Gedankenreihe: „Im Ertragen von Leiden sind Euch die Serben, die Franzosen und andere Völkerschaften nun schon überlegen. Die Franzosen zumal, das femininste aller Mischvölker, das in den Wehen sich schon eher zu Hause fühlt. Sofeminin sind Eure lieben Nachbarn, daß sie es nicht einmal fertiggebracht haben, für ‚Mann‘ ein Wort zu besitzen. Wo sie es nicht gut entbehren können, begnügen sie sich stolz wie immer mit dem nichtssagenden, bedeutungslosen ‚Mensch‘!“
So sprach Ivar Thorild, der Schwede. Und der Deutsche Horst Oldefeld fühlte sich nicht veranlaßt, ihm zu widersprechen. So wenig, wie das alte Lied von Hysterie und weibischer Grausamkeit nun noch besonders anzustimmen.
„Daß Ihr jetzt, in der furchtbarsten Not, nicht zur Einigkeit gelangen könnt!“ hob der schwedische Oberst wieder an. „Wir sind auch hier mitten in einer Schuldfrage. Denn es gibt auch eine Schuld nach dem Kriege. Und bürdet sie nicht dem Feindesbund auf, der Euch vergewaltigt! Hättet Ihr den Bund im eigenen Land, brauchtet Ihr Euch nicht knechten zu lassen. All die Schändungen und Verbrechen — „Sanktionen“ heißt der erhabene Name dafür — ich sage nur Rheinland, Saargebiet, Oberschlesien — die große heilige Zornwelle eines gewaltig sich erhebenden einigen Volkes hätte diesen Frevel hinweggespült! Aber, Ihr habt was Besseres zu tun, Ihr müßt Euch untereinander begeifern, abwürgen und zu Boden schlagen.“
Wahrheit, alte, immer neue, nicht oft genug zu predigende Wahrheit!
„Und jetzt die andere, die viel berufene Schuldfrage. Die bekannte große Schuldlüge. Hier beschränke ich mich nun nicht auf völkerpsychologische Glossen. Hier kann ich mit freundschaftlich praktischer Arbeit aufwarten. Ich bin nicht ganz unbeteiligt an der neutralen unparteiischen Kommission zur Untersuchung der Kriegsursachen. Sie hat demnächst an Herrn Poincaree einige Fragen zu richten, auf deren Beantwortung oder — Nichtbeantwortung wir gespannt sind. Daß die deutsche Regierung nicht blankzieht, daß sie immer nur denFälschern im eigenen Lager das Wort läßt, das ist wieder etwas, was wir nun und nimmer begreifen! Vielleicht ist dies das Unbegreiflichste von allem! Herrgott“ — und nun spricht der ehrliche Zorn des Blutsverwandten, den gemeinsame Sache bewegt — „wollt Ihr denn das gemeinste und verlogenste Unrecht von der Welt stillschweigend dulden! Die Ihr überhaupt nicht zum Dulden erschaffen seid. Nicht dulden könnt! Und nicht dulden werdet! Unrecht am letzten! So bodenlos verlogenes Unrecht am letzten!“
In diesen Worten brauste ein Kampf- und Kriegsruf. Horst stimmte ein mit schmerzlich, freudig zuckendem Herzen. Von außen muß uns solches verkündet werden. Nicht bloß Feinde hat Deutschland auf Erden! Und noch mehr Freunde würden wir haben, wenn wir selbst noch mehr unsere Freunde wären, unsere starken, gläubigen, wagemutigen Freunde!
Und weiter Herr Thorild: „Was laufen auf unserem Planeten für Geister zweibeinig herum! Daß sie die hirnverbrannteste aller Faseleien sich aufbinden lassen! Deutschland hat den Krieg vorbereitet. Nicht die anderen Großmächte der Erde haben Deutschland eingekreist, nein, Deutschland hat die Welt eingekreist — Deutschland hat eingekreist! Ist es nicht zum Radschlagen! Aber grandios einfach die Genialität der politischen Scharlatane, die mit diesem beispiellosen schlechthin blödsinnigen Schwindel Geschichte — und ihre Geschäfte machen. Derselbe unsägliche Schwindel, mit dem die edlen Franzosen jetzt nach dem Kriege vor sich und der Welt als die Sieger, als die Sieger schlechthin paradieren. Dieselbe Nation, die Ihr in ehrlichem Kampfe Volk gegen Volk derartig zusammengedroschen hättet, daß nichts von ihr übriggeblieben wäre — nachdem sie in diesem schmachvollen Würgekrieg mit all den andern Mächten als Spießgesellen Euch durch das Massengewicht naturnotwendig erdrückt hat, o Glorie ohneEnde! — diese Nation entblödet sich nicht, als die Siegerin sich in die Brust zu werfen! Da die andern soviel Schamgefühl besitzen, dieses Sieges sich nicht eben zu rühmen, darf sie allein das Maul vollnehmen von victoire und gloire! Daß selbst ihre Verbündeten für solche — Bescheidenheit nur noch ein Lächeln haben.“
Auf all die schmerzlichen Erschütterungen, die durch Horst hinbebten, legte Ingeborg warm den vollen Glanz ihrer jungen lebensinnigen Augen. Welche Heilkraft strömte von diesem blonden, leuchtenden Mädchentum aus. Wie Genesung fühlte Horst es durch die wunden Nerven, durch die kranke Seele rinnen. Was sagt Kunz, der Lebenskundige? Gesundheit steckt an. Wann war Horst das Blut in so vollen, reichen, kräftigen, frisch brausenden Wogen durch die Adern geflutet!
Die Männer sprachen dann über ihre kriegsgeschichtlichen Forschungen. „Mein Material häuft sich bergehoch,“ klagte Herr Thorild, „und ich werde mit meiner Arbeit nicht fertig. Einen Kompagnon brauche ich. Ich komme nicht einmal dazu, meine Bücherei zu ordnen —“
Hier rutschte Ingeborg auf ihrem Stuhl und machte ein längliches, wundervoll schelmisch gescholtenes Gesicht.
„Denn mehr als je hat mich, sobald es Frühling wurde, mein Famulus im Stich gelassen.“
„Vater — nach dem langen Winter!“
„Dem Winter — mit seinen Eissegelfahrten und seinem Schlittschuhlaufen!“ lächelnd nahm der Vater ihr Kinn.
Horst sah sie in der farbenjauchzenden dalekarnischen Landestracht mit fliegenden Zöpfen über das Eis ihre Bogen schlagen! Welch ein Bild.
Er selbst war ein leidenschaftlicher und kunstvoller Eisläufer. Wieviel blanke blitzende Kindheits- undJugenderinnerungen zuckten durch ihn hin. Wie fröhlich jung er wieder war! Was hatte er diesen beiden Menschen zu danken!
Und jetzt schlug der Oberst schlankweg auf den Tisch. „Wie wär es, Herr Oldefeld, wenn Sie hier einmal Atem holten. Wenn Sie sich einmal unser Land ansähen, Ihrer Urväter Heimat. Und mein kleines Landgut, mein Haus, meine Bücherei. Sie sollen auch kein müßiger Zuschauer sein. Ja, als Lehrmeister brauche ich Sie! Ich sagte Ihnen, daß wir auch siedeln wollen. Die Gedanken, die Sie mir entwickelt haben, und an denen Sie hier arbeiten — vorzüglich! Ich brauche Sie, Herr Oldefeld! Und wäre Ihnen herzlich dankbar für Ihre Hilfe. Und Sie würden vielleicht neue Kraft sammeln für Ihren schweren Dienst — an ihrem Lande.“
Jetzt fiel auch Ingeborg ein, und wie klang ihrer Worte Melodie! „Sie fahren mit uns, nicht wahr? Sie kommen in unsere schönste Zeit. Das Summen unter unseren Sommerlinden sollen Sie erleben. Lindheim heißt unser Gut. Nirgendwo auf der Welt gibt es solche Linden. Nur noch in der Heldensage findet man ihresgleichen.“
Horst konnte nur leise, mit hochatmender Brust den Kopf schütteln zu so herzbetörender Lockung. „Es soll ja noch heute nicht sein“, sagte er tonlos, gehalten zwischen Wehmut und Sehnsucht, sich selbst zu leisem Trost.
„In vierzehn Tagen bin ich hier fertig“, erklärte der Oberst.
„Nun inzwischen werden wir uns ja hoffentlich noch öfter sehen!“ Horst bat die beiden, doch einmal die Siedlung zu besuchen. Ob Sie nicht am Sonntag kommen möchten? Dann wären auch seine jungen Freunde aus der Stadt da. Kriegsspiele würde esgeben. Die Schlacht bei Großgörschen wäre an der Reihe.
„Ei der Tausend! Da kommen wir natürlich mit doppelter Freude.“ —
Am Sonntag, da die Schüler nach Hohenmoor hinauszogen, trug nicht die alte Freude ihre Schritte. Ihre Mienen und ihre Lieder waren voll Trotz.
Dr. Georg Stumps ehrliche Bulldoggenaugen waren blutunterlaufen, so hatte er sich gebost. Auf den Stachelspitzen seiner Haare tanzten Elmsfeuer. Das Provinzialschulkollegium hatte eine Verfügung erlassen und dem gesinnungstüchtigen Direx des Gymnasiums die entschlossene Direktive gegeben. Alle militärischen oder „den militärischen ähnlichen“ Übungen der Schüler waren streng verboten. Aber immerhin, Singen und Turnen durften sie noch — wie lange freilich, das weiß kein Mensch! Und so mußte es draußen, am Fuße der Goldberge, vorläufig bei Turnspielen bleiben.
Auch Horst ballt zu dem Ukas die Fäuste. Welch eine Beschämung vor den schwedischen Gästen! In diesem Sklavenland — wie soll man das Leben weiter und auf die Dauer ertragen!
Mit einigen der Jungen, die technische Neigungen haben, ist Dankwart angefreundet. Sie besuchen ihn in seiner Werkstatt. Über neue Flugzeugprobleme belehrt er sie, zukunftsgläubig vor diesen jungen Augen. Für die nächste Zeit schon verheißt er ihnen den Probeflug seines neuen kleinen Modells.
Ingeborg kommt, zunächst ohne den Vater, der noch dem Moordorfer Pfarrarchiv einen Besuch zu machen hat. Wie erfrischend diese nordische Ungezwungenheit und Unbefangenheit, mit der sie unter all die Männer tritt.
Kunz, der Wächter von Horstens Seele, gibt sich überwunden und gefangen. Dankwart verschanzt sich, angstvoller noch und mißtrauischer als vor Frau Tildehinter dem Eisenwerk seiner Konstruktionen — welch eine Huldigung für die Frau! Und auch in Gisberts weltflüchtigen Augen lehnt sich etwas an die warme, licht- und farbenprächtige Erdennähe.
Sie tritt Horst zur Seite, als gehöre sie zu ihm. Gleich fühlt sie, daß eine neue Wunde ihn brennt. „Was ist?“ fragt sie leise und vertraut.
Er schüttelt leicht den Kopf. „Die Erniedrigungen nehmen kein Ende.“
Und schon tritt ein Gendarm auf den Plan, Bitterkeit in dem hellen Auge, Schwermut in dem hängenden Schnauzbart. Sein Auftrag kommt ihm selbst hart genug an. Sein eigener Schmerz ist mehr als all die subalterne Wichtigkeit.
Er macht vor Horst militärische Ehrenbezeugung. Befehl der Regierung. Soll Herrn Hauptmann Oldefeld darauf hinweisen, daß die militärischen Übungen mit den Gymnasiasten der Kreisstadt unliebsames Aufsehen erregt haben und nicht zulässig seien. Soll darüber wachen, daß der heutige Sonntag nicht wieder zu solchen „unerlaubten Veranstaltungen“ benutzt werde.
Jetzt also unter Polizeiaufsicht. Auf wessen Geheiß? Horst hat eine Ahnung. „Wollen und können Sie mir sagen, wem wir hier „unliebsam“ geworden sind?“
Der Beamte besinnt sich eine Weile. Dann spricht er offen, ein Gleichgesinnter, und seine Brauen ziehen sich zusammen. „Die Ententekommission hat sich an die Regierung gewandt.“ Jetzt stockt er, und mühselig kommt es über die zusammengezogenen Lippen. „Bei den Feinden ist von unserer eigenen Bevölkerung hier Anzeige eingelaufen.“
Die Männer sehen sich an, schmerzlich bohren sich ihre Augen ineinander. Sie schweigen tief und lange. Dann sagt Horst gehalten: „Ihr Dienst ist wahrhaftig nicht leicht. Ich will ihn Ihnen ganz gewiß nicht erschweren. Es wird hier heute nichts Verbotenes geschehen.Darf ich Sie bitten, in der Baracke unser Gast zu sein.“
Nun, da er mit Ingeborg allein ist, rüttelt der ganze Schmerz an ihm. Dazu die tiefe Demütigung, daß sie, die Ausländerin, von diesem unsäglichen deutschen Schandwerk hören mußte! Daß Deutsche bei den Landesfeinden Deutsche denunzieren! Der Denunziant — an sich schon der größte Schuft im ganzen Land! Aber auf die eigenen Volksgenossen die Fronvögte hetzen! Die eigenen Brüder den Folterknechten ans Messer liefern!
Und gerade in dieser Stunde wird sie ihm erst recht wie ein Freund, und in der Vertraulichkeit kommen ihm die schmerzensreichsten aller Worte: „O Deutschland! Deutschland!“
Sie sieht, wie er leidet, sie greift mit der Hand nach seinem Arm. „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie nah mir das alles geht.“
„Ja — manchmal ist es einem wirklich, als müßte man den Verstand verlieren!“
Die Verzweiflung gräbt sich in seine zerspannten Züge, die Augen starren leer und verlassen. Sie aber, von ihrem Mitgefühl durchflutet und hilfreich beseelt, gewinnt ihn lieber und lieber. Und zärtlicher neigt sie sich zu ihm hin.
Da gibt es ein Blühen in seinem Blut und ein Frohlocken in seinem Herzen. Warum reiß ich sie nicht an mich, dieses liebreizendste aller Geschöpfe — als meinen Halt, meine Rettung, meine Genesung, meine Kraft, meine Seligkeit!
Er fühlt es: wenn ich Dich nehme, gehörst Du mir! Und Du willst, daß ich Dich nehmen soll.
Aber dann klingt in ihm der Ruf aus der dunklen Tiefe — Deutschland, o Deutschland! Und wie gegeneine Verführerin wendet er sich gegen das junge, das herrliche Weib, die Fremde, mit der lockenden Ferne, die ihn heimatlos, die ihn untreu machen will.
Ein weher Schreck durchfährt ihre Hand, von der er sich löst, und es klagt auf in ihren Blicken. Da gibt er ihr ein liebes Wort. „Ich denke so viel an den Platz unter Ihren Linden.“
„Er wartet auf Sie. Und nicht wahr — Sie lassen ihn nicht warten!“
Der Vater tauchte in der Ferne auf. Die Jungen hatten sich inzwischen zum Abmarsch aufgestellt. Sie wollten sich an einer langen Strandwanderung, so gut es ging, schadlos halten.
Sie haben die Jungen mir und mich den Jungen verboten. Aber den Geist bütteln sie doch nicht tot! Er raffte sich hoch, aber mühsam trug er den Kopf auf gesteiftem Nacken.
Über die Goldberge zogen die Jungen. Sie sangen, dann auf der Höhe verstummte das Marschlied. Dem Klang aus dem Grunde lauschten sie. Wohl hatten sie ihn vernommen, denn machtvoller, sieghafter, zuversichtlicher und stolzer rauschte jetzt ihr Gesang, da sie den jenseitigen Hang zur See hinunterschritten.
Wir sind die Jungen — die Herzen fliegen!Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!Unter die Füße den tückischen Haß,seine Ketten zerspringen wie Glas.Unser Gebet, unser Feldgeschrei:Frei sollst du sein!Wir machen dich frei!
Wir sind die Jungen — die Herzen fliegen!Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!Unter die Füße den tückischen Haß,seine Ketten zerspringen wie Glas.Unser Gebet, unser Feldgeschrei:Frei sollst du sein!Wir machen dich frei!
Wir sind die Jungen — die Herzen fliegen!Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!Unter die Füße den tückischen Haß,seine Ketten zerspringen wie Glas.Unser Gebet, unser Feldgeschrei:Frei sollst du sein!Wir machen dich frei!
Wir sind die Jungen — die Herzen fliegen!
Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!
Unter die Füße den tückischen Haß,
seine Ketten zerspringen wie Glas.
Unser Gebet, unser Feldgeschrei:
Frei sollst du sein!
Wir machen dich frei!
Ihr werdet den Zauber lösen, der in den Bergen schläft. Ihr werdet Deutschlands Freiheit wiedersehen! Ob wir noch, die wir heute Männer sind? Es ist soschwer, so bitter schwer von dem Gedanken sich zu scheiden!
Ihr aber werdet sie nicht mehr sehen, ihr Grauen und Müden! Was ist das für eine kleine mühselige Schar von Alten, Gebückten und Beladenen, die da im Staub des Heidewegs zu den heiligen Höhen herangepilgert kommen? Öfter schon haben einzelne Wallfahrer hier gekniet und gebetet, das Wunder wach zu flehen, das hier unter den Hügeln ruht. Das Wunder der Erlösung des armseligen deutschen Volkes. Heute finden sich wohl ein Dutzend der Gläubigen ein. Männlein und Weiblein, alle so elend verwittert, alle so gramvoll sehnsüchtig. Hilf uns doch, Du Retter, Du Ritter, Du Schlafender! So bitter nötig haben wir Dein Erwachen!
Zum Liebhaben sie alle. Aber man darf sie nicht stören. Still müssen sie mit mummelndem Munde ihre Formeln sprechen. Horst wendet sich ab und zwingt an seinen Tränen. Deutschland — mein Deutschland —!
Und jetzt war auch Herr Thorild bei Ingeborg und Horst. Der mußte sich begnügen, den Gästen und Freunden die Siedlung zu zeigen. Er verschwieg nicht die schwere wirtschaftliche Not, gegen die sie rangen. Aber sie wollten und mußten durch! Und hier setzten seine willenshellen Augen wieder die alten Lichter auf.
Eine Fülle von Anregungen gewann der Oberst aus seinen Eindrücken. Und alles klang wieder aus in dem Wunsch und der Bitte: Sie müssen zu uns kommen!
Wie eine Rührung wogte es durch Horst. Was haben diese Menschen an Dir? Und wieder der Gedanke: So sind wir Deutschen doch nicht schlechthin im Ausland die Verachteten, die Verfehmten. Nur unsere Würde sollen wir wahren. Und Treue ist Würde! Treue auch zum Unglück! Ja, sein Unglück lieben — nur so wird man seiner Herr!
In solchem Selbstgefühl durfte er den Freunden frei die Hand reichen. Ich empfange nicht bloß, ich gebe so gut wie Ihr.
Aber die Schatten blieben. Und schwerer und dunkler zogen sie. Es kam für die Siedlung ein schwarzer Tag.
Gisbert,der ihrer aller Liebling war, löste sich immer mehr von ihnen. Wie ein Nachtwandler war er, den man zu rufen sich scheute.
Der einzige, der immer noch fest zupackte, war Kunz. Aber auch er griff jetzt immer mehr ins Leere. Und dann, er hatte genug mit eigener Herzenserschütterung zu tun. Vita war ihm entschwebt. Wie ein Traumbild war sie ihm zerronnen. Wohin hatte er sie geschreckt?
So trübte sich Kunz der Blick für des Gefährten Schicksal, den die Not seiner Liebe immer mehr von dem Irdischen trennte. Von der Erde, die, seit sie ihn verschüttet, begraben, erstickt hatte, seinen entrückten Sinnen nie mehr die rechte Heimat gewesen war.
In Gisbert selbst tastete noch etwas nach dem Gegenständlichen dieser Welt, nach Freundeshand, nach Zwiesprache, nach Austausch der Empfindungen. Und so klammerte sich etwas von ihm an Kunz, gerade heut.
Der Wind trug am Nachmittag den Glockenhall von Moordorf herüber. „Wollen wir zusammen in die Kirche?“ fragte er Kunz, mit knabenhaften Augen, fromm von kindlichen Gedanken.
Der hatte schon ein „Ja“ auf der Zunge. Da fuhr es ihm durch den Sinn: in Vitas Bereich! Wenn ich mich hineinbegebe, muß ich allein es tun! Denn für alles, was hier geschehen kann, brauch ich meine Einsamkeit. Und er schüttelte den Kopf zu dem Vorschlag.So ging Gisbert ohne ihn. Und es trug ihn wie ein Abschiednehmen — er wußte nicht wie.
Er wußte auch nicht, was eigentlich in die Kirche ihn zog. Halbe Wirklichkeit war in allem. Der Raum, die Andächtigen, der Gesang, der Prediger —
Wirklichkeit — was ist das? Es gibt etwas über der Wirklichkeit. Das ist seine Herrin. Das ist dieser Abend, der ihn zu ihr führt.
Schall ohne Sinn war ihm auch erst Pastor Waermanns hell aufstrebende Predigt. Der wieder der Mittler seines geliebten Ernst Moritz Arndt war, des deutschen Stimmführers aller Zeiten.
„Du mußt Gott bitten, daß er dir gebe einen stillen freundlichen und festen Geist, daß du alle deine deutschen Brüder zu dir versammeln magst.
Denn durch der Herzen Zwietracht ist das Unheil gekommen, und durch die Torheit der Feigen plagen fremde Henker dich.
Und ihr sollet euch wieder brüderlich gesellen zueinander, alle, die ihr Deutsche heißet und in deutscher Zunge redet, und den Trug bejammern, der euch solange entzweit hat.
Und sollet in Einmütigkeit und Friedseligkeit erkennen, daß ihr einen Gott habet, den alten treuen Gott, und daß ihr ein Vaterland habet, das alte treue Deutschland.
Und sollet gedenken, wie ihr ein freies Land von euren Vätern empfangen habet, und wie ihr euren Kindern und Kindeskindern die Freiheit hinterlassen müßt!“
Das klang denn doch in Gisbert nach, das weckte in ihm schlummernde Stimmen. Die Stimmen, die sein Dasein begleitet hatten, die seiner Arbeit Melodie gewesen waren. Sie schlangen das Band zwischen ihm und den Kameraden, den Freunden. Und er ruhte aus in diesen Harmonien.
Aber sie hielten ihn nicht, sie trugen ihn nicht, und er entschwebte wieder in seine Welten. Und alles, die Siedlung, das Vaterland, die Gefährten wie der Kirchgang, der Gottesdienst wurden ihm nur zu einer alten Weise wehmütiger Erinnerungen.
Ein paar schrille Weckrufe: zwei Mädchenaugen hängten sich an ihn, von so heller und scharfer fast heftiger Daseinskraft. So viel gesammeltes Leben — es brannte und stach. Den Traumfernen erreichte die fragende Leidenschaft. Bleiben sollst Du und Rede mir stehen! Allein bist Du! Wo hast Du den andern! Ich will ihn nicht! Aber, wo ist er? Das will ich wissen! Und warum er Dich allein hat kommen lassen! Ich will ihn nicht! Will nicht seine packende Hand, seinen dürstenden Mund! Aber, er soll mich suchen! Suchen soll er mich, daß ich ihn abweisen kann, ihn von mir stoßen! Was tut er’s nicht!
Und Gisbert wußte es, dieses Mädchen, das nichts ist als Augen, nichts als fordernde, starrende, bannende, naturkindliche Leidenschaft der Augen, es konnte nur Vita sein, das Mädchen seines Kunz.
Jetzt war der Freund doch ganz nahe bei ihm. Von dem er ahnte, daß er um das Mädchen litt. Helfen — ihm, dem lieben, getreuen — und auch ihr, in deren Augen der sehnsüchtige Trotz einer Qual Fieber und Bitterkeit wirkte.
Predigen — von der Liebe predigen! Hier, wo der Ort dafür war! Von der Liebe, die mehr ist als ein Gefühl. Von der Liebe, die die Wahrheit ist. Die Wahrheit und die Freude, aus der jede Kreatur, aus der das All, die Unendlichkeit ihr Leben hat.
Aber die Worte dafür — immer ist das Wort mit seiner Erdenschwere hinter ihm zurückgeblieben. Nun hat es ihn ganz verlassen. Das lichte Schweigen ist um ihn.
Und mit dem Wort, das er nicht findet, versinkt ihm all das, was ihn eben noch gerufen und bewegt hat. Ob er es halten möchte, es schwindet ihm hin. Und wieder wie ein Traumwandler zieht er seine Straße, die zu seiner Herrin ihn führt.
Das Auto, das ihm auf der Chaussee entgegenrast, der Staub, den es emporwirbelt, die Hupentöne, die es ausstößt — all das bleibt weit, weit unter ihm.
Er weiß nichts von der Erde, er sieht auch den Himmel nicht, nicht seine grüne Abendflut, die wie brennende, schmelzende Patina ist. Erst wie er in Tildes Zimmer steht, wird er erlöst aus seiner blutleeren Wesenlosigkeit.
Und wieder ist es ein Klagendes in ihren Augen, was ihn erdhaft macht. Keine Wehmut und Weichheit, die nach Mitleid ausblickt. Eine Bitterkeit, die sich immer mehr verhärtet, und die Härte als Hilfe braucht. Wie ein Trotz ist es aufgestiegen aus der Tiefe dieser Augen. Die schwere Arbeit der Tage, das Übermaß der Pflichten schmiedet ihres Wesens Metall.
Hilflos, wie verschüchtert sitzt wieder Gisbert vor ihr. Und wieder die Frage über ihm: was kann ich Dir sein? Ich, der ich mich verblutet habe — ich weiß es selbst — dem das Beste seiner Jugend, seiner jungen Kraft zerronnen ist — „Gedankenblässe“, das ist das Wort! Das ist der Stempel, den ich trage. Ein Schatten, ein Schemen, schwebe ich vor Dir. Und je tiefer sein feines Spüren in die Augen der Frau sich einsenkt — lebt in ihnen nicht eine fast zornige Forderung an das Leben auf?
Über wirtschaftliche Dinge spricht die Herrin mit ihm, trocken, geschäftlich. Dazwischen müde Pausen des Ausruhens und des Schweigens. Sie plant noch ein paar Neubauten und hat Budgetsorgen. Er kann sie nur anhören, kann nicht raten.
So einsam ist diese Frau. Der natürliche Gehilfe und Berater, wahnbefangen, der Arbeit verloren, hält sich fern.
Zugleich mit ihm kommt ihr — wie sind sie sich doch nahe — der Gedanke an den, der ihr fehlt. „Achim war eben im Auto hier — nur auf eine Minute. Er ist gleich zur Bahn gefahren. Er will nach Holland zu einem internationalen Match.“
Die Worte reihen sich gleichmäßig auf, fast unbewegt von dem Schicksal, das durch sie hindurchgeht. Und wieder ist das Schweigen um sie beide, gut, heilend und treu. Dann sagt sie: „Kommen Sie, Gisbert. Ich möchte noch ein wenig in den Park.“
Sie gehen hinein in den lichten Abend. Es ist die Johanniszeit, die hellsten, längsten Tage herrschen, die Kraft der Sonne durchwebt die Dämmerung, webt durch die Nacht hindurch dem Morgen entgegen und nimmt sich selbst wieder in Empfang.
„Heut ist des Sommers heilige Nacht“, sagt Frau Tilde. Ihre Blicke ruhen auf dem jungen Freund. Ist er nicht wie der Heilige dieser Helle? Er selbst so durchsichtig, so unirdisch, so verklärt. Und wehklagend zieht es durch sie hin: Armer, lieber Junge. So hast Du Dein Leben hingeströmt! Und ist nicht wie Du ein großer Teil der deutschen Jugend — viele, die unter uns hinschweben, kaum etwas anderes als die Schatten Erschlagener!
Die Johannisnacht beschäftigt ihn. Er spricht von den Sonnwendfeiern, erzählt von einem sanften Brauch, den Frau Tilde nicht kennt — sie weiß nur von den Feuern und Flammentänzen dieser Nacht — von dem Johannisbad erzählt er, dem Blumenopfer, das man den Flüssen darbringt. Und gar nicht bedeutungsschwer, mit einer leisen Fröhlichkeit fügt er hinzu: „In dieser Nacht werden die Lose der Menschen geworfen.“
Sie haben den Park durchschritten. Da vor dem Tor ragt auf der kleinen Anhöhe der mächtige Ahorn in den grünglasigen Abendhimmel. Hier auf der runden Bank haben sie damals gesessen, in die Wolken geblickt und von ihnen beide dasselbe vernommen. Und wieder lassen sie sich hier nieder.
Über die Felder gleiten die Blicke. In Tilde regt sich die Landfrau. „Wie gut der Roggen steht!“ Bis zu ihren Füßen zittert das grüne Meer in dem Hauch, den die See landeinwärts sendet. „Was hätte Vater für eine Freude daran gehabt!“ Nun ist sie bei ihren Toten und in großer Verlassenheit.
„Ach, lieber Junge!“ sagt sie dann und streicht ihm übers Haar. Was ist alles in ihren Augen, so viel Mütterliches, sorgend und schützend, und wieder ein Frauliches, das zärtlich nach Hilfe ruft. Und er starrt in diese wogende Tiefe.
Dann nimmt sie seinen Kopf in die Hände und küßt ihn auf die Stirn, und küßt ihn auf den Mund. Schon hat sie sich erhoben und reicht ihm die Hand. „Und jetzt Gut Nacht“, sagt sie einfach. Und weiter nichts. Schreitet zum Park, tritt in das Tor und verschwindet unter den Bäumen.
Gisbert bleibt, bewegungslos. Alle Stimmen seines Lebens klingen zusammen in dieses letzte Wort. All seine Schmerzen, seine Seligkeit, seine Hoffnungen und Enttäuschungen, seine Taten und Leiden, sein Träumen, seine Visionen, seines Wesens Beginn, seines Daseins Ausklang —
Aber auf den Lippen — da brennt es — ein Feuer — so wie eine Todeswunde brennt — schmerzlich und überschmerzlich, bestrahlt schon von den ewigen Wonnen.
Ein Feuer, das bleibt und brennt. Davon das Blut ihm kocht und braust. Das wenige Blut, das noch durch seine Adern flutet.
Ich sehne mich, sehne mich nach Dir! Mit allem, was an Kraft und Leben in mir ist, sehne ich mich nach Dir.
Und Du — jetzt wird alles, was in ihm Leben hat, Glut und Glanz eines stolzen Glückes — singt und schluchzt und jauchzt nicht in Dir dieselbe Weise? Sind wir nicht wiedergeboren einer in des andern Herzen? Muß ich nicht bei Dir sein und Du bei mir! Warum bist Du gegangen! Was läßt Du mich allein!
Fliehst Du mich, daß ich Dich suchen soll? So fiebert es grell in ihm auf. Und dann: oder lächelt sie über mich? Lächelt sie, daß ich so weltenfern, so im Übersinnlichen meine Kreise ziehe!
Nun entsetzt er sich, daß er so in die Niederung gerät! Mit den Gedanken an diese Frau. Und überwindet den Schreck und blickt mutig dem Leben ins Gesicht, mit seinen Knabenaugen.
Den Wirbel sieht er, der Lachen mit Grauen mischt, den Wirbel um das Mysterium Weib. Er flieht vor ihm — und seine Gedanken werden immer mehr hineingezogen in den Taumel.
Wenn dieser Tanz mich erlöst aus meiner Verlorenheit? Wenn ich gesund werde — ein gesundes, junges Blut? Und habe meine Geliebte, habe mein Weib —
Eines andern Weib — Untreue, Betrug — das Grauen fällt über ihn her! Was wird geschehen? Was wird sein!
Und es peitscht ihn das Entsetzen vor der öden, schalen Geschlechtlichkeit — die Verzweiflung, daß er das Bild seiner Herrin in diesen Wust herabzieht. Das strahlende, heilige, beseligende Bild der Gnade!
Wie hat er zu ihm gebetet, zu ihm aufgesungen: Du bist die Geliebte meiner Seele. Nicht treibt es mich, mit den Blicken Dich zu fassen, das Auge in Dein Auge zu legen, mit Deiner Stimme mein Ohr zu füllen, Deine Finger mit der Hand zu umspannen.Nur wissen will ich Dich, nur wissen, daß Du bist, nur das Glück fühlen, daß Du lebst! Rühren Worte an die Herrlichkeit dieses Besitzes? Nicht einmal Gedanken!
Nun haben die Gedanken doch an sie gerührt — das Begehren hat nach ihr gegriffen, das gemeine Begehren.
Er ist fortgestürmt, hinein in die dämmernden Weiten. Der Dünensand hemmt seinen Lauf. Nun steht er atemlos — vor ihm schauert das Meer im Hauch der Nacht.
Und dort im Osten aus dem Dunst über der Flut hebt sich der Mond, dunkel, glühend, groß und tief. Drohend und schwül. Feindlich, grausam und böse. Wie ein Schicksalsspruch, wie ein Gericht über Sünde und Schuld, wie der Henker im Scharlachmantel.
Gesenkten Hauptes steht Gisbert. Er trägt den Leib wie eine Last. Dann hebt er sich auf, die Sterne sucht er, noch sind sie bleich — erst allmählich entzünden sie ihre Kraft, ihre Hilfe, ihren Trost. Jetzt aber haben sie die Macht ihrer Sprache. Und Gisbert liest die Verse des Firmaments, die Dichtung des Himmels, die Hymne der Nacht, der Allmutter Nacht. Und er ist daheim.
Der Nacht antwortet das Meer. Und alles klingt zusammen in dem großen Sphärengesang: Güte und Freude ist alles — alles geht aus von der Freude — alles geht ein in die Freude — gut, gut ist das Leben, gut ist das Ewige, ewig das Leben, ewig die Freude —
Der Mond ist emporgetaucht aus dem dumpfen blutigen Dunst — alles Böse hat er abgetan, er hat sein gutes helles Licht gewonnen. Ich bin die Güte, ich bin ein Freund! Und eine Straße baut er über die andächtig stille und ergebene Meerflut.
Gisbert ist am Strande. Zu seinem nächtlichen Bade entkleidet er sich. Vor seine Füße wallt dieseleuchtende Straße. Wohin führt sie? Wohin will sie mich leiten? In das All und seine Freude —
Ja, Du strahlender, Du guter Weg — Dir vertrau ich mich an. Du kennst mein Ziel, Du offenbarst mir meine Bestimmung, meine Erfüllung und Vollendung. Abtun will ich meine Schlacken — der reinen Freude will ich ins Antlitz sehen —
Er schwimmt — schwimmt in der lichtgesättigten Flut — in alle Poren dringt der Glanz — die Lungen leuchten — das Herz ist voll Schein — ein verzitterndes Lichtbeben sein Schlag —
Ein Lichtstrahl gleitet sein Leib durch die goldene Flut, hinein in die Wellen des schimmernden Äthers — hinein in das All — in die gute große freudige Heimat — — —
Die Männer standen vor der Baracke — Horst, Dankwart und Kunz. Wie Deutschland Deutschland verrät, das geht ihnen durchs Gemüt. Der Gendarm hat erzählt, Ententeoffiziere wären in der Provinz auf Waffensuche unterwegs. Sie hätten selbst erklärt, daß sie sich vor deutschen Denunziationen nicht retten könnten. Der englische Hauptmann hätte heftig dazu ausgespuckt.
Diese letzten Worte wollen Horst nicht aus dem Ohr. Immer hört er sie in dem trockenen, schmerzlich heiseren Tonfall des Gendarms. Wo er geht und steht, krächzen sie ihm nach.
Bei Kunz ist der Grimm schon weitergestürmt. „Wenn die Henker zu uns kommen — wenn sie bei uns schnüffeln — wenn sie frech werden — was geschieht dann! Was tun wir dann!“ Wild schlägt es in seinen Stirnadern. Seine Fantasie schwelgt.
Horst ist allein in die Dünen gegangen. Wie soll man das alles ertragen. Zu der Last, unter der man schon zusammenbricht — immer mehr wird zu ihr aufgepackt. Ich kann nicht — kann nicht mehr! Und will auch nicht mehr!
Gegen den Schmutz, die niederste Gemeinheit kämpfen, welch ein übler Irrsinn! Der Schmutz läßt sich nicht besiegen, und man selbst — nicht nur, daß man unterliegt, besudelt unterliegt man! Und der Ekel würgt einen ab.
Nach Norden blickt er. Dort auf der Landzunge steht das Haus, in dem seine Freunde wohnen. Und blickt man weiter, in derselben Richtung, hinter dem deutschen Meer liegt Nordland, liegt Schweden.