Heimweh

„Denn das Höchste, Höchste ist für mich ein Reiter,und das Leben labt und lebt und liebt sich weiter!“

„Denn das Höchste, Höchste ist für mich ein Reiter,und das Leben labt und lebt und liebt sich weiter!“

„Denn das Höchste, Höchste ist für mich ein Reiter,und das Leben labt und lebt und liebt sich weiter!“

„Denn das Höchste, Höchste ist für mich ein Reiter,

und das Leben labt und lebt und liebt sich weiter!“

Horst brauchte keine Reiterlieder anzustimmen. Von dem blanken Mannesmut, dem die Frauenhuld gehört. Die totsichere — die lebenssichere Gewähr dafür, daß dieser Geist sich auch fortpflanzt und nun und nimmermehr ausstirbt. Er freute sich daran, wie der Alte die Klinge schlug. Und war es zufrieden, daß er selbst im Hintergrund bleiben konnte — jetzt, wo Lona, die Gebändigte, selber in der Beschaulichkeit sich hielt.

So sagten sie sich still und friedfertigen Sinnes Lebewohl. Horst verhieß, er würde Sonntag abend nach dem Manöver noch herüberkommen und den Kirchenschlüssel bringen. —

Die Jungen strömten heraus mit singenden Lungen und hochschlagenden Herzen.

Sie lagern am Fuße der Goldberge. Horst, in der Mitte des Kreises, hält ihnen Vortrag. Mag das ganze eine Kinderei sein, ein Stammeln im Geiste. Aber gleichviel — auf den Geist kommt es an.

Wir haben hier — so spricht Horst — ein ausgezeichnetes Katzbach-Gelände. Da, die beiden Rinnsale, die von dem Südhang sich abzweigen und ins Moor fließen: Katzbach und Neiße. Drüber die Hochebene. Also heute: die Schlacht an der Katzbach!

Begeisterte Zustimmung leuchtet aus all den jungen Augen.

Wie Horst nun begann die Kriegslage zu erläutern, fand auch Kunz sich ein. Aber er blickte nicht auf das Schlachtgelände, drehte der Strategie den Rücken und hielt mit den Augen die Moordorfer Straße.

Horst erklärte: Napoleon hat versucht, mit großer Übermacht Blücher in Schlesien zu stellen. So dumm ist der Alte nicht — er weicht aus, geht vom Bober hinter die Katzbach zurück und wartet, bis der Kaiser mit einem Teil seiner Armee nach Sachsen zurück muß,da das böhmische Heer anmarschiert. Macdonald erhält den Befehl über die achzigtausend Mann, die den — natürlich! — ‚in Auflösung begriffenen Feind‘ weiter verfolgen und vernichten sollen. Bei Blücher haben Russen den rechten und linken Flügel, unter Sacken und Langeron. Das Zentrum befehligt York. Er hält sich hinter Anhöhen versteckt — ahnungslos steigen die Franzosen zu dem Plateau empor. Blücher befiehlt: laßt so viel Feinde herauf, wie Ihr wieder hinunterschmeißen könnt! So geschieht’s. Dann beginnt die preußische Brigade Hühnerbein den Tanz, mit Bajonett und Kolben fegt und schmettert sie die Franzosen den Abhängen zu. Aber Macdonald treibt immer neue Massen auf die Höhe. Ein preußischer Kavallerieangriff unter Jürgaß verpufft. Da stürmt der Alte selbst und sein Liebling Katzeler mit preußischen und russischen Reiterscharen gegen den Feind. Kräftig hilft die Infanterie Yorks und Sackens nach — während Ehren-Langeron es vorzieht, Gewehr bei Fuß zu bleiben. Der Franzose wird ins Neißetal geworfen, in den brausenden Strom. Der Sieg ist errungen.

So die kurze Erläuterung. Nun wandern sie durch das Schlachtgebiet. Fröhlich schmunzelt die Fantasie zu den „reißenden Gebirgswassern“. Die einzelnen Stellungen werden bezeichnet. Dann geht es an das Einteilen der Heerkörper, an die Ernennung der Führer.

Natürlich will niemand Franzose sein. Erst wie Horst die Rolle Macdonalds übernimmt, bekommt er sein Heer zusammen. Auch die Russen sind nicht begehrt. Kunz muß sich erst zu dem Jammerkerl, dem Langeron, entäußern. Allerdings hat er dafür den Vorzug, auch sein eigener Heerkörper zu sein — zum Nichtstun bedarf es keiner weiteren Kräfte — und in träumerischer Einsamkeit die Spitze des Moordorfer Kirchturms und die Straße vom Dorf, die so freundlich verheißende, zu betrachten.

Auch hat der Posten, der ihm zugewiesen ist, alle Anwartschaft darauf, nicht mit rührender Treue gehalten zu werden. Vielleicht, daß dieser Frühlingssonntag doch noch etwas anderes mit ihm im Sinne hat, als daß er hier den traurigsten aller Wutkigenerale an den Pranger der Unsterblichkeit stellen muß.

Die Moordorfer Straße — eine Straße wie die andern auch. Vom grauen Staub bedeckt, von grauen Bäumen mürrisch bewacht, die der Frühling noch nicht hat entzünden wollen. Und heute ein grauer Himmel über allen Dingen.

Wie aber wird dieser graue tote Weg, auf dem heute niemand geht und niemand fährt, wie wird er zu leuchten anfangen, ein goldener Streif, eine Sonnenbahn, wenn zwei Mädchenfüße ihn betreten!

Wartest Du, Straße, nicht auf diese Füße? Ja, ja — Du bist nichts als ein Warten, als ein Dichdarbieten, als ein Sietragenwollen! Was gibt es auch Herrlicheres für einen Weg, als von dieser unsagbaren Anmut zu federn und zu schwingen!

Nicht wahr, Du, Straße, sehnsüchtig wie ich, Du führst sie mir her, sie weiß ja, daß hier heute Kriegsspiel ist. Was gibt es Lockenderes für sie? Und sie ist mein Kamerad. Wenn ich dabei bin, muß sie doch auch dabei sein! Straße, gedenke Deines Berufes! Trag ihre Schritte! Bring sie mir her!

Der Ehrgeiz der Jungen warb um die Führerstellen. Blücher war natürlich Dr. Georg Stump — an den greisen Marschall hätte auch ihre Bewunderung kaum zu rühren gewagt. Eher schon trauten sie an York sich hinan — der primus omnium, ein ernster, kantiger und steifnackiger Junge ward auserlesen.

Am meisten umworben war Blüchers Verzug, Katzeler, der kühnste und verschlagenste aller Reiterobersten. Als solcher durfte Fritz Röder vor seinen Schwadronen bergan traben, ein Junge, rosig, leichtsinnig,sorglos und liebenswürdig verschmitzt — seine Besonderheit war, listig sich mit der Kamera lustig verfängliche Situationen zu greifen.

Und nun ist Krieg. Die feindlichen Heere haben sich aufgestellt. Horst-Macdonald klimmt mit seinen Scharen die Höhe hinan, die Aufklärung versagt plangemäß, in breiter Linie fluten sie auf den Gipfel.

Wie ein unbändiges Meer wogt die versteckte Brigade Hühnerbein. Schwer ist sie zu halten. Jetzt! Das Kommando! Sie brechen vor auf die Feinde —

Ein erbittertes Handgemenge. In Paaren kugeln sie auf den Boden. Die Franzosen müssen zurück. Aber Macdonald — zu spaßen ist nicht mit dem schlachtenerprobten Marschall, dem Helden von Wagram — er führt neue Truppen ins Feuer — der Kampf steht —

Jetzt ist die Stunde der Reiterei gekommen. Wie das Donnerwetter preschen Blücher und Katzeler mit den Regimentern gegen die Anstürmenden. Und Yorks Infanterie gibt ihren Senf dazu.

Aber — aber die gerufenen Geister — so leicht sind sie nicht los zu werden. Ist es die Schwärmerei für Horst, ihren Führer, ist es der Zorn, daß sie die Franzosen sein müssen — Macdonalds Soldaten stehen und verbeißen sich. In Einzelkämpfen. Sie sind die gewandteren Ringer und bleiben oben. Der große Kavallerie-Angriff und mit ihm das ganze Programm droht in die Brüche zu gehen. Kommandos und Signale werden in der Kampfeswut nicht mehr gehört, die Franzosen dringen erbittert weiter vor, das Bild der Katzbacher Schlacht beginnt, sich heillos zu verschieben und zu verzerren —

Da — was begibt sich? Man weiß, wie oft in die Entscheidungsschlachten der Völker überirdische Mächte, himmlische Erscheinungen eingegriffen haben — Erzengel mit dem Flammenschwert, die Geister sagenhafter Helden oder heilige Frauen im Glorienschein.

Und hier — eine Elfengestalt — ein Wesen aus einer anderen Welt — an die Spitze der wankenden Preußen tritt sie — eine Begeisterung, übermächtig, braust durch die Herzen. Die Reihen schließen sich, sie stürmen vor, unaufhaltsam, sie siegen, sie siegen. Und der Feind liegt am Boden.

Kunz, wo hast Du Deine Augen gehabt? Hast Du so lange auf die Straßenlinie gestarrt, wie das Huhn auf den Kreidestrich, daß Du davon eingeschlafen bist?

Vita, Deine Vita ist ja längst zur Stelle. Mit ihrem Vater ist sie gekommen, der heute hier auch nicht fehlen darf. Jetzt steht Horst bei ihr und drückt ihr die Hand, daß sie die geschichtliche Wahrheit gerettet hat. In scheuer Verehrung umkreisen sie die Jungen.

Kunz findet sich schnell hinzu — es zwickt ihn wie die bittere Wehmut einer leichten Eifersucht, es liegt ihm ganz und gar nicht, überflüssig zu sein. Sie begrüßt ihn mit ihren hellen eifrigen Augen. Wie durchrieselt ihn die Freude an ihrer Kindlichkeit. Die ihm, ihm einmal erwachen soll!

Eine Pause gibt es. Wieder lagern sie alle. Die Kritik ist mühelos erledigt. Jeder bekommt seinen Wischer. Nur die Vision wird gefeiert, der Geist und des „Geistes Tochter“, die Begeisterung.

Die drei Männer, Horst, Pastor Waermann, Dr. Georg Stump unterhalten sich über das Leben in Blüchers schlesischem Hauptquartier — der eine weiß dies, der andere das. Die Jungen hören zu mit dürstender Hingabe. Hier ist Trank aus deutschen Quellen.

Wie um den Alten, den sie den „rohen Husaren“, den „Landsknecht“ schalten, das regste geistige Leben blühte. Nichts mehr von dem alten bildungsfeindlichen, plumpen Hohn des Kasernentons. Die Helden dieses Kreises, Gneisenau voran, Rühle von Lilienstern, mit Heinrich von Kleist innig befreundet, Schack, Brandenburg,Oppen, — Offiziere von weitestem Horizont. Und auch die Haudegen Horn, der preußische Bayard, Jürgaß, Sohr, Katzeler, der tolle Platen, dem nie die Pfeife ausging — sie alle beileibe keine bloßen Plempenschwinger. Weiß man, daß die Offiziere in Blüchers Hauptquartier Shakespeares Dramen mit verteilten Rollen lasen? Und wieviel Leuchtkraft strahlte von den „Schriftgelehrten“ Karl von Raumer, Friedrich Steffens, Friedrich Eichhorn aus! Keine Dumpfheit gab es hier, keine Enge, keine Verketzerung! Freimut die Losung! Alles Ehrliche galt, alles Faule wurde ausgebrannt, bei Fürsten wie bei Untertänigen!

O Du, unser Vater Blücher, auch heute noch — heute mehr noch als je unser Vater! Wie sang Pastor Waermann sein Lied!

„Bewußt und groß!“ Erfüllt war sein Bewußtsein von der Sklavennot seines Volkes, seiner eigenen unerträglichen Not! Bewußt war er sich seiner Führerschaft, seiner Kraft, die Fesseln zu brechen — bewußt der Liebe seines Volkes, der Liebe seines Heeres, der Bereitschaft seiner Getreuen, mit ihm in den Tod zu gehen. Keiner ist so klaräugig wie er, mit so unverwüstlichem Vertrauen wie er, der Frische, der Kraft, der Freiheit deutscher Art sich innegewesen — groß war er im Glauben! Und so — bewußt und groß hat er die Volksseele gelöst, gehoben, beflügelt zum Freiheitsflug. Jeder Blutstropfen in ihm war Freiheit, jeder Hauch seines Atems rief nach Freiheit. Der große bewußte Freiheitsheld seines Volkes ist er gewesen. Und ist er uns geblieben, unser Schirmherr, unser Bannerherr, uns, seinen Urenkeln, auf die wiederum die Knechtschaft fiel — und die wiederum die Knechtschaft zerbrechen werden! In unserer Seele brennen und leuchten seine Worte: „Trage Fesseln wer will, — ich nicht. Ich bin frei geboren und muß auch so sterben!“

Es bebten die jungen Herzen, es zuckten die Augen.

Turnspiele folgten. Militärische Übungen. Horst sprach noch einiges über Technik in der neuesten Kriegsführung. Dann trennte man sich. Die Jungen waren vollgesogen bis ins Mark von stählenden Erlebnissen. Sie hatten Eisen ins Blut bekommen. Am nächsten Sonntag wollten sie mit tausend Freuden sich wieder einfinden.

Singend zogen sie der Stadt zu, singend das Trostlied ihrem Deutschland:

Wir sind die Jungen, wir sind die Kraft,jede Faser gestrafft und gerafft.Wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,siehst Du die nächtigen Wolken lohen?Wir sind des Frührots lachender Schein!Frei sollst Du sein!

Wir sind die Jungen, wir sind die Kraft,jede Faser gestrafft und gerafft.Wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,siehst Du die nächtigen Wolken lohen?Wir sind des Frührots lachender Schein!Frei sollst Du sein!

Wir sind die Jungen, wir sind die Kraft,jede Faser gestrafft und gerafft.Wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,siehst Du die nächtigen Wolken lohen?Wir sind des Frührots lachender Schein!Frei sollst Du sein!

Wir sind die Jungen, wir sind die Kraft,

jede Faser gestrafft und gerafft.

Wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,

siehst Du die nächtigen Wolken lohen?

Wir sind des Frührots lachender Schein!

Frei sollst Du sein!

Horst, der Pastor, der Doktor, Vita und Kunz gingen eine Strecke im Takte mit. Der Doktor sprach mit Horst. Er war stolz darauf, daß von seinen Jungen wieder nur die beiden räudigen Schafe fehlten.

Übrigens der eine von diesen, der Kommunist, ein unheimlich begabter Mensch. Ein musikalisches Genie. Lebte als reiche Waise im Hause einer halb verrückten Tante, die ihn frei gewähren ließe. Jetzt hätte er Klavierstunde genommen bei der Nihilistin, die die Stadt unsicher machte.

Lona also. Diese letzte Wendung gefiel Horst nicht. Aber Doktor Stump sagte noch mehr von ihr. Natürlich sei der Junge rasend verliebt in sie. Eine Gefahr nicht bloß für ihn. Eine Gefahr, die weitere Kreise ziehen könne. Höchstwahrscheinlich lasse sie alle Minen springen, um Bresche zu legen in die Reihe der Primaner. Für die sie natürlich etwas lockend Geheimnisvolles und Verbotenes sei.

Horst trug an einem Unbehagen. Aber die Vertraulichkeit einer Entgegnung, einer Auseinandersetzungwiderstrebte ihm. Und der Doktor, so ehrlich wie befangen, ging weiter im Text. Von all den Aufwieglern in der Stadt sei sie ohne Frage die Bedrohlichste, schon als die geistig Bedeutendste. Und ihr Zauber, um den die männliche Jugend zu kreisen geneigt ist —! —

„Wer weiß,“ rief der Lehrer erbost, „ob ich Ihnen das nächste Mal noch all diese Jungen wieder hinausbringe!“

„Sie meinen —! —“

„Nicht unmöglich, daß sie ein pazifistisch-musikalisches Jugendkränzchen mobil macht, gegen unsere vaterländische Jungmannschaft! Die Erregung gegen sie ist im Wachsen. Vielleicht steht ihr so mancherlei bevor!“

Nun richtete Horst sich steil auf. „Sie ist eine Frau, eine Dame —!“

„Sie macht Politik. Und Politik ist geschlechtslos —“

Die anderen traten hinzu, sie wollten umkehren. So verabschiedete man sich.

Horst ging versunken den Weg zurück. Die drei Andern sprachen lebhaft, er blieb mit sich allein.

Lona — sie laufen Sturm gegen Dich. Wären wir im Mittelalter, machten sie Dir als Hexe den Prozeß. Denn Du trägst Dein Mal. Dein unglückseliges zerrissenes Leben, Dein zerwühltes Gemüt, Deine flammende Sehnsucht, die der Zeit voran fliegen will, hat Dir das Hexenzeichen aufgeprägt.

Ich versteh es, ich seh es, wie die Primanernacken nach Dir sich wenden. Wieviel Reiz ist in der blühenden Schlankheit Deines Wuchses, in dem Doppelleben Deiner Züge, in der Auferstehung Deiner Augen aus vergrabener Tiefe. Wer begreift es nicht, daß gerade junge Fantasie an Dir sich entzücken muß!

Dazu Deine Kunst und — abenteuernden Sinnen ein Zauber — Deine wilde fanatische Kampfstellung, auf geistiger Höhe.

Und nun — einen Wettstreit soll es zwischen uns geben, um die Seelen der Jungen? Ist es das, was mir am nächsten geht? Oder ist es der Wettstreit, den ich um Dich auszufechten habe — mit allen, deren Blicke und Gedanken um Dich streichen und werben, ob es die Jungen sind, ob die andern alle! Ob der Alte seine haarige Flosse auf Deinen leuchtenden Unterarm legt — was hat sie da zu liegen! Ob Deine Parteigenossen Deiner begehren und Dich umgirren!

Er kämpfte schon wie um ein eigenes Besitztum, zornig und heiß.

Was hatte der Schulmeister vorhin gesagt? Daß sie sich nicht scheuen werde, ihre Reize spielen zu lassen, um so die Jungen zu sich herüber zu ziehen!

War das nicht wie eine Beschimpfung? Wie hatte er das hinnehmen können! Und heftig fast wandte er sich jetzt an Pastor Waermann. Er habe eine Bitte. Eine ihm bekannte Dame, Künstlerin, Meisterin auf der Orgel, möchte dann und wann in der Moordorfer Kirche spielen dürfen. Kunz spitzte die Ohren.

„Das soll sie!“ Der Pastor gab gern seine Einwilligung.

„In der Stadt macht man ihr Schwierigkeiten,“ erklärte Horst ehrlich. „Weil sie Kommunistin ist.“

Pastor Waermann wußte von ihr. „Ich muß offen gestehen — unbehaglich ist sie mir ja — aber darum —!“

Horst, der empfindlich gewordene, wollte gegen das „unbehaglich“ sich ins Zeug werfen. Dann aber griff er es willig auf. „Sie ist sich selbst nicht behaglich — zerquält, vom Leben zerschlagen. Nur in ihrer Kunst kann sie sich wiederfinden. Und gerade die Orgel trägt sie auf andere Bahn. Es dämmern Bekehrungsmöglichkeiten —“

Dann brach er jäh und unwirsch ab. So was wie gemeinsames Rettungswerk widerstrebte ihm aufstiefste. Und da er von Wandlungsmöglichkeiten sprach, verriet er hier nicht heimliche Hoffnungen?

Kunz mit Vita ließ seinem Unmut die Zügel frei. Längst hatte er vor ihr keine Geheimnisse mehr. Eine selbstverständliche Vertraulichkeit band die jungen Herzen. „Horst orgelt sich da selbst in etwas hinein. Solche innere Mission färbt immer ab. Er soll die Finger davon lassen. Er braucht — wir brauchen seine reinen Hände!“

Schwer ging seine Brust. Vita sah, wie er litt, an quälender Sorge. Sie nahm seinen Arm. Da durchrann ihn das Glück. Und er hob sich fröhlicher. „Das Siedlungswerk soll nicht untergehen! Deutsche Augen — deutscher Glaube sind auf uns gewandt. Wenn Horst uns versagt — er darf es nicht, denn alles hängt an ihm — aber wenn, wenn — Dankwart ist zu sonnenlos und Gisbert, der jetzt kaum noch was Irdisches hat, schwimmt in seinen Unendlichkeiten. Dann muß ich — ich wachsen an meinen Pflichten!“

Sie blickte zu ihm empor. Alles Kindliche, Spielerische fiel von den beiden ab. Eine Weihe der Kraft schloß die jungen Menschen zusammen.

Horstbrachte Lona den Kirchenschlüssel. Sie hatte die Erlaubnis, morgen Montag zu einer ihr genehmen Stunde auf der Moordorfer Orgel zu spielen.

Sein Lohn wurde ihm zugesichert, er sollte, wenn sein Tagewerk beendet wäre, am späten Nachmittag — diese Stunde wählte sie — ihr zuhören.

Horst war hinterm Pfluge gegangen. Er hatte Furchen gezogen durch deutsche Erde, der Duft der umbrochenen Schollen hing ihm im Haar, lebte noch in seinen Lungen und stählte ihm das Herz. Er fühltesich sicher und reich. Wie ein Gebender erschien er sich, nicht als einer, der suchte und beschenkt werden sollte, da er den Weg zur Moordorfer Kirche antrat.

Die Luft prickelte und schäumte wie Wein von den Kräften und Säften des Frühlings. Dann und wann — wie ein Mädchenlachen, keck und spröde zugleich, zitterte es stoßend und kurz, höhnend und befeuernd durch den schweren seidenen Glanz des sinkenden Nachmittags.

Er dachte an Lonas Lippen, die vollen, farbigen, denen die schmerzverbissenen Kiefer so schwer zu schaffen machten, die so bitter in weher Ironie sich spannten. Hatte er jemals ein Lächeln, ein weiches, vergessenes Lächeln um diesen Mund gesehen? Und war doch der rote, blühende, lebensheiße Mund eines jungen Weibes.

Er warf die Arme. Ist es nicht aller Weisheit Anfang und Ende, nicht die Erlösung aus allen Nöten: die Sprache Mund auf Mund — gibt es eine andere zwischen Mann und Weib? Durch seine Sinne rieselte es. Was gehen ihre Gedanken mich an, ihre Dogmatik, ihr Geistesleben, ihr politisches Toben!

Vom Verstehen habe ich immer gesprochen, in so schönen Worten theoretischer Gesinnung. Was schwatz ich mich so herum um die einzige Verständnismöglichkeit, die gegebene, die gebotene, die notwendige? Die einzig wahrhaftige, von der all die verlogenen Mätzchen wie weggeblasen werden! Gibt es Waffenstillstand für uns, warum sollen diese Stunden sich nicht füllen mit allen Gaben der guten Lebensgeister? Die gut sind, weil sie nur fühlen, nicht denken. Macht nicht das Denken erst böse?

Und er summte und träumte im Frühlingsrausch.

Wie er sie beim Torfmeister fand, war sie anders als das Bild seiner Wünsche. Auf ihrem Gesicht eine krankhafte Blässe, sie sprach wieder von schlafloser Nacht, und daß sie das Moor nicht vertrage.

Dem Torfmeister ging es besser, morgen wollte sie in die Stadt zurück.

Nun wanderten die zwei zum Dorf. Eine Befangenheit war um sie. Beide empfanden sie stärker als je das Ungewöhnliche ihres Beisammenseins. Eine Heimlichkeit vor den Freunden — und auch eine Heimlichkeit vor ihnen selbst, vor ihrem eigenen Wollen, ihren Kämpfen, ihren Lebenszielen. Wie ein Verbotenes, wie eine Schuld. Und wieder mit allen Reizen des Heimlichen und Schuldhaften.

So suchten und mieden sich verstohlene Blicke und Wünsche in wachsender Scheu. Kaum, daß sie ein Wort miteinander sprachen.

An der Kirchentür erwartete sie ein halbtauber Junge, der die Bälge treten sollte. Nun gingen sie in das Gotteshaus, darin schon die Abendschatten geisterten. Die rostige Stimme der Uhr mahnte sie mürrisch: es ist schon sechs! Der geduckte, karge Raum mit seinen gedrungenen Säulen und der düsteren Täflung gab den Eindruck einer trotzigen verbissenen Frömmigkeit.

Horst setzte sich in einen der schweren Stühle, Lona ging die Treppe zur Orgel hinauf — es war ein Instrument mit freistehendem Spieltisch — und machte sich bereit. Die Windladen füllten sich. Liebevoll legten sich die dankbaren Finger auf die Tasten.

Leise, im Hauch spielte Lona ein paar Passagen — die Töne waren ungleich, viele grau, alt und quäkend. In trockener, starrer, linearer Kühle fügte sich Ton an Ton — dürr klang es, mechanisch, wie wenn Letter an Letter gesetzt wird zu einem mühsam dürftigen Wortgebilde. Jetzt aber fand sie es, die Orgel hatte doch Seele, sie konnte lebendig werden, konnte sprechen und Zeugnis geben.

Um Horst aber schauerte die Andacht seiner Sehnsucht.

Und es begann. Ein dumpfes Rauschen begann es, aus weiter Ferne, gebändigt von Nacht und Finsternis.Wolken schoben sich, ballten sich, formten sich gespenstisch. Ein Chaos wie von sich selber träumend, kaum seiner selbst sich bewußt. Und es wird ein Schein — ein Wollen, eine Kraft, ein Licht. Und das Licht schafft sich Schatten, die ihm dienen müssen — die vor ihm fliehen wollen — die sich auflehnen im Kampf — die Feuerodem dem Lichte entreißen — und mit ihm sich beseelen. Körper, Wesen, Lebende, Leidende, aus Licht und Finsternis geworden. Menschen. Da sie leben wollten, sind sie dem Tode verfallen. In den Wolken, auf schwarzen Fittichen rüttelnd, steht der Würgengel. Unter ihm die Kreatur, sie verkriecht sich in Klüften, sie winselt, sie schreit. Und auf wen der Würgengel stößt, in dem erlischt das Licht, er wird wieder zum Schatten. Nun aber, da er gelebt, ist er schuldbeladen — und des Schattens wartet das letzte Gericht, furchtbarer noch als der düstere Todesengel. Von Grauen gepeitscht sind die Seelen — Gewitterstürme donnern hernieder über das Weltmeer — Blitze zerreißen die Finsternisse der Himmel — an die Ränder der Wolken klammern sich die gehetzten Schatten — es gibt einen Tod noch über dem Tod — und was ist das Leben — was ist sein Sinn — was ist es mit dem guten Sinn des Lebens? Ein Hohngelächter in tausendfachem Echo gellt von den irdischen Abgründen zu den zerklüfteten Wolken — entsetzte Seelenschatten flattern durch den erbarmungslosen Raum —

Horst erfror vor dem erhabenen Grauen dieser trostlos verzweifelten Visionen. Sie alle getaucht in die schreienden Tinten ihrer neuen Kunst. Kosmisches Urweltgestammel über allem. Und doch ein gewaltiges Ringen in und zur Wahrhaftigkeit, ein Sichselbstzerwühlen nach den letzten Offenbarungen des Ich.

Findet sie keinen Trost, keinen Ausblick, keine Helle? Wo ist das Licht, das doch sein muß, damit die Schatten sein können!

Jetzt — fügte sich, baute sich, wölbte sich nicht etwas in ihren Tönen? Über den weichenden Wolken? Die große Kuppel, das Firmament, der Himmelsdom. Und Sterne gebiert die Nacht — sie leuchten, sie künden, sie loben.

Wie ein Ausruhen ging es jetzt durch ihr Spiel, wie ein Aufatmen, ein Erinnern. Regten sie sich, die Klänge des Heimwehs? Wollte die Kindheit lebendig werden — und der Kindheit gläubige Traumwelt?

Ein Gebetlallen in stammelnder Torheit, gedankenlos verloren, glückhaft versunken — und dann die wachsende Klarheit, wie ein Sonnenaufgang der Zuversicht —

Tiefe Klänge aus Bachschen Messen und Kantaten, die eine leuchtende Lichtspur ziehen — und schon jauchzt es auf in dem atemlos gebannten Horst: sie findet sich — sie findet zurück — sie findet heim —

Plötzlich aber — was züngelt in die Himmelsklarheit der Töne? Ein Überdruß — ein Spott — ein Hohn —?

Und Horst stöhnt auf. Fängt sie nicht an, Bach zu travestieren? Ihm das Käppchen der Selbstgefälligkeit aufzusetzen? Verzerrt sie nicht die Frömmigkeit zur Frömmelei, die Herzenseinfalt in ein kokett bigottes Schmachten? Läßt sie die pausbäckigen Engelsjungen sich nicht sich selber verlachen und Koboldsfratzen schneiden —

Und dann ein Schluchzen — ein wildes Weinen — die Verzweiflung des Zweifels — ich kann nicht — ich komm nicht auf — ich muß wieder versinken — ich bleib in der Tiefe. Und ein Trotz — eine wilde Bitterkeit — und wieder das Schluchzen.

Und plötzlich das tonlose Verhauchen — das Ersterben in Nichts — das Verstummen. Das Schweigen.

Horst kauert im Gestühl, niedergezwungen von seiner Erschütterung. Langsam löst er sich — er wartet auf Lona — sie kommt nicht — da geht er, wie tastenderst, die Treppe zur Orgel hinauf — sie ist über die Klaviatur hingesunken und liegt in Ohnmacht.

„Lona“ — flüstert er an ihrem Ohr, er nimmt ihre Schulter, er richtet sie auf — da kommt sie langsam zu sich. Ein Blick seltsam trauriger Hingebung bricht aus ihrem Auge — dann aber aus seiner Verlorenheit findet er die alte feste Richtung seines Ausdrucks. Und nun preßt sie ihre Schläfen, sie schüttelt den Kopf und stellt sich auf die Füße.

„Es spielt sich so schwer — das Pedal bringt einen um — ich bin einfach müde zusammengeklappt.“ Unwahres sprach sie. Horst aber rührte nicht an ihre Zerrissenheit.

Es war ein Anfang — und alles in allem, ein Schein ist aufgegangen. In qualvollem Ringen. Ein Frühschein soll es sein — es soll, es soll! Nur diesem mühsam glimmenden Licht nicht zu nahe kommen. Daß die zarteste Hoffnung nicht erlischt. Und heute nur daran denken, mit welcher Macht die Kunst in ihr braust! Dankbar daran denken!

Wie hat es ihn geworfen zwischen Himmel und Hölle! Welch eine Windsbraut hat ihn als Weltenwanderer getragen, entführt, gewirbelt, ihm die Fittiche gesträubt, das Hirn ihm betäubt. Daß Schwindel und Ohnmacht ihn selber packten!

Und er griff ihre Hand. „Was können Sie spielen! Ich selbst bin umhergeworfen — von einem Weltenrausch —“

Er suchte nach Worten. Sie versagten sich ihm. Schweigend packte er noch einmal ihre Hand, in zügellos heftigem Druck.

Er hatte sie zum Torfmeister heimgebracht. Nun taumelte er durch den Abend.

Dies, Kunz und Dankwart, konnte die Baracke nun nicht mir geben! Wißt Ihr, daß dies zu mir gehört, daß dies mir gehören muß, für mein Leben, meinSchaffen, mein Ziel! Ihr habt die Augen starr auf den einen Punkt gerichtet. Bewußt, stier und stur. Ich tadele euch nicht darum! Ihr seid gut für unser Land, ihr seid notwendig. Ich aber muß um mich blicken können, frei und weit. Und mit gestärkten, geschärften, vertieften Blicken suche ich dann wieder das Ziel, das meines wie euer, das unser ist! Ich muß mich umtun können im deutschen Land, im deutschen Geist, in allen Registern der deutschen Not und Qual. Und wenn ihr meint, ich erweiche mich so — ich sage euch, eben so werde ich fest zu meinem Beruf.

Und wenn die, deren tiefsten Erschütterungen ich gelauscht habe, die um die Wahrheit ringt und an ihrer Wahrhaftigkeit leidet, mir das Herz bewegt — um so kräftiger schlägt dieses Herz für unseres Lebens Sinn. Für des deutschen Lebens Inbegriff und Inbrunst. Alles, alles muß dem einen zum besten dienen.

So zog Horst ohne Scheu die Gehetzte, Gepeinigte, Zerwühlte, auch Verfehmte und Geschmähte an sich. Immer blieb ihr Auge bei ihm, wie es aus der Ohnmacht zu ihm erwachte, die erschrockene Zärtlichkeit, die schmerzliche Innigkeit — wie lebte es davon in seinem Blut!

Er sah die Lichter des Moorhofer Gutshauses. Da lag sein Gisbert noch immer in Pflege. In diesen Tagen, morgen, übermorgen sollte er in die Baracke heimkehren. Es zog Horst zu dem Jungen. In dessen weiter Seele fand er den Widerhall, den die planmäßig verwahrte Enge von Dankwart und Kunz ihm versagte. Und das, was in ihm wuchs und ward, es mußte sich ausschwingen — ohne Worte, nur in dem Beisammensein.

Gisbert saß mit Frau Tilde. Sie hatte als Gutsherrin schwer gearbeitet, nun lehnte sie müde im Sessel. Horst wurde herzlich begrüßt.

Sie sprach von dem Wiederaufbau der niedergebrannten Stallungen. Einen größeren Posten Balken und Bauholz habe sie bei Gelegenheit gekauft. Davon werde etwas übrig bleiben, das sollte die Siedlung bekommen für ihr erstes Haus.

Welch eine seltene Frau! Diese überirdischen Augen, die Zeugen ihres fernen, hohen Fluges — und dabei doch die feste zugreifende Hand, und in ihrer überströmenden Güte die kluge Sorge für den Tag.

„Je eher sie an ein eigenes Haus die Hand legen, um so mehr frohe Sicherheit ist bei ihnen.“

Der Diener brachte eine Depesche. Sie öffnete sie, nach leiser Überwindung, mit zagender Hand. Um ihre Augen zog ein schwerer Schatten. Dann legte sie das Blatt beiseite.

Sie sprach weiter über den Bau, und wie die Seßhaftigkeit der Herren ihr ein Trost sei, deren Nachbarschaft ihr eine Hilfe und Freude. Dann zuckte es in ihrer Hand.

„Und da wir in einer Gemeinschaft stehen — da wir mehr oder weniger aufeinander angewiesen sind, soll auch volle Offenheit zwischen uns sein. Dies hier“ — ihre Finger griffen wieder nach dem Telegramm — „gehört so zu meinem Leben und zu meiner Tätigkeit, ich muß mit Ihnen darüber reden.“

Sie gab die Drahtnachricht an Horst. Er las: „Bin Amateur-Boxmeister von Deutschland. Gegner mit großer Technik, gutem Auge und ausgezeichnetem Linken landete mehrfach hart, wurde aber schließlich durch rechten Kinnhaken zu Boden gestreckt. Kampfdauer drei Minuten vierundvierzig Sekunden. Achim.“

Horst gab auf ihre Bitte an Gisbert die Nachricht weiter. Dann sagte sie: „Es ist eine Eitelkeit in uns, die mit unserem Unglück Versteck spielt. Ich will mich ganz frei von ihr machen. Sie wissen ja ohnehin, daß ich meinen Mann schwer erkrankt aus dem Feldezurückbekommen habe. Man hofft immer wieder auf eine Wendung. Und immer geringer wird die Hoffnung.“

„Gnädige Frau,“ sagte Gisbert, und seine Worte leuchteten wie seine Augen, „lassen Sie erst wieder mehr Sonne in Deutschland sein — sie kommt auch zu ihm und erlöst auch ihn.“

„Mehr Sonne, Gisbert?“ entgegnete sie, schmerzlich spannte sich ein Lächeln um ihren Mund. „Wir werden noch sehr viel mehr Finsternis in Deutschland haben. Und — auch die Sonne kann Zerstörtes nicht wieder lebendigmachen.“

Gisbert und auch Horst suchten nach Zuspruch. Mit weher Klarheit fuhr sie fort. „Es ist nun mal alles Empfindungsleben in ihm zunichte geworden. Und — was das Schlimmste ist — man darf selbst auch nicht mit irgendeiner Empfindung ihm nahe kommen — als ob sie Ansprüche auf einen Widerhall erhöbe, den es nun einmal nicht geben kann. Die erschreckten, gequälten, kranken Augen dann — das Herz steht einem still. Und so ist er nun rettungslos versunken — in diese rohe Spielbetäubung des Gladiatorentums.“

Ihre Hände nahmen wieder das Telegramm. „Dies ist nun eine Siegesnachricht. Ich soll an ihr teilhaben — und darf doch auch wieder keinerlei Freude zeigen. Er weiß ja, daß sie nicht echt sein kann, und würde noch mißtrauischer werden. Und wenn ich ganz mich zurückhalte — man sucht doch schließlich immer noch nach einem Rettungsfaden! Und wir gehören doch zusammen.“ Unhörbar fast klang es aus.

Eine Freundschaft schloß das Leid dieser Frau um die drei. Daß sie aus ihrer leisesten Innigkeit sich so ihnen offenbarte, wie eine unsägliche Kostbarkeit empfanden die beiden Männer so viel Zuneigung und Vertrauen. In Gisberts blassem Gesicht fluteten die Blutwellen. Das Fieber seiner Augen hob und löste sich in der Verklärung eines unerhörten Glücks.

Mit ihrer stillen Tapferkeit war Frau Tilde schon wieder bei der Gutswirtschaft, sprach davon, daß sie den Siedlern noch eine Milchkuh überlassen könnte, und bat Gisbert, der in den letzten Tagen ihr als eine Art Privatsekretär bescheidene Dienste geleistet hatte, in den Büchern festzustellen, wie viel Thomasschlacke für das Siedlungsland übrig sei. Sie redete dann fachmännisch mit Horst über die Bestellung und versprach ihm, sie wolle sich selbst bald einmal nach der Ödlandkultur umsehen.

Dankbar nahm Horst von ihr Abschied. Welch ein Schicksal! dachte er. Wie klagt das deutsche Leid in immer neuen Weisen, an immer mehr versteckte deutsche Gräber stößt unser Fuß.

Und seine Gedanken gehen zu Lona. Kann hier der Schmerz dem Schmerz nicht helfen, würden diese beiden Frauen, die ungleichsten der Welt, sich nichts zu geben haben, beide so reich an seelischem Gut und beide so bedürftig! Würden sie den Weg nicht zueinander finden — über den Abgrund, den das Leben zwischen ihnen aufgerissen hat?

Wenn ich Lona zu ihr führe! Dieser Gedanke, so kühn und doch so natürlich, so notwendig, läßt ihn nicht los. Ihr beide — eben weil ihr aus verschiedenen Welten seid, um so mehr habt ihr euch zu offenbaren, und je tiefer ihr grabt, euch zu verstehen, um so mehr Schätze werdet ihr ans Licht heben. Ihr werdet euch verstehen und werdet mithelfen an der großen deutschen Versöhnung! Ihr aus den feindlichen Heerlagern — und doch zwei deutsche Frauen!

Und Dich Lona — aus Deiner Einsamkeit gilt es, Dich zu befreien, aus Deiner Abgeschiedenheit von dem, darin Dein Leben seine Wurzeln hatte. Möchtest Du nicht selbst zurück? Schluchzte nicht leise die Sehnsucht auf in Deinem sturmgewaltigen Orgelspiel, das Heimweh? Mächtiger wird es über Dich werden!Und zwischen uns beiden, wird nicht bald mehr zwischen uns sein als dieser mühsame Waffenstillstand? Lona, Du rätselhaft liebe Du!

Er bebte in der Zärtlichkeit seines Blutes. Und es zogen durch ihn die Schatten, die das Schicksal wirft.

Zu Frau Tilde, zu Gisbert wollten seine Gedanken zurückkehren. Die Augen des Freundes lebten vor ihm auf, in ihrer unbegrenzten verlorenen Glückseligkeit. Auch hier zogen die Schatten —

Eswar ein neuer Befehl der Regierung ergangen, daß alle Heereswaffen abgeliefert werden sollten. Militärische Kommandos gingen um und überwachten die Erfüllung.

Die Siedler hielten Rat. Und ähnlich wie früher sprach Horst: „Wer sind jetzt unsere Landpfleger?“

„Landpläger“, nannte sie Kunz.

„Wer sind sie heute, wer sind sie morgen? Sie selber wissen es nicht. Und ich kenne sie nicht. Und ehe ich nicht weiß, in wessen Hände ich meine Waffen liefere — behalte ich sie lieber selbst.“

Sie stimmten ihm zu. Und — die Waffensuche ging an ihnen vorüber.

In der Stadt war man sehr strenge gefahren. Aus mehreren Kellern, unter Fabrikarbeiterwohnungen, wurden Maschinengewehre ans Tageslicht gezogen.

Die Arbeiter wüteten. Man wußte, daß die Siedler ihre Maschinengewehre behalten hatten. Man zeigte sie an, bei dem Offizier, der das Kommando befehligte. Der hatte für die Denunzianten nur ein frostiges Schweigen.

Natürlich! Die Bande hält zusammen wie Pech und Schwefel! Das alte System! Wenn wir’s leiden, verdienen wir’s nicht besser!

Das Falkenauge ist wieder einmal in der Kreisstadt. Es gärt aufs neue, jetzt mit dem Frühling, in dem elend wunden und siechen deutschen Volkskörper. Die „betrogenen Proletarier“ wollen endlich ihr Recht. Wollen Abrechnung mit den sozialreaktionären Verrätern. Im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland bereitet sich etwas vor. Überall im Lande müssen die Flammen auflodern! Je mehr Herde, um so besser. Um so sicherer der große Schlag und der Sieg.

Auch hier müssen wir zupacken! Unter dieser Parole tagten die Führer in Knubarts Wohnung hinter verschlossenen Türen. Das Falkenauge, Kittel der Buchbinder, Struk der Koch, ein Werkführer aus der Eisengießerei — er war Feldwebelleutnant draußen und ist der Feldherr des Kreises — und Lona. Auch sie ganz im Panzer ihrer Parteigesinnung.

Das Falkenauge hat die Gesamtlage umrissen. Einzelaktionen werden verlangt, überall. Hier mit der Stadt als Operationsbasis läßt sich ein Vorstoß machen. Hier kann das Heil für die ganze Provinz entzündet werden.

„Wenn uns die Siedler nicht als Pfahl im Fleisch säßen!“ heißt es dagegen.

Stahlboom, der Werkführer, spricht. Er ist schlank und gut gewachsen, trägt sich kavaliermäßig, wenn auch mit der Nuance des Fadenscheins, hat im Blick etwas fraglos Mutiges und Befehlendes, unterstreicht aber unnötig sein Selbstbewußtsein und zeigt zu oft kriegerisch seine zementplombierten Zähne.

„Uns hat man die Maschinengewehre genommen. Die Siedler haben sie behalten. Das erste muß sein, daß wir diese Maschinengewehre uns holen. Ehe wir die nicht haben, liegen wir im Wurstkessel und bleiben da liegen! Darum — die Baracke wird gestürmt! Die nötigen Leute haben wir. Gewehre und Handgranaten sind noch da. Noch sage ich. Die nächste Waffensuche kann uns auch die nehmen, und was dann!“

„Sturm auf die Baracke!“ fordert Kittel mit dem gellend pfeifenden Brand seiner Rede. Er war nur noch Feueratem und flammende Augen, sein Leib zerfallen, sein ganzes Wesen jetzt vollends von lauter Dynamitgängen ausgehöhlt.

„Machen wir uns das eine klar!“ betont das Falkenauge — er hat den Weitblick, die Zusammenhänge, das konsequente Denken, „mit diesem Sturm auf die Baracke ist es nicht getan. Wenn er gelingt, verpflichtet er zu der größeren Aktion. Mißlingt er aber, ist damit für unbestimmte Zeit unsere Unternehmungskraft hier zerschlagen.“

Sie berieten. Es wurde beschlossen, daß sie es wagen sollten. Stahlboom brachte den Plan in der Tasche mit. Am Abend sollte der Handstreich ausgeführt werden. In der Nacht würden sie dann das städtische Rathaus besetzen. Die Stadt wäre reif. Gäbe es einen Menschen in ihr, der zufrieden wäre? Und wäre es einer, wär er feige. Auf den Mut käme es an, auf die Tat! Nur die Tat zwingt die Herzen.

Vorbereitungen sind natürlich zu treffen. Aber diese Tage, die auch anderswo die Entscheidung bringen, müssen uns am Werke finden!

Vorbereitungen — dazu redet Knubart, und er wittert bedachtsam. „Wir haben es mit einem gefährlichen Feind zu tun. Kerle sind sie alle, die Siedler. Und ihr Führer, der Hauptmann Oldefeld — Lona, Sie kennen ihn ja persönlich.“ In seinem Blick ist die lauernde Kälte.

Lona hebt frei die Augen. „Ja, er ist mir bekannt.“

„Sie kommen öfter mit ihm zusammen —“

Nun widerstrebt sie doch, wie einem Verhör. All die Augen, die sich auf sie wenden, gebärden die sich nicht wie Richter über sie?

Und ist in ihrem eigenen Gewissen nicht eine Stelle, darin etwas sich regt — wie ein Argwohn gegen sichselber? Darf sie sich wundern, wenn in den andern, den Freunden, den Schwurgenossen ein Mißtrauen aufzieht?

Mißtrauen! Ich bin unserer Sache treu! Was mit mir verwachsen ist, durch mein Denken, mein Fühlen, mein Leben — nichts von meinem heiligen Glauben habe ich verloren, nichts von ihm habe ich preisgegeben! Wie kann ich das, ohne mich selbst zu verlieren! Ich bin bei der Fahne, ich bin bei dem Schwert — bei dem Schwert unserer Fehme, wie nur je ich es war! Ich kämpfe mit Euch, mein Leib und Leben für unseren Kampf!

Nur Schleichwege dürft Ihr mich nicht schicken wollen!

Aber in Knubarts trägem, laschem Auge ist die Tücke.

Man wartet auf ihre Antwort. Sie zwingt ihren Unmut nieder. Ohne Frage haben die Genossen Anspruch auf ihre Ehrlichkeit. Und wieder schließt sich etwas in ihr, wie um ein stilles Besitztum, das von allem Lauten entwertet wird. Das an jeder Berührung sterben muß — das sie jetzt selbst berühren und zerstören soll!

Ein Heiligtum also! Zum Lachen! Es gibt für mich kein Heiligtum, außer meiner heiligen Sache! Deren Feind Du bist, Horst Oldefeld! Todfeinde wir! Todfeind — man hat das Wort so oft gesprochen, wie eine abgegriffene Münze ist es, deren Schrift man kaum mehr kennt. Hier ist aber das Wort ehern ins Leben gegossen.

Eure Baracke wird von uns gestürmt! Hier hat nun jeder zu zeigen, wer er ist. Hier gibt es keine Empfindungsflausen, keine Gefühlskunststücke, keine Gedankenspreizungen im Rahmen unserer gutgespielten Friedenskomödie — hier gelten jetzt die echten Sakramente: Leib und Blut!

So hart macht sie sich selbst, so bitter hart — und sie spricht hastig, sich überstürzend die Antwort aufKnubarts trächtige Frage: „Herr Oldefeld hat bewirkt, daß ich in Moordorf die Orgel spielen darf — er hat auch schon einmal zugehört. Wir haben einen gemeinsamen Freund, den alten Torfmeister. Bei dem auch er Sonntags nachmittags sich einzufinden pflegt —“

„Sonntag nachmittag“, wiederholt Knubart schwer. Und alle begreifen gleich.

Der Werkführer erklärt: „Dieser Sonntag — um Neumond herum sind wir, dunkel ist es — der Abend ist für den Sturm die gegebene Zeit. Der liebe Sonntag ist ja den lieben deutschen Seelen als Ruhetag in Fleisch und Blut übergegangen — den Tag zum Biertrinken und Spazierengehen, den suchen wir uns aus. Und wenn der Führer dann auch bis zum späten Abend aus dem Hause ist —“

Weiter kein Wort. Ein Blick auf Lona, und sein Instinkt warnt ihn, mehr zu sagen. Sie alle fühlen es: kein Wort mehr. Sie kennen Lona — ihre klare Härte — die so spröde ist, wie das zarteste Kristall. Nichts von ihr, als was ihr Wesen selber ihr befiehlt, im Augenblick der klaren, harten Entscheidung. Blank und ehrlich ist nur die Tat.

Militärische Besprechungen schlossen die Tagung. Nachrichten aus den andern Lagern sollten abgewartet werden. In zwei Tagen mußte es sich endgültig entscheiden, ob der angesetzte Schlag Sonntag geführt werden sollte.

Dann kam es: die endgültige Entscheidung fiel auf den Sonntagabend. —

Gisbert war wieder in der Baracke. Er war noch nicht ganz genesen, aber wie aus Selbsterhaltungstrieb sehnte sich grade das Zerfließende seiner Art nach dem Bandeisen harter Arbeit.

Die Aufsicht über die Stallungen war ihm jetzt zuerteilt. Der Erste war er in der Frühe auf den Beinen, auch heute am Sonntag fand das Morgenrot ihn wach.Er ließ die Hühner aus dem Stall, sie stammten meistens aus Mönkhov, ein Geschenk von Frau Tilde. Es war seine Freude, für seine Gedanken, die längst bei ihr waren, in allem, was um ihn lebte, Trabanten, Pagen und Schleppenträger zu finden.

Jetzt ging er in die Heide. Auf einen ihrer Hügel stellte er sich. Seine Blicke beteten zur aufgehenden Sonne. Unwillkürlich breitete er die Hände aus, die Gnadenspende des Lichtes zu empfangen. Dann setzte er sich und lehnte sich hin. Und seine Sinne hoben sich in den wachsenden Schein. Sie gingen den Weg ins Tor der Unendlichkeit.

Ich suche das Ewige. In mir ist es und um mich ist es. Daß sich beides vereine und durchdringe ist des Lebens, ist meines Lebens Sinn.

Das Bewußtsein des Unendlichen in mir! Das gehört zu mir, wie das Licht zu der Flamme, die in mir brennt.

Der Unendlichkeit! Der ewigen Freude, ja der Freude, aus der alle Wesen geboren sind. Durch die sie erhalten werden. In die sie wieder eingehen.

So befreie ich mich aus dem Schmerz, dem Gefühl der Endlichkeit in die Güte des Alls. So löse ich mich in mein größeres Selbst.

Dahin trug Gisbert die Morgenandacht seiner Seele. Wir sind Nichts, was wir suchen ist Alles!

Und wie er zurückkehrte in die Welt körperlicher Gedanken, empfing ihn das Glück: ich suche ja nicht allein diese Straße des Lichts, Deine Sehnsucht, Du meine Freundin, geht denselben Weg.

In seinem Herzen, auf seinen Lippen formten sich die Worte seines Hohenliedes.

Die Gesänge meiner Gedanken, solange sie atmen, suchen sie Dich! Ich grüße den Morgen, mit der Frohheit des Wachens — mit den selig sachten Schatten der Müdigkeit grüß ich den Abend, den Vater der Nacht,mit seinen Enkeln, den Träumen. Meine Träume flüstern Deinen Namen und lauschen seinem Klange nach, und flüstern ihn wieder und lauschen — und flüstern und lauschen. So ist meine Nacht beseelt von Deinem Wesen, wie mein Tag erfüllt ist von der Gewißheit Deiner Nähe, von der Seligkeit, daß Du bist —

Aber nun, all seine Sinne schwingen ein in den Rhythmus, und ihre Stimmen singen leise mit. Das Bild der geheiligten geliebten Frau zaubern sie herbei. Ihrer Augen tiefe Gewalt leuchtet auf, das weiche Haar fällt über die mädchenhaft versonnene Stirn, die feine Hand mit den seltsam festen Linien streicht es zurück. Ihre Hand — wie oft, wie lange kann er still liegen und nur an ihre Hand denken — in der ihre Seele ist und auch die Kraft ihres Schaffens. Diese Hand, so voll von Musik und doch für sichere Zügelführung begabt.

Und wie in seinen Träumen flüstern jetzt die wachen bewußten Lippen den Namen „Tilde“ — „Tilde“ —

Ein Schritt pocht auf die Erde. Gisbert fährt zusammen — wendet sich um. Kunz steuert auf ihn zu, in müdem Schlendern. Hockt sich dann neben ihn und gähnt sich erst einmal aus.

„So früh heute und das am Sonntag!“ fragt Gisbert.

„Weiß der Frühling, was das mit mir ist! Mich flieht der Schlaf — mich! Was liegt da in der Luft? Du mußt es wissen, der Du selbst in der Luft liegst, Du Ätherbewohner.“ Er blickt um sich: „Ist das ein böses, rotes Licht da auf der Heide! Zeichendeuter wird man — Geisterseher — was hat man bloß!“ Dann schlang er den Arm um den Freund und sah ihm herzlich ins Auge. „Du, lieber Junge, wirst nun allerdings immer magischer. Darf man Dich denn schon wieder frei herumlaufen lassen?“

„Warum nicht?“

„Man wird nun mal die Sorge um Dich nicht los. Sehr viel Blut hast Du nicht mehr herzugeben.“ Er nahm seine blasse Hand. „Und dann —“

„Was noch?“

„Die Angst — ich kann mir nicht helfen — Du könntest Dich nun ganz — drei Kreuze vor dem Wort und vor der Sache! — im Pazifismus Dich verblutet haben.“

„Pazifismus — ich fürchte mich nicht vor Worten, Kunz.“

Bei dem kam das Unwirsche seiner Morgenfrühe jetzt obenauf. „Ah! Wir wollen Siedler sein? Arbeiter eines Geistes an einem deutschen Werk? Eine politische Menagerie sind wir nächstens.“ Wegwerfend schmiß er die Hand nach der Baracke zu. „Alle Gattungen findest Du jetzt in dieser Arche Noäh beisammen. Wenn ich nicht Schimpfworte vermiede, würde ich sagen, wir sind ein Parlament!“

Gisbert schwieg. Kunz bürstete weiter seinen Grimm. „Weltanschauungen! Haha! Was haben wir bloß für Weltanschauungen im deutschen Land! Alle, die es gibt und nicht gibt. Bloß die deutsche nicht. Seit Horst zum Universalgenie geworden ist, flattern wir nun alle lieblich im gütigen All. Leb wohl, deutsche Erde!“

Gisbert schwieg noch immer. Das machte Kunz nicht freundlicher. „Warum legen wir Siedlungsmönche denn nicht ehrlich und vorbildlich das Gelübde des Geprügeltwerdens ab! Warum kleben wir nicht das Wappen der friedfertigen Seligkeit an unser Haus, die geschwollene rechte und auch linke Backe! Ohrfeigengesichter wir, als Vorkämpfer des deutschen Pazifismus! Denn wenn es nichts mehr gibt, einen deutschen Pazifismus gibt es! Und weißt Du, wie der geht? Wir versöhnen uns, versöhnen uns mit den andern — und die andern dreschen auf uns los! Dasist deutscher Pazifismus, nach unserem eigenen und der ganzen Welt Beschluß!“

Der zuckende Zorn lief durch seine Glieder. Gisbert wußte, wie er litt, er sprach jetzt mit seinen stillen, ein wenig hilflosen Worten: „Wir wollen ja dasselbe, Kunz. Nur auf anderem Wege wollen wir zu demselben Ziel. Es ist gut für Deutschland, daß es Euch gibt. Aber auch uns gibt es nun einmal. Und wir müssen uns ergänzen —“

„Müssen wir, was wir nicht können! Ergänzen heißt ganz machen! Ganz — mit Euch, durch Euch, die Ihr uns zermürbt! Nihilisten seid Ihr, die passiven, die schlimmere Sorte! Was habt Ihr Euch in Asien herumzutreiben! Die wir heute mehr als je — die wir heute nur und nur und immer und weiter nichts als zu uns selbst kommen müssen! Was nehmt Ihr uns die Heimat des Herzens! Was verdünnt Ihr uns bis zur Erschlaffung mit Euren dreimal vermaledeiten Wassern des Ganges unser ehrliches eisenhaltiges deutsches Herzblut!“ Seine Hände packten ins Heidekraut, rissen die Büschel aus und warfen sie in die Luft.

Da Gisbert ihn unbeirrt ansah — „Du verzeihst mir, mit Deinen Gazellenaugen. Gütig seid Ihr und liebevoll, aber nur aus Schwäche seid Ihr es. So geschieht’s, daß Ihr für alles Verzeihung habt, nur nicht für Tugenden, für männliche! Nur nicht für Kraft! Und darum — gefährlich mögt Ihr sein, aber an den Kern unseres Wesens, nein, an den rührt Ihr uns nicht!“

Nun hatte Kunz sich vollends wieder. „Ihr haltet unsereinen für dumm. An unserer Dummheit liegt es dann wohl, daß Eure Klugheit uns nicht aufgehen will. Herrgott, ist das eine baumwollene Weisheit, die Ihr aus dem Lande der Baumwolle bezieht! Phrasen! Nichts als Redensarten von platzend hohler Allgemeinheit! An ihrer Spitze die große Heilslehre: „Gutsein heißt das Leben aller Leben!“ Oder die erlösendeAntwort auf die ewige Frage: welches ist der Weg zur Wahrheit? „Die wechselseitige Durchdringung unseres Wesens mit allen Dingen!“ O verfluchter Tiefsinn heiliger Abstraktion! Was soll ich damit? Wo ist hier Leben, Wärme, Licht, wo ist hier Liebe? Und Ihr wollt uns das „verbrauchte“ Christentum ersetzen! Gebt mir, so gebt mir doch aus Eurer Fülle! Habt Ihr etwas, in dem großen heimatlosen Weltraum Eurer leer leuchtenden Unendlichkeit, was gegen den kümmerlichsten Lichtstumpf des ärmsten Tannenbaums in deutscher Hütte nicht hilflos verblaßt und erlischt und erstirbt!“

„Alles Licht leuchtet dem Einen —“

„Alles — ja — wo nichts ist, da sagt man alles! Und fühlt sich gerettet. Luft — Luft gebt Ihr statt Brot. Und wär diese Luft nicht noch mit Getöse erfüllt! Ihr Stillen des ewigen Friedens, gut, Ihr habt wenigstens Stil. Aber diese Brüller des Pazifismus! Die mit furchtbar krampfhaften Verrenkungen des Leibes, der Seele und des Worts, Schaum vorm Munde und in ihren Versen, ihre Flüche und ihr Wehe schreien! Schnaubende Racheengel, tosende Kriegsfurien der Friedfertigkeit! O Du Grundgütiger! Wer einen Bauch hat, hält ihn sich!“

Gisbert blickte still in den Freund hinein. „Du nennst mich überschwenglich, Kunz — bist Du es nicht auch? Und wenn nun unser Überschwang aus einer Quelle fließt —“

„Verallgemeinere mich nicht!“ stöhnte Kunz zornig.

„Verallgemeinern —? Ist es so schlimm für Dich, wenn ich uns beide zusammenspanne?“

Gisbert hatte den reinen Herzenston. Kunz war bezwungen. „Kerl — wenn Du nicht so ein unwahrscheinlich anständiger Mensch wärst! Hauen möchte man Dich manchmal — und haut dann lieber sich selbst. Herrgott — laß Dich meinetwegen schaukeln von derRhythmik der Ewigkeit, aber brauch auch die Fäuste, die Dir Gott verliehen hat! Du darfst nicht so viel mit Dir selbst zusammenhocken! Mit Dir und mit Deiner Gesinnungsgenossin! Dieser herrlichen Frau von Mönkhov! Sie ist herrlich — aber Eure Seelennähe schadet Dir.“

„Kunz —“ man hörte in Gisbert die feinsten Saiten schwirren.

„Verzeihung — ich weiß —mulier taceat in ecclesia— über die Frau schweigt man wie in der Kirche. Aber sieh, Freundschaft muß nun einmal reden. Und nun will ich Dir was sagen. Komm heute nachmittag mit mir ins Moordorfer Pfarrhaus.“

„Das will ich gern.“

„Du sollst Vita kennen lernen. Ihr werdet erschrecken voreinander. Du vor der fanatischen Enge ihres geistigen Ziellebens, vor der jungenhaft trainierten Muskulatur ihres vaterländischen Sinnes. Sie vor Deinem überweltlichen Sonnenkultus. Aber wenn Ihr beiden feindlichen Mächte — wenn Ihr Euch gegenseitig einander in die Arme schrecktet —! —“

Er hielt inne, sein Atem setzte aus, seine Augen waren qualvoll. Gisbert ahnte, daß hier eine Leidenschaft sich grausam gegen sich selbst entflammte, er nahm wortlos Kunz bei der Hand. Und der Händedruck sagte: Dein liebes Mädchen ist sie, und ich bin Dein Freund — und dann — längst hat mein Geschick sich erfüllt.

Dankwart tauchte auf. Wandelte durch die Morgenluft, erfrischte seine Erfinderstirn. Er bog auf sie zu. „Wie sieht die Heide aus? Sie dampft in dem roten Schein. Blutdampf sagt man dazu bei uns zu Hause. Jede Heide hat Blut gesehen. Raucht sie so rot, gibt es neue Bluttaten.“

Die Heide, die seine Heimat war, machte ihn redselig und phantastisch. Er hatte seine Ahnungen, wie Kunz. Gisbert aber war mit seinem Geist über denirdischen Visionen, die aus dem Boden rauchen. Dankwart erzählte, der Balbutz war gestern in der Stadt. Er hat die feine Nase. Und hat sowas von Verschwörung gerochen — Verschwörung gegen uns.

Es war dann an der Morgentafel davon die Rede. Die Anzeichen wurden geprüft. Horst nahm sie nicht schwer. Was sollte ihnen geschehen? Die Maschinengewehre bereitgestellt — stets die nötige Mannschaft in oder bei der Baracke — die andern immer in erreichbarer Nähe — dann müßten die Angreifer schon zu Hunderten über sie einbrechen. Das aber sei der große Bürgerkrieg, und der komme nicht über Nacht.

Immerhin — die Vorsicht wollten sie natürlich nicht außer acht lassen. Und je mehr heute am Sonntag häuslich blieben, um so besser.

Horstging am Nachmittag zum Torfmeister. Lona würde da sein. Käme sie nicht, würde das freilich zu denken geben. Wäre etwas gegen die Siedlung geplant, sie wüßte davon. Und niemals würde sie durch ihr Erscheinen ihn in Sicherheit wiegen.

Dann also hieß es auf der Hut sein. Aber erst dann.

Die Sonne hatte sich versteckt. Die Luft war still, grau und lustlos. Die Singvögel schwiegen und hielten sich verborgen. Von der Niederung her riefen grämlich unsichtbare Brachvögel. Ein Turmfalk rüttelte über der Heide.

Nach den Dünen wandte sich Horst. Er wollte einen Blick über die See werfen. Tückisch lag sie da, wie tot. Ein blinder Glanz war über sie gegossen, bleiern und giftig — gebändigt, gefesselt, gestorben der freie Rhythmus des großen Wassers.

Das war keine Erhebung. Er kehrte schwer und traurig in die Heide zurück. Sonne hätte ich heute gebraucht und schäumende Wellen unter blauem Himmelslicht! Wie mit Asche bestreut ist die Welt. Wir büßen — wir büßen —

Und er schritt dumpf und gebückt —

Dann hob er sich empor. So darfst Du nicht weiterschreiten. Du willst helfen und keuchst selbst trostlos unter Hilfsbedürftigkeit. Freimachen willst du und schleppst dich lahm an deinem Verzagen. Wenn irgendwo, brauchst du hier deine gläubige Kraft.

Lona — ja — um Dich geht es jetzt. Ich weiß, daß Deine Starrheit von Dir abfallen will. Du selbst suchst, was Dein Dogma Dir nicht geben kann. Wärme brauchst Du — Zärtlichkeit brauchst Du — denn Du bist ein Weib, ein junges Weib. Und meine Zärtlichkeit wirbt um Dich.

Ich betrüge mich selbst nicht länger mit dem, was Dir längst kein Geheimnis mehr ist. Und was Du selbst nicht mehr von Dir weisest, ob Du zuerst ihm widerstrebtest. Wir wollen zueinander. Es ist etwas, was uns zueinander zwingt.

Und — ist etwas, was Dich herausschauen läßt aus der Gedankenwelt, in der Du Dich verbarrikadiert hast mit dem Haßgefühl, das jetzt gestillt worden — etwas, was Dich erhebt über die Mauern, das Schanzwerk — etwas, was die Burggräben Dich überfliegen läßt. Du bist dabei, Deine Welt zu überwinden. Diese Welt, aus Papier gebaut, aus Gedanken gefügt. Ein System! Das Heimweh, das deutsche Heimweh ist in Dir.

Und an meiner Hand wirst Du hinausgeführt werden in das deutsche Leben! Ich will Dir helfen. Meine Sinne sollen sich bescheiden. Es gibt mehr in mir als Begehrlichkeit, die in den laschen Seelen das Starke ist — Besseres, Machtvolleres. Erst die geistige Erfüllung soll auch den Sinnen das Glück bescheren.

Aber sie dürfen hoffen, sie dürfen wünschen. Sie leben und haben ihr Recht am Leben. So trug es jetzt seine Tritte. —

Kunz wollte mit Gisbert am Nachmittag im Moordorfer Pastorenhaus den Besuch machen. Da sah er etwas, was ihm nicht gefiel.

Einzelne Ausflügler aus der Stadt wurden auf den Goldbergen sichtbar. Beschauten sich die Gegend, zeigten sich dies und das. Betonten ihre Naturliebe, legten die schöne Aussicht sich wechselseitig ans Gemüt. Möglich, daß sie harmlos waren. Möglich auch, daß sie Kundschaft trieben. Halten wir die Augen offen! Warten wir, ob es einen Gang der Handlung geben wird.

Nun zwei Familien mit Kindern — sogar ein Kinderwagen ist dabei — steuern treuherzig auf die Baracke zu. Lagern sich unweit von ihr im Freien — wozu es eigentlich noch zu kühl ist, da die Sonne fehlt. Holen ihre Atzung hervor, ziehen Thermophorflaschen aus den Kinderwagenkissen.

Die Kleinen laufen herum, sehen die Hühner und den vornehm wie ein ehernes Bildwerk ruhenden Muz. Zutraulich kommen sie näher, mit dem Hund möchten sie spielen. Der aber ist nicht kinderlieb und blickt sie nur wachsam unnahbar an. Mit den stumpfsinnigen Hühnern läßt sich keine Kameradschaft schließen — die Kinder möchten wissen, was für Getier da hinter den Stallwänden sitzt. Sie drängen sich vertrauensvoll an die Bretter und hoffen auf eine Ritze.

Jetzt treten die Erzeuger in Tätigkeit. Sie kommen die Anhöhe herunter. „Dürft ihr denn das?“ Und dann wenden sie sich höflich zu Kunz, der zum Ausgehen fertig vor der Baracke sitzt und auf Gisbert wartet. Er faßt sie ins Auge — Arbeiter aus der Stadt offenbar — anständig gekleidet, gewandt.

„Entschuldigen Sie,“ sagt der Kleinere und Lebhaftere, „wenn die Bengels Ihnen lästig fallen. Aber wenn sie Pferde riechen, sind sie nicht zu halten.“

„Das ist recht!“ erklärt Kunz, und fröhlich leuchtet er ihnen ins Gesicht. „Die sollen einmal zur Kavallerie!“

Die Nasen in den gesinnungstüchtigen Gesichtern werden lang. Da riecht an! denkt Kunz, wie Eure Jungens an dem Pferdemist. Aber sie behalten sich in Zucht und haben offenbar noch etwas auf dem Herzen. Ist es unbefangene Wißbegier? Oder wollen sie tatsächlich spionieren?

Beginnen ein Gespräch. Wie nützlich das Siedlungswerk sei. Und die Baracke so praktisch angelegt. Hier Stallungen und die Wohnräume da. Aber schwere Arbeit! Und die Sonntagserholung, der Sonntagsausgang doppelt nötig.

Zwei Teufel streiten sich, die Kunz reiten möchten. Der eine, mehr von der guten Sorte, will da mit ihm hin: „Seht euch ihn mal an, unsern Bau! Kommt mal mit herein! Die meisten Siedler tun, was sie immer Sonntag nachmittags tun, nach ihrem schweren Alltagswerk. Sie liegen in ihren Kojen und schlafen. Sie sind und bleiben zu Haus. Und am Abend sind sie auf den Beinen. Hier auf den Gängen aber, da stehen unsere Maschinengewehre. Kampfbereit. Vier Stück. Für jede Himmelsrichtung eins. Und sind im Handumdrehen vor der Tür. Und wenn einer Lust hat, zu erleben, was Feuerbereich ist —!“

Und dann sitzt der andere, der sehr bösartige Teufel ihm im Genick und flüstert ihm ins Ohr: „Laßt die Bande doch herauskommen heute abend! Warn sie nicht, stör sie nicht! Sag ihnen, alle sind ausgegangen, sich zu amüsieren — und kommen vor Morgengrauen nicht nach Hause. Du und Gisbert — da kommt er gerade — ihr seid nun die letzten, die gehen! Schließvor ihren Augen die Haustür zu! Und wenn ihr unterwegs seid — von den Goldbergen könnt ihr es sehen — die marschieren schnurstracks mit Kind und Kegel in die Stadt und bringen den Genossen Nachricht! Und was dann am Abend wird —! —“

Solche Einflüsterung gibt Kunz dann freilich nicht an die Ausfrager weiter. Aber was sie nun damit anfangen, daß sie ihn, nachdem er sich nicht unfreundlich verabschiedet hat, mit Gisbert sich entfernen sehen, das bleibt ihre Sache.

Zum Pfarrhaus aber, so zaubermächtig es ihn zog, begaben sie sich doch nicht. Auf den Goldbergen, ihren heiligen Höhen, den weisenden, wissenden machten sie halt. Und als sie sich nach der Baracke umdrehten, gewahrten sie in der Tat, daß die Ausflügler, wie es schien, in beschleunigter Gangart heimwärts zogen.

Jetzt wurde Kunz hell und hart, ganz Verantwortung, ganz Dienst. „Wir bleiben zu Hause, Gisbert. Wenigstens ich. Vielleicht bekommen wir heute abend nun doch Besuch. Und Besuch — will empfangen werden.“ —

Horst fand den Torfmeister allein. Lud Uhlenbrook war wieder tapfer auf den Beinen. „Jedes Jahr acht Tage Lona, und ich sterbe überhaupt nicht!“

Der Alte wunderte sich, daß sie noch nicht da war. Sie wollten mit dem Kaffee auf sie warten — Kaffee aus Moorwasser ist der beste, den es gibt — kommen täte sie bestimmt. Auch vorgestern hätte sie sich verspätet. Sie hätten da in der Stadt offenbar wieder mit Sitzungen so viel zu tun. Dazu seufzte der Alte, daß der Dachfirst es spürte. Und er machte einen seiner grimmigen Witze: all die vielen Sitzungen in Deutschland seien Schuld, daß es nicht wieder aufstehe!

„Bravo, alter Lud!“ sagte Horst und schlug ihm auf die Schulter, daß seine Hand an den Mammutknochen zerschellte.

Der Abend lugte schon in die graue, glasige Welt. Nebel zogen über das Moor, es deckte sich zu mit dem Flaum, es wollte schlafen. Die Männer waren schweigsam geworden. Sie lauschten auf den Schritt, der nicht hallen wollte.

Nun riß es plötzlich an Horst. Eine Mahnung, ein Alarm, ein Kampfruf! „Sie kommt nicht mehr“, sprach er schrill. Dies war bedeutsam. Dies verkündete Unheil. Das hieß, ich muß jetzt gehen. Auf meinen Posten muß ich!

„Sie kommt“, sagte der Alte. Und Horst ließ sich noch einmal nieder. Aber es wogte und wirrte in ihm. Sie sprachen dies und das. Vom Torfstich, von der Bestellung des Ödlandes. Doch, es litt ihn nicht mehr. Diese Moornebel da draußen waren sein Tod.

Er sprang vom Stuhl. „Ich will jetzt doch nach Hause.“ Da lauschten sie auf. Sie blickten in den Vorgarten. Lona war es.

„Ich komme spät“, sagte sie. In ihrer Stimme war ein gehaltener Klang.

„Was war denn?“ fragte Lud.

„In der Kirche war ich —“

„Sie haben Orgel gespielt? —!“ rief Horst schmerzlich.

„Es wurde mir schon dunkel in der Kirche. Wär ich erst hierhergegangen, hätte ich zuviel Zeit verloren. Und ich brauchte das Spiel heute so.“

„Und ich hab nicht dabei sein dürfen!“ Darin war leidenschaftliche Klage.

„Hätten Sie es auch so nötig gehabt —“ —

„Sie meinen, ich hätte es fühlen müssen, daß Sie da waren!“ fiel er gleichgestimmt ein, mit hellen, brennenden Augen.

„Ich habe mich vor der Kirche nach Ihnen umgesehen.“ Sie sprach dann still mit Lud.

In Horst flog es. Was sie sagte — und der Klang ihrer Worte — zitterte nicht ein Vorwurf darin, einEntbehren, eine Enttäuschung? Das Gefühl einer Zusammengehörigkeit — es lebte in ihr, wie in ihm es lebte! Mehr noch in ihr, da seine Ahnung versagt hatte —? —

Ich habe mich vor der Kirche nach Ihnen umgesehen! Sie hatte erwartet, daß er da sein würde. Ja, er gehörte dazu! Für ihn wollte sie spielen. Ganz gewiß nicht für sich allein.

Ich brauchte es so! Hieß das nicht auch, ich wollte Dich bei mir haben? Du solltest mich hören, ich wollte zu Dir sprechen! Wollte mich Dir offenbaren aus meines Wesens Tiefe! Dir — der einzige bist Du, dem ich mich so bekenne. Denn wir sind uns nah.

Ich hab nach Dir gerufen — und Du bist nicht gekommen. Wie schmerzlich-zärtlich wallte es in ihm auf unter dieser Klage. Das Gewissen peitschte sein Gefühl in heißen Wellen.

Du sollst nicht an mir zweifeln — nicht an dem Zug meines Lebens, der mich zu Dir zwingt. Um so schmerzhaft inniger, da es jetzt wie eine Schuld auf mir liegt. Eine Schuld gegen Dein Empfinden.

Aber sieh, es sind so starke Störungen, die die Leitung hemmen und erschweren. Der Kampf, der Bruderzwist mit seinen Trübungen, seinem Wirrsal, seinem Argwohn und Verdacht. Von diesem Gewühl — wann wird unser Gefühl sich davon losmachen?

Jetzt sind wir soweit, daß unsere Hände sich nehmen — sie erschrecken nicht mehr voreinander. Und unsere Hände sollen sich halten und immer mehr sich beschenken. An einer Gabe soll die andere sich beseelen.

Wie still versonnen, wie mädchenhaft scheu hockte sie bei dem alten Lud. Dessen Augen in sie „wie in einen goldenen Becher“ sahen, dessen schwere ehrliche Hand sich mit einer so heilig behutsamen Zärtlichkeit auf ihren Arm legte, voll dankbaren Glücks.

In die niedrige Stube bettete die Dunkelheit sich ein. Über dem Moor braute der Abend. Hohl rief ein Kauz aus dem Erlengestrüpp.

Da richtete Lona sich auf. „Jetzt ist es Zeit für mich.“ Horst sah in ihrem Auge eine große Angst, die er nicht begriff, dann ein schmerzliches Irren, und wieder waren sie wie nach Innen gewandt. Und als sie dann wieder ins Leben blickten, hatten sie den kalten Schein, der ihm so schmerzlich war.

Sie nahmen Abschied von dem Alten. Zärtlicher als sonst umfaßte sie ihn, daß er wie ein Betrunkener taumelte und grunzte und herumfuhrwerkte. Dann ging sie mit Horst.

„Bis zur Mühle nehmen Sie mich mit, nicht wahr?“ fragte er. „Wir wollen hier auf dem Waldweg bleiben.“

So ließen sie die Baracke weit ab liegen. Lona machte eine Bewegung, dann aber folgte sie seiner Führung.

Lind und still ist um sie der Abenddämmer. Die Luft schweigt. Nur von fernher aus dem Innern des Waldes tönt das Gurren wilder Tauben, die ihre Schlafbäume aufsuchen, in den sanften Rhythmen wie märchenverloren.

Und es verliert sich der Raum in diesem grauen Rinnen und Rieseln, es verliert sich die Zeit. In Vergessenheit schreiten sie, in Wolken, in Schweigen. Wie Traumgestalten.

Ein Ausruhen ist es ihnen in Körperlosigkeit, wohltuend nach dem Ungestüm, den Zuckungen, den Brandungen, in die sie die Zeit geworfen.

Sie haben eine Scheu, dies Land zu verlassen, ängstigen sich vor dem leibhaftigen Wort, wandern weiter in Schweigen.

Die Welt von uns abtun — alles da draußen versinken lassen — vergessen die Zeit, die Bedrängnis des Geschehens — nichts wollen, nichts denken — nichts wissen — —

Dann aber, da sie immer tiefer und gedankenloser hinabgleitet, geht durch ihn, durch sein wallendes Blut der leise Schlag des Erwachens.

Sie ist bei dir, allein sind wir miteinander. Um uns ist der gütige Abend. Kostbar ist die Zeit, kostbar und inhaltschwer. Jede Minute atmet schicksalsvoll, in jeder Sekunde pocht das Glück.

Ich bin ausgezogen, Dich zu gewinnen! Herüberholen will ich Dich zu mir! Gerade weil Du etwas Eigenes bist, mit eigenem starken Willen und Leben! Ob ich sonst um Dich werben würde?

So aber werbe ich um Dich!

Und sein Wort leuchtet sieghaft auf: „Ich kehre nicht um bei der Mühle, noch weiter gehe ich mit Ihnen, Lona!“ Nun ist sie erschrocken wach.

„Ich will den Abend bei Ihnen sein!“ drängt er weiter.


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