Eisenhardt. Aber hindert Sie das Denken nicht zuweilen im Exerzieren?
Pirzel. Ganz und gar nicht, das geht so mechanisch. Haben doch die andern auch nicht die Gedanken beisammen, sondern schweben ihnen alleweile die schönen Mädgens vor den Augen.
Eisenhardt. Das muß seltsame Bataillen geben. Ein ganzes Regiment mit verrückten Köpfen muß Wundertaten tun.
Pirzel. Das geht alles mechanisch.
Eisenhardt. Ja, aber Sie laufen auch mechanisch. Die preußischen Kugeln müssen Sie bisweilen sehr unsanft aus Ihren süßen Träumen geweckt haben.
(Gehen weiter.)
Fünfte Szene
In Lille. Marys Wohnung. Mary. Stolzius als Soldat.
Mary (zeichnet, sieht auf). Wer da, (sieht ihn lang an und steht auf) Stolzius?
Stolzius. Ja, Herr.
Mary. Wo zum Element kommt Ihr denn her? und in diesem Rock? (Kehrt ihn um.) Wie verändert, wie abgefallen, wie blaß? Ihr könntet mir's hundertmal sagen, ihr wärt Stolzius, ich glaubt' es Euch nicht.
Stolzius. Das macht der Schnurrbart, gnädiger Herr. Ich hörte, daß Ew. Gnaden einen Bedienten brauchten, und weil ich dem Herrn Obristen sicher bin, so hat er mir die Erlaubnis gegeben, hierherzukommen, um allenfalls Ihnen einige Rekruten anwerben zu helfen, und Sie zu bedienen.
Mary. Bravo! Ihr seid ein braver Kerl! und das gefällt mir, daß Ihr dem König dient. Was kommt auch heraus bei dem Philisterleben. Und Ihr habt was zuzusetzen, Ihr könnt honett leben, und es noch einmal weit bringen, ich will für Euch sorgen, das könnt Ihr versichert sein. Kommt nur, ich will gleich ein Zimmer für Euch besprechen, Ihr sollt diesen ganzen Winter bei mir bleiben, ich will es schon gut machen beim Obristen.
Stolzius. Solang ich meine Schildwachten bezahle, kann mir niemand was anhaben.
(Gehen ab.)
Sechste Szene
Frau Wesenern. Marie. Charlotte.
Frau Wesenern. Es ist eine Schande, wie sie mit ihm umgeht. Ich seh keinen Unterscheid, wie du dem Desportes begegnet bist, so begegnest du ihm auch.
Marie. Was soll ich denn machen, Mama? Wenn er nun sein bester Freund ist, und er uns allein noch Nachrichten von ihm verschaffen kann.
Charlotte. Wenn er dir nicht so viele PrÄsente machte, wÜrdest du auch anders mit ihm sein.
Marie. Soll ich ihm denn die Präsente ins Gesicht zurückwerfen? Ich muß doch wohl hÖflich mit ihm sein, da er noch der einzige ist, der mit ihm korrespondiert. Wenn ich ihn abschrecke, da wird schön Dings herauskommen, er fängt ja alle Briefe auf, die der Papa an seinen Vater schreibt, das hört Sie ja.
Frau Wesenern. Kurz und gut, du sollst nun nicht ausfahren mit diesem, ich leid es nicht.
Marie. So kommen Sie denn mit, Mama! Er hat Pferd und Cabriolet bestellt, sollen die wieder zurückfahren?
Frau Wesenern. Was geht's mich an.
Marie. So komm du denn mit, Lotte—Was fang ich nun an? Mama, Sie weiß nicht, was ich alles aussteh um Ihrentwillen.
Charlotte. Sie ist frech obenein.
Marie. Schweig du nur still.
Charlotte (etwas leise für sich). Soldatenmensch!
Marie (tut als ob sie's nicht hörte, und fährt fort, sich vor dem Spiegel zu putzen). Wenn wir den Mary beleidigen, so haben wir alles uns selber vorzuwerfen.
Charlotte (laut, indem sie schnell zur Stube hinausgeht).Soldatenmensch!
Marie (kehrt sich um). Seh Sie nur, Mama! (Die Hände faltend.)
Frau Wesener. Wer kann dir helfen, du machst es darnach.
(Mary tritt herein.)
Marie (heitert schnell ihr Gesicht auf. Mit der größten Munterkeit und Freundlichkeit ihm entgegengehend). Ihre Dienerin, Herr von Mary! Haben Sie wohl geschlafen?
Mary. Unvergleichlich, meine gnädige Mademoiselle! ich habe das ganze gestrige Feuerwerk im Traum zum andernmal gesehen.
Marie. Es war doch recht schön.
Mary. Es muß wohl schön gewesen sein, weil es Ihre Approbation hat.
Marie. O ich bin keine Connoisseuse von den Sachen, ich sage nur wieder, wie ich es von Ihnen gehört habe. (Er küßt ihr die Hand, sie macht einen tiefen Knicks.) Sie sehen uns hier noch ganz in Rumor; meine Mutter wird gleich fertig sein.
Mary. Madam Wesener kommen also mit?
Frau Wesener (trocken). Wieso? Ist kein Platz für mich da?
Mary. O ja, ich steh hinten auf, und mein Kasper kann zu Fuß vorangehen.
Marie. Hören Sie, Ihr Soldat gleicht sehr viel einem gewissen Menschen, den ich ehemals gekannt habe, und der auch um mich angehalten hat.
Mary. Und Sie gaben ihm ein Körbchen. Daran ist auch der Desportes wohl schuld gewesen?
Marie. Er hat mir's eingetränkt.
Mary. Wollen wir?
(Er bietet ihr die Hand, sie macht ihm einen Knicks, und winkt auf ihre Mutter, er gibt Frau Wesenern die Hand, und sie folgt ihnen.)
Siebente Szene
In Philippeville.
Desportes (allein, ausgezogen, in einem grünen Zimmer, einen Brief schreibend, ein brennend Licht vor ihm. Brummt indem er schreibt). Ich muß ihr doch das Maul ein wenig schmieren, sonst nimmt das Briefschreiben kein Ende, und mein Vater fängt noch wohl gar einmal einen auf. (Liest den Brief.) "Ihr bester Vater ist böse auf mich, daß ich ihn so lange aufs Geld warten lasse, ich bitte Sie, besänftigen Sie ihn, bis ich eine bequeme Gelegenheit finde, meinem Vater alles zu entdecken, und ihn zu der Einwilligung zu bewegen, Sie, meine Geliebte, auf ewig zu besitzen. Denken Sie, ich bin in der größten Angst, daß er nicht schon einige von Ihren Briefen aufgefangen hat, denn ich sehe aus Ihrem letzten, daß Sie viele an mich müssen geschrieben haben, die ich nicht erhalten habe. Und das könnte uns alles verderben. Darf ich bitten, so schreiben Sie nicht eher an mich, als bis ich Ihnen eine neue Adresse geschickt habe, unter der ich die Briefe sicher erhalten kann." (Siegelt zu.) Wenn ich den Mary recht verliebt in sie machen könnte, daß sie mich vielleicht vergißt. Ich will ihm schreiben, er soll nicht von meiner Seite kommen, wenn ich meine anbetungswürdige Marie werde glücklich gemacht haben, er soll ihr Cicisbeo sein, wart nur.
(Spaziert einigemal tiefsinnig auf und nieder, dann geht er heraus.)
Achte Szene
In Lille. Der Gräfin La Roche Wohnung. Die Gräfin. Ein Bedienter.
Gräfin (sieht nach ihrer Uhr). Ist der junge Herr noch nicht zurückgekommen?
Bedienter. Nein, gnädige Frau.
Gräfin. Gebt mir den Hauptschlüssel, und legt Euch schlafen. Ich werde dem jungen Herrn selber aufmachen. Was macht Jungfer Kathrinchen?
Bedienter. Sie hat den Abend große Hitze gehabt.
Gräfin. Geht nur noch einmal hinein, und seht, ob die Mademoiselle auch noch munter ist. Sagt ihr nur, ich gehe nicht zu Bett, um ein Uhr werde ich kommen, und sie ablösen.
(Bedienter ab.)
Gräfin (allein). Muß denn ein Kind seiner Mutter bis ins Grab Schmerzen schaffen? Wenn du nicht mein einziger wärst, und ich dir kein so empfindliches Herz gegeben hätte.
(Man pocht. Sie geht heraus, und kommt wieder herein mit ihm.)
Junge Graf. Aber, gnädige Mutter, wo ist denn der Bediente, die verfluchten Leute, wenn es nicht so spät wäre, ich ließ den Augenblick nach der Wache gehen, und ihm alle Knochen im Leibe entzweischlagen.
Gräfin. Sachte, sachte, mein Sohn. Wie, wenn ich mich nun gegen dich so übereilte, wie du gegen den unschuldigen Menschen.
Junge Graf. Aber es ist doch nicht auszuhalten.
Gräfin. Ich selbst habe ihn zu Bette geschickt. Ist's nicht genug, daß der Kerl den ganzen Tag auf dich passen muß, soll er sich auch die Nachtruhe entziehen um deinetwillen. Ich glaube, du willst mich lehren die Bedienten anzusehen wie die Bestien.
Junge Graf (küßt ihr die Hand). Gnädige Mutter!
Gräfin. Ich muß ernsthaft mit dir reden, junger Mensch! Du fängst an mir trübe Tage zu machen. Du weißt, ich habe dich nie eingeschränkt, mich in alle deine Sachen gemischt, als deine Freundin, nie als Mutter. Warum fängst du mir denn jetzt an, ein Geheimnis aus deinen Herzensangelegenheiten zu machen, da du doch sonst keine deiner jugendlichen Torheiten vor mir geheimhieltest, und ich, weil ich selbst ein Frauenzimmer bin, dir allezeit den besten Rat zu geben wußte. (Sieht ihn steif an.) Du fängst an lüderlich zu werden, mein Sohn.
Junge Graf (ihr die Hand mit Tränen küssend). Gnädige Mutter, ich schwöre Ihnen, ich habe kein Geheimnis für Sie. Sie haben mir nach dem Nachtessen mit Jungfer Wesenern begegnet, Sie haben aus der Zeit und aus der Art, mit der wir sprachen, Schlüsse gemacht—es ist ein artig Mädchen, und das ist alles.
Gräfin. Ich will nichts mehr wissen. Sobald du Ursache zu haben glaubst, mir was zu verhehlen—aber bedenk auch, daß du hernach die Folgen deiner Handlungen nur dir selber zuzuschreiben hast. Fräulein Anklam hat hier Verwandte, und ich weiß, daß Jungfer Wesenern nicht in dem besten Ruf steht, ich glaube, nicht aus ihrer Schuld, das arme Kind soll hintergangen worden sein-Junge Graf (kniend). Eben das, gnädige Mutter! eben ihr Unglück—wenn Sie die Umstände wüßten, ja ich muß Ihnen alles sagen, ich fühle, daß ich einen Anteil an dem Schicksal des Mädchens nehme—und doch—wie leicht ist sie zu hintergehen gewesen, ein so leichtes, offenes, unschuldiges Herz—es quält mich, Mama! daß sie nicht in bessere Hände gefallen ist.
Gräfin. Mein Sohn, überlaß das Mitleiden mir. Glaube mir, (umarmt ihn) glaube mir, ich habe kein härteres Herz als du. Aber mir kann das Mitleiden nicht so gefährlich werden. Höre meinen Rat, folge mir. Um deiner Ruhe willen, geh nicht mehr hin, reis aus der Stadt, reis zu Fräulein Anklam—und sei versichert, daß es Jungfer Wesenern hier nicht übel werden soll. Du hast ihr in mir ihre zärtlichste Freundin zurückgelassen—versprichst du mir das?
Junge Graf (sieht sie lange zärtlich an). Gut, Mama, ich verspreche Ihnen alles—Nur noch ein Wort, eh' ich reise. Es ist ein unglückliches Mädchen, das ist gewiß.
Gräfin. Beruhige dich nur. (Ihm auf die Backen klopfend.) Ich glaube dir's mehr, als du mir es sagen kannst.
Junge Graf (steht auf und küßt ihr die Hand). Ich kenne Sie—
(Beide geben ab.)
Neunte Szene
Frau Wesenern. Marie.
Marie. Laß Sie nur sein, Mama! ich will ihn recht quälen.
Frau Wesener. Ach geh doch, was? er hat sich vergessen, er ist in drei Tagen nicht hier gewesen, und die ganze Welt sagt, er hab' sich verliebt in kleine Madam Düval, da in der Brüssler Straße.
Marie. Sie kann nicht glauben, wie kompläsant der Graf gegen mich ist.
Frau Wesener. Ei was, der soll ja auch schon versprochen sein.
Marie. So quäl ich doch den Mary damit. Er kommt den Abend nach dem Nachtessen wieder her. Wenn uns doch der Mary nur einmal begegnen wollte mit seiner Madam Düval!
(Ein Bedienter tritt herein.)
Bedienter. Die Gräfin La Roche läßt fragen, ob Sie zu Hause sind?
Marie (in der äußersten Verwirrung). Ach Himmel, die Mutter vomHerrn Grafen—Sag Er nur—Mama, so sag Sie doch, was soll er sagen.
Frau Wesener (will gehen).
Marie. Sag Er nur, es wird uns eine hohe Ehre—Mama! Mama! so redSie doch.
Frau Wesener. Kannst du denn das Maul nicht auftun? Sag Er, es wird uns eine hohe Ehre sein—wir sind zwar in der größten Unordnung hier.
Marie. Nein, nein, wart Er nur, ich will selber an den Wagen herabkommen. (Geht herunter mit dem Bedienten. Die alte Wesenern geht fort.)
Zehnte Szene
Die Gräfin La Roche und Marie, die wieder hereinkommen.
Marie. Sie werden verzeihen, gnädige Frau, es ist hier alles in der größten Rappuse.
Gräfin. Mein liebes Kind, Sie brauchen mit mir nicht die allergeringsten Umstände zu machen. (Faßt sie an der Hand, und setzt sich mit ihr aufs Kanapee.) Sehen Sie mich als Ihre beste Freundin an, (sie küssend) ich versichere Sie, daß ich den aufrichtigsten Anteil nehme an allem, was Ihnen begegnen kann.
Marie (sich die Augen wischend). Ich weiß nicht, womit ich die besondere Gnade verdient habe, die Sie für mich tragen.
Gräfin. Nichts von Gnade, ich bitte Sie. Es ist mir lieb, daß wir allein sind, ich habe Ihnen viel, vieles zu sagen, das mir auf dem Herzen liegt, und Sie auch manches zu fragen. (Marie sehr aufmerksam, die Freude in ihrem Gesicht.) Ich liebe Sie, mein Engel! ich kann mich nicht enthalten, es Ihnen zu zeigen. (Marie küßt ihr inbrunstvoll die Hand.) Ihr ganzes Betragen hat so etwas offenes, so etwas Einnehmendes, daß mir Ihr Unglück dadurch doppelt schmerzhaft wird. Wissen Sie denn auch, meine neue liebe Freundin, daß man viel, viel in der Stadt von Ihnen spricht?
Marie. Ich weiß wohl, daß es allenthalben böse Zungen gibt.
Gräfin. Nicht lauter böse, auch gute sprechen von Ihnen. Sie sind unglücklich; aber Sie können sich damit trösten, daß Sie sich Ihr Unglück durch kein Laster zugezogen. Ihr einziger Fehler war, daß Sie die Welt nicht kannten, daß Sie den Unterscheid nicht kannten, der unter den verschiedenen Ständen herrscht, daß Sie die Pamela gelesen haben, das gefährlichste Buch, das eine Person aus Ihrem Stande lesen kann.
Marie. Ich kenne das Buch ganz und gar nicht.
Gräfin. So haben Sie den Reden der jungen Leute zuviel getraut.
Marie. Ich habe nur einem zuviel getraut, und es ist noch nicht ausgemacht, ob er falsch gegen mich denkt.
Gräfin. Gut, liebe Freundin! aber sagen Sie mir, ich bitte Sie, wie kamen Sie doch dazu, über Ihren Stand heraus sich nach einem Mann umzusehen. Ihre Gestalt, dachten Sie, könnte Sie schon weiter führen, als Ihre Gespielinnen; ach liebe Freundin, eben das hätte Sie sollen vorsichtiger machen. Schönheit ist niemals ein Mittel, eine gute Heurat zu stiften, und niemand hat mehr Ursache zu zittern, als ein schön Gesicht. Tausend Gefahren mit Blumen überstreut, tausend Anbeter und keinen Freund, tausend unbarmherzige Verräter.
Marie. Ach, gnädige Frau, ich weiß wohl, daß ich häßlich bin.
Gräfin. Keine falsche Bescheidenheit. Sie sind schön, der Himmel hat Sie damit gestraft. Es fanden sich Leute über Ihren Stand, die Ihnen Versprechungen taten. Sie sahen gar keine Schwürigkeit, eine Stufe höher zu rücken, Sie verachteten Ihre Gespielinnen, Sie glaubten nicht nötig zu haben, sich andre liebenswürdige Eigenschaften zu erwerben, Sie scheuten die Arbeit, Sie begegneten jungen Mannsleuten Ihres Standes verächtlich, Sie wurden gehaßt. Armes Kind! wie glücklich hätten Sie einen rechtschaffenen Bürger machen können, wenn Sie diese fürtreffliche Gesichtszüge, dieses einnehmende bezaubernde Wesen, mit einem demütigen menschenfreundlichen Geist beseelt hätten, wie wären Sie von allen Ihresgleichen angebetet, von allen Vornehmen nachgeahmt und bewundert worden. Aber Sie wollten von Ihresgleichen beneidet werden. Armes Kind, wo dachten Sie hin, und gegen welch ein elendes Glück wollten Sie alle diese Vorzüge eintauschen? Die Frau eines Mannes zu werden, der um Ihrentwillen von seiner ganzen Familie gehaßt und verachtet würde. Und einem so unglücklichen Hazardspiel zu Gefallen Ihr ganzes Glück, Ihre ganze Ehre, Ihr Leben selber auf die Karte zu setzen. Wo dachten Sie hinaus? wo dachten Ihre Eltern hinaus? Armes betrogenes durch die Eitelkeit gemißhandeltes Kind! (Drückt sie an ihre Brust.) Ich wollte mein Blut hergeben, daß das nicht geschehen wäre.
Marie (weint auf ihre Hand). Er liebte mich aber.
Gräfin. Die Liebe eines Officiers, Marie—eines Menschen, der an jede Art von Ausschweifung, von Veränderung gewöhnt ist, der ein braver Soldat zu sein aufhört, sobald er ein treuer Liebhaber wird, der dem König schwört, es nicht zu sein, und sich dafür von ihm bezahlen läßt. Und Sie glaubten, die einzige Person auf der Welt zu sein, die ihn, trotz des Zorns seiner Eltern, trotz des Hochmuts seiner Familie, trotz seines Schwurs, trotz seines Charakters, trotz der ganzen Welt, treu erhalten wollten? Das heißt, Sie wollten die Welt umkehren.—Und da Sie nun sehen, daß es fehlgeschlagen hat, so glauben Sie, bei andern Ihren Plan auszuführen, und sehen nicht, daß das, was Sie für Liebe bei den Leuten halten, nichts als Mitleiden mit Ihrer Geschichte, oder gar was Schlimmers ist. (Marie fällt vor ihr auf die Knie, verbirgt ihr Gesicht in ihren Schoß, und schluchzt.) Entschließ dich, bestes Kind! unglückliches Mädchen, noch ist es Zeit, noch ist der Abgrund zu vermeiden, ich will sterben, wenn ich dich nicht herausziehe. Lassen Sie sich alle Anschläge auf meinen Sohn vergehen, er ist versprochen, die Fräulein Anklam hat seine Hand und sein Herz. Aber kommen Sie mit in mein Haus, Ihre Ehre hat einen großen Stoß gelitten, das ist der einzige Weg, sie wiederherzustellen. Werden Sie meine Gesellschafterin, und machen Sie sich gefaßt, in einem Jahr keine Mannsperson zu sehen. Sie sollen mir meine Tochter erziehen helfen—kommen Sie, wir wollen gleich zu Ihrer Mutter gehen, und sie um Erlaubnis bitten, daß Sie mit mir fahren dürfen.
Marie (hebt den Kopf rührend aus ihrem Schoß auf). Gnädige Frau—es ist zu spät.
Gräfin (hastig). Es ist nie zu spät, vernünftig zu werden. Ich setze Ihnen tausend Taler zur Aussteuer aus, ich weiß, daß Ihre Eltern Schulden haben.
Marie (noch immer auf den Knien halb rückwärts fallend, mit gefaltenen Händen). Ach, gnädige Frau, erlauben Sie mir, daß ich mich drüber bedenke—daß ich alles das meiner Mutter vorstelle.
Gräfin. Gut, liebes Kind, tun Sie Ihr Bestes—Sie sollen Zeitvertreib genug bei mir haben, ich will Sie im Zeichnen, Tanzen und Singen unterrichten lassen.
Marie (fällt auf ihr Gesicht). O gar zu, gar zu gnädige Frau!
Gräfin. Ich muß fort—Ihre Mutter würde mich in einem wunderlichen Zustand antreffen. (Geht schnell ab, sieht noch durch die Tür hinein nach Marien, die noch immer wie im Gebet liegt.) Adieu, Kind!
(Ab.)
Vierter Akt
Erste Szene
Mary. Stolzius.
Mary. Soll ich dir aufrichtig sagen, Stolzius, wenn der Desportes das MÄdchen nicht heuratet, so heurate ich's. Ich bin zum Rasendwerden verliebt in sie. Ich habe schon versucht, mir die Gedanken zu zerstreuen, du weißt wohl, mit der DÜval, und denn gefällt mir die Wirtschaft mit dem Grafen gar nicht, und daß die Gräfin sie nun gar ins Haus genommen hat, aber alles das—verschlägt doch nichts, ich kann mir die Narrheit nicht aus dem Kopf bringen.
Stolzius. Schreibt denn der Desportes gar nicht mehr?
Mary. Ei freilich schreibt er. Sein Vater hat ihn neulich wollen zu einer Heurat zwingen, und ihn vierzehn Tage bei Wasser und Brot eingesperrt—(Sich an den Kopf schlagend.) Und wenn ich noch so denke, wie sie neulich im Mondschein mit mir spazierenging, und mir ihre Not klagte, wie sie manchmal mitten in der Nacht aufspränge, wenn ihr die schwermütigen Gedanken einkämen, und nach einem Messer suchte.
Stolzius (zittert).
Mary. Ich fragte, ob sie mich auch liebte. Sie sagte, sie liebte mich zärtlicher, als alle ihre Freunde und Verwandten, und drückte meine Hand gegen ihre Brust.
Stolzius (wendet sein Gesicht gegen die Wand).
Mary. Und als ich sie um ein Schmätzchen bat, so sagte sie, wenn es in ihrer Gewalt stünde, mich glücklich zu machen, so täte sie es gewiß. So aber müßte ich erst die Erlaubnis vom Desportes haben. —(Faßt Stolzius hastig an.) Kerl, der Teufel soll mich holen, wenn ich sie nicht heurate, wenn der Desportes sie sitzenläßt.
Stolzius (sehr kalt). Sie soll doch recht gut mit der Gräfin sein.
Mary. Wenn ich nur wüßte, wie man sie zu sprechen bekommen kÖnnte.Erkundige dich doch.
Zweite Szene
In Armentieres. Desportes in der Prison. Haudy bei ihm.
Desportes. Es ist mir recht lieb, daß ich in Prison itzt bin, so erfährt kein Mensch, daß ich hier sei.
Haudy. Ich will den Kameraden allen verbieten, es zu sagen.
Desportes. Vor allen Dingen, daß es nur der Mary nicht erfährt.
Haudy. Und der Rammler. Der ohnedem so ein großer Freund von dir sein will, und sagt, er ist mit Fleiß darum ein paar Wochen später zum Regiment gekommen, um dir die Anciennität zu lassen.
Desportes. Der Narr!
Haudy. O hör, neulich ist wieder ein Streich mit ihm gewesen, der zum Fressen ist. Du weißt, der Gilbert logiert bei einer alten krummen schielenden Witwe, bloß um ihrer schönen Cousine willen, nun gibt er alle Wochen der zu Gefallen ein Konzert im Hause, einmal besäuft sich mein Rammler, und weil er meint, die Cousine schläft dort, so schleicht er sich vom Nachtessen weg, und nach seiner gewöhnlichen Politik oben auf in der Witwe Schlafzimmer, zieht sich aus, und legt sich zu Bette. Die Witwe, die sich auch den Kopf etwas warm gemacht hat, bringt noch erst ihre Cousine, die auf der Nachbarschaft wohnt, mit der Laterne nach Hause, wir meinen, unser Rammler ist nach Hause gegangen, sie steigt hernach in ihr Zimmer herauf, will sich zu Bett legen, und find't meinen Monsieur da, der in der äußersten Konfusion ist. Er entschuldigt sich, er habe die Gelegenheit vom Hause nicht gewußt, sie transportiert ihn ohne viele Mühe wieder herunter, und wir lachen uns über den Mißverstand die Bäuche fast entzwei. Er bittet sie und uns alle um Gottes willen, doch keinem Menschen was von der Historie zu sagen. Du weißt nun aber, wie der Gilbert ist, der hat's nun alles dem Mädel wiedererzählt, und die hat dem alten Weibe steif und fest in den Kopf gesetzt, Rammler wäre verliebt in sie. In der Tat hat er auch ein Zimmer in dem Hause gemietet, vielleicht um sie zu bewegen, nicht Lärm davon zu machen. Nun solltest du aber dein Himmelsgaudium haben, ihn und das alte Mensch in Gesellschaft beisammen zu sehen. Sie minaudiert und liebäugelt, und verzerrt ihr schiefes runzlichtes Gesicht gegen ihn, daß man sterben möchte, und er mit seiner roten Habichtsnase und den stieren erschrocknen Augen—siehst du, es ist ein Anblick, an den man nicht denken kann, ohne zu zerspringen.
Desportes. Wenn ich wieder frei werde, soll doch mein erster Gang zu Gilbert sein. Meine Mutter wird nächstens an den Obristen schreiben, das Regiment soll für meine Schulden gut sagen.
Dritte Szene
In Lille. Ein Gärtchen an der Gräfin La Roche Hause.
Die Gräfin (in einer Allee). Was das Mädchen haben mag, daß es so spät in den Garten hinausgegangen ist. Ich fürchte, ich fürchte, es ist etwas Abgered'tes. Sie zeichnet zerstreut, spielt die Harfe zerstreut, ist immer abwesend, wenn ihr der Sprachmeister was vorsagt—still, hör ich nicht jemand—ja, sie ist oben im Lusthause, und von der Straße antwortet ihr jemand. (Lehnt ihr Ohr an die grüne Wand des Gartens.)
(Hinter der Szene.)
Marys Stimme. Ist das erlaubt, alle Freunde, alles, was Ihnen lieb war, so zu vergessen?
Mariens Stimme. Ach lieber Herr Mary, es tut mir leid genug, aber es muß schon so sein. Ich versichere Ihnen, die Frau Gräfin ist die scharmanteste Frau, die auf Gottes Erdboden ist.
Mary. Sie sind ja aber wie in einem Kloster da, wollen Sie denn gar nicht mehr in die Welt? Wissen Sie, daß Desportes geschrieben hat, er ist untröstlich, er will wissen, wo Sie sind, und warum Sie ihm nicht antworten?
Marie. So?—Ach ich muß ihn vergessen, sagen Sie ihm das, er soll mich nur auch vergessen.
Mary. Warum denn?—Grausame Mademoiselle! ist das erlaubt, Freunden so zu begegnen.
Marie. Es kann nun schon nicht anders sein—Ach Herr Gott, ich höre jemand im Garten unten. Adieu, Adieu—Flattieren Sie sich nur nicht—(Kommt herunter.)
Gräfin. So, Marie! ihr gebt euch Rendezvous?
Marie (äußerst erschrocken). Ach, gnädige Frau—es war ein Verwandter von mir—mein Vetter, und der hat nun erst erfahren, wo ich bin-Gräfin (sehr ernsthaft). Ich habe alles gehört.
Marie (halb auf den Knien). Ach Gott! so verzeihen Sie mir nur diesmal.
Gräfin. Mädchen, du bist wie das Bäumchen hier im Abendwinde, jederHauch verändert dich. Was denkst du denn, daß du hier unter meinenAugen den Faden mit dem Desportes wieder anzuspinnen denkst, dirRendezvous mit seinen guten Freunden gibst. Hätt' ich das gewußt,ich hätte mich deiner nicht angenommen.
Marie. Verzeihen Sie mir nur diesmal!
Gräfin. Ich verzeih es dir niemals, wenn du wider dein eigen Glück handelst. Geh. (Marie geht ganz verzweiflungsvoll ab.)
Gräfin (allein). Ich weiß nicht, ob ich dem Mädchen ihren Roman fast mit gutem Gewissen nehmen darf. Was behält das Leben für Reiz übrig, wenn unsre Imagination nicht welchen hineinträgt, Essen, Trinken, Beschäftigungen ohne Aussicht, ohne sich selbst gebildetem Vergnügen sind nur ein gefristeter Tod. Das fühlt sie auch wohl, und stellt sich nur vergnügt. Wenn ich etwas ausfindig machen könnte, ihre Phantasei mit meiner Klugheit zu vereinigen, ihr Herz, nicht ihren Verstand zu zwingen, mir zu folgen.
Vierte Szene
In Armentieres.
Desportes (im Prison, hastig auf- und abgehend, einen Brief in der Hand). Wenn sie mir hierher kommt, ist mein ganzes Glück verdorben—zu Schand und Spott bei allen Kameraden. (Setzt sich und schreibt.)—Mein Vater darf sie auch nicht sehen-
Fünfte Szene
In Lille. Weseners Haus. Der alte Wesener. Ein Bedienter derGräfin.
Wesener. Marie fortgelaufen—! Ich bin des Todes. (Läuft heraus.Der Bediente folgt ihm.)
Sechste Szene
Marys Wohnung. Mary. Stolzius, der ganz bleich und verwildert dasteht.
Mary. So laßt uns ihr nachsetzen zum tausend Element. Ich bin schuld an allem. Gleich lauf hin und bring Pferde her.
Stolzius. Wenn man nur wissen könnte, wohin-Mary. Nach Armentieres.Wo kann sie anders hin sein.
(Beide ab.)
Siebente Szene
Weseners Haus. Frau Wesener und Charlotte in Kappen. Wesener kommt wieder.
Wesener. Es ist alles umsonst. Sie ist nirgends ausfindig zu machen.(Schlägt in die Hände.) Gott!—wer weiß, wo sie sich ertränkt hat!
Charlotte. Wer weiß aber noch, Papa-Wesener. Nichts. Die Boten der Frau Gräfin sind wiedergekommen, und es ist noch keine halbe Stunde, daß man sie vermißt hat. Zu jedem Tor ist einer herausgeritten, und sie kann doch nicht aus der Welt sein in so kurzer Zeit.
Achte Szene
In Philippeville.
Desportes' Jäger (einen Brief von seinem Herrn in der Hand). Oh! dakommt mir ja ein schönes Stück Wildpret recht ins Garn hereingelaufen.Sie hat meinem Herrn geschrieben, sie würde grad' nachPhilippeville zu ihm kommen, (sieht in den Brief.) zu Fuß—o das armeKind—ich will dich erfrischen.
Neunte Szene
In Armentieres. Ein Konzert im Hause der Frau Bischof. Verschiedene Damen im Kreise um das Orchester, unter denen auch Frau Bischof und ihre Cousine. Verschiedene Officiere, unter denen auch Haudy, Rammler, Mary, Desportes, Gilbert, stehen vor ihnen und unterhalten die Damen.
Mademoiselle Bischof (zu Rammler). Und Sie sind auch hier eingezogen,Herr Baron?
Rammler (verbeugt sich stillschweigend, und wird rot über und über).
Haudy. Er hat sein Logis im zweiten Stock genommen, grad' gegenüberIhrer Frau Base Schlafkammer.
Mademoiselle Bischof. Das hab ich gehört. Ich wünsche meiner Base viel Glück.
Madame Bischof (schielt und lächelt auf eine kokette Art). He, he, he, der Herr Baron wäre wohl nicht eingezogen, wenn ihm nicht der Herr von Gilbert mein Haus so rekommandiert hätte. Und zum andern begegne ich allen meinen Herren auf eine solche Art, daß sie sich nicht über mich werden zu beklagen haben.
Mademoiselle Bischof. Das glaub ich, Sie werden sich gut miteinander vertragen.
Gilbert. Es ist mit alledem so ein kleiner Haken unter den beiden, sonst wäre Rammler nicht hier eingezogen.
Madame Bischof. So? (Hält den Fächer vorm Gesicht.) He he he, seiter wenn denn, meinten Sie Herr von Gilbert, seiter wenn denn?
Haudy. Seit dem letzten Konzertabend, wissen Sie wohl, Madame.
Rammler (zupft Haudy). Haudy!
Madame Bischof (schlägt ihn mit dem Fächer). Unartiger Herr Major! müssen Sie denn auch alles gleich herausplappern.
Rammler. Madame! ich weiß gar nicht, wie wir so familiär miteinander sollten geworden sein, ich bitte mir's aus-Madame Bischof (sehr böse). So, Herr? und Sie wollen sich noch mausig machen, und zum andern müßten Sie sich das noch für eine große Ehre halten, wenn eine Frau von meinem Alter und von meinem Charakter sich familiär mit Ihnen gemacht hätte, und denk doch einmal, was er sich nicht einbild't, der junge Herr.
Alle Officiers. Ach Rammler—Pfui Rammler—das ist doch nicht recht, wie du der Madam begegnest.
Rammler. Madame, halten Sie das Maul, oder ich brech Ihnen Arm undBein entzwei, und werf Sie zum Fenster hinaus.
Madame Bischof (steht wütend auf). Herr, komm Er—(faßt ihn an Arm) den Augenblick komm Er, probier Er, mir was Leids zu tun.
Alle. In die Schlafkammer, Rammler, sie fodert dich heraus.
Madame Bischof. Wenn Er sich noch breitmacht, so werf ich Ihn zum Hause heraus, weiß Er das. Und der Weg zum Kommendanten ist nicht weit. (Fängt an zu weinen.) Denk doch, mir in meinem eigenen Hause Impertinenzien zu sagen, der impertinente Flegel-Mademoiselle Bischof. Nun still doch, Bäslein, der Herr Baron hat es ja so übel nicht gemeint. Er hat ja nur gespaßt, so sei Sie doch ruhig.
Gilbert. Rammler, sei vernünftig, ich bitte dich. Was für Ehre hast du davon, ein alt Weib zu beleidigen.
Rammler. Ihr könnt mir alle—(Läuft heraus.)
Mary. Ist das nicht lustig, Desportes? Was fehlt dir? Du lachst ja nicht.
Desportes. Ich hab erstaunende Stiche auf der Brust. Der Katarrh wird mich noch umbringen.
Mary. Ist das aber nicht zum Zerspringen mit dem Original? Sahst du, wie er braun und blau um die Nase ward für Ärgernis. Ein andrer würde sich lustig gemacht haben mit der alten Vettel.
(Stolzius kommt herein und zupft Mary.)
Mary. Was ist?
Stolzius. Nehmen Sie doch nicht ungnädig, Herr Lieutenant! wollenSie nicht auf einen Augenblick in die Kammer kommen?
Mary. Was gibt's denn? Habt Ihr wo was erfahren?
Stolzius (schüttelt mit dem Kopf).
Mary. Nun denn—(geht etwas weiter vorwärts) so sagt nur hier.
Stolzius. Die Ratten haben die vorige Nacht Ihr bestes Antolagenhemd zerfressen, eben als ich den Wäschschrank aufmachte, sprangen mir zwei, drei entgegen.
Mary. Was ist daran gelegen?—Laßt Gift aussetzen.
Stolzius. Da muß ich ein versiegeltes Zettelchen von Ihnen haben.
Mary (unwillig). Warum kommt Ihr mir denn just jetzt?
Stolzius. Auf den Abend hab ich nicht Zeit, Herr Lieutenant—ich muß heute noch bei der Lieferung von den Montierungsstücken sein.
Mary. Da habt Ihr meine Uhr, Ihr könnt ja mit meinem Petschaft zusiegeln. (Stolzius geht ab—Mary tritt wieder zur Gesellschaft.) (Eine Symphonie hebt an.)
Desportes (der sich in einen Winkel gestellt hat, für sich). IhrBild steht unaufhörlich vor mir—Pfui Teufel! fort mit den Gedanken.Kann ich dafür, daß sie so eine wird. Sie hat's ja nicht besserhaben wollen.
(Tritt wieder zur andern Gesellschaft, und hustet erbärmlich.)
Mary (steckt ihm ein Stück Lakritz in den Mund. Er erschrickt. Mary lacht).
Zehnte Szene
In Lille. Weseners Haus. Frau Wesener. Ein Bedienter der Gräfin.
Frau Wesener. Wie? Die Frau Gräfin haben sich zu Bett gelegt vor Alteration? Vermeld Er unsern untertänigsten Respekt der Frau Gräfin und der Fräulein, mein Mann ist nach Armentieres gereist, weil ihm die Leute alles im Hause haben versiegeln wollen wegen der Kaution, und er gehört hat, daß der Herr von Desportes beim Regiment sein soll. Und es tut uns herzlich leid, daß die Frau Gräfin sich unser Unglück so zu Herzen nimmt.
Eilfte Szene
In Armentieres.
Stolzius (geht vor einer Apothek' herum. Es regnet). Was zitterst du?—Meine Zunge ist so schwach, daß ich fürchte, ich werde kein einziges Wort hervorbringen können. Er wird mir's ansehen—Und müssen denn die zittern, die Unrecht leiden, und die allein fröhlich sein, die Unrecht tun!—Wer weiß, zwischen welchem Zaun sie jetzt verhungert. Herein, Stolzius. Wenn's nicht für ihn ist, so ist's doch für dich. Und das ist ja alles, was du wünschest—
(Geht hinein.)
FÜnfter Akt
Erste Szene
Auf dem Wege nach Armentieres.
Wesener (der ausruht). Nein, keine Post nehm ich nicht, und sollt' ich hier liegen bleiben. Mein armes Kind hat mich genug gekostet, eh' sie zu der GrÄfin kam, das mußte immer die Staatsdame gemacht sein, und Bruder und Schwester sollen's ihr nicht vorzuwerfen haben. Mein Handel hat auch nun schon zwei Jahr' gelegen—wer weiß, was Desportes mit ihr tut, was er mit uns allen tut—denn bei ihm ist sie doch gewiß. Man muß Gott vertrauen—
(Bleibt in tiefen Gedanken.)
Zweite Szene
Marie (auf einem andern Wege nach Armentieres unter einem Baum ruhend, zieht ein Stück trockenes Brot aus der Tasche). Ich habe immer geglaubt, daß man von Brot und Wasser allein leben kÖnnte. (Nagt daran.) O hätt' ich nur einen Tropfen von dem Wein, den ich so oft aus dem Fenster geworfen—womit ich mir in der Hitze die Hände wusch—(Kontorsionen.) O das quält—nun ein Bettelmensch—(Sieht das Stück Brot an.) Ich kann's nicht essen, Gott weiß es. Besser verhungern. (Wirft das Stück Brot hin, und rafft sich auf.) Ich will kriechen, so weit ich komme, und fall ich um, desto besser.
Dritte Szene
In Armentieres. Marys Wohnung. Mary und Desportes sitzen beide ausgekleidet an einem kleinen gedeckten Tisch. Stolzius nimmt Servietten aus.
Desportes. Wie ich dir sage, es ist eine Hure vom Anfang an gewesen, und sie ist mir nur darum gut gewesen, weil ich ihr Präsente machte. Ich bin ja durch sie in Schulden gekommen, daß es erstaunend war, sie hätte mich um Haus und Hof gebracht, hätt' ich das Spiel länger getrieben. Kurzum, Herr Bruder, eh' ich's mich versehe, krieg ich einen Brief von dem Mädel, sie will zu mir kommen nach Philippeville. Nun stell dir das Spektakel vor, wenn mein Vater die hätte zu sehen gekriegt. (Stolzius wechselt einmal ums andere die Servietten um, um Gelegenheit zu haben, länger im Zimmer zu bleiben.) Was zu tun, ich schreib meinem Jäger, er soll sie empfangen, und ihr so lange Stubenarrest auf meinem Zimmer ankündigen, bis ich selber wieder nach Philippeville zurückkäme, und sie heimlich zum Regiment abholte. Denn sobald mein Vater sie zu sehen kriegte, wäre sie des Todes. Nun mein Jäger ist ein starker robuster Kerl, die Zeit wird ihnen schon lang werden auf einer Stube allein. Was der nun aus ihr macht, will ich abwarten, (lacht höhnisch) ich hab ihm unter der Hand zu verstehen gegeben, daß es mir nicht zuwider sein würde.
Mary. Hör, Desportes, das ist doch malhonett.
Desportes. Was malhonett, was willst du—Ist sie nicht versorgt genug, wenn mein Jäger sie heuratet? Und für so eine- Mary. Sie war doch sehr gut angeschrieben bei der Gräfin. Und hol mich der Teufel, Bruder, ich hätte sie geheuratet, wenn mir nicht der junge Graf in die Quer' gekommen wäre, denn der war auch verflucht gut bei ihr angeschrieben.
Desportes. Da hättest du ein schön Sauleder an den Hals bekommen.
(Stolzius geht heraus.)
Mary (ruft ihm nach). Macht, daß der Herr seine Weinsuppe bald bekommt—Ich weiß nicht, wie es kam, daß der Mensch mit ihr bekannt ward, ich glaube gar, sie wollte mich eifersüchtig machen, denn ich hatte eben ein paar Tage her mit ihr gemault. Das hätt' alles noch nichts zu sagen gehabt, aber einmal kam ich hin, es war in den heißesten Hundstagen, und sie hatte eben wegen der Hitze nur ein dünnes, dünnes Röckchen von Nesseltuch an, durch das ihre schönen Beine durchschienen. Sooft sie durchs Zimmer ging, und das Röckchen ihr so nachflatterte—hör, ich hätte die Seligkeit drum geben mögen, die Nacht bei ihr zu schlafen. Nun stell dir vor, zu allem Unglück muß den Tag der Graf hinkommen, nun kennst du des Mädels Eitelkeit. Sie tat wie unsinnig mit ihm, ob nun mich zu schagrinieren, oder weil solche Mädchens gleich nicht wissen, woran sie sind, wenn ein Herr von hohem Stande sich herabläßt, Ihnen ein freundlich Gesicht zu weisen. (Stolzius kommt herein, trägt vor Desportes auf, und stellt sich totenbleich hinter seinen Stuhl.) Mir ging's wie dem überglühenden Eisen, das auf einmal kalt wie Eis wird. (Desportes schlingt die Suppe begierig in sich.) Aller Appetit zu ihr verging mir. Von der Zeit an hab ich ihr nie wieder recht gut werden können. Zwar wie ich hörte, daß sie von der Gräfin weggelaufen sei.
Desportes (im Essen). Was reden wir weiter von dem Knochen? Ich will dir sagen, Herr Bruder, du tust mir einen Gefallen, wenn du mir ihrer nicht mehr erwähnst. Es ennuyiert mich, wenn ich an sie denken soll.
(Schiebt die Schale weg.)
Stolzius (hinter dem Stuhl, mit verzerrtem Gesicht). Wirklich?(Beide sehen ihn an voll Verwunderung.)
Desportes (hält sich die Brust). Ich kriege Stiche—Aye!-Mary
(steif den Blick auf Stolzius geheftet, ohne ein Wort zu sagen).
Desportes (wirft sich in einen Lehnstuhl).—Aye!—(mit Kontorsionen.)Mary!-Stolzius (springt hinzu, faßt ihn an die Ohren, und heftet seinGesicht auf das seinige. Mit fürchterlicher Stimme). Marie!—Marie!—Marie!
(Mary zieht den Degen, und will ihn durchbohren.)
Stolzius (kehrt sich kaltblütig um, und faßt ihm in den Degen).Geben Sie sich keine Mühe, es ist schon geschehen. Ich sterbe vergnügt, da ich den mitnehmen kann.
Mary (läßt ihm den Degen in der Hand, und läuft heraus). Hülfe!—Hülfe!-Desportes. Ich bin vergiftet.
Stolzius. Ja, Verräter, das bist du—und ich bin Stolzius, dessen Braut du zur Hure machtest. Sie war meine Braut. Wenn ihr nicht leben könnt, ohne Frauenzimmer unglücklich zu machen, warum wendet ihr euch an die, die euch nicht widerstehen können, die euch aufs erst Wort glauben.—Du bist gerochen, meine Marie! Gott kann mich nicht verdammen.
(Sinkt nieder.)
Desportes. Hülfe!
(Nach einigen Verzuckungen stirbt er gleichfalls)
Vierte Szene
Wesener spaziert an der Lys in tiefen Gedanken. Es ist Dämmerung.Eine verhüllte Weibsperson zupft ihn am Rock.
Wesener. Laß Sie mich—ich bin kein Liebhaber von solchen Sachen.
Die Weibsperson (mit halb unvernehmlicher Stimme). Um Gottes willen, ein klein Almosen, gnädiger Herr!
Wesener. Ins Arbeitshaus mit Euch. Es sind hier der lüderlichen Bälge die Menge, wenn man allen Almosen geben sollte, hätte man viel zu tun.
Weibsperson. Gnädiger Herr, ich bin drei Tage gewesen, ohne einen Bissen Brot in Mund zu stecken, haben Sie doch die Gnade, und führen mich in ein Wirtshaus, wo ich einen Schluck Wein tun kann.
Wesener. Ihr lüderliche Seele! schämt Ihr Euch nicht, einem honettenMann das zuzumuten? Geht, lauft Euern Soldaten nach.
Weibsperson (geht fort, ohne zu antworten).
Wesener. Mich deucht, sie seufzte so tief. Das Herz wird mir soschwer. (Zieht den Beutel hervor.) Wer weiß, wo meine Tochter itztAlmosen heischt. (Läuft ihr nach, und reicht ihr zitternd ein StückGeld.) Da hat Sie einen Gulden—aber bessere Sie sich.
Weibsperson (fängt an zu weinen). O Gott! (Nimmt das Geld und fällt halb ohnmächtig nieder.) Was kann mir das helfen?
Wesener (kehrt sich ab und wischt sich die Augen. Zu ihr ganz außer sich). Wo ist Sie her?
Weibsperson. Das darf ich nicht sagen—Aber ich bin eines honettenMannes Tochter.
Wesener. War Ihr Vater ein Galanteriehändler?
Weibsperson (schweigt stille).
Wesener. Ihr Vater war ein honetter Mann?—Steh Sie auf, ich willSie in mein Haus führen. (Sucht ihr aufzuhelfen.)
Wesener. Wohnt Ihr Vater nicht etwan in Lille—
(Beim letzten Wort fällt sie ihm um den Hals.)
Wesener (schreie laut). Ach meine Tochter!
Marie. Mein Vater! (Beide wälzen sich halbtot auf der Erde. EineMenge Leute versammlen sich um sie, und tragen sie fort.)
Fünfte und letzte Szene
Des Obristen Wohnung. Der Obriste Graf von Spannheim. Die Gräfin LaRoche.
Gräfin. Haben Sie die beiden Unglücklichen gesehen? Ich habe dasHerz noch nicht. Der Anblick tötete mich.
Obrister. Er hat mich zehn Jahre älter gemacht. Und daß das bei meinem Corps—ich will dem Mann alle seine Schulden bezahlen, und noch tausend Taler zu seiner Schadloshaltung obenein. Hernach will ich sehen, was ich bei dem Vater des Bösewichts für diese durch ihn verwüstete Familie auswirken kann.
Gräfin. Würdiger Mann! nehmen Sie meinen heißesten Dank in dieser Träne—das beste liebenswürdigste Geschöpf! was für Hoffnungen fing ich nicht schon an von ihr zu schöpfen.
(Sie weint.)
Obrister. Diese Tränen machen Ihnen Ehre. Sie erweichen auch mich.Und warum sollte ich nicht weinen, ich, der fürs Vaterland streitenund sterben soll; einen Bürger desselben durch einen meinerUntergebenen mit seinem ganzen Hause in den unwiederbringlichstenUntergang gestürzt zu sehen.
Gräfin. Das sind die Folgen des ehlosen Standes der Herren Soldaten.
Obrister (zuckt die Schultern). Wie ist dem abzuhelfen? Schon Homer hat, deucht mich, gesagt, ein guter Ehmann sei ein schlechter Soldat. Und die Erfahrung bestätigt's.—Ich habe allezeit eine besondere Idee gehabt, wenn ich die Geschichte der Andromeda gelesen. Ich sehe die Soldaten an wie das Ungeheuer, dem schon von Zeit zu Zeit ein unglückliches Frauenzimmer freiwillig aufgeopfert werden muß, damit die übrigen Gattinnen und Töchter verschont bleiben.
Gräfin. Wie verstehen Sie das?
Obrister. Wenn der König eine Pflanzschule von Soldatenweibern anlegte; die müßten sich aber freilich denn schon dazu verstehen, den hohen Begriffen, die sich ein junges Frauenzimmer von ewigen Verbindungen macht, zu entsagen.
Gräfin. Ich zweifle, daß sich ein Frauenzimmer von Ehre dazu entschließen könnte.
Obrister. Amazonen müßten es sein. Eine edle Empfindung, deucht mich, hält hier der andern die Waage. Die Delikatesse der weiblichen Ehre dem Gedanken, eine Märtyrerin für den Staat zu sein.
Gräfin. Wie wenig kennt ihr Männer doch das Herz und die Wünsche eines Frauenzimmers.
Obrister. Freilich müßte der König das Beste tun, diesen Stand glänzend und rühmlich zu machen. Dafür ersparte er die Werbegelder, und die Kinder gehörten ihm. O ich wünschte, das sich nur einer fände, diese Gedanken bei Hofe durchzutreiben, ich wollte ihm schon Quellen entdecken. Die Beschützer des Staats würden sodann auch sein Glück sein, die äußere Sicherheit desselben, nicht die innere aufheben, und in der bisher durch uns zerrütteten Gesellschaft Fried' und Wohlfahrt aller und Freude sich untereinander küssen.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Soldaten, von Jakob MichaelReinhold Lenz.