Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Frau Therese Tiefenbrunner brachte es tatsächlich zustande, daß der Herr Patscheider seine Mithülfe zusagte. In einem der größten Säle wurde endlich die Ausstellung veranstaltet.

Felix schwelgte in Glückseligkeit. Auf den Rat seiner Frau war er mit der Wahl seiner Werke sehr vorsichtig gewesen. Es waren hauptsächlich Landschaften und einzelne Porträtstudien. Lauter gute und wertvolle Bilder. Bilder, die ein großes Können, eine feine Beobachtung und kühne Auffassung verrieten. Aber sie gefielen dem Patscheider trotzdem nicht. Weder ihm, noch den meisten der andern, die zur Besichtigung der Ausstellung sich eingefunden hatten.

„Es ist doch ein verrücktes Zeug!“ behauptete der Patscheider. „Wär’ er g’scheiter in München blieben, er paßt nit herein zu uns!“

Auch die Kritik der Lokalblätter verhielt sich kühl und ablehnend, und der Erfolg, den die Ausstellung hatte, war gleich Null.

Ein einziges Bild wurde verkauft, und das am allerletzten Tag der Ausstellung, da Felix und Adele schon jede Hoffnung auf einen materiellen Ertrag aufgegeben hatten.

Das Bild war eine feine Landschaft, und der Erlös daraus sicherte die Existenz des jungen Künstlerpaares für die nächsten Monate. Es war ein großer Freudentag für Felix und Adele. Ein Tag, an dem ihnen die Hoffnung auf kommende bessere Zeiten wieder Kraft und Mut verlieh.

Der alte Rat Leonhard war der Käufer dieses Bildes gewesen. Es gefiel ihm zwar nicht, aber er kaufte es trotzdem. Er kaufte es, weil es das teuerste unter allen Bildern war. Er wußte auch nicht, was er damit anfangensollte. Aufhängen mochte er es nicht, und er hätte auch keinen Platz dafür gehabt. Um es in einen Kasten zu legen, dafür war das Bild entschieden zu groß. Die Frage der Aufbewahrung kostete dem alten Herrn viel Kopfzerbrechen. Fast soviel, als es ihm Selbstüberwindung und schwere Seelenkämpfe verursacht hatte, sich zu dieser entscheidenden Tat aufzuraffen.

In dem geheimsten Winkel seiner Seele war der Herr Rat nämlich ein alter Geizhals. Er sparte, sparte für sich selbst und gönnte sich nur das Allernotwendigste. Für so etwas wie Kunst hätte er unter normalen Umständen keinen Kreuzer übrig gehabt. Aber der alte Herr Rat war nicht mehr ganz geistig normal. Wenigstens fing er das jetzt selber zu glauben an, nachdem er sich zu dieser kühnen Tat durchgerungen hatte.

Er kaufte das Bild einzig und allein wegen seines kleinen goldblonden Lieblings und freute sich schon im vorhinein auf das glückliche Jauchzen des Kindes ... „Papa hat ein Bild verkauft, Onkel Rat! Denk nur einmal, so viel Geld!“ Und dann würde sie ihre zierlichen, magern Ärmchen auseinanderbreiten, wie das ihre Art war, um damit zu zeigen, daß ihre Eltern eine ganze Welt von Geld ihr eigen nannten ...

Das kleine Mädchen war es auch, das unbewußt die ganze Not ihrer Eltern dem alten Herrn verriet. Dora war eine kleine Plaudertasche. Sie mußte immerzu plappern. Alles Mögliche und Unmögliche. Der Rat Leonhard kannte gar bald alle ihre Spielsachen, wußte, wie ihre Puppen hießen, und erhielt jeden Tag genauen Bericht über die eingenommenen Mahlzeiten. Ohne daß er sie fragte, erzählte es ihm das Kind.

Dieses Redebedürfnis des kleinen Mädchens mochte wohl daher stammen, daß Dora fast den größten Teil des Tages sich selber überlassen blieb. Die gedrückte Stimmung, in der die Eltern lebten, ließ sie nicht dazukommen, sich viel mit ihrem Kinde zu beschäftigen. Felix schon gar nicht. Der war zu nervös, zu aufgeregt und zu verzweifelt, um dem Kinde viel Beachtung zu schenken. Und Adele, die von Natur aus ohnedies sehr schweigsam war, hing jetzt viel ihren eigenen sorgenvollen Gedanken nach. Sie spielte wohl mit dem Kinde, aber Dora fühlte es instinktiv, daß ihre Mutter nie ganz bei der Sache war ... daß es ihr nicht Freude machte wie dem Onkel Rat, wenn sie immerzu ihre kindlichen Fragen stellte und drauflos plapperte.

Vor der Tante Therese hatte Dora eine Art Scheu. Sie ging ihr nicht zu. Und Frau Therese, die nie ein eigenes Kind gehabt hatte, verstand es auch nicht, sich mit Dora abzugeben.

Der alte Rat Leonhard aber verstand das viel besser und lebte mit dem kleinen Mädchen in ihrem Phantasiereich. Redete mit ihr in ihrer eigenen Sprache, interessierte sich für ihren Gedankenkreis, lachte mit ihr und tat, was sie ihn hieß.

So wurde der alte Herr der einzige Spielgefährte des Kindes. Immer länger wurden die Ständchen, die er droben auf dem Weg zur Weiherburg mit dem kleinen Mädchen abhielt. Es war schwer zu sagen, wer von den beiden sich mehr auf diese tägliche Zusammenkunft freute.

Adele sah es gerne, daß ihr Kind so viel Anwert bei dem alten Sonderling gefunden hatte. Aber davon, daß Dora zur Verräterin ihrer verschämten Armut wurde, hatte die junge Frau keine Ahnung ...

Das Geld, das Felix durch den Verkauf seines Bildes eingenommen hatte, ging zur Neige. Die alte Not hielt Einkehr in dem kleinen, sonnigen Häuschen und lastete noch drückender und schwerer auf Felix und Adele.

Es kamen Tage, an denen Adele ihrem Kind das Brot vorzählen mußte. Sie mußte sich jedes StückchenBrot, jeden Schluck Milch, den sie Dora gab, berechnen, um mit dem wenigen Geld, das sie noch übrig hatten, so lange als möglich wirtschaften zu können.

„Mutti, warum gibst du mir jetzt so wenig Brot?“ fragte das Kind einmal und sah betrübt auf die dünne Scheibe, die sie in ihren Händchen hielt. „Ich hab’ mehr Hunger, ich will noch ein Brot.“

Und Adele schnitt ein größeres Stück für das Kind herunter. Sie konnte den Klageton nicht hören. Jetzt noch nicht. Auf sich selbst vergaß die junge Frau. Es war lange her, seit sie sich das letztemal sattgegessen hatte. Aber das machte nichts, wenn nur Felix und das Kind genug hatten.

„Mutti, gibst du mir nicht gerne Brot?“ frug Dora und sah mit großen, forschenden Augen in das ernste Gesicht der Mutter.

„Doch, mein Liebling, mein Schatz, mein süßer!“ versicherte Adele und küßte mit stürmischer Zärtlichkeit ihr kleines Mädchen. Dabei fielen ihr heiße Tränen über das blasse Gesicht.

„Warum weinst du denn?“ fragte die kleine Dora. „Hast du wieder kein Geld?“

„Nein, Schatzi, bald gar keines mehr. Wir müssen den lieben Gott bitten, daß er uns wieder welches schickt!“ sagte Adele.

Das kleine Mädchen nickte verständig mit dem goldlockigen Köpfchen. Dann biß sie heißhungrig in das große Brotstück. Die Luft da droben auf der Weiherburg ist besonders frisch und macht kleinen Kindern einen gesunden Appetit. Ernst und nachdenklich sah Dora mit ihren großen blauen Augen auf die Mutter, die noch immer leise vor sich hin weinte ...

„Du, Onkel Rat,“ sagte Dora am Nachmittag desselben Tages zu dem alten Herrn, „hast du Kuchen mitgebracht?“

Der Rat Leonhard mußte bei solchen Fragen desKindes stets laut lachen. Dora stellte diese Fragen in einem so drollig gebieterischen Ton und machte dabei ein so ernstkomisches Gesichtchen, daß der alte Rat ein lautes Lachen nicht unterdrücken konnte.

„Nur zwei Orangen,“ sagte er dann, „in jedem Sack eine. Such’ sie dir nur!“

Das kleine Mädchen besorgte das Suchen mit einer Gründlichkeit und mit einem Eifer, daß die Manteltaschen des Herrn Rat Gefahr liefen, aufgerissen zu werden.

„Morgen mußt du viel Kuchen mitbringen, Onkel Rat!“ sagte das Kind. „Die Mama hat kein Geld, weißt du, und kann mir kein Brot mehr geben. Und der liebe Gott hat kein Geld geschickt, und ich hab’ Hunger!“ erzählte Dora und sah mit ihrem zarten Gesichtchen, das so weiß und rosig war wie die feinste Blüte eines Apfels und einen ungewöhnlich innigen Ausdruck besaß, ernsthaft zu dem alten Herrn empor.

Bei der Rede des Kindes war der Rat Leonhard tief erschrocken. Stand es wirklich so schlimm bei den Altwirths? Hunger ... das Kind hatte Hunger. Ganz verstört war der alte Herr geworden. Er konnte sich für den Augenblick gar nicht fassen und hörte nur zerstreut auf die Neuigkeiten, die ihm Dora noch mitzuteilen hatte. Lauter liebe, kleine Angelegenheiten von den Puppenkindern waren es.

„Bringt dir die Tante Therese nie Kuchen?“ forschte dann der Rat Leonhard.

„Oh ja, manchmal schon, aber ich darf sie nicht bitten. Mama hat’s verboten.“

„Und mich, mich darfst du schon bitten?“

Das Kind schüttelte das Köpfchen und sah schalkhaft zu dem alten Manne auf. „Weißt du, das weiß die Mama ja gar nicht. Die weiß nicht, was ich dir erzähle. Darum tu’ ich’s ja!“ lachte Dora listig.

Am nächsten Tag brachte der Rat Leonhard einen großen Gugelhupf mit und am übernächsten Tag eine mächtig große Torte. „Sagst der Mama, ich hab’ so viel Bäckerei geschickt bekommen von meiner Schwester, daß ich sie nicht allein essen kann!“ trug er dem Kinde auf. Der Rat Leonhard besaß zwar gar keine Schwester, aber das konnte Frau Adele doch nicht wissen.

Adele war aber trotzdem mißtrauisch geworden, hatte Verdacht geschöpft und unterzog ihr kleines Töchterchen einem Verhör. Und mit hochrotem Gesichtchen hatte dann die kleine Sünderin ihre Schuld gebeichtet.

„Ja, Mutti, wenn uns der liebe Gott doch kein Geld schickt ...“ hatte sie entschuldigend hinzugefügt. „Der Onkel Rat ist so gut und kann schon Kuchen bringen.“ —

In den nächsten Tagen machte sich der Rat Leonhard abends nach dem Stammtisch beim Weißen Hahn an den Apotheker Tiefenbrunner heran. Das war ganz gegen seine Gewohnheit. Denn für gewöhnlich pflegte sich der alte Herr mit einem kurzen Gruß und beinahe fluchtartig vom Stammtisch zu entfernen, damit es ja keinem der Herren einfiele, ihn etwa ein Stück des Weges zu begleiten.

Heute aber wartete der Rat Leonhard sogar auf den Apotheker und war freundlich mit ihm. Sprach mit ihm, bis sie aus dem Lokal gegangen waren. Dann blieb der Rat stehen und sagte: „Begleiten jetzt Sie mich oder muß ich mit Ihnen gehen?“ Der Entschluß, einen kleinen Umweg zu machen, kam den alten Sonderling noch im letzten Augenblick recht hart an.

„Aber ich bitte, ich bitte!“ beeilte sich Simon Tiefenbrunner zu versichern. „Ich gehe gern mit Ihnen. Es tut mir gut, so ein kleiner Rundgang in der Nacht.“ Innerlich war der Apotheker jedoch gar nicht so begeistert von dem „kleinen Rundgang“. Er sehnte sich ganz gewaltig nach Hause ins Bett.

Der Rat Leonhard wohnte ziemlich weit droben in Wilten. Er liebte es, seinen Heimweg stets so einzurichten, daß er beim Gerichtsgebäude, der Stätte seines einstigen Wirkens, vorüberkam. Teilweise aus Anhänglichkeit und teilweise aus Gewohnheit.

Wenn der Herr Rat einmal auf der Straße neben einem Menschen zu gehen hatte, so pflegte er dieses ungewohnte Ereignis stets mit allerhand vorbereitenden Zeremonien einzuleiten. So einen Menschen neben sich gehen zu hören, mit ihm Schritt halten zu müssen und ihn gar noch in ein Gespräch zu verwickeln, das war dem alten Herrn im höchsten Grade zuwider. Aber es mußte heute eben sein. Damit hatte er sich abzufinden.

Der Herr Rat und der Apotheker Tiefenbrunner wanderten eine Weile schweigend nebeneinander her. Gingen durch die engen Gäßchen, die vom Weißen Hahn auf den Marktplatz führten, und sprachen kein Wort. Das heißt, der Apotheker wartete geduldig auf das, was ihm der Rat zu sagen haben würde. Denn daß es etwas ungewöhnlich Wichtiges sein müsse, das wußte Simon Tiefenbrunner sofort.

Der alte Rat Leonhard hatte aber vorderhand keine Zeit zum Reden. Er mußte sich zuerst damit vertraut machen, daß ein Mensch neben ihm ging, mit dem er sich jetzt zu unterhalten hatte. Daher wanderte der alte Herr schweigend dahin. Die Hände auf dem Rücken und den Kopf in der Höhe, als habe er angelegentlich den Mond zu studieren. Der goß sein mildes Licht auf die hohen, schwarzgrauen Häuser und ließ die dunkeln Scheiben der Fenster ab und zu aufleuchten, als ob dahinter die Geister jener Menschen, die hier in alten Zeiten einmal gehaust hatten, im fahlen Schimmer ihr nächtliches Spiel trieben.

Nachdem der alte Herr mit seinen eingehenden Betrachtungen des Mondes zu Ende war, fing er plötzlichmit der Nase zu schnauben an. Schnaubte und pustete und spuckte um sich, als befände er sich in der höchsten Erstickungsnot. Manchmal unterbrach er diese sonderbare Beschäftigung dadurch, daß er sich plötzlich um seine eigene Achse drehte. Einmal, zweimal und dreimal, wie ein Kreisel. Dabei neigte er stets seinen Kopf auf eine Seite und schielte ganz ingrimmig und erbost zum Mond hinauf, als habe dieser ein Verbrechen begangen, das nun den alten Herrn aus seinem seelischen Gleichgewicht brachte.

Der Apotheker, der an alle Eigenheiten des Herrn Rates gewöhnt war, fand nichts Außerordentliches mehr an diesen Rundtänzen mit Spucken und Hustenanfällen. Dieses Spucken und Hüsteln hielt an, bis die beiden schon ein Stück des Weges über den Marktgraben zurückgelegt hatten.

Da blieb der Herr Rat plötzlich stehen, sah nach rechts und sah nach links, steuerte dann mit dem Aufgebot seiner ganzen Energie hastig auf einen Laternenpfahl los, lehnte sich dort mit dem Rücken an und rieb den Rücken an dem Pfahl aus Leibeskräften. Es mußte den Rat Leonhard offenbar ganz gehörig am Rücken jucken, weil er gar nicht mehr mit Reiben aufhören wollte.

Der Apotheker, der geduldig auf den Rat wartete, bis dieser ihm endlich seine Mitteilungen machen würde, dachte unterdessen mit großer Sehnsucht an sein Heim, das er draußen am Innrain hatte, und überlegte, unter welchem Vorwand er wohl am ehesten dem Herrn Rat entwischen könnte.

Aber es gab kein Entrinnen. Der alte Herr, der jetzt ersichtlich alle einleitenden Zeremonien beendigt hatte, fing nun auf einmal ganz unvermittelt zu reden an. „Sie müssen Ihnen um Ihnere Verwandten besser kümmern!“ sagte er in seiner mürrischen Art. „Der Altwirth, der hat kein Leben nit. Verdient nix undhat nix. Von was soll er denn leben?“ fragte der alte Herr brüsk.

Der kleine Apotheker befand sich wieder einmal in einem Stadium ratlosester Verzweiflung: „Den Felix meinen Sie?“ stotterte er verlegen. „Ja ...“

„Ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Ich weiß schon, ich weiß alles! Ich weiß überhaupt alles!“ unterbrach ihn der alte Herr mürrisch. „Aber ich sag’ Ihnen, daß das mit den Altwirthischen nit so weiter gehen kann. Verstehen’s mich?Kann, hab’ ich g’sagt! Die haben ja bald nix mehr zum Leben!“ Und wiederum blieb der alte Herr stehen und sah so sprühgiftig auf den kleinen Apotheker, als hätte er gute Lust, diesen schon in der nächsten Minute anzufallen und tüchtig zu beuteln, um seiner Empörung einigermaßen Luft zu verschaffen.

„Aber ich bitte, Herr Rat, ich ...“

„Ja, ja, ja!“ unterbrach ihn der alte Herr grimmig. „Alles Entschuldigungen, alles Ausflüchte! Der Maler Altwirth braucht Geld, sag’ ich Ihnen, und das muß er kriegen! Das geht nit, daß man ihn mit Weib und Kind verhungern laßt! Das ist keine Wirtschaft nit!“ Der alte Herr stieß plötzlich seinen grauen Regenschirm, von dem er unzertrennlich war, mit voller Wucht auf das Steinpflaster, daß es klirrte. Und immer wieder stieß er den Schirm gegen das Pflaster und machte dabei ein ganz verbissenes, obstinates Gesicht. „Unerhört ist das da, sag’ ich Ihnen! Hocken auf ihre Geldsäck’ die Leut’ und kümmern sich an Schmarrn um einen Künstler!“ rief der alte Herr aufgebracht.

In seiner furchtbaren Empörung hustete und spuckte der Herr Rat in so grimmiger Weise um sich, daß der Apotheker, so schnell er konnte, einige Schritte nach rückwärts machte, um von diesem Zornausbruch seines Begleiters nicht getroffen zu werden ...

Noch in derselben Nacht weckte der Apotheker seineGattin Therese und berichtete ihr den Vorfall. Frau Therese Tiefenbrunner setzte sich schlaftrunken in ihrem Bette auf. Sie verstand es zuerst gar nicht, was der Simon ihr erzählen wollte. Sie rieb sich die Augen aus, knöpfte ihre Nachtjacke auf und dann wieder zu, machte sich ihre Haare zurecht, die sie unter einer weißen, gehäkelten Haube trug, und schüttelte verständnislos den Kopf. Dann aber hatte sie den Sinn der Rede mit einem Male erfaßt, und ein ehrlicher Zorn bemächtigte sich ihrer.

Das war eine Gemeinheit, eine Unverschämtheit! Zum Rat waren sie gelaufen, der Felix und die Adele, und hatten sich über die Verwandten beklagt. So was! Sicher war es nur die Adele gewesen, das eingebildete Frauenzimmer, das hochnasige! Als ob die nicht zur Tante hätte kommen können und sie bitten. Ein Wort nur hätte genügt! Aber nein, zu stolz, zu eingebildet war sie dazu. Nachrennen sollte man ihr wohl und ihr das Geld noch nachtragen! So eine unverschämte Gemeinheit! Kein Auge konnte die Apothekerin mehr schließen in dieser Nacht vor lauter Wut.

In heller Empörung lief sie gleich am frühen Morgen hinauf zu Felix und Adele und machte ihnen einen fürchterlichen Krach. Es waren harte Worte, die sie den beiden sagte, Worte, die so wehe taten, daß sie mit nichts mehr gut zu machen waren.

Es war das Mundwerk der echten Kothlacknerin, das da zum Vorschein kam. Beide Arme in die Hüften gestemmt und hochrot vor Zorn im Gesicht, so pflanzte sich die Apothekerin vor dem jungen Paar auf und schrie Felix mit lauter Stimme an.

Ganz schrill klang diese sonst so behagliche, fettige Stimme, und rasch und überstürzend kamen die Worte aus dem Munde der Frau Therese Tiefenbrunner ... „Was glabst denn du, ha? Vom Dreck hab’ i di außerzogen, di und dei’ Muatter! Nix hast g’habt! Nix bist! Alles, was du bist und hast, verdankst du mir und mein’ Mann! An Herrn haben wir aus dir g’macht, an Maler, an feinen! Freilich, daß der Herr Neffe nix zu arbeiten braucht! Warst a Schreiber g’worden oder a Schuster oder a Schneider, dös war g’scheiter g’wesen! Da hattest immer an Arbeit g’funden. Oder warst an Apotheker g’worden! Aber natürlich, dös hat ihm nit gepaßt, dem Herrn, dem noblen! Arbeiten, dös ...“

„Hinaus! Auf der Stelle hinaus aus meinem Zimmer!“ rief nun Felix in höchster Erregung. „Ich werf’ dich hinaus, wenn du nicht freiwillig gehst! Ich ...“

„Felix, lieber Felix, ich bitte dich!“ Es war Adele, die sich ins Mittel legte. „Sie meint’s ja nicht so! Schau, sie ist ja nur zornig. Es reut sie ja alles wieder, was sie gesagt hat. Nicht so bös sein. Nicht so bös reden. Es muß ein Mißverständnis vorliegen. Irgendetwas, das ...“

„Gar kein Mißverständnis liegt vor!“ sagte die Apothekerin, die jetzt bedeutend ruhiger geworden war. Die vernünftige Sprache der jungen Frau hatte auch ihr wieder die Besinnung gegeben.

Adele hatte schmeichelnd und wie schützend ihren Arm um den Hals des Gatten gelegt und umschlang ihn nun mit beiden Armen weich und innig, als wollte sie durch ihre warmherzige Güte das bittere Weh dieser Stunde aus seinem Leben bannen.

Mit guten Worten und viel Zureden erreichte sie es auch, daß der endgültige Bruch zwischen Tante und Neffe verhindert wurde ...

Frau Adele hatte sich durch ihre Vermittlung kein besseres Leben eingetauscht. Wohl hatte sie jetzt nicht mehr mit der Not zu kämpfen. Frau Tiefenbrunner sorgte gut und anständig für die Altwirths. Sie gab ihnen alles Geld, das sie zu ihrem Unterhalt brauchten, und sie bestand darauf, daß sie es nahmen.

Es war hart für die Altwirths, diese Gaben von der Apothekerin anzunehmen. Sie fühlten es tief. Es demütigte sie beide, und doch forderte es die Not und der Selbsterhaltungstrieb, daß sie es taten.

„Wir werden es ihr zurückzahlen, wenn wir einmal Geld haben!“ versuchte die junge Frau ihren Gatten zu trösten.

Felix aber schüttelte traurig den Kopf: „Wir werden nie Geld haben, Adele. Gar nie!“ sagte er niedergeschlagen. „Es ist wie ein Fluch, der auf mir lastet.“

Diese tiefe Melancholie wechselte bei Felix mit den Ausbrüchen wildester Verzweiflung. Dann wurde er hart und ungerecht auch gegen Adele. Überhäufte sie mit Vorwürfen und bedachte nicht, daß es gerade ihm nicht zukam, ihr Vorwürfe zu machen.

„Hätte ich doch nie geheiratet!“ fing Felix dann wohl zu klagen an. „Wie frei wäre ich! Könnte herumwandern, ungebunden, nicht gefesselt und gedemütigt, wie ich es jetzt bin. Die Ehe ist nichts für einen Künstler. Sie ist ein Hemmnis und ein Unglück. Ein Künstler muß frei sein! In erster Linie frei! Nur dann, als freier, ungebundener Mann, kann er sich entwickeln, kann schaffen und arbeiten. Und wenn er Not leidet, so darbt er für sich allein. Jetzt habe ich für drei zu sorgen ... für drei zu arbeiten. Eine Fessel ist es, eine Zuchthauskette, die ich durchs Leben schleifen muß!“

In immer größere Wut redete sich Felix hinein. Er war von all dem, was er sagte, überzeugt. Wenigstens für den Augenblick. Wenn diese Verzweiflungsanfälle und der Zorn über sein unverdientes Schicksal verraucht waren, dann war er wieder lieb und gut zu Adele und weich und biegsam wie Wachs.

Die Witwe Altwirth, seine Mutter, hatte ihr Kind genau gekannt. Ihre große Sorge um ihn war nicht unbegründet gewesen. „Ist a guater Bua, aber a schwacherMensch ...“ hatte sie von ihm noch wenige Stunden vor ihrem Tod gesagt. „Er braucht a Leitung, a starke Hand ...“

Adele besaß diese starke Hand nicht. Darin hatte Frau Therese recht. Adele war zu nachgiebig, zu rücksichtsvoll und aufopfernd. Sie vergaß sich selber ihrem Gatten zuliebe. Sein Wille war bestimmend für sie. Jetzt erst sah sie es ein, daß sie damals, als sie ihr kleines, sicheres Heim in München aufgab, um einer unsicheren Existenz entgegenzugehen, den größten Fehler begangen hatte.

Sie hätte nicht nachgeben dürfen. Sie hätte ihrem innersten Gefühl, das sie bleiben hieß, folgen müssen. Hätte mit ruhiger Sicherheit ihren Willen den Plänen ihres Gatten entgegensetzen sollen.

Jetzt, da es zu spät war, reifte in Adele diese Erkenntnis. Jetzt erst, da die graue Sorge die Gatten immer mehr entfremdete, statt sie inniger zueinander zu führen, kam die junge Frau zu der Überzeugung, daß es ein schwerer Irrtum von beiden gewesen war, sich fürs Leben aneinander zu ketten.

Adele war gerecht genug, in all den Vorwürfen, die Felix in seiner Erregung gegen sie schleuderte, auch die Wahrheit zu erfassen. Sie wußte, daß er in vielem recht hatte, und trotzdem sträubte sie sich in tiefster Seele gegen diese Auffassung. Sie war ihm gefolgt, bewußt, als freies, erkennendes Weib. Eine Gefährtin wollte sie ihm sein und war ihm eine Last geworden.

Ihr ganzer Frauenstolz bäumte sich dagegen auf. Fort wollte sie von Innsbruck. Fort mit dem Kind, wieder zurück nach München. Allein sein wollte sie und Felix wieder jene Freiheit geben, nach der er sich sehnte.

Als sie aber einmal davon sprach, da bat er sie so mild und weich: „Geh nicht von mir, Adele! Ich bitte dich. Du bist mir ja das Liebste auf Erden, du und das Kind. Bleibe bei mir! Ich bin ein Narr! Ich weiß,daß ich dir weh getan. Ich will dir nicht weh tun, Adele. Verzeih es!“

Die junge Frau erkannte es immer deutlicher ... sie durfte den Gatten nicht verlassen. Jetzt nicht ... er war haltlos. Wenn sie ihn jetzt aufgab, jetzt nicht zu ihm hielt, dann verlor er die letzte Stütze im Leben ...

So litt Adele schweigend und für sich allein. Aber oft und oft fragte sie sich in den bittern Stunden ihrer seelischen Einsamkeit ... War das die Ehe, ihre Ehe? ... War dieses das Endziel einer großen Liebe, die sie und ihren Gatten als Mann und Weib zusammengeführt hatte ... das Endziel, daß sie schließlich in seelischer Qual einander bekämpfen und aufreiben sollten? ... Kameraden hätten sie werden sollen und waren sich immer mehr zu Gegnern geworden ...

Aber Adele hielt an sich. Sie wollte tapfer sein ... ausharren, so lange es ging. Der Gedanke an ihr Kind und ein starkes Pflichtbewußtsein gab ihr Kraft und Lebensmut. Innerlich jedoch entfremdete sich das Weib in ihr dem Gatten. Sie war keine Kampfnatur. Sie liebte den Frieden um des Friedens willen. Sie stritt und kämpfte nicht mit Felix; aber alles Unrecht, das er ihr in seinen quälenden Vorwürfen antat, traf sie mit überwältigender Macht und Wucht, zerstörte die starke Liebe, die sie zu dem Manne fühlte, und zehrte an ihrem Lebensmark.

Felix merkte die innere Wandlung nicht, die sich mit der jungen Frau vollzog. Und hätte er sie gesehen, so hätte er sie nicht richtig zu deuten gewußt. Er besaß den Egoismus des Künstlers, jene Art, die keinem andern Menschen außer sich selber das Recht zugesteht, seelische Stimmungen zu haben und diesen nachzuhängen.

Und je deutlicher dieser selbstische Zug bei Felix zum Vorschein kam, desto fremder wurde er der Seele seines Weibes. Ihre ganze Kraft nahm sie zusammen, umdem Manne noch dasjenige zu sein, was sie ihm ehrlich sein konnte ... ein guter und treuer Kamerad.

Sie stand für Felix ein und verteidigte ihn gegen alle hämischen Angriffe der Tante, die immer mehr an ihm auszusetzen und zu bemängeln fand. Und unerschütterlich und fest glaubte Adele an die hohe Künstlerschaft ihres Gatten. Ein fast heiliger Glaube war es, der sie erfüllte. Der Glaube, daß trotz aller Not das Große in ihm, seine Kunst, sich unfehlbar Bahn brechen müsse.

Dieser unerschütterliche, feste Glaube an die Kunst ihres Mannes war es auch, der Adele einmal so weit brachte, daß sie in hoher Empörung Frau Tiefenbrunner die Tür wies. Stolz und aufrecht hieß sie die Apothekerin nie mehr wieder kommen, nie mehr im Leben die Schwelle ihres Hauses betreten.

Adele Altwirth wußte genau, was sie tat. Sie wußte, daß sie sich und die Ihren nun endgültig einem bitteren, ungewissen Schicksal ausgeliefert hatte. Sie wußte, daß die Not nun lauerte, düster und grausam ...

Schlussvignette, Kapitel 11


Back to IndexNext