Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Felix Altwirth war ein richtiger Künstler geworden. „Einer von die ganz G’scheiten, wissen’s ...“ wie sich die Apothekerin auszudrücken pflegte, wenn man sich bei ihr nach dem Neffen erkundigte. Sie sprach jetzt gern und mit Stolz von Felix und machte sich mit Vorliebe wichtig, wenn sie ihre Kenntnisse in künstlerischen Angelegenheiten auskramte. Ihre Stimme hatte dann jedesmal einen ganz besonders tiefen und speckigen Klang. Das kam von der inneren Selbstzufriedenheit, die Frau Therese Tiefenbrunner empfand. Sie bildete sich ordentlich etwas ein auf ihren Neffen.

Seit ihre Schwester drüben in der Kothlacken so plötzlich gestorben war, fühlte Frau Therese Tiefenbrunner sich verpflichtet, Mutterstelle an Felix zu vertreten. Das hatte sie ihm auch gleich gesagt, als er damals nach dem Tode seiner Mutter zu kurzem Besuch gekommen war.

Es war schnell gegangen mit der Witwe Altwirth. Eine heftige Lungenentzündung hatte die robuste Frau aufs Krankenlager geworfen, und der Tod hatte brutal sein Opfer gefordert. Es war ein Ende, wie es sich die einfache Frau stets gewünscht hatte. Ohne viel Aufhebens, ohne lange Qual, rasch und gut.

Die Witwe Altwirth hatte ihren Sohn nicht mehr gesehen. Sie erlebte auch das Ende seiner künstlerischen Studien nicht mehr. Die Berichte, die sie von ihm erhielt, waren ja immer günstig. Es ginge vorwärts mit seiner Kunst, schrieb er, nur noch kurze Zeit, dann würde er selbständig sein. Diese kurze Zeit hatte Frau Susanne Altwirth nicht mehr abwarten dürfen.

Es war eine stete Sorge um das Schicksal des Sohnes, die insgeheim an der Frau zehrte. Und ohne bange Sorgen um die Zukunft ihres einzigen Kindes war sie auch nicht gestorben. In den Stunden, die ihrem Todeskampfvorangingen, hatte sie ihre Schwester zu sich rufen lassen und Frau Therese ihre Seelenangst gebeichtet.

Angesichts des Todes löste sich die starre Zurückhaltung, die sie immer gewahrt hatte, und schwand auch die letzte Spur eines Mißverständnisses, das die Schwestern je im Leben getrennt hatte. Susanne Altwirth wußte, daß sie in ihrer Schwester den einzigen Menschen auf Erden besaß, auf den sie sich verlassen konnte.

Es war erschütternd, wie das knochige, hagere Weib sich mühsam in ihrem bescheidenen Bette aufrichtete und bittend ihre schwieligen Arbeitshände faltete, als Frau Therese Tiefenbrunner in die Stube trat.

„Gelt, Thres,“ sagte sie flehend, und ihr Atem keuchte, „versprich mir’s, daß du mir’n nie verlaßt, den Felix. Nie ... verstehst!“ Angstvoll sahen die fieberglühenden Augen der Todkranken auf die Schwester. „Weißt, i muß dir’s sagen, bevor i sterb’. Es laßt mir koa Ruh nit. Der Felix ist wie sein Vater. Hat koan Halt nit im Leben und braucht a Führung und a Leitung. Mi hat ja nur der Tod vor viel Unglück beschützt. I hab’ mir’s oft denkt, aber zugeben hab’ i’s nit wollen, woaßt wohl! Aber jetzt bekenn’ i’s. I bin glücklich g’wesen mit mein’ Mann, recht glücklich! Aber i hab’s g’wußt, es war nur deswegen, weil der Tod uns rechtzeitig getrennt hat. Oft hab’ i’s kommen sehen, wie’s werden könnt’, wenn der Mann koan Halt und koa Einsicht hat.“

Ermattet von der gewaltsamen Anstrengung und inneren Erregung ließ die Kranke sich in ihre Kissen sinken. Mit ruhiger, leichter Hand fuhr Frau Therese ihrer Schwester über die glühendheiße Stirn und sprach mit guten, tröstenden Worten auf sie ein.

Die Witwe Altwirth nahm ihre ganze Kraft zusammen, um noch sprechen zu können. Sie mußte die bange Sorge noch los werden, die schwer auf ihr lastete ...„Der Felix braucht a Leitung, a starke Hand ...“ fuhr sie fort. „Ist a guater Bua, aber a schwacher Mensch. I sorg’ mi oft um ihn, Tag und Nacht, und kann oft nit schlafen vor Angst. I weiß nit, was noch aus ihm werden soll. I hab’ dir’s nur nie sagen wollen ... aber i begreif’s nit, was er will.“

Und in ihrer Herzensangst um den Sohn, und weil sie in ihrer einfachen Weise nicht imstande war, ihre Sorge eingehend zu erklären, fing sie bitterlich zu weinen an. — — —

Frau Therese Tiefenbrunner hielt ehrlich, was sie der toten Schwester versprochen hatte. Sie sorgte für Felix und ließ ihm nichts abgehen. Schickte ihm Geld und Kleider und Wäsche, und flickte und schaffte für ihn, als wäre er ihr eigenes Kind gewesen. Sie ließ es in ihren Briefen an ihn auch nicht an guten Ermahnungen und Ratschlägen fehlen. Dazu hielt sie sich geradezu für verpflichtet und betrachtete es als ihre heiligste Aufgabe, den jungen Mann auf den Ernst des Lebens und auf die Pflicht des Sparens hinzuweisen.

Diese heilsamen Ermahnungen der Tante bewirkten dann immer, daß Felix den Zeitpunkt herbeisehnte, wo er als freier, unabhängiger Mann vor seine Verwandten hintreten würde, als ein Mann, der etwas erreicht hatte im Leben.

Allzu lange brauchte Felix nicht zu warten auf die Erfüllung seines Wunsches. Der junge, talentvolle Künstler hatte Glück mit seinen Arbeiten. Es gelang ihm, seine Bilder in den Münchener Kunstsalons zur Ausstellung zu bringen und auch einzelne von ihnen zu verkaufen. In verhältnismäßig kurzer Zeit hatte er sich einen ganz geachteten Namen erworben.

Felix Altwirth schrieb selten an seine Tante. Und wenn er schrieb, so waren seine Briefe trocken und formell. Trotz aller Dankbarkeit, die er empfand, wolltekein herzliches Gefühl gegen Frau Therese in ihm aufkommen. Dazu hatten ihn ihre plumpen Ermahnungen, die ihm stets als Vorwürfe erschienen, innerlich zu sehr erbittert.

Auf Frau Therese Tiefenbrunner machten jedoch gerade diese einfachen, sachlichen Briefe einen gewaltigen Eindruck. Sie imponierten ihr, weil sie sich den Ton dieser Briefe nicht zurechtzulegen verstand. Und als Felix eines Tages schrieb, er sei nun in der Lage, allein für sich zu sorgen, und er sei dem Onkel und seiner Tante recht herzlich dankbar für alles, was sie für ihn getan hätten, und was dergleichen schöne Redensarten noch mehr waren ... da war die Apothekerin so glücklich und stolz auf ihren Buben, wie sie ihn jetzt stets zu nennen pflegte, daß sie schnurstracks zur Post lief und eine ansehnliche Geldanweisung nach München sandte. Als Glückwunschgabe für seine großen Erfolge, schrieb sie dazu mit klobigen, ungelenken Buchstaben.

Es waren etliche hundert Kronen. Und Felix Altwirth, der es schon gelernt hatte, Künstlerlos und Künsterschicksal als ein wankelmütiges Ding zu betrachten, legte sich das hübsche Geschenk der Tante als einen Notpfennig beiseite.

Felix Altwirth war jetzt ein glücklicher und zufriedener Mann geworden. Ganz glücklich, seit er sich ein kleines, bescheidenes Heim gegründet hatte, in dem die stille, feinsinnige Adele als seine Frau waltete.

Draußen im Isartal, auf einem der einsamen Wege hatten sich die beiden jungen Menschenkinder kennen und lieben gelernt.

So oft er nur konnte, wanderte der junge Maler ins Isartal. Es war nicht allein die herrliche, farbenprächtige Natur, die ihn allmächtig hinauslockte, sondern auch eine namenlose Sehnsucht nach den Bergen. Es waren die Tiroler Berge, die ihn aus der Ferne unwiderstehlichanzogen. Er wußte es ja, daß er sie nicht erblicken konnte, aber es genügte ihm schon, daß er in dem leichten, blauen Nebeldunst überhaupt Berge sah ... Berge, die seiner geliebten Heimat so nahe und verwandt waren.

Nach jeder solchen stillen Wanderung ins Isartal kehrte Felix neu gestärkt und erfrischt in die Großstadt zurück. Die Natur da draußen hatte ihn seiner Heimat näher gebracht, hatte ihm Kraft verliehen zu neuem Schaffen.

Der junge Maler hätte es nie geglaubt, daß er jemals mit so heißer Liebe und Sehnsucht nach seiner Vaterstadt zurückverlangen würde, als das jetzt in immer stärkerem Grade bei ihm der Fall war. Alles Üble, was er dort erlebt hatte, war gedämpft oder ganz erloschen in seiner Erinnerung. Er fing jetzt an, sich nach Innsbruck zu sehnen, mit der gleichen brennenden Begierde, wie er einstmals von dort fortgestrebt hatte.

Zwei Jahre war Felix Altwirth nun mit Adele verheiratet. Und ein kleines, blondlockiges Mädel machte just die ersten drolligen Gehversuche und übte sich mühsam und mit wichtigem Gesichtchen, um die Kunst des Redens zu erlernen.

In Schwabing, dem Eldorado aller jungen Künstler und Künstlerinnen, hatte das junge Paar sein Heim aufgeschlagen. Eigentlich gehörte Frau Adele auch der Gilde der Schwabinger an. Sie war eine Beamtentochter aus einer größeren Stadt in Mitteldeutschland und früh verwaist. In München hatte sie Musik studiert und die Prüfung als Klavierlehrerin mit gutem Erfolg bestanden.

Adele hatte es frühzeitig lernen müssen, sich zu behaupten. Und in strenger Selbstzucht hatte sie sich stets von allen lockern Sitten des Künstlervölkleins, das sie umgab, fern zu halten gewußt. Als Felix sie kennen lernte, war sie ein reifes Mädchen von fünfundzwanzig Jahren und schon einige Jahre als Klavierlehrerin tätig.Auch in ihrer Ehe wollte sie nicht darauf verzichten, ihren Teil zur Aufrechterhaltung des Hausstandes beizutragen.

So war das Leben des jungen Paares ein zwar bescheidenes, aber ein immerhin behagliches geworden. Felix konnte sich ganz seinen künstlerischen Neigungen widmen. Er brauchte nicht zu malen um des lieben Brotes willen, da ja Frau Adele zum großen Teil die Sorgen für den Haushalt übernommen hatte.

Felix Altwirth hatte all dieses seiner Tante nach Innsbruck geschrieben. Seine Briefe waren, seit er das Glück genoß, von einer feinen und gebildeten Frau liebend umsorgt zu sein, viel heiterer und ausführlicher geworden. Er hatte es gelernt, milder und gerechter zu urteilen, und hatte es sogar so weit gebracht, seine Verwandten zu sich nach München einzuladen.

Daß sich die beiden alten Leute zu diesem Unternehmen wirklich entschließen würden, daran war natürlich nicht zu denken. Sie nahmen es sich zwar stets vor, entwickelten eingehend und umständlich ihre Reisepläne bis in jede Kleinigkeit und verschoben die Ausführung von Monat zu Monat.

Und einmal, da schrieb der Felix, daß er es nicht mehr aushalten könne in der Großstadt. Das Heimweh habe ihn gepackt mit solcher Macht, daß es seine ganze Schaffenslust zu untergraben drohe. Er müsse fort, hinein nach Tirol mit Weib und Kind. Dort in seinen heimatlichen Bergen werde er allein die Kraft finden können, das Höchste in seiner Kunst zu erreichen.

Es sei ihm nicht bange vor der Zukunft. Nachdem es ihm in München unter viel schwierigeren Umständen gelungen wäre, sich einen angesehenen Namen zu gründen, so zweifle er nicht daran, daß er auch in seiner Vaterstadt sein Glück und sein Fortkommen finden werde. Er hoffe sogar, daß es ihm vergönnt sein möge, Großes auf demGebiete der Kunst nicht nur für sich, sondern auch für die Stadt zu leisten.

Die Kunst müsse hoch kommen in seiner Heimat. Es fehle nicht an Künstlern und Leistungen, aber an dem Zusammenhalt der einzelnen. Die feste, energische Leitung fehle, das einheitliche Zusammenarbeiten aller, um das Ansehen Innsbrucks auch als Kunststadt im ganzen Reich zu Ehren zu bringen.

Er, Felix Altwirth, fühle in sich die Kraft, diese Ideale zu verwirklichen. Er fühle sich dazu berufen, die künstlerische Führung zu übernehmen. Er gedenke, alle Künstler Tirols um sich zu scharen und einen Kunsttempel zu gründen, der vorbildlich werden solle im engern Heimatlande und im ganzen Reich.

Frau Therese Tiefenbrunner verstand nicht viel von den Zielen und Absichten des jungen Künstlers. Aber sie machte doch ein sehr gescheites Gesicht, während sie den Brief las. Schon deshalb, weil sie jetzt überhaupt große Stücke auf ihren Neffen hielt. Sie war überzeugt davon, daß alles das, was er schrieb, auch richtig sein müsse und ausgeführt zu werden verdiene.

Felix lebte ja nun in München. In der Großstadt hatte er es sicher gelernt, wie man das, was er da sagte, ins Werk setzen mußte. Und eine Frau hatte er auch, die was von Kunst verstand. So würde es schon recht werden. Für Frau Therese Tiefenbrunner bedeuteten die künstlerischen Ideale und Phantasien ihres Neffen ungefähr so viel, als ginge dieser mit dem Plane um, irgendein neues Geschäft in Innsbruck zu errichten.

Mit einer beinahe herablassenden Handbewegung übergab die Apothekerin ihrem Gatten den Brief ihres Neffen. „Da tu das einmal lesen, Simon!“ sagte sie in ihrer langsamen, singenden Tonart. „Und dann bringst den Brief heut’ auf die Nacht dem Herrn Patscheider. Der soll ihn nur auch lesen. Das schadet ihm gar nicht, wenner sieht, daß andere Leute auch noch Einfälle und Ideen haben tun, nicht nur er alleinig. Und den Doktor Rapp kannst es auch lesen lassen. So etwas muß man nämlich unterstützen, was die Kunst anbetrifft. Das kannst ihnen sagen, Simon. Nit wahr, du verstehst mi schon, Alter?“ sagte sie freundlich und fuhr ihm dabei streichelnd über den jetzt schon stark ergrauten Kopf ...

Beinahe zehn Jahre waren vergangen, seitdem der Apotheker jene denkwürdige Unterredung mit Felix Altwirth gehabt hatte, die dem jungen Mann die Künstlerlaufbahn sicherte. Zehn Jahre ... Die Menschen altern rasch in kleinen Städten. Die Zeit war nicht spurlos an Simon Tiefenbrunner vorüber gegangen. Er war alt und gebeugt geworden, als hätte er eine schwere Sorgenlast im Leben zu tragen gehabt.

Herr Tiefenbrunner sah gar nicht darnach aus, als ob er viel von dem Auftrag seiner Gattin verstünde. Aber er nickte zustimmend und brachte auch abends gehorsamst den Brief von Felix zur Vorlesung beim Stammtisch im Weißen Hahn. Der Apotheker Tiefenbrunner las ihn lieber gleich selber vor, damit sie’s alle hörten und ihre Meinungen darüber abgeben konnten.

Der Rat Leonhard hatte sich gerade über sein Beuschel mit Tiroler Knödeln hergemacht, um es sich mit gebührender Andacht zu Gemüte zu führen. Wenn der Herr Rat beim Essen war, dann liebte er es gar nicht gestört zu werden. Als daher der Apotheker mit viel Umständlichkeit den Brief des jungen Künstlers entfaltete und sich seinen Zwicker mit dem blühweißen Taschentuch reinigte, um dann mit wichtiger Miene darüber hinwegzusehen, traf ihn ein bitterböser Blick des alten Herrn.

Der Herr Rat zog mit einem unsagbar verdrießlichen Ausdruck seines Mopsgesichtes sein Taschenmesser hervor, befühlte die Schneide desselben, ob sie wohl scharf genug sei, und sah dabei so grimmig aus, als wäre er am liebstendem Apotheker zu Leibe gegangen. Dann ließ er sich einen Wecken Brot bringen, schnitt ein großes Stück davon herunter, beroch es, legte es hin und führte darauf den ganzen Wecken an seine Nase, offenbar, um sich von der Güte und Frische des Roggenbrotes zu überzeugen.

Simon Tiefenbrunner, der Apotheker, war von seiner Mission so erfüllt, daß er gar nicht auf den alten Herrn achtete, sondern zu sprechen begann. Langsam und bedächtig ...: „Ich hab’ da eine Zuschrift bekommen, meine Herren,“ fing Simon Tiefenbrunner seine Rede an, „die mir nicht ohne Wichtigkeit zu sein scheint. Sie ist von meinem Neffen, dem Felix Altwirth, den Sie ja alle kennen.“

„Ah so, der Felix!“ machte der Rechtsanwalt erfreut. „Laßt der auch wieder einmal was von sich hören.“

„Was will er denn?“ frug der Kaufmann Patscheider mit leisem Mißtrauen.

„Das werden Sie gleich hören, meine Herren!“ fuhr der Apotheker fort. „Ich will Ihnen den Brief gleich vorlesen.“

„Alsdann los mit der G’schicht’!“ forderte ihn der Doktor Rapp lustig auf, lehnte sich mit dem Rücken bequem in seinen Stuhl zurück und legte die beiden Arme gerade ausgestreckt auf den Tisch vor sich hin. „Also los! Dann wollen wir’s angehen!“ sagte er mit frischer, munterer Stimme.

„Muß das jetzt gleich sein?“ ließ sich da der Herr Rat vernehmen. „Ich möcht’ meine Knödel essen!“ sagte er brummig.

„Das können’s ja, wenn Sie wollen!“ meinte Patscheider. „Die werden nit kalt vom Vorlesen!“

Da die Herren von der Tischgesellschaft alle zu lachen anfingen, mußte sich der Herr Rat wohl oder übel fügen. Man sah es ihm aber an, wie unlieb ihm diese Störung war. Beim Essen wünschte der Herr Rat unbedingt inRuhe gelassen zu werden. Er hatte dann für nichts auf der Welt Auge und Sinn als für die Schüsseln, die vor ihm standen. Sein ganzes Sein war dann hingebungsvolles Erwarten und völliges Aufgehen in diesem, alles andere in den Schatten stellenden leiblichen Genusse.

Sogar die Nase hatte ihren ganz hervorragenden Anteil bei den Mahlzeiten des Herrn Rates und entfaltete eine rege Tätigkeit. Von Zeit zu Zeit führte der Rat Leonhard seinen Gesichtsvorsprung ganz zu dem Teller herab und beschnupperte sorgfältig das Gericht, das vor ihm aufgetischt war. Er befühlte mit den Spitzen seiner knochigen Finger liebevoll und zärtlich die Speisen, beroch die Finger und erhöhte diesen raffinierten Genuß seines Geruchsinnes noch dadurch, daß er von Zeit zu Zeit die ganze Schüssel mit beiden Händen ergriff und sie in enge Fühlung mit seiner Nase brachte.

Während er auf diese Weise den Inhalt der Schüssel sorgfältig prüfend besichtigen und beriechen konnte, kaute er eifrigst und unaufhörlich darauf los. Dabei sperrte er seine Kiefer möglichst weit auseinander, schmatzte, schnaubte wie eine Dampfmaschine und zog gleichzeitig den feinen Duft der Speise ein.

Die Wirtin, die stets jede Miene des alten Herrn mit einiger Angst beobachtete, wußte es dann jedesmal, wenn der Herr Rat wiederholt die Schüssel an seine Nase geführt hatte, daß der alte Herr mit dem Gericht auch zufrieden war und daß es seinen ungeteilten Beifall gefunden hatte.

Das Lesen des Briefes verursachte dem Herrn Rat entschieden Mißbehagen. Er wollte nicht darauf achten und hörte trotzdem zu. Es machte ihn schon nervös, daß überhaupt an seine geistigen Fähigkeiten andere Anforderungen gestellt wurden, als jene der tiefsten Versunkenheit bei der Einverleibung von Speise und Trank in seinen Magen.

Da es dem Herrn Rat nicht gelungen war, die Verschiebung der Vorlesung auf einen spätern Zeitpunkt zu erreichen, so beeilte er sich, mit seiner Mahlzeit so rasch als möglich fertig zu werden. Er aß daher das Beuschel mit Knödeln so hastig und mit so viel Aufwand von Energie und Lärm, daß seine Tischgenossen, die sich im Laufe der Jahre an seine Unarten doch schon einigermaßen gewöhnt hatten, jetzt trotzdem stutzig wurden.

Sie beobachteten ihn unwillkürlich, wie er sich zuerst große Stücke Brotes mit seinem Taschenmesser in das Beuschel schnitt, dann die Gabel in die rechte Hand nahm und Brot und Knödel in dem Beuschel durcheinander arbeitete, als habe er ein großes Fuder Heu vor sich, das er schleunigst abladen müsse. Dabei schnob der alte Herr ordentlich vor Anstrengung und kaute mit so starkem Verbrauch von Kraft und Geräusch, daß er einem förmlich hätte erbarmen können.

Immer wieder schob er neue Ladungen in seinen Mund hinein, und das geschah in so rascher Aufeinanderfolge, daß die dünnen Backen des Herrn Rats hoch geschwollen aussahen und es fast unerklärlich schien, wie er stets wieder Platz für neue Zufuhr in seinem Munde fand.

Die Wirtin hatte einen Augenblick lang ernstlich Angst, der Herr Rat könne durch einen plötzlichen Hustenreiz ersticken. Und so entsetzt war Frau Maria Buchmayr über die rasende Freßgier des Herrn Rates, daß sie ein über das andere Mal besorgt den Kopf schüttelte und leise vor sich hinmurmelte: „Naa, in Gottsnamen ... in Gottsnamen, daß es grad möglich ist!“

Der Herr Rat hörte aber gar nicht auf sie. Er hatte alles zu tun, um seine volle Aufmerksamkeit nach dem Genuß seiner Knödel auf die nun lebhaft gewordene Unterhaltung zu richten. Jetzt, da er mit dem Essenfertig war, schob er den leeren Teller mit einer beinahe großartigen Gebärde weit von sich fort, rieb sich energisch mit der Serviette den Mund und Bart ab, zerknüllte sie und warf sie achtlos neben den Teller. Die Serviette sah aus wie ein schwer mißhandeltes Lebewesen, dem man aus Zorn wegen seiner eigentlich überflüssigen Dienste den Garaus gemacht hat.

Zwischen der eingenommenen Mahlzeit und dem Rauchen pflegte der Herr Rat sich einer Erholungspause hinzugeben. Diese füllte er damit aus, daß er sein Taschenmesser hervorzog, es sorgfältig an dem Tischtuch reinigte und sich dann mit einiger Umständlichkeit damit die Nägel putzte. Diesen feinsinnigen Abschluß seiner Mahlzeit nahm der alte Herr auch jetzt vor. Während er anscheinend ganz seinem Reinlichkeitsbedürfnis huldigte und auf nichts achtete, was um ihn vorging, hörte er doch in Wirklichkeit auf jedes Wort, und es entging ihm auch nicht die kleinste Rede.

„Das ist doch großartig, so ein Einfall!“ lobte der Apotheker Tiefenbrunner, indem er den Brief wieder sorgfältig in seine linke Brusttasche steckte. „Was sagen’s jetzt da dazu, Herr Patscheider?“ Fast ängstlich sah der kleine Mann auf den Kaufmann, der an seiner Seite saß.

Patscheider füllte sich zuerst sein Weinglas nach, tat einen tüchtigen Schluck daraus, schenkte sich wieder ein und erklärte dann mit lauter, fester Stimme: „Ich sag’, das ist ein Blödsinn!“

„Wieso ein Blödsinn?“ frug der Apotheker bestürzt. „Die Kunst und ein Blödsinn!“

„Nein, nit die Kunst, aber der Brief von Felix Altwirth. Das ist alles für die Katz’, was er da schreibt!“ sagte der Kaufmann bestimmt.

„Ja ... aber ...“ entgegnete der Apotheker hilflos.

„Schreiben’s dem Felix, er soll bleiben, wo er ist!“ fuhr der Patscheider in entschiedenem Tone fort. „Wenner in München ein G’schäft macht, nacher ist’s gut. Bei uns da macht er doch kein G’schäft. Das kann ich ihm schon zuerst sagen.“

Den Doktor Rapp trieb es wieder, den Patscheider zu hänseln. „Also Sie täten ihm kein Bild abkaufen, Herr Patscheider, nit wahr?“ frug er anzüglich.

„Etwa Sie?“ versetzte der Patscheider trocken.

Nun mußten sie alle lachen am Stammtisch. Es war allgemein bekannt ... so tüchtig Doktor Rapp als Rechtsanwalt in jeder Hinsicht war, so wenig Zeit und Sinn hatte er für die Kunst. Im Theater war er nur höchst selten zu sehen, und eigentlich nur dann, wenn er aus Rücksichten der Repräsentation hineingehen mußte. Von der bildenden Kunst verstand er überhaupt nichts und machte auch kein Hehl daraus. Seine einzige Lektüre waren die politischen Tageszeitungen und die Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Rechtspflege.

Literatur und Kunst waren nach der Meinung des Advokaten Doktor Valentin Rapp höchst überflüssige Dinge, mit denen sich Männer gar nicht abgeben dürften. Die boshafte Gegenfrage des Kaufmanns war daher sehr treffend und zeigte, wie genau der Patscheider seinen Gegner kannte.

Aber Doktor Rapp wußte sich zu helfen. Er parierte geschickt den Hieb, den ihm der Patscheider versetzen wollte, und sagte mit drolligem Humor: „O ja, ich schon ... Ich tät’ mir den Herrn Patscheider porträtieren lassen, und tät’ mir ihn übern Schreibtisch aufhängen, damit ich ihn nit vergess’.“

Ein allgemeines schallendes Gelächter war die Antwort. Sogar der Patscheider mußte über den Einfall lachen und verzichtete darauf, den Gekränkten zu spielen, wie er es sonst bei solchen Redensarten zu tun pflegte.

Die Herren am Stammtisch beim Weißen Hahn unterhielten sich noch lange über Felix Altwirth und seinePläne. Der Professor Haidacher meinte, daß er für seinen Teil schon dafür wäre, die Angelegenheit einmal näher zu erörtern. Der Herr Professor war ein älterer Mann. Groß, glatt rasiert und ziemlich korpulent. Er war für gewöhnlich ein sehr schweigsamer Gast und hörte gleich dem Herrn Rat lieber zu, wenn die andern sprachen.

„Da gibt’s gar nichts zu erörtern!“ fiel ihm Herr Patscheider energisch ins Wort. „So was ist ein Blödsinn, und damit basta! Der Felix Altwirth soll bleiben, wo er ist!“ entschied er.

„Jetzt hören’s mir aber auf, Herr Patscheider!“ sagte da der Doktor Rapp in bestimmtem Tone. „Das geht denn doch zu weit! Wie kommen denn Sie überhaupt dazu, einem Innsbrucker Künstler seinen Heimatsort zu verbieten? Das geht doch Sie gar nichts an, wenn der Maler Altwirth daher kommen will. Das ist seine Sach’. Eine rein persönliche Angelegenheit!“ Doktor Rapp betonte jedes Wort ausdrücklich, als spräche er vor einem hohen Gerichtshof.

„Aber das ist unsre Sach’, die mit dem Kunsttempel!“ widersprach der Patscheider hitzig. „Zügeln’s ihn nur her, Ihneren Maler, dann ...“

„Aber meine Herrn, meine Herrn!“ beschwichtigte der Apotheker ängstlich. „Nur keine Aufregung! Nur keine Aufregung!“

Der Direktor Robler, ein großer, knochiger Mann mit schönem, weißem Haar und Bart, einer goldumränderten Brille und dickem Hals, der durch den niedern Umlegkragen ganz besonders voll zur Geltung kam, meinte in ruhigem, überlegenem Ton: „Ja, so fangt’s doch nit zu streiten an! Es wird ja schon bald ungemütlich!“

„Und überhaupt bin ich der Ansicht,“ ergriff jetzt der Baurat Goldrainer das Wort, „daß es immerhin alseine Auszeichnung für eine Stadt aufzufassen ist, wenn sich ein Künstler in ihr niederlassen will.“

„Ganz meine Ansicht! Ganz meine Ansicht!“ pflichtete ihm der Professor Haidacher bei. Die beiden Herren erhoben ihre Gläser und nickten sich gegenseitig Beifall zu.

Patscheider machte eine geringschätzige Handbewegung und sagte: „Das kennen wir schon. Auszeichnung hin oder her. Ihr werdet’s alle noch an meine Worte denken. So wird’s kommen und nit anders. Wenn der Altwirth da ist, dann haben wir einen Raunzer mehr in der Stadt. Da hätten wir alle Augenblick’ wen neuen, dem was eing’fallen ist. Das kennen wir schon! Tut’s ihn nur her, euern Maler! Nacher könnt’s schauen, wie’s ihn wieder loskriegt’s!“ sagte der Patscheider und machte ein Gesicht und eine Bewegung mit der Hand, die andeuten sollten, daß er den Fall für erledigt betrachte.

Die Herren waren alle etwas nachdenklich geworden. Später dann fing der Doktor Rapp an, die Wirtin zu necken wegen des neuen Fasses Wein, von dem sie heute am Stammtisch die Kostprobe erhalten hatten.

„Wie viel Liter Wasser haben’s denn nachgossen, Frau Buchmayr?“ frug er und hielt sein Glas gegen das Licht, um die Farbe zu prüfen.

„Naa, aber Herr Doktor!“ wehrte die Wirtin lachend. „Für Ihnen werd’ i extra den Wein wässern lassen!“

„A Sauremus ist’s!“ konstatierte der Advokat und schnalzte mit der Zunge. „Da muß Salz oder sonst ein Teufelszeug drin sein! Schlecht ist er!“ meinte er mit neckischem Ernst.

Die Wirtin wußte es schon, wie hoch sie die Frozzeleien des Rechtsanwalts zu bewerten hatte. Es verging kein Abend, an dem der Doktor Rapp nicht einen neuen Grund zu fröhlicher Nörgelei gefunden hätte.

„Ja, aber, um wieder auf den Felix Altwirth zurückzukommen,“ begann der Direktor Robler dann nach langer Pause neuerdings. „Das mit dem Kunsttempel, das will mir auch nicht ganz einleuchten. Das ist doch eigentlich eine öffentliche Angelegenheit, über die noch ganz andere Faktoren zu entscheiden haben. Nicht wahr, Herr Tiefenbrunner?“

„Das stellt sich der Herr Altwirth recht einfach vor!“ sagte der Baurat Goldrainer, „das ist aber gar nicht so einfach. Nicht wahr, meine Herrn?“

„Freilich, freilich!“ beeilte sich der Apotheker beizustimmen.

Es reute ihn schon längst, daß er den Brief seines Neffen überhaupt hier öffentlich vorgelesen hatte. Das war nicht diplomatisch gewesen. Gar nicht. Er hätte die Herren doch kennen müssen und hätte es wissen sollen, daß sie in der Sache doch leicht ein Haar finden konnten, um sich gegenseitig zu befehden. Er hätte einen jeden einzelnen von ihnen vornehmen sollen, um mit ihm über die Angelegenheit zu sprechen. Das wäre das einzig Richtige gewesen.

„Und überhaupt, meine Herrn,“ sagte der Apotheker, „ist’s ja bis dorthin noch lange hin. Zuerst muß ja der Felix herkommen und sehen, wie’s ihm da g’fallt. Dann kann man über das andere reden. Nit früher.“

Der alte Rat Leonhard, der jetzt schon längst wieder seine Pfeife rauchte, legte seinen kleinen, grauen Kopf leicht zur Seite, klemmte die Pfeife fest zwischen die Zähne, zog die Nase empor, so daß sich auf ihr viele kleine Falten bildeten, und erhob warnend den Zeigefinger seiner magern, runzligen Hand ... „Es wird ihm nit g’fallen da, dem Felix. Es ist nit ’s Richtige bei uns da herinnen. Wir vertragen so was nit. So was ... was außerhalb von uns liegt, das geht unsgegen den Strich. Das wollen wir nit. Und das tut auch kein Gut nit, wenn’s zu uns hereinkommt! Schreiben’s das dem Felix, Herr Apotheker!“

Der alte Herr erhob seine beiden Hände nach rechts und nach links, mit den Handflächen nach auswärts wie ein Prediger, nickte bekräftigend mit dem Kopf und meinte dann noch einmal in eindringlichem Ton: „Ich hab’s g’sagt! Ich hab’s g’sagt!“

Schlussvignette, Kapitel 9


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