Siebentes Kapitel.
Es geschah nicht oft, daß die Herren von der Stammtischgesellschaft beim Weißen Hahn ihre Damen mitbrachten. So alle heilige Zeiten einmal kam es vor. Aber dann ging’s auch jedesmal hoch her. Da wurde geplaudert, gelacht und gesungen, und die Sitzungen waren ausdauernder, als wenn die Herren unter sich blieben.
Wenn so ein Weiblein einmal etwas Gutes genießt, dann will sie es auch bis zur Neige auskosten. Das war gewöhnlich der Schluß der philosophischen Betrachtungen, die der Herr Rat Leonhard immer und immer wieder anstellte und durch die er die Notwendigkeit solcher weiblicher Heimsuchungen zu ergründen bestrebt war. Dieser Schluß war für ihn eine Art Selbstberuhigung. Besonders dann, wenn er in lauten Selbstgesprächen, die er auf der Straße mit sich führte, sich diesen Schluß stets von neuem wieder vorsagte und sich damit zu trösten suchte.
Für den Herrn Rat waren die Damenabende eine große Geduldprobe. Mit geheimer Angst sah er jedesmal einen solchen Abend herannahen. Er ertrug ihn als eine ihm vom Schicksal auferlegte Prüfung. Obwohl er diese Prüfung als im höchsten Grade unverdient erachtete, wußte er sie doch mit Anstand und Würde zu tragen. Der Anstand und die Würde, die der Herr Rat bei solchen Gelegenheiten zur Schau trug, waren allerdings etwas eigentümlicher Art. Alles, was er zur Verschönerung seines äußeren Menschen tat, beschränkte sich darauf, daß er sich nebst einem weißen Hemd einen steifen Kragen anlegte, einen breiten, niedern Umlegkragen, und dazu eine helle, möglichst geschmacklose Krawatte, die ihm selber aber außerordentlich gefiel.
Im gewöhnlichen Leben war der Herr Rat stets mit einem bunten oder auch dunkelfarbigen Flanellhemd bekleidet,dessen weicher Kragen ihn nicht drücken konnte. Die Stelle der Krawatte vertrat meistens eine Schnur mit Quasten, wie sie bei den Touristenhemden üblich ist. Steife Kragen oder gar Manschetten haßte der Herr Rat ehrlich und aufrichtig und betrachtete diese „Futteraler“ als eine unerhörte Beschränkung seiner persönlichen Freiheit.
Die Frau Professor Haidacher, die eine lustige Frau war und eine unbedingt satyrische Ader besaß, machte einmal die Bemerkung: sie glaube, der Herr Rat Leonhard wähle die dunkle Hemdenfarbe aus Sparsamkeitsgründen und mit Rücksicht auf die Reinlichkeit.
Der böse Witz wurde viel belacht; denn alle wußten es, daß der Herr Rat ziemlich ungezogene Manieren bei Tisch besaß und daß seine Kleidung nie ohne die Spuren der genossenen Mahlzeiten blieb.
Daß der Herr Rat Leonhard zu den Damenabenden auch jedesmal ein weißes Hemd anziehen mußte, war eine Prozedur, die der lustigen Frau Professor sicher viel Vergnügen bereitet hätte, wenn sie dieselbe hätte beobachten können. Im Geist stellte sie sich’s zwar genau so vor, wie es in der Wirklichkeit sich immer ereignete. Und diese Vorstellung ließ es ihr nur begreiflich erscheinen, daß der alte Junggeselle den Damenabenden beim Weißen Hahn bloß Gefühle des Abscheus und der Furcht entgegenbrachte.
Die lustige Frau Professor sah den kleinen Mann, wie er in seiner Junggesellenbude nervös auf und ab trippelte, überall seine Wäsche zusammensuchte und sie nicht finden konnte. Sie sah ihn, wie er nach glücklich vollbrachtem Fund sich abmühte, in das steife, ihm ungewohnte Wäschestück hinein zu schlüpfen. Sie hörte ihn ächzen und keuchen und ingrimmig fluchen, wenn er den Ausweg für den Kopf nicht finden konnte, da er vergessen hatte, oben die Knöpfe aufzumachen. Sie sah ihnin ratloser Verzweiflung und mit ungeschickten, zitterigen Händen einen Knopf annähen, der lose an einem Faden hing und auszubrechen drohte, und sah noch viele kleine Unfälle, die ihm widerfuhren und die er zu überstehen hatte.
Und das mußte der Herr Rat, wie die rundliche, gut genährte Frau Professor mit innerer Befriedigung feststellte, alles zur Strafe dafür durchmachen, weil er es versäumt hatte, sich rechtzeitig im Leben um eine Gefährtin umzusehen, die ihm die kleinen Lasten des Alltags mit liebevoller Sorge abgenommen hätte.
Als warnendes Beispiel hatte die Frau Professor den Rat Leonhard schon oft dem Doktor Rapp vor Augen gestellt. Denn daß der Advokat so völlig keine Lust bezeugte, in den Ehestand zu treten, das wollte ihr schon gar nicht gefallen.
„Schauen’s, Herr Doktor, so viele hübsche junge Mädeln gibt’s in Innsbruck. Mädeln mit Geld und Mädeln ohne Geld. Beißen’s doch an! Ein Mann wie Sie! Ich bitt’ Ihnen!“
Auch heute abend hatte sich die Frau Professor den Doktor Rapp aufs Korn genommen, um ihn abermals in ihrer lustigen Art für den Ehestand zu kapern. Sie selber war eine äußerst glückliche Frau geworden, hatte einen guten, etwas phlegmatischen Mann gefunden, der ihr willig das Zepter der Regierung überließ und sich in alles fügte, was sie bestimmte. Da Frau Anna Haidacher eine sehr vernünftige Dame war, so bedurfte es auch keiner allzu großen Selbstverleugnung von Seite des Herrn Professors, sich ihrem höhern Willen unterzuordnen.
Die Frau Professor war entschieden der Sonnenschein am Stammtisch. Sie war die einzige, die es zustande brachte, die Sophie für den Abend auszustechen. Ohne Absicht natürlich; denn sie befand sich nebst den andernDamen in vollkommener Unkenntnis darüber, welchen Grad der allgemeinen Aufmerksamkeit das junge Mädchen für gewöhnlich genoß. Sophie trat für diesen einen Abend gerne zurück. Sie erfreute sich gleich den andern an der sprudelnden Heiterkeit der jungen blonden Frau.
Sophie hatte eine ganz besondere Zuneigung zur Frau Professor gefaßt. Sie zog sie allen übrigen Damen vor und machte sich gerne um sie zu schaffen. Das kam daher, weil Frau Haidacher ganz anders zu dem Mädel war als die übrigen Damen. Frau Anna hatte eine gute, freundliche Art, mit dem Mädchen zu reden. Sie sprach mit ihr, als wäre sie eine ihresgleichen, und kehrte mit keinem Wort, mit keinem Blick und keiner Gebärde die Dame vom Stande heraus; und dafür hatte Sophie ein besonders feines Empfinden.
Die Damenabende waren für Sophie eigentlich stets Stunden der Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung. Ihre Stellung beim Weißen Hahn war mit der Zeit eine derartige geworden, daß sie das Gefühl, eine Dienerin zu sein, ganz verloren hatte. Die Wirtin hielt sie wie ihr eigenes Kind. Die Gäste bewunderten sie und feierten sie und ließen sich von ihr hofmeistern. Das Dienstpersonal nahm eine Art scheuen Abstandes von ihr ein, der nicht frei von Neid war.
Mit dem Auftreten der Damen in der Stammtischgesellschaft änderte sich für Sophie das Bild, und sie empfand deutlich den sozialen Unterschied zwischen sich und jenen. Da war keiner der Männer, der es gewagt hätte, in Gegenwart der Frauen einen Witz mit ihr zu machen. Sogar die jungen Herren am andern Ende des Zimmers verhielten sich ruhiger und zurückhaltender. Sophie war stets froh, wenn so ein Damenabend wieder glücklich überstanden war. In diesem Punkt stimmte sie mit dem alten Herrn Rat vollkommen überein.
Mit heimlicher Genugtuung bemerkte sie es, wie dieübrigen Damen es der Frau Professor neideten, daß diese der Mittelpunkt der Gesellschaft war und sich der allgemeinen Gunst erfreute. Die Professorin war hübsch, jung, übermütig und besaß einen sich stets gleichbleibenden Humor. Eigentlich war Frau Professor Haidacher gar keine Innsbruckerin. Sie war nur eine „Eingeheiratete“ und von Geburt eine Linzerin.
Es dauerte auch geraume Zeit, ehe die Innsbrucker Damenwelt sich mit ihr anfreunden konnte. Die herzliche, heitere Art der jungen Frau bezwang aber doch schließlich die kühle, beobachtende Zurückhaltung der Damen. Jetzt allerdings war sie schon längst eine der Ihren geworden, und sie fanden sich ab mit ihrer überquellenden Lustigkeit und mit der für ihre Begriffe zu extravaganten Kleidung der Professorin.
Frau Haidacher liebte es, sich stets nach der allerneuesten Wiener Mode zu kleiden. Und die Art und Weise, wie sie sich trug, wie sie sprach und ging, verriet die Dame von Welt, die in ihre gegenwärtige spießbürgerliche Umgebung nicht so ganz hineinpassen wollte.
Daß sie nicht ganz zu ihnen paßte, das fühlten die Innsbrucker Damen besser, als es Frau Haidacher selbst bewußt wurde. Die Professorin hatte sich rasch eingewöhnt in der Stadt. In ihrer leichtlebigen Art fand sie sich gleich mit allem zurecht und sehnte sich keinen Augenblick nach ihrer alten Heimat zurück.
Sophie Zöttl war, während die Professorin den Rechtsanwalt wieder einmal neckte, in der Nähe geblieben und hatte scharf auf jedes Wort geachtet, das gesprochen wurde.
Sie stand hinter dem Stuhl der Professorin und hatte die rechte Hand leicht auf die Lehne gestützt. Es war eine vertrauliche Haltung, die sie einnahm, während sie ihr Gesicht gegen eine andere Seite wandte, als erwarte sie von dort her einen Auftrag oder als achte sie garnicht darauf, was in ihrer allernächsten Nähe verhandelt wurde.
Und doch entging ihr kein Wort, nicht ein einziges. Auch nicht die geringste Nuance im Tonfall eines Wortes. Sie war so voll Aufmerksamkeit, daß sie es nicht einmal bemerkte, wie einige Damen sich über ihre gemütliche und ungezwungene Art sich zu geben beschwerten.
Die Frau Patscheider, die sich, wenn ihr Gatte anwesend war, ganz besonders dazu berufen fühlte, über Schickliches und Unschickliches zu urteilen, wandte sich mit schlecht verhehlter Empörung an ihre Nachbarin, die Frau Baurat Goldrainer: „Finden Sie nicht, Frau Baurat, daß die Sophie jetzt anfangt, gar a bissel zu vertraut zu werden. Das gehört sich schon gar nicht. Ein Unterschied muß doch sein. Sie ist ja doch bloß a Kellnerin!“ meinte sie, und ihre vollen Lippen verzogen sich geringschätzig.
Die Frau Patscheider war eine Frau in den schönsten Jahren. Groß, schwarz und üppig, ein bißchen zu üppig. Die schwere, goldene Uhrkette, die sie doppelt um den Hals geschlungen trug, lag straff gespannt über der schwarzseidenen Bluse, die den prallen Busen nur noch mehr zur Geltung brachte. Die Frau Patscheider machte den Eindruck, als hätte sie sich ganz besonders eifrig der Prozedur des Schnürens unterzogen. Sie atmete schwer, und wenn sie sprach, schöpfte sie immer erst tief Atem, als verursache ihr das Sprechen eine ungeheure Anstrengung.
Die Damen saßen alle in einem Kreis beisammen. Männlein und Weiblein waren streng geschieden. Nur die Professorin bildete hier abermals eine Ausnahme. Sie mußte an ihrer Seite stets ein Mannsbild haben, wie sie sich ausdrückte. Sonst fühlte sie sich nicht wohl. „AneinerSeite wenigstens!“ lachte sie. „Damit ich auch einmal was anderes zu hören krieg’, als Kinder,Dienstboten und den andern Klatsch.“ Die Damen lachten ihr dann immer mit süßsaurer Miene zu. Die Professorin war halt einmal so. Daran konnte man nichts ändern.
Auch Frau Therese Tiefenbrunner hatte einen Tischnachbar. Sie hatte sich ihn zwar nicht ausgesucht, sondern er war für sie bestimmt worden. Nämlich der Herr Rat Leonhard.
Da der Herr Rat diese Abende als eine ihm von Gott auferlegte Prüfung ansah, in die er sich mit Würde und Anstand zu schicken wußte, so erachtete er es auch für seine Pflicht, bei diesen Gelegenheiten als Tischältester zu präsidieren. Und daß er dies nur an der Seite einer Dame konnte, war klar.
Da die Wirtin an den Damenabenden stets den Platz zu seiner Rechten innehatte und keine der Damen zu bewegen war, ihr diesen Platz zu nehmen, so blieb nur noch der Platz zur Linken des Herrn Rat frei. Eine jede der Damen hatte aber eine ganz bestimmte Abneigung dagegen, neben dem Herrn Rat zu sitzen.
Der Herr Rat pflegte an den Damenabenden einen völlig andern Menschen aus sich zu machen und allen ihm lieb gewordenen Angewohnheiten zu entsagen. Er verzichtete sogar mit Rücksicht auf die Vertreterinnen des schönen Geschlechtes auf seine ihm sonst unentbehrliche Pfeife. Der Herr Rat hatte in seiner frühen Jugend einmal gehört, daß es nicht anginge, in Gegenwart von Damen Pfeife zu rauchen; und das hatte er sich wohl gemerkt. Er wollte nicht unhöflich sein. Um keinen Preis! Und er wußte auch, was sich gehörte.
Daher rauchte der Herr Rat Leonhard an den Damenabenden nur Zigarren. Sie schmeckten ihm zwar nicht. Beileibe nicht! Aber er tat’s doch aus purer Höflichkeit und kam sich dabei als das größte Opferlamm vor, das je gelebt hatte.
Da der Herr Rat im Zigarrenrauchen keine Übungbesaß, so behandelte er die Zigarren äußerst schlecht. Er biß darauf, kaute sie zur Abwechslung, entblätterte sie, schnitt sie auseinander, damit sie besser ziehen sollten. Kurz, er befand sich den ganzen Abend in einem unausgesetzten Kriegszustand mit seiner Zigarre.
Dies trug absolut nicht zur Besserung seiner Laune bei und vermochte auch nicht, sein Behagen zu erhöhen. Seine ganze Aufmerksamkeit wurde von dem tückischen, leblosen Gegenstand in seinem Munde in Anspruch genommen. Und wenn er sich auch noch so viel Mühe gab, möglichst unbefangen zu erscheinen und ein freundliches Gesicht zu schneiden, so brachte er es doch über eine verzerrte, griesgrämige Grimasse nicht hinaus.
Sprechen tat der Herr Rat überhaupt nichts. Nur ab und zu nahm er sich einen Anlauf und öffnete seinen Mund zu einer Rede. Da wurde dann immer nur eine Frage daraus. Und es war auch stets dieselbe Frage, die er von Zeit zu Zeit wie eine Offenbarung an seine Nachbarin zu richten pflegte. Für ihn war es auch eine Offenbarung. Das Resultat einer angestrengten Gehirntätigkeit, eine Erlösung von der Pein des Nachdenkens. Denn alles Nachdenken half nichts, es wollte ihm nie ein Gesprächsstoff einfallen.
Wenn der Herr Rat nach der gestellten Frage abermals in tiefes Nachdenken versank, schloß er die Augen und tat, als schliefe er. Nur ein heftiges Zucken gab Zeugschaft, daß er noch munter war und den Kampf mit seinem heimtückischen Glimmstengel auf eine andere Weise fortzusetzen suchte.
Wie ein feiner Sprühregen ergoß es sich aus seinem Mund fortwährend und ohne Unterbrechung. Fast lautlos setzte er den Kampf mit den Tabakblättern fort, die sich wie Kletten an seine Zungenspitze festzukleben suchten.
Daß die Damen es vorzogen, so weit als möglich vondem sonderbaren Herrn zu sitzen, war ihnen gewiß nicht zu verdenken.
Die lustige Frau Professor hatte einen Kriegsrat abgehalten. Ganz im geheimen und mit Ausschluß der Apothekerin. Da die Apothekerin unter den anwesenden Damen die älteste war, wurde beschlossen, ihr ein für allemal den Ehrensitz neben dem Herrn Rat abzutreten. Und mit viel Würde und unsagbar huldvoller Miene thronte Frau Therese Tiefenbrunner seither neben dem Herrn Rat Leonhard am Stammtisch beim Weißen Hahn ...
Es war tiefinnerstes Interesse, das Sophie Zöttl so genau aufpassen hieß bei der Unterredung zwischen der Professorin und dem Doktor Rapp.
Sophie besaß keinerlei Zuneigung für den Rechtsanwalt, und ihr Interesse an ihm war einzig und allein schlau durchdachte Berechnung. Doktor Valentin Rapp besaß alles, was Sophie begehrte. Er war reich, angesehen und nicht zu alt. Schön war er ja nicht, aber doch immerhin nicht häßlich. Und zur Not konnte sie sich ja gerade einreden, daß sie ihn ganz gern habe.
Verliebt war sie nicht. Das gestand sie sich selber vollkommen ehrlich ein. Denn dazu steckte ihr der Student, der Felix Altwirth, doch zu sehr im Kopf.
Sophie Zöttl wußte, daß diese Neigung zu dem mittellosen Studenten bei ihr vergehen würde. Sie mußte eben vergehen. Koste es, was es wolle. Jetzt galt es für sie, alle Karten aufeinSpiel zu setzen. Und dieses Spiel war Doktor Rapp.
Mit der geriebenen Schlauheit, die ihr und ihresgleichen im Blute lag, begann sie das Spiel. Wie eine Spinne fing sie an, feine, unsichtbare Fäden zu weben. Dichter und immer dichter, bis die Fäden zu einem Netz wurden, aus dem ein Entrinnen fast unmöglich war.
Doktor Rapp war es sich noch nicht bewußt, daß erden Mittelpunkt dieses fein angelegten Kunstwerkes bildete. Sophie wollte erfahren, in welchem Grade der Rechtsanwalt seine Unbefangenheit bewahrt habe. Und deswegen verfolgte sie die Unterredung mit der Professorin mit so gespannter Aufmerksamkeit. Sie wußte, daß es einzig und allein darauf ankam, den Doktor tunlichst lange in dieser Unbefangenheit zu erhalten, bis zu einem Zeitpunkt, wo ein Entkommen dann ausgeschlossen sein würde.
Hätte Doktor Rapp auch nur den leisesten Verdacht geschöpft, welches Attentat Sophie auf seine persönliche Freiheit plante, so wäre er mit groben, unbarmherzigen Fäusten dazwischen gefahren und hätte das ganze Gespinst weiblicher Schlauheit vernichtet.
Der Rechtsanwalt dachte mit keinem Gedanken ans Heiraten. Wenn man ihn damit neckte, so lachte er und sagte, er wolle sich’s noch überlegen. Es sei ja noch Zeit. Es könne ja sein, daß er noch auf den Geschmack komme. Bis jetzt halte er noch nicht viel vom Ehestand.
Die Professorin meinte dann jedesmal mit komischer Verzweiflung, daß der Doktor eine ganz außergewöhnliche Art von Ehefeind sei. Einer von jenen allerschlimmsten, die das Heiraten nicht „verschreien“ wollen, um der Ehe desto sicherer zu entrinnen.
In Wirklichkeit hielt sich der Rechtsanwalt Doktor Rapp zu Besserem berufen, als sich, wie er sich in ganz intimen Kreisen auszudrücken pflegte, mit Weib und Kindern ein Leben lang herum zu streiten. Er wußte, daß er hohe geistige Fähigkeiten besaß, und erachtete es für seine Pflicht, diese Fähigkeiten zum Wohle seiner Heimatstadt und seines Landes fruchtbringend anzulegen.
Doktor Max Storf hatte sich für diesen einen Abend zu den Herrschaften am Stammtisch gesellt und saßneben Fräulein Hedwig Eisenschmied und deren Schwager, dem Baurat Goldrainer.
Hedwig Eisenschmied war ein stilles, etwas verschüchtert aussehendes Mädchen, Mitte der Zwanziger. Der Altersunterschied zwischen ihr und Max Storf betrug höchstens zwei oder drei Jahre. Sie war klein und zierlich, hatte ein fein geschnittenes, blasses Gesichtchen und dunkle Haare, die sie in schlichter Art gescheitelt und tief im Nacken zu einem Knoten geschlungen trug.
Ihre hellen Augen standen in einem seltsamen Gegensatz zu dem tiefdunklen Haar. Sie verliehen ihr einen leicht ätherischen Anstrich. Ihre Bewegungen waren so langsam und bedächtig wie ihre Sprache. Sie machte den Eindruck, als hielte sie stets in ihrer Rede mit etwas zurück, als fürchtete sie durch ihre Offenheit sich zu schaden oder mißverstanden zu werden.
Völlig entgegengesetzt war das Äußere ihrer um viele Jahre älteren Schwester. Die Frau Baurat hatte schon leicht ergrautes Haar und sah älter aus, als sie war. Frau Goldrainer besaß ein Gesicht, das von Sorge erzählte, aber auch von Mut und Energie. Der schmale, scharf gezeichnete Mund verriet es, daß die Frau Baurat sich im Leben zu behaupten verstand. Sie machte keinen schüchternen Eindruck wie ihre Schwester, sprach resolut und mit etwas spitzer, schriller Stimme. Sie war groß und knochig, und das Hagere ihrer Erscheinung stach neben der üppigen, molligen Figur der Frau Patscheider ganz besonders unangenehm ab.
Fräulein Hedwig Eisenschmied nahm sich neben ihrer großen Schwester aus wie ein schüchternes kleines Vöglein, das sich Schutz und Schirm suchend eng an einen festen Halt schmiegt. Hedwig Eisenschmied fühlte es wohl, daß sich der junge Arzt um sie bewarb, und sie wußte es auch, daß es für eine ernste Verbindung kein Hindernis gab. Als die Tochter eines angesehenen Kaufmannsbesaß sie Vermögen genug, um einen Hausstand gründen zu können.
Aus freiem Willen war sie bis jetzt ledig geblieben. Sie hatte keine rechte Lust zum Heiraten und war sich auch heute noch vollständig im unklaren, wie sie sich dem Doktor Storf gegenüber zu verhalten habe.
Da sie mutterlos war, besaß ihre ältere Schwester den größten Einfluß auf sie, und diese riet ihr, die Partie nicht auszuschlagen. Doktor Storf sei zwar mittellos, aber dafür ein schöner Mann, einer von jenen, um den sie einmal alle beneiden würden.
Doktor Storf war in der Tat eine äußerst angenehme Erscheinung. Er war nicht gerade schön, jedoch in seinem ganzen Auftreten ritterlich und elegant. Auf den ersten Blick sah man ihm den ehemaligen Korpsstudenten an. Sein Gesicht war ernst und sein Benehmen, besonders im Verkehr mit Damen, von außerordentlicher Zuvorkommenheit. Es war daher kein Wunder, daß er den Beifall der Frau Baurat fand und daß sie ihn gerne als Schwager gesehen hätte. Ihr eigener Gatte war gerade das Gegenteil von dem jungen Doktor, in seinem ganzen Wesen und auch in seinem Charakter.
Zu wundern war es nur, daß Hedwig keine tiefere Neigung für den jungen Mann bezeugte. Sie blieb kühl und gleichgültig, wie sie es eben bei allen früheren Bewerbern auch geblieben war. Auch jetzt hörte sie in ihrer ruhigen Art dem jungen Manne zu, wie er auf sie einredete, und sah ihn nur manchmal mit großen, scheuen Augen an. Es lag etwas Angstvolles in ihrem Blick, als fürchtete sie sich davor, den jungen Arzt näher kennen zu lernen.
Sie ist ganz gewiß das Gegenteil von Sophie, sagte sich Max Storf. Das Wilde, Unbändige des Temperaments ist bei ihr nie zu fürchten. Es wird ein stilles, gleichmäßiges Glück werden. Dabei stellte er aber imGeheimen doch Vergleiche an zwischen Hedwig Eisenschmied und der Sophie. So auch am heutigen Abend.
Sophie achtete nicht auf den jungen Arzt. Sie bemerkte es auch nicht, daß Max Storf sie nun schon seit geraumer Zeit nicht aus den Augen ließ und sie scharf beobachtete. Es entging Max keineswegs, daß Sophiens Aufmerksamkeit auf den Rechtsanwalt gerichtet war; und zum ersten Male fiel es ihm auf, daß das Mädchen anders zu Doktor Rapp war, als zu den übrigen Herren.
Mit den Augen des Kenners ließ er Sophiens ganze Erscheinung auf sich wirken. Er sah ihre große, volle Figur, sah die fast königliche Art ihrer Kopfhaltung, sah die Grazie in ihren Bewegungen, das Weiche, Schmeichelnde in ihrem Gang. Sah das derbe, dunkle Gesicht und die blutroten Lippen, die nach Küssen zu lechzen schienen, und sah, wie sie langsam und lässig ihre Hand von der Stuhllehne der Professorin nahm und sie leicht und wie unabsichtlich auf eine Hand des Rechtsanwalts legte, während sie sich jetzt mit anmutiger Gebärde zu ihm herunter neigte, um ihn nach etwas zu fragen.
Der junge Arzt sah auch, daß sie länger mit Doktor Rapp sprach, als es sich geziemte, und daß sie ihm mit einer Innigkeit in die Augen schaute, wie er es von diesem Mädel noch nie gesehen hatte. Und er sah es auch, wie Doktor Rapp sich leicht nach rückwärts neigte, dem Mädchen entgegen, und wie eine tiefe Röte sein ohnedies stets gutgefärbtes Gesicht überzog.
Und Doktor Storf wußte es seit jener Stunde, daß der Doktor Valentin Rapp, der eingefleischte Junggeselle, diesem Weibe verfallen war.
Es ging lustig her am Stammtisch. Die Frau Direktor Robler, die eine zwar ungebildete, aber immerhin sehr gutklingende Singstimme besaß, ließ sich die Guitarre bringen und begleitete ihre Lieder auf der Laute. Eswaren muntere Volkslieder, Couplets und Koschatweisen. Wie sie ihr gerade in den Kopf kamen. Immerzu sang sie darauf los und freute sich wie ein Kind über den allgemeinen Beifall, den sie erntete.
Frau Robler war nicht mehr ganz jung, aber sie war lustig und sangesfroh. Gesellschaftliche Talente besaß sie außer ihrem Gesang keine. Sie war ruhig, und in ihrem Wesen lag eher etwas Unliebenswürdiges und Abstoßendes. Das verlor sich aber, wenn sie erst in Stimmung kam und auftaute. Diese Stimmung konnte durch ein Glas guten Weines am ehesten erreicht werden. Den Wein liebte sie genau so wie ihr Gatte, der manchesmal recht gerne einen Tropfen über den Durst trank.
Die Frau Apotheker Tiefenbrunner thronte mit dem Aufgebot ihrer ganzen Würde neben dem Rat Leonhard. Sie war die einzige von den Damen, die ihren Hut am Kopf behalten hatte. Es war ein runder, steifer Filzhut mit einer großen Straußenfeder, deren Spitze ihr seitwärts herunterhing und stets ihr rechtes Ohr zu kitzeln schien. Die Apothekerin hatte ein breites, fast lederfarbiges Gesicht, eine stumpfe Nase mit einer leichten Neigung nach oben, kleine, dunkle Augen und dichte, eng aneinander gewachsene Brauen. Ihr Hals war kurz und ungewöhnlich dick, so daß man hinter dem hochgeschlossenen Kragen unschwer einen Kropf vermuten konnte.
Frau Therese Tiefenbrunner trug ein hellbraunes Kleid von steifer, schwerer Seide, das durch den weißen Einsatz von echten Spitzen den Beweis erbrachte, daß die Frau Apotheker wohl die Mittel, jedoch nicht den nötigen Geschmack besaß, um sich gut zu kleiden. Schwere goldene Ohrgehänge, eine goldene Kette und Brosche sowie schöne wertvolle Ringe vervollständigten den Aufputz der Frau Apotheker.
Sie war eine kleine, gedrungene Gestalt, nicht zu dick, aber derb und knochig, und machte, obwohl sie schoneine hohe Fünfzigerin war, den Eindruck, daß sie sich durchaus gut erhalten hatte. Geduldig saß sie neben dem Rat Leonhard und trug mit keinem Wort dazu bei, sein Mißbehagen zu vergrößern.
Für so etwas wie für den Rat Leonhard und seine Schrullen besaß sie unbedingt ein volles Verständnis. Sie tat, als bemerke sie den feinen, lautlosen Sprühregen gar nicht, der unausgesetzt den erbitterten Kampf des Herrn Rat mit seiner Zigarre begleitete. Frau Tiefenbrunner machte dabei eine riesig wohlwollende und fast gönnerhafte Miene. Der Reihe nach lächelte sie jeden Einzelnen am Tisch an und hielt die kleinen, dicken, lederfarbigen Hände fest ineinander verschlungen vor ihrer Brust.
Ab und zu wechselte sie hinter dem Rücken des Herrn Rat ein freundliches Wort mit Frau Maria Buchmayr, der Wirtin, deren fettglänzendes und faltenloses Gesicht heute sanft und zufrieden strahlte wie der Vollmond in einer schönen Juninacht.
Öfters sah die Frau Apotheker auch hinüber zur Sophie, der Kellnerin. Aber es war entschieden ein Ausdruck äußersten Mißtrauens in ihrem Blick. Sie traute der Sophie nicht. Das konnte man deutlich sehen.
Da die Apothekerin von Haus aus eine gutmütige Frau war, unterließ sie es, irgendwen auf die Sophie aufmerksam zu machen. Zu was auch? Der Doktor Rapp war alt genug, um auf sich selber achtzugeben. Sie ging’s einmal nichts an. Und wenn der Doktor Rapp auch hineinsauste und die Sophie heiraten würde, sie würde ihn einmal nicht warnen davor, sicher nicht. Und sie würde sich auch sonst nicht einmischen. Aber dem Simon, ihrem Mann, wollte sie gleich noch heute abend ihre Bemerkungen mitteilen. Der würde Augen machen.
So etwas sah der Simon nämlich nie. Da war sieeine ganz anders scharfe Beobachterin. Ihr entging auch nicht der leiseste Vorfall auf dem Gebiete der Liebe. Zu verwundern war es nur, daß außer ihr keine einzige der Damen die drohende Gefahr zu bemerken schien.
Eine Gefahr war es ja doch entschieden für alle, wenn die Damen die einstige Kellnerin als ihresgleichen in ihren Kreis aufnehmen mußten. Die Apothekerin gönnte es ihnen schon im voraus. Das geschah ihnen recht! Sie gönnte es ihnen schon deshalb, weil die Damen, wie Frau Therese genau wußte, sie nie für ganz voll genommen hatten und sie unter sich immer noch die Kothlacknerin zu nennen pflegten.
Bei der bloßen Erinnerung daran stieg der Unmut und die Empörung in Frau Therese Tiefenbrunner auf. Ihr Blick war nicht mehr so wohlwollend wie früher, und ihre dicken, breiten Lippen lächelten nicht mehr so gütig. Es war ein dunkler, stechender Blick, den sie jetzt über die anwesenden Damen schweifen ließ. Und ingrimmig sagte sie zu sich selber: „Bagage, hochmütige! Recht g’schieht’s euch!“
Frau Therese Tiefenbrunner würde die Sophie nicht verraten. Die konnte von ihr aus den Advokaten ganz fest umgarnen. Recht geschah ihm. Ganz recht! Warum paßte er nicht besser auf.
Die Apothekerin hielt ihre Hände noch fester ineinander verschlungen, und ihre Lippen öffneten sich zu einem verständnisvollen und nachsichtigen Schmunzeln. Beifällig nickte sie der Sophie zu, die gerade zu ihr herüberschaute.
Frau Therese Tiefenbrunner ließ ihre kleinen, scharf beobachtenden Augen weiter wandern in dem Kreis der Tafelrunde, und sie sah, daß sich noch andere zarte Bande anknüpften, die auch den übrigen Damen nicht verborgen geblieben waren.
Als sie Fräulein Hedwig und Doktor Storf längereZeit beobachtet hatte, fiel ihr mit einem Male ihr Neffe ein, der Felix Altwirth. Der mußte doch auch hier sein. Sie wußte es ja bestimmt, daß der täglich beim Weißen Hahn verkehrte. Der mußte unten sitzen an dem andern Tisch, der Felix, bei den jungen Leuten.
Die Apothekerin sah angestrengt nach der Richtung hinunter, wo sie Felix vermutete. Sie schaute und schaute und konnte ihn nirgends entdecken. Allerdings war die Beleuchtung etwas getrübt durch den dichten Tabaksqualm, der die Menschen und die Gegenstände nur wie durch einen Nebelschleier erkennen ließ.
Aber das war doch zu dumm, daß sie nicht einmal den Felix sah. Sie wischte sich die Augen mit den Fingern klar, um besser sehen zu können. Jedoch umsonst.
Frau Therese Tiefenbrunner achtete jetzt in ihrem Eifer, den Felix zu entdecken, gar nicht darauf, daß zu ihrer andern Seite die Frau Robler saß und sang. Sie beugte sich nach rechts und beugte sich nach links und erregte durch dieses etwas merkwürdige Gebahren die Aufmerksamkeit ihres Gatten, der ihr schräg gegenübersaß und gerade in ein wichtiges Gespräch mit dem Herrn Patscheider vertieft war.
„Was ist denn, Theres?“ frug er mit nervöser Unruhe. „Fehlt dir was?“
„Ah! Nur den Felix such’ ich. Ist er nit da?“ erwiderte sie.
Der Apotheker, der mit dem Rücken gegen den untern Tisch im Herrenstübel saß, wandte sich um. Dabei drehte er sich mit seinem Stuhl herum, behielt die Zigarre ruhig im Mund, setzte sich den Zwicker zurecht und schaute forschend über die Gläser hinweg in die Luft. Er wollte sich in aller Behaglichkeit einen Überblick verschaffen.
Eine ganze Weile saß der Apotheker so da, stemmte dann die beiden dünnen Arme in die Hüften und schüttelte nachdenklich und sehr bedächtig den Kopf. Dann schober seinen Stuhl wieder zurecht, klemmte den Zwicker noch fester auf die Nase, sah seine Frau fest und starr an und konstatierte mit ruhiger Würde: „Ich hab’ ihn nit g’sehen.“
Eine Weile starrten sich die beiden Ehegatten in die Augen, als stünden sie vor einem großen Rätsel. Da mischte sich die Sophie ein, die den ganzen Vorgang beobachtet hatte. „Der Herr Altwirth ist schon nach Haus gangen, gnädige Frau. Er war nur ganz kurz da.“
„So, so. Schon da g’wesen ist er. Ich dank’ schön, Sophie.“ Herr Tiefenbrunner tat die Zigarre aus dem Mund, nahm bedächtig den Zwicker ab, der nun an der schwarzen Schnur baumelte, zog sein Taschentuch heraus, sah seine Frau an, legte seine Stirn in äußerst nachdenkliche Falten, fing an, den Zwicker zu putzen, setzte ihn mit zittrigen Händen wieder auf, legte sein kleines Köpfchen schief auf die Seite nach der Richtung, wo Doktor Storf saß, schielte über die Gläser hinweg auf den jungen Arzt hin und ließ sich endlich mit einer für seine Verhältnisse lauten und eindrucksvollen Stimme vernehmen: „Sie, Herr Doktor Storf, wissen’s, warum der Felix heut’ schon heimgangen ist?“
Dem jungen Arzt gab es einen Ruck, da er sich so plötzlich von dem Apotheker angeredet hörte. Als wäre er bei irgendeinem Vergehen ertappt worden, bedeckte eine tiefe Röte sein bräunliches Gesicht.
„Ich ... wie meinen Sie, Herr Tiefenbrunner?“ erwiderte er in ziemlicher Verlegenheit. Er wollte durch die Gegenfrage Zeit gewinnen, um sich eine Ausrede für seinen Freund zurechtzulegen; denn hier unter all den Leuten konnte er doch unmöglich mit der Wahrheit herausrücken.
Frau Therese sah die Verlegenheit des jungen Arztes und schöpfte sofort Verdacht. Sie war nicht gewillt, sich von Doktor Storf hinters Licht führen zu lassen,wenn die Sache mit Felix nicht ganz stimmen sollte. Daher nahm sie eine erwartungsvolle Haltung ein, rückte auf ihrem Sitz etwas vor, legte beide Arme auf den Tisch, als säße sie in der Kirche bei der Predigt, und sah andachtsvoll zu dem jungen Arzt hinüber.
„Ich mein’, Herr Doktor Storf, ob Sie mir vielleicht Auskunft erteilen könnten, wo der Felix, unser Neffe, am heutigen Abend hingegangen ist?“ Es war die Frau Apotheker Tiefenbrunner, welche die Frage stellte. Sie sprach langsam, betonte jedes Wort wie ein gewiegter Redner und ihre Stimme klang voll und etwas speckig. Das mochte wohl von ihrem auffallend dicken Hals herrühren.
Unwillkürlich schwiegen jetzt alle; denn Frau Theresens Stimme war laut vernehmbar. Sogar der untere Tisch der jungen Leute war etwas ruhiger geworden.
„Richtig, der Felix fehlt ja heut’!“ sagte Sepp Ganthaler. Er war ein junger Mann, Maler seines Zeichens, und liebte es, sein Künstlertum auch äußerlich ein wenig zur Schau zu tragen.
Doktor Storf verbeugte sich bedauernd: „Wo der Felix hingegangen ist, weiß ich nicht, gnädige Frau!“ sagte er dann ausweichend.
„So?“ Frau Therese tat sehr erstaunt. „Das wissen’s also nit, Herr Doktor? Aber vielleicht wissen’s, warum er zu so früher Stunde schon fortgegangen ist?“
Die Frau Professor Haidacher wechselte boshafte Blicke mit der Frau Patscheider und mit der Frau Direktor Robler. Es amüsierte die Damen stets köstlich, wenn Frau Therese ihr gewähltes Hochdeutsch sprach. Sophie sah mit festen, unverwandten Augen auf den jungen Arzt. Sie war bereit, ihm zugunsten von Felix Altwirth beizuspringen.
„Felix war nicht ganz wohl heute abend, so viel ich weiß. Er hatte Kopfschmerzen!“ sagte Doktor Storfund machte ein möglichst gleichgültiges Gesicht. Dann wandte er sich gegen den Apotheker und fragte: „Darf ich Sie übrigens morgen vormittag besuchen, Herr Apotheker? Ich hab’ mit Ihnen zu sprechen. Welche Zeit ist Ihnen da am angenehmsten?“
Der Apotheker sah ratlos zu seiner Frau hinüber. Das war also schon wieder ein Attentat auf ihn. Dieser Doktor Storf war ja ein geradezu unheimlicher Mensch. Gut, daß er seine Frau dabei hatte. Die wußte ja stets Rat.
„Was meinst denn, Theres? Um wieviel Uhr paßt’s dir denn?“
„Ich möcht’ mit Ihnen persönlich sprechen, Herr Apotheker!“ sagte Doktor Storf mit fester Betonung.
„Sie, Herr Doktor Storf ...“ nahm nun Frau Therese wieder das Wort. „Sie haben doch g’wiß nur in der Angelegenheit wegen dem Felix, wegen unserm Neffen, mit meinem Mann zu sprechen. Nicht wahr?“
Doktor Storf verbeugte sich zustimmend. Er sah, daß es vor dieser Frau kein Entrinnen gab, wenn man nicht geradezu grob werden wollte.
„Der Felix Altwirth ist doch der Sohn von meiner Schwester. Nicht wahr? Das wissen’s doch, Herr Doktor, gelten’s? Und wann Sie wegen dem Felix Altwirth mit meinem Mann zu sprechen haben, dann müssen Sie mir auch erlauben, daß ich auch ein Wörtel da drein zu reden hab’. Weil ich nämlich in derer Sache in erster Linie auch drein zu reden hab’, weil ich nämlich auch die Sache bezahl’, die er verstudiert, wissen’s?“
Frau Therese hatte sich, während sie sprach, ganz aufrecht gehalten und hatte wiederholt eindrucksvoll mit dem Kopf genickt. Dabei wackelte die Feder auf ihrem Hut so herausfordernd, daß es der lustigen Frau Haidacher alle Beherrschung kostete, um nicht laut aufzulachen.
Doktor Rapp, der für Taktlosigkeiten ein sehr feines Empfinden besaß, stieg das dicke, schwere Blut zu Kopf. Er kannte Felix Altwirth nur ganz flüchtig. Aber der junge Mann war ihm sympathisch. Und daß die Apothekerin so öffentlich hier über ihn verhandelte, das empfand er als eine Roheit.
In seiner impulsiven Art wandte er sich daher an Frau Therese Tiefenbrunner und meinte in lustiger Weise: „Aber jetzt, gnädig’ Frau, haben’s dem Doktor Storf noch immer kein Rendezvous geben für morgen. Wie lang muß denn der Häuter noch warten, bis Sie ihm endlich die gnädige Erlaubnis erteilen!“
Die Apothekerin sah mit prüfendem Blick zu dem Advokaten hinüber. Sie sah, daß seine heitere Art nur gemacht war, und fühlte es, daß er sich in ihre Angelegenheiten zu mischen gedachte. Dieses Recht wollte sie ihm aber unter keinen Umständen zugestehen. Sie mischte sich ebenfalls nicht in seine Sachen und verwahrte sich daher auch gegen alle fremden Einflüsse, die da zugunsten ihres Neffen auftauchen könnten.
„Der Herr Doktor Storf weiß es ganz genau, daß er uns ein liebwerter Gast ist!“ fuhr sie in ihrer langgezogenen Sprechweise fort. „Und was meinen Neffen anbetrifft, den Felix Altwirth, so muß ich schon sagen, daß ich es, gelinde gesagt, merkwürdig finde, daß er heute abend nicht zugegen ist. Wo er doch weiß, daß seine Tante, nämlich ich, da sein tut. Und wo er mir doch den schuldigen Respekt zu erweisen hätte. Das ist schon höchst merkwürdig. Nicht wahr, Simon?“ wandte sie sich mit gekränkter Miene an ihren Mann.
Dem Apotheker war die ganze Geschichte höchst peinlich. Er wußte nicht recht, wie er sich eigentlich zu verhalten habe. Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß seine Frau einen Ton anschlug, der nicht hierher paßte. Und doch war wiederum ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeitmit seiner Frau in ihm, das ihn hieß, sie nicht im Stiche zu lassen.
Da er aber tatsächlich große diplomatische Talente besaß, so gab es für ihn nur wenige Schwierigkeiten, in denen er nicht einen Ausweg gefunden hätte. So auch jetzt wieder.
Der Apotheker sah zuerst seine Frau eine Weile starr an, verzerrte sein kleines, fahles Gesicht ganz schauderhaft, zog eine Falte nach der andern in die Stirn, so daß der Zwicker von der Nase fiel und er ihn wiederholt zurecht setzen mußte, und meinte dann mit ruhiger Würde: „Der Felix wird studieren müssen!“ Das sagte er im Ton vollster Überzeugung. „Wenn ich mich nicht irre, so wird er jetzt bald die Staatsprüfung machen müssen. Nicht wahr, Herr Doktor?“ fügte er hinzu, indem er sich an den jungen Arzt wandte.
Doktor Storf sah unwillkürlich zur Sophie hinüber. Es war ein Blick des Einverständnisses, den diese beiden miteinander wechselten. Er entging der Apothekerin nicht.
„Allerdings!“ erwiderte Max Storf ausweichend. „So wird’s wohl sein.“
Doktor Rapp unterhielt sich ziemlich laut mit dem Herrn Patscheider. Er wollte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken, da ihm die Verhandlungen über Felix Altwirth immer peinlicher wurden. Es war eine geschäftliche Angelegenheit, welche die beiden Herren in gleichem Maße interessierte.
Wenn aber Frau Therese sich einmal an einer Sache festgebissen hatte, so ließ sie nicht so leicht wieder locker. Sie besaß jetzt für nichts mehr ein Interesse, als für ihren Neffen Felix.
„So wird’s wohl epper nit sein, Herr Doktor!“ fing sie neuerdings an.
In ihrem Eifer, den Doktor Storf zu überführen, vergaß sie ganz darauf, sich ihrer gewählten Ausdrucksweisezu bedienen, und sprach im schönsten Kothlackner Dialekt. Das klang so rein und unverfälscht, daß die Damen einander verständnisvoll zulächelten.
„Ich hab’ da einen Blick aufgefangen ...“ meinte Frau Therese bedächtig ... „zwischen Ihnen und der Sophie, der mir nicht gefallen tut. Das muß i Ihnen schon sagen, gar nit g’fallt er mir. Da steckt etwas dahinter, das mi angeht und mi wollen’s hinters Licht führen! Da kenn’ i mi schon aus!“ fügte sie gekränkt hinzu.
Dann aber erinnerte sie sich, was sie ihrer Stellung schuldig war, gab sich einen Ruck, nahm eine sehr huldvolle Miene an und sagte darauf zu Sophie, indem sie jedes Wort eindrucksvoll betonte: „Und jetzt, Sophie, wend’ ich mich einmal an Ihnen. Jetzt reden einmal Sie zu mir, wie sich’s g’hört. Und jetzt frag’ ich Ihnen, was ist denn das für eine Geheimnistuerei mit dem Felix? Was wissen denn Sie davon?“
Da Sophie nicht gleich Antwort gab, ermunterte sie das Mädchen: „Sie dürfen schon reden. Sie dürfen Ihnen schon getrau’n!“ meinte sie mit wohlwollender Herablassung.
„O, gnädig’ Frau, i getrau’ mir schon zu reden!“ Sophie trat jetzt resolut vor und stemmte ihren Arm in die Seite. „Soviel Sie wollen, gnädig’ Frau! Ich fürcht’ mi nit vor Ihnen!“ sagte sie mit leichtem Spott.
„Jetzt schauen’s amal so a Person!“ flüsterte die Patscheiderin ihrer Nachbarin zu. „So a Frechheit!“
Sophie hörte nichts, was die Damen leise miteinander verhandelten. Sie schaute nur fest auf die Apothekerin, die es innerlich schon zu bereuen begann, daß sie sich an die Sophie gewandt hatte. Der Ton, in dem das Mädel zu ihr sprach, war ihr entschieden unbehaglich.
„Also ...“ fuhr die Sophie energisch fort. „Damit Sie gleich alles wissen und Ihnen danach einrichten können ... der Herr Altwirth, Ihner Neffe, der hatdie Staatsprüfung heut’ g’macht, und er hat sie nicht bestanden.“
Die Apothekerin warf einen triumphierenden Blick auf ihren Gatten, als wollte sie sagen: „Siehst, genau so, wie ich’s mir gedacht habe!“
Der Herr Apotheker Tiefenbrunner rief in ratloser Bestürzung: „Wa—a—a—s sagen’s da?“
„Er hat sie nicht bestanden!“ fuhr die Sophie ruhig fort. „Weil er sie nicht hat bestehen können! Und warum hat er sie nicht bestehen können? Weil man einen Menschen nicht zwingen tut, ein Beamter zu werden, wenn er ein Künstler ist. Und weil er nämlich gar nichts dafür kann, und weil es ganz recht ist, und weil er jetzt nach München auf die Akademie kommen muß! Und dann kann er ein richtiger Mensch werden und sonst nit. Und weil die gnädig’ Frau schon einmal soviel für ihn getan hat und ihn hat studieren lassen, so wird halt gar nix anders übrig bleiben, als daß sie ihn jetzt auf die Kunst studieren laßt. Da kann man gar nix machen. Es muaß halt sein!“
Ein schallendes Gelächter brach unten am Tisch der jungen Herren los. „Bravo, Sophie! Bravo!“
„Sollst leben, Sopherl!“
„Der tapfern Streiterin, Fräulein Sophie Zöttl, ein Hoch!“ rief Hans Windhager, ein junger Ingenieur. „Die hat Schneid’!“
„Brav plädiert, Sophie!“ lobte der Doktor Rapp. „Ganz ausgezeichnet! Ich werde dich zu meinem Kompagnon ernennen!“ meinte er scherzhaft und hielt Sophie sein gefülltes Weinglas entgegen, damit sie daraus trinken sollte, was sie auch lachend tat.
„Ja, das wird auch das Gescheiteste sein, Herr Doktor, was Sie tun können!“ meinte Frau Therese mit nur schlecht versteckter Anzüglichkeit.
Es ärgerte sie gewaltig, daß sich Sophie diesen unverschämten Ton, wie sie es innerlich nannte, gegen sieerlaubt hatte. Und daß die Herren dazu noch lachen konnten! Denn sie sah es wohl, mit Ausnahme ihres eigenen Mannes freuten sich alle Männer über die schneidige Rede der Kellnerin.
Sogar der Herr Rat Leonhard unterbrach für einen Augenblick den stummen Zweikampf mit seiner Zigarre, nahm sie aus dem Mund, hielt sie vor sich hin, fletschte die kleinen, angefaulten Zähne wie ein quietschvergnügter Mops, zwickte die Augen zusammen und nickte ganz heiter und fröhlich der Sophie zu.
Der Apotheker machte einen bedauernswerten Eindruck, was nur dazu beitrug, die allgemeine Heiterkeit noch zu erhöhen. Wie ein Häufchen Elend saß er zusammengeknickt auf seinem Sessel und wußte sich für den Moment keinen rettenden Ausweg zu finden.
Nur die Damen waren für diesen einen Fall ganz entschieden auf seiten der Frau Apotheker. Frau Haidacher allerdings konnte sich vor Lachen kaum mehr fassen. Die rührende Unverschämtheit des Mädchens gefiel ihr zu gut. Und der Apothekerin, dieser dummen, arroganten Person, gönnte sie es vom Herzen.
Die Frau Patscheider sah mit empörten Augen zu ihrem Mann hinüber. Sie hatte es gesehen, mit ihren eigenen Augen gesehen, wie Herr Patscheider den Arm des Mädchens streichelte und sie ganz verliebt anstarrte. Na, der sollte ihr heute heimkommen! Dem würde sie’s sagen! Ob das ein Benehmen sei! Schämen sollte er sich, ein Mann in seinen Jahren und eine Kellnerin!
Nur mit dem Aufgebot ihrer größten Selbstbeherrschung hielt die Frau Patscheider an sich. Am liebsten hätte sie ihren Gatten hier vor allen Leuten zurecht gewiesen. Aber das ging doch nicht an. Das durfte sie nicht tun. So viel Rücksicht schuldete sie seiner Stellung. Das fühlte sie. Daher überwand sie sich und kam sich dabei vor wie eine Heldin.
Aber nicht nur die Frau Patscheider, sondern auch die andern Frauen hatten Ursache, mit ihren Männern unzufrieden zu sein. Es war das erstemal, daß das Eis gebrochen war, daß die Herren die Gegenwart ihrer Frauen vergaßen und sich Sophie gegenüber so benahmen wie an den übrigen Abenden.
Der Baurat Goldrainer trank der Sophie zu, und seine Gattin bemerkte, wie er ihr heimlich eine Kußhand schickte. Die Frau Baurat wußte es, daß ihr Gatte es nie allzu genau mit der ehelichen Treue genommen hatte, und daher befiel sie ein eifersüchtiger Argwohn. Eigentlich spürte sie eine innere gehässige Freude, daß sie ihren Mann nun wieder einmal „ertappt“ hatte.
Die Ehe des Herrn Baurat und seiner Gattin war bereits auf jenem Standpunkt angelangt, wo die Liebe sich in Haß verwandelt hatte und nur die Rücksicht auf die Kinder und die gesellschaftliche Stellung diesen Bund zusammenhielt.
Frau Goldrainer freute sich darauf, ihren Mann mit ihrer neuen Entdeckung zu quälen, und hielt jetzt schon innerliche Zwiesprache mit sich, wie sie ihm drohen wollte, daß sie nie wieder zum Weißen Hahn mitgehen würde, wo so eine „Person“ herrschte.
Und immer mehr redete sich die Frau Baurat für sich selber in eine tiefe Empörung hinein. Sie hatte doch geglaubt, daß der Weiße Hahn ein anständiges Lokal sei und Frau Buchmayr eine anständige Frau, die „so etwas“ nie dulden würde. Und mit einem Male wandte sich ihr ganzer Zorn gegen die Wirtin.
Es waren stechende, brennende, verächtliche Blicke, welche die arme Wirtin über sich ergehen lassen mußte. Von allen Seiten. Denn wie auf ein lautloses, allgemeines Kommando ließen auch die andern Damen die Wirtin plötzlich ihre stumme Entrüstung fühlen. Der Frau Maria Buchmayr wurde es schließlich so unbehaglich,daß sie sich schwerfällig von ihrem Sitz neben dem Herrn Rat erhob und so schnell sie konnte aus dem Zimmer humpelte.
Frau Therese Tiefenbrunner fühlte es instinktiv, wie die Damen in geschlossener Reihe hinter ihr standen und zu ihr hielten. Sogar die Professorin hatte auf einmal aufgehört zu lachen und war ganz ernst geworden.
Die Apothekerin fühlte ihre Stärke, und das verlieh ihr den Mut, den Angriff gegen Doktor Rapp fortzusetzen. Denn eine Genugtuung mußte sie haben für die Demütigung, die sie erlitten hatte, und Doktor Rapp gab ihr den besten Anhalt dazu.
„Es wird wirklich das Allergescheuteste sein, Herr Doktor ...“ fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, während der lautlose Stille im Herrenstübel geherrscht hatte ... „wenn Sie sich weniger um unsereins bekümmern tun und in erster Linie vor Ihnerer eigenen Türe kehren. Es hat nämlich jedermann gerade genug, wenn er auf sich selber acht gibt. Und was meinen Neffen, den Felix Altwirth, anbelangt ...“
Dem Doktor Rapp stieg das Blut schwer zu Kopf. Er war wütend aufgesprungen und hatte den Stuhl so stürmisch von sich gestoßen, daß dieser polternd hintenüber fiel.
„Sie gestatten, gnädige Frau, daß ich mir Anzüglichkeiten verbitte! Das dulde ich von niemand, von keinem Menschen, auch von einer Dame nicht!“ sagte er mit scharfer, schneidender Stimme.
Die gemütliche Lethargie, in der er sich sonst in Gesellschaft wiegte, war mit einem Male von ihm gewichen. In diesem Augenblick war Doktor Rapp nur mehr der schneidige Rechtsanwalt und rücksichslose Vertreter seiner Ansichten, als der er allgemein in der Stadt und auch im ganzen Lande bekannt war.
Doktor Rapp verbeugte sich höflich, zuerst vor derProfessorin und dann gegen die übrige Tischgesellschaft, und sagte im gedämpften Ton: „Küss’ die Hand, gnädige Frau. Guten Abend, die Herrschaften.“
Patscheider hielt den Rechtsanwalt zurück: „Aber Herr Doktor!“ meinte er beschwichtigend.
Simon Tiefenbrunner hatte sich gleichfalls von seinem Sitz erhoben und trippelte nun mit nervösen kleinen Schritten zu Doktor Rapp hinüber. Er war so hilflos und verstört, wie wohl noch nie in seinem Leben. Bis jetzt war er nur immer in die Lage gekommen, den Frieden zu erhalten als eine außenstehende und ganz unbeteiligte Persönlichkeit. Heute war er jedoch unmittelbar an einer Sache beteiligt, oder, was noch schlimmer war, seine Frau war daran beteiligt, und das raubte ihm vollends sein seelisches Gleichgewicht.
„Aber Herr Doktor! Herr Doktor!“ stieß er beinahe stotternd hervor. „Sie werden mir doch das nicht antun. Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll!“ sprach er in hilfloser Verwirrung.
Patscheider, der für gewöhnlich gar kein Talent besaß, erregte Gemüter zu begütigen, vermittelte jetzt auf seine ganz besondere Art und Weise. Er hob den Stuhl vom Boden, den Doktor Rapp in seiner Erregung von sich gestoßen hatte, und zog den Rechtsanwalt mit gebieterischer Kraft darauf nieder.
„Alles, was recht ist, Herr Doktor!“ sagte er dann in bestimmtem Tone. „Wenn wir zwei uns hackeln und Sie rennen davon, das begreif’ ich. Aber wegen an Weiberg’wäsch, das ist nit der Müh’ wert! Das muß ich Ihnen schon sagen! Und Sie, Her Tiefenbrunner,“ wandte er sich schroff an den Apotheker, „erziehen’s Ihre Frau besser! Was sie mit ihrem Neffen anfangt oder nit anfangt, ist uns da gleichgültig. Das halten’s, wie Sie wollen! Aber es g’hört sich nicht, absolut nicht, daßsolche Privatangelegenheiten öffentlich im Wirtshaus verhandelt werden. Sie haben mich hoffentlich verstanden, Herr Tiefenbrunner!“
Der Apotheker verbeugte sich mehrmals zustimmend, als habe ein hoher Vorgesetzter ihm eine Rüge erteilt. Auch nachdem sich Patscheider ziemlich brüsk von ihm abgewandt hatte, verneigte sich der kleine, magere Mann noch immer. Er war so erschrocken und ratlos, daß er sich noch gar nicht zu fassen wußte.
Eine bedrückende und ungemütliche Stille herrschte jetzt im Herrenstübel. Der Apotheker Tiefenbrunner schlich ängstlich zu seinem Sitz hinüber und wagte es für die erste Zeit gar nicht, seiner Frau ins Gesicht zu sehen. Auch Doktor Rapp hatte wieder Platz genommen und starrte ärgerlich und mit hochrotem Kopf vor sich hin. Er ärgerte sich über sich selber, weil er sich von seinem aufbrausenden Temperament hatte hinreißen lassen.
Frau Therese Tiefenbrunner war bei dem Ausbruch des Doktor Rapp so perplex gewesen, daß sie, ohne auf die Rede Patscheiders zu achten, noch immer mit offenem Munde dasaß und ganz erschrocken dreinschaute.
Sie erfaßte überhaupt den Sinn der Worte des Doktor Rapp nicht. Die Apothekerin war nur grenzenlos verwundert, daß sich der Doktor Rapp so aufregte. Das hatte sie ja gar nicht beabsichtigt. Beleidigen hatte sie den Doktor Rapp nicht wollen. Beileibe nicht! Sie hatte sich ja bloß verteidigen wollen. Sonst gar nichts.
Aber diese modernen Männer, aus denen konnte sie doch nicht recht klug werden. Da waren ihr die alten, wie der Rat Leonhard, doch viel lieber. Die verstand man wenigstens, auch wenn sie Schrullen und Unarten hatten. Das machte nichts, und grob wurden sie auch nicht gleich wie dieser Doktor Rapp.
Frau Therese atmete aber doch ganz erleichtert auf,als der Rechtsanwalt nun wieder dablieb, und sie war dem Patscheider ordentlich dankbar für seine Vermittlung. Es störte sie nicht, daß der jetzt auch noch seinen Senf dreingab. Sie hörte gar nicht auf ihn, weil nur der Doktor Rapp durch sein Davonlaufen nicht den ganzen Abend verdorben hatte.
Der alte Rat Leonhard bewies es am heutigen Abend, daß er seine Qualitäten besaß, und daß er wohl imstande war, eine ganze Gesellschaft zu erheitern, wenn er nur wollte.
Während im Zimmer noch lautlose Stille herrschte, sich alle mehr oder weniger verlegen ansahen und keinem ein erlösendes Wort einfiel, das über die peinliche Situation hinweggeholfen hätte, fing der Rat Leonhard auf einmal ganz lustig und vergnügt zu kichern an. Zuerst war es ein leises, stilles, vergnügtes Kichern, das sich aber immer mehr steigerte, bis der alte Herr dann schließlich laut hinauslachte.
Es gehörte zu den allergrößten Seltenheiten, daß der Herr Rat einmal lachte ... und wenn es geschah, so hatte es etwas geradezu Ansteckendes. So auch jetzt. Zuerst sahen sie einander am Stammtisch verlegen an, dann schauten sie auf den Rat Leonhard, der sich riesig zu belustigen schien und dabei ein ungemein komisches Gesicht schnitt.
Die Augen in dem runzligen, sonst stets verbissenen Mopsgesicht waren verschwindend klein geworden und erschienen nur mehr als zwei schmale Striche. Den ganzen magern Körper des Herrn Rat schüttelte es vor Lachen, und sein Kopf wackelte ununterbrochen hin und her wie der Perpendikel einer alten Uhr. Die Zigarre behielt er fest zwischen den Zähnen eingeklemmt und lachte in einem fort.
Es war ein erlösendes, befreiendes Lachen, das sich nun allen mitteilte. Einem nach dem andern. Siewußten nicht, worüber sie im Grunde lachten. Sogar Patscheider lachte mit und schließlich auch der Doktor Rapp.
„Warum wir jetzt eigentlich lachen, wissen wir zwar alle selber nit!“ äußerte sich der Patscheider über eine Weile und hielt sein Glas dem Rat Leonhard entgegen, um mit ihm anzustoßen.
„Wohl ... i schon ... i weiß es schon!“ meinte der alte Herr vergnügt. „I lach’ über Ihnen, Herr Patscheider. Grad’ über Ihnen!“ sagte er und nickte dem Kaufmann stillvergnügt zu.
„Über mich?“ tat der Patscheider verwundert. „Ja ...“
„Ja, über Ihnen, weil Sie so viel vergeßlich sind!“ Der alte Herr hob jetzt seinen Zeigefinger und sagte in eindringlichem, väterlichem Ton: „I mein’, Herr Patscheider, es sind doch immerSiederjenige, der davonlauft bei einem Streit, nit der Doktor Rapp. Aber jetzt täten Sie den Spieß umkehren. Jetzt wär’serauf einmal, der vor Ihnen die Flucht ergreift. Sie sind schon einer! A ganz a G’scheiter!“ Und neuerdings bekam der alte Herr einen Lachanfall. „Sie sind schon der Richtige, Sie! Aber so ist’s alleweil im Leben. Da schiebt man’s alleweil den andern in die Schuh’, was man nit gern zugibt.“
Patscheider mußte nun selber herzlich mitlachen. Er hatte heute entschieden seinen guten Tag und nahm nichts übel, was ihm der alte Herr unter die Nase rieb.
„Recht haben’s, Herr Rat, ganz recht!“ bestätigte er zustimmend. „Und jetzt, Sophie, bringst mir noch a Halbe Wein, weil wir so fein beisammen sind!“ sagte er vergnügt und zwinkerte dem Mädchen vertraulich zu.
„I bin nit per Du mit Ihnen!“ gab die Sophie schnippisch zurück.
„Macht nix. Was nit ist, kann noch werden!“ sagte der Patscheider. Er nahm heute einmal gar nichts krumm ...
Am Heimweg raffte der Apotheker Tiefenbrunner seinen ganzen Mut zusammen und erklärte seiner Frau mit aller Entschiedenheit, daß er mit oder ohne ihre Einwilligung den Felix „auf die Kunst“ studieren lassen werde. „Denn,“ sagte er, „i hab’ heut’ abend g’sehen, der Felix hat bei allen Herrn einen Stein im Brett. Und es könnt’ mich nur unbeliebt machen, wenn wir ihm das Geld zur Malerei nicht hergeben täten. Deswegen ist’s g’scheiter, wir fügen uns. Gelt, Alte?“
Die „Alte“ nickte und gab völlig kleinlaut ihre Zustimmung. Sie hatte im Laufe des Abends noch manches böse Wort der Damen mit anhören müssen und fühlte sich ganz klein und nachgiebig.
Da war die Frau Patscheider, die ihr gehörig zugeredet hatte und ihr erklärte, daß ein Künstler viel was Gescheiteres sei als wie ein Beamter.
Der Zorn der Frau Patscheider über ihren Gatten war bald verraucht. Sie war, als dieser durch sein energisches Dazwischentreten den Doktor Rapp zum Dableiben bewog, ordentlich stolz auf ihren Mann und verzieh ihm in diesem Augenblick alles. Er war doch ein großer Mann, dachte sie; da durfte man nicht so kleinlich sein. Und da sie zu bemerken glaubte, daß ihr Mann ein Interesse an dem Felix Altwirth nahm, so hielt sie es für ihre Pflicht, nun ihrerseits die Apothekerin tüchtig zu bearbeiten.
In allen Tonarten schilderte sie Frau Therese Tiefenbrunner das Künstlerleben. Wie schön das sei, und wie viel Geld das trage. Alles, was sie je darüber gehört und gelesen hatte, erzählte sie der Apothekerin. Und jede von den Damen brachte einen neuen Grund, warum der Felix ein Künstler werden müsse. Schließlich wurde es der Apothekerin ganz schwummrig im Kopf. Sie sagte zu allem Ja und Amen und sehnte sich dabei, nach Hause zu kommen und ihre Ruhe zu haben.
Jetzt am Heimweg begann auch noch ihr Mann davon zu sprechen, und das in so kategorischer Weise, wie er es nie zuvor getan hatte.
Frau Therese Tiefenbrunner war im Grunde ihres Herzens gut. Und ihr ganzer Widerstand gegen den Künstlerberuf ihres Neffen ging von dem einen ehrlichen Beweggrund aus, daß sie ihm eine gesicherte Existenz verschaffen wollte. Es war nicht Bösartigkeit, daß sie sich widersetzte, sondern Verständnislosigkeit. Sie hielt die Kunst für eine höchst unnotwendige und überflüssige Sache im Leben. Für etwas, wo man dabei verhungern konnte, wenn man wollte. Und trotz allem Zureden der Damen hatte sie keine andere Meinung bekommen.
Als sie jetzt ihrem Mann ihre Einwilligung gab, tat sie es mit innerem Widerstreben und handelte gegen ihre Überzeugung. Aber sie sah, daß es wirklich der ernste Wille und Vorsatz ihres Gatten war, und sie wollte den Frieden zwischen ihm und ihr erhalten. Sie beschloß jedoch, noch ernstlich mit dem Felix zu reden und ihm alles vor Augen zu stellen.
Nach ihrer Meinung hätte er als absolvierter Jurist ganz andere Aussichten haben können. Und wenn ihn das Jus schon nicht freute, so hätte er ja Pharmazie studieren können, um bei ihrem Mann ins Geschäft zu treten ...
Der Apotheker Simon Tiefenbrunner verkündete es gleich am nächsten Morgen persönlich seinem Neffen, daß er und seine Frau ihm seinen Wunsch erfüllen wollten. Er könne nach München auf die Akademie gehen.
München! Ein neues Leben tat sich vor den Augen des jungen Mannes auf. Ein freies, schönes Land, ein Traumland von Glück, Ruhm, Arbeit und Erfolg.
München! ... Felix Altwirth war so gerührt, daß er schnurstracks zu seiner Tante lief, um ihr zu danken. ImÜberschwang seiner Gefühle vergaß er, wie viele bittere Stunden ihm diese Frau schon bereitet hatte. Er vergaß die bösen Reden, die sie ihm gegeben, und war so begeistert, daß er ihr sogar die Hand küßte, was er noch nie getan hatte.
Aber auch Frau Therese vergaß vollständig, daß sie ihm noch gute Ermahnungen und Lehren hatte erteilen wollen. Seine kindliche Freude rührte sie. Sie verstand diese Freude zwar nicht, aber trotzdem gefiel sie ihr ...
Mit leichtem Herzen nahm Felix Altwirth Abschied von seiner Heimat. Nicht einmal der Abschied von Sophie fiel ihm schwer. Er war voll Hoffnung und Zuversicht und voll Vertrauen auf seine Zukunft. Dort in der Stadt der Künstler würde auch er sein Glück erringen. Ein großes, seliges und dauerhaftes Glück.