Schlussvignette, Kapitel 3
Viertes Kapitel.
Der Ennemoserin war es anfangs schwer gefallen, ihr einsames Häusel mit dem fremden Mädel zu teilen. Der lange Schmied, welcher der Vormund der Sophie war, hatte der Frau geraten, das Mädel zu einem Bauern als Magd zu verdingen.
„Wirst di lang plagen, Ennemoserin!“ sagte er. „Tua sie zu an Bauern, und guat ist’s. Hat sie ihr Essen und ihr G’wand, und du hast dei’ Ruah! Hättest dir’s nit sollen aufladen die Plag’.“
Davon aber wollte die Ennemoserin nichts wissen. Hatte sie A gesagt, so wollte sie B auch sagen. Dieses wilde Karrnermädel jetzt allein auf eigene Füße zu stellen, das wäre ihr als ein Verbrechen an dem Kinde erschienen ...
Es war schon geraume Zeit her, seit das Häusel draußen am Stadteingang junges, frohes Leben gesehen hatte. Fast zu lebhaft war es damals zugegangen in dem baufälligen Bauernhäuschen, das teilweise in den steil emporragenden Felsen des Rattenberger Schloßberges eingebaut war.
Wie ein kleines Räubernest im bäuerlichen Stil, so lebte das einstöckige, schmale Haus an dem schroff vorspringenden Felsen. Das windschiefe Schindeldach war mit großen Steinen beschwert, an denen schon vielfach das Moos wucherte.
Kleine, blitzblank geputzte Fensterscheiben grüßten aus dem alten Gemäuer. Vor den Fenstern prunkte als auffallender Schmuck ein herrlicher Blumenflor von dunkelroten Geranien und herabhängenden vollen, bauchigen Nelken in allen Farben. Es war eine wirkliche Lust, diesen Blumenflor zu sehen, und die Ennemoserin war auf ihn fast ebenso stolz wie auf ihre Kinder.
Drei Kinder hatte die Ennemoserin gehabt, und alledrei hatte sie verlieren müssen. Zwei Buben von zwölf und vierzehn Jahren und ein kleines, zartes, blondes Diandl.
Große, starke Jungen waren die Buben, die im kühnen Übermut ihre jungen Kräfte messen wollten mit dem breiten Bergfluß. Der war aber ein heimtückischer Geselle und liebte es nicht, daß man seine Wellen zu Spielgenossen machte.
Oft waren die Buben schon mit einem Kahn den Inn entlang gerudert, allen Mahnungen und Bitten der Mutter zum Trotz, die sie vor der Gefahr eindringlich warnte. Sie hörten nicht auf sie, bis dann das Unglück kam.
Eine mondhelle, schöne Sommernacht war’s, da trieb ein leerer Kahn vom Oberland kommend innabwärts. Die Leichen der beiden Knaben wurden erst viele Wochen später draußen im Bayrischen angeschwemmt.
Seit jener Zeit war die Ennemoserin trübsinnig geworden. Die Leute sagten, sie sei halb verrückt, weil sie sich zurückzog vor ihnen und ihr Leid einsam trug.
Die Ennemoserin hatte wenig Glück gekannt im Leben. Ihr Mann war früh gestorben, und sie konnte nicht einmal recht trauern um ihn. Die wenigen Jahre, die sie zusammen lebten, waren für das Weib ein Martyrium gewesen.
Jetzt blieb ihr nur noch ein Glück und eine Hoffnung auf dieser Welt, ihr jüngstes Kind, das Roserl. Ein blondhaariges Diandl mit braunen Glutaugen und einem sonnigen, strahlenden Gesichtel, das nur zum Glück geschaffen schien.
Das Roserl wuchs heran, von der Mutter gehegt und gepflegt wie ein duftender Nelkenstock aus dem Blumenflor der Ennemoserin.
Die Leute in Rattenberg und in der nächsten Umgebung hatten ihre Freude an dem hübschen Roserl von der Ennemoserin. Und die Burschen schauten sich ganzbesonders gerne nach ihr um, wenn sie mit leichten, zierlichen Schritten durch die Hauptstraße und durch die Gäßchen der Stadt ging.
Die Ennemoserin war keine wohlhabende Frau. Als das Roserl heranwuchs, mußte sie daran denken, ihr Mädel irgendwie gut zu versorgen. Und weil sie sich nicht gerne auf längere Zeit von ihrem Mädel trennen mochte, so gab sie das Roserl nach Kufstein hinunter zu einer Schneiderin. Dort sollte sie das Handwerk lernen und dann wieder zur Mutter ziehen.
Dem Roserl gefiel es gut in Kufstein. Nur zu gut. Die Leute in Rattenberg fingen bald an, über sie zu schwatzen. Als der Klatsch zu den Ohren der Mutter drang, war’s für das Mädel zu spät.
Die Ennemoserin machte sich auf den Weg nach Kufstein, um ihr Kind wieder heimzuholen. Sie kam aber ohne das Mädel zurück, und niemand erfuhr, was zwischen Mutter und Tochter vorgefallen war. Die Ennemoserin trug ihren Kopf gerade und aufrecht und verbiß ihren Kummer. Sprach selten ein Wort mit den Leuten. Und die gaben’s bald ganz auf, sie über das Roserl auszuforschen.
Aber Kufstein und Rattenberg sind nicht allzu weit voneinander entfernt, und üble Kunde findet ihren Weg gar schnell. Man erzählte sich in Rattenberg, daß das Roserl immer tiefer und tiefer sank, und man prophezeite, daß sie einmal übel enden werde.
Das dauerte so eine Weile. Dann verschwand das Roserl aus der kleinen Grenzstadt, und es vergingen Jahre, ehe man wieder von ihr hörte. Eines Tages erzählte jemand, der in Wien gelebt hatte, daß er das Roserl von der Ennemoserin dort getroffen habe. Und was er von ihr zu erzählen wußte, war schlimmer, als wenn er von ihrem Tod berichtet hätte.
Die Ennemoserin war eine fromme Frau geworden.Bei allen Gottesdiensten, die in der Pfarrkirche abgehalten wurden, war sie anwesend. Sie betete länger als die andern Frauen der Stadt und hielt sich am liebsten in den Kirchen auf.
Es gab niemand in Rattenberg, der sie für eine Betschwester gehalten hätte; und freche Neugierde wich gar bald der Achtung vor dem einsamen Schmerz dieser Frau.
Die Ennemoserin tat Gutes, wo sie konnte. Nach ihren Kräften und nur um Gotteslohn. In ihrem Herzen war ein starkes Gottvertrauen, der feste Glaube, daß Gott ihr Tun und Handeln als ein Opfer und eine Sühne annehmen werde für das sündhafte Leben ihres Kindes. Und nur um Gott eine Seele zuzuführen, hatte sie sich des Karrnermädels angenommen und vertrat jetzt die Stelle einer Mutter an ihr.
Neues junges Leben zog wieder ein in dem blumengeschmückten Berghäusel vor dem Stadteingang. Und die Blumen vor den Fenstern blühten noch schöner und üppiger, da Sophie sie so gut zu pflegen verstand.
Die Sophie fühlte sich bald heimisch bei der Ennemoserin. Ihr widerspenstiges, trotziges Wesen hatte sie abgelegt und war nur mehr sonnige Heiterkeit und frohe Lebenslust. Was sie erreichen wollte, das hatte sie jetzt erreicht. In Freiheit zu leben und ohne Zwang und Fesseln. Und wenn auch die Ennemoserin schweigsam war und am liebsten ihre eigenen Wege ging, so machte das dem Mädel gar nichts aus.
Sie war froh über ihr neues Dasein, und ein Gefühl echter, warmer Dankbarkeit gegen die Frau beseelte sie. Sie wollte ihr Freude machen und brachte es bald in der Schule so weit, daß sie zu den besten Schülerinnen zählte. Daheim half sie der Ennemoserin mit flinken, geschickten Händen bei der Hausarbeit, so daß ihre Pflegemutter bald ganz entlastet war. Sie hatte keine Klage über das Mädel und gewann sie von Tag zu Tag lieber.
So lebten sich diese beiden ungleichen Menschen rasch zusammen ein. Aber sie wurden nie so recht vertraut miteinander. Das herzliche Verhältnis, das die Schwester Salesia und das Karrnerkind verbunden hatte, fehlte bei ihnen.
Manchmal trieb es das Mädel doch hinüber zu der alten Schwester nach Mariathal. Dann erzählte sie der Schwester wie in früheren Zeiten von ihrem ganzen Tun und Treiben. Und ganz so wie ehedem fand die Schwester wieder die richtigen Worte und das wahre Verständnis für das Mädel.
Mit vielen guten Ermahnungen von seiten der Schwester Salesia kam die Sophie jedesmal nach Hause. Das kleine Heim war ihr dann doppelt lieb und wert. Wie in einem Paradies von Freiheit und Glück kam sie sich drinnen vor. Die Schwester Salesia meinte einmal lachend zu ihr, daß sie wohl hauptsächlich nur deshalb so gerne nach Mariathal komme, um sich immer wieder einen neuen Grausen vor dem Kloster zu holen ...
So verstrichen die Jahre, und die Sophie war ein kräftiges junges Mädchen geworden.
Mit geheimer Angst beobachtete die Ennemoserin das Heranblühen der Sophie. Sie hatte Furcht, das Mädel aus ihrer Obhut zu entlassen. Bis jetzt hatte Sophie noch nie den Wunsch geäußert, fortzukommen. Aber die Ennemoserin mußte daran denken, das Mädel auf eigene Füße zu stellen.
Siebzehn Jahre war die Sophie nun alt geworden. Ein großes, üppiges Mädel mit einem ausgeprägten, breiten Rassegesicht. Tiefbraun die Haut und schwarz das leicht gewellte Haar, das sie in zwei Zöpfen um den Kopf geschlungen trug. Zwei dicht bewachsene Brauen wölbten sich in großen, scharf gezeichneten Bogen über den Augen, und das braune Haar fiel widerspenstig in die niedere, breite Stirn. Ihre Lippen waren vollund üppig und von tiefstem Rot. Und ein tiefes Rot blühte auf den herben Wangen des Mädels. Sie machte überhaupt einen herben, fast verschlossenen Eindruck, dem nur der Schalk widersprach, der ständig in ihren nicht sehr großen, dunkeln Augen lauerte.
Wenn sie ging, so wiegte sich der junge Körper in unbewußter Koketterie leicht in den Hüften. Und der starke, etwas zu derbe Nacken des Mädchens hatte in dem kleinen Ausschnitt des schwarzen Miederleibchens etwas Lockendes und Verführerisches.
Bildsauber war die Sophie geworden. Mit Unruhe bemerkte es die Ennemoserin bei den gemeinsamen sonntäglichen Kirchgängen, daß die Burschen von Rattenberg sich öfter, als ihr lieb war, nach dem Mädel umsahen. Auch die Sophie war sich allmählich der stummen Huldigungen der Burschen bewußt geworden und wurde immer eitler und herausfordernder in ihrem Wesen.
Das alles verursachte der Ennemoserin nur noch mehr Angst vor der Zukunft. Von Monat zu Monat verschob sie es, das Mädel aus dem Haus zu geben, um sie etwas lernen zu lassen. Sie vermied es sogar, mit ihr über diesen Punkt zu sprechen, und Sophie fühlte sich so vollkommen zufrieden und behaglich, daß sie keinen andern Wunsch hegte als den, immer bei ihrer Pflegemutter bleiben zu können.
Bis eine Begegnung, die sie mit ihrer eigenen Mutter hatte, sie aus ihrer Ruhe aufscheuchte.
Wieder war der Herbst ins Land gezogen, und der Föhn, der Vorbote des Winterschnees, trieb die letzten traurigen Reste des goldgelben Blätterschmucks im tollen Reigen durchs Inntal. Lau und unnatürlich warm war die Luft, und die weißen Wolkenstriche am Himmel zogen sich immer mehr zusammen. Bedeckten das Firmament und ballten sich dann drohend zu schweren, regenverheißenden Dunstgebilden.
Tiefschwarz und in fast greifbarer Nähe hoben sich drüben im Tal die Wälder und Berge ab. Die grauen, kahlen Felsen des Sonnwendjoches hatten die eigenartige Färbung der milden Regenluft des Südwindes.
Es war noch ziemlich früh am Nachmittag, als die Sophie sich anschickte, im Auftrag ihrer Pflegemutter einen Gang ins nächste Dorf zu machen. Der Weg führte innaufwärts der Landstraße nach, in jene Gegend, wo die beiden Buben der Ennemoserin zum letztenmal gesehen worden waren. Die Sophie dachte plötzlich daran, wie die Kinder ihr junges Leben lassen mußten.
Unwillkürlich verlangsamte sie ihren Schritt und sah auf das spielerische Treiben des hellen Wassers. Ganz sanft und leise plätscherten die Wellen und hatten ein gleisnerisches Aussehen. Langsam schlenderte die Sophie ihres Weges und sang dann leise ein Liedchen vor sich hin.
Auf einmal aber blieb sie stehen und zog die Luft in scharfen Zügen ein. Wie ein Reh war sie anzusehen mit dem lauernd vorgebeugten Oberkörper und dem spähenden Blick.
Ein unangenehmer, brenzlicher Geruch lag in der Luft. Ein Geruch von Rauch und verkohltem Holz. Die Sophie kannte diesen Geruch jetzt, und sie wußte, daß irgendwo in nächster Nähe ein Karrnerlager sein mußte.
Und jäh durchzuckte es den Körper des jungen Mädchens wie mit einem elektrischen Schlag. Karrnerleute waren in ihrer Nähe. Leute ihres eigenen Standes. Die mußte sie sehen.
Seit sie damals von der Ennemoserin geführt ihr fahrendes Heim verlassen hatte, war sie nie mehr mit Karrnerleuten zusammengetroffen. Ein starkes Verlangen, wieder einmal mit Menschen ihres eigenen Standes zu sprechen, überkam sie. Sie mußte hingehen und sehen, wo die Leute waren. Vielleicht kannte sie die Karrner sogar. Oder die konnten ihr von GaudenzKeil und von ihren Leuten erzählen. So schnell sie konnte, sprang sie der Richtung nach, aus welcher der Rauch kam.
Abseits vom Wege, ganz am Rande des Innflusses, wo seine Ufer völlig mit dichtem Gebüsch verwachsen sind, hatten die Karrner ihr Lager für die kommende Nacht aufgeschlagen.
Sophie Zöttl stand wie angewurzelt und starrte auf das kleine Heim der fahrenden Leute, zu denen sie einst selbst gehört hatte. Ein großer, bissiger, schwarzer Köter kam bellend auf Sophie zugeschossen, und ein kleiner, gelber Kläffer saß vor dem mit Segeltuch bespannten Karren und sekundierte dem empörten Zorn seines Kameraden mit einem langgezogenen Geheul.
In einiger Entfernung von dem Karren war zwischen zusammengetragenen Steinen ein Feuer angeschürt. Ein großes, zerlumpt aussehendes Weib, das einen Säugling im Arm wiegte, rührte mit nachlässiger Gebärde in der über dem Feuer stehenden Pfanne. Einige hellblonde, schmutzige Kinder balgten sich in ihrer Nähe und zogen und zerrten einander an den Haaren. Als sie Sophie erblickten, schnellten sie wie Gummibälle empor, um das junge, gut gekleidete Mädchen anzubetteln.
Sophie Zöttl stand noch immer regungslos da und starrte hinüber zu der Frau beim Feuer. Ganz so wie diese Frau aussah, so hatte sie ihre eigene Mutter in der Erinnerung. Nur daß sie die Benedikta jünger und hübscher im Gedächtnis trug, während diese Karrnerin ein altes, häßliches Weib war. Ein derbes Karrnerweib mit lederartiger Haut und tiefen Furchen im Gesicht. Die pechschwarzen Haare, die ihr zum Teil in wirren Strähnen über die Stirn fielen, waren schon stark mit weißen Fäden durchzogen. Und lässig und unordentlich war der Knoten des spärlichen Haares im Nacken befestigt.
Trotzdem erinnerte das ganze Gebaren des Weibes an die Benedikta Zöttl. Der Sophie fiel es jetzt plötzlich auf, daß sie jedesmal, wenn sie an ihre Mutter dachte, diese nur bei ihrem Namen nannte und ihr nie den Titel Mutter gab. Die Mutter, ihre Mutter, das war nun schon seit Jahr und Tag die Ennemoserin geworden.
Je länger die Sophie auf das Karrnerweib starrte, desto größeren Widerwillen empfand sie vor ihr, und ein warmes, inniges Gefühl von Liebe und Dankbarkeit für die Ennemoserin, die sich ihrer angenommen hatte, überkam das junge Mädchen.
Die schmutzigen, gelbhaarigen Kinder mit den zerlumpten Kleidern und den ungekämmten Haaren umdrängten die Sophie und wollten Geld von ihr haben. Dabei griffen sie immer zudringlicher werdend nach ihren Händen. Die bloße Berührung mit den ungewaschenen Rangen war dem Mädchen so widerlich, daß sie, um sich von ihnen loszumachen, auf die kleine freche Bande einschlug.
Das laute Heulen der Kinder und ein wütendes Gekläff der Hunde bewirkten, daß die Frau am Feuer aus ihrer Lethargie erwachte und auf das fremde Mädchen aufmerksam wurde. Mit nachlässigen, langsamen Schritten näherte sich die Karrnerin. Mechanisch wiegte sie den Säugling in ihrem linken Arm.
Je näher die Karrnerin kam, desto aufgeregter wurde die Sophie. Ihr Herz klopfte in unruhigen Schlägen, und die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Mit großen, erwartungsvollen Augen schaute sie auf das Karrnerweib. Und dann, als diese ihr ganz nahe gegenüber stand, erkannte das junge Mädchen seine Mutter.
Benedikta Zöttl nickte nur leise mit dem Kopf. Ohne die geringste Spur von Aufregung oder von Freude zu zeigen, fragte sie mit gleichgültiger Stimme: „Bist da, Sophal?“
Als ob sie ihr Kind erst vor wenigen Stunden verlassen hätte, so ruhig fragte das Weib. Und doch lag eine lange Trennung dazwischen. Jahre, die aus dem unreifen Kind ein wissendes Mädchen gemacht hatten und aus dem kräftigen, starken Karrnerweib eine früh gealterte Frau.
Die Sophie bemerkte erst jetzt die Veränderung, welche die Zeit bei ihrer Mutter hervorgebracht hatte. Die hohe Gestalt der Frau war eingesunken, und sie war fast zum Skelett abgemagert. Die Sophie erinnerte sich, daß beinahe alle Karrnerweiber, die sie gekannt hatte, so häßliche alte Weiber waren wie die Benedikta.
Die Karrnerin bot der Sophie nicht einmal die Hand zum Gruß. Aber neugierig betrachtete sie das gut gekleidete, hübsche Mädel und ließ dann mit Kennermiene den leise knisternden Seidenstoff ihrer Schürze durch zwei Finger gleiten. Das schwarze Samtmieder, die breite, hellfarbige Seidenschürze und das schwere Seidentuch im Mieder, der breitkrempige Hut mit der goldenen Stickerei am Innenrand und den breiten, schwarzen Moireebändern, die rückwärts fast bis zu den Füßen reichten, verliehen dem hochgewachsenen Mädel ein ungemein schmuckes Aussehen.
Befriedigt nickte das Karrnerweib. Darauf fuhr sie mit ihren derben, braunen Händen vorsichtig über die Schürze des Mädchens. „Sauber bist, Sophal!“ sagte sie dann.
Noch immer konnte die Sophie vor innerer Erregung kein Wort hervorbringen. Die Röte kam und wich aus ihrem Gesicht im raschen Wechsel. Und immer eindringlicher und aufmerksamer beobachtete das Weib ihr Kind.
„Bin aa amal so g’wesen!“ sagte sie. „Grad so wie du. Ja, ja, es ist lang her.“
Dann wiegte sie wieder ihren Oberkörper hin und her und preßte den Säugling fester an sich, als könnte er ihr entgleiten. Und die schreienden, gelbhaarigen Kinderkamen neugierig herbeigesprungen und betrachteten das fremde Mädel wie ein Wundertier. Mit offenen Mäulern standen sie da oder bohrten mit den schmutzigen Fingern vor Verlegenheit in den Nasen.
„I kenn’ di schon lang!“ fuhr die Benedikta fort. „Es hat mi do g’wundert, was aus dir g’worden ist und wie du ausschaust. Fast alle Jahr sind wir da vorbei zogen. Da hab’ i dir aufpaßt.“
Und dann erzählte die Benedikta in kurzen Worten, wie es ihr seit der Trennung von der Tochter ergangen war. „Alle Jahr a Kind, woaßt wohl. Unseroans kennt sonst nix. Es ist aa ’s beste, solang oans jung ist. Lei iatz, iatz kimmt’s mi a bissel hart an, aber es macht nix. Und der Tonl, der Bua, der war für nix. Ist bald g’storben. Hat lei mehr so dahin g’serbt, und der Gaudenz hat sei’ Wuat kriegt auf ihn. Der vertragt’s halt nit, wenn oans a so dahin serbt. Ist aa nix für unseroans, woaßt wol! Und’s Glück hat ihn aa verlassen, den Gaudenz. Hat sein’ Wagen und sei’ Roß verkafen müssen und hat g’fluacht und g’wettert. ’s war a harte Zeit.“
So erzählte das Weib, und allmählich wurde die Sophie zutraulicher. Auch sie berichtete der Mutter von ihrem Leben. Sie setzte sich zu der Frau in das Gras. Das Feuer knisterte leise in ihrer Nähe. Die Kinder tollten wieder unbändig herum und spielten und sprangen den beiden Hunden um die Wette. Der Krummschnabel, der vorne in einem kleinen Käfig am Wagen hing, rieb seinen rollenden Waldgesang. In schmelzenden, hingebungsvollen Tönen sang er sein Lied von der Sehnsucht und der Freiheit.
Die Sophie saß neben ihrer Mutter und hielt mit beiden Händen die Knie umschlungen, die sie leicht emporgezogen hatte. Versonnen starrte das Mädchen in das leise knisternde Feuer. Es war ihr, als ob die Jahre, die sie von den Ihren getrennt gelebt hatte,nun mit einemmal geschwunden wären. Ein Gefühl der Zugehörigkeit zu diesen Leuten überkam sie und ein Verlangen, mit ihnen zu ziehen, weit hinaus in die ferne Welt.
Die Benedikta wiegte ihren Oberkörper in unaufhörlich schaukelnder Bewegung und sah dabei von seitwärts fortwährend auf die Tochter. „Hast an Schatz?“ fragte sie dann über eine Weile völlig unvermittelt.
Die Sophie wurde über und über rot im Gesicht. Ohne ein Wort zu sagen, schüttelte sie verneinend den Kopf.
„Nit?“ Verwundert sah das Weib auf ihre Tochter. „Schad’!“ meinte sie bedauernd.
Es entstand eine lange Pause. Sophie starrte nachdenklich in das kleine Lagerfeuer. Ohne daß sich das Karrnerweib näher ausgesprochen hätte, fühlte das Mädchen es doch instinktiv, daß sie der Mutter leid tat, weil sie ein großes Glück nicht kannte.
Einige Burschen hatten es versucht, dem Mädchen näher zu treten. Aber jeder derartige Versuch scheiterte an der starken und sorgsamen Wachsamkeit der Ennemoserin.
„Wie i in dei’m Alter war, hab’ i schon lang mein Schatz g’habt!“ erzählte die Karrnerin nach einer Weile. „Es g’hört si für unseroans und muaß sein. Bist a saubers Madel, Sophal ...“ fuhr sie dann fort, „sei g’scheit und halt eppas auf di, und merk dir’s, sein Glück kann unseroans nur machen, so lang’s jung und sauber ist. I hätt’s aa anders troffen, wenn i g’scheiter g’wesen wär’.“
Bis zum späten Abend saßen Mutter und Tochter beim Lagerfeuer. Dann schoß die Sophie plötzlich wie ein aufgescheuchtes Wild empor. Sie erinnerte sich, daß Gaudenz Keil jeden Augenblick kommen konnte, und wollte ein Zusammentreffen mit ihm vermeiden ...
Die Sophie hatte einen hochroten Kopf, als sie heimkam und in die kleine Stube ihrer Pflegemutter trat.Die Ennemoserin brauchte nicht lange zu fragen. Die Sophie erzählte ganz von selber über ihre Begegnung mit der Benedikta.
Seit jenem Tag beschlich eine innere Unruhe das Mädchen. Es gefiel ihr nicht mehr in Rattenberg, und das enge Heim der Pflegemutter fing an, sie zu bedrücken.
Die alte Wanderlust regte sich in ihr. Jene namenlose Sehnsucht nach der ungebundenen Freiheit, die sie damals aus dem Kloster getrieben hatte. Nur daß Sophie jetzt mit reifem Willen vor die Pflegemutter trat und sie bat, sie möge sie ziehen lassen und sie möge ihr nicht hinderlich sein bei der Suche nach ihrem Glück.
Der alten Frau war’s, als greife ihr jemand mit rohen Händen ins Herz. Nun sollte sie wieder allein sein in ihrem Berghäusel am Felsen. Und das Mädel, das sie fast so lieb gewonnen hatte wie eine Tochter, sollte sie preisgeben, sie ziehen lassen, hinaus in die Welt, um sie vielleicht zu verlieren, wie sie ihr eigenes Kind verloren hatte.
Sie hatte kein Glück mit Kindern. Sie wußte es ja. Die Ennemoserin bat nicht lange. Sie fühlte, es war das beste, dem Mädel seinen Willen zu lassen ...
Zu Lichtmeß fuhr die Sophie hinauf nach Innsbruck und schaute sich in der Stadt nach einer Stellung um. Sie brauchte nicht lange zu suchen. Beim „Weißen Hahn“ im der Altstadt kam sie als Küchenmädel unter.
Jetzt hieß es schaffen und arbeiten vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Die Sophie schaffte und rackerte sich ab und scheute keine Arbeit. Und Schneid’ hatte sie für zehn. Wenn ihr einer zu nahe kommen wollte, dann schnauzte sie ihn ab. Sie wollte klüger sein, als die Benedikta es gewesen war. Sie wollte ihr Glück gründen, so lange sie noch jung und sauber war.
Das hatte ihr die Mutter geraten. Und sein Glückgründete man nur, wenn man etwas auf sich hielt und klug war mit der Wahl des Schatzes.
Da war der Hausknecht und der Schankbursche und der Kutscher. Und alle hätten sie gerne angebandelt mit dem saubern Küchenmädel. Aber alle waren sie bei der Sophie abgeschlüpft.
Die Wirtin vom Weißen Hahn war eine kluge Frau. Mit einer Art Feldherrnblick erkannte sie, daß die Sophie für den Beruf einer Kellnerin wie geboren war. Die Sophie war gerade das, was sie für ihre Stammgäste schon längst gesucht hatte. Ein hübsches, junges, resches Mädel mit einem gesunden Mutterwitz. Nach einem halben Jahr schon wurde die Sophie zur Kellnerin im Herrenstübel befördert.
Schlussvignette, Kapitel 4