Vierzehntes Kapitel.
Die materielle Lage bei den Altwirths hatte sich schon nach ganz kurzer Zeit gebessert. Sophie Rapp hatte recht behalten. Das Porträt, das Felix von ihr gemalt hatte, war zur Ausstellung gekommen und fand bei der Kritik und beim Publikum so viel Beifall, daß es seinem Schöpfer gleich einige neue Aufträge brachte.
Daß das alles so rasch gegangen war, dazu hatte allerdings Sophie das Wesentlichste beigetragen. Sie verstand es meisterhaft, eine Sache zu vertreten, deren sie sich einmal angenommen hatte.
So sprach sie neben andern auch mit Max Storf und äußerte ihm den dringenden Wunsch, daß er und seine Frau sich gleichfalls bei Felix malen ließen. Nicht ohne Ironie fragte sie der Arzt, woher denn plötzlich ein so reger Kunstsinn bei ihr komme?
„Das will ich dir schon sagen!“ hatte die Sophie ihm ohne die geringste Verlegenheit geantwortet. „Ich versteh’ nix von Kunst. Da hast recht!“ meinte sie. „Aber was ich versteh’, ist das, daß man einem Menschen aufhelfen soll, wenn er strebsam ist, nicht ihn noch niederdrücken!“
Max Storf war mit dieser Antwort zufrieden. Er lebte noch zu sehr unter dem Einfluß dieser Frau, als daß er ihr einen Wunsch hätte versagen können. Noch dazu, wo es sich um eine so vernünftige Sache handelte. Der Argwohn, der in ihm aufgetaucht war, verlor sich rasch wieder.
Der Arzt glaubte nicht an die unbedingte Treue von Sophie. Er verlangte sie auch nicht. Er wußte genau, daß es wider ihr Naturell war, einem Manne Treue zu halten. Er liebte sie, hing an ihr, weil sie ihm das bot, was er so lange entbehrt hatte. Mehr wollte er nicht von ihr und gab ihr auch nicht mehr.
Sophie hatte dem Arzt alles, was sie von Felix Altwirth wußte, erzählt. Und Max Storf fühlte ein gewisses Schuldbewußtsein gegen den einstigen Freund, um den er sich in den letzten Jahren so gut wie gar nicht mehr gekümmert hatte. Er empfand es nun als eine Ehrensache, den Künstler wenigstens jetzt überall zu fördern, wo er konnte. So kam es, daß sich nicht nur der Arzt und dessen Frau, sondern auch seine Verwandten und Bekannten bei dem plötzlich in Aufnahme geratenen Maler um ein Porträt bewarben.
Felix Altwirth hatte bald so viel zu tun, daß ihm sein bescheidenes kleines Atelier nicht mehr genügte und er sich nach einer größeren Wohnung umsehen mußte. Die neue Wohnung müsse elegant und schön sein, riet ihm Sophie. Denn nur dann könne er darauf rechnen, daß ihm die Gunst des Publikums erhalten bleibe.
„Weißt, Felix, jetzt geht’s ja. Jetzt kommst du in die Mode. Das muß ausgenützt werden. Ich kenn’ meine Leut’. Wenn die merken, daß du noch immer ein armer Teufel bist, dann ziehen sie sich zurück von dir. Aufdrahn heißt’s da! Zeigen, daß du zu an Geld kommen bist!“
Sophie hatte recht geraten. Mit dem Einzug in das neue Heim kehrte auch der Wohlstand bei den Altwirths ein. Aber nicht das Glück. Wenigstens nicht für Frau Adele. Sie blieb die einsame, fremde Frau, die sie stets gewesen war. Und blieb es jetzt durch ihre eigene Schuld.
Die Damen der Gesellschaft, die nun nach und nach alle zu Felix Altwirth kamen, um sich von ihm malen zu lassen, waren wie umgewandelt in ihrem Benehmen gegen des Künstlers Frau. Adele empfand jedoch keine Zuneigung zu den Frauen, die sie einmal aus ihrem Kreis gestoßen hatten. Jetzt wollte sie nicht mehr eine von ihnen sein, wollte allein bleiben und nur sich und ihrem Kinde leben.
Mit der Familie des Doktor Storf hatte sich in dieser Zeit wieder ein mehr herzlicher Verkehr angebahnt. Die kleine Dora kam oft, um mit Fritz und Klara, den beiden Kindern des Arztes, zu spielen. Dadurch kamen auch die beiden Frauen einander näher und lernten sich besser kennen, als bei den kühlen Anstandsbesuchen, die sie früher einander abgestattet hatten. Frau Adele fühlte es, daß sie in der kleinen verschüchterten Arztensgattin eine Leidensgefährtin besaß.
Freundliche Menschen hatten es Frau Hedwig zugetragen, daß ihr Gatte sie mit der Frau des Advokaten Rapp hinterging. Und ihre Schwester, die Frau Baurat Goldrainer, war mit aller Energie bei dem Arzt vorstellig geworden. Das hatte den Erfolg gehabt, daß Doktor Storf sich jede Einmischung in seine Privatangelegenheiten verbat und drohte, mit den Verwandten seiner Frau gänzlich zu brechen, wenn so etwas noch einmal geschehen sollte.
Frau Goldrainer hatte der ruhige Ernst ihres Schwagers einen ganz gewaltigen Respekt eingeflößt. Am meisten imponierte es ihr, daß sich Max gar nicht aufs Leugnen verlegte. Ihr eigener Mann pflegte in solchen Fällen stets so lange zu lügen, bis er überführt war. Da Max Storf gar keinen Versuch zu seiner Rechtfertigung unternahm, war die Frau Baurat fast geneigt zu glauben, daß alles wirklich leeres Gerede von den Leuten sei.
Schließlich hatte man bis jetzt weder den Arzt noch Sophie ertappen können. Kein Mensch hätte es beschwören können, ob die Beziehungen, in denen diese beiden zueinander standen, mehr als ein bloßer Flirt waren.
In diesem Sinne sprach die Frau Baurat auch zu ihrer Schwester. Sie sprach gut zu ihr und vernünftig. „Weißt Hedwig,“ meinte sie, „mach dir nix draus, wenn er auch a bissel außigrast, dein Mann. Solang er gut ist mit dirund den Kindern, geht’s schon. Laß ihm jetzt sei’ Ruh’! Er kommt schon wieder zu dir z’rück. Kümmer’ dich nit!“ riet sie ihr. „Was du nit weißt, macht dir nit heiß.“
Die Frau Baurat sprach aus dem Schatze einer reichen Erfahrung, nur daß sie jene Weisheit, die sie jetzt der Schwester vortrug, selber nicht befolgt hatte. Aber auch Frau Hedwig tat nicht, wie ihr die Schwester riet.
Etwas wie Eifersucht war in der kleinen Frau rege geworden. Jetzt, nachdem sie den Gatten verloren hatte, nachdem sie es wußte, daß er nicht mehr ihr, sondern einer andern zu eigen war, empfand sie den brennenden Schmerz eines erlittenen schweren Unrechtes. Sie forschte nicht der Ursache nach, die Max Storf in die Arme einer andern Frau getrieben hatte. Sie dachte nicht mehr an sein ehrliches Streben, ihr nahe zu kommen, sondern sie fühlte nur die Kränkung, die für sie in seiner Untreue lag.
Und aus diesem Gefühl heraus tat sie wiederum das Gegenteil von dem, was sie hätte tun müssen. Sie verfolgte den Gatten mit ihrem Argwohn. Sie schlich ihm nach, heimlich in der Nacht, bis an die Villa des Rechtsanwaltes. Dort sah sie, wie er durch die unverschlossene Gartentür ging, wie die Haustür leise von innen geöffnet wurde und sich hinter ihrem Gatten ebenso unhörbar wieder schloß ...
Nun hatte Frau Hedwig die Gewißheit, und sie trug ihr Leid nicht aufrecht und schweigend wie Adele Altwirth, sondern weinte um ein Glück, das sie in Wahrheit nie besessen hatte.
Aus der schüchternen kleinen Frau Hedwig war eine schwermütige Kranke geworden. Und wie eine Kranke behandelte sie auch ihr Gatte. Er hörte geduldig und mit Nachsicht auf ihre Klagen und auf die sich fortwährend wiederholenden bitteren Vorwürfe. Hörte siean ohne Widerrede, wie der Arzt die Stimmungen seines Patienten erträgt.
Max Storf ließ sich nicht auf Erörterungen ein. Er wußte, daß sie zu nichts anderem führen würden, als zu peinlichen Auftritten. Frau Hedwig aber weinte ... weinte und litt. Sie sehnte den Tod herbei, der sie von einem Leben befreien sollte, das für sie nie einen wirklichen Wert gehabt hatte.
Einmal war es zur Aussprache gekommen zwischen Hedwig und Adele. Das geschah, als Adele die kleine Dora vom Spiel abholte. Da traf sie wie jetzt fast immer die Arztensfrau mit verweinten und ganz verschwollenen Augen.
Mit warmem Mitleid ergriff Adele die Hand der kleinen Frau und drückte die zarte Gestalt mit sanfter Energie auf die weichen Kissen einer Ottomane, die in dem behaglich eleganten Wohnzimmer des Arztes stand. Dann setzte sie sich neben Hedwig. Der matte Schein einer großen Hängelampe, die mit einem rosafarbenen Seidenschirm verhüllt war, fiel auf die blassen Gesichter der beiden Frauen. Färbte ihre Wangen mit zartem Rot, machte das fahle Gesicht Frau Hedwigs lebhaft und milderte die ernsten, fast strengen Züge der blonden Adele.
„Frau Hedwig,“ fing Adele nun mit ihrer vollen, weichen Stimme zu reden an, „ich will nicht aufdringlich sein, will Sie nicht fragen um den Kummer, der Sie drückt. Aber ich will und muß einmal reden mit Ihnen. So oft ich Sie sehe, haben Sie verweinte Augen. Immer weinen Sie. Das ist nicht recht! Und mag Ihr Leid auch noch so groß sein, Frau Hedwig, glauben Sie mir, auch das schwerste Leid gibt Kraft, macht stark! Mankannes tragen, wenn man nur will.“
Hedwig Storf hatte bei der Rede Adelens leise und still in sich hinein geweint und ihr Gesicht mit beiden Händen verdeckt.
„Ich kann mir nicht helfen!“ sagte sie jetzt schluchzend.„Ich muß weinen, es drückt mich so! Wie eine Zentnerlast drückt’s mich!“ gestand die kleine Frau zaghaft.
„Was drückt Sie so?“ frug Adele und fuhr ihr mit leichter Hand über das dunkle Haar.
Es lag etwas mütterlich Liebkosendes in der Art, wie sie die kleine, schüchterne Frau zu trösten versuchte. Sie hatte das bestimmte Gefühl, daß es Frau Hedwig gut tun würde, wenn sie sich einmal aussprechen könnte. Und deshalb frug sie.
Hedwig schluchzte laut auf. „Es ist das Schlimmste, das eine Frau treffen kann, wenn der Mann keine Lieb’ nit hat!“ stieß sie erregt hervor.
„Hat er das nicht, Frau Hedwig?“ frug Adele weich.
„Nein!“ Hedwig schüttelte traurig den Kopf. „Die andere, die Sophie Rapp, die Person ...“ fing sie jetzt in krankhafter Erregung zu schimpfen an, „die ist’s! Ich hab’ ihn selber zu ihr gehen sehen. Ich ...“
Da nahm Adele die Hand der kleinen Frau tröstend in die ihrige. Die beiden so ungleichen Frauen saßen jetzt ganz eng aneinander gedrückt. Hedwig blaß und schüchtern und trostsuchend. Die andere gerade und aufrecht, selbstbewußt und voll Würde. Eine lange, lange Pause entstand. Keine der beiden Frauen sagte ein Wort. Und so still war es in dem dämmerig beleuchteten Zimmer, daß es Hedwig vorkam, als könnte sie von der Frau, die ihr zur Seite saß, den lauten, kräftigen Schlag des Herzens hören.
Da plötzlich frug Adele, und ihre Stimme klang leise, fast flüsternd: „Glauben Sie, daß nicht auch andere Frauen das gleiche Leid erdulden müssen?“
Frau Hedwig sah erstaunt zu ihr auf.
„Sie sagen das so seltsam, Frau Altwirth ...“ sprach sie. Dann über eine Weile fuhr sie nachdenklich fort: „Ich hab’ g’hört ... sollt’ es wahr sein ... daß die Frau Rapp ...“ Mit großen, fragenden Kinderaugen sah siezu der blonden Frau auf. „Aber das kann ja nit wahr sein. Da müßten Sie ja schrecklich unglücklich sein!“ sagte Hedwig naiv.
Und wieder herrschte tiefes Schweigen in der dämmerigen Stube.
„Wer sagt Ihnen, daß ich es nicht bin?“ frug Adele kaum hörbar.
„Ja ... aber ... aber ...“ stotterte Frau Hedwig verwirrt. „Ich begreif’ nit ... Ich begreif’ Sie nit ...“
„Begreifen nicht, daß ich nicht auch weine und mich aufreibe wie Sie?“ sagte Adele mit wehmütigem Lächeln. „Nicht wahr?“
Frau Hedwig nickte stumm und sah noch immer ganz verwundert und bekümmert zu der andern empor.
„Weil ich mehr Lebensmut besitze, als Sie, Frau Hedwig!“ fuhr Adele in bestimmtem Ton fort. „Mehr Mut und ... verzeihen Sie ... mehr Stolz!“
„Stolz?“ frug Frau Storf verständnislos.
„Ja, auch das merken Sie sich, Frau Hedwig! In dem Augenblick, wo die Frau aufgehört hat, für den Mann als Weib zu existieren, in jenem Augenblick muß ihre Würde einsetzen. Man weint und bettelt nicht um eines Mannes Liebe. Man trägt es ... fügt sich drein, und dann steigt man im Wert. Und das ist auch etwas, Frau Hedwig! Glauben Sie mir!“
Frau Hedwig Storf ließ ihr zierliches, schön geformtes Köpfchen hängen. Wie ein kleines, trauriges Vogerl, so kam sie der jungen blonden Frau vor. Es war etwas Rührendes, kindlich Vertrauensvolles in dem Wesen der kleinen Frau, als sie zu Adele aufblickte in stummer Bewunderung.
Sie konnte den Sinn der Rede nicht ganz erfassen. Dafür war sie innerlich zu unklar und zu verwirrt. Aber fortwährend hatte sie nur den einen Gedanken ... wenn die Sophie wirklich den Maler Altwirth liebte, dann ...dann ... konnte doch noch alles gut werden in ihrer Ehe. Dann konnte ihr eigener Mann wieder zurückfinden zu ihr. Dann ... Und aus diesem Gedankengang heraus bat sie jetzt Adele, sie möge die Vermittlerrolle übernehmen zwischen ihr und dem Gatten.
„Denn wissen’s, Sie sind g’scheit. Sie packen die Sach’ sicher besser an wie meine Schwester ...“ bat sie leise.
Es lag so viel vertrauensvolle Zuversicht in ihrer Bitte, daß Adele nicht ablehnen mochte. Sie freute sich über den guten Erfolg, den ihre Worte bei der jungen Arztensfrau gehabt hatten. Und sie bemerkte es auch mit Befriedigung, daß Frau Storf von jener Zeit an mehr an sich hielt und viel ruhiger und gefaßter wurde ...
Frau Adele Altwirth zerbrach sich nicht lange den Kopf darüber, auf welche Art sie die übernommene Mission zur Ausführung bringen sollte. Sie überließ es dem Zufall. Der würde ihr schon helfen.
Felix Altwirth und Max Storf waren einander auch etwas näher gekommen. Der Arzt suchte den ehemaligen Jugendfreund auf, so oft er konnte. Er zeigte sich bei jeder nur möglichen Gelegenheit öffentlich mit ihm und versuchte es redlich, das alte, innige Freundschaftsverhältnis, das die beiden einmal vereint hatte, wieder herzustellen.
Aber trotz aller Bemühungen schien es, als ob der Riß, den diese Freundschaft erlitten hatte, nicht wieder gut zu machen sei. Felix konnte es nicht verwinden, daß auch Storf zu jenen gehört hatte, die ihn in den Zeiten der Not ruhig seinem Schicksal überließen. Dann war noch ein Grund vorhanden, der ein vollständiges Vertrauen bei Felix nicht aufkommen ließ. Und dieser Grund war Sophie.
Max Storf hatte sich in seinem Innern schon längst damit abgefunden, daß er nicht der einzige war, der sich Sophiens Gunst erfreuen durfte. Ihm war esgleichgültig, ob Felix oder ein anderer ihre Liebe genoß. Er hegte deshalb auch keinen Groll gegen Felix, und Sophie war rasch in seinen Gedanken vollständig ausgeschaltet, wenn er sich in Gesellschaft des Malers befand.
Bei Felix Altwirth jedoch stand die Sache anders. Er wußte es noch immer nicht mit Bestimmtheit, wie die Beziehungen zwischen Sophie und Max Storf eigentlich beschaffen waren.
Als er Sophie einmal deswegen zur Rede stellte, lachte sie ihn aus. „Aber Felix, Schatz! Was glaubst du denn? Jetzt, wo ich dich hab’!“ sagte sie und nestelte sich zärtlich an ihn. „Da gibt’s doch überhaupt keinen andern Mann mehr für mich auf der Welt!“ log sie ihm dreist ins Gesicht.
Felix jedoch, der mißtrauisch geworden war, gab nicht nach. Für ihn war Sophie bald wieder zu jenem hohen Ideal geworden, das sie in seinen Jugendjahren gewesen war. Er hörte wohl das Gerede der Leute. Aber alles in ihm sträubte sich, daran zu glauben. Nur ab und zu tauchten Zweifel über ihre Treue in ihm auf. Der Gedanke, daß dieses Weib, das er mit so verzehrender Glut liebte, auch einem andern zu eigen sein könnte, machte ihn rasend.
„Du darfst niemandem gehören, Sophie, nur mir!“ forderte er im drohenden Tone. „Ich ertrag’s nicht. Hörst du?“
„Aber Schatz!“ lachte die Sophie ausgelassen. „So eifersüchtig bist du! Da könnt’ man sich ja völlig fürchten vor dir!“ sagte sie schmeichelnd und zog ihn mit sanfter Gewalt zu sich nieder.
In dem Atelier des Malers standen jetzt weiche Polstermöbel, tiefe Lehnsessel, in die man sich versenken konnte. In einem dieser wohlig weichen Sessel hatte Sophie Platz genommen und Felix zärtlich zu sich gezogen, so daß er vor ihr auf den Knien zu liegen kam. Dann bettetesie seinen Kopf in ihren Schoß und zauste ihm mit ihren beiden Händen spielerisch das volle blonde Haar.
Felix machte sich gewaltsam los von ihr. „Fürchten, ja, das kannst du dich auch, wenn ...“ rief er leidenschaftlich.
„Wenn? ...“ frug sie innig und hielt ihm ihre vollen Lippen zum Kusse hin.
„Weib!“ sagte Felix schwer atmend. „Du ... du hast mich ja ganz in deiner Hand! Du ...“
Sophie hielt nun den Kopf des Malers in ihren Armen, so daß er das erregte Klopfen ihres Herzens hören konnte.
„Ich mach’ mit dir, was ich will ...“ sagte sie leise und flüsternd. „Du bist mein ... ganz mein!“ Fest und innig hielt sie den Mann umschlungen und küßte ihn lange und mit heißer Glut.
Völlig betäubt erhob sich Felix über eine Weile. Er hatte das bestimmte Gefühl, Wachs zu sein in den Händen dieses Weibes ... alles tun zu müssen, was sie wollte ... als Sklave ihrer Liebe, als ein unfreier Mensch in seinen Handlungen.
„Sophie, spiel’ nicht mit mir ...“ bat er sie jetzt fast schüchtern. „Es könnt’ ein Unglück geschehen. Du bist mir alles! Mein Gott und mein Schicksal! Mein Leben und meine Kunst!“
Und Sophie verstand es, ihn so zu beruhigen, daß er alle seine Zweifel über Bord warf und auf ihre Treue geschworen hätte.
In den Stunden, in denen sich Felix der Verwirklichung seiner großen Arbeiten widmete, da war es immer und immer wieder Sophie, die ihm den Ansporn gab. Sie war ihm Modell geworden. Ohne sie konnte er sich keines seiner Werke denken.
Er malte sie so, wieersie kannte. Ihre Glut, ihre Leidenschaft und die Rätsel ihres Wesens, die sie ihm auferlegte, alles fand sich in seinen Studien wieder.Und wenn er eine blonde, helle Frau malte, so gab er den Augen die zehrende, verlockende Sehnsucht ihres Blickes. Es war sie, ihr Körper, ihr Gesicht und ihre Seele, die ihn stets aufs neue fesselten ...
Doktor Storf war wieder einmal zu Felix gekommen und hatte diesen nicht angetroffen. Das Dienstmädchen führte ihn, wie sie das stets zu tun pflegte, in das Atelier des Malers. Herr Altwirth müsse bald kommen, sagte sie.
Der Arzt hatte Platz genommen und blätterte interessiert in den zahlreichen Skizzenbüchern, die verstreut auf den Tischen herumlagen. Max Storf sah, daß es fast durchwegs dieselbe Frauengestalt war, die den Künstler begeistert hatte. Er glaubte diese Frau gut zu kennen, und unwillkürlich mußte er lächeln über die schwärmerische Bewunderung für sie, die ihm aus den künstlerischen Entwürfen entgegenglühte.
Max Storf saß bequem mit übereinander geschlagenen Beinen in einem der weichen Polsterstühle und hatte sich so sehr in ein Skizzenbuch vertieft, daß er es gar nicht bemerkte, wie Adele Altwirth schon seit einiger Zeit das Atelier betreten hatte und ihn mit ruhigem Blick beobachtete.
Als er zufällig aufschaute, sah er die junge Frau in der Mitte des Raumes stehen. Der fahle Schein des Tageslichtes fiel durch die hohen Fenster, fiel auf ihre schlanke Gestalt und ließ ihr weiches, aschblondes Haar hell aufleuchten.
Adele Altwirth trug ein schlichtes, weißes Kleid, das, so einfach es auch war, doch so sonnig und freudig wirkte, daß Doktor Storf einen Augenblick wie geblendet auf die junge Frau starrte. Dann erhob er sich leicht verwirrt, um sie zu begrüßen.
Frau Adele und Doktor Storf kannten sich nur ganz flüchtig. Wenn sie sich sahen, war die Begegnung bloßoberflächlich gewesen. Max Storf hatte sich auch nie sonderlich für die junge Künstlersfrau interessiert. Sie war ihm zu ernst und zu gemessen. Er liebte nicht die stolze Würde bei den Frauen. Seiner Ansicht nach sollten die Frauen heiter sein; denn sie waren dazu ausersehen, den Ernst des Mannes mit ihrem Frohsinn zu vertreiben.
Auch Adele hatte für den Arzt erst seit ihrer Unterredung mit Hedwig mehr Interesse gewonnen. Und eingedenk der Zusage, die sie Hedwig gegeben hatte, wollte sie jetzt die Gelegenheit benützen, um mit Doktor Storf zu sprechen. Vielleicht würde ein solcher Anlaß nicht so bald wiederkehren.
Sie trat mit raschem, leichtem Schritt auf den Arzt zu und bat ihn, Platz zu behalten, Felix müsse jeden Augenblick kommen, versicherte sie. Einstweilen müsse Max Storf sich eben mit ihrer Gesellschaft begnügen.
Ein feines Lächeln begleitete ihre Worte. Adele erriet es mit dem sichern Empfinden der sensitiven Frau, daß Max Storf nicht viel von ihr hielt. Daher lächelte sie jetzt, da sie seinen verwunderten Blick bemerkte, und dieses ironische Lächeln verwirrte den Arzt und machte ihn unsicher in seiner Haltung gegen sie.
Mit erzwungener Höflichkeit, die nicht ohne Verlegenheit war, sagte er daher: „Aber ich bitte, gnädige Frau, es ist mir doch eine Auszeichnung.“
Adele lehnte sich leicht in den Stuhl zurück, auf dem sie sich ihrem Gast gegenüber niedergelassen hatte, und meinte in gleichgültigem Ton: „Ich habe Sie eigentlich bei einer großen Unterhaltung gestört, Herr Doktor. Nicht wahr? Sie sahen vorhin so vergnügt aus, als ich ins Atelier kam.“
Max Storf schaute überrascht zu der jungen Frau hinüber, und sein schönes, stark gebräuntes Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick.
„Wie meinen gnädige Frau?“ frug er höflich. Erhatte ein unbehagliches Gefühl, als ob sich Adele über ihn lustig machen wollte.
„Ich meine, daß Sie das Original dieser Studien eigentlich gut kennen müßten ...“ steuerte nun Adele geradewegs auf ihr Ziel los.
„Allerdings, die meisten dieser Damen scheinen Bekannte zu sein ...“ antwortete Storf ausweichend.
„Scheinen, Herr Doktor? Nur scheinen ...“ fragte Adele mit leisem Spott.
Doktor Storf hatte sich ärgerlich erhoben und machte ein paar Schritte gegen eines der beiden Fenster, das offen stand.
Die schöne Wohnung der Altwirths lag jetzt droben in Wilten, in der Nähe der beiden großen Kirchen, deren ernstes Glockengeläute Adele damals in den ersten Tagen ihres Innsbrucker Aufenthaltes so traurig gestimmt hatte. Von den beiden Fenstern des geräumigen Ateliers hatte man den Blick auf einen großen, parkähnlichen Garten und über die Bäume der Gärten hinweg auf das Mittelgebirge mit seinen dichten Bergwäldern, verstreuten Wiesen und Häusern und auf den dicken, behaglichen Kugelkopf des Patscherkofels.
Max Storf sah hinaus auf die kleine Straße, die unten vor dem Park vorüber führte. Dann wandte er sich plötzlich um und richtete seinen forschenden Blick auf Frau Adele ... Was wollte diese Frau eigentlich von ihm? Warum machte sie sich lustig über ihn? ... frug er sich selbst in unangenehmer Stimmung.
„Sie kennen Frau Doktor Rapp doch sehr gut ...“ fuhr Adele nach einer Weile ungezwungen zu plaudern fort. „Und sie ist so unverkennbar in allen diesen Skizzen, so meisterhaft in der Wiedergabe ...“
„Ja, meisterhaft ist das richtige Wort!“ stimmte jetzt Doktor Storf eifrig bei. Er war froh, daß er einen Ausweg gefunden hatte, um sich geschickt aus der Affäre zuziehen. „Ganz richtig, es ist seltsam, wie viele feine Details Felix an dieser Frau entdeckt hat. Mit ganz andern Augen sieht man sie da auf einmal ...“
„Künstler idealisieren!“ unterbrach ihn Adele schroff. „Sie sehen vieles anders als wir.“
Durch ihren kalten, abweisenden Ton aufmerksam gemacht, kam Doktor Storf, der sich, während er sprach, mit dem Rücken gegen das Fenster gelehnt hatte, wieder näher und sah interessiert auf die blasse, schlanke Frau mit den strengen Zügen.
„Das heißt,“ widersprach er scherzhaft, „die gnädige Frau räumen dem Gatten mehr Recht ein ... weil er Künstler ist?“
Adele fühlte den Stachel, der trotz des scherzhaften Tones in dieser Rede verborgen war.
„Es liegt eine gewisse Rechtfertigung in diesem Titel!“ sagte sie ernst. „Man kann eine Sache, die unbegreiflich scheint, eher verstehen.“
„Und diese ...“ frug Max Storf zögernd, „diese erscheint Ihnen unbegreiflich, gnädige Frau?“
Adele neigte zustimmend ihr Haupt. „Ja!“ sagte sie einfach und sah ihm dabei fest in die Augen.
Max Storf hatte sich wieder auf seinen Platz gesetzt und blätterte nachdenklich in den Skizzenbüchern. „Warum sprechen Sie so zu mir?“ frug er dann über eine Weile, ohne Adele anzusehen.
„Weil ich Mitleid habe mit Ihrer Frau!“
„Und Sie ... Haben Sie mit sich selber kein Mitleid?“ frug der Arzt sehr ernst.
„Nein!“ sagte sie leise. „Ich kann es tragen. Das ist anders.“
Nun trat eine große Pause ein. Adele saß schweigend da, in ihrer leichten, nachlässigen Haltung, den Kopf gesenkt und die Arme auf die Knie gestützt. Max Storf betrachtete sie jetzt mit einer Art neugierigen Interesses.Sie kam ihm mit einem Male anders vor. Nicht kalt und verschlossen, sondern weich, nachsichtig und verstehend.
„Dann lieben Sie Felix nicht!“ unterbrach Max Storf unvermittelt das Schweigen. Er sagte es in einem so bestimmten Ton, als gebe es keinen Widerspruch.
Adele war jäh zusammengezuckt. Wie ein plötzliches Erkennen kam es über sie. Sie gab keine Antwort und starrte fest vor sich hin. Max Storf sah, daß sie noch blässer geworden war und daß sie ihre schmalen, streng geschlossenen Lippen noch mehr aufeinander preßte.
„Eine Frau, die liebt, nimmt den Kampf auf um den geliebten Mann, wenn sie nicht ganz ohne Leidenschaft ist!“ fuhr Max Storf ernst zu reden fort. „Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, aber Sie tragen selbst die Schuld daran, daß ich so zu Ihnen spreche!“ fügte er hinzu.
Adele Altwirth sah mit einem vollen Blick ihrer grauen, beseelten Augen zu dem Arzte auf.
„Warum sprechen Sie von mir?“ frug sie dann. „Es handelt sich doch gar nicht um mich!“ sagte sie abweisend.
„Nein, sondern wohl um mich ...“ pflichtete er nachsichtig lächelnd bei. „Ich soll als das räudige Schaf ...“
„Können wir nicht ernst bleiben, Herr Doktor?“
„Ja. Aber dann sprechen wir von Ihnen, gnädige Frau!“ sagte Max Storf fest.
Wiederum herrschte eine Weile tiefes Schweigen zwischen den beiden. Dann sagte Adele nachdenklich: „Was hat diese Frau nur an sich, daß sie alle Männer wie im Sturm erobert?“
„Dasjenige, was den einen fehlt und was die andern in falschem Stolz zu überwinden trachten ... Leidenschaft!“ erwiderte Max Storf bestimmt.
„Ja ... das mag es wohl sein ...“ sprach Adele mit einem träumerischen Blick. Dann erhob sie sich und reichte dem Arzt die Hand. „Und nun haben Sie dasjenige mit mir getan, was ich eigentlich Ihnen tun wollte. Siehaben mich auf die richtige Bahn gewiesen. Ich fürchte nur, Sie kommen zu spät ...“ fügte sie leise hinzu.
Es klang Traurigkeit in ihren Worten. Eine Resignation, die zu hören dem Arzt wehe tat. Max Storf war gleichfalls aufgestanden und führte die Hand der jungen Frau ehrfurchtsvoll an seine Lippen.
„Sie sind mir doch nicht böse, Herr Doktor?“ frug Adele warm.
„Nicht im mindesten, gnädige Frau!“ versicherte der Arzt. „Ich habe allen Grund, dankbar zu sein.“
„Dankbar? Wieso?“
„Weil ich in die Seele einer reinen Frau schauen durfte!“ entgegnete Max Storf mit Nachdruck. „Ich habe Sie jetzt erst kennen gelernt.“
Adele Altwirth überkam ein Gefühl des Dankes. Es war lange her, seitdem sie ein gutes, anerkennendes Wort gehört hatte. Es tat ihr wohl. So wohl, daß wieder nach langer Zeit jenes strahlende Lächeln ihr Gesicht verklärte, das ihr ganzes Wesen so warm und innig erscheinen ließ ...
Max Storf und Frau Adele sprachen von dieser Zeit an oft und gern miteinander. Sie wichen einander nicht mehr aus wie früher, sondern freuten sich darauf, sich zu sehen und wie alte, gute Freunde zu plaudern. Es lag eine Reinheit in dieser Freundschaft. Eine Reinheit, die auf der Grundlage einer gegenseitigen Wertschätzung beruhte. Sie waren beide glücklich darüber. Glücklich, daß sie sich gefunden hatten und einander etwas bedeuteten im Leben.
Schlussvignette, Kapitel 14