Mein Weg zu Dir — wie den ich deuten soll?Von bunten Blüten ist er übervoll,Die leuchten, wo mein Fuß auch immer schreitet,Und goldner Glanz ist über sie gebreitet.Kein nüchternes und graues HäusermeerSeh ich auf meinem Wege um mich her:Umspielt ist alles rings von lichtem Schimmer —Die Menschen, die ich treffe, lächeln immer —Und lächelnd schau ich ihnen ins Gesicht:So scheinen sie verklärt vom gleichen Licht,Das wohl aus meiner trunknen Seele strahltUnd alles, alles glühend übermalt.Die letzte Straße ist von Deinem BildSo ganz durchleuchtet und so ganz erfüllt,Daß Traum und Wirklichkeit sich in mir eint:Ist es denn Wahrheit, was wie Traum mir scheint?Daß Deine Sehnsucht mir entgegenbebt,Daß Deine Seele für die meine lebt,Verschwenderisch von ihrem Reichtum schenkt,Und — ganz von Zärtlichkeit für mich durchtränkt —Mit ihrer sanften Güte mich umhaucht?Mein Weg zu Dir ist ganz in Licht getaucht.
Mein Weg zu Dir — wie den ich deuten soll?
Von bunten Blüten ist er übervoll,
Die leuchten, wo mein Fuß auch immer schreitet,
Und goldner Glanz ist über sie gebreitet.
Kein nüchternes und graues Häusermeer
Seh ich auf meinem Wege um mich her:
Umspielt ist alles rings von lichtem Schimmer —
Die Menschen, die ich treffe, lächeln immer —
Und lächelnd schau ich ihnen ins Gesicht:
So scheinen sie verklärt vom gleichen Licht,
Das wohl aus meiner trunknen Seele strahlt
Und alles, alles glühend übermalt.
Die letzte Straße ist von Deinem Bild
So ganz durchleuchtet und so ganz erfüllt,
Daß Traum und Wirklichkeit sich in mir eint:
Ist es denn Wahrheit, was wie Traum mir scheint?
Daß Deine Sehnsucht mir entgegenbebt,
Daß Deine Seele für die meine lebt,
Verschwenderisch von ihrem Reichtum schenkt,
Und — ganz von Zärtlichkeit für mich durchtränkt —
Mit ihrer sanften Güte mich umhaucht?
Mein Weg zu Dir ist ganz in Licht getaucht.
Maria an Roland.
Geliebter, ich liebe Deine Verse, liebe Deine zarte Zärtlichkeit, liebe Dich, Dich, heutenurDich.
Ichkann Dir die Stunde nicht nennen, in der ich aufhörte, Dir nichts sein zu wollen als eine mütterliche Freundin. War es vielleicht in jener Dämmerstunde, in der wir durch die blühende Einsamkeit meiner Wiesen gingen — die Sonne wollte gerade untergehen — wir hatten zu sprechen aufgehört — mein Herz fühlte sich unruhig — bewegt — hungrig? Oder waren es Deine Gedichte, bei deren Anhören es mir schien, als wehten blühende Bäume mir zu Häupten, deren stillgewordene Kronen sich leise im Winde von neuem zu regen begannen?
Doch von Deinen Versen will ich Dir schreiben. Schon jetzt beginnen sie, Dir alles zu verwandeln; Hingerissenheit konnte Dich überfluten, der Du nicht zu wehren vermochtest. Aber das sollst Du ja auch garnicht. Indem Du den Gott in Dich einströmen läßt, bist Du ein Künstler; ein schlechter vielleicht für die Welt, für Dich selbst ein begnadeter.Ichkann nicht wissen, ob ein herrisch forderndes Talent sich plötzlich in Dir erhob, kann nicht wissen, wie hoch und wie weit es Dich tragen wird, nurdasweiß ich: Der Kampf beginnt, dieser Kampf, den ich selbst in so vielen Phasen kenne: Aus glühendem Schaffensrausch, aus Siegesfreude wirst Du in marternde Bangnis sinken. Entsetzen vor eigener künstlerischer Unfähigkeit wird Dich foltern. Neues Hoffen wird Dich emporreißen. Traue der Helle in Dir mehr als allen inneren Umdüsterungen. Und wolle, wenn es Dein Los sein soll, unterzugehen, — tausendmallieber im Kampfe um die Kunst fallen, denn im Kampfe mit dem dürren Leben.
Den immer Korrekten, immer Nüchternen sindwirnur seltsam — uns erscheinensiearmselig;wirschauen Verborgenes, von demsienichts sehen oder nichts sehen wollen.Wirstürzen uns freiwillig in Gefahren —siesind bedacht, sich allem ihre Ruhe Gefährdendem fern zu halten. — —
Eine seltsame Beklemmung will mich in dieser Stunde nicht verlassen. Eisern muß der eigene Glaube an das Können sein, damit wir nicht vor der Zeit stürzen. Und Du sollst nicht stürzen, hoch hinauf sollst Du steigen. Bald — wir können die Spanne Zeit nicht abschätzen — werdeichDir nur ein lichter Schattenriß sein, der sich vom anders getönten Firmament abhebt. Heute noch glaubst Du, ein Aufleuchten in meinen Augen, ein bebendes Mitdichten allein nurmeinesHerzens genüge Dir. Wohl könnte das einer Liebe höchste Staffel sein, — doch wiege Dich nicht in diesen Wahn ein. Nur zu bald wirst Du den grausamen Mut haben, mir zu erklären, daß Du weiter müssest, — — bevor Du es ahnst, werde ich Dich verloren haben.
Verloren? Verzeihe das Wort. Dachte ich nicht noch vor kurzem anders über ein solches Weiterklimmen? War es nicht immer die stille Voraussetzung, mit der ich Menschen an mich zog? War das: „Weiter“ — war der Wandel nicht der Reiz für mich in jeder Vereinigung, war er nicht ihr Ziel? Oder könnte es doch wahr gewesen sein, daß ich selbst manch eine Blüte zerriß, die ich liebevoll ins Leben gepflegt hatte? Bleiben oder Gehen? Welches mag über das verhältnismäßig glücklichere Losentscheiden? Wie immer, all meine „geistigen Errungenschaften“ entgleiten mir einem Gewande ähnlich, das nur leicht auf meinen Schultern ruhte.
„Momentane Wahrheiten!“ Welch eine richtige, aber — gefährliche Auffassung.
Es ist wohl auch körperliche Schwäche heute, die mich Trauer vorausfühlen läßt, feige Trauer; denn nie war ich von dem Naturgesetz überzeugter als jetzt, das den Künstler der Oeffentlichkeit zutreibt wie die Welle dem Strande.
Noch aber bist Du mein.Meinallein! Wie konnte ich das Wort unzählige Male aussprechen, unzählige Male schreiben, ohne seine Fülle, seine Gewalt, seine Schönheit tief in mich eingesogen zu haben! Mein, mein, heute mein, trotz alles Vergänglichen in uns und um uns. —
In den Tagen, die mich Dir fernhielten, waren meine Gedanken fessellos wie schwebende Adler, meine Empfindungen berauscht, als schritte ich auf blühenden Hyazinthenfeldern dahin. „Dank Dir, mein Gott, der Du Wunder tust,“ tönte es in mir. „Wochen, Monde, Jahre war ich unjung in meiner vermeintlichen Gefestigtheit. Kommt: Poesie, Natur, Jugend, Liebe, macht mein Leben wieder heil mit euren Zauberhänden, tanzt euren unsterblichen Reigen in mir, führt mich wieder ein in den Olymp. Du Gott der Freude und der Schmerzen, mache mit mir, was Du willst. Die Trauer ist gut, und der Jubel ist auch gut! Du läßt mich durch den Jubel gehen. Ich empfange ihn von Dir mit dankbar demütigem Herzen.“ —
Einmal, irgendwo las ich diesen Hymnus, jetzt entsteigt er neu, wie aus mir geboren, in jeder Minute meinem Herzen.
Ich erwarte Dich! Maria.
Roland an Maria.
Maria, Maria, endlich kam unsere Stunde, endlich konnte ich zu Dir eilen, durfte Dich umfangen, durfte Deinen zitternden Kuß fühlen.
Immer wieder zweifle ich an der Wahrheit aller Seligkeit, die ich erlebe. Und immer wieder verwandeln sich Glühen und Sehnen zu neuen Gebilden, die, herausgerissen aus meiner Brust, oder aus meinem Gehirn sich formen. Und immer wieder bist Du es, die mich entflammt, Du, nur Du.
Allmählich erkenne ich die Weisheit des Schicksals, das mir lange vieles von dem versagte, dessen ich bedurfte. Meine geschonte, seit Jahren kaum angetastete Empfindungsfähigkeit schreit nun jubelnd nach ihrem Recht. Du hast mich in den Festsaal des Lebens geleitet. Mit lachenden Augen will ich Dir Liebeslieder zujauchzen; jedes Lied scheint mir das erste Liebeslied, das je erklang, und ist doch alt wie die Menschheit.
Sollte ich mich meiner einstigen Fügsamkeit halber jetzt verachten, mich bemitleiden? Für beide Gefühle mangelt es mir an Zeit, denn ichmußweiter. Muß, muß, weil ich ohne die Glut meines heißen Herzens verstummen könnte. Sie allein läßt mich keinen Schlaf in all den langen Nächten finden, die mich von Dir trennen. In der heutigen blieb ich auf; ich schrieb Stunde für Stunde an — einem Stück. Lache nicht, Du, die Du mich auf einen anderen Planeten verschlagen; geliebte Heilige, lache nicht. Stille umfing mich, indes ein Plan sich in mir entfaltete. An technische Schwierigkeit dachte ich so wenig wie ein Nichtschwimmer, der dennoch ruhig ins Meer hineinschreitet.Wirst Du, aller Frauen geliebteste, einen verhöhnten Freund nicht verlassen?
Hättest Du vorher gewußt, welche Geister Du in dem schweigsamen Menschen wachzurufen vermochtest, der fremd und hilflos wie ein Kind auf jenem Feste einige Minuten zufällig an Deine Seite geschoben wurde, hättest Du auch dann, weil Du ihnfördernzu müssen glaubtest, vor ihm Halt gemacht? Schweige, Geliebte, schweige; die vibrierende Glückseligkeit Deines Herzens ist Antwort genug. Gib alleRechtfertigungauf. Komm. Steige hinan bis aufdieStufe, auf der es weder Schmerz noch Sünde gibt. Nur die Stufe hat für uns noch Bedeutung. Alt, zu alt,Duzu alt? Denkst Du dabei an die Vorstellungen derMasse, an ihre hohle Wesenheit, die sich aus Gedankenarmut und versteiften Vorurteilen zusammensetzt? Alle Wunder der Welt haben sich uns erschlossen, Maria, Du selbst der Wunder schönstes.
Dein Roland.
Maria an Roland.
Roland, Du — Du (ich glaube, es gibt keinen innigeren Ruf für uns) — „und war doch nur ein altgewohntes Wort, das oftmals achtlos floß von ihren Lippen“ —
Lange habe ich nicht mehr geträumt, heute aber sah mein Auge nach den Wolken; ich sah, wie die hellen Schichten ineinanderflossen, sich verschoben, wie sie sich in die dunklen verloren, wie sie sich wieder von ihnen lösten. Aber nichts mehr von „lösen“ heute, wir haben unsere Stunde heute schon zu viel beschattet. Nur dieses noch: Du denkst doch nicht etwa, ich trüge die Vorstellung von Entsagung in mir? Das wäre ein völliges Verkennen. Meine Handlungen werden letzten Endes von den Forderungen bestimmt, die in meinerNaturliegen. Also, sie sind eher das Gegenteil von Entsagung. Im Augenblick sind diese Forderungen vielleicht so verborgen, wie die Wurzeln eines Rosenbusches.
Ich mute Dir, geliebter Junge, wohl oft schwierige Gedankensprünge zu? Es ist aber so herrlich, zu wissen: da lebt ein Mensch, der kann niemals denken: „komisch — seltsam — närrisch“ — ein Mensch, der Andacht auch vor deinen Unbegreiflichkeiten hat. Wir armen Künstler sind ja eigentlich stets gezwungen, unsere teuersten Besitztümer zu verleugnen. Wir sollen bequem im Umgange sein, wie andere „vernünftige“ Leute. Kunst aber quillt aus Unvernunft, nicht aus Vernunft. Ein bedeutender Künstler darf aus Rücksicht für seine Kunst — ich denke an ihre Vervollkommung, an ihre größtmögliche Steigerung — Gesetze nicht nur übertreten, er kann sogar dazu verpflichtetsein. Ueber die Berechtigung seines Handelns entscheiden dann viel später seine der Welt geoffenbarten Schöpfungen. Ich erwähne dies nicht etwa als eine mir voneigenenGnaden zugebilligte höhere Moral. —
Gestern starb in meinem Hause ein alter Mann nach langem, viel, viel zu langem Siechtum. „Der Tod hat mich vergessen“, seufzte er, als ich ihn zum letzten Male besuchte. Ich lege Dir einige Blätter ein; lies, welche Gedanken sein Sterben in mir erweckte.
Der Tod beschloß, sich von der Welt zu entfernen. Wenn er zurückschaute, so entsetzte er sich vor der Gedankenlosigkeit der Menschen. Ihr ewiges Schluchzen ertrug er nicht mehr, besonders seitdem er wußte, wie rasch das Leben Tränen trocknete. Ihre oft sinnlosen Wehrufe mußten seine Liebe ersticken. Nur Ungerechtigkeit hatten sie ihm gezeigt. Unfaßlich war ihr Undank.Sie verdienten gar nicht, sterben zu dürfen.
Schrie hin und wieder einer nach dem Tode, und er kam dann wirklich, änderte der Tod eines Flehenden halber seinen Weg, was geschah? Zähneklappernd versuchte der scheinbar Lebensmüde sich vor ihm zu retten. Er hatte plötzlich für die Mißhandlungen des Lebens gar kein Gedächtnis mehr. Gleich wieder war’s, als sei nur derTodder Böse, der Unbarmherzige, der Lieblose, der feindlich Gesinnte.
Nein, lange genug hatte der Tod das Verkanntsein ertragen. Niemand konntesomißverstanden werden wie er.Wohlan! Mochten sie versuchen, ohne ihn fertig zu werden, mochten sie sich endlos am Leben quälen, diese alle, denen seine schwarzen Schleier immer nur Entsetzen bargen.
„Ich wandere aus,“ entschied der Mißhandelte, hüllte sich fest in dunkle Nebel und — entschwand.
Anfangs merkten die Menschen gar nicht, wie arm sie geworden waren. Die Alten, die geduldig — weil sie sich dem Sterben nahe wähnten — Krankheit und Ueberflüssigkeit ertrugen, sahen noch jedem Morgen erwartungsvoll entgegen. Ihre Hoffnung werde sich ja erfüllen — noch hatten sie Zeit. Sie wußten: Der Tod würde sie zur rechten Stunde holen. Aber sie erfüllte sich nicht; sie wurden achtzig, sie wurden neunzig, sie wurden hundert Jahre. Sie wurden ganz taub, ganz blind, ganz stumpf, ganz mürbe, sie wurden ganz überflüssig, sie nahmen nur noch Platz fort. Mit den Neuen verstanden sie sich nicht.Man ertrug sie nur noch.Man sah nach ihnen, weil sie eben dochdawaren. Niemand brauchte sie. Die Zeit war lange schon über sie fortgerauscht. Sie hatten sich selbst überlebt. Fröstelnd rangen sie ihre dünnen, knochigen Finger. Tag und Nacht murmelten ihre schmalen Lippen: „Vergessen vom Tode — vergessen vom Tode!“
Gleichgültig kamen die Jahre; gleichgültig gingen die Winter an den Alten vorüber. Kein Lenz ließ ihnen etwas erblühen; kein Sommer lachte ihnen. Herbst kam und Herbst ging; die Greise blieben.
Einstmals konnten Menschen, deren Liebe zueinander gewaltig war, vereint auf dem Gipfel der Glückseligkeit sterben; damals, als der Tod noch im Lande war. Sie wurdennicht gezwungen, sich vom Leben plündern zu lassen. Lächelnd konnten sie sich, Brust an Brust geschmiegt, vor dem Weniger retten. Auch das hörte auf. Keiner mehr hatte Leben oder Sterben in seiner Hand. Das aber ist das Grauenvollste: Leben zumüssen.
Menschen, die schlecht geworden, Bettler, die an ihrer Gesunkenheit litten, Unglückliche, die zu Verbrechern geworden, konnten sich nicht mehr freiwillig vom Leben lösen. Flucht aus Schande, Flucht aus unheilbaren Leiden, Flucht aus den Schmerzen unglücklicher Liebe, Flucht aus Entsetzen an mißratenen Kindern, Flucht vor Umnachtung der Gedanken gab es nicht mehr. Die Scharfrichter wurden ihres Amtes entsetzt; neue Strafen mußte der Gerichtshof ergrübeln.
Allmählich war das Wort von derHartherzigkeitdes Todes erloschen; aber plötzlich entstand für ihn die Bezeichnung: Todesengel — Engel des Todes. —
Ein anderes Schluchzen drang in die Welt und ein anderes Sehnen. Nicht der Sonne streckten sich Arme inbrünstig entgegen, sondern suchend dem entschwundenen Tode. Wehklagend irrten Menschen von Scholle zu Scholle. Inbrünstig betete man, daß er wiederkehre, der qualvoll Entbehrte. Allen Menschen schien es, sie hätten ihren Erlöser verloren, seitdem der Tod ihnen unerreichbar blieb. Sie schämten sich jener Geschlechter, von denen die Sage berichtete, daß sie dem Tode händeringend entgegengestarrt haben sollten, daß sie ihm geflucht hatten.
Haß und Bitterkeit, Ueberdruß und Kälte trieben die Menschen auseinander.
Eltern beklagten ihre lächelnden Kinder, denen später auch die Bürde eines endlosen Lebens zu tragen bestimmt war. Denn nicht in Jugendkraft und Fülle wurde ja den Erdbewohnern zu bleiben gewährt; nein, genau wie ehedem, mußten sie alles zurückgeben: Gesundheit, Hoffnung, Glauben, um zuletzt — körperlich und geistig vernichtet — sonnenlos in Nacht und Finsternis dahinzuvegetieren.
Es konnte nur eine Fabel sein, daß einst vomhartherzigenTode gesprochen wurde. Längst wußte man,werder Gütigste, der Erbarmer gewesen. Hatte man früher gefordert, daß er aus Mitleid entweiche, jetzt forderte man, daß er aus Mitleid zurückkehre. Doch nein, man forderte nicht, man flehte, man bat, man opferte.
Grauen vor dem Frühling erfüllte die Menschen, dessen Süße Leben spendet, dessen Atem befruchtet.
Immer freudearmer wurde die Erde; nur Kinder lächelten. Die Gedanken aller Erfahrenen schienen einem einzigen Ziele zugewandt: Dem Wiedererscheinen, der Rückkehr des Todes. Was bedeuteten die Tränen jener Zeiten, da man ihn besaß, gegen die Trauer, nun man ihn verloren hatte? Man begriff erst, wasVernichtungsei, nachdem das Sterben aufgehört hatte. —
Unauffindbar, unerreichbar blieb der Tod. Vögel flogen hin und her, flogen in die Weite, weil sie hofften, ihn mit ihren wundersamsten Weisen zu rühren.
Dann aber vollbrachte ein Kind das Wunder.
Obwohl die Menschen den Tod nicht sehen konnten, so hatteersie doch keine Minute aus den Augen verloren; sieblieben seine schmerzliche Liebe. Und ist es nicht von jeher das Schicksal der Liebe gewesen, verkannt zu werden? Darf Liebe danach fragen? Ach, auch der Tod sehnte sich zurück nach den Menschen. Er konnte die Süße der Küsse, die ihn mit den vom Leben Befreiten vereinte, nicht vergessen, jene Küsse, von denen ja kein Lebender singen und sagen kann.
Nicht den Greisen zuliebe kehrte der Tod zurück, nicht der Kranken halber, — der Unschuldigen wegen. Ihnen vermochte er nicht zu widerstehen.
Ein armes Mädchen hatte in Schande und Verlassenheit ein Kind geboren. Große strahlende Augen richtete das Neugeborene erwartungsvoll in die Welt. Diese leuchtenden Sterne verdunkelte der Tod. Schmerzlos glitt das schuldlos Verurteilte in des Todes Arme. In dem Augenblick erhob sich ein Hymnus ohne gleichen auf der Erde: einmal noch atmeten Müde tief und befreit auf, dann endlich schlossen sie die glanzlosen Augen für immer. Liebende umschlangen sich in heißer Seligkeit. Kämpfende, Irrende, Kranke knieten von dem Bewußtsein überwältigt nieder, nicht unrettbar an das Leben geknebelt zu sein. Licht überleuchtete an diesem Tage die ganze Welt. Auf dem Sonnenball stand hochaufgerichtet einefeingliedrigeGestalt. Nicht mehr wie einst umhüllten schwarze Schleier ihre Glieder. Umstrahlt von weißem Schimmer sank der Tod mitleidig wieder hernieder auf die Menschheit ...
Marie,DeineMaria.
Roland an Maria.
Geliebte Frau, zügele Deinen Heißsporn. (Mit wieviel Namen wirst Du ihn noch nennen können, wenn er sich so „weiter entwickelt?!“) Zügele ihn, weil er sich plötzlich für einen Beherrscher des Lebens hält, der gar nichts mehr von seiner einstigen Sklaverei weiß. Nein, zügele mich nicht. Nur, wer sich für einen Eroberer hält, kann einer werden, und ich habe ja noch so viel zu erobern: Dich, hundertmal zuerst Dich, meine Gefährtin, Du meiner Seele Köstlichstes und — auch mich; denn das Land meiner vielleicht unsterblichen Freuden in der Kunst (für mich allein unsterblichen) werde ich mir ja in unermüdlichem Werben bis zum letzten Atemzuge neu erobern müssen. Die Gewißheit, daß sie mir „anderswoher“ zuströmen könnten, suchst Du mir beharrlich zu erschüttern! Ja, ja, ich weiß, viele Stunden Deines Lebens waren reich, waren lebendig ohne mich. Aber hat Dich je so flehend, so über Worte hinaus der Hauch erschüttert, der über dem Begriff ruht: „unendliche“ Liebe — hörst Du,unendliche? Ist das nicht der Liebe beseligendstes Beiwort?Ichwürde mich freiwillig aus der Reihe der Lebenden lösen, sobald auch ich zu einer „vorübergehenden Erscheinung“ in Deinem Leben geworden wäre. —
Während ich eben wieder einmal Deinen ersten „warnenden!“ Brief las, schien die Vorstellung einer Trennung mich eine Sekunde hindurch zerreißen zu wollen, dann, (verzeih’) ja, dann habe ich gelächelt. Sollte Größenwahn mir drohen, seitdem ich glaube: Liebe muß immer Erlösung fürbeideder Liebenden sein, — Erlösung vom Tode irgend einer Art? Es gibt ja so viele Tode, an denen Menschen sterben können. —
Lächelnd nennst Du mich Deine „letzte Versuchung“! Maria, Maria! Wiese ich Dir doch auch den Weg zu Deiner letzten Erfüllung. Hättest Du sie bereits erreicht, so konnte bei unserer ersten Begegnung Dein Blick mich nicht halten. Vielleicht lauschtest Du völlig unbewußt in die Ferne auf ein Lied, das auch Du vorher nie vernommen. Laß einmal das Schicksal gewähren, wolle es nicht immer meistern. Mache Deinen dummen Streich, vielleicht ist er ein glückbringender,dannerst kannst Du erfahren, was in dem Menschen Maria steckt.
UnsereStunde gestern war beendet, grad’ als sie zu beginnen schien. Wann wirst Du mir einen Tag bescheren, einen vollen, ganzen Tag? Ich mag nicht immer „vornehm geartet“ sein.
Roland, nur Dein Roland.
Maria an Roland.
Liebster, tagelang vergaß ich, mich zu fragen, ob die unsichtbare Verkettung, die uns bindet, berechtigt oder unberechtigt sei. Liegt aber nicht schon in dem Ausdruck „Verkettung“ ein Etwas, das über alles Abwägen hinausführt? Nein, ichkannnicht mehr an das Verrinnen, Verflattern von Gefühlen denken, deren Sterblichkeit grauenvoll wäre, auch wenn sie dem lichtesten Tode verfielen.
Oft möchte auch ich mit Dir, Roland, in einer Sprache sprechen, wie sie noch nie gesprochen wurde. Dann verzweifle ich förmlich an meinem eigenen Unvermögen.
Wir hätten uns gestern viel intensiver mit Deinem Stück beschäftigen sollen. Welch ein Glück, Dich bisher nicht von der Vorstellung gehemmt zu wissen, daß es schwerlich dem Schicksal der meisten Bühnenwerke entgehen wird, unaufgeführt zu bleiben. Ganz gewiß existiert auf Erden viel Schönheit, — ich denke natürlich nicht nur an Kunst — die nie aus ihrer Verborgenheit hinausgehoben wird, die nie ihre Bestimmung erfüllt, zu bereichern und zu erhöhen. Ueber wie viele wundersame Landschaften mag nie eines Menschen Auge gleiten! In diesem Augenblicke brauche ich mir nur Spitzbergen vorzustellen, wie es unbewohnt und also auch unbeschritten in glitzerndem Eisesfunkeln mit seinen unabsehbaren Flächen und Bergen in fast märchenhafter Schönheit vor mir lag. Uns kleine Menschen lähmt aber die Möglichkeit, unsere winzigen Gebilde könnten nur dazu bestimmt sein, uns selbst die Wonnen eines Schöpferrausches zu gewähren. Wird einBaum im Urwalde nicht grünen und blühenmüssen, schreitet auch nie ein Mensch an ihm vorüber? Wir Künstler dagegen sind enge, eitle Geschöpfe, die immer gleich an Ruhm denken—an Dich, Ruhm, Du aller Eitelkeiten eitelste, gefährlichste. —
Also Dein Stück! Ja, haben wir die Rollen getauscht, die Auffassungen? Ist’s nicht, als hätteichden Konflikt ersonnen, der eine Frau, anscheinend in ruhiger Besonnenheit, auf der Höhe aller Seligkeit in den Tod treibt, lediglich aus Angst vor der Gewißheit eines allmählichen Schwindens der großen Leidenschaft zwischen sich und ihrem Geliebten?
Ein Anderer bist Du geworden — ja, ein Anderer. Wie tief ein Anderer, wer von uns wollte es entscheiden? Du hast mein Leben in Verwirrung gebracht und ich das Deine. Was wird übrig bleiben oder entstanden sein, was geboren oder getötet, was wird sich aus dieser beglückenden Verwirrtheit herauskristallisieren? Nie mehr kann ich in die Welt zurückfinden, die ich verließ, oder aus der mich eine fremde Macht stieß. Ja, Du ein Anderer — ich eine Andere, die vollgesogen ist von vielleicht kindertörichten Vorstellungen. Ach, Du, immer leben wir in Vorstellungen und Vorurteilen und nennen sie unsere Ueberzeugungen. Die Entdeckerfreude an Menschen war sicher auch ein Beglückendes, aber ich hatte zu wenig von jenem Göttlichen in mir, das ganz im Geheimen erst die Heiligkeit der irdischen Weihen verleiht. Ich meine jene Weihen, ohne die man wohl auch gut und glücklich leben und anderer Leben steigern helfen kann, ohne die man aber nie ein Genie in der Lebens-Dichtkunst wird. Nur die mit der unzerstörbarenKraft des Ideals „Behafteten“ haben kein Absterben vor dem Tode zu fürchten. Und nicht nur in der Elendswelt von Gorkis „Nachtasyl“ und nicht nur in Bezug auf den Glauben gilt des Wanderers Luka Antwort auf die Frage: „Gibt’s einen Gott?“ „Wenn Du an ihn glaubst, gibt’s einen, — glaubst Du nicht, dann gibt’s keinen.Woran Du glaubst, das gibt’s eben.“
Mir scheint, ich bin ein Genie im Glauben an das Schöne in der Welt. Aus längst vergangenen Jahren fällt mir zufällig ein Erlebnis ein, an das mich der Duft Deiner beiden roten Rosen, die vor mir auf dem Schreibtisch stehen, erinnert. Ich lebte damals bereits in der Großstadt. Im Hochsommer hätte ich mein ganzes Vermögen am liebsten den wenig verführerischen Gestalten gegeben, deren Rufe: „Rosen! Rosen, sechs für zehn Pfennige!“ durch die Straßen schrillten, während sie neben kleinen, mit wundervollen Blüten hochbeladenen Wagen dahingingen. Noch in diesem Augenblick bilde ich mir ein, die einförmigen, gleichgiltigen Anpreisungen zu vernehmen. Immer empfand ich leises Weh, wenn ich sah, wie die herrlichen Blumen so empfindungslos zusammengerafft wurden. Leicht erfuhr ich, wo diese Rosenmassen wuchsen. Ich freute mich schon den ganzen Winter hindurch auf einen Ausflug in die nahen Rosenfelder. In allen Farben sah ich sie im Geiste wogen und blühen. Erwartungsvoll bin ich hinausgefahren. Schmutzige, kleine Banditen wiesen mir das letzte Stück des Weges. Nicht eilig genug liefen sie mir voraus. Bald las ich auf plump gepinselten Schildern: „Zu den Rosenfeldern“. Ja, Roland, da stand ich denn erschreckt vor dem Stückchen Erde, nach dem ich mich solange gesehnt hatte. Mochte ich auch suchend Umschau halten, daran war nichts zu ändern, daß diese flachen, noch in ziemlicher Nähe einem Kartoffelfeld gleichenden Felder meiner Rosen Heimatboden waren. Gewiß, ich hatte einen besonders ungeeigneten Tag getroffen; der zu heftige Regen der vorherigen Tage mochte wohl der Felder Aussehen geschädigt haben. Nichts wallte und wogte. Alles war ganz niedrig gewachsen, so ganz anders, als ich es erwartete. Vielleicht wurde zu rasch und zu erbarmungslos geschnitten; sogar aller Duft war in den Augenblicken, welche ich inmitten der Felder verbrachte, wie fortgetrieben.
Anderen Tags begannen sich dann die von mir mitgebrachten Knospen langsam zu erschließen. Zarter Duft erfüllte mein Zimmer. Ich genoß ihn fast wehmütig, ohne mir darüber klar zu werden, weshalb er mich so seltsam berührte. Und ebenso weiß ich nicht, wie es geschehen konnte, daßdieRosenfelder, die ich nur im Geiste gesehen, unzerstörbar geblieben sind. Ihr Bild und ihren Zauber konnte die wirkliche Dürftigkeit nicht verlöschen. Wie oft wird es mir im Leben später ähnlich ergangen sein? Allmählich habe ich wohl zu ahnen begonnen, daß nur denen, deren Rosenfelder nie ganz vernichtet werdenkönnen, Rosen blühen, und daß jede Liebe und jedes Lebens Schönheit ebenso gefährdet ist, wie einst die meiner Rosenfelder. —
Wozu eigentlich dieser endlos lange Erguß?Eineglücklich verlebte lebendige Stunde gibt mehr als ein meisterhaft stilisierter „Kommentar“ zuunseremDenken und Fühlen.
Maria.
Roland an Maria.
Einzige, ja, warum schreiben wir uns? Auch ich frage es mich, aber ich antworte mir sehr einfach: ich weiß es nicht. Ja, was weiß ich denn? Weiß ich, warum ich geboren wurde, wann ich sterben werde? Weiß ich, warum ich — ohne bestimmten Grund — heute glücklich bin, morgen aber aus unbekannter Ursache unglücklich und ganz herabgestimmt sein kann? Weiß ich, warum ich heute strahlenden Auges einen großen Dichter zu genießen vermag, und warum ich mich morgen im Tumult nichtssagender Alltäglichkeiten herumschlage? Weiß ich, warum ich heute kühn bin wie ein Held und morgen verzagt wie ein Schwächling? Weiß ich, warum ich heute alles einzusehen scheine und morgen gar nichts? Weswegen ist es nun für mich gerade nötig zu wissen, warum ein Gott uns zwingt, einander zu schreiben? Vielleicht lockt nur der weiße Bogen, ihn zum Boten für schnell schwindende Stimmungen zu nehmen, für Stimmungen, die in jeder Färbung fruchtbarer Boden unseres Denkens und Dichtens werden können. Nur ein Hauch dringt ja bis zum Anderen, denn —ob mündlichoder schriftlich — es gelingt doch nie, sich ganz mitzuteilen. Weder in Briefen, noch in Werken sind wir wirklich restlos die, die wir für den anderen sein möchten.
Ich muß jetzt auf der Hut vor mir selber sein, weil ich merke, daß sich etwas wie Hang zum Spott in mir entwickelt, der mir zwar leicht billigen Erfolg einbringen könnte, aber nichts sonst. Nutzlos im höchsten Grade bleibt ja alles bloße Verneinen. Spötter finden wohl eine Zeitlang ihr Echo,da der Mensch es aus Langeweile nicht ungern hört, wie alles, selbst das Heiligste, verspottet werden kann. Wer selbst andachtslos ist, glaubt im Rechte zu sein und zu gewinnen, wenn er Erhabenes herabzieht. Aber nie wird der Spötter Liebe oder Verehrung finden. Selbst nicht bei denen, welche er unterhalten und zum Lachen gereizt hat. Die Menschheit liebt und achtet instinktiv meist doch nur die, welche die Menschheit geliebt und geachtet haben. Die besten Menschen waren immer anerkennend und bereit zu verehren, wenn auch nicht im Sinne von „jedermann“.
Auf Deinen Wunsch, Maria, habe ich gestern also wieder gebummelt. Das Resultat: Wie trostlos langweilig wäre es, wenn man sich immer amüsieren müßte. Glaube mir, Du und die Arbeit, Ihr seid meine Welt. Ich sehne mich nach keiner „Schule der Erfahrung“, in die ich hier leicht ohne Voranmeldung aufgenommen werden könnte; ich brauche sie nicht. Sie kann mich nur stören und verwirren. Was kümmern mich andere Frauen? Du bist mirdieFrau. Andere mögen jünger sein, schöner, reizvoller; meine glückliche Selbstversunkenheit schließt anderes Begehren aus. Jede Liebe trägt wohl ihr Tempo in sich; Du bist mir das Fortreißende. Du, die durch soviel oder so viele Leben geschritten bist, Du ermissest vielleicht nicht, daß gerade das Fernsein von allen brausenden und berauschenden Vorgängen mir Segen gebracht haben könnte. —
Ich bemühe mich nun weiter, Menschen auf die Bühne zu stellen, die leben; keine Phantasiegeschöpfe. Wird meine Kraft ausreichen, mehr als blasse Gestalten zu schaffen? DieForderung, echte Menschen zu formen, will ich mir immer als erstes Gesetz ins Gedächtnis rufen. Sollte ich jemals „Einer“ werden, so kann mein Gebiet nur das Leben der Ueberflüssigen, der Verlassenen, der Schwachen werden. Laß Dich nicht durch meinen Mangel an praktischer Erfahrung verwirren. Immer mehr treibt es mich zu denen, deren Leid sich den Augen entzieht, und das doch oft soviel nachhaltiger blutet als sichtbares Elend. Du mußt nicht immer an die Zahl meiner Jahre denken, nicht glauben, daß tiefstes Einfühlen in die Seelen der Enterbten, Gesunkenen nur der Frau eigen sei. Ueberhaupt werden männliche und weibliche Eigenschaften viel zu kraß getrennt. Eine Frau mit sogenannten nur weiblichen Tugenden, ein Mann mit Eigenschaften, die wir lediglich als männliche zu rühmen geneigt sind, können keinesfalls als ideale, vorbildliche Menschen gelten. Wenn Dir, Maria, die ganze Welt oft nichts anders als ein Garten Eden dünkt, so wirkst Du in dieser Unschuld beschämend wie ein Kind; wenn Dir die Hartherzigkeit der Gesellschaft die Augen feuchtet und sanfte Wehmut Dich verklärt, so bist Du ganz Frau, und doch, wieviele Schattierungen birgt gerade Dein Empfindungsvermögen, die von Männern mit Beschlag belegt worden sind.
Siehst Du, so wagt Dein „Anderer“ Dich zu sezieren, so rasch ließ er seinen Charakter verderben. Du mußt ihn unbedingt Deine Ueberlegenheit fühlen lassen, damit Fülle und Ueberfluß, wie nur Du sie über ihn ergießest, ihn erinnern, werDubist und — wer er.
Oft wundere ich mich, Maria, Liebste, daß man, wenn man in einem verzauberten Schlosse weilt, — und Du bistdoch mein verzaubertes Schloß — noch irgend einen Gedanken neben der Liebe haben kann. Unzählige Male möchte ich es Dir wiederholen: Ich lebe nur in Dir, und eben deshalb gleichst Du dem Samenkorn, das in tausendfachen Farben Ungeahntes zu Blüte und Frucht in mir zu treiben beginnt. Ueber die allerersten Anfänge bin ich wohl schon ein wenig hinaus. Immer mehr packt es mich, dieses Ungeahnte, das sich beim ersten tiefen Blick von Dir scheu zu regen begann.
Darf man sich im Rausch einer heiteren Zuversicht hingeben, und darf man dieser heiteren Zuversicht vertrauen? Plötzlich halte ich mich für ein Glückskind. Jedesmal, wenn ich zu Dir gehe, scheint mir die Welt ringsum heller und meine Liebe gewachsen.
Ichkannmich nicht mehr erinnern, durch wieviele düstere Straßen jeder Erdgeborene zu schleichen hat, weiß nicht mehr, wie klein Menschenkräfte im Grunde bleiben, weiß nur von Glanz und Lebendigsein. Mag dies Fühlen auch nur schöne Täuschung sein, eine wachsende Seele braucht solchen Betrug. Nur Dich liebt
Dein Roland.
Maria an Roland.
Geliebter, gestern schriebst Du von meiner Ueberlegenheit. Unsinn! Nenne es ruhig: „echt weiblich,“ aber — ich mag nicht überlegen sein. Ueberlegenheit, wie Du sie mir andichtest, scheint Wandlung — geistige und seelische — auszuschließen; Du aber mußt doch wissen, daß ich gerade in den letzten Wochen dahin gekommen bin, mich freudig auch Irrtümern zu unterwerfen. Daß jeder Tag bereit sein könnte, den vorherigen zu verneinen, übersieht unsere seltsame Kurzsichtigkeit. Fest liegen die Wurzeln, aber die Brandungen des Lebens bewegen unausgesetzt die Kronen. Aus Widersprüchen und Spannung geht Entwicklung hervor. Es ist schade, daß die meisten zu rasch, viel zu rasch aufhören nach unbegrenzten, unbestimmten, nach schimmernden Horizonten auszuschauen, gleichsam als wäre ihr Dasein verriegelt. Sie begnügen sich zu früh mit Wiederholungen, verlangen nichts als einen sicheren, festen Umriß ihres Lebens.
Roland, das alles hört sich schlimmer, umstürzlerischer an, als es im Grunde ist. Allerdings, Menschen, die schon bei lebendigem Leibe „Entseelte“ sind, mögen sich entsetzen, und vom Tempo der Masse entfernt es. Ich halte nicht viel von allgemein gültiger Gesetzlichkeit, kaum wenn sie Dieben und Mördern gilt. Und ich bin froh über jeden, der den allgemeinen Gesetzen mißtraut; es gibt doch in uns ein Etwas, das wir „Ritterlichkeit des Herzens“ nennen könnten. In diese Ritterlichkeit sind alle ungeschriebenen Forderungen hineingeschmiedet, die ein Untergehen im Gemeinen und Häßlichenunmöglich machen. Das Schönste bleibt ja doch, daß ein Menschdemmöglichst nahekomme,was er werden könnteim Sinne einer Höherentwickelung. Um die aber zu erreichen, darf er Umwege, und seien sie auch Irrwege, nicht ängstlich scheuen. Ja, er hat nicht nur das Recht, er hat sogar die Pflicht, alles zu wagen, um zu sich selbst hinauf zu wachsen. Wohl legt solch Ringen Lebens- und Todesangst auf; denn wie großartig sich ein Mensch auch nach außen gebärde, seines winzigen Ichs quälende Nöte kann er vor sich selbst doch nicht verleugnen.
Einst, es ist noch gar nicht lange her, nannte ein Freund mein Herz „weise“. Ich glaube, damals gab es ein paar Minuten, in denen ich mich über diesen Wahn freute. Weit, weit fort hast Du, Geliebter, diese meines Herzens vermeintliche Weisheit getragen; federleicht muß sie gewesen sein.
Ob wohl viele Menschen so lächelnd ihrer Welt Untergang erleben, ihn so heiter wie ich überleben? Oder ist auch dieser Untergang nur Schein? Könnte auchernur Station sein? Zu oft noch falle ich in den Kreis jener Vorstellungen zurück, von denen ich mich, seitdem ich Dich liebe, schon hundertmal für immer entfernt zu haben wähnte.
Jetzt erfüllt mich oft nichts als das Verlangen, mich wie ein Kind schluchzend über den Schoß einer Mutter beugen zu dürfen.
Da siehst Du, Geliebter, wie es um meine Abgeklärtheit bestellt ist. Wie wenig bin ich. Oder wuchs ich dennoch vielleicht durch das große Gefühl für Dich?
Deine Maria.
Roland an Maria.
Maria, immer bin ich jetzt in einem leichten Taumel; oft, vielleicht zu oft von diesem Feuerlicht geblendet, das zwischen Dir und meiner Schaffenstrunkenheit hin und her zu flammen scheint. Immer ringe ich mit „Ereignissen der Seele“, die ich niemandem schildern könnte, — auch nicht einer Maria. Ich komme mir wie das Werkzeug vor, das gestalten muß, was der „unbekannte Gott“ in ihm entfachte. Und doch muß ich „mich selber erst los werden“, muß jene Ereignisse aus mir heraus geschleudert haben, um mich von all der seligen Unwirklichkeit lösen zu können. Aber nein, nein, verzeihe, geliebte Frau, die einzige selige Unwirklichkeit erlebte ich durch Dich, danke ich Dir, Du mein holdes Verhängnis.
In den letzten Tagen überfiel mich sekundenlang die Vorstellung, ein Wirbelwind könne mich Dir, in eine andere Wirklichkeit hinein, entreißen. Aber — nicht wahr — ein so elementarer Orkan wäre aufdieserErde unmöglich? Wie kann ich Dir nur solche Torheit beichten? Erinnere Dich, was ich war, als Du mich das erste Mal sahst! Schmerz und Erregung und unbestimmte, glückverheißende Erwartung trieben mich Dir zu, und jedesmal fliege ich mit den gleichen Empfindungen Dir entgegen. Du siehst, es war nicht nur „momentane Begeisterung“, deren Du mich anfangs beschuldigtest. Ich will Dir nie entkommen, nie. Und doch konnte diese zweite unvermutete Wonne sich über mich ergießen, die miraucheine unermeßliche Fülle von Glück geschenkt hat. Begeisterung muß lange schonin mir „aufgestapelt“ gewesen sein, bevor Du kamst und mit Dir dasfröhlicheSehnen.
Nichts soll nun in meinem Leben dahinwelken, ohne Frucht getragen zu haben, deß sei gewiß! Ob ich je etwas tun könnte, etwas denken, was Du — ganz einfach sei es gesagt — nicht von mir geglaubt hättest?
Verjage den einsamen Hochmut, der jetzt zuweilen wie Unkraut jäh in mir aufsprießt. Oder sollte auch er eine Bedeutung haben, die ich jetzt noch nicht ermesse?
Meine heutige Sprunghaftigkeit bedarf der Erklärung. Ich hätte in meiner Arbeit fortfahren sollen, weil ich ganz in sie versunken schien; und doch fühlte ich mich nicht minder stark zu Dir gezwungen. Du siehst in meinen Versen heute das unzulängliche Ergebnis dieses Zwiespalts.
Nie möchte ich in alltäglichem Sinne mit Dir verbunden sein; nur das Vollkommenste meines Wesens darf Dich berühren, immer sollst Du mir heilig bleiben.
Maria, Maria, fängt das Leben schon an, mich in ein Chaos zu stürzen, in dem es von ewigen Widersprüchen gärt?
Roland.
Maria an Roland.
Roland, mein Junge, noch weiß ich nicht, wann ich die Briefe, die ichnunschreibe, an Dich abschicke, weiß nicht, ob diese Gedanken, die immer ein sinnendes Sprechen mit Dir sind, überhaupt Briefe zu nennen sein werden. Aber jetzt, nachdem das tägliche Schreiben an Dich aufhören mußte, weil mein Brief nicht mehrdiePost für Dich sein kann, zwingt mich dennoch ein Etwas, Dir — fast möchte ich sagen „Rechenschaft“ abzulegen von all dem wundersamen Durcheinanderwogen der Welt in mir.
Briefe, wie wir sie einander schrieben, verlieren indemAugenblick ihre Daseinsberechtigung, in welchem sie nicht mehr klopfenden Herzens erwartet werden. In Dein Leben trat unerwartet rasch so viel Zeit und Sammlung heischende Wirklichkeit, — wir nennen das alles nun ja Dein Glück —, daß ich kaum die Empfindung bannen kann: „Sollte es fürmichnicht doch schwer seindürfen, für dieses Glück Opfer zu bringen?“.
Während ich jetzt schreibe, lebe ich all unsere aufregenden Augenblicke noch einmal durch.
Also: Hundertmal hatte man es sich wiederholt: „es ist ja ganz egal, ob es aufgeführt wird“, und dann — freute man sich trotz dieser Versicherung so unverhältnismäßig, dann benahm man sich wie ein ganz gewöhnlicher Mitbürger, der in der Lotterie gewann. So toll hat kaum je einer an meiner Klingel gerissen wie Du, so jubelnd mich nie jemand an sich gezogen. Wort für Wort habe ich es dann vernommen: „Haben Sie tatsächlich früher nie ein Stück geschrieben?“ „Sie müssen sich aber verpflichten, all Ihre weiteren Werke zuerst unserer Bühne einzureichen.“ In buntem Durcheinander hast Du berichtet und dabei meine Hände gestreichelt.
War das unser schönster Abend, Roland? Nein, viele Stunden vor diesem waren erfüllt von Klang und Reichtum, aber jener Abend hatte einen besonderen Glanz. Ich dünkte mich wie eine Göttin, (gewiß ein törichter, ein alltäglicher Vergleich), deren Seele vor Monaten leuchtende Strahlen in Dich flutete, Strahlen, die nicht, wie es das Schicksal fast alles Strahlenden ist, erlöschen konnten, sondern aus denen Dein Schaffen geboren wurde.
Auch ohne Sekt wären wir berauscht gewesen, aber wir hatten beide die kindliche Vorstellung, irgend etwas müsse äußerlich zur Feier mitdienen. Von keinen Schwierigkeiten haben wir mehr gewußt; wir gaben uns ganz einem Zauber hin, dem wir uns nicht zu entreißen vermochten. Auch mein Blut begann zu singen. In Deinen Augen brannte Liebe, nur Liebe. Wir wußten von keinem Theater mehr. Du erzähltest mir eine Geschichte, die ich kannte, und die zu hören ich nie müde wurde: die Geschichte vom Beginn unserer Liebe. Jeden Datums entsannstDu Dich, jedes erhöhenden Augenblicks. Erwartungsvoll fragte ich wie ein lauschendes Kind in jeder Pause: „Und weiter?“ — —
Wohin war alle Erdenschwere entflohen? Bin ich je sturmdurchwühlt gewesen, von Unruhe zerquält, von Zweifeln gemartert? „Da fing mein Leben an, als ich Dich liebte.“
Ja, ja, so muß man das Leben behandeln: es belächeln, stolz und königlich ihm begegnen — sich nicht sklavisch vor ihm winden — nicht in törichtem Grübeln Kräfte vergeuden.
Eine stille Mondnacht floß durch die weiten Fenster zu uns herein, aber wir brauchten mehr Luft. „Komm,“ sagtest Du, sonst nichts. Wir stiegen die Treppen hinab und wanderten auf dem silbernen Mondstreifen dahin, der wie ein schmaler Teppich vor unseren Füßen flimmerte.
Konnte der Traum von dem, was das Leben nie zu gewähren scheint, dennoch Erfüllung geworden sein? Lautlos umfing uns der Wald. Wir hatten zu sprechen aufgehört. Ich vernahm nichts als den Gesang meines Herzens. Erst Deine Worte unterbrachen die Stille: Am folgenden Nachmittage würden wir uns zum ersten Male nicht sehen können. Die wenigen Stunden nach Schluß Deiner Bureauarbeit mußten für wichtige Besprechungen, für entscheidende kleine Aenderungen an Deinem Stück genützt werden; all das war selbstverständlich, aber etwas kann zwar selbstverständlich erscheinen, und doch — wehe tun. „Es ist Zeit heimzugehen,“ sagte ich. Meine Stimme kam mir in diesem Augenblick verändert vor. Ich fröstelte. Ein Landmann, der zur nahen Stadt mußte, trug seine Laterne in der Hand; ihr winziges Flämmchenschwebte uns entgegen. Sicher wollte er zum frühen Markt. Da erinnerte ich mich, daß das Leben weiterging. Wir sprachen wieder mit Erregtheit von Deinem Stück, von all den neuen Aussichten, die seine Annahme eröffnete.
Später.
Roland, Roland! Am nächsten Sonnabend findet also schon die Aufführung statt! Seit Wochen gelten all unsere Gespräche diesem Ereignis. Wir können an nichts denken außer an Schauspieler, Proben, Kritik, Regie, Wirkung auf ein Publikum oder an ähnliches. Du hältst Dich für alle Fälle gewappnet. Mir scheint, für Niederlagen ist man nie genügend oder richtig gewappnet, aber trotzdem — so oft Du jetzt von „verblödetem Publikum“, von „nichtssagender Presse“ sprichst, steht Dir auch das. Oft sehe ich Dich, Du weißt es ja, nur stumm staunend an.
In den Tiefen Deiner Seele, in Deinem großen Gefühl für mich kann sich nichts verändert haben, nur die stillen Pfade, auf denen wir dahin wandelten, sind bevölkert.
Der Zufall oder das Glück haben Dich aber auch fast beängstigend rasch in die Höhe geschnellt. Zwar ist noch nichts entschieden, jedoch allein die Möglichkeit, einem Publikum Dein Können vorzuführen, bedeutet ja schon unabwägbar viel. Ein so unwahrscheinliches Zusammentreffen, wie Du es erlebtest, würde sicher in einem Roman belächelt werden, während doch die Wirklichkeit oft genug die tollsten Sprünge vollführt: ein bescheidener Bankbeamter, der nur Interesse an seinen Büchern zu haben scheint, arbeitet neben einem jungen Menschen, dessenOnkel Dramaturg an einem ersten Theater ist. Wie haben wir gelacht, als Du des Kollegen „Aufschneiderei“ erwähntest. Aber man konnte ihm ja „unser“ Stück anvertrauen. Wir sind gar nicht erwartungsvoll gewesen. Unsere fieberhafte Unruhe entsprang anderen Gründen, ganz anderen; sie lagen weit ab vom Theater.
Schon nach acht Tagen kam die Einladung ins Büro der Direktion.
Später.
Freitag. Noch vierundzwanzig Stunden! Roland, ich habe richtige Examensangst; Herzklopfen wie ein Schulmädchen. Und weshalb? Nur weil sich morgen der Vorhang vor Deinem Stück heben wird. Dabei wiederhole ich mir immer wieder: Was bedeutete es, wenn es durchfiele? Deshalb bist Du doch „etwas“; deshalb berechtigt Dein Talent doch zu besonderen Erwartungen. Du wirst nicht leicht zu entmutigen sein, auch wenn die Presse Dich dies erste Mal ablehnt. Wie immer die Würfel fallen,meinenGlauben hast Du nötig; denn auf wechselnde Stationen mußt Du Dich nun gefaßt machen: vor den ersten toten Zeiten in Deinem künstlerischen Schaffen wirst Du Dich entsetzen, vor gänzlichem Versanden zittern; Du wirst dann nicht hoffen, daß sich je wieder in Dir etwas regen könne. Mehr als je wirst Du mich brauchen, meine Erfahrung, meinen nie zu erschütternden Glauben. Das ist ja noch kein Glaube, der nichtimmerüber einem Schaffenden schimmert, wie ein ewiges Licht, welches nie verlöschen darf. —