Hinweise zur Transkription

»Gotthold!« sagte da leise hinter mir ihre Stimme, und ihre Hand legte sich sanft auf meine Schulter. Ich hatte es nicht gemerkt, daß sie wieder aus dem Nebengemach hereingetreten war. »Das Kind schläft –«

Wie es nun auch gekommen, ob durch Zufall, ob durch unser Verdienst – das, was die Mehrzahl der Menschen in diesem Falle Glück genannt hätte, war verpaßt. Der unerbittliche Weiser der Uhr war über die Schicksalsminute hinweggeschritten und nicht wieder zurückzustellen.

»Friederike!« rief ich und fiel vor ihr nieder. Sie hatte die Haare aus der Stirn gestrichen und hob mich empor.

»Es ist besser so, Gotthold,« flüsterte sie, »glaub' es mir. Wir gehören nicht zu denen, welche die Reue nicht kennen oder sie doch zu ersticken wissen. Lass' uns schuldlos scheiden. Dann war alles wie ein Traum, aber ein seliger Traum, an den wir ohne Bitterniß zurückdenken können.«

Was sollte ich ihr entgegnen? Wie wild und ungestüm auch etwas im Innersten meines Herzens ihr widersprach, ich fand ihr gegenüber nicht mehr die überredenden, die siegreichen Worte. Aus mir selbst war das Dämonische der Leidenschaft gewichen; was übrig blieb, leuchtete wohl noch wie Abendrot, aber es wärmte nicht und zündete kein Feuer mehr an. Friederike war für mich wieder die Madonna unserer ersten Bekanntschaft geworden; kein sinnliches Begehren wagte sich an sie heran.

So sind wir von einander gegangen, glücklos und reuelos. Denn ich kann nicht behaupten, daß ich jemals später meine Entsagung, Schwäche, Dummheit oder Blödigkeit, wie man es nun nennen mag, bedauert oder dem Abenteuer ein anderes Ende gewünscht hätte. Am wenigsten in jener Neujahrsnacht, wo mir im plötzlichen Anblick der Adleruhr mit Josephinens Bildniß die Vergangenheit wieder lebendig wurde. Was damals mit der Schnelle des Gedankens und doch in hellsten Farben vor mir vorüberflog, habe ich manche Tage nachher hier niedergeschrieben. Blaß und matt das Ganze – ein rechtes Abbild meines Lebens. Am andern Tage reiste ich entschlossen ab. Auf meinen Abschiedsbrief schrieb sie mir einmal nach der Hauptstadt, es ist einer meiner theuersten Schätze; aber einen innigeren Briefverkehr lehnte sie ab. Drei Jahre nachher meldete mir der Freund, daß sie in Nizza gestorben sei.

Und ich mußte nach einer so langen, so wechselvollen Zeit, unter so veränderten Umständen ihrer Tochter wieder begegnen und wie von einer magischen Gewalt an sie gefesselt werden! Noch ehe ich eine sichere Bestätigung hatte, zweifelte ich schon nicht mehr, daß Elsa jenes Kind sei, das ich damals gehütet, bewacht und gebettet, dem ich, wie die Mutter in ihrer dankbaren Freude ausgerufen, ein zweiter Vater gewesen. Die unerklärliche Macht der Sympathie verband uns beide und wirkte zwischen uns mächtiger als die Verwandtschaft des Blutes. Uns unbewußt gab es einen geheimen Zusammenhang zwischen unseren Schicksalen und unseren Herzen, weil wir an einem dritten, an Friederikens Leben gleichen Teil gehabt. Mit einem Dasein, das vorübergegangen, mit einem Wesen, das ausgelöscht, waren wir verwachsen, und diese Gemeinsamkeit trieb uns trotz aller Hindernisse der Wirklichkeit zu einander. Zu einander und zugleich ach! aus einander! Wie durften die Lippen, die der Mutter Liebe zugeschworen, der Tochter dieselben Beteuerungen wiederholen! Die Neigung meines altenHerzens zu Elsa dünkte mich wie eine Verirrung des natürlichen Gefühls. Väterliche, freundschaftliche Empfindungen waren in dem farbenschillernden Theaterdunstkreis, der Elsa umgab, in eine Art phantastischer Leidenschaftlichkeit umgeschlagen – und wenn das Herz solche Deutung auch nicht zugeben wollte, der Verstand, die Pflicht, die Seele forderten sie gebieterisch. Einer, der als Jüngling die Mutter geliebt, konnte nicht in grauen Jahren die Tochter zum Traualtar führen – konnte vor allem nicht, weil er durch eine traurige Erfahrung wußte, daß er nicht geliebt wurde. Das Glas voll Wein ist wieder aus deiner Hand gefallen – da liegen die Scherben!

Inmitten dieses Gedankensturms, der mir im Gehirn tobte, hatte ich nur ein festes, unerschütterliches Bewußtsein: das meines Berufes. Ich war wieder an Elsa's Bett gegangen, die Fieberhitze hatte ein wenig nachgelassen. Einmal, als ich ihr den Eisumschlag zurechtrückte, schlug sie die Augen auf. »Sie sind es, mein Freund,« wimmerte sie, »wenn Sie bei mir stehen, verschwinden die Schreckbilder. Lassen Sie mich nicht sterben, ich bin die Ihre!«

Gutes Kind, deine Entscheidung kam zum Glücke schon zu spät – ein Schatten hatte sich zwischen uns aufgerichtet, den wir nicht verscheuchen durften.

Es dämmerte bereits, der trübe Morgen eines Wintertages, als ich, da jede unmittelbare Gefahr beseitigt war, in meine Wohnung hinüberging. Beinahe wäre ich zurückgefahren – wie vor einem Gespenst: in meinem Lehnstuhl saß Lüttow, im grauen Mantel, den Hut auf dem Kopfe.

»Ich erwarte Sie schon mehrere Stunden, Herr Medicinalrat,« sagte er zwischen Beben und Knirschen, »ich habe Ihrem Diener verboten, Sie zu rufen – Sie waren nebenan viel nötiger als bei mir.«

Der unheimliche Ausdruck des Mannes hatte jetzt noch die Zugabe des Verwahrlosten und Nachtschwärmers bekommen,so daß ich beinahe zweifelhaft war, ob er nicht ebenso sehr wie Elsa die Hilfe des Arztes bedürfe.

»Was begucken Sie mich von oben bis unten?« brach er aus, Hut und Mantel von sich schleudernd, »bin ich ein Todeskandidat – was liegt an mir!«

»Ein Todeskandidat,« antwortete ich gereizt – wie viele Ursachen hatte ich nicht, ihn zu hassen! – »nein, aber einer für das Irrenhaus.«

»Ich habe es auch schon gedacht. Was ich in dieser Nacht gelitten, würde auch einen besseren Verstand als den meinen außer Fassung gebracht haben. Erst als ich Sie eintreten sah, wurde mir leichter. Sie lebt, sie wird leben – ich habe nicht die Last eines doppelten Totschlages auf dem Gewissen. Aber seit Mitternacht jagte ich wild und unstät durch die Gassen, ich unter all' den Fröhlichen ein zwiefacher Mörder, der Mörder meines Jugendfreundes und meiner Geliebten. Hätte ich einen Revolver bei mir gehabt – Wetter! ich würde jetzt nicht das Vergnügen haben, Ihnen ein fröhliches Neujahr zu wünschen!«

Die Antwort ersparte mir der Diener, der mich die Thür hatte öffnen hören und nun in klugem Verständniß menschlicher Bedürftigkeit den Kaffee hereinbrachte. Mein seltsamer Gast hatte den erwärmenden Trank gewiß so nötig wie ich. »Nicht wahr – Sie verschmähen eine Tasse nicht?« sagte ich. Er trank hastig, in schnellen Zügen – in seine fahlen Wangen kam ein Schimmer von Farbe.

»Und Elsa – und Fräulein Themar,« verbesserte er sich, »ist außer Gefahr?«

»Ich hoffe es, aber schließlich würde auch ein stählerner Körper solchen wiederholten Erschütterungen nicht Stand halten, und Sie haben nun schon zum zweiten Male das Fräulein in Todesgefahr gestürzt. Trotz des Verbotes, das ich Ihnen als Arzt gegeben, sich ihr zu nähern, trotz Ihrer eigenen Versicherung, die Sie mir vor einigen Tagen machten, daß Sie jeder Hoffnung entsagt hätten. Ich habeweder Veranlassung noch Recht über Ihre Leidenschaft abzusprechen, aber Ihre Handlungen sind nicht die eines Mannes, der wahrhaft liebt.«

Nach dem Opfer, das ich in meinem Herzen gebracht, fühlte ich mich stark und hatte wieder die Stelle in diesem Drama gefunden, die meinen Jahren und meinem Stande geziemte. Ingrimmig, die geballte Faust auf dem Tische, schaute er mich von der Seite an; allein er merkte, daß seine Mienen, sein Zorn mich nicht einschüchterten.

»Nicht wahrhaft liebt? Weil ich eben anders liebe, als Sie? Weil ich kein Fischblut in den Adern habe? Weil ich nicht girre und seufze, sondern zugreife?«

»Nein,« entgegnete ich, »sondern weil Sie nicht achten, was Sie zu lieben vorgeben, und nur Ihre Befriedigung suchen, unbekümmert um die Empfindung der Geliebten.«

»Wollen Sie mich anhören?« fragte er darauf. »Der Gang zu Ihnen war mir nicht leicht; ich unterwerfe meine Handlungen nicht gern dem Urteil anderer, aber ich bin in Verzweiflung – zwischen Selbstmord und Irrenhaus.«

»Die Aufregung wird sich legen, Herr von Lüttow; sprechen Sie sich aus, vielleicht werden wir dann klarer sehen, was zu Ihrer, was zu Elsa's Heilung führen kann; ein Richter bin ich in der Sache nicht, nur ein Arzt.«

»Sie sind unter anderen Verhältnissen groß geworden als ich, haben nur mit Büchern und mit Kranken gelebt – alle Ihre Ansichten und Gefühle werden sich darum von den meinigen unterscheiden; aber Sie sind ein Mann und werden mich begreifen.«

»Ich will's versuchen, wenn auch nicht, um alles zu entschuldigen.«

»Als ob ich mich nicht selbst für einen ganz unseligen Menschen hielte! In meiner Familie sind der Jähzorn und das aufbrausende Wesen erblich. Und in einem solchen Charakter, der einer Pulvertonne gleicht, fällt nun der Funke der Liebe. Da muß wohl Würde, Haltung, Verstandin die Luft fliegen! Ich habe das Fräulein in Wiesbaden kennen gelernt, in glänzendster Umgebung, recht auf der Höhe des Lebens. Sie bewohnte mit ihrem Vater, dem Kommerzienrat Asser« –

»Asser!« nickte ich ... sie war Friederikens Tochter!

»Kannten Sie den Mann?«

»Ich habe gelegentlich von ihm gehört.«

»Sie bewohnten eine kleine, in der Nähe der Stadt reizend gelegene Villa, mit Dienerschaft, Wagen und Pferden. Welche Rolle Fräulein Elsbeth in der Badegesellschaft spielte, brauche ich Ihnen nicht zu schildern. Sie war voll Geist und Leben, immer in der geschmackvollsten Kleidung, überreich mit allen gesellschaftlichen Talenten begabt, zu Pferde sah sie entzückend aus. Ich verliebte mich in sie, blindlings, kopfüber. In dem Schwarm der Verehrer, der Freunde, der ernsthaften Bewerber, die sich um das reiche und schöne Mädchen drängten, kostete es einige Mühe, einen ersten Platz zu erringen. Aber es gelang mir, von ihr bemerkt und wenigstens durch Neckereien ausgezeichnet zu werden. Sie glauben mir, daß unser Verhältniß damals nichts von der Spannung und der Pein hatte, die es seitdem angenommen.«

»Ich glaube es gern, die Frage ist nur, durch wessen Schuld es sich verändert.«

»Schicksal! Schicksal! Ich hatte dem Mädchen gegenüber die redlichsten Absichten; wir standen in dem passenden Alter zu einander, sie brauchte, schön wie sie war, nicht zu fürchten, nur ihres Vermögens wegen geheiratet zu werden – ich bin reich, und wenn ich Schulden hatte, konnte ich sie allein bezahlen.«

»Aber was half das Ihnen, wenn Sie nicht geliebt wurden?«

»Wurde ich nicht geliebt? Das eben hat mich toll gemacht. Es hat Augenblicke gegeben, wo ich das Gegenteil glauben durfte, wo auch die anderen überzeugt waren, daßElsbeth sich für mich erklären würde. Eine unüberwindliche Scheu hielt sie indessen zurück, mir ihr Jawort zu geben. Man mag ihr von meiner Unbändigkeit und Wildheit erzählt haben, und sie empfand eine Art Schrecken vor mir, der das Gefühl der Liebe nicht aufkommen ließ. Es lag tief vergraben, wie unter einem Alp, den es nicht von sich abschütteln konnte. Und ich bin ein schlechter, ein zu ungeduldiger Schatzgräber. Manche meiner Aeußerungen und Handlungen verstärkten die schlimme Meinung, die sie von mir hatte: ich habe einmal gesagt, daß ich es wohl verstände, wenn einer in Liebesraserei die Geliebte töte. Hm! das war nicht vielverheißend für eine, die meine künftige Gattin werden sollte, um so weniger, da sie einen starken Eigenwillen und einen harten Trotzkopf hatte. So hab' ich Wiesbaden verlassen, ohne ihr Herz, ohne ihre Hand zu erhalten: die Nachricht von der gefährlichen Erkrankung meines Vaters rief mich nach meiner preußischen Heimat. Dort hörte ich von dem Fallissement des Kommerzienrats Asser – gerade sechs Monate waren seit unserm lustigen Badeleben vergangen – daß er aus Kummer darüber gestorben, daß die Tochter ihr eigenes Vermögen daran gegeben, um den Makel von dem Namen ihres Vaters zu löschen, und fern zu Verwandten, bald hieß es nach Holland, bald in die Schweiz, verzogen sei. Genug, für mich war Elsbeth Asser verschollen. Nun malen Sie sich mein Erstaunen, den Wirbelsturm von Gedanken und Gefühlen aus, als ich dies Mädchen auf der Bühne meiner Garnisonstadt als Emilia Galotti wiedersehe! Die Flamme meiner Leidenschaft war noch nicht niedergebrannt, sie schlug bei diesem Anblick mit erneuter Glut auf. Alles diente ihr zur Nahrung: Elsa's Unglück, ihr Talent, ihre neue Stellung, die verschiedenen Rollen, die sie spielte, die Selbständigkeit und Einsamkeit ihres Lebens – ach! Sie haben es ja selber durchgemacht, diese Hölle, dies Fegefeuer und Paradies, was man eine Schauspielerin lieben heißt.«

Eine Weile saß er, den Kopf in beide Hände gestützt, schweigend, in sich hinein brütend, da. »Das Uebrige,« fuhr er dann fort, »wissen Sie wohl, sie wird es Ihnen erzählt haben. Ich habe meinen liebsten Freund erschossen – aus Verblendung, Eifersucht, Jähzorn, Wahnsinn ... immer bleibt es doch bestehen: ich bin ein Mörder. Zuweilen, während der Festungshaft, hoffte ich, daß ich sie, die unschuldige Ursache meiner Unthat, hassen und fortan fliehen, daß der Schatten des Getöteten neben ihr einhergehen würde ... Es war thörichte Gespensterfurcht. Ich liebe sie heftiger als je: mein Freund ist dieser Leidenschaft zum Opfer gefallen, ihre Liebe ist mir den Ersatz für ihn schuldig. Das Blut, das vergossen wurde, kittet uns an einander – vergebliche Mühe, dies Band zu zerreißen. Manchmal regt sich die verständige Ueberlegung und sagt mir, daß Elsa mit mir und ich mit ihr unglücklich werden würde – kann sein! zischelt der Dämon dazwischen, aber zuerst werdet ihr glücklich sein. Seit Tagen suchte ich eine Unterredung mit ihr, ich wollte ihr noch einmal mein Herz ausschütten, noch einmal mich bemühen, ihren Starrsinn zu brechen – ich hatte mich hinter eine ihrer Kameradinnen gesteckt und das gutmütige Mädchen für mich gewonnen. Allein Elsa verweigerte mir den Zutritt zu ihrer Wohnung, sie mochte einen Zusammenstoß zwischen mir und Ihnen besorgen. Da machte die Vermittlerin den Vorschlag, wir alle drei sollten uns auf dem Maskenballe treffen; ich würde Muße und Gelegenheit finden, mich auszusprechen, und zugleich gäben die Oeffentlichkeit des Ortes und die Menge der Gäste Elsa Sicherheit gegen meine etwaige Heftigkeit. Daß sie einwilligte, bestätigte mir wieder den Glauben, der mich noch nicht verlassen, daß eine leise Stimme in ihrem Herzen für mich spricht.«

»Ich glaube es beinahe auch,« sagte ich unwillkürlich; seine Erzählung hatte mir ein gewisses Mitleid mit ihm erweckt.

»Sie auch!« schrie er auf. »Viktoria!« Und er umarmte mich stürmisch. »Es wird doch noch gut werden, sie wird sich umstimmen lassen und endlich erkennen, daß all mein Thun nur aus Liebe zu ihr entspringt.«

»Aber ich weiß noch immer nicht, was in der Nacht vorgefallen ist und Elsa in diesen Zustand versetzt hat,« unterbrach ich ihn.

Er rieb sich die Stirn und zog die buschigen Augenbrauen noch dichter zusammen.

»Was soll ich Ihnen sagen? Ein Wort gab das andere – man hatte mir zugeflüstert, sie dächte daran, die Bühne zu verlassen und eine reiche Heirat zu schließen – mit Ihnen, natürlich,« lachte er halb spöttisch, halb hämisch dazwischen. »Und als sie auf meine Frage, ob das Gerücht die Wahrheit spräche, nicht so antwortete, wie ich es gehofft, wogte es wie eine Blutwolke vor meinen Augen. ›Hüte dich!‹ rief ich, ›es ist schon einer um dich gestorben!‹ Gerade mußte da Mitternacht schlagen und der Jubel im Nebensaal ausbrechen – sie fiel besinnungslos nieder, mich rissen die Menschen fort oder jagten die Furien hinaus!«

»Und nun?« fragte ich nach einer längeren Pause, da er nicht Willens schien, unaufgefordert seine letzten Gedanken zu äußern, »was soll, was kann nun geschehen?«

»Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, Herr Medicinalrat, Ihnen eine Beichte abzulegen: ich kam, ein von Angst Gefolterter, der von Ihnen Tod oder Leben erwartet; das Gespräch hat mich weiter geführt, als ich beabsichtigte. Sie wissen jetzt, wie diese Geschichte begonnen und sich verwickelt hat, wie es um mein – wie es um Elsa's Herz steht. Wir sind Nebenbuhler, und wir müßten uns eigentlich die Hälse brechen, aber Sie sind ihr Retter und Arzt, Sie haben selbst vorhin zugegeben, daß Elsa's Herz sich zu mir neige – seien Sie großmütig, werden Sie mein Fürsprecher. Mir ist es immer, als wäre alles, was uns trennte, nur Schein und Mißverständniß, als bedürfte es nur einer ruhigenund glücklichen Hand, diese Scheidewand zu entfernen. Ich besitze eine solche Hand nicht, aber Sie« ...

Bei all' seiner Wildheit lag etwas Bestechendes in seinem Benehmen, und in der Entsagungsstimmung, in der ich war, konnte ich seine Bitte nicht abschlagen. Vielleicht versprach ich ihm mein Fürwort auch nur, ohne mir recht klar darüber zu werden, um mich und Elsa eine Weile von ihm zu befreien.

»Sie werden nichts unternehmen, Herr von Lüttow, bis ich Ihnen Nachricht gegeben,« sagte ich beim Abschiede.

»Auf Ehrenwort.«

»Und sich der Entscheidung des Fräuleins fügen?«

»Auch das. Es soll der letzte Versuch sein« – dabei griff er mit beiden Händen in den rötlich blonden Bart und bemühte sich, hell auf zu lachen. Aber es kam nur ein heiserer Ton und eine Gesichtsverzerrung heraus. Der Wolf in ihm stritt beständig mit dem Menschen.

Wie nach Elsa's erstem Unfall, stellte sich auch diesmal, nachdem die Kraft des Uebels gebrochen war, die Besserung und Genesung schnell wieder ein. Ihre gute Natur rückte alles bald in das Gleichgewicht; sie schrak leicht zusammen, wie die Mimose, allein die Gesundheit und glückliche Beschaffenheit ihres Körpers, verbunden mit ihrer Jugend, tilgten eben so rasch die Spuren des Schreckens. Nur aus ihrem Gemüt schien er diesmal nicht weichen zu wollen. Ihre Stimmung hatte eine düstere Färbung angenommen, kein Mittel, sie zu erheitern, schlug durch. Die Unmöglichkeit, auf der Bühne während der nächsten Tage aufzutreten, der Gram, durch eigene Unvorsichtigkeit sich den Fortgang ihrer Triumphe verscherzt zu haben, mochte mit an ihrem Herzen nagen.

»Dieser eine Maskenball,« sagte sie bitter, »hat mich von der Laune geheilt, je einen zweiten zu besuchen. Ich habe meine Thorheit theuer bezahlt, aber ich hoffe, daß es Ihrer Frau zu gute kommen wird.«

Sie glaubte oder gab sich den Anschein zu glauben, daß unsere Verbindung eine fest beschlossene Sache sei, und daß es nach allem, was geschehen, kaum noch ihrer besonderen Einwilligung bedürfe. Zunächst widersprach ich ihr nicht; die Enttäuschung, die ihrer wartete, bereitete ihr schwerlich einen ernsthaften Schmerz, die Empfindungen der Dankbarkeit und Freundschaft erlitten durch die Enthüllungen, die ich ihr zu machen hatte, keinen Eintrag, sondern erfuhren dadurch nur eine Reinigung und Läuterung; alle Schlacken eines falschen Gefühls, einer im tiefsten Grunde halb unfreiwilligen Zärtlichkeit fielen von ihnen ab, fortan brauchten sie ihren Glanz nicht von dem Namen der Liebe zu borgen, in dem Licht ihrer eigenen Schöne konnten sie strahlen. Ich allein hatte einen unersetzlichen Verlust zu beklagen, ich allein sah einer freudlosen Zukunft entgegen. Es war nur menschlich, mich eine kurze Frist noch in dem holden Wahn eines erträumten Glückes zu wiegen und dabei zugleich die Anzeichen aufzusuchen und zu finden, daß dies Glück sich niemals hätte verwirklichen lassen – so viel Selbstquälerei darin lag, so viel Stärke der Entsagung schöpfte ich doch auch daraus.

Eines Abends begann sie von ihren Eltern zu erzählen; ich müsse doch ihre Herkunft wissen, ehe ich sie heimführe. –

»Ach! Elsa, ich kenne Sie längst – länger als wir beide es bis jetzt geglaubt,« antwortete ich. »In jener Neujahrsnacht – die Uhr dort hat mir alles verraten.«

»Die Uhr? Wie merkwürdig! So altmodisch und wunderlich sie aussieht, ich habe mich nie von ihr trennen können. Schon als Kind hatte ich sie lieb, wohl des hübschen Bildes willen. Sie ist ein Erbstück aus dem Hausrat meiner Urgroßmutter, und bei dem Zusammenbruch unseres Hauses habe ich sie als eine der wenigen Reliquien einer glücklicheren Zeit gerettet. Und Sie wollen sie kennen?«

»Beinahe so genau wie Sie« – sagte ich und konnte vor Bewegung eine Thräne nicht unterdrücken.

»Um Gottes willen, was ist Ihnen, mein Freund? Sie weinen! Habe ich eine so schmerzliche Erinnerung erweckt?«

»Die traurig süßeste meines Lebens, Elsa, die Erinnerung an Ihre Mutter!«

»An meine Mutter!« Sie stand vor mir und schaute mir tief in die Augen. »Ich war noch ein Kind, als ich sie verlor, und habe nur eine ganz undeutliche Vorstellung von ihr. Sie haben sie gekannt? O sie war gut und schön, erzählen Sie mir von ihr. Ich weiß so wenig von ihrem Sein und Denken, ich bin unter fremden Leuten groß geworden. Der Vater sprach nur selten von der Vergangenheit, und ich wagte nicht oft, als ich wieder aus der Erziehungsanstalt in sein Haus zurückgekehrt war, nach der Verstorbenen zu fragen; Sie aber haben ihr ein gutes Angedenken bewahrt« ...

»Ich habe sie geliebt, Elsa« –

»Meine Mutter!« Und mit einer unbeschreiblichen Bewegung, in der sich Staunen, Scheu und geheime Freude ausdrückte, griff sie mit ihren beiden Händen nach ihrem Herzen, als müsse sie es hindern, sich durch sein lautes Pochen zu verraten.

»Und vielleicht entspringt aus dieser Liebe die Sympathie, die mich mit Ihnen verbindet,« setzte ich rasch hinzu.

Sie saß auf einem niedrigen gestickten Stuhl halb zu meinen Füßen, die Hände im Schooß verschränkt, zuweilen zu mir aufblickend, zuweilen träumerisch in die rotglühenden Kohlen des Kamins schauend. So erzählte ich ihr die Geschichte meiner ersten Liebe. Es gab nichts darin zu verschweigen oder zu übertünchen, weder hatte ich vor ihr noch hatte sie über ihre Mutter zu erröten; es war eben eine deutsche Liebe, kein Abenteuer, wie sie es in ihren französischen Komödien zu spielen pflegte. War es nun die Rührung, die mich überwältigte, oder hatte die Einfachheit und Unschuld des ganzen Vorgangs eine solche Gewalt – thränenüberströmtlegte sie ihr Haupt, als ich geendet, auf meine Kniee. Ich mußte ihr den vergilbten Brief Friederikens herüberholen, und sie las ihn mit dem Ausdruck tiefster Erregung.

»Warum mußte ich sie verlieren, ehe ich sie recht hatte lieben lernen!« schluchzte sie. »Ja, mein verehrter Freund, in der Erinnerung an sie werden wir immer vereinigt bleiben!«

»Ja wohl, in Freundschaft verbunden, liebe Elsa,« sagte ich und schloß sie in meine Arme. »Jedes unklare Gefühl ist aus meiner Brust gewichen, die Verwirrung hat sich gelöst – ich liebte ahnungslos in Ihnen die Mutter, ich glaubte mich berufen, Sie zu beschützen, als Ihr Gatte Sie zu vertheidigen – es war nur die letzte Nachwirkung jenes Dranges, der mich damals trieb, das Leben des Kindes vor dem Tode zu schirmen. Vergeben Sie mir die Irrung meines Herzens, wenn sie, wie ich fürchte, Ihnen schwere Stunden bereitet hat, und vertrauen Sie fortan in jeder Lage und zu jeder Zeit Ihrem Freunde!«

»Wie mein Leben, schulde ich Ihnen nun auch meine Freiheit,« brach sie aus, »so kann ich denn ganz, ungeteilt und ohne quälende Rückgedanken mich meiner Kunst widmen, es überkommt mich aus Ihrem, aus meiner Mutter Beispiel etwas wie eine Reinigung aller Leidenschaften, zum ersten Male fass' ich den Glauben an meine Künstlerschaft!«

Aus ihren Augen leuchtete ein Feuer, wie es mir so hell und strahlend noch nicht daraus entgegengeglänzt, eine edle Begeisterung beseelte und erhöhte ihr ganzes Wesen. Es war Unrecht, diese getragene Stimmung zu stören und, statt die eine Saite voll ausklingen zu lassen, eine andere zu berühren, die aller Wahrscheinlichkeit nach einen schrilleren Ton von sich gab. Aber wenn ich diese Gelegenheit gegenseitiger Offenbarungen versäumte, ihr von Lüttow zu sprechen, wer wollte sagen, ob ich sie bald wiederfand?Welche Ueberwindung es mich auch kostete, ich war entschlossen, ihm mein Wort zu halten. Ueberlegte ich ihr Benehmen gegen ihn, so konnte auch ich nicht daran zweifeln, daß sich das Seltsame und Widerspruchsvolle darin am besten durch eine von mancherlei Einwänden und Bedenken bekämpfte, über sich selbst ungewisse Neigung erklärte.

»Sie kennen meine Ansichten über das Schauspielertum und das Bühnenleben,« sagte ich darum nach einer Weile, an ihre letzten Worte anknüpfend. »Ich begreife sein Berauschendes, die Verklärung der ganzen Persönlichkeit auf den Brettern, im Schein der Lampen. Die Kunst selbst, wer schätzte, wer bewunderte sie nicht! Ob aber ihre Ausübung den Künstler glücklich macht? Niemand kann Ihnen eine glänzendere Zukunft wünschen, als ich, der ich frei von allen eigensüchtigen Hoffnungen und Eitelkeiten bin, dennoch dürfen Sie es der Weisheit meines Alters nicht verargen, wenn sie danach forscht, ob hinter diesem bunten Glanz sich auch wirklich Zufriedenheit und Herzensruhe verbirgt?«

Der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich, sie runzelte die Stirn und entfernte sich einige Schritte von mir.

»Herr von Lüttow hat mit Ihnen gesprochen,« sagte sie dann hart und scharf.

»Ja.«

»Er hat Ihnen unser Zusammentreffen auf dem Maskenballe erzählt?«

»Ich fand ihn am Neujahrsmorgen in meiner Wohnung als einen Verstörten; es war natürlich, daß ich Aufklärungen von ihm forderte, und daß er sie gab.«

»Er kann Ihnen nicht gesagt haben, warum ich in sein Begehren einwilligte und ihm die Unterredung gestattete. Ihre Freundschaft für mich war in Theaterkreisen bekannt geworden; ich verhehlte meine Achtung, meine Dankbarkeit nicht, und da ich entschlossen war, Ihre Hand anzunehmen, wollte ich dem Gerücht zuvorkommen und Herrn von Lüttow selbst meine Absicht ankündigen –«

»Und sich dem Ausbruche seines Jähzornes aussetzen?«

»Lieber mich als Sie!« Sie stand während des ganzen Gesprächs, hochaufgerichtet, mit finsterem Gesicht, wie zur Abwehr eines Angriffes bereit.

»Liebe Elsa,« bat ich, »beruhigen Sie sich. Lüttow bereut seine Heftigkeit, seine Eifersucht – er ist mehr ein Unglücklicher als ein Schuldiger.«

»So sprechen Sie, weil Sie ihn nicht kennen.«

»Nein, gerade weil ich einen Einblick in sein Herz gethan zu haben glaube. In seinem Schmerz war er aufrichtig und verringerte weder noch entschuldigte er seine Wildheit; er liebt Sie.«

»Und weil er mich liebt, darum scheinen Sie nun auch, wie er, zu verlangen, daß ich ihn wieder liebe! Als ob wir Frauen nur dazu da wären, uns hinzugeben, weil es einem der Herren der Schöpfung einfällt, heftiger nach uns zu begehren. Alle Männer denken in diesem Falle gleich, alle fühlen sich in der Person des einen Zurückgewiesenen verletzt.«

»Doch nicht, Elsa; ich nehme nur an, daß solch wildloderndes Feuer nicht ohne Wirkung auf ein Frauenherz bleiben kann; etwas entzünden diese Funken, Haß oder Gegenliebe, und ich zweifle, ob Sie Lüttow hassen.«

»Er hat Ihnen eingeredet, daß ich ihn lieben müsse?«

»Mich kümmern die Worte eines Verstörten nicht, aber so weit meine ich herzenskundig zu sein, um sagen zu dürfen, daß er Ihnen nicht gleichgiltig ist.«

»Nicht gleichgiltig,« wiederholte sie halblaut und ging unruhig im Gemach auf und nieder. »Warum soll ich es läugnen, daß Lüttow im Anfang unserer Bekanntschaft mir liebenswert erschien? Sein Ungestüm, seine Verwegenheit hatten einen romantischen Zug, es lockte mich, an dem Löwen meine Zähmungskunst zu versuchen; es war schmeichelhaft, einen so unbändigen Mann meinen Winken gehorsam zu sehen. Hinter der gesellschaftlichen Schranke fühlte ichmich vor seiner Heftigkeit sicher; ich stand unter dem Schutze eines strengen Vaters und war ihm ebenbürtig. Aber schon damals warnte mich etwas davor, ihm näher zu treten und mich durch ein Versprechen, eine Gunstbezeugung an ihn zu binden. Urteilen Sie selbst, wie dies innere Unbehagen, das mich schon damals in seiner Gegenwart überfiel, sich steigern mußte, als ich ihm wieder begegnete – eine arme kleine Schauspielerin, die er nun beschützen, in die Höhe bringen, für die er Sonnenschein oder Regenwetter machen konnte! Da hat sich mein Herz gewandelt. Schelten Sie es Stolz oder Eitelkeit – das Fräulein Elsbeth Asser, die reiche Tochter eines reichen Vaters, hätte wohl die Frau des Herrn von Lüttow werden und in leidlicher Ehe mit ihm leben können, aber die Schauspielerin Elsa Themar – niemals!«

»Dies ist nur eine Grille von Ihnen, ein übertriebenes Zartgefühl. Nie würde Ihnen Lüttow Ihre Künstlerschaft als einen – wie sag' ich nur – als einen Makel vorhalten, im Gegenteil!«

»Und wollen Sie vergessen, was alles aus dieser ersten notwendigen Entfremdung zwischen uns hervorgegangen ist? Seine zunehmende Wildheit, meine wachsende Furcht vor ihm, der Tod seines Freundes – eine Blutschuld, die mich immer von Neuem schaudern läßt! Sind das Mißverständnisse, die wir mit gutem Willen heben können? Wenn mein Herz zehnmal lauter für ihn spräche – ich würde es doch bezwingen und schweigend mein Leid tragen. Der lärmt mit seinen Schmerzen, dem sie nicht tief gehen. Sagen Sie ihm dies, es ist mein unabänderlicher Entschluß. Ich will endlich einmal frei sein, mir selbst und der Kunst leben, keinem Manne – da ich es Ihnen nicht kann. Sagen Sie ihm das!«

»Sage es ihm selbst, wenn du es wagst!« rief da eine heisere Stimme, und die Thür ward aufgerissen.

Im Mantel auf der Schwelle stand Lüttow. Noch heuteist es mir unerklärlich, wie er in Elsa's Wohnung gekommen; ob ich, als ich hinübergegangen war, Friederikens Brief zu holen, in der Hast die Korridorthür offen habe stehen lassen, ob er die Hilfe der Dienerin Elsa's erkauft und sie ihm heimlich die Thür erschlossen hat.

»Es dauert mir zu lange, ehe ich mein Urteil aus Ihrem Munde höre, Herr Medicinalrat – ich will es mir aus schönerem holen,« sagte er, aber er that keinen Schritt weiter in das Zimmer hinein.

»Das ist wider die Abrede, Herr von Lüttow,« entgegnete ich. »Sie lassen es mich bald genug bereuen, für Sie gesprochen zu haben.«

Bei dem ersten Ton seiner Stimme hatte Elsa gezittert, aber sei es nun, daß sie diesen Zusammenstoß im Voraus geahnt, oder daß ihr die Erregung des leidenschaftlichen Gesprächs, das sie mit mir über Lüttow geführt, ungewohnte Stärke verlieh – sie zuckte nicht, die Hand auf den Marmorsims des Kamins gestützt, stand sie, mit bleichem Gesicht und bebenden Lippen.

»Herr von Lüttow, Sie entehren sich durch diesen Ueberfall. Was wollen Sie von mir? Soll ich Ihnen wiederholen, daß ein Abgrund zwischen uns gähnt?«

»Ein Abgrund? Soll ich ihn vielleicht noch durch die Leiche des Herrn da überbrücken?« meinte er spöttisch, auf mich zeigend. »Höre mich, Elsa! Ich liebe dich wie ein Rasender, und du warest nicht immer so unempfindlich und unnahbar wie jetzt! Ich fordere Wahrheit, warum stößest du mich zurück?«

Ich wollte mich zwischen Beide werfen, denn ein Unglück schien unvermeidlich bei der Wut, die aus seinen Blicken und Worten sprach, aber Elsa drängte mich zurück.

In diesem Augenblicke schlug die Uhr mit ihrem dröhnenden Klange die neunte Stunde.

»Sie wollen es wissen?« rief sie wie außer sich. »Sagt Ihnen diese Stunde nichts? So wie heute sind Sie umdiese Abendstunde in mein Zimmer gedrungen, um mir zu sagen, daß Sie am Morgen Ihren Freund erschossen hätten. Da wußt' ich, was mein Loos – da wußt' ich, daß Sie mein Mörder werden würden. Sehen Sie denn nicht den Schatten, der neben Ihnen steht – er winkt mir! er winkt!« Und mit einem erstickten Schrei warf sie sich an meine Brust.

Lüttow hatte beide Fäuste geballt – er drang auf mich ein, als ob er mit einem Schlage mich und sie niederstrecken wollte. War es ein Zufall, daß er daran stieß oder traf sein erhobener Arm im Niederfallen die Konsole, auf der die Uhr stand – mit lautem Gekrach stürzte sie auf den Teppich des Gemachs. »Verfluchtes Gespenst!« schrie er und stampfte mit dem Fuße auf die Trümmer. Von dem Lärm und dem Geräusch der fallenden Uhr erschreckt, öffnete die Dienerin die Thür des Nebenzimmers.

»Es ist nichts!« sagte er. »Eine Uhr ist zerbrochen. Ich bin nicht so schlimm, wie ich aussehe, Fräulein Themar. Ohne Sorge, ich werde nicht Ihr Mörder werden. Gute Nacht, ich werde Sie nicht wiedersehen.«

Und den Mantel dicht zusammenschlagend, war er hinaus. Alles so schnell, gespenstisch fast, daß ich ihn, Elsa im Arme, weder festhalten noch ihm in den Weg treten konnte.

»Er ist fort!« sagte sie, sich von mir losreißend. »Mein Gott! was hab' ich gethan?«

Das lang verhaltene, halb bekämpfte Gefühl sprengte alle Bande, und wie von einer höheren Gewalt wider Willen fortgerissen, breitete sie die Arme gegen die Thür aus, durch die er entschwunden war: »Egon! Egon! ich liebe dich!« und fiel wie tot nieder.

Zu ihrem Heil! Denn so in ihrer Besinnungslosigkeit hörte sie den Schuß nicht, der ihr Antwort auf ihren Ruf gab. Unten in der Flur des Hauses hatte sich Lüttow mit einem Revolverschuß getötet, gerad' ins Herz hinein. Mitunheimlichen Gedanken war er gekommen, nun hatte er sich selbst für immer beruhigt. –

Was ist unser Leben! Von welchen Mächten hängt es ab? Diese zwei Menschen schienen für einander bestimmt zu sein, und es genügte, daß die Empfindung um wenige Atemzüge zu spät die halb physische, halb psychische Hülle, unter der sie lag, durchbrach, um das Glück Beider zu vernichten. Oder wußte es das Unbewußte besser? Hatte Elsa's Seele die richtige Vorahnung, daß sie in der Liebe zu Lüttow niemals zur Ruhe kommen würde, und fand sie darum erst das entscheidende Wort, als es zu spät war? Die Leidenschaft macht nicht glücklich, aber ach! wenn ich mich selber betrachte, auch die Entsagung nicht. Auf anderem Wege, als Lüttow, war ich zu demselben Ziele gelangt. Sein keckes Zugreifen hatte ihm so wenig genützt, wie mir mein bescheidenes Zurücktreten.

Und wenn nun wenigstens sein Tod und mein Schmerz ihr eine reine und heitere Zukunft bereitet hätten! Aber ihr Sinn ist düster und ihr Herz herbe geworden. Nur die Kunst hat von all unserem Elend Vorteil gezogen. Elsa Themar ist eine große tragische Schauspielerin. Fern von unserer Stadt, die sie nach der schrecklichen Katastrophe verlassen hat, feiert sie Triumphe.

Ob ich sie noch einmal im Leben sehen werde? Ich hoffe es kaum. Je zuweilen in langen Zwischenräumen schreiben wir uns freundliche, ja zärtliche Briefe, wie zwischen Vater und Tochter, aber mir ist es oft, als starre aus den lieben Worten ein finsteres Auge fragend mich an: hast du vielleicht doch durch deine Dazwischenkunft und deine voreilige Geschäftigkeit den unseligen Ausgang mit herbeigeführt?

Sind das nur Wahngebilde eines einsamen Träumers, der zu tief über die Vergangenheit und das Rätsel des Lebens nachgrübelt, oder ist es die unklare Stimme des Gewissens, das eine Schuld empfindet und sie doch nicht bezeichnenkann? Ich wühle in der alten Wunde, aber die Kugel finde ich nicht – den Punkt nicht in dieser Geschichte, wo ich mit meinem Wesen und Charakter anders hätte handeln können und müssen, als ich es gethan.

Eines der alltäglichsten Dinge, eine Uhr, bildete den Einschlag dieses Gewebes, in dem sich für mich so wundersam Vergangenheit und Gegenwart, Diesseits und Jenseits verbanden. Sorgfältig bewahre ich die dürftigen Scherben jenes Ziffernblattes und die Reste des Werkes – sie werden sich niemals zu jenem Ganzen wieder zusammenfügen, das sichtbarlich meiner Freuden wie meiner Schmerzen unvergessene Minuten zeigte. So behalten wir von all' unseren Geschicken, Empfindungen und Erfahrungen gleichsam auch nur Trümmer in der Hand und wundern uns dann, daß sie, wie wir sie auch wenden und drehen, nicht mehr recht zusammenstimmen wollen, weil sie den Klang verloren haben, der einst in ihnen war und sie verband.

Ende.

Frenzel, Erzählungen (Das Abenteuer. Der Hausfreund. Die Uhr.) Zus. in einem Geschenkband 2 Mark

Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender Schriftarten:Antiqua.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Not" – "Noth", "Wert" – "Werth",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite8:"," eingefügt(am Ostende unserer Stadt liegt, in den französischen Komödien)

Seite10:"Kömödie" geändert in "Komödie"(In einer französischen Komödie hatte sie die Rolle)

Seite23:"«" eingefügt(die man in der Gesellschaft von ihm erzählt.«)

Seite80:"neben an" geändert in "nebenan"(»Mutter! Mutter!« rief es da nebenan)


Back to IndexNext