"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort—"Nehme ich Mailand", ergänzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen."
"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga ist, deren Feldherr Ihr seid."
"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Fälle, Mailand ist der Zentralpunkt. Und dann?"
"Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels, die Kleinern nicht zu nennen."
"Halt, Morone! Neapel ist spanisch."
"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekönig, der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben wird."
"Als meinen Vizekönig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich die Krone?" fragte Pescara gelassen.
"Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer Schwelle", sprach der Kanzler errötend.
Die kalte Miene des Feldherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle berührt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines nahenden Weibes. "Weiter geträumt, Morone", sagte er.
"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher Sicherheit fort, "hindert nichts, daß Ihr Euch mit dem Kaiser auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergießen, denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens."
"Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar seinen Wortlaut", warf Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der König verquält sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie ich ihn zu kennen glaube."
"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie halte das Bündnis fest wie ihre Tugend—"
Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert. Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein.
"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschäftigen", fuhr er fort, "der Halbmond und die deutschen Fürsten."
"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?"
Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser bedarf der Kirche für sein schweres und dunkles Gemüt, das er von der Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen."
"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr neugierig.
"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut und Böse glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten Gerichtes, wird jetzt, wie du weißt, unversöhnlich gestritten über die beste Rüstung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit: Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst. Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr! Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es diese deutschen Köpfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch.
Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an sich, werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten, Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne." Sein Lächeln blieb unerwidert.
"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner Schlacht"—er meinte die von Pavia—"sah ich im Lazarett zwei höchst frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier, diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude. Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wörter, und erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch lassen wir diese Farben der Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiß nicht, Pescara. Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges Abkommen den Kaiser außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust du deine Größe und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung, Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen. Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: für das Volk ein furchtbarer und wohltätiger Dämon, für das Heer ein unfehlbarer Sieger, für den Patrioten der Vollender Italiens, für den Gelehrten der wiederaufgelebte römische Ehrgeiz, für die Fürsten, soviel du ihrer bestehen lässest, der herrschende Bundesgenosse. Du beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus. Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Republik und den Mediceern in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze Fürstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich", jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst.
So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir jetzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde, daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn diese Wahrheit des Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es, daß sein mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen zusammenschloß.
Er ließ den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir, Morone?" warf er hin.
"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn, zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen, und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Götter Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Todesschatten berühren darf!"
Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich. "Weißt du", drohte er, "daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an, euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte Hand und ein Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Überlieferst du mir den Sforza?"
"Bei allen Göttern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört, "wie darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit dem Borbone zu beflecken!"
"Sehet diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara. "Gibt es etwas Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen unzusammenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein bleiben von Verrat!"
"Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du von einem Fürsten abfällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im Traume erscheinen!"... er that einen erbärmlichen Seufzer... "Doch, dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und die Tränen brachen ihm aus den Augen.
"Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara. "Wir sind beide ermüdet und bedürfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte. "Ippolito", unterwies er den Knaben, "führe den Herrn, der ein großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewählte Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir uns wieder."
"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler.
"Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den Wachtposten nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den Kanzler erbleichen. "Fürchtet nichts", schloß er freundlich und entließ ihn.
Wie er sich wieder umwendete, näherten sich ihm der Herzog und Del Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geröteten Wangen, Del Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte. Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende Gebärde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloß ihnen Pescara den Mund.
"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stück dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?"
Da schlug der Bourbon in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er.
"Tragödie, Hoheit."
"Und betitelt sich?"
"Tod und Narr", antwortete Pescara.
Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos auf und nieder. Die Fensterläden waren gegen die brennende Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoß hin und wieder ein neckischer Strahl in die Dämmerung, einen grellen Streifen über die Fliesen ziehend, während die Tiefe der Gemächer im Geheimnis blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben, Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein Schuldiger und Geständiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, daß seine Bloßstellung ihn gereut oder sein Halbgefängnis ihn geängstigt hätte: im Gegenteil, er schwelgte in der Großmut seiner völligen Hingabe. Nicht einmal sein schmählich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein Gewissen, so gänzlich erfüllte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu bemächtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen Menschen, dessen große Haltung und ernstes Spiel in der eben beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort: jedes Wort des Zwiegespräches wiederholte sich in seinem Ohr, und selbst jede Miene und Gebärde desselben bildete sich ab in seinen Zügen und schwang in seinen Muskeln fort—doch über Sinn und Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlösbare, in tödliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara ungewiß, noch liege er im Kampfe mit sich selber.
Da gedachte er sehnsüchtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm unermeßlich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht ein aufstachelndes, herrschsüchtiges Weib, wie damals deren manches in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit führte seine Sache, und in dieser jede Schönheit und Tugend Italiens verkörpernden und von seinen Freveln und Sünden freien Gestalt erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich selbst wiederzugeben, so einzig, daß hier sogar ein Pescara und gerade ein Pescara unmöglich widerstehen konnte. Ein mit unsittlichen Mitteln wirkendes Bündnis verklärte sich in diesen himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die Bewunderung des göttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefühle in gleicher Weise und Stärke fähig.
Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte es ihn nach dem Tageslichte, er stieß einen Laden auf und stand, sich umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein Herzog ihm oft erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte. Über dem Getäfel lief die vier Wände entlang ein gemaltes Geflechte von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit, der süße Lionardo da Vinci galt als der Schöpfer des scheuseligen Kranzes: während seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fürstenhauses. Keine Unmöglichkeit, denn der Bildner des zärtlichsten Lächelns liebte zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergötzten, bald mit beängstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geübt hatte, den Ungetümen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen eine Folge von natürlichen Bewegungen zu geben. Dann plötzlich erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster.
Er erblickte den einsamen Schloßgarten, der sich unter einem weiten Gewölbe von Bäumen in tiefdunkle Schatten verlor. Darüber das blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstück der gezackten Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem üppigsten Grün auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend, diese in einen weinumwundenen Säulengang verlaufend. Es wollte Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht auseinander herauswuchsen, müsse für Victoria bestimmt und der Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem Schritte der Wachen dröhnenden Schlosse, sondern an einer gefälligen und friedlichen Stätte liebenden Empfang bereite. Auch deutete mancherlei drüben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung den Lärm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht länger in den unbehaglichen Räumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte bald in einem grünen Schattenreiche.
Seine Schritte führten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine schimmernde Schale mit einer langsam strömenden Flut durchsichtig und einschläfernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten, schlummerte der Feldherr, das Haupt über die Brust gesenkt.
Nach einem leichten Erstaunen näherte sich Morone auf vorsichtigen Füßen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdrücke. Lange stand er davor. Nein, es träumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt, noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Züge trugen, ohne die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des stillen Hauptes war so überredend, daß auch ihn eine fatalistische Stimmung unwiderstehlich erfaßte, eine Gewißheit von dem Nichts der menschlichen Pläne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes sagte das mächtige Antlitz als Frömmigkeit und Gehorsam.
Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers. Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des vor ihm Schlummernden von hinten berühre, wandte er sich und erblickte einen gelben Schädel und eine von Alter gebrochene Gestalt. Zwei braune kluge, aber unendlich wehmütige Augen waren ihr einziges Leben.
"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt."
"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und setzen uns dort gegenüber, daß ich ihn von ferne beobachte." Sie thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig zählen mochte, doch sein feines Gehör bewahrt hatte, ließ sich mit dem Kanzler in ein lispelndes Gespräch ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er.
"Ich weiß nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis."
"Enttäusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so kann er nicht."
"Er könnte nicht? Warum? Das tönt geheimnisvoll. Welcher Gott oder welche Göttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!"
"Dürfte ich reden, ich hätte dir von der Schwelle meines Hauses und aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf dich, du Ärmster, auch nicht in dein Verderben stürzen lassen. Du verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht, beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden. Fliehe! Es ist alles umsonst."
"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest umschlungen! Bei allen Dämonen, warum ist es ihm nicht beschieden?"
Da hauchte der Arzt, daß ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem."
Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" flüsterte er. Auf leisen Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten grünen Saal, den Gatten an seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der Straße; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick. Dann zerfloß sie plötzlich in Tränen, aus einem Übermaß der Freude, oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von Mühen und Wunden tiefer gegrabenen Züge. Wenige Augenblicke aber, und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit inbrünstigen Küssen. Pescara öffnete die Augen. Sanft drückte er sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuß auf die Stirne.
Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte die schlaffe Hand mit Küssen. "Sie hat die Wunde meines Helden geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?"
Der Alte verneigte sich.
Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, mußt du mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe zu sühnen!"
"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?"
"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine bloße Vermutung, da sie mein Haus und Novara heimlich verließ. Und wie durfte ich Euch, der sein eigenes großes Schicksal trägt, mit dem kleinen eines Mädchens beschäftigen? Erst heute erhielt ich Gewißheit, durch ein Schreiben aus Rom, von der Äbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich geflüchtet hatte."
Jetzt drängte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden, der unter dem Drucke des Frauenleibes einen körperlichen Schmerz zu empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein paar Schritte vorwärts.
Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens. "Schönste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen", sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz bestäubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte, und schloß die Augen, während er ihr Stirn und Lid und Wange wusch und badete.
"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie diese da, nicht wahr, und Julia heißt sie? Was ihre Sache betrifft, die dünkt mich schwer und tragisch. Nicht daß ich anstünde, den Bösen, den du kennst, Victoria—auch ich kann ihn nicht anders nennen—zur Ehe mit ihr zu zwingen, er würde sich fügen, ohne Zweifel, denn er ist mein Geschöpf und ich habe Macht über ihn. Aber ich frage mich, ob es gut sei, die Verschmähte an einen Herzlosen und Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und Begabung in der Welt die höchsten Stufen erreichen wird. Und sie selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es verlangt, die sich dir in Rom zu Füßen geworfen hat, wie ich vermute, da du sie kennst?"
"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme.
"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem Manne geben, der sie verschmäht? Wenn sie mein Kind wäre, ich vergrübe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig, Madonna. Und wer weiß, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und haßt ihn zugleich—ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer annehmen, sie habe die Wahl."
Jetzt öffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl! Selig, daß sie ihrer überhoben ist!"
"Wodurch?" fragte Pescara.
"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit."
"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr."
"Du sagst es, Herrlichkeit."
"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria.
"Da sei ihr Schutzengel davor!"
"Wer weiß es? Als sie in ihr Kloster zurückkam, nachdem sie sich Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Geständnis muß sie getötet haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht—das willige Mädchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verständnis und Geschick beigestanden."
Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht einer heiligen Macht, die unserer erbärmlichen Gerechtigkeit spottet."
Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei gut!"
"Ja, es ist gut", schloß der Feldherr.
Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich habe Euch und mir, solange wir zusammen sein dürfen, ein helleres Haus gerüstet als dieses alte Schloß mit seinen plumpen Deckenbalken, diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbrücke wurde der Mohr ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute, Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel."
Sie durchschritten den Park und langten am Fuße der drei Treppen an, wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schöpfend und den Feldherrn zurückerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die höchste Stufe schmückten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara. "Diese Gruppen sind hübsche Gedanken aus seinem flüchtigen Kopfe. Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden, so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gärtner die Inschrift, die sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden ließ, damit der Beschauer fühle und rate. Sie lautete... doch das bringst du heraus, Geliebte?"
Victoria, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die linke Gruppe, ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig zerpflückend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder in die Ferne verloren. Alle drei Mädchen aber, das kosende, das vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Mädchen: "Tu die Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte links, schwach ausgeprägt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", ergänzte sie beschämt, und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit aber, die vergißt, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwärtige Abwesenheit: die Sehnsucht."
"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast."
"Nur noch einmal. Für einige Tage, höchstens eine Woche, Madonna, bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin, wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir, Victoria", sagte er zärtlich.
"Ob ich will!"
"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "daß du mir einmal in Ischia am plätschernden Strande gesagt hast, du begreifest nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehören könne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat Erfahrung und menschliche Natur für sich. Assenza, Assenza!"
Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte den herrlichen Arm, von welchem der Ärmel zurückfiel, gegen den leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehöre ich einem andern, bei den reinen Strahlen dieser Sonne!"
Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind, und bestaunen dein Gelübde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden." Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin, und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spätmahle." Er wendete sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen Zypressengang nach dem Schlosse zurückwandelnd. "Wie war die Nacht Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte.
"Wie gewöhnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?"
"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie möget Ihr mit dem Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie dürfet Ihr es?"
"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute, Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren Übertretungen und Sünden."
Sie gingen eine Weile schweigend. "Weißt du, Numa", spottete jetzt der Feldherr, "daß mich neulich ein Astrologe besucht und mir das Horoskop gestellt hat? Er schätzte mich auf sechzig Jahre, ich fand das wenig."
Der Greis seufzte.
Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa, ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er sagte freundlich: "Fürchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien nicht mißhandeln, ich werde gerecht und milde verfahren."
In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva sich gegenüberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer Fensterbrüstung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren, halb Mönch, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen, unergründlichen Zügen, in einen kuttenähnlichen weißen Mantel gehüllt. Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern, ging aber auf ihn zu und begrüßte ihn.
"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?"
Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im Namen des Vizekönigs um eine Unterredung."
"Ich gewähre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade, sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs."
"Eine geheime Unterredung."
Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschäftliches würde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht vorenthalten. Ersparet mir die Mühe. Mein Neffe hier ist verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot Moncada keinen Stuhl.
Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte er. "Erlaucht, der Vizekönig ist in tiefster Besorgnis. Die italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekönig um Truppen ersuchen ließ, welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer bedürftig, um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfürchtige, aber drohende Bewegung gegen die irregegangene oder mißleitete Heiligkeit zu machen. Erlaucht gibt zu, daß unsere Heere im Süden und Norden der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen müssen. In diesem Sinne sendet mich der Vizekönig, Euch zu begleiten und ihn auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?"
Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkämpfend.
"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, daß Ihr mich nicht geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird gewünscht in Madrid, daß Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das Übel mit der Wurzel auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der abtrünnige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet; der trotzige lombardische Adel verliere seine Güter und besteige das Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer bändige den Bürger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene des Feldherrn zu lesen.
Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals, solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet, und der Kaiser will nicht, daß das Reich mißhandelt werde. Wer wünscht? Wer rät? Verschonet mich mit Räten und Wünschen, Moncada, ich brauche sie nicht."
"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada mißtrauisch.
"Nein, Ritter."
"Durch seinen Kanzler?"
"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg. Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie wird ihm damit ein Vergnügen machen, denn ich fürchte, daß er sich langweilt."
"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde läßt mich fragen, sondern das Interesse der königlichen Sache, welcher wir alle hier dienen."
"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden."
Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm nichts Neues. Er war durch die spähenden Ohren, welche er unter dem Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones genau unterrichtet.
"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs die Rede sein konnte."
Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor ihm Stehenden nur eines Wortes zu würdigen über das Nötige hinaus.
"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "daß Erlaucht nicht kurz abgebrochen, und ich erstaune, daß Sie diesen Niederträchtigen überhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen über Erlaucht Italien erfüllen."
"Nicht weiter! Jedes Wort wäre eine Beleidigung und ein Zeitverlust! Ich habe diese Lügen meinem Kaiser berichtet. Das genügt. Ich kenne meine Feinde..."
"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone unverdächtige Zeugen gegeben hätte."
"Das geschah", erwiderte Pescara verächtlich. "Diese Herrschaften hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart, wenn Ihr es wünscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten.
Moncada stand allein. "Eine Maske", überlegte er, "eine durchdachte Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen... Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging langsam weg in streitenden Gedanken.
Während die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der Vorsaal eine Weile leer und unbehütet. Der Page Ippolito hatte sich zu der Herrin hinübergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte und deren Schönheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er brannte, sie zu begrüßen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber bevölkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft. Die fünf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, närrische, noch ganz junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloß gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Türe, hinter welcher sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermüdlicher Läufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehören schien und der er knurrend sein Mißfallen kundgab.
Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein schneeweißes Geschöpf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehöre der Victoria Colonna." Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem die ganze jugendliche Meute kläffend im Kreise herumfuhr. Da kam der Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn danach gesendet haben mochte, in die Arme und flüchtete es aus dem Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen Läufer des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem hintersten Hündchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, daß es winselnd durch die Luft flog.
Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und ließ sich von Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurückhalten. "Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein, aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich für Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verräter nicht länger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat mich der Hochmütige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine Kälte verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich möchte wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe über ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und ich bin ein treuer Knecht meines Königs, den seinigen aber hat er verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als meine Wunde hier! Doch nicht alle Fürsten verachten mich, es gibt deren, die meinen Wert kennen. So dieser verständige Moncada, mit dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens gewürdigt."
Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die Genugtuung, daß ich Euch immer für voll genommen habe. Ich frage nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn erprobe. Habet Ihr mich je hochmütig gesehen oder kleindenkend erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich, "wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnäckig entzog. "Nichts", murrte Leyva, "außer daß Ihr Freundschaft haltet mit dem andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine Pflicht. Zählt darauf!"
Der Feldherr ließ ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen gekommen war.
Dann trat er in sein Gemach zurück, wo er Bourbon und Del Guasto in einem aufgeregten Gespräche fand, wohl über den Kanzler, denn sie deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgemächer. Der Feldherr lächelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen eine wunderbare Rede belauscht und—noch wunderbarer—diese Rede hat mich nicht verführt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest, und die Eurige wurde erschüttert, wie ich glaube: ein Triumph, den der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf."
Jetzt wendete er sich mit veränderter Miene gegen Del Guasto: "Don Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir, daß ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser, verraten ließ. Denn gerade Ihr, Don Juan, müsset der Majestät unverbrüchliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden wollet. Treue am Fürsten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not fähig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch übrigbleibt. Sie wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und Empörung ausübet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer Anblick ist ihnen verhaßt, sie können einen Mörder nicht ertragen."
"Einen Mörder?" Don Juan lehnte sich auf.
"Einen Mörder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch: es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten. Fürchtet nicht, daß sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in die Ruhe und überläßt Euch den Furien Eurer Seele, zu früher oder später Reue."
Del Guasto erbleichte, und sein Haar sträubte sich wie ein Gewirr von Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich bestürzt vor den Blitzen dieses Auges.
"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weißt du, Ferdinand, daß der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat? Trotz seiner Schmähungen—er ist der einzige, dem ich nichts übelnehme—war er auf dem Wege, mich völlig zu betören, oder vielmehr, du hast mich betört, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du würdest mir Mailand geben. Du hast dich über mich lustig gemacht, und ich Stumpfsinniger habe den Spaß nicht verstanden."
"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhöhlt sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Größe, und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tücke den Boden unter den Füßen weg, um mich zum Sprung über den Abgrund zu zwingen. Ich begreife bei solchen Gerüchten und Verleumdungen, daß mir Madrid einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind? Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist gerecht in Italien? Du quälst es nicht? Du drückst es nicht über das Maß? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um."
"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist über dich gekommen wie ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?"
Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Türe. Der eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn: "Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drüben ist gedeckt, und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen herabsteigt."
"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme."
"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst läßt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches Gespräch ein, und die süße Frau wird vergessen."
Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von welcher er wußte, daß sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein Verdacht, der für mich eine Wahrheit ist, für welchen ich aber keinen Beweis habe als meine Überzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiß: dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er glättete die Locken des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte.
"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier, jedenfalls nicht älter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des damaligen Vizekönigs, des großen Gonsalvo, der später den spanischen Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers neapolitanischen Fürstenhauses, jenen unglücklichen Jüngling, der unter dem argwöhnischen Auge Ferdinands welken mußte, mit einem unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater war—ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann—, ließ er sich mit dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespräch ein und besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem Könige verdächtig zu machen, und dieser Verdacht genügte, um ihm das Leben abzusprechen.
Ich erzähle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung für mich gewann. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der König selbst sein Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer kurzen Gebärde. Die Ausführung seines geheimen Spruches aber übernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hieß, daß er sein natürlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer, begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurückkam, in einer Galerie des Schlosses und stieß ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte Verwundung gelähmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige und Verschwörung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte der junge Moncada eine Pflicht zu erfüllen und als guter Christ zu handeln, da er dem Wink einer Königsbraue gehorchte. Ist das nicht abscheulich? Wäre so etwas bei euch möglich, Karl?" "In Frankreich? Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht."
"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden, den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick gleitet mit ruhiger Beobachtung über meine Züge. Er versichert mir, ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt mir in den Adern, denn ich hatte die Gewißheit, daß mich der Mörder Pescaras liebkosend in den Armen halte."
"Du ließest ihn gehen?"
"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht verfolgen. Wo hätte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des gemordeten Vaters folgte mir überall.
Später erfuhr ich, der Verhaßte habe sich in irgendeine Kartause geworfen, um eine Sünde zu büßen. Dann ist er jenseits des Meeres, in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm König Ferdinand reiche Besitzungen verlieh, und hat den kühnen Cortez nach Mexiko begleitet. Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu überwachen: denn Moncada lebt in den Gedanken und Plänen seines Vaters und ist im Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen Hofe, welcher die Burgunder und Niederländer glücklicherweise die Waage halten. Über das Meer zurückgekehrt, hat er sich ein Verdienst daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone erhalten zu haben, und steht in halb gefürchtetem Ansehen, auch bei dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada."
"Weißt du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte, "ich hätte dir längst gern einen Gefallen gethan. Räche ich dir den Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu welchem ich schon einen Anlaß finde. Ich gefährde mich nicht, denn, ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als ihr Spanier. Du bleibst außer Spiel, und mich schützt meine fürstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verfügung."
Da antwortete Pescara mit fast verklärten, bläulich schimmernden Augen: "Nein. Es ist zu spät. Ich denke jetzt anders und gebe den Mörder der ewigen Gerechtigkeit."
Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und sagte: "Nun dürfen wir Madonna Victoria nicht länger warten lassen."
Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten Male gesehen hast?"
"Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"—helle Zähren rieselten ihm über die Wange—"weil sie, wie mir der Großvater erzählte, in einem römischen Kloster ist und dort die Gelübde abgelegt hat. Und sie war sonst so fröhlich, die Julia, aber freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, während sie ins Freie traten.
"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der Konnetabel. "Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, die Natur habe das Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?"
Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende weibliche Gestalt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag. In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der böse Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, während der Kanzler von den Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand.
Die Befreite eilte dem lächelnden Gemahl mit schnellen Füßen entgegen und mit einem so jungen und kräftigen Erröten, daß Pescara sie niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch flog, sagte die nicht einmal außer Atem Gekommene. "Ein Flehender hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen, da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre."
"Er hat seine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, daß ich Euch die Hoheit Bourbon vorstelle."
Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter Teilnahme nicht.
Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt sich fein und stolz aus Rücksicht für Pescara und im Bewußtsein seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verließ. Er bewunderte die Schönheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und huldige ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken gehend, in ein leichtes und gefälliges, aber unbedeutendes Gespräch, und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an der Treppe des Landhauses mit ruhiger Höflichkeit. Victoria, so bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon wachsenden Dämmerung.
Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria ließ es sich nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten und Naschwerk erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas für meine ehrgeizige Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann.
Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende Ampel gleichmäßig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen, während das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft, auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: Äneas, König David, Herkules und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug: "Hier muß man plaudern."
"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend, "daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen Eindruck macht, daß er mich—geradeheraus gesagt—abstößt?"
"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der garstige Leyva und die schöne Victoria fühlen sich gleicherweise von dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unsträflich benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl, dieser entstellende Dunst und verhäßlichende Nebel ist sein Verrat oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will."
Eine leichte Blässe überzog das Antlitz Victorias.
"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist begreiflich, daß ein edles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich meinem Fürsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und großer Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weißt ja die hundert Gesänge auswendig." Victoria rezitierte:
"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto, Quel, che pende dal nero ceffo, è Bruto: Vedi come si storce, e non fa motto: E l'altro è Cassio, che par sì membruto*1*)." ———————— Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen, Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder, An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen. ————————