II

II

Vierzehn Tage später, an einem August-Sonntag 1830, wurde Josefine Rinke getauft.

Der Feldwebel hätte seine Erstgeborene gern Luise genannt, nach Preußens geliebtester Königin, aber es wurde als ganz selbstverständlich angenommen, das Kind mußte einen Namen von Großmutter Zillges führen; und so wollte er seinem erst eben genesenen Weib, das ohnehin leicht flennte, diesen Kummer nicht auch noch anthun. War es Trina doch Kummer genug, daß sie die Taufe nicht mit einem Fest feiern sollte, wie sie es gewohnt war bei weit geringeren Anlässen. Im ›bunten Vogel‹ hatte man gern gefeiert; es gab so viel Heiligentage, so viel fröhliche Gelegenheiten. Und wenn man sich nur einen ›Spaß‹ machte, Bratäpfel und Kastanien schmauste, sobald der erste Schnee fiel, oder singend über flackernde Lichtstümpfchen hüpfte.

Nun sollte nicht einmal die Taufe der kleinen Josefine mit einem Essen begangen werden, zu dem man Gevattern und Freunde einlud! Ein größerer Gefangenentransport war nach der Festung Wesel zu eskortieren; statt des plötzlich erkrankten Offiziers hatte man Rinke das Kommandoangeboten, und er hatte es angenommen. Hätte er’s nicht ebenso gut ablehnen können, die Taufe seines Kindes war doch Grund genug?! Aber nein – Frau Trina war außer sich – annehmen mußte er’s, aus purer Eitelkeit! Und wenn’s denn schon sein mußte, so hätte man ja doch die Taufe verschieben können, um ein, zwei Tage bloß; aber nein, auch das nicht, der einmal festgesetzte Termin mußte innegehalten werden. Weil der Garnisonspfarrer am Sonntag nach der evangelischen Kirche ein halb Dutzend Soldatenkinder zusammen taufte, mußte das Finchen auch ’ran. Das arme Finchen, das kriegte ja gar keine richtige Tauf’!

›Wenigstens en Tass’ Kaffee mit Bollebäuskes und Rodon,‹ hatte sie schluchzend ihren Mann gebeten, ›un nachher e Jläsche Wein! Un nur en paar jute Bekannte derzu! Dat können mer doch auch ohne dich, da brauchst du ja jar nit bei zu sein!‹

›Ob ich ›bei‹ bin oder nicht,‹ hatte er gesagt, ärgerlich ihre Sprechweise nachahmend, ›ich will den Sums nicht! Schlicht getauft, weiter was ist nich nötig!‹ Die Feldwebelin hatte sich bitter bei ihrer Mutter beklagt.

Schmerzlich bewegt schritt Frau Zillges heute mit der Tochter und der getreuen Dauwenspeck, die den Täufling trug, zur Kirche. Sie kamen ein wenig zu früh, aber sie standen lieber draußen vor der Thür und warteten, als daß sie eingetreten wären, wozu der Küster sie leise aufforderte.

Es fing an zu regnen, ein kühler Gewitternachregen war’s; das Pflaster der Kasernenstraße trat sich unangenehmschlüpfrig. Die junge Frau trippelte blaß und fröstelnd hin und her, ihre blauen Augen irrten verdrossen die Straße auf und ab: ach, gar nichts zu sehen! Nur ein paar Soldaten in Drillichjacken guckten gelangweilt aus den Fenstern rechts und links von Sankt Anna.

Die Dauwenspeck schlug einen Zipfel ihrer Mantille über den Täufling und drückte sich, so sehr sie konnte, auf der Schwelle der Kirche unter die etwas vorspringende Eingangsbedachung.

Mutter Zillges stand unbeweglich und schien des Regens nicht zu achten, der ihre Haube näßte; sie war in Gedanken versunken. Für eine, die schon einige Jahre die Fünfzig hinter sich hatte, war ihr Gesicht merkwürdig glatt geblieben, dies freundliche, behagliche, zufriedene Gesicht. Heut sah man doch, daß es auch schon Runzeln hatte. War’s denn nicht auch zu traurig? Solch eine Taufe! Der Vater nicht zugegen, der Großvater nicht zugegen – was sollten die Leute wohl denken, daß der Zillges nicht mitgekommen war? Jemand Fremdes zu Gevatter zu bitten, hatte man ja ohnehin bei so einer Taufe gar nicht gewagt. Frau Josefine Cordula fühlte sich heut wirklich unglücklich, sie konnte sich nicht erinnern, je in ihrem Leben unglücklicher gewesen zu sein, nicht einmal, als ihre Eltern starben. Da hatte der Weihrauch die ›Stadt Venlo‹ durchweht, wie ein sanft tröstender Hauch des Himmels. Heut aber, hier auf der regenfeuchten Straße, angesichts einer Taufe, die eigentlich gar keine war, versagte ihre Fassung. Hatte ihr zu alledem doch noch Zillges heute morgen erklärt, als er das bedrohliche Wetter sah, sie solle nurallein zu der ›Ketzerei‹ laufen, er ginge nicht mit. Sie hatte ihn ›bequem‹ gescholten, sogar mit ihm gebrummt, was selten vorkam, aber der sonst so gemütliche Peter blieb dickköpfig. Nein, wenn der nicht wollte, dann wollte er nun mal nicht. Überdies hätte er Leibschmerzen, sagte er.

Wenn Frau Zillges es recht bedachte, verdenken konnte sie ihrem Peter sein Fernbleiben eigentlich nicht, der Rinke hatte ihn doch zu sehr geärgert. Freilich hatte die dumme Trina in der ersten Verliebtheit jedes Zugeständnis gemacht, aber nun hätte Rinke doch auch ein bißchen mit sich reden lassen können: wenigstens halb und halb – die Mädchens nach der Mutter, die Jungens nach dem Vater! Mutter Zillges hatte die ganzen vierzehn Tage seit der Geburt der Kleinen gehofft, der Feldwebel werde sich besinnen und das Kind durch eine heilige Taufe den wahren Gläubigen zugesellen.

Sie hatte ihre Tochter, die ja immer ein bißchen lässig war und gern Unangenehmem aus dem Weg ging, beschworen, ihrem Mann ernstliche Vorstellungen zu machen.

Trina behauptete auch, das gethan zu haben: aber ›er is doch nu ens so,‹ hatte sie gejammert, ›ich krieg ihn nit derzu. Wat soll ich dabei machen? Laßt mich zufrieden!‹

Ach, ach, es war aber auch alles zu ärgerlich! Frau Zillges biß sich auf die Lippen; sie wurde nicht gleich so grob wie ihr Mann, aber wenn sie den Rinke jetzt hier gehabt hätte, glaubte sie sich imstande, ihm ordentlich den Text zu lesen. Jedes harmlose Pläsier verdarb einem der Preuße!

Während der ganzen ersten Hälfte der Ansprache, die der Pastor hielt, dachte sie darüber nach, warum sie eigentlich für einen so betrüblichen Tag einen so großen Zwetschgenkuchen gebacken hatte und einen so leckeren Blatz mit Korinthen. Wie konnte man denn essen, wenn man so traurig war?! Aber sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah, war es der Anblick des Kindchens, das, ganz so rund und blond wie die Mutter, brav schlummerte, die kleinen Hände zu Fäustchen geballt? Das nicht einmal aufzuckte, als die kalten Wassertropfen den zarten Flaum seines Köpfchens besprengten? Sie bekam freundlichere Gedanken.

Und hier der Hochaltar von Marmorstein, den man von den frommen Cölestinerinnen hergebracht – und da der heilige Johannes Nepomuk und dort in der Nische die heilige Anna! Nein, noch war nicht alles verloren! Ihre Stirn glättete sich; sie sah nieder: ei, so ein klein lecker Stümpken! Akkurat so hatte ihr einst das eigne Kind, die kleine Trina, im Arm gelegen, wie hatte da ihr Herz vor Freuden geklopft! Und nun war sie Großmutter! Ihr Herz klopfte wieder, gerade so innig, nein, fast noch mehr! Warm fühlte sie’s in sich aufwallen. Ja, sie wollte es lieb haben, und was an ihr lag, das wollte sie wohl thun, der Preuße sollte nicht die Oberhand kriegen; am Rhein war es geboren, ein rheinisch Kind sollte das Finchen bleiben!

Sie mußte an sich halten, um dem Enkelkind nicht einen schallenden Kuß aufzudrücken.

Der Geistliche sprach den Segen über die Täuflinge;es beruhigte die Großmutter, daß er dabei wenigstens ein Kreuz machte. Durch das Glas der Kirchenfenster fielen bunte Strahlen. Draußen schien wieder die Sonne – ei, das war gut, da sah sich alles noch einmal so freundlich an!

Als sie dem Ausgang der Kirche zuschritten, hatte Frau Zillges wieder ihr gewohntes behagliches Gesicht.

»Et hat noch jut jejangen,« flüsterte sie und nickte der Tochter zu. Diese gähnte, war abgespannt und hatte Lust auf ein Gläschen Wein; aber sie hatte keinen Viertelschoppen zu Hause, das fiel ihr ein, und darum seufzte sie. Plötzlich fuhr sie zusammen, als die Mutter einen Laut der Überraschung ausstieß.

Hinter dem letzten Pfeiler trat Vater Zillges auf siezu.Er schmunzelte über’s ganze Gesicht, zugleich ein bißchen pfiffig und ein bißchen verlegen; da hatte er die ganze Zeit über versteckt gestanden und zugesehen.

»No, Zillges,« flüsterte Frau Josefine Cordula und gab ihrem Mann einen kleinen Puff in die Seite, »du bis aber einen!« Sie wollte ärgerlich thun, aber sie brachte es nicht fertig. »Warum biste dann nit wenigstens vornehin jekommen?!«

Er faßte sie unter den Arm und flüsterte zurück unter noch stärkerem Schmunzeln: »Dat war mich nit möjelich, wahrhaftijens Jott nit – du weißt doch – dat Bukping!« Und dabei knibbelte er mit dem Auge.

In guter Laune traten sie aus dem Portal. Es war wunderschönes Wetter geworden; Damen mit Parasols und blumengeschmückten Kiepenhüten bauschten ihre sommerlich hellen Gewänder.

»Wohin dann?« fragte Zillges, als sich Trina jetzt nach links wendete. Die Infanteriekaserne dehnte sich lang, nahm die ganze eine Seite der Straße ein, und die Feldwebelwohnung lag in Hof I, im äußersten linken Flügel. »No, wat dann, wohin jehste?«

»Nach Haus,« murmelte Frau Trina mit zuckenden Lippen; es wurde ihr doch gar schwer, wenn sie daran dachte, daß sie an dem schönen Sonntag, der noch dazu der Tauftag ihres Kindes war, so mutterseelenallein in der öden Kaserne sitzen sollte. Die Eltern würden ja nicht zu ihr kommen, die hatten in dem ganzen Jahr kaum einmal die Feldwebelwohnung betreten; und wenn auch der Rinke nicht da war, das thaten sie doch nicht. Überdies war am Sonntag nachmittag immer viel Zuspruch im ›Bunten Vogel‹. »Och Jott, och Jott!« seufzte sie; sie fühlte sich doch noch recht schwach.

Als hätte der Vater ihre Gedanken erraten, so sagte er jetzt: »No Huus?! Biste jeck? Du wirst doch net e so trübselig allein sitzen?! Komm du nur bei uns, Tring!«

»Un dat Finken kömmt auch mit bei sein Jroßmamma,« rief Mutter Zillges und lächelte zärtlich ihr Enkelkind an.

Die junge Frau war zögernd stehen geblieben und wurde abwechselnd rot und blaß. Ach ja, sie wollte sehr gern mitgehen, aber hatte ihr Mann ihr nicht befohlen, sich ruhig zu Haus zu halten? Unschlüssig sah sie vom Vater zur Mutter und auch zur kleinen Josefine hin, sie wußte sich keinen Rat; ihr grauste vor den getünchten Kasernenwänden und der Einsamkeit. Wie viel besser war’s in dergetäfelten Wirtsstube des ›Bunten Vogel‹, und nebenan im kleinen Comptörchen, wo der große Lederstuhl am Fenster zum Ruhen einlud, und das erst kürzlich angebrachte Spiönchen die Straße aufwärts und abwärts in seinem Glas spiegelte. O, da war’s gut sein! Aber hatte Rinke nicht gesagt: ›Du bist noch schwach, leg dich lieber ein paar Stunden hin, schon wegen der Josefine!‹ Schwach, schwach?! Ne, sie war ganz kräftig!

Die Dauwenspeck gab den Ausschlag. »No, Madam’ Rinke,« mahnte sie, »steht hie nit e so lang erum, dat es Euch nit jut. Zeit for ’t Mittagessen es et auch als. Un et Finken hat auch als Appetitt. Madam Zillges, seid e so freundlich, dragt dat Finken e Stücksken, et es mech als janz schwer.«

Und nun schwenkte die kleine Karawane, als sei es so ganz selbstverständlich, statt nach links, nach rechts ab, in der der Feldwebelwohnung entgegengesetzten Richtung. –

Wer hätte gedacht, daß das heute noch so ein vergnügter Tag werden würde! Mutter Zillges hatte ein gutes Mittagsessen vorbereitet gehabt, und alle thaten ihrer Kochkunst Ehre an. Die Dauwenspeck versicherte, sie könne sich tot essen an den gestovten Saubohnen und dem frischgekochten durchwachsenen Speck; einen leckreren Zwetschgenkuchen verstand überhaupt keiner zu backen, er schmeckte so ›herzlich‹. Auch dem Düsseldorfer Obergärigen wurde wacker zugesprochen, und zuletzt stieß man mit einem Gläschen Rheinwein auf das Wohl des Täuflings an.

Es herrschte ein ungemeines Behagen in der um diese Zeit noch leeren Wirtsstube, an deren altertümlichenWänden, zwischen ausgestopften Vögeln und Schmetterlingskästen, verschiedene Lithographien des Kaisers Napoleon hingen. Auf der einen stand er einsam, im kleinen Hütchen, die Hand im Busen; auf der andern lag er zu St. Helena auf dem Sterbebett.

Peter Zillges bildete sich etwas darauf ein, daß er den Napoleon gut gekannt. Hatte er dem Kaiser doch dazumal, anno elf, bei seinem Einzug in Düsseldorf, so nahe gestanden, daß er ihn hätte am Rockschoß greifen können. Auf dem Hügel am neuen Hafen war’s gewesen, da hatte Napoleon einen Augenblick verweilt. Die Bürgergarde bildete Spalier, Tücher wurden geschwenkt, Kinder und Jungfrauen streuten Blumen, Musik spielte, Trommeln wirbelten, vom Boulevard Napoleon und der Rue l’Empereur her wehten Fahnen, eine Ehrenpforte war gebaut am Ratinger Thor, eine schaulustige Menge drängte sich, es gab ihrer genug, die da schrieen: »Vive l’empereur!« Aber finster hatte jener gestanden, die Arme über der Brust gekreuzt, und hinausgestarrt auf den Rhein, der unruhig seine schweren, herbstgrauen Wogen vorbei rollte. Der arme Kaiser, dem ahnte wohl schon Unheil!

Zillges erzählte das gern und anschaulich; er konnte sich nie eines gewissen Bedauerns dabei erwehren. Man kannte den Napoleon doch von Angesicht zu Angesicht, man war lange genug französisch gewesen, und die Kurpfälzer und Österreicher, die vordem in der Stadt gelegen, hatten übermütiger gehaust, wie die Truppen der Division Lefebvre. Und wem hatte die Stadt denn den neuen Hafen und die schönen Anlagen des Hofgartens, in denender Bürger sich mit Weib und Kind ergehen konnte, und den Ananasberg und den Napoleonsberg und die breite Alleestraße zu verdanken? Nur dem Napoleon! Ohne den säße man noch in der engen Festung und hätte Gott weiß was für Einquartierung auf dem Hals.

Ja, der Napoleon, das war einer gewesen – Gott hab’ ihn selig!

Ganz bescheiden nahm sich der Preußenkönig, Friedrich Wilhelm III., zwischen den beiden großen Lithographien aus.

Man saß noch hinter’m Tisch, als ein paar Gäste im ›Bunten Vogel‹ erschienen, gute Bekannte, die Mutter Zillges gleich zum Kaffee einlud. Nun fuhr sie ihren Korinthenblatz auf.

Trina saß da mit hochgeröteten Wangen; sie hatte ihr Kind an der Brust und ließ sich’s selber auch wohl sein. Ihre Augen glänzten; die Freunde bewunderten das ›staatse‹ Kind – und dann war so viel zu hören und zu erzählen! Sie hatte sich lange nicht so recht ausgesprochen. Gedankenlos aß und trank sie in sich hinein; der Nachmittag verflog im Umsehen.

Es kamen der Gäste noch mehr, heut schenkte Peter Zillges gratis ein – das erste Enkelkind, da wollte er sich doch nicht lumpen lassen. Die Fröhlichkeit wurde laut, durch die offenen Fenster schallten die Stimmen weit hinab die Ratingerstraße. Mancher Bürger, der vorüberging, trat, angelockt durch das lustige Getön, in den ›Bunten Vogel‹ ein und blieb drinnen. Der Kreis vergrößerte sich bedeutend; auch junge Leute waren da, die mit der Trina einst ›Dopp‹ auf der Straße geschlagen und um den altenJan Willem auf dem Markt ›Nachläufches‹ gespielt. Sie neckten sie alle mit ihrem Preuß’; aber die Neckerei war gutmütig, und so lachte sie mit, daß sie sich schüttelte.

Nun fing man an zu singen. Die jungen Männer gehörten zum Gesellenverein und hielten ihre Übungen zu allen kirchlichen Feiern; mit einem langgezogenen, choralartigen Lied begannen sie denn auch erst, aber bald folgten leichtere Weisen. Der Tenor legte sich ordentlich in’s Zeug, donnernd fiel der Baß ein; zuletzt freilich ging der Gesang etwas auseinander.

Es war heiß geworden, die Luft in der Wirtsstube stickig, von Pfeifenqualm erfüllt. Die kleine Josefine quäkte unruhig. Frau Dauwenspeck hatte sie der jungen Mutter abgenommen, schaukelte sie hin und her und gab ab und zu ein beruhigendes Kläpschen auf die Rückseite des fest zugebündelten Stechkissens.

Einer der jungen Männer, der Schnakenbergs Hendrich aus der ›Windmühl‹, pfiff der Kleinen freundlich etwas vor, ein Rheinländer war’s – hei, fuhr der allen in die Beine! Man stand auf und fing an zu schleifen. Der Zillges war ein rechter Schalk, ehe seine Josefine Cordula sich dessen versah, hatte er sie um die Taille gefaßt: vier Schritt nach links, vier nach rechts, schwenkt euch rund, immer rund! Weiß Gott, der tanzte seine rheinische Polka noch wie ein Junger.

Trina war auch von der Bank aufgesprungen, sie stellte sich auf die Zehen und reckte sich hinter’m Tisch, um Großvater und Großmutter tanzen zu sehen, und lachte unbändig. Rosig und hübsch sah sie aus. Wie lange nicht,vertieften sich die Lachgrübchen in ihren runden Wangen, ihre Augen glitzerten vor Vergnügen; nun streckte sie den Finger aus und kreischte laut auf. Sie hatte einen ganz kleinen Schwips.

Der schwarze Hendrich, der früher schon immer ein Auge auf sie gehabt, voltigierte hinter den Tisch und zog sie vor. Ob sie sich auch kichernd sträubte, er drehte sie ein paarmal herum, nur ein paarmal; sie waren noch kaum vom Tisch weggekommen, da stockte ihr der Atem – jemand war eingetreten, ein strammer Langer, in Uniform – da – da – der Feldwebel!

Mitten in der Stube stand er und sah sie an mit einem bösen Gesicht.

Es war eine unangenehme Überraschung für beide Teile. Frau Trina wurde noch glühender rot, des Feldwebels gebräuntes Gesicht wurde fahl.

Aha, da war er ja gerade zur rechten Zeit gekommen! Also darum hatte es ihn innerlich so getrieben, daß er sich in Wesel, nachdem er in später Nacht seine Gefangenen eingebracht und den Ablieferungsschein erhalten, nur wenige Stunden Rast gegönnt und im Morgengrauen bereits wieder die Rückfahrt angetreten?! In Kaiserswerth hatte er seine Mannschaft hinter sich gelassen und war auf einem ausgespannten Gaul heimgeritten, so rasch der müde Klepper laufen konnte.

Nur nach Haus! Eine Sehnsucht hatte ihn plötzlich ergriffen, noch heimzukommen am Tauftag seines Kindes. Ganz wollte er doch nicht fehlen; auch die Käthe würde sich freuen, wenn er noch kam.

Er hatte von seinem Vater einen Siegesthaler von anno 13 ererbt – eine Öse war schon daran – da sollte die Käthe gleich ein Schnürchen durchziehen, und er wollte ihn seiner Tochter heute um den Hals hängen als einen Talisman. Er war ganz glücklich in dieser Idee.

Was der Wachtmeister Rinke wohl sagen würde, wenn er wüßte, daß sich sein Enkelkind an seinem Siegesthaler einmal die Zähnchen durchbeißen könnte?! Freuen thäte der sich.

Lebhaft gedachte der Feldwebel in dieser Stunde seiner Eltern. Nun er selber Vater war, fühlte er sich ihnen näher, obgleich er die Stelle, wo sein Vater in der Erde ruhte, nicht kannte. Der Alte lag wohl in irgend einem Massengrab bei Waterloo. Und die Mutter? Die war schon begraben worden anno 13, als der Vater noch unter’m alten Blücher im Kriege focht.

Die Mutter! Ach ja, die hatte bitter Not gelitten in ihrer Todkrankheit; die Nachbarn im armen märkischen Nest hatten auch nichts, er, der Zwölfjährige, war ihre einzige Stütze. Rinke erinnerte sich deutlich der kalten Winternacht, in der er, ohne Strümpfe, die nackten, mit Lappen umwickelten Beine in die zerrissenen Schuhe gesteckt, zum Flüßchen hinabgelaufen war, um Eis zu hacken, damit sie ihren Durst löschen sollte. Die Axt war ihm abgeglitten und hatte seinen Fuß getroffen, er hatte dessen nicht geachtet und war in fliegendem Lauf zu der Fiebernden zurückgeeilt. Da hatte er gelernt, die Zähne zusammenzubeißen. Es gehörte Mut dazu, die einsame, lange Winternacht hinzubringen in der kalten Kammer, an derenklapperndem Fenster der Wind rüttelte. Die Sterbende suchte bei ihm Wärme in ihrer Todeskälte; selbst frierend, preßte er sie in seine Kinderarme. So hatten sie einander umklammert, der Sohn der Mutter Schutz gebend und doch zugleich noch Schutz bei ihr suchend.

Friedrich Rinke hatte kein Glück, wenn er seiner Frau von der Vergangenheit erzählen wollte. Das erste Mal, als sie eben verheiratet gewesen, hatte sie zwar mitleidig geweint, aber als er noch einmal darauf zu sprechen kam, sagte sie: ›Och, laß dat!‹ Es machte sie graulen und verdarb ihr die gute Laune. Aber seiner Tochter wollte er früh davon erzählen, das nahm er sich vor. –

Immer rascher trieb er sein Pferd an. Schaum stand dem Tier auf den Flanken, als er in den Kasernenhof sprengte. Mit steifen Beinen stolperte er die Holzstiege zu seiner Wohnung hinan; er lachte in sich hinein – ob die kleine Josefine wohl schlief? Es war drinnen ganz still. Die Hand auf die Klinke legend, drückte er sie behutsam nieder – was, verschlossen?! Donnerwetter, hatte die Käthe sich eingesperrt?!

Er klopfte, erst mit dem Finger, dann mit der Faust; er rief: »Käthe, Käthe!« Und immer grollender: »Frau!« Keine Antwort. Sie war nicht da. Aber das Kind mußte doch drinnen sein?! Er horchte: auch von dem kein Tönchen!

Was war denn das für eine Zucht?! Einen Fluch ausstoßend, polterte er die Stiege wieder hinunter. Wo steckten sie?

Ein paar Soldaten, die auf der Bank vor der Thürihres Blocks rauchend den Sonntag verdruselten, standen stramm: Die Frau Feldwebel war gegen mittag mit dem Kind und dem alten Weibsbild fortgegangen; bis jetzt hatten sie sie nicht wiederkommen sehen.

»Blinde Hessen!«

Fort stürzte der Feldwebel. – – –

Also hier fand er sein Weib?! Auf Rinkes Stirn schwoll die Zornesader; mit einem Blick, der alles durchbohren zu wollen schien, maß er die lustige Gesellschaft.

Eine augenblickliche Verlegenheit entstand. Der schwarze Hendrich machte einen Kratzfuß und ließ die Frau Feldwebelin schleunigst auf die Bank niedersitzen. Trina wurde so blaß, wie sie vorher rot gewesen; der fröhliche Rausch verflog, sie war plötzlich ernüchtert, ihr Herzschlag stockte.

Nur Peter Zillges, in seiner glücklichen Harmlosigkeit, nahm des Feldwebels seltsame Miene nicht krumm. Am frohen Fest allen Groll vergessend, schlug er ihn freundschaftlich auf die Schulter: »No, Herr Schwiejersohn, wat es jefällig? Bier oder e Jläsche Wein? Ja, heut hat de Pitter Zillges de Spendierbuxen an. Dat Finchen soll leben, un sein Eltern derneben! Hoch, hoch, hoch!«

Sie riefen alle: »Hoch, hoch, hoch!« Aber der Preuße verzog keine Miene und blieb frostig. ›Steif wie ein Zaunstecken,‹ mäkelten die Gäste hernach.

Auch als die Schwiegermutter, die einem etwaigen Ungewitter vorbeugen wollte, sich bethulich um Rinke mühte, hatte sie kein Glück. Was sie auch anbot an Speise und Trank, schlug er aus; sie hatte Mühe genug, daß sie ihn zum sitzen bekam. Ihre Erklärungen: dieTrina habe sich ohne ihn so einsam gefühlt, darum hätten sie sie mitgenommen in den ›Bunten Vogel‹ – die Gäste seien nur ein paar Nachbarn, die sich zufällig eingefunden – bei der Taufe sei das Finchen sehr brav gewesen, es sei ein gar zu lecker Tierchen und seinem Vater schon ähnlich – all das beantwortete er mit keiner Silbe. Nach wenigen Minuten erhob er sich wieder:

»Komm, Käthe!«

Auf solchen Ton gab’s kein Widerstreben; Frau Trina stand sofort auf. Hastig band sie sich den Hut zu und warf die weite Mantille mit der Seidenfladrusche um; es fröstelte sie plötzlich. So sehr drängte er zum Aufbruch, daß sie kaum ein Nicken für die Freunde fand und ein kurzes: »Adjüs zusammen!«

Die Mutter war mit herausgelaufen; nun stand sie in der Hausthür und schaute dem Paar nach. Trina hatte das Kind tragen wollen, er es ihr aber fortgenommen. Jetzt machte er so große Schritte, daß die Frau kaum nach konnte; ein paar Ellen war er immer voraus. Seufzend und mit bekümmertem Gesicht sah Mutter Zillges hinter den beiden drein – ach Gott, ach Gott, das gab ein böses Donnerwetter!

Nie war Trina der Weg von der Ratinger- bis zur Kasernenstraße so lang geworden trotz des schnellen Rennens; sonst ging sie ihn in einer guten Viertelstunde, heut dauerte er ewig. Die Kniee zitterten, die Füße versagten, ihr war schwindlig und schlecht zu Mut; aber sowie sie einen Augenblick stehen blieb, um nach Luft zu ringen, rief ihr Mann: »Komm!« Sie wagte nicht, zurückzubleiben, sondernhastete sich ab, daß ihr der Schweiß auf der Stirn perlte. Es war ihr nie geheuer, wenn er sie so stumm ansah, nur knapp ein Wort sagte; war er erst am Schimpfen, dann war’s nicht mehr so schlimm, da kam sie ganz gut gegen an, ihr Züngelchen konnte sich flink rühren. Aber heut hätte sie sich kein Wort getraut.

Atemlos tappte sie die Stiege hinauf; er wartete längst oben und sah sie an mit einem Blick, als ob er sie durchbohren wollte. Als sie den Schlüssel mit zitternder Hand aus ihrer Tasche vorholte, entfiel er ihr; sie bückten sich beide zugleich danach und pufften die Köpfe gegeneinander. Da wagte sie, obgleich ihr der Schädel brummte, ein kleines Lachen; aber ihr Mann ging nicht darauf ein, sah sie gar nicht an, entriß ihr den Schlüssel und stieß ihn heftig in’s Schloß.

Sie traten ein, und plötzlich, wie mit einer Riesenlast, fiel es der jungen Frau auf die Seele: wie dürftig, wie häßlich war’s hier! Getünchte Wände ohne Schmuck, keine Bilder, nackte Dielen, unbequeme Holzschemel, nebenan in der Kammer die schmalen, eisernen Bettstellen mit den groben, härenen Decken und des Feldwebels tannener Kleiderkasten. Ach, und zu Haus alles so hübsch, so behaglich! O, daß sie auch nicht dagegen protestiert, als der Bräutigam alles überflüssig fand! So ein Soldat, was weiß der von Behagen! Jetzt hätte sie sich prügeln mögen. Wenigstens ein Bett mit einem Himmel hätten sie doch haben müssen, ein Muttergötteschen und eine traulich glimmende ewige Lampe! Ganz verzweifelt fuhren ihre Blicke umher; noch nie hatte sie so den Unterschied zwischendem ›Bunten Vogel‹ und der povren Soldatenstube gesehen wie heut. Das Herz sank ihr, sie fing an zu weinen und setzte sich in einen Winkel.

Der Feldwebel brachte selber sein Kind zur Ruhe; kaum daß Trina sich traute, als er draußen in der Küche nach einem Stück Brot suchte, das Kleine aus der Wiege zu nehmen und an die Brust zu legen. Der Kopf war ihr schwer, der Magen that ihr weh, sie weinte in einem fort. Weinend kroch sie in’s Bett, noch weinend schlief sie ein.

In der Nacht erwachte sie jäh – das Kind schrie durchdringend. Ganz entsetzt sprang sie auf. Ihr Mann stand schon bei der Wiege; er hatte das Öllämpchen angezündet und leuchtete damit in’s Bettchen nieder, in dem er das Kind aufgebündelt. Die kleine Josefine zog krampfhaft die Beinchen hoch an den Leib, jämmerliche Schmerzensschreie ausstoßend.

»Jesus, wat hat et nur, warum weint et dann?« fragte Trina erschrocken.

Er gab ihr keine Antwort; finster blickend raffte er die Decke von seinem Bett und wickelte das Kind hinein. So trug er’s im Zimmer auf und ab, immer auf und ab, rastlos hin und wieder.

Sie wollte es ihm abnehmen.

»Zu Bett!« herrschte er sie an.

Ängstlich verkroch sie sich wieder unter ihre Decke und blinzelte nur verstohlen zu ihm hin.

Mitternacht war längst vorüber, schon dämmerte ein bleicher Schein über’m Exerzierplatz. Noch immer wanderteRinke auf und ab, hin und wieder, und noch immer wimmerte das Kind. Sie konnte es nicht länger mehr aushalten, an schlafen war doch nicht zu denken; die Decke abwerfend, lief sie zu ihm hin.

»Is et krank? Och Jott, och Jott!« rief sie angstvoll und rannte neben ihrem Mann her, bleich und fröstelnd. Sie klammerte sich an seinen Arm. »Och, Jesus Maria, Rinke, sag ens, wat hat et dann?«

»Bauchweh!« stieß er kurz heraus. »Und du bist schuld dran!« Und als sie ihn betroffen, ganz verdutzt ansah mit ihren müden, verschwiemelten Augen, hob er zornig die Hand und gab ihr einen Backenstreich.


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