VI
Eigentlich war es schon Winter. Die Düsseldorfer Hausfrauen hatten längst ihren Herbsthausputz vollendet, jedes Sommerstäubchen war ausgefegt, blitzblank schauten die Fenster auf das saubere Trottoir. Und doch war es noch nicht Winter, denn der November ließ sich an wie ein Oktober. Die Kastanien in der Königsallee waren noch nicht gänzlich entlaubt, im Hofgarten blühten noch Dalien und Georginen; Allerheiligen war lange vorbei, und doch dufteten noch bleiche Rosen auf den Gräbern. Vom Rhein kam ein lindfeuchtes Wehen, kein Wind. Die niederen Wiesen jenseits des Flusses schimmerten noch frischgrün, die Weidenbüsche standen wie im Saft.
Gut Wetter zum Martinsabend.
Josefine Rinke freute sich: heut abend würden sie alle mit dem Laternchen gehen; nur die arme Mutter durfte nicht mit, der Vater fand das zu lächerlich.
Zint Mäten, Zint Mäten![6]
Sie machte einen kleinen Hops, aber dann besann sie sich und steckte die Nase wieder in’s Buch, das sie, aufgeschlagen,vor sich her trug. Sie lernte noch auf dem Schulweg.
Jetzt war sie keine so gute Schülerin mehr, wie damals bei den Ursulinerinnen. Seit anderthalb Jahren ging sie in die evangelische höhere Töchterschule in der Kanalstraße, die unter dem Protektorat der Prinzessin Luise, der erlauchten Gemahlin Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich von Preußen stand, der im Jägerhofschlößchen am Hofgarten residierte.
Der Feldwebel war nicht wenig stolz darauf und auch seinem Hauptmann nicht wenig dankbar, der ihn, als er sich damals, da der Schulbesuch Josefines bei den Ursulinerinnen jäh abbrach, ratsuchend an ihn gewandt, dem früheren Garnisonprediger und jetzigen Regierungsschulrat empfohlen. Der leutselige Beamte hatte ein Einsehen gehabt, durch eine Ermäßigung des Schulgeldes wurde es dem bewährten, langgedienten Soldaten ermöglicht, seine Tochter einer höheren Bildung teilhaftig werden zu lassen. Von der Zeit an hatte sich der Feldwebel die einzige abendliche Pfeife abgewöhnt – das Schulgeld war für seine Verhältnisse noch immer hoch genug. –
Josefine schlenderte langsam, ihre Schulsachen in einem Lederriemen unter den Arm gepreßt. Gut, daß die Straße noch still war, um halb acht in der Frühe! Nur ein Hammer Gemüsekarren rumpelte, und eine Milchfrau trug ihren Rahm aus. Josefine mußte nachholen, was sie gestern versäumt; das große Bataillonsexerzieren hatte all ihre Zeit in Anspruch genommen, und die deutsche Orthographie wollte ihr so wie so schwer in den Kopf.
Ein schwarzlockiges Mädchen kam hinter ihr drein gerannt: »Fina! Finchen!«
Sie hörte nicht.
Nun zupfte sie die Schwarzlockige leicht am Jackenschoß. »Hörst du denn garnicht?«
»Och, Cilli, du! Ich lern’ noch, ich kann noch nix!«
Schon wieder vertiefte sich Josefine in ihr Buch, aber Cäcilie von Clermont zog es ihr weg.
»Ach, laß doch jetzt! Ich sag’ dir vor, wenn du dran kommst, wahrhaftig!« Und dann wendete sie sich zu dem Burschen um, der, in eine Livree gesteckt, ihr den Bücherpacken nachtrug: »Buschmann, Sie können jetzt nach Haus gehen – so – ich trag’s mir schon allein. Aber nicht dem Herrn Major sagen, Buschmann, auch nicht der Frau Major!«
Der Bursche grinste und machte Kehrt.
»So, Fina, nu faß mich unter,« sagte Cäcilie. »Erzähl mir was. War gestern das Bataillonsexerzieren schön? Ich wär’ schrecklich gern zu euch in die Kaserne gekommen zum zugucken, aber Mama sagte, das schickte sich nicht mehr für mich. Auch mit der Laterne soll ich heut nicht gehen. Scheußlich! Und es ist doch Martinsabend!« Sie schmollte. »Ich wünschte, der Viktor wär’ nicht gerad’ jetzt auf Urlaub gekommen, der ist so – so – weißte, der bestärkt Mama noch in so was. Der wird nu bald Fähnrich, aber er thut mindestens schon so,alsob er Major wäre wie Papa. Du mußt ihn bloß mal sehen – schneidig, sag’ ich dir!«
»Ich will ihn jar nit sehen!« Josefine warf den Kopfzurück. »Wann du nit mehr bei uns kommen darfst, komm’ ich auch nit mehr bei euch. Un den Viktor, bäh« – sie schnitt eine Grimasse – »de kenn’ ich jar nit mehr, dazumal war ich ja noch janz klein!«
Seit Josefine in die Töchterschule ging, war sie wieder mit Cäcilie von Clermont befreundet, besser sogar, wie sie es als Kinder gewesen. Da war nur der kleine Soldat das Bindeglied gewesen, und als der fort, zeigte Josefine keine Neigung mehr für das Clermontsche Haus; sie sträubte sich sogar, wenn sie ab und zu noch hin gebeten wurde. So war der Verkehr bald ganz eingeschlafen. Der Zufall hatte nun die beiden Gleichaltrigen nicht nur in derselben Klasse, nein, auf derselben Bank zusammengeführt.
Es war ein großes Ereignis für den Feldwebel, wenn die Tochter seines alten Hauptmanns, jetzt des Majors, seine Josefine besuchte. War Josefine auch keine besonders gute Schülerin – alles was sie bei den Ursulinerinnen gelernt, konnte sie in der neuen Schule nicht verwerten – so umschwebte sie doch ein eigner Nimbus. Sie kam ja aus der Kaserne! Endlos zog sich der einstöckige Bau längs der Straße, hinter seinen mit Blechkästen versperrten Luken schmachteten Soldaten im Arrest, schöne Offiziere klirrten über die Höfe, auf dem Exerzierplatz spielte die Regimentsmusik, – und auf den vielen Treppen, den zahllosen Gängen, all den Stuben und Kammern, was mochte da nicht vor sich gehen?! Die andern Mädchen beneideten Cäcilie von Clermont um ihre Freundschaft mit der Feldwebeltochter. –
Als heute die Nachmittagsschule aus war, schlendertendie beiden wieder Arm in Arm, aber sie trennten sich nicht an der Ecke, wo sie sich sonst Adieu zu sagen pflegten, die eine begleitete die andre immer noch ein Stück Wegs; sie kamen gar nicht von einander los.
»Du,« sagte Cäcilie und schlug die langbewimperten Augen entzückt gen Himmel, »herrlich, daß ich nun doch mit der Laterne gehen darf! Ich hab’ aber über mittag auch gequält! Am Jan Willem auf dem Markt treffen wir uns also. Du – ha, findst du nicht, es riecht schon aus jedem Haus so lecker nach Puffert? Ach, wenn wir doch auch welche backten!«
»Bis still,« tröstete Josefine, »ich bring’ dir morjen welche mit nach der Schul’. Meine Jroßmutter backt se aber lecker! Aus Buchweizenmehl mit Korinthen, in Leinöl. Un dann in Syrup gestippt – ha!« Sie klopfte sich mit einem strahlenden Gesicht auf den Magen. »Ich kann ’r en Dutzend essen. Wenn ’t nur schon Abend wär!« Trällernd machte sie einen Freudensprung: »Zintmäten, Zintmäten, de Kälber –«
»Gott, Fina!« Erschrocken hielt ihr Cäcilie den Mund zu. »Was sollen die Leute von uns denken?«
Ein paar Jünglinge drehten sich eben nach den beiden Mädchen um. Cäcilie wurde rot und schlug verschämt die Augen nieder, Josefine aber schnitt eine Fratze: »Dumme Junges! Zintmäten, Zintmäten! Adjüs, Cilli, letzt!« Kräftig schlug sie dieFreundinauf den Rücken.
»Vergiß nicht – um sieben Uhr – am Jan Willem,« rief ihr Cäcilie nach.
Fina hörte schon nicht mehr. Da rannte sie hin,daß ihr halblanger Rock flatterte, und man ihre weißbestrumpften Beine bis zum Knie sah. –
Peter Zillges war nicht für die neumodischen Papierlaternen; er hatte seinen Enkeln Kürbisse ausgehöhlt, ihre Namen und allerlei andres hineingeritzt: Gesichter, und Sonne, Mond und Sterne. Die Zeichnungen waren unvollkommen – Großvaters Hand hatte schon sehr gezittert – aber schimmerte ein Lichtchen von innen durch, machte sich solch ein Kürbis doch wunderbar schön.
Vom ›Bunten Vogel‹ zogen die Geschwister am Abend aus. Josefine trug ihren Kürbis, der groß und gelb wie ein Holländer Käse war, auf einem Stock; die Brüder schwenkten ihre kleineren an Bindfadenschnüren. Die Kinder sangen; hell klangen ihre Stimmen in den lauen Abend hinaus.
Und von nah und fern, vom andern Ende der Ratinger-, von der Ritter- und der Mühlenstraße, vom Hunsrück und der Mertensgasse, von allen Seiten fielen Kinderstimmen ein, hoch und tief, rein und falsch, durchdringend wie Pfeifenton, jubelnd wie Trompetenfanfaren: »Zintmäten, Zintmäten!«
Wie Glühwürmchen funkelt es auf in den dunkeln Straßen, an den Häusern zieht es vorbei in bunten Reihen, über den Köpfen wogen und wirren schwanke Lichter in Weiß und Gelb, in Rot und Grün. Licht, Licht – ein Meer von schwankenden Lichtern! Ganze Kinderscharen haben sich zusammengefunden beim Klang einer Schelle; und wo sich Knaben und Mädchen begegnen, pusten sie sich in die Laternen, und die Buben singen grob:
»Zintmäte, Zintmäte.De Kälver hant lang Stäte,De Jonges sin Rabaue,De Weiter wolle mer haue.«
»Zintmäte, Zintmäte.De Kälver hant lang Stäte,De Jonges sin Rabaue,De Weiter wolle mer haue.«
»Zintmäte, Zintmäte.De Kälver hant lang Stäte,De Jonges sin Rabaue,De Weiter wolle mer haue.«
»Zintmäte, Zintmäte.
De Kälver hant lang Stäte,
De Jonges sin Rabaue,
De Weiter wolle mer haue.«
Und die Mädchen zirpen dagegen:
»De Weiter sin Rabaue,Die Jonges wolle mer haue,De Weiter trinke rode Wing,De Jonges schmeiße mer in der Rhing!«
»De Weiter sin Rabaue,Die Jonges wolle mer haue,De Weiter trinke rode Wing,De Jonges schmeiße mer in der Rhing!«
»De Weiter sin Rabaue,Die Jonges wolle mer haue,De Weiter trinke rode Wing,De Jonges schmeiße mer in der Rhing!«
»De Weiter sin Rabaue,
Die Jonges wolle mer haue,
De Weiter trinke rode Wing,
De Jonges schmeiße mer in der Rhing!«
»Zintmäte, Zintmäte!«
Josefine hielt ihren Kürbis krampfhaft hoch, ein paar große Jungen hatten es durchaus darauf abgesehen, ihr das Lichtchen zu löschen; sorgsam trug sie es vor sich her, wie etwas Heiliges bei der Prozession, schier andächtig die Blicke darauf geheftet.
Je näher dem Rhein, desto größer das Getriebe, desto lauter das ›Zintmäten‹.
An den Bürgerhäusern klingelt es, helle Kinderstimmen erheben den Bittgesang:
»Hier wohnt en reicher Mann,De ons wohl jett jäwe kann.Selig soll hä läwe,Selig soll hä stärwe,Dat Himmelreich erärwe!«
»Hier wohnt en reicher Mann,De ons wohl jett jäwe kann.Selig soll hä läwe,Selig soll hä stärwe,Dat Himmelreich erärwe!«
»Hier wohnt en reicher Mann,De ons wohl jett jäwe kann.Selig soll hä läwe,Selig soll hä stärwe,Dat Himmelreich erärwe!«
»Hier wohnt en reicher Mann,
De ons wohl jett jäwe kann.
Selig soll hä läwe,
Selig soll hä stärwe,
Dat Himmelreich erärwe!«
Bei dem ›Himmelreich‹ steigt die Melodie auf einen hohen Ton, freudig gejauchzt klingt es weit in den Abend. Und die Thüren thun sich auf, und Äpfel, Nüsse, Kastanien, Korinthenstuten und Puffertkuchen fallen in die aufgehaltenen Kittel und Schürzchen.
Um den alten Jan Willem am Markt dreht sich einwirbelnder Gnomenreigen. Auf den Treppen des Rathauses und des Theaters halten Eltern ihre Kleinsten in die Höhe, und wo die winzige Kinderhand das Laternchen nicht schwenken kann, thut es die kräftige Faust des Vaters.
Zintmäten, Zintmäten! – Da ist keiner zu alt.
Josefine hatte viel Anfechtung, die großen Jungen von der Ratingerstraße waren ihr bis hierher gefolgt. Hilfesuchend sah sie sich um, aber die Brüder waren im Gedränge abhanden gekommen; nun setzte sie sich allein zur Wehr. Mit dem Rücken an das Gitter, das den Jan Willem vor’m Marktgetriebe schützt, gelehnt, reckte sie ihren Stock so hoch sie konnte.
Gleich neckenden Teufeln hüpften die Buben vor ihr herum:
»Zintmäte, Zintmäte!De Weiter lecke de Plate,De Jonges esse de Tate,De Jonges esse jebackene Fisch.De Weiter schmeiße mer unger der Disch –«
»Zintmäte, Zintmäte!De Weiter lecke de Plate,De Jonges esse de Tate,De Jonges esse jebackene Fisch.De Weiter schmeiße mer unger der Disch –«
»Zintmäte, Zintmäte!De Weiter lecke de Plate,De Jonges esse de Tate,De Jonges esse jebackene Fisch.De Weiter schmeiße mer unger der Disch –«
»Zintmäte, Zintmäte!
De Weiter lecke de Plate,
De Jonges esse de Tate,
De Jonges esse jebackene Fisch.
De Weiter schmeiße mer unger der Disch –«
Der Allerdreisteste hüpfte in die Höhe und haschte nach dem Kürbis. Er pustete hinein – da – Josefine kreischte auf, ehe er das Lichtchen löschen konnte, fiel ihre Hand derb auf seine Backe: »Eklige Jung!«
»FrechWeit!«
»Freche Rabau!«
Josefines Augen funkelten, das Mützchen war ihr längst in den Nacken geglitten, die blonden Haare ringelten sich halbgelöst – jetzt stieß sie einen hellen Hilferuf aus, und ein andrer Ruf antwortete: »Fina!«
Hurra, das war Cäcilie! Sieben Uhr schlug’s dumpf vom Rathaus. Mit einem heftigen Anlauf ihre Bedränger zur Seite stoßend, stürmte Josefine durch, im Schwung warf sie sich der Freundin an den Hals.
»Mein Stern, mein Stern!« Ängstlich hielt Cäcilie ihren roten Papierstern in die Höhe, der einen rosigen Schimmer auf ihr zartes Gesichtchen unter der weißen Schwanenkapuze warf. »Viktor, o die frechen Jungens!«
»Unverschämte Bande,« sagte das junge Herrchen an ihrer Seite und zuckte die Achseln. Die Jungen ohne Hut, in Kittel und Holzklumpen, wagten keinen neuen Angriff, sondern zogen nur noch ein Weilchen johlend hinterdrein.
Also das war der Viktor, wirklich der Viktor?! Der kleine Soldat?! Josefine war enttäuscht: heut trug er keine Uniform. Aber groß war er geworden, und wie stramm er sich hielt! Fähnrich wurde er, hatte die Cilli gesagt; dann war er auch bald Offizier – o! Es war doch wieder etwas von der alten Bewunderung in dem Blick, mit dem sie ihn neugierig von der Seite betrachtete.
Er fühlte das und begann an der Oberlippe zu zupfen. Noch war da erst ein kaum sichtbarer Flaum, wie bei einem jungen Vogel, aber er zupfte doch. Komisch, daß es ihm eigentlich Spaß machte, mit den kleinen Mädchen zu gehen; was würden wohl die Kameraden dazu sagen? Na, natürlich: ›Viktor der Sieger‹ – so nannten sie ihn ja in seiner ganzen Kompagnie.
»O wie gut, daß du mitgegangen bist, daß wir nichtallein sind,« seufzte Cäcilie in einem wonnigen Grausen nach überstandener Gefahr.
»Sie sollen sich nur unterstehen,« sagte er und warf einen stolzen Blick zurück.
Josefine wunderte sich im stillen, daß der Viktor gar nichts von früher zu ihr sagte. Ob er nicht mehr wußte, daß sie vor Jahren so schön miteinander gespielt? Hatte er denn alles vergessen? Sie wußte es doch noch. Auch daß er sie ›Sie‹ nannte! Das war ja so fremd. Ein Fräulein war sie doch noch nicht – Gott sei Dank! Mit einem strahlenden Blick sah sie auf ihre freien Füße herunter. Die Cäcilie konnte den Rock immer nicht lang genug kriegen – no, so geck!
»Zintmäten, Zintmäten!« Sie machte einen kecken Hopser über den breiten Rinnstein, und dann fing sie an, mit ihrer lustigen Stimme zu singen:
»Zintmäte sein VöjelcheMet dat rote Köjelche –«
»Zintmäte sein VöjelcheMet dat rote Köjelche –«
»Zintmäte sein VöjelcheMet dat rote Köjelche –«
»Zintmäte sein Vöjelche
Met dat rote Köjelche –«
Viktor, der angehende Fähnrich, betrachtete sie sehr wohlgefällig von der Seite. Nett war die geworden – ganz famos! Soviel er sich erinnerte, war sie immer niedlich gewesen – aber so niedlich? Er fing an, Josefine zu necken: mit ihrem Düsseldorfisch, mit ihrem Kürbis. Frischweg ging sie darauf ein, nur als er ihr das Lichtchen ausblasen wollte, sagte sie drohend: »Mach!« und hob die Hand.
Er machte es nicht im geringsten besser, wie die Rabauen in den Holzklumpen; wie vorhin die, so umhuschte er sie jetzt, bald von rechts, bald von links. Das warein Jagen über’s Trottoir, ein Schäkern und Lachen, ein ausgelassener Kampf um das Lichtchen. Zintmäten, Zintmäten – sie vergaßen ganz das ›Sie‹.
So schön war’s heut. Der Mond am Himmel schämte sich und versteckte sich vor all dem Glanz. Vom Rhein grüßte ein lindes Wehen und strich sanft kühlend über die glühenden Wangen, die erhitzten Stirnen.
»Zintmäten, Zintmäten!« Jauchzend sprang Josefine dahin, wie getragen von Windesflügeln, die roten Lippen zu schallendem Gesang geöffnet.
Und der Abend flog auch dahin – zu rasch.
»Nach Hause,« sagte Viktor plötzlich und faßte die Hände seiner Schutzbefohlenen. Es behagte ihm auf einmal nicht mehr, allerhand Pöbel füllte die Straßen, Rheinkadetten, Burschen und Mädchen aus den Fabriken; in langer Reihe, Arm in Arm, sperrten sie den Weg. Schon mischten sich andre Lieder in’s Martinsliedchen der Kinder. Hier und dort wurde recht wüst gegröhlt:
»Küt de Lehrer in de Scholl’,Setzt hä sich ob singe Stoll’ –«
»Küt de Lehrer in de Scholl’,Setzt hä sich ob singe Stoll’ –«
»Küt de Lehrer in de Scholl’,Setzt hä sich ob singe Stoll’ –«
»Küt de Lehrer in de Scholl’,
Setzt hä sich ob singe Stoll’ –«
und wo die Bürgerhäuser ihre Thüren nicht mehr öffneten bei’m ungeduldigen Pochen der Fäuste:
»Dat Huus, dat steht up eene Penn,De Jietzhalz, de wohnt metten drenn –Jietzhals, brich der Hals,Dat de morje stärwe kanns!« – – –
»Dat Huus, dat steht up eene Penn,De Jietzhalz, de wohnt metten drenn –Jietzhals, brich der Hals,Dat de morje stärwe kanns!« – – –
»Dat Huus, dat steht up eene Penn,De Jietzhalz, de wohnt metten drenn –Jietzhals, brich der Hals,Dat de morje stärwe kanns!« – – –
»Dat Huus, dat steht up eene Penn,
De Jietzhalz, de wohnt metten drenn –
Jietzhals, brich der Hals,
Dat de morje stärwe kanns!« – – –
»Och, wie schad’,« seufzte Josefine, als ihr letztes niedergebranntes Lichtchen vor der Thür des ›Bunten Vogels‹ verlöschte. Drinnen roch es nach den leckerenPuffertkuchen der Großmutter, und doch zögerte sie noch: »Wie schad’!«
Viktor schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich abschiednehmend; aber dann nahm er die kleine, warme Hand, die sich ihm entgegenstreckte und sagte: »Ich bleib’ ja noch vier Wochen hier!« Und dann mit einem bedeutsam festen Druck: »Bis morgen!«
*
Vier Wochen, lange vier Wochen, – waren sie wirklich schon vorbei?!
Viktor von Clermonts Urlaub neigte sich seinem Ende zu; das Weihnachtsfest würde er nicht mehr zu Hause verleben, nur noch den Nikolaustag. Der war heute.
Betrübt schlenderte er über die Kasernenstraße und zerbrach sich den Kopf: wie sollte er’s ermöglichen,ihreinen Weckmann zu schenken? Da war wohl keiner in ganz Düsseldorf, der heut, an Sankt Nikola, seiner Angebeteten nicht einen Weckmann verehrte.
In allen Konditor- und Bäckerläden prangten Weckmänner: große und kleine, von Kuchenteig und Weckteig, einfachere und leckerere; solche mit Schokoladenknöpfen und ohne Knöpfe, solche mit Mandeln und Zitronat gespickt, und Ungespickte. Aber alle mit Korinthenaugen und der Pfeife im Maul.
Sinnend blieb Viktor an einem Bäckerfenster stehen. Zweimal hatte er ihr was spendiert: das erste Mal eine Crêmeschnitte bei Konditor Geisler, das andre Mal freilich nur eine Düte gerösteter Kastanien bei’m ›Appel-Len‹. Zu einer›Blase Leckers‹ hatte es nie gelangt, – ach, wenn das Taschengeld doch nicht so knapp wäre! Es reichte nicht immer zu den notwendigsten standesgemäßen Ausgaben. Und der Vater konnte beim besten Willen nicht mehr geben; wenn der jetzt auch Major war, er war doch auch immer knapp. Na, hoffentlich würde es anders werden, wenn man erst Seiner Majestät Leutnant war bei der Garde! Bald würde es wohl Krieg geben – Viktor hoffte stark – da wollte er sich nebst den Epauletten auch noch das eiserne Kreuz verdienen, auf der linken Brust zu tragen.
Zögernd klimperte er mit seinen letzten paar Groschen in der Hosentasche. Da im Fenster lag so ein ganz kleiner Weckmann, der würde gewiß nicht mehr kosten wie ein Kastemännchen![7]Wie würde sie sich darüber freuen! Morgen mußte er ja ohnehin fort, und dem Mädel blieb nichts wie diese Erinnerung.
›Ha, wie lecker,‹ würde sie sagen und lachend in den braunen Weckmann ihre weißen Zähne vergraben.
Und seine Hand würde sie fassen wie letzthin, als er mit ihr im Hofgarten promenierte und es anfing, schaurig dunkel zu werden unter den hohen Bäumen der Seufzerallee. Na, da mußte er sich eben das Taschenbürstchen oder den Nägelpolierer verkneifen!
Entschlossen betrat er den Laden. Nach wenigen Augenblicken kam er wieder heraus, den kleinen Weckmann, in ein gelbes Papier eingeschlagen, sorgfältig in der Hand. Und nun ging er die Straße, auf der der Kaserne gegenüberliegenden Seite, immer auf und ab.
Ob sie noch nicht kam? Sie hatte heute doch schulfreien Nachmittag. Ein Glück, daß Cäcilie verschnupft war und sich nicht hatte anschlängeln können! Er wollte mit Josefine an den Rhein gehen, da gab’s was zu sehen: Hochwasser. Die Brücke war heute nacht abgefahren worden, man hatte die Kanonenschüsse gehört, und am Morgen ging die Schreckenskunde: ein Joch sei abgetrieben und ein Brückenwärter darauf.
Wenn sie doch käme! Es war frostig heute; wenn’s auch nicht goß, wie seit ein paar Wochen ohne Unterlaß, es war doch feuchtkalt und die ganze Luft von Wasserdunst erfüllt.
Halt, knarrte jetzt nicht das Kasernenthor? So öffnetesie’simmer, ein wenig mühsam, sich stemmend gegen die schwere Wucht des Thürfügels.
Sie war’s! Schon lief sie über die Straße auf ihn zu; aber sie war nicht allein, ihr jüngstes Brüderchen führte sie an der Hand. »Tag, Viktor! Dat Karlchen will auch der Rhein kucken jehen. Und dann muß ich nach der Ratingerstraß’. Hau, der janze Keller is da voll Wasser!«
Wie lästig, daß sie das kleine Kind mitbrachte! Viktor fühlte sich gekränkt. Und dann wollte sie gleich nach der Ratingerstraße laufen, um das Wasser im Keller zu sehen – alsodaswar ihr die Hauptsache am letzten Tag?! Beleidigt steckte er den Weckmann in seine Rocktasche – wenn sie so war, nun dann kriegte sie den auch nicht!
Sie merkte nichts von seiner Verstimmung, lustig schwatzte sie. Nun hatte sie schon alle Frühjahr, wenndas Eis trieb und der Schnee schmolz, das Grundwasser in die Keller steigen, sämtliche Gossen und Kanäle der Stadt übertreten und auf den Wiesen der andern Seite die Weidenbüsche wie vereinzelte Haarschöpfe herausstehen sehen; aber so früh im Winter war noch nie Hochwasser gewesen. Jetzt waren Straßen überschwemmt, und – jubelnd klatschte sie in die Hände – am Zollthor und in der Rheinstraße sollten sie mit Kähnen fahren.
»Lassen wer kucken jehn, lassen wer kucken jehn!« Rasch riß sie ihn mit fort.
Und Menschen, Menschen hasteten dem Rhein zu. Alles lief. Immer schlüpfriger wurde das Pflaster, beschmutzt von unzähligen, nassen Tappen. Selbst aus den Steinen schien schlammige Feuchtigkeit zu quellen; es roch nach Moder. An der Ecke der Marktstraße, wo sonst die Obstfrau sitzt, war die Gosse ein See; Krämer standen auf ihren niedrigen Ladenschwellen, filzbeschuht, mit blauer Schürze, und schauten, ihr Pfeifchen paffend, nach dem Wasser aus.
Und halt, nun – die Menge staute sich, Josefine stieß einen hellen Schrei aus –, nun geht’s nicht weiter, das Wasser, das Wasser! Es plätschert dem alten Jan Willem um die Füße.
Noch sind Bretter über Blöcke gelegt, schwankende Stege, die nur mit kühnem Balancieren zu überschreiten sind; aber dann breitet sich die Flut, die tiefe, stille, lautlose, dunkle Flut, die nichts mit dem schönen Grün des Rheins gemein hat. Die Rathaustreppen sind überspült, die Säulen des Theaters ragen wie Stümpfe aus demWasser; hinunter nach dem Zollthor fahren Kähne. Aus den Häusern der Zollstraße schauen vom Oberstock Weiber mit blassen Gesichtern; sie haben in der Nacht wenig Schlaf bekommen, da sie flüchten mußten, von unten nach oben, mit Kind und Wiege und Mann und Maus. Aber sie lachen. Und die Männer, denen aus den Kähnen Feuerung und Wasser und Brot und Kartoffeln an Stangen in Eimern zugereicht werden, lachen auch. Und die Rheinschürgen, die in ihren hohen Stiefeln und den geteerten Jacken geschäftig sind, lachen auch. Und die vorwitzigen Jungen, die, die Hosen aufgekrempelt, barfuß in’s Nasse plantschen, bis ihnen das Wasser plötzlich bis unter die Achseln steigt, lachen auch. Es klatscht und spritzt, es plätschert und sprüht – Neugierige werden bis auf’s Hemd naß, kein Mensch hat einen trocknen Fuß, aber alles lacht, lacht, lacht.
Josefine war außer sich vor Entzücken; auch Viktor vergaß seinen Mißmut und fühlte sich ganz als Beschützer. Hier zwei Hilflose, und er der Ritter und Retter. Sorgsam bot er dem Mädchen die Hand, an schwierigen Stellen nahm er Karlchen Huckeback.
Vom Rhein wehte es stark – ach, wer den jetzt nur ganz übersehen könnte! Vom Kohlenthor erhaschten sie endlich den Blick.
O, wie das floß und floß und sich dehnte, grau, grau, bis in’s Unendliche, ein weites, unabsehbares, ein in alle Ewigkeit flutendes Meer! Drüben die grünen Wiesen von Niederkassel bis gen Heerdt verschwunden, nur Pappelkronen ragen noch auf und die Dächer der Bauernhöfe.Kein Gras mehr, keine Büsche, kein weidendes Vieh; der Rhein hat sich breit gemacht und alles verschluckt. Hinauf nach Köln und hinunter nach Holland ist alles sein. Selbst der Himmel ist sein; er hält den umarmt im grauenDunst.Wo sind Wolken, wo Wasser? Man weiß es nicht – alles eins im Duft, im schwimmenden Nebel. Grauend und brauend wogt es und wallt es, zieht und flieht, naht und drängt, weht und winkt – Schleier und Netze wirft der Rhein aus, die alles umstricken. –
Es war den beiden heiß, glühend heiß, als sie am ›Bunten Vogel‹ anlangten. An jedem Haar hing ihnen ein Tröpfchen; das waren Perlen vom Rhein, der hatte sie in den Armen gehalten und auf die Stirnen geküßt. Sie hatten angekämpft gegen den sausenden Wind, der ihre Kleider gelüftet und ihnen Lust in die Herzen geblasen. Ihre Augen strahlten. Im Hausflur holte Viktor rasch seinen Weckmann hervor und drückte ihn Josefine in die Hand.
Wie selbstverständlich trat er mit ihr in die Stube.
Draußen spülte das Wasser schon bis an die Schwelle des ›Bunten Vogels‹, aber innen saß sich’s gemütlich, doppelt warm. Die Großmutter holte in gastlicher Freude Kaffee und Blatz. Der Großvater grämelte: das sei ja gar kein richtiges Hochwasser. »Kein Wunder, auch de Rhein kömmt aus der Reih’. De find’t sich auch nit meh zurecht in Düsseldorf – all de neuen Straßen un de Plätz, de Eisenbahn, de Fabriken – Teufelswerk! Un wat se nit alles noch am planen sind! Ich les’ et als in der Zeitung: en einig Deutschland! Dumm’ Zeug! Wat jeht uns datan? Dat de Börjer zufrieden es, dat es de Hauptsach –«
»Peter,« unterbrach ihn die alte Frau, »weißte noch dazumal, da lief et Wasser langs de janze Bolkerstraß’?«
Da vergaß der Alte sein Grämeln. »Eja, dat war noch Hochwasser, um vierundachtzig, als ich noch ene junge Kerl war! Da lief de Rhein über im Hornung, wie en Pott voll gärig Bier!«
»Un weißte noch,« fiel sie wieder ein, »wie de Rhein beim von Cornelius im ›Feigenbaum‹ de Trepp’ erauf stieg? Ich war noch e jung Weit, aber ich weiß et wie heut. Da mußt’ de sein klein Peterken durch’t Fenster im Nachen tragen, mitten in der Nacht. Ja, eja« – sie stieß einen behaglichen Seufzer aus – »de es nu auch als ene alte Mann, de Cornelius Pitter! Wat de Zeit verjeht!«
»Komm,« flüsterte Josefine und stieß unter dem Tisch an Viktors Knie, »lassen wir ens im Keller jehn! Da is en Bütt’, da können wir uns in fahren!«
Die beiden Alten, in ihre Vergangenheit vertieft, merkten es nicht, daß die beiden Jungen zur Stube hinausschlüpften.
Im Keller des ›Bunten Vogel‹ war alles auf Stellagen gerettet: die Flaschen und Krüge, die Fässer und die Kappestonne. Eine weiße Katze lauerte oben an der Treppe auf die Mäuse, die sich etwa in’s Trockene flüchten mochten.
Sorgsam zog Josefine die Kellerthür hinter sich zu. Nun waren sie ganz im Dunkeln. Eine feuchtwarme, schwere, moderdurchschwängerte Luft hüllte sie ein. Viktor verging der Atem, tastend griff er um sich.
»Bis still,« flüsterte Josefine. Und nun flammte es auf, sie hatte ein Streichhölzchen angerieben; ein Kerzenstümpfchen holte sie aus der Tasche und steckte es an.
Jetzt sahen sie: wenige glitschige Stufen hinunter, und da war schon das Wasser. Schwarz wie Tinte, regungslos stand’s unter dem Gewölbe. Eine große, ovale Waschbütte schaukelte wie ein Nachen am Treppenpfosten.
Hand in Hand blieben sie auf der untersten, schon bespülten Stufe stehen; Josefine hatte das Lichtstümpfchen niedergestellt, nun warf es flackernden Schein auf die fahle Kellerwand gegenüber und zeigte ihnen ihre Schatten wunderlich groß. Sonst schien alles versunken in der dunkel gähnenden, geheimnisvollen Höhle.
»Fahr’ mich,« hauchte sie bittend.
Und so fuhren sie in der Bütte; sie mit den Händen im schwarzen Wasser plätschernd, er ein paar aufgefischte Holzscheite als Ruder benutzend. Langsam paddelten sie umher. Sie sprachen kein Wort – alles still – auch von außen kein Laut. Da war eine versunkene Stadt, und sie beide schwammen allein miteinander, mutterseelenallein, auf einem weiten, weiten Meer.
Ein immerwährendes, glückliches Lächeln lag auf Josefines Gesicht.
»Fahr’ mich noch mehr, fahr’, fahr’!« Mit auf die Seite geneigtem Kopf sah sie den Jüngling selig an.
Viktor machte eine ungeschickte Bewegung – da – die Bütte drehte sich, schwankte, heftig puffte sie gegen die unterste Treppenstufe; das Lichtstümpfchen erlosch.
Josefine stieß einen leisen Schrei aus, der Nachen legte sich auf die Seite; aber schon hatte Viktor sie umfaßt. Mit kräftigem Arm hob er sie auf die Stufe.
»Fina,« flüsterte er, sie noch umschlungen haltend, »Finchen, morgen muß ich ja fort!«
»Och, wie schad’!«
»Wirst du mich auch nicht vergessen?«
»Ne, och ne!«
Da küßte er sie, und sie küßte ihn wieder. Ganz im Dunkeln. Er fühlte nicht, daß seine Füße im Wasser standen. Sie fühlte nicht, daß ihr halblanger Rock durchnäßt war; sie fühlte nur den heimlichen Schauer, der ihr leise, in mädchenhafter Scham, über den jungen Körper rann.
[6]Sankt Martin.[7]2½ Silbergroschen.
[6]Sankt Martin.
[6]Sankt Martin.
[7]2½ Silbergroschen.
[7]2½ Silbergroschen.