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Sergeant Conradi machte in diesem Frühjahr entschieden Fortschritte in Josefines Gunst. Er hatte sie auf den Karlstädter Markt führen und ihr etwas kaufen dürfen. Für einen Nähkasten und zwei Siamosenküchenschürzen hatte sie sich sehr erfreut bedankt, auch lachend in ein Zuckerei gebissen, aber ein vergoldetes Ringelchen mit einem blauen Stein wollte sie durchaus nicht annehmen. Er mußte es, etwas betreten, in der Brusttasche seiner Uniform bergen.

In’s Kölner Hänneschen hatte er sie auch geführt und sich schmählich dabei gelangweilt, denn er verstand das Hänneschen mit seiner Pritsche und Fistelstimme nicht; den Witz ebensowenig wie den Dialekt. Das einzige Vergnügen war für ihn, Josefine zu beobachten; sie lachte, daß ihr die dicken Thränen über die Backen kollerten. Karussell war er auch mit ihr gefahren, und immer hatte er noch die zwei jüngsten Brüder mitgeschleppt, die sich an die Schwester hingen wie Kletten.

Von dem Mann mit der ›Morithat‹ hatte er die Jungen gar nicht fortbringen können, obgleich er sich selbst nichtbehaglich fühlte, zwischen der Menge eingekeilt.AllerleiBurschen – rechte Lotterbuben – mit roten Halstuchzipfeln, die Mützen schief auf dem Ohr, die Ellbogen herausgestreckt, standen breitbeinig umher.

»Lustige Rabauen,« sagte Josefine.

Conradi wußte es besser, sein militärisch geschultes Ohr hatte allerlei Bemerkungen aufgefangen:

»Wat will de Preuß hie?«

»Haal dei Muhl, de Kähl hat en Zäbel.«

»En Zäbel? Ene, en Kiesmetz!«[9]

»Helau, en Kiesmetz!« Ein unterdrücktes Gelächter flog durch die Menge. Conradi fühlte es, diese staute sich gegen ihn, öffnete nur widerwillig eine Gasse, um ihn herauszulassen. –

Es war gegen Pfingsten, als der Sergeant Befehl erhielt, in Elberfeld zur Probedienstleistung bei der Gendarmerie anzutreten. Der Abschied wurde ihm sauer. War auch Elberfeld nicht aus der Welt, so würde es doch schwierig werden, des Sonntags nach Düsseldorf herüberzufahren: es rauchen viel Fabrikschornsteine im bergischen Land, und der Sonnabend, der Auszahlungstag, und der folgende Sonntag noch, erforderten strammen Dienst.

So schlich der Schüchterne denn umher und suchte die Nähe des Mädchens, das er liebte. Mit dem Feldwebel hatte er gesprochen, der hatte nichts dawider; aber wennsieihm nur treu blieb! Da hatte er Bedenken. Wenigstens wollte er bestimmt wissen, woran er war.Das Ringelchen, das sie damals, neckisch lachend, verschmäht, trug er noch immer bei sich und paßte auf die Gelegenheit. In seinen Mußestunden hatte er schön kalligraphisch auf ein goldgerändertes Blättchen Papier hingemalt:

›Mädchen, wenn ich einmal sterbeUnd der Tod mein Auge bricht,So pflanz’ du auf meinem GrabeEine Blum’:Vergißmeinnicht!‹

›Mädchen, wenn ich einmal sterbeUnd der Tod mein Auge bricht,So pflanz’ du auf meinem GrabeEine Blum’:Vergißmeinnicht!‹

›Mädchen, wenn ich einmal sterbeUnd der Tod mein Auge bricht,So pflanz’ du auf meinem GrabeEine Blum’:Vergißmeinnicht!‹

›Mädchen, wenn ich einmal sterbe

Und der Tod mein Auge bricht,

So pflanz’ du auf meinem Grabe

Eine Blum’:Vergißmeinnicht!‹

Viele Male hatte er das abgeschrieben; immer waren ihm die Buchstaben nicht zierlich genug, die Schnörkel nicht mächtig genug erschienen. Dies Gedicht wollte er ihr mit dem Ringelchen geben.

Am letzten Abend erwischte er sie. Unten auf dem Hof war’s, im Dunkeln. Sie stand am Brunnen und ließ Wasser in einen Krug laufen. Der Zapfenstreich hatte eben ausgetutet, einzelne Kerle wutschten noch geschwind hinein in ihre Blocks, letzter müder Lichtschein glomm in den Mannschaftsstuben. Die Ahornbäume auf dem Hof rauschten sacht, und der Pumpenschwengel quietschte leis. Am Himmel blinzelten die Sterne.

Da schob er sich zu ihr heran. »Finchen – liebes Finchen – morgen muß ich weg!« Seine Stimme klang betrübt.

»Dat ’s schad’ – ja, dat weiß ich!«

»Es fällt mir sehr schwer!«

»Och eja, dat jlaub’ ich wohl!«

»Sehr schwer, von – Ihnen zu scheiden!«

»Was jefällig?« Sie hatte nicht recht verstanden, was er sagte, er flüsterte immer leiser.

Nun tuschelte er es ihr in’s Ohr: »Von Ihnen zu scheiden!«

»Och, wat Sie nit sagen! Hihihi!« Sie kicherte gedämpft.

»St–, Finchen, st–!« Zärtlich faßte er ihre Hand; das Ringelchen hatte er schon in der seinen verborgen gehalten, nun versuchte er, ihr es an den Finger zu schieben. »Und da möcht’ ich – ich bitte Sie – wenn ich so weit weg bin« – nun hatte er den Reif glücklich auf ihrem Finger – »damals wollten Sie nich, dann tragen Sie’s jetzt, zur Erinnerung – teures Finchen – zum Gedenken an mich! Und sowie ich ’ne gute Stellung kriege, dann –«

Jetzt lachte sie verlegen auf und machte sich von seiner Hand frei.

Das Herz schlug ihm – wenn sie davon lief? Er fürchtete es schon, aber sie blieb stehen. Gerade über dem Baum, der den Brunnen beschattete, blinkte ein Stern, durch’s Gezweig warf er schimmerndes Licht auf das liebe Gesicht. Der Verliebte konnte das jetzt deutlich sehen, und ein eifersüchtiger Schmerz durchfuhr ihn – wenn das andren lächelte?!

»Darf ich Sie als meine Braut betrachten?« sagte er hastig und griff wieder nach ihrer Hand.

Sie ließ die ihm wohl, auch daß er einen Kuß auf ihre Wange drückte, litt sie, aber sie küßte nicht wieder. Er hätte sie gern umhalst, aber da war kein Ankommen.

»Oho, noch lang nit,« neckte sie und wich geschickt seinen Armen aus.

»Finchen, ’nen Kuß! Einen einzigen Kuß,« bettelte er.

»Ich mag Sie wohl jern leiden, Herr Sergeant,« sagte sie plötzlich ganz ernsthaft, »aber – aber –!« Und nun reichte sie ihm ihre Hand und schüttelte die seine herzhaft: »Adjüs! Lassen Se sich ’t immer jut jehen! Ich – ich will an Sie denken – oft denken – ich –« mehr sagte sie nicht, aber sie sah ihn treuherzig an. Und dann drehte sie sich um – gerade noch, daß er ihr sein goldgerändertes Papierchen zustecken konnte – und flüchtete, ihren Krug im Stich lassend, dem Hause zu.

Etwas verdutzt stand er – war sie nun seine Braut?! Aber dann faßte er sich: sie hatte ja seinen Ring und sein Gedicht. Und leise pfeifend schritt er von dannen, zärtliche Hoffnungen im Herzen. –

Sergeant Conradi war abgereist; Josefine hatte ihrer Mutter das Gedicht gezeigt, ehe sie es in den neuen Nähkasten verschloß. ›Mädchen, wenn ich einmal sterbe‹ – ach, das war doch sehr zum lachen! Auch das Ringelchen legte sie dazu, in Seidenpapier gewickelt, und vergaß dann bald, wo sie es hingethan.

Sie war sehr vergnügt; die Tage gingen hin, einer wie der andre, aber gerade darum schnell wie ein Traum. Der Vater war jetzt meist guter Laune, er war verjüngt, als sei ihm eine Hoffnung aufgeblüht: es sah kriegerisch aus. In Frankreich ging es toll her. Diesmal war es keine Täuschung, nein, diesmal gab es Krieg! Und mit den Franzosen ging es zuerst los.

Der Feldwebel saß, was er sonst höchst selten gethan, jetzt öfter mit den Kameraden zusammen. Der Kaserne gegenüber, an der Ecke der Bastionstraße, hielt ein Invalideeine Kneipe; da hatten sie ihr Standquartier aufgeschlagen, saßen in der gänzlich verräucherten Stube um den runden Tisch, tranken ihr dünnes Bier, disputierten gleich heftig wie die zankenden, französischen Parteien und amüsierten sich höhnend über den König, den Louis Philipp, der in dem allgemeinen Wirrwarr in Frankreich herumtrieb, wie ein Schiff ohne Steuer.

Krieg, Krieg war die allgemeine Losung.

Frau Trina glaubte nicht daran, sie ließ sich jetzt nicht mehr bange machen. Ihr Interesse gehörte dem ›Bunten Vogel‹, da schaffte der Wilhelm jetzt wirklich Wunder. Merkwürdig, was der Junge ein Geschick für die Wirtschaft zeigte! Die blühte ordentlich auf; in die verödete Wirtsstube war Leben gekommen.

»Kuckste, Rinke,« sagte Frau Trina oft triumphierend, »kuckste, wie jut et is, dat wir de Jung nit wieder beim Pickardt jethan haben! Für ene Schneider is de ja auch viel zu schad’!«

Rinke hatte anfangs nichts vom wirtschaften im ›Bunten Vogel‹ wissen wollen, der Junge sollte durchaus wieder in die Lehre. Die Großeltern hatten sich hinter den Doktor stecken müssen, und dieser konstatierte denn, daß dem jungen Menschen von der schweren Erkältung, die er sich beim umherirren in der Schneenacht geholt, eine Schwäche auf der Brust zurückgeblieben sei, und verordnete: keine sitzende Lebensweise, keine allzu anstrengende Arbeit!

Der Wilhelm schwach auf der Brust! Wie einen Vorwurf hatte es der Vater empfunden. Er hatte nicht mehr das Herz, drein zu reden – ja, ja, der Junge sollteden Großeltern in der Wirtschaft helfen! Wenn er sich wenigstens da bewährte!

Frau Trina fand sich oft im ›Bunten Vogel‹ ein, um den Sohn zu sehen; der kam Sonntags nicht mehr in die Kaserne, der Feldwebel hatte es nicht verlangt. Die Mutter hatte ihre Freude daran, wie geschäftig ihr Wilhelm umherlief, die große Küferschürze stand ihm gut; die Bürgersleute riefen ihn an ihren Tisch, auch die Rheinschiffer, die Hafenarbeiter und Verlader vom Kohlenthor tranken ihm zu.

Nach und nach zogen sich auch junge Maler von der nahen Akademie nach dem ›Bunten Vogel‹. Tische und Wände und Thüren waren bald mit ihren Studien bedeckt; da prangten erstaunliche Malereien und Zeichnungen mit Kohle. Gut, daß die gemütliche Polizei ein Auge zudrückte!

Über ihrem Bett und im Komptörchen hatten die Großeltern schon ein paar schöne Porträts von ihrem Wilhelm hängen: das eine Mal war er als Ganymed gemalt, das andere Mal in der Lederschürze mit dem Küferhammer. Zwei junge Maler hatten so die rückständige Zeche gezahlt und noch für eine Weile das Recht auf Freibier erworben.

Das war oft ein Gelächter, ein Spaßmachen im ›Bunten Vogel‹, den biederen Bürgern wackelte der Bauch. Die Jungen hielten Reden, und die Alten horchten darauf. Oft sprang einer auf den Tisch, die Wangen gerötet, die Augen blitzend, wild schüttelte er die Mähne, in freiem Schwung floß ihm die Rede. »Allotria,« sagten die Bürgerkopfschüttelnd, aber sie freuten sich doch darüber. Ja, anders mußte es werden, das fanden sie auch!

Es wurde viel geredet, viel gesungen, viel geschrieen – Einheit! Freiheit! – und: »Gleichheit!« brüllten die Rheinkadetten und knallten die schwieligen Fäuste auf den Tisch. – – –

Der Sommer war da mit seinem heißen Sonnenbrand und den schwülen Nächten.

Die Ernte war gut, aber doch saßen die Bauern verdrossen auf dem Gemüsemarkt. Die von Stoffeln und Flehe, von Bilk und Derendorf, von Himmelgeist und Flingern, von Niederkassel und Heerdt, selbst die fetten Hammer klagten: es würde doch alles teuer sein, die kleinen Leute und der Bauersmann würden nichts von den Segnungen des Zollvereins spüren, die genoß nur der Reiche. Und wenn man in der Zeitung las, dann war’s wo anders noch viel schlimmer, als am gesegneten Rhein. Wie bewucherte man zum Beispiel die schlesischen Weber! Und in Frankreich machten die Arbeiter Aufstände. Über die holländische Grenze kamen die Brotlosen aus Flandern und klopften an die Fabriken im bergischen Land; aber die hatten selber kaum regen Betrieb genug, Arbeiter wurden entlassen. Wie sollte das erst im Winter werden?!

Die Düsseldorfer Bürger, die so behäbig in ihren sauberen Häusern wohnten, fragten sich das auch wohl einmal; aber Sorgen machten sie sich nicht weiter darum, es war ja so pläsierlich im schönen Sommer am schönen Rhein. Landpartien wurden arrangiert, man benutzte die Eisenbahn zu Vergnügungsfahrten; der St. Sebastianschützenverein veranstaltetesonntägliche Preisschießen mit Tanz, Gesangvereine zogen nach dem Grafenberg, lagerten sich dort im Wald und stimmten an aus voller Kehle:

›Lebe, liebe, trinke, schwärmeUnd bekränze dich mit mir.‹

›Lebe, liebe, trinke, schwärmeUnd bekränze dich mit mir.‹

›Lebe, liebe, trinke, schwärmeUnd bekränze dich mit mir.‹

›Lebe, liebe, trinke, schwärme

Und bekränze dich mit mir.‹

Rege Geister unter der Künstlerschaft planten die Gründung des ›Malkasten‹, eines Sammelpunktes für jene, die, müde des alten Zopfs, einer jungen, freieren Kunst stürmisch entgegenjauchzten. –

Schon mischten sich unter das tiefgrüne Laub der Hofgartenbäume gelbe Blätter, die Morgen waren bereits duftig, die Abende verklärt von träumerisch verhüllten Sonnenuntergängen, aber die Mittage waren noch strahlend, vollerglüht, brennender denn je. »Dat jiebt ene jute Wein oben am Rhein,« sagten die Kenner und schnalzten mit der Zunge, »de kocht!«

Auch die Nächte waren schwül voll verhangener Glut; die Milchstraße schlängelte sich wie ein helles Band, Sternschnuppen fielen.

›Was soll ich mir wünschen?‹ dachte Josefine, wenn sie an dem Fensterchen ihrer Kammer neben der Küche lehnte. Sie konnte jetzt oft nicht schlafen, in der beklommenen Nacht wallte ihr das Blut. Tiefatmend beugte sie sich hinaus und sah über den Hof; der lag so still, ganz im Schlaf. Kein Fußtritt, kein wandelnder Schatten. Aber in den Ahornbäumen rührte es sich und wisperte und zitterte mit den Blättern in heimlicher, beständiger Unruhe. Auch ihr Herz klopfte. Sollte sie wünschen, daß der Conradi mal von Elberfeld zu Besuch käme?

»Och ene!« Sie sagte es ganz laut, und dann erschrak sie über den eignen Ton. Den Kopf in den Nacken legend, sah sie starr hinauf zum nächtlichen Himmel – was wünschen, was doch?! Ihre Nasenflügel zitterten, ein feuchter Glanz stieg in ihr Auge, wie eine heiße Welle übergoß sie’s.

Ha – da fiel eine Sternschnuppe! Blitzschnell schoß ihr blinkender Schweif durch die Nacht – nun lag sie unten im dunklen Ahorn. Wieder nichts gewünscht! Josefine hätte weinen mögen.

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin –‹

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin –‹

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin –‹

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich so traurig bin –‹

Ach ja, das schöne Lied! Das hatte sie neulich gehört, als sie, vom baden kommend, am Rhein entlang gegangen war. Ein neues Lied! Sie hatte es noch nicht gekannt, aber ihr Ohr hatte es gleich aufgefangen, aufgenommen, wie einen lieben, längst vertrauten Ton. Es sang sich von selber.

›Ein Märchen aus alten Zeiten,Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹

›Ein Märchen aus alten Zeiten,Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹

›Ein Märchen aus alten Zeiten,Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹

›Ein Märchen aus alten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹

Der Sänger war ein Schiffer gewesen, ›Sankt Goar‹ stand am Stern seines Schleppkahns. Schwarz war der Bursche wie ein Teufel – er hatte Kohlen geladen – aber seine Zähne blitzten desto weißer, und seine Augen blitzten auch. Am Bugspriet saß er, ließ die Beine über Bord hängen und sang sein Lied, unbekümmert, mit schmetternder Kraft, als wäre er allein auf der Welt.

Weit, weit über die spiegelnden Wasser war es hingeflogen, auf glatter Bahn. An der Brücke mußte man es hören können, am alten Schloß, in den Giebelhäusernbis hinauf unter die roten Dächer, jenseits zwischen den Weiden, auf den grünen Wiesen, und weit, weit bis dahinten am Horizont, wo die Sonne, rotgolden, umhängt von Duftschleiern, in Rhein und Himmel versank.

Lange hatte Josefine gelauscht, der Sänger schien nimmer zu ermüden.

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin;Ein Märchen aus alten Zeiten,Das kommt mir nicht aus dem Sinn.Die Luft ist kühl und es dunkelt,Und ruhig fließt der Rhein –‹

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin;Ein Märchen aus alten Zeiten,Das kommt mir nicht aus dem Sinn.Die Luft ist kühl und es dunkelt,Und ruhig fließt der Rhein –‹

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin;Ein Märchen aus alten Zeiten,Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich so traurig bin;

Ein Märchen aus alten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,Und ruhig fließt der Rhein –‹

Die Luft ist kühl und es dunkelt,

Und ruhig fließt der Rhein –‹

Das hatte sie mit nach Haus gebracht. Ach, wenn sie’s doch nur noch weiter könnte! Der Mutter hatte sie es vorgesungen, und die lernte es auch rasch, eben weil’s ihr gefiel; und die Brüder lernten es auch, sie sangen es um die Wette. Und die Soldaten unten auf dem Hof summten nach, was die Feldwebelstochter oben schmetterte.

Josefine seufzte und lehnte den Kopf an’s Fensterkreuz – ach ja, drei Wochen stand der Leutnant von Clermont nun schon bei des Vaters Kompagnie! Mitte August war er hergekommen. Der Vater hatte eine rechte Freude darüber gehabt und war beflissen gewesen, dem Sohn seines alten Hauptmanns zur Hand zu gehen. Bald im Anfang war’s, da hatte er in die Küche gerufen: »Josefine, koch’ Kaffee, ’nen guten, der Leutnant is ganz alle von der Felddienstübung!«

Der Bursche, der den Kaffee für seinen Herrn hatteholen sollen, kam und kam nicht, so war sie rasch selber gegangen und hatte die Tasse gebracht – nur das Endchen dunklen Gang, vorbei an den Kleiderkammern, ein paar verstaubte Stufen hinunter, ein paar hinauf, wieder ein Gang, und dann gleich die erste Thür war die der Offiziersstube!

Genäht hatte sie ihm auch schon was. Er trug unter seiner Uniform schöne, feinleinene, gesteifte Wäsche, da bügelte ihm die Wäscherin immer die Knöpfchen ab oder zerriß die Bändel. Er hatte ja niemand, der für ihn sorgte, seine Eltern wohnten nicht mehr in der Stadt, und auch die vom Werths waren auf ihrem Schloß am Siebengebirge, und – du lieber Gott, da war ja auch weiter gar nix bei, sie hatten doch schon als Kinder miteinander gespielt!

Das war aber doch merkwürdig, daß er sie sogleich wiedererkannt hatte! Auf dem Kasernenhof hatte er sie nicht angesprochen, nur gegrüßt, aber gleich den ersten Tag, oben auf dem Gang, hatte er ihr die Hand geschüttelt und eine ganze Weile bei ihr gestanden.

Sie hatte gewagt, ihm zu sagen, daß sie ihn im Frühjahr bei der Hochzeit seiner Schwester gesehen, vor der Kirche, und abends am ›Breidenbacher Hof‹.

Warum sie denn nicht ›Pst‹ gemacht hätte?

»Ich hab’ ja – ne, ich wollt’ ja,« verbesserte sie sich, rot werdend.

Da hatte er sie so strahlend angelacht, daß sie die Augen niederschlagen mußte.

Ein schöner Mensch – der Vater sagte es auch – kein andrer kam dem gleich! Und ein lieber Mensch! – – –

Das Mädchen am Fenster schauerte in der einsamen Nacht. Ach, daß sie doch schlafen könnte, wie die andern alle!

Ah, da fiel wieder eine Sternschnuppe! Mitten in den Hof sank sie.

Josefine beugte sich spähend hinaus, als wolle sie ihr Glück suchen. Drüben im linken Seitenflügel, gar nicht fern – da – da – da flinzelte noch ein Licht in der Offiziersstube! Auch ein Stern.

Der Atem der Nacht strich ihr über das heiße Gesicht – wachte der Leutnant auch noch?

Der Ahorn unter dem Fenster rührte beständig die Blätter, wisperte und raunte und zitterte, unausgesetzt, voll heimlicher Unruhe. Als ob er auf etwas wartete – auf was denn?!

[9]Käsemesser.

[9]Käsemesser.

[9]Käsemesser.


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