XIV

XIV

Feldwebel Rinke war erstaunt, daß er auf seinen Brief an Conradi, der eine sehr freundliche Aufforderung zu recht baldigem Besuch enthielt, heute aus Vohwinkel die Antwort bekam: ›Leider jetzt unabkömmlich.‹

Was sollte das heißen? Sollte der die Josefine schon vergessen haben? Denn daß der Conradi nicht mal einen Tag Urlaub bekommen könnte, wie er schrieb, war doch kaum anzunehmen. So schlimm würden die Arbeiterkrawalle dort wohl nicht sein!

Mit einem etwas geringschätzigen Lächeln las Rinke den Brief noch einmal durch. Conradi sprach von einem Arbeiteraufstand in und um Solingen, von Bedrohung benachbarter Eisengießereien, von einem Aufgebot der ganzen Gendarmerie im Bezirk. Dienst Tag und Nacht – gar nicht aus den Kleidern kommen – Fabrikgebäude bewachen – Chausseen abpatroullieren und so weiter. Hastig war’s hingekritzelt, als wäre es im stehen geschrieben. Kaum ein Gruß darunter.

Ausreden! Als ob nicht der Anblick allein eines preußisch gedrillten Gendarmen mit blanker Waffe schongenügt haben würde, einen ganzen Haufen solchen Gesindels in die Flucht zu jagen! Der Conradi hatte nur keine Lust zu kommen.

Verärgert ging der Feldwebel heute seinen Pflichten nach. Er erboste sich in Gedanken gegen sich selber – wer hatte ihn geheißen, dem jüngeren Kameraden so die Avancen zu machen? Und böse war er auch auf Josefine – das kam von ihrem bockigen Wesen, nun schnappte der ab.

In einer nervösen Unruhe lief Rinke hin und her. Seit ein paar Tagen verließ ihn die Angst nicht mehr – in einer schlaflosen Nacht hatte sich’s in ihn eingebohrt wie eine fixe Idee –: hatte der Leutnant von Clermont mit der Josefine etwas vor?

Ein Wunder wäre das nicht, er war jung, sie war jung, sie war hübsch und er wahrhaftig ein glänzender Herr, in den sich ein Mädel wohl verschießen konnte. Und die Josefine war jetzt in den Jahren.

»Himmelkreuzsakrament!« fluchte der Feldwebel in sich hinein, und dann rannte er plötzlich, von einer heftigen Unruhe erfaßt, an die Stiege, die zu seiner Wohnung hinaufführte, und lauschte. Ob der Leutnant schon wieder nach der Küche kam und um heißes Wasser bat? Über den Gang waren es ja nur ein paar Schritt – und der Gang war einsam und dunkel!

Das Blut stieg dem Vater zu Kopf, er kletterte eilends hinauf. Vorsichtig lugte er durch die Thürspalte. Josefine war in der Küche – allein!

Sie saß auf dem Schemel am Fenster, das Messer, mit dem sie Kartoffeln schälen sollte, war ihrer Hand entfallen,die Kartoffeln waren aus ihrer Schürze bis mitten in die Küche gekollert, sie merkte es nicht. Sie merkte nicht einmal, daß der Zipfel ihres Rockes in die Wasserschüssel am Boden stippte. Mit einem glücklichen Gesicht träumte sie in den blauen Himmel hinein – oder starrte sie nach dem Fenster der Offiziersstube drüben?!

Behutsam schlich Rinke wieder hinunter, er schämte sich, den Spion gespielt zu haben; und doch war er erst beruhigt, als er den Leutnant von Clermont zum Thor schreiten sah.

Der ging nun aus. Schlank und elastisch schritt er über das holprige Pflaster längs der Blocks; geschickt balancierte sein Fuß im blitzblanken, schmalen Stiefel über schmutzige Stellen. Ein Stäubchen lag ihm wohl auf dem Waffenrockärmel, er schnippte es weg, und dann pfiff er in die laue Luft und machte mit einem: ›ksch, ksch –puff!‹die hungrigen Spatzen bange, die unter den knospenden Ahornbäumen schirpend des Frühlings warteten. In einem Schwurr flogen sie auf; über’s ganze Gesicht lachend, sah er ihnen nach.

So heiter, so wohlgemut, was kostet die Welt?!

Der Feldwebel sah dem schlanken Offizier nach, bis das schwere Thor hinter ihm in’s Schloß gefallen war. Nein, da war kein Zweifel, den mußte ja ein Mädel lieben! Und konnte man ihr darum böse sein? Nein, nicht einmal! Lachte einem doch selber das Herz im Leib, wenn man dem nachsah. Der Junge hatte doch noch mehr los, wie sein Vater! Man merkte es, daß der im Korps erzogen war, von Grund auf militärisch. Forsch war er,ein Sappermenter. Vor der Front stand er wie ’ne Tanne, seine helle Stimme schmetterte über den Platz. Die Kerle hatten Dampf vor ihm; er sah jeden Mann, sein Auge, das sonst so lustig herumfackelte, bekam dann einen ganz niederträchtig scharfen Blick. Sein Kinn straffte sich, und wenn er zwischen den zusammengebissenen Zähnen herausstieß: ›Krummer Hund!‹ dann zitterten sie alle! Der Feldwebel schmunzelte. Und bei den Vorgesetzten war der Leutnant auch gut angeschrieben – ja, der kriegte noch mal die Generalsepauletten! Ach, wie stolz konnte der Major auf seinen Sohn sein!

Das Schmunzeln verschwand jäh, ein Zug von Gram vertiefte die Furchen, die Rinke von der Nase herab nach den Mundwinkeln liefen. Ach ja,derJunge konnte ’nem Vater schon Freude machen!

Er stand noch lange und starrte auf einen der schmalen Abdrücke, die der leichte Tritt des Leutnants, kaum sichtbar, im weichen Grund hinterlassen.

Wenn er nur die Josefine in Sicherheit wüßte! Ihm wurde heiß und kalt. Aber vielleicht täuschte er sich? Nun, desto besser. Doch gefährlich war die Nähe jedenfalls. Zu fatal, daß der Conradi dienstliche Abhaltung vorschützte! Der Esel! War es denn die Josefine nicht wert, daß man sich ein bißchen um sie mühte? Solch ein Mädel zu gewinnen, ist ebenso schwer, wie Major werden.

Der Feldwebel grollte dem Kameraden. Arbeiterunruhen – Unsinn! Grollend ging er zum Mittagessen.

Droben fand er große Aufregung. Die Knaben waren soeben aus der Schule gekommen, vor Eifer schrieensie durcheinander: daß der Wehrwolf bei Hammersphar brennen sollte; daß die Gießereien zu Rinkenberg und Höchscheid und Burgthal demoliert würden; daß die Aufständischen auf Solingen selber los marschierten.

»Alle Maschinen, sagen se, sind ausenanderjerissen – hau – un auf de Eisenstangen han se de Fabricksherren aufjespießt!«

Frau Trina schrie laut auf: »Materdeies, wann die hiehin kommen!« Sie war gar nicht zu halten, wollte durchaus auf die Straße und Erkundigungen einziehen.

Der Vater wetterte noch über den Unsinn – die Jungen schwiegen, aber in ihren herausgedrückten Augen las man weitere Schreckensnachrichten – da wurde auch schon Alarm geblasen.

Grell tutete es von den Höfen herauf, die Trommel wirbelte. Aufgescheucht aus ihrer kurzen Mittagsrast, rannte die Mannschaft umher. Stiegen knarrten, Thüren klappten, Kommandos erschallten. In einer halben Stunde schon rückten zwei Kompagnien Sechzehner aus, sie waren für Solingen designiert.

Also Conradi hatte doch keine Ausflüchte gemacht?! Mit einer gewissen Befriedigung stand der Feldwebel im Kasernenthor und sah den Abmarschierenden nach, sah den letzten Tornister, das letzte Paar der nägelbeschlagenen Kommißstiefel um die Ecke verschwinden. Ihm war’s lieb, daß seine Kompagnie nicht Befehl zum ausrücken erhalten hatte – die Waffen gegen solches Pack zu gebrauchen, war keine Ehre. Das war keinen Schuß Pulver wert wie ein ehrlicher Feind. Stockprügel, Stockprügel! Gewehrumgedreht und mit dem Kolben ihnen den Hintern versohlt! Er spuckte aus:

»Bande!«

Die Aufregung seiner Frau war ihm lächerlich. Was, Angst?! Nur die Bajonettspitzen brauchte der Pöbel von weitem blitzen zu sehen und den gleichmäßigen Tritt der Kolonne zu hören, da gab er schon Fersengeld. Es giebt nichts auf der Welt, was so einschüchternd wirkt, wie die Geschlossenheit der Truppe und das militärische Kommando.

Frau Trina aber gab sich nicht zufrieden. Sie war im ›Bunten Vogel‹ gewesen; da hatte die Wirtsstube gestopft voll gesessen. Die Leute erzählten von einer Deputation, die von Köln nach Berlin gereist war. Alle waren sich darüber einig, daß der König mehr Freiheiten geben mußte. Etliche hatten gar gewußt, daß in Berlin selber auch Unruhen ausgebrochen seien – mit Pflastersteinen war nach den Soldaten vor’m Schloß geworfen worden!

Der Feldwebel höhnte: »I wohl, Soldaten mit Pflastersteinen schmeißen! Hat sich was! Daß du dir solchen Blödsinn vorreden läßt!«

Rinke glaubte an diese Gerüchte nicht. Ja, hier am Rhein, da mochte es wohl schon eher möglich sein, daß es einmal rebellisch spukte – Volk ohne Haltung, ohne Disziplin! – aber in Preußen, in der Hauptstadt, gleichsam unter den Fenstern Seiner Majestät?! Unmöglich!

Der Feldwebel hielt sich heute noch strammer als gewöhnlich. Als er auf die Straße trat, um hinüber in’s Stammlokal zu gehen, reckte er sich kerzengerade; wie Falken, zum niederstoßen bereit, lauerten seine Blicke.Die Mütze hatte er etwas schief auf das, an den Schläfen schon stark ergraute Haar gerückt und den Schnauzbart aufgestrichen; er sah unternehmend aus.

Die Kameraden am runden Tisch fanden, daß heute nicht gut mit Rinke auskommen war. In der That, die ewigen Erzählungen von den Pöbelrevolten reizten ihn – war es der Rede wert, nur ein Wort über so etwas zu verlieren?! Als gar einer im Flüsterton, mit bedenklicher Miene, die Geschichte zum besten zu geben wagte, die auch Frau Trina heute berichtet, riß ihm die Geduld. Was, der Pöbel sollte die Schloßwachen insultiert haben –?! Ein solcher Gedanke schon war eine Beleidigung des ganzen preußischen Militärs!

Mit Mühe nur ließ der Feldwebel sich beruhigen. Mißmutig, früher als sonst, ging er heim.

Auf der Straße war noch reges Leben. Vor den Hausthüren standen Gruppen, Menschenmassen wogten hin und her. Neugierige liefen hinter schreienden Knaben drein, die ausposaunten, daß man hinter Bilk und vom Hammer Damm aus die ganze Stadt Neuß brennen sehen könne.

Viele rannten hinaus auf die Felder. Jenseits Dorf Hamm, über’m Rhein, mußte ein mächtiger Brand wüten. Rauchmassen wälzten sich dem Strom zu, und Feuersäulen lohten auf; Funkenregen, ganze Funkengarben schossen durch’s nächtliche Dunkel.

Bleiche Gesichter sahen sich an. Bis auf die Kasernenstraße glaubten ängstliche Gemüter den Brandgeruch zu spüren. Viele Bürger stiegen zur Bodenluke heraus auf’s Dach und observierten den Himmel.

Am Morgen wurde es bekannt: eine große Fabrik zu Neuß war niedergebrannt, von ruchlosen Händen angesteckt. Und aus Mülheim an der Ruhr, aus Lübbecke, aus Gütersloh, aus Elberfeld, aus vielen andern Orten in geringerer und weiterer Entfernung liefen beunruhigende Gerüchte ein. Die Wirtshäuser der Stadt waren heute überfüllt, dicht gedrängt saßen die Bürger auf der Bierbank; so viel hatten sie lange nicht am Stammtisch zu bereden gehabt. Es war ein Sonntag, aber auch wenn es Wochentag gewesen, wäre keiner seinen Geschäften nachgegangen, denn der St. Sebastian-Schützenverein hielt heute Generalversammlung auf dem Hunsrück. Da strömte alles hin. –

In der Kaserne war es still, totenstill. Im Morgengrauen war noch Militär nach Lennep ausgerückt, dabei hatte es für kurze Zeit Leben gegeben. Jetzt lag der weite Platz leer, in den Pfützen spiegelte sich eine bleiche Sonne, und der scharfe Märzwind schnaufte darüber hin.

Die Sonntage waren immer langweilig, der heutige kam Rinke endlos vor. Zeitung mochte er nicht lesen, wozu sollte er sich ärgern? Mit großen Schritten lief er in der Stube auf und ab, und dann stand er wieder am Fenster und trommelte unruhig auf die Scheiben. Stirnrunzelnd betrachtete er den Himmel – so zerrissen war der, bedeckt von gejagten Wolken, die in fratzenhaften Umrissen Gestalt von Ungeheuern gewannen. Jetzt trieb ein Untier von der Allee heran, mit ausgebreiteten Schwingen segelte es über den Kanal, über den Exerzierplatz, gerade auf’s Fenster zu. Unwillkürlich trat der Feldwebel zurück,ihm war, als senke sich das schwarze Wolkengebild schwer herab.

»Josefine!«

Keine Antwort. Noch einmal:

»Josefine!«

Wo steckte sie nun wieder?! Er ging in die Küche, in die Schlafkammer, durch die ganze Wohnung. Er rief auch auf dem Gang. In der Leere hallte seine Stimme. Fröstelnd rieb er sich die Hände. Ganz allein! Die Käthe war mit den Jungen zu den Großeltern gegangen; vielleicht die Josefine auch? Sie hatte ihm aber nicht Adieu gesagt.

Er entschloß sich, auch auszugehen. Das Seitengewehr umschnallend, verließ er die Wohnung; auf einmal hatte er’s eilig.

War sie mit der Mutter gegangen – oder wo war sie? Einen scheuen Blick warf er hinauf zur Offiziersstube; der Leutnant schien nicht da zu sein, denn der Bursche fläzte sich am Fenster.

Seine Unruhe trieb ihn nach dem ›Bunten Vogel‹.

Als er so, weit ausholenden Trittes, durch die Straßen schritt, fiel ihm plötzlich ein, wie er schon mehr als einmal dorthin geeilt in Hast und Unruhe, einen Flüchtling zu suchen. Das erste Mal: die junge Mutter und das junge Kind – ach, was war die Josefine für ein süßes Kindchen gewesen!

Mit Blitzesschnelle entrollten sich ihm siebzehn Jahre. Immer Josefine! In der Wiege – in den ersten Schuhchen – pfeilschnell dahinschießend im wilden Lauf – beimexerzieren – mit dem Schulranzen – am Einsegnungstag im ersten langen Kleid – eine Mutter unter den Geschwistern – fleißig am Waschzuber – trillernd wie eine Lerche – immer und immer Josefine! Allezeit war sie seines Herzens Freude und Wonne gewesen.

Ihn dünkte heute die unbestimmte Angst um sie fast größer, als jene, die er empfunden in schneeiger Winternacht, da er hier entlang gestürzt, den verlorenen Sohn zu suchen.

Immer und immer der gleiche Weg, das Pochen an die gleiche Thür! Mußten sie denn alle dahin laufen, immer nach dem ›Bunten Vogel.‹ Weib, Sohn, Tochter?! Und er wie ein Narr hinterdrein?!

Ein jähes Gefühl stieg in ihm auf, das sein Blut wallen machte und sein Auge verdunkelte. O, dieses behäbige Bürgerhaus mit seiner allezeit offenen Thür, mit seiner ewigen Lampe unterem Marienbild, mit seinem Duft nach Rheinland und Rheinwasser! Es stahl ihm das, was sein war.

Des Feldwebels Gesicht wurde sehr finster, mit einem bösen Blick sah er umher – o, diese Stadt! Nein, er hatte sie nie lieben gelernt, verhaßt war ihm ihr Pflaster! Nie würde er hier eine Heimat finden, fremd blieb ihm ewig dieser Boden!

Diese nie versagende Fröhlichkeit widerte ihn an – horch, wahrhaftig, da gröhlten sie schon wieder!

Er war auf dem Hunsrück angelangt. In der Wirtschaft bei Prehl standen Fenster und Thüren offen, die Räume schienen zu eng, um die noch immer zuströmendenMänner und Burschen zu fassen. Drinnen redete einer mit mächtiger Stimme. Aha, jetzt erschallten brausende Hochrufe! Was war denn los?

Eine schwarz-rot-goldene Fahne entfaltete sich plötzlich aus einem Fenster des Obergeschosses, flatterte im Winde und blähte sich. Und innen im Lokal und außen auf der Gasse huben plötzlich hunderte wie aus einer Kehle an:

»Freiheit, die ich meine,Die mein Herz erfüllt!«

»Freiheit, die ich meine,Die mein Herz erfüllt!«

»Freiheit, die ich meine,Die mein Herz erfüllt!«

»Freiheit, die ich meine,

Die mein Herz erfüllt!«

Weithin dröhnten die kräftigen Stimmen der St. Sebastian-Schützenbrüder.

Der Feldwebel blieb an der jenseitigen Häuserreihe stehen – was, waren sie jetzt schon alle betrunken?! Es schien so. Sie jubelten laut, sie schlugen sich auf die Schultern, sie schüttelten sich die Hände, sie sanken sich in die Arme, sie küßten sich – Männer küßten sich! Buben, kaum drei Käse hoch, wurden in die Höhe gehoben, jubelnd haschten sie nach dem schwarz-rot-goldenen Zipfel. Klatschend trieb der Wind die Fahne gegen Mauer und Fenster; jetzt breitete sie sich aus und spannte sich über die Gasse wie ein straffes Tuch in leuchtenden Farben.

Schwarz-rot-gold – hm! Kopfschüttelnd ging Rinke weiter; aber erneuter Gesang schallte hinter ihm drein und verfolgte ihn bis zum Ende der Gasse, noch weiter:

»Deutschland, Deutschland über alles!«

»Deutschland, Deutschland über alles!«

»Deutschland, Deutschland über alles!«

»Deutschland, Deutschland über alles!«

Trotzig stieg es in ihm auf – schwarz-rot-gold, was sollte das?! Es gab nur eine Fahne:

›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹

›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹

›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹

›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?

Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹

Schwarz-weiß! Ein ungeheurer Stolz schwoll in ihm. Aufgereckt, kerzengerade stieg der Preuße über die Straße; ein paar Knaben lachten hinter ihm her. So kam er im ›Bunten Vogel‹ an.

Seine Frau und seine Söhne fand er dort. Josefine nicht.

»Och Jott, Rinke, du has auch immer jett,« sagte Frau Trina auf sein hastiges Fragen nach der Tochter. Ordentlich mitleidig sah sie ihren Mann an. »Wat du der immer für Sorg’ machst, rein um jar nix! Wenn mer so is, kann mer ja sein Leben nit froh werden. Wo soll dat Fina dann hin sein? Et is doch kein klein Stümpken meh, dat verloren jeht!«

Rinkes erstes Gefühl war gewesen, wieder nach Hause zu eilen und dort auf die Tochter zu warten; nun blieb er doch hier. Wenn er nun allein zu Hause blieb mit seinen Gedanken?! Ihm grauste davor. Mechanisch streifte er die Handschuhe herunter und schnallte das Seitengewehr ab.

Frau Trina hatte ihn neben sich auf die Bank gezogen, sie freute sich, daß er endlich wieder einmal mit ihr hier saß. Nun zwinkerte sie vergnügt ihrem Ältesten zu:

»Du, Willem, bring dem Pappa jett zu drinken!« Der Sohn that’s, aber dann drückte er sich zur Thür hinaus, die Großmutter mußte selber aufstehen und dem Schwiegersohn das Bierglas neu füllen.

Heute waren keine Gäste im ›Bunten Vogel‹, alles hockte beim Prehl auf dem Hunsrück. Eine große Behaglichkeit lag über der halbdunklen, altmodischen Wirtsstube. Das ewige Lämpchen unter’m Marienbild glimmtemild mit rötlichem Schein; friedlich still war’s draußen auf der Straße, kein Hund bellte, kein Fußtritt hallte.

Stiller wurde es auch in des Feldwebels Seele.

Frau Trina hatte ihre Hand in die seine geschoben; das war lange nicht geschehen. Auch das freundliche Gesicht der alten Frau, gegenüber am Tisch, that ihm wohl. Nachtragend war die nicht, das mußte man ihr lassen, und der alte Peter Zillges auch nicht, der lächelte in einem fort, kindisch zufrieden.

Ein Gespräch wollte aber trotzdem nicht in Fluß kommen; man begnügte sich, nur einander freundlich anzusehen. Langsam sank die Dunkelheit.

Da krachte auf einmal ein Schuß auf der Straße, die Frauen stießen ein erschrockenes: ›Jesus Maria!‹ aus. Die Knaben wollten neugierig zur Thür stürzen, ein barsches: ›Halt!‹ des Vaters rief sie zurück. Der Feldwebel war auch aufgesprungen und horchte, den Kopf vorgeneigt.

Noch mehr Schüsse.

Und nun plötzlich Fackelglanz draußen im Dunklen: ein ganzer Trupp Menschen zog vorüber, Männer, Jünglinge, Knaben.

Und nun Freudengeschrei: »Illuminieren! Bürjer, Lichtches eraus! Hoch de König! Vivat, de soll leben! Lichtches eraus, Bürjer, illuminieren!« Die Stimmen gellten durcheinander.

Das war ein Trappeln und Rennen, ein Pflasterdröhnen; die stille Ratingerstraße belebte sich wie durch Zauberschlag.

Hunderte von Menschen. Nun trabte ein Rudel Jungen heran:

»Hä küt, hä küt! Hoch de San Sebastian-Schützeverein! Hoch de König! Hoch, hoch, hoch!«

Ein paar Stadtmusikanten fiedelten und bliesen aus vollen Backen. Jetzt brausende Jubelrufe – der Chef von St. Sebastian erschien, fast wankend unter der Wucht der schwarz-rot-goldnen Fahne. Jubelnd, jauchzend, singend umringten ihn die Schützen. Heute marschierten sie nicht in Reih’ und Glied, heute lief jeder wie er wollte und schwamm auf Freudenwogen.

»Düsseldorfer Bürger, Stadt illuminieren!« Von allen Seiten tönte das Verlangen, der Rheinwind trug den Ruf weiter.

Und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen.

Und Freudenschüsse vom Mühlenplätzchen, vom Burgplatz, vom Markt her; nach dem Rathaus drängte die Menge.

Das knatterte und knallte und blies und fiedelte und juchzte und frohlockte. Die Träger schwangen ausgelassen ihre Fackeln, greller Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster; wie bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser.

Frau Trina war mit der Mutter und den Kindern an die Hausthür gelaufen, in größter Neugier faßte sie einen der Vorüberstürzenden am Ärmel: »Wat es dann passiert? Sagt doch!«

»Ich weiß et nit – Vivat hoch, hoch, hoch!«

Sie mußte sich an einen andern wenden: »He, wo lauft ihr dann hin?«

»Nao’m Rathuus! Mir bringen de Fahn’ derhin!«

»Warum dann? Warum schreit ihr dann eso?!«

»Ich weiß et nit!«

»Wat? Och, sagt doch!«

»Ich weiß et nit! Ho–ch!«

Keiner hielt ihr stand. Eine genügende Antwort bekam sie nicht. »Mir feiern,« das brachte sie endlich heraus.

Schnakenbergs Hendrich kam jetzt die Straße entlang. Der war auch bei den Schützen, eine Preismedaille trug er auf der Brust. Es gab Frau Trina einen leichten Stich durch’s Herz – ach, wie schön müßte es sein, am Arm eines solchen Preisschützen alles gucken zu gehen!

»Pst – Sie – ’n Abend, Herr Schnakenberg!«

Der Hendrich war doch immer noch galant; trotzdem alles vorwärts drängte, blieb er einen Augenblick bei ihr stehen. »Kuck ens an, dat Tring!«

»Och, sagen Se doch, wat wird dann jefeiert?«

»Och, de König in Berlin – no, wissen Se – de König, de hat en Amnestie erlassen. Freiheiten soll de jejeben haben. Vor en Stund’ is de Nachricht jekommen. ’schwind, Madam Rinke, ’schwind, nu jiebt et wat zu kucken! Mir bringen ene Fackelzug nao’m ›Jägerhof‹ – adjüs! De Prinz Friedrich, de Protektor vom Verein, de soll leben! Hoch de Prinz Friedrich! Hoch de San Sebastian-Schützenverein! Hoch de König! Hoch die Freiheit! Hoch dat janze königliche Haus – hoch!«

Und ›hoch‹ schrie’s nach, hundertfach. ›Nao’m Jägerhof, nao’m Jägerhof!‹

Das Durcheinander entwirrte sich schnell; zu zweien und dreien reihten sich die Schützen – Fackelträger rechts und links – voran die schwarz-rot-goldne Fahne. Wohlgeordnet, mit Musik und Gesang, setzte sich ein Zug in Bewegung. Und immer noch schlossen sich Bürger an, auch Frauen und Mädchen und Kinder liefen nebenher, immer mit im Schritt, und mischten ihre hellen Stimmen in den Chor der Männer:

›Was ist des Deutschen Vaterland?!‹ –

›Was ist des Deutschen Vaterland?!‹ –

›Was ist des Deutschen Vaterland?!‹ –

›Was ist des Deutschen Vaterland?!‹ –

Mächtig dröhnte es durch die Nacht.

Nun hielt es Frau Trina nicht mehr aus – ihre Söhne waren schon längst auf und davon – sie stürzte in die Stube zurück: »Rinke, ich jeh’ enskucken!«

Der Feldwebel stand am Fenster, beide Hände auf’s Fensterbrett gestützt, und starrte hinaus. Als seine Frau rief, sah er sich nicht um. Das mächtige ›O nein, o nein, o nein, o nein – sein Vaterland muß größer sein,‹ das draußen noch immer anschwoll, verschlang jeden andern Laut.

»Rinke, Rinke!« Trina stieß ihn an.

Da fuhr er herum. »Was willste?«

»Kucken jehn! Komm doch auch mit! ’schwind, lassen mir jehn!«

»Ja,« sagte er hart, nahm sein Seitengewehr vom Haken an der Wand und zog den Gurt mit einem Ruck straff zu.

»Mutter,« rief der alte Zillges von der Ofenbank her. Der Fackelschein, das Knallen, das Laufen draußen hatteihn anscheinend gar nicht berührt, still hatte er dagesessen und die Daumen umeinander gedreht; nun hörte er den brausenden Chor. Aushorchend legte er die Hand hinter’s Ohr: »Mutter, wat singen se da?«

Seine Alte trat zu ihm; den Arm um seine Schultern legend, schrie sie ihm in’s Ohr: »Dat Lied von Deutschland!«

»Von Deutschland – Deutschland –?!«

»Eja. Wat es des Deutschen Vaterland?! Dat neue Lied!«

»Deutschland – Vaterland?!« grämelte der Greis. »Mir sin Düsseldorf Börjer!«

Der Feldwebel hatte es gehört; kurz sah er nach Bürger Zillges hin, seine Mundwinkel zogen sich dabei in einem verächtlichen Lächeln herab: der alte, eingefleischte, rheinische Dickkopf!

Dann folgte er seiner Frau zur Thür, strammen Schrittes. Seine Stiefel knarrten, sein Rock warf keine Falte – Brust heraus, jeder Zoll ein Preuße.

Die Straßen waren hell, in allen Fenstern brannten Lichter; wer nicht genug Leuchter hatte, stellte seine Kerzchen in ausgehöhlte Kartoffeln. Auch Öllampen halfen aus. Alle Hausthüren waren geöffnet, alle Gesichter glänzten froh. Der scharfe Märzwind hatte sich mit dem Abend gelegt, leichte Lüfte nur wehten vom Rhein und spielten um die schwarz-rot-goldene Fahne.

Im Hofgarten reckten die Bäume ihre Knospen in’s Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Feuchtwarmer Hauch strich säuselnd um erstes junges Gras.Der Winter war vorbei, Träume wachten auf, die noch geschlafen; hoch in den Wipfeln rauschte es von: Frühling, Frühling!


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