XX
Herr und Frau Schnakenberg wanderten am Vormittag über die Kasernenstraße. Die Hitze der letzten Septemberwochen war vorüber, die matte Oktobersonne spielte auf dem Pflaster und färbte die grauen Kasernenwände bleich.
Das Ehepaar wurde viel gegrüßt. Frau Trina war im schönsten Staat; sie trug ein Seidenkleid von einer ganz infam-gelbbraunen Farbe, doch war es das modernste vom Jahr, Sternefeld vom Alleeplätzchen hatte diese elegante Couleur als Herbstnouveauté eben mit aus Paris gebracht. Auch die Beduine von feinem Kaschmir mit Fransenabschluß war aus Paris, der Hut auch; das beste kam doch eben nur daher! Das Ehepaar Schnakenberg plante auch zum nächsten Jahr einen Besuch der Pariser Weltausstellung.
Jetzt gingen sie, um den aus dem Mainzer Lazarett endlich entlassenen Sohn, den sie im September schon zweimal vergeblich mit einem festlichen Mahl erwartet, zu begrüßen. Zu heut mittag hatten sie ihn auch gleich wieder eingeladen, aber er hatte sagen lassen: den erstenTag wolle er bei der Fina bleiben, und der Weg nach der Königsallee wär’ ihm auch zu weit.
Ob er den wirklich nicht gehen konnte – dann hätte man ja einen Wagen schicken können – oder ob er bloß nicht wollte?! Diese Ungewißheit regte Frau Trina etwas auf; wahrhaftig, das war doch häßlich von den Kindern, daß sie ihr immer noch ihre Heirat mit dem Schnakenberg nachtrugen! Und der war doch so ein guter Stiefvater!
Den Ferdinand und ihren Jüngsten – das Karlchen – der bei der Marine kapituliert hatte und von dem man eigentlich nie wußte, wo er mit seinem Schiff war, hatte sie beide gleich lange nicht gesehen; an die sechs oder sieben Jahre mochte es her sein, daß die mal einen Tag in Düsseldorf gewesen.
Nun kam der Ferdinand wenigstens für dauernd her und würde bei der Josefine bleiben – wo sollte er denn als Junggeselle auch sonst hin? Ein Gedanke peinigte Frau Trina unablässig, als sie jetzt an der Kaserne entlang schritt: ›Ach, wenn der Rinke das erlebt hätte!‹ Der hätte sich am Ende noch darüber gefreut, daß seinem Sohn im Krieg ein Bein abgeschossen worden. So lebhaft hatte sie noch nie ihres ersten Mannes gedacht, wie heute auf dem Weg zum invaliden Sohn. Sie erregte sich mehr und mehr. Diese ganze Soldatenwirtschaft, dieses Knallen mit Pulver und Blei, was hatte ihr das alles schon für Leid gebracht!
Sie rief Schnakenberg, der ihr ein paar Schritt voraus war, und hing sich an seinen Arm. –
Vor der Thür, unter dem Schild:
Josefine Conradi geb. Rinke,Stöcke, Pfeifen, Putzzeug, alle ArtenMilitär-Bedarfsartikel
Josefine Conradi geb. Rinke,Stöcke, Pfeifen, Putzzeug, alle ArtenMilitär-Bedarfsartikel
Josefine Conradi geb. Rinke,
Stöcke, Pfeifen, Putzzeug, alle Arten
Militär-Bedarfsartikel
stand der kleine Fritz. Sein rotbackiges Kindergesicht sah heute ganz betroffen drein.
»De Onkel is da,« sagte er ernsthaft, »aber de Mutter is traurig.«
Sie traten aus der Mittagshelle in’s Lädchen ein, es war etwas dunkel darin, das Auge mußte sich erst gewöhnen. Josefine stand hinter der Theke und ordnete einen Kasten, aus dem sie eben verkauft; beim Anschlagen der Ladenschelle hob sie die Augen.
»Wo is de Ferdnand?« fragte Frau Trina hastig.
Die Tochter wies mit einem stummen Blick nach der Ecke. Dort erhob sich jetzt schwerfällig eine Gestalt aus dem Sessel und humpelte an zwei Krücken den Eintretenden entgegen. Leer hing das eine Hosenbein, und –
»Jesus Maria, meine arme Jung’!« schrie die Mutter auf und fiel dem Sohn um den Hals. Der konnte sie nicht umarmen, er mußte sich auf seine Krücken stützen.
Josefine liefen die Thränen über’s Gesicht; auch Schnakenberg schneuzte sich mehrmals, dabei drehte er sich ein bißchen weg, das leere Hosenbein war ihm gar zu jämmerlich.
Frau Trina schluchzte noch immer:
»Meine Jung’, meine arme Jung’!« Und küßte ihn und tätschelte ihm die Backen, wie sie es vielleicht einst dem kleinen Knaben gethan.
Der Sohn war nicht sehr zärtlich, er nahm’s nur gnädig hin.
»Jammert doch nich,« sagte er fast ungeduldig. Und dann richtete er sich so stramm auf, als er nur irgend konnte, und wies auf das Militärehrenzeichen, das die Brust seines verschabten Uniformrocks zierte: »Das kriegt man nich umsonst! Im Lazarett machten se ’ne richtige Feier, als se mir’s überreichten. Ja, was denkt ihr wohl, das is en besondere Ehr’! Die meisten kriegen nur das Erinnerungskreuz von Bronze – ihr könnt mir gratulieren!«
Aber Mutter und Schwester gratulierten ihm nicht. Frau Trina war, ihr Taschentuch vor’s Gesicht haltend, auf einen Stuhl gesunken, Josefine sah den Bruder mit zuckenden Lippen an. Nur Schnakenberg schüttelte ihm die Hand und schlug ihm dann auf die Schulter:
»Jratuliere! No, ich sag’ et ja, da wolle mer mal tüchtig eins auf trinken – hoch de tapfre Vaterlandsverteidiger, hoch, hoch!«
Ferdinands Augen glänzten auf, und er schmunzelte. Heute morgen schon waren Nachbarn gekommen, um ihn zu sehen; die ganze Kasernenstraße erinnerte sich ja noch an den ›Rinkes Jung’‹, und jetzt natürlich war er erst recht der Mann des Tages. Ein paar Knaben hatten ihn flehentlich um ein Andenken vom Schlachtfeld gebeten. Ja, wenn nur erst seine Kiste nachkam, dann wollte er ihnenschon blutgefärbte Uniformläppchen und ein paar Granatsplitter austeilen. Er versprach dem Stiefvater, heute abend mit in dessen Stammkneipe zu kommen; da wollte ihn dieser den Herren vorstellen, und er sollte von seinen Erlebnissen zum besten geben.
»Wird der dat nit zuviel sein, Ferdnand?« fragte Josefine besorgt. »Du sagst doch, dat Jehen macht dich e so müd.«
Das wollte er jetzt nicht mehr Wort haben.
»Wer können ja auch ene Wage nehmen,« sagte Schnakenberg. »Och, wat dann, Fina,« – er kniff die Stieftochter in die Wange – »nur kein ängstlich Jesicht! So ne Krieger is nit von Zucker. Jelt, Herr Sergeant? Heut jehn wer nach Ahmer und morjen nach Löhmer un übermorjen nach Hintze, un im Römischen Kaiser un im Verein. Wer machen de Rund’, bis dat wer durch sind. De Jung’ soll nit sagen, dat wer em nit ordentlich befeiert haben!«
Als der Stiefvater mit der Mutter gegangen war, äußerte Ferdinand sein Wohlgefallen: Der Schnakenberg war doch ein sehr netter Kerl, ein sehr anständiger Mann!
Josefine wollte nicht widersprechen. Gewiß, der Schnakenberg war ein guter Mensch – sie war ihm dankbar für manche Freundlichkeit – aber seit sie in Düsseldorf war, mußte sie wieder so viel an ihren Vater denken. Es drängte sie plötzlich, von ihm zu sprechen.
»Ferdnand, wat würd’ der Vater sagen,« flüsterte sie in einem weichen Ton und blickte hinüber zur Kaserne.
»Ja, so was hätt’ der auch wohl haben mögen,«sagte Ferdinand und schielte nach der Auszeichnung auf seiner Brust. »Hab’ ich der denn schon erzählt, warum ich das gekriegt hab’?«
Und nun begann er in einer Weise zu erzählen, daß sie merkte, er hatte das schon so und so oft gethan. Es klang wie auswendig gelernt:
»Wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die Hundsfötter, die Bayern, gesprengt; in Kissingen steckten sie drin, die verfluchten Kerle, und die Höhen hielten sie besetzt. Aber wir – hurra! – steil ging’s den Berg herauf, und –«
Er wurde unterbrochen. Die Ladenschelle klingelte, zwei bärtige Männer in Civil traten ein; man sah ihnen den ›entlassenen Landwehrmann‹ an. Sofort trafen sich ihre Blicke mit denen des Invaliden.
»Was jefällig?« fragte Josefine.
Aber sie wurde gar nicht gehört, die beiden hatten sich gleich mit Ferdinand in ein Gespräch vertieft.
»Division Göben, 53. westfälisches Infanterie-Regiment, 10. Juli bei Kissingen,« sagte der Invalide und wies auf seinen Beinstumpf.
»Niederrheinisches Füsilierregiment, Ersatzbataillon, 10. Juli bei Hammelburg!«
Das war ein Händeschütteln, waren sie doch am selben Tag, nicht weit von einander, im Feuer gewesen! Mit Bewunderung sahen die beiden Landwehrmänner das Ehrenzeichen auf der Brust des Kriegskameraden.
Der Invalide strahlte.
»Ja,« sagte er, »wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die Hundsfötter gesprengt, in Kissingen steckten sie drin, die verfluchten Bayern –«
Josefine mochte die Erzählung nicht mehr mit anhören, sie ging hastig hinaus. Der Vater hatte ihr einstmals auch vom Krieg erzählt – aber wie anders! Und doch mußte sie froh sein, daß der Stolz dem Bruder über den Verlust seines Beines weghalf.
Als sie wieder hineinkam, hatte er eben geendet, mit hochrotem Kopf saß er in seinem Stuhl. Die Landwehrleute machten ein großes Hallo; sie ließen nicht nach, er mußte mit ihnen nebenan in die Wirtschaft gehen und ein kameradschaftliches Glas mit ihnen leeren.
Als sie Stöcke gekauft, schleppten sie ihn ab, und er ließ sich nur zu gern schleppen. Josefine sah ihnen nach: die zwei von der Landwehr mußten heute schon ordentlich was getrunken haben, sie wirbelten ihre Stöcke; jetzt huben alle drei ein lautes Singen an.
Lange nach mittag kam Ferdinand erst zurück, er war glückselig. So viele Freunde hatte er gefunden, und sie hatten ihn hoch geehrt, wie einen Helden gefeiert und ihn zuletzt im Triumph durch’s Lokal getragen. Wenn die neunundreißiger Füsiliere, die anfangs Winter als ständige Garnison in Düsseldorf einrücken sollten, ebenso nette Kerle waren, wie die vom Ersatzbataillon, ließ es sich hier schon leben. Er war freudig erregt, neckte sich mit den Neffen und schwatzte in einem fort. Mit Mühe überzeugteJosefine ihn, daß es dringend nötig für ihn sei, sich zu ruhen. Es kostete sie unsägliche Anstrengung, ihn die Stiege hinaufzubringen, denn die war eng und die Stufen hoch. Er stöhnte und fluchte, stützte sich mit der einen Hand auf’s Treppengeländer und legte den andern Arm so fest um ihren Nacken, daß er sie fast niederdrückte. Der kleine Fritz schleppte die Krücken nach. Sie dankte Gott, als sie dem Bruder oben auf’s Bett geholfen; noch sprach sie zu ihm, da schlief er auch schon.
Es dunkelte längst, als Josefine erst wieder etwas von ihm merkte. Fritz kam gelaufen und holte sie: der Onkel wolle sich nun fein machen und könne nicht allein damit zu stande kommen.
Der Invalide nahm es als ganz selbstverständlich an, daß ihm geholfen wurde; die Schwester that es ja auch gern, war sie doch froh, daß er sie aus heiteren Augen anlachte. Aber ein eigentümliches Grausen überlief sie, als er nur einen Fuß hinstreckte, um sich den Stiefel anziehen zu lassen. Ihre Hände zitterten und hatten keine Kraft, aber er merkte es nicht; lustig pfiff er den Königgrätzer Siegesmarsch und beorderte Fritz, ihm die beste Montur herauszusuchen. Er mußte doch eine Figur abgeben, wenn der Stiefvater ihn präsentierte.
Josefine war es weh um’s Herz, als der Bruder nun soweit fertig war, – im besten Rock mit dem Ehrenzeichen, die Haare pomadisiert, – und sich zuletzt noch sorgfältig den krausen Backenbart kämmte, nachdem er sich vorher das Kinn sauber ausrasiert. Sie betrachtete ihn: wahrhaftig, ein schöner Mann, fast dem Kronprinzen ähnlich –aber ach, nur ein Bein! Das andre war hoch am Oberschenkel amputiert.
»Ferdnand,« sagte sie aus einem Herzensdrang heraus, »wie fühlste dich dann?«
»Gut, sehr gut, ganz famos! Kuck doch mal nach,« schrie er dem Kleinen zu, »ob der Schnakenberg bald antritt!« Er schien es gar nicht abwarten zu können. Als eine Kutsche vorrasselte und der Stiefvater unten im Flur rief, humpelte er so eilig die Treppe hinunter, daß er fast gestürzt wäre und Josefine mit sich gerissen hätte.
»Immer langsam voran, immer langsam voran,Daß die österreich’sche Landwehr nachkommen kann,«
»Immer langsam voran, immer langsam voran,Daß die österreich’sche Landwehr nachkommen kann,«
»Immer langsam voran, immer langsam voran,Daß die österreich’sche Landwehr nachkommen kann,«
»Immer langsam voran, immer langsam voran,
Daß die österreich’sche Landwehr nachkommen kann,«
begann er da zu singen. Das ganze Haus schien von seiner lauten Stimme angefüllt.
Josefine wurde diesen Klang nicht los, auch als die Räder des Wagens längst verrollt waren. Zwischenhinein bimmelte die Ladenschelle; es kamen eine Menge alter Bekannter, die den Heimgekehrten besuchen wollten. Ein paar kleine Mädchen aus der Nachbarschaft erschienen, hübsch angeputzt, mit einem Kranz und wollten ihm ein Gedicht aufsagen.
Josefine war’s zufrieden, daß das Gelaufe ein Ende nahm, als der Zapfenstreich ertönte.
›Zu Bett, zu Bett,Wer en Liebsten hätt’,Wer keinen hätt’,Muß auch zu Bett.Zu Bett, zu Bett, zu Bett.‹
›Zu Bett, zu Bett,Wer en Liebsten hätt’,Wer keinen hätt’,Muß auch zu Bett.Zu Bett, zu Bett, zu Bett.‹
›Zu Bett, zu Bett,Wer en Liebsten hätt’,Wer keinen hätt’,Muß auch zu Bett.Zu Bett, zu Bett, zu Bett.‹
›Zu Bett, zu Bett,
Wer en Liebsten hätt’,
Wer keinen hätt’,
Muß auch zu Bett.
Zu Bett, zu Bett, zu Bett.‹
Wie oft hatte sie das als Kind ahnungslos der Trompete nachgeschmettert!
›Wer keinen hätt’,Muß auch zu Bett –‹
›Wer keinen hätt’,Muß auch zu Bett –‹
›Wer keinen hätt’,Muß auch zu Bett –‹
›Wer keinen hätt’,
Muß auch zu Bett –‹
Von einer schwermütigen Regung befallen, sah sie sich jetzt um. Da stand ihr einsames Bett. Und sechsunddreißig Jahre – nein, das war noch nicht alt! Unwillkürlich breitete sie ihre Arme, in denen das warme Blut voll an die Pulse klopfte, und dann streifte ihr Blick den Spiegel. Sie trat davor und hielt das Lämpchenhoch.Hellbeleuchtet schaute ihr Bild sie an: blank die Augen, frisch das Gesicht und das Haar blond, nicht mehr so licht wie in der Mädchenzeit, ein wenig nachgedunkelt, aber blond doch, ganz blond, kein einziges, graues Fädchen an den Schläfen.
Seltsam genug stand das schwarzeKleidgegen das helle Gesicht. Sie hatte sich noch immer nicht entschließen können, die Trauer abzulegen, nur ein schmales, weißes Krägelchen gönnte sie sich am Halse. Aber nun sie sich selbst so sah, dünkte sie es auf einmal an der Zeit, ein andres Gewand hervorzusuchen.
Er würde es ihr nicht verdenken!
Nachdenklich ging sie zu der Truhe, dahinein sie all ihre bunten Kleider verschlossen. Hier das kornblumenblaue, das hatte er ihr den letzten Weihnachten geschenkt und sie so gern darin gesehen – ob’s ihr noch paßte? Sie hatte ein wenig an Fülle verloren seitdem – ob sie’s einmal anprobierte?
Es war etwas wie Scham in dem Gefühl, mit dem sie das blaue Kleid hin und her wendete, und zugleich war doch ein ganz eigentümliches, hastiges Zucken in den Fingern,mit denen sie ihr schwarzes Gewand herunterstreifte. Da lag es am Boden, wie eine tote Hülle, und sie warf das leuchtende Blau über und konnte sich wieder daran freuen. Was würden die Jungen dazu sagen?! Die würden sich auch freuen. Der Peter hatte schon oft gequält:
›Mutter, thu doch jetzt dat Schwarz aus, et steht dir nit.‹
Gedankenvoll nickte sie vor sich hin: ja, der Peter hatte recht, und vergessen würde sieihndarum doch nicht!
Langsam kniete sie vor der Lade nieder und kramte darin weiter. Auch allerhand Kleidungsstücke von ihm kamen noch zum Vorschein; die würde sie für die Jungen zurechtmachen lassen. Wenn die nur auch so brav wurden, wie ihr Vater gewesen!
Ein hölzernes Kästchen mit eingelegtem Deckel fiel ihr in die Hände. Ach, das alte Ding! Das war in der Mädchenzeit ihr Staatsnähkasten gewesen, den sie nie für gewöhnlich gebraucht, in dem sie nur all ihre kleinen Heiligtümer verwahrt: Bandrestchen, Seidenfleckchen, Heiligenbildchen, ein Nadelbüchschen – und nun kam auch noch anderes daraus zum Vorschein. Ein kleines Buch mit zierlich gerankten goldenen Passionsblumen auf dem Einband. Es durchzuckte sie, als sie es ergriff: das hatte ihr einmal einer geschenkt, der sie geliebt hatte – und sie ihn! Rot, wie frisches Blut, glänzte noch das kleine Buch, es hatte nichts von seiner warmen Farbe eingebüßt, – so leuchtend wie am Tage, da der’s ihr gegeben.
Sie schlug es auf; ein gelbseidenes Bändchen lag als Zeichen, und runde, vergilbte Tropfen markierten sichauf dem Blatt – Thränentropfen. Sie mußte wohl einstmals darüber geweint haben.
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin,Ein Märchen aus alten Zeiten –‹
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin,Ein Märchen aus alten Zeiten –‹
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Daß ich so traurig bin,Ein Märchen aus alten Zeiten –‹
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin,
Ein Märchen aus alten Zeiten –‹
Leise begann sie zu summen. Das schöne Lied! Nun sangen es auch längst ihre Kinder. Es war unvergessen und würde unvergessen bleiben.
Lächelnd schlug sie das Büchlein zu. – – – ›Viktor – –!‹
Wie ein Gruß stieg es von dem roten Buch zu ihr auf; sie hielt das im Schoß und fühlte sich auf einmal wieder ganz jung.
Und zwei Papiere ruhten im Kästchen, neugierig griff sie auch nach diesen. Erst hier dies zusammengekniffte, goldgeränderte Kärtchen!
›Mädchen, wenn ich einmal sterbeUnd der Tod mein Auge bricht,So pflanz’ du auf meinem GrabeEine Blum’:Vergißmeinnicht!‹
›Mädchen, wenn ich einmal sterbeUnd der Tod mein Auge bricht,So pflanz’ du auf meinem GrabeEine Blum’:Vergißmeinnicht!‹
›Mädchen, wenn ich einmal sterbeUnd der Tod mein Auge bricht,So pflanz’ du auf meinem GrabeEine Blum’:Vergißmeinnicht!‹
›Mädchen, wenn ich einmal sterbe
Und der Tod mein Auge bricht,
So pflanz’ du auf meinem Grabe
Eine Blum’:Vergißmeinnicht!‹
las sie.
Ach Gott, das hatte ja Conradi geschrieben, damals, als er um sie freite! Und sie hatte darüber gelacht. Jetzt schossen ihr Thränen in den Blick, so ungeahnt rasch und heftig, daß sie kaum die schöngeschnörkelte Schrift mehr entziffern konnte.
›So pflanz du auf meinem Grabe eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹ – Die erhobene Hand sank ihr nieder – nein, er brauchte keine Angst zu haben, sie pflanzte auf seinem Grabe mehr als eine Blume!
Ihr Blick irrte flüchtig zu dem roten Büchlein, aber nur einen Moment, um dann fest und lange auf dem goldgeränderten Papier zu ruhn. Ihre Thränen flossen; so hatte sie noch nie um ihren Mann geweint. Heiß fielen die Tropfen auf seine Schrift und auf die beiden Eheringe an ihrer Hand.
Ihre Gedanken flogen zurück Jahr um Jahr. – – Ihr guter Mann! Was wäre aus ihr geworden ohne ihn?! Er hatte sie an die Hand genommen und sie fortgeführt in das stille Häuschen nach Vohwinkel; er hatte für sie gesorgt und ihr nie ein böses Wort gesagt. Und wenn es sie auch manchmal gedeucht hatte, als könne man jauchzender glücklich sein – er war nüchternen Sinnes, und das Blut sprang ihm nicht so lebendig durch die Adern wie ihr – er hatte sie doch immer verstanden. Hundert Dinge, die ihr jetzt plötzlich einfielen, bewiesen ihr das. So verschieden sie auch waren, er hatte sie verstanden, weil er sie innig lieb gehabt.
Lange blieb Josefine vor der Truhe knieen. Die Kinder nebenan schliefen sanft, man hörte nicht einmal ihre Atemzüge. Auch die Stadt war still. Auf der Straße kein Tritt, in der Kaserne kein Ruf. Kein militärisches Signal mehr gellte weit hinaus und stöberte die schlummernden Gassen auf.
Die Witwe träumte. –
Plötzlich schreckte sie auf.
»Herrraus!« Rauh tönte es durch die Stille. Was, schon die Ronde? So spät war es schon? Und der Ferdinand noch immer nicht da? Es würde ihm doch nichts passiert sein?!
Sie öffnete das Fenster und spähte hinaus – kein Wagen, auch keine Gestalten! Nirgendwo mehr Licht, nur der Herbsthimmel, klar gestirnt, voll unzähliger, funkelnder Kerzen. Massig streckte sich der Bau der Kaserne, mit seinen endlosen Mauern die Straße begrenzend, in einer festen, einförmigen Linie. Jetzt fiel’s ihr auf, vielleicht zum erstenmal, wie häßlich eigentlich der Bau war. Aber sie wehrte sich gegen den Gedanken; denn den hatte ihr ja nur der Peter eingeblasen, der schimpfte immer über die langweilige Kaserne und fand sie so garstig, wie gar nichts anderes auf der Welt. Nun, mochte er – sie nickte vertraulich hinüber – ihr war sie trotzdem lieb. Eine plötzliche Sehnsucht überkam sie, einmal hinein zu dürfen, einmal sich wieder gegen das schwere Thor zu stemmen, das den Hof – ihren Hof – verschloß. Ob jemand oben in der Feldwebelwohnung wohnte?! Sie hatte schon einmal die Mutter danach gefragt, aber ein Schatten war über deren Gesicht geflogen: ›Ich weiß et nit.‹
Die Mutter hatte eine gewisse Scheu vor den Erinnerungen an jene Zeit. Und die Tochter begriff das wohl. –
Jesus, der Ferdinand kam doch gar nicht wieder, der schien sich zu gut am Stammtisch zu behagen! Noch einmal spähte sie die Straße hinauf und hinab, und dann zog sie sich mit einem Seufzer vom Fenster zurück. Es würde ihr wohl nichts helfen, sie mußte schon die ganze Nacht aufsitzen, denn wie sollte der Einbeinige sonst in’s Bett kommen? Ach Gott, das war doch zu traurig mit dem armen Kerl! Hätten die Preußen doch keinen Krieg angefangen!
Da fiel ihr Blick auf den andern Zettel, der ihr vorhin aus dem Kästchen entfallen war. Sie hob ihn auf. Wie eine Vorschrift, groß und fest und deutlich, stand auf dem liniierten Schulheftblatt:
›Über alles die Ehre!‹
Das hatte ihr Vater geschrieben in letzter Stunde! Sie setzte sich nieder und dachte und starrte und starrte und dachte, bis ihr die Augen zufielen.
Ein Wagengerassel erweckte sie, ein recht langsames, müdes Räderrattern. Ah, da kamen sie endlich!
Verschlafen taumelte sie die Treppe hinunter. Von St. Anna schlug’s drei.
»Och Jott, och Jott, bis du’t, Ferdnand?«
Noch ganz verwirrt schaute sie in den Wagen, aber sie wurde gleich hell wach: da lehnten der Ferdinand und der Schnakenberg im Fond, nebeneinander, Arm in Arm, und schnarchten.
»He, Sie, Schnakenberg! Ferdnand!« Jetzt die wach kriegen!
Schmunzelnd stieg der Kutscher vom Bock. »Wollen Se nit jefälligst aussteijen, Herr Schnakenberg?« sagte er.
Mit vereinter Mühe weckten sie Herrn Schnakenberg. Verdutzt kroch der aus dem Wagen und wackelte hin und her auf seinen einknickenden Beinen, aber er lachte vergnügt und kniff die ärgerliche Josefine in die Backe.
»Finken, mei lieb Dier, sei ens nit unjemütlich! De Jung’ kriegt auch en Bein, beim Brandt in Oberbilk, kost’ et wat et kost’! Et war des Juten en bißken viel, aberdat thut ja nix. Faß ens an, Kink, wer wollen dat Jüngesken ’erauftragen!«
Es war wiederum eine schwierige Sache, den Invaliden die Treppe heraufzubringen. Er war schwer wie ein Klotz. Als er auf dem Bett lag, schlug er für einen Moment die Augen auf und stierte verwundert der Schwester blaues Kleid an.
»Siehste, wie de biste,« lallte er, »auch blau – blau – blau – blau – der Schnakenberg is mein Freund – Bruderherz – ich krieg en Bein – dat andre is futsch – blau – blau – blau – Fina – ich geh’ noch tanzen mit dir – hurra!«