XXIV
Es war für Düsseldorf jetzt an der Zeit, seiner großen Männer zu gedenken. Die Stadt hatte es ja dazu, sie stand auf blühender Höhe und war, wenn auch noch nicht in Handel und Gewerbe, so doch in Kunst und Gartenanlagen der Rivalin Köln weit überlegen. Die Väter des Rats brauchten sich der Gelder wegen keine Sorgen zu machen; man saß im Wohlstand. Es war nicht mehr wie billig, jetzt auch äußerlich die dankbar zu ehren, deren Namen der Düsselstadt ewigen Glanz verliehen.
Ganz einig war man sich freilich nicht, wer diese eigentlich waren.
War es zum Beispiel nötig, an Immermanns Sterbehaus eine Gedenktafel anzubringen? Der war doch nur Theaterdirektor gewesen und hatte genug Ärgernis erregt mit seiner Ahlefeld in Jacobis Garten hinter’m Malkasten!
Ohne Widerspruch dagegen wurde die Errichtung eines Denkmals beschlossen für Peter Cornelius, ›den größten Sohn der Stadt, den Heros der deutschen Kunst, denGoethe unter den Malern, der die Kunst aus der Abhängigkeit undeutschen Wesens befreit.‹
Doch als einige wenige, etwas schüchtern freilich, vorzubringen wagten, da sei auch noch der Heinrich Heine, der sei doch auch ein Sohn der Stadt und eigentlich auch ein Genie und auch tot, da ging man einfach zur Tagesordnung über.
Aber in dem Beschluß, die neue Eisenbahnbrücke bei Neuß ›König Wilhelms-Brücke‹ zu taufen, ferner zur Jubelfeier der Kunstakademie und zur Liebesgabe anläßlich des Priesterjubiläums Pius IX. sich mit einer würdigen Summe zu beteiligen, war man einig.
Professor Caspar Scheuren hatte eben jetzt mit seiner frommen Aquarellkunst ein Gedenkblatt dieses fünfzigjährigen Priesterjubiläums entworfen, es hing in jedem besseren Bürgerhaus unter Glas und Rahmen. Der Dezember 1869 brachte, als passendstes Weihnachtsgeschenk, ein Pendant dazu: das Gedenkblatt zum ökumenischen Konzil.
Das neue Jahr war in Sicht. So freundlich ging 1869 zu Ende, wie 1870 begann. –
Wie ein Stein in einen stillen Weiher fiel plötzlich in den ruhigen Jahresbeginn die Kunde, das Konzil habe die Unfehlbarkeit des Papstes beschlossen. Immer größere und größere Kreise, glucksende Blasen und unruhige Wellchen bildeten sich auf der eben noch so glatten Fläche. Etwas war hineingeschleudert, was nicht still zum Grund sank, sondern wühlte und wühlte. Würde das Dogma von der Unfehlbarkeit durchgehen oder nicht? Mochte der Jesuitensuperior Rivé zu Köln auch predigen: ›das Dogma vonder Unfehlbarkeit sei ein Glaubenssatz, einfach hinzunehmen,‹ mochte der Pater Roh seine ganze Beredsamkeit entfalten, – zweihundert Bischöfe stritten dagegen. Das war ein Hin und Her, ein Für und Wider. Die besten Freunde zankten sich, zwischen Vater und Sohn klaffte jäh ein Riß; Mägde, die belauscht, worüber die Herrschaft drinnen im Zimmer disputierte, kündigten. Manche Seele, die gern glauben wollte, was sie glauben sollte und doch nicht glauben konnte, ängstigte sich. Und die Andersgläubigen machten ihre Glossen.
Selbst in die Kaserne, in der sonst der Kommiß des Tages einförmigen Inhalt bildete, war ein Tropfen Ärgernis gefallen. Die Bauernsöhne erhielten Briefe von Haus, darin die Väter sie ermahnten, und die Mütter ein Gedenkblättchen vom Heiligen Vater mitschickten.
Auch in der Witwe Conradi Lädchen wurde viel über dies weltbewegende Ereignis verhandelt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen hörte Josefine zu – war’s möglich: der Papst unfehlbar, ein Mensch unfehlbar?! Als zur Vesper die Glocken von der Jesuiterkirche, von Lambertus und St. Andreas so schön und sonor läuteten, fühlte sie sich nicht, wie sonst, bewegt von den frommen Klängen. ›Unfehlbar, unfehlbar,‹ summte es ihr immer in den Ohren. Im ersten, hastigen Impuls nahm sie die Heiligenbildchen, die über ihres Kleinen Bett hingen, herunter und schloß sie in eine Schublade. Jetzt fühlte sie’s: sie war doch nicht katholisch getauft. Wenn ihre Wiege auch geschaukelt hatte beim Klang dieser Glocken, einen guten Schuß Blut hatte sie auch von Vaters Seite her inden Adern; und der war ein Ketzer gewesen. Der arme Vater! Ihr Blick umflorte sich. Ach, der hatte hier nicht glücklich sein und auch nicht glücklich machen können! Der hatte die hier nicht verstanden, und sie hatten ihn nicht verstanden! Ihr war’s, als würdesieihn jetzt verstehen. Daß sie doch so viel an ihn denken mußte!
Starren Auges blickte sie hinüber zur Kaserne – da ging sein Geist noch um. – – – –
Seit Oktober steckte der Peter auch drüben in der Kaserne. Seine Lehrzeit war um gewesen, der Meister Cremer hatte ihm ein halbes Jahr geschenkt. Was hätte er denn Klügeres machen können, als gleich seine Zeit abdienen? Dann war er’s los, und dann würde er die Mutter schon herumkriegen, ihn nach Paris zu lassen – und da würde er ein Künstler werden! Ja, das wußte er jetzt. Denn wenn sie ihm auch sagten: ›Hier streich’ diese Wände an,‹ es würden doch Bilder unter seinem Pinsel entstehen, Bilder, wie er sie in seiner Seele trug, wie er sie mit geschlossenen Augen sah, wie er sie nachts träumte. Er glaubte an seine Zukunft. Und in diesem Glauben erschien ihm das Leben so wunderschön, so strahlend hell, so voll von Farbe.
Der Kommißdienst machte ihm allerdings wenig Spaß, und die Drillerei fand er höchst überflüssig; aber da er einen schlanken Rücken und gerade Beine hatte und keinen so dicken Kopf, wie die westfälischen Jungen, kam er gut durch. Er war wohl anschrieben. Darüber lachte er sich freilich eins; er wußte ganz genau Bescheid über die Verehrer seiner Mutter.
»En janz schneidiger!« sagte Unteroffizier Schmidt oft und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Der Berliner erschien dem Peter als ein ganz umgänglicher Mensch. Mochte der Hucklenbruch auch auf ihn schimpfen, na, der war eben eifersüchtig! Peter war stolz auf die Triumphe seiner Mutter. Ja, so frisch wie die, war auch keine! All ihre weißen Zähne hatte sie noch, kein graues Fädchen im blonden Haar! Und freuen konnte sie sich, ja, freuen! Als er zum erstenmal in Uniform vor ihr gestanden, da hatte sie mit einem Jubelruf die Hände zusammengeschlagen, und dann war sie ihm um den Hals gefallen und hatte ihn geherzt und geküßt wie einen Schatz.
Josefine empfand eine Freude in ihrem Herzen, wie solche das kaum je bewegt – ihr Junge drüben in der alten Kaserne! Und so beliebt! Sogar der Hauptmann hatte ihn belobt, als er für die Weihnachtsfeier der Mannschaft ein Transparent gemalt, einen nackten Engel mit blauem Lendentüchlein und fliegendem Spruchband:
Gloria in excelsis Deo!
Gab es eine glücklichere Mutter? Morgens belauschte sie das Ausrücken ihres Sohnes, mittags seine Heimkehr von der Heide oder von den Schießständen im Bilker Busch.
*
Der Winter war nun vorbei, heller Frühlingssonnenschein beglänzte die schon gebräunten Gesichter der Füsiliere, der erste grüne Zweig steckte dem Peter am Helm. Hellträllerte Josefines Stimme der Marschmusik nach – Frühling, Frühling! Auch für sie war’s noch einmal Frühling mit ihrem, durch ihren jungen Sohn.
Ganz Düsseldorf feierte Frühling. Alltäglich wallfahrteten jetzt Scharen von Bürgern durch die schön bestellten Felder, über die frischer Dung durchdringenden Lenzduft breitete, nach Dorf Hamm zu Heckers Wirtschaft, wo der fortscheitende Bau der neuen festen Rheinbrücke die Augen, und der berühmte Spargel nebst Maiwein die Gaumen angenehm beschäftigte. Auch im Malkasten rührte sich’s; aufgeweckt durch das maigrüne Rauschen der Bäume im alten Jacobischen Garten, quakten die Frösche im Venusteich, und lustige Malerkehlen machten ihnen Konkurrenz.
Der Rhein rollte seine frühlingsgeschwellten Wogen wieder einmal am alten Schloß vorbei und begrüßte in übermütigem Umfangen die kleine Düssel, die ihm unter der verwitterten Schloßmauer her im jungen Liebesrausch in die Arme sprang. Im Hofgarten sangen sich die Nachtigallen müde; am Kanal, am Schwanenspiegel, in den vielen, vielen Gärten der Stadt klang ihr schmelzendes Locken.
Auch in Josefines Gärtchen schluchzte eine im hängenden Rosenstrauch am Plankenzaun. Josefine hörte ihr oft zu – was klagte die?! Lind und sanft und dunkel lag doch die stille Frühlingsnacht über den Dächern, jedes Windchen ruhte, ein großer Friede träumte am Himmel und sank nieder in den Schoß der empfangenden Erde.
Was wollte der Mann, der in allen Zeitungen unermüdlich annoncierte unter dem geheimnisvollen Namen: ›Maran atha‹ und seine Mitchristen zu einem Vortrag in der Bockhalle einlud?! Er kündigte an:
›Die baldige persönliche Wiederkunft unsers HERRN in Herrlichkeit.‹
Das war doch sicher ein Verrückter! Aber da der Eintritt unentgeltlich, und man sich gern einen Spaß machte, gingen viele hin. Es war ja sonst nichts los in der Stadt, aber auch rein gar nichts. Nur ein Bild machte noch von sich reden, das ein junger Kunstschüler, Michael Munkacsy, dessen Namen man bisher nicht gekannt, ausgestellt hatte: ›Letzter Tag eines Verurteilten.‹ Das Publikum stand davor, halb ergriffen, halb erstaunt; und die Maler gingen hin in hellen Haufen und besahen sich, die Augenbrauen hochgezogen, manche mit leisem Kopfschütteln, dieses ganz Neue.
Auch Peter sah das Bild. Brennende Thränen traten ihm in die Augen – der, der das geschaffen, war kaum älter als er! Aufgeregt kam er zu seiner Mutter. Mit fliegendem Atem sprach er:
»Mutter, dat is en Bild, ich sag’ dir, en Bild! Du sollst nur sehen, wie de Mann da sitzt, de Verbrecher, die Fäust’ im Jesicht – dat Jebetbuch liegt auf’m Boden, un se stieren ihn all an, de Leut’, die ihn kucken jekommen sind – un dat junge Weib weint an der Mauer – un dat Kind läuft zwischen Vater un Mutter un weiß von nix. Mutter, dat is en Bild, so eins hat noch keiner hier jemalt! Mutter, de kann wat! Mutter, nu weiß ichwat Kunst is! Mutter, un siehste, Mutter, so will ich auch malen!«
Er raffte die Mütze vom Tisch und rannte stürmisch davon. – – –
Die Julitage kamen mit drückender Glut, schwere Gewitter zogen schon am Morgen auf und gingen gegen mittag nieder, aber sie brachten keine Kühlung. Ebenso glühend kam der Abend wie der Morgen, die Nacht wie der Tag. Allerorten gab’s Gewitterschaden. Besorgt schauten die Landleute von ihren Feldern zum funkensprühenden Himmel. Eine eherne Hitze brütete in den Straßen der Stadt.
›Maran atha– prüfet die Zeichen der Zeit!‹ predigte der seltsame Mann in der Bockhalle. Er hatte jetzt viel Zuspruch – es kamen nicht bloß solche, die ihn auslachten – nervösen Seelen wurde so merkwürdig angst bei der Gewitterschwüle; sie drückte alle Gemüter. Und plötzlich fingen an, undefinierbare Gerüchte umzugehen. Man hörte es und glaubte es nicht, aber erzählte es doch weiter: Frankreich suche mit Preußen Händel. Kühle Köpfe freilich beruhigten: man sah’s ja, in der Kaserne rührte sich noch keine Hand, und dort mußte man doch zuerst etwas merken. Es war ja auch absolut kein Grund zum Krieg vorhanden; die Erregung der Franzosen über die Kandidatur des hohenzollernschen Prinzen für den spanischen Thron war wirklich nicht so tragisch zu nehmen. Man konnte sich getrost anschicken, alle Vorbereitungen zum Düsseldorfer Schützenfest zu treffen; und das sollte in diesem Jahr ganz besonders glänzend werden.
Aber – merkwürdig – es ereignete sich wieder etwas, was die Bürger stutzig machte. Abend für Abend ließ sich eine junge, schöne Stimme im Hofgarten vernehmen, die, schmetternd und langgezogen, bis in die fernsten Büsche drang: ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein!‹
Alle Spaziergänger blieben stehen und lauschten, es sammelte sich rasch viel Publikum; aber so sehr auch die Zuhörer Beifall klatschten, der Sänger ließ sich nicht sehen, er blieb verborgen. Was war das – von wo kam das – was sollte das bedeuten?!
›Prüfet die Zeichen der Zeit‹ – eine Ahnung beschlich die Seelen, man hielt den Atem an.
Da – hui, ein Blitz am schweren, wolkenverhangenen Himmel: der französische Gesandte Benedetti hatte den greisen König, der in Ems zur Kur weilte, mit den frechen Forderungen Napoleons brüskiert!
Und nun ein krachender Donner, der den Himmel mit Getöse erfüllte und die Erde erbeben machte: die Kriegserklärung!
Am 15. Juli nachmittags stand die Depesche an allen Ecken Düsseldorfs angeschlagen.
Krieg, Krieg!
»Nu wird mobil jemacht, aber ’n bißchen plötzlich,« schrie Unteroffizier Schmidt, in Josefines Laden stürmend. Sie stand hinter der Theke und griff sich mit beiden Händen an den Kopf – Krieg, Krieg?! Sie hatte es schon gehört und konnte es doch nicht fassen. Krieg, Krieg! – Das kam zu rasch.
»Das is en schöne Bescherung,« rief Hucklenbruch, der auch gerannt kam, »oha, nu chiebt’s Krieg, Madam, un Ihr Peter –«
Das Wort erstarb ihm im Munde, er sah den Rivalen am Ladentisch stehen und machte sofort Kehrt. Er hatte der Mutter sagen wollen: ›Nur keine Angst, ich paß auf ihn auf, wie auf meinen Augapfel,‹ aber nun schnürte ihm der Grimm, daß der Berliner ihm schon wieder zuvorgekommen, die Kehle zu.
Und andre kamen, Soldaten, Nachbarsleute. Die Bürger glaubten, von den Füsilieren etwas Näheres erfahren zu können; aber die aus der Kaserne standen ebenso verdutzt vor dieser Kriegserklärung, wie vor einem großen, gewaltigen, erschütternden Naturereignis. Man war erst still, aber dann brach sich die Erregung Bahn; man schimpfte und lamentierte, man zog bedenklich die Augenbrauen und sprach auch wieder recht hochtrabend, man ballte zornig die Fäuste und faltete die Hände angstvoll zum Gebet, man lachte und weinte, man schrie ›Hurra‹ und flüsterte ›Gott erbarm dich‹ – dieser so, jener so. Aber des einen waren sich alle klar bewußt: das ließ man sich nicht gefallen! Zu frech war dem greisen König begegnet worden, zu frech hatte der Franzose den Fehdehandschuh hingeworfen! Neidisch war der, den Rhein wollte der haben! ›Unsern Rhein – kriegt er nicht! Hurra, mit Gott für König und Vaterland!‹
Eine jähe Begeisterung hatte sich plötzlich aller bemächtigt; Soldat oder Bürger, da war jetzt keinUnterschied, jeder fühlte sich gekränkt, angegriffen in dem, was ihm teuer war: König, Vaterland, Rhein.
Alle Arbeit wurde im Stich gelassen; die Handwerker liefen auf die Straßen, Meister und Gesellen. Die Wirtschaften waren gestopft voll, es wurde gelärmt und getrunken und auf den Tisch geschlagen: laß sie nur kommen, die Halunken, die Franzosen!
Aber auch ernste Gesichter sahen sich an – mit Frankreich wurde es heiß, das war kein Kinderspiel! Manch einem zitterte das Herz im Leib, wenn er draußen seinen Unmündigen, Stock auf der Schulter, im hellen Haufen der Knaben, trommelnd und pfeifend vorbeimarschieren sah. Die Jugend, die war schon mit ihrer Mobilmachung fertig, derentwegen konnte es gleich losgehen.
Bis in die Nacht hinein wogte es in der Kasernenstraße unruhig auf und ab, Bürgertracht und Uniform einträchtig bei einander. Wer zuerst angestimmt, wußte man nicht, helle Knabenstimmen mochten es wohl gewesen sein, aber kräftige Männerbässe fielen unverweilt ein – durch die dunkelschwüle, gewitterbange Julinacht zog laut und klangvoll das Lied von der ›Wacht am Rhein‹.
Josefine stand unter ihrer Thür und lauschte den Tönen, die stark zum Himmel stiegen. Ihre Mutter war am Nachmittag dagewesen in ratloser Verwirrung – das Kriegsgerücht hatte sie aus dem Mittagsschläfchen geschreckt – Herr Schnakenberg war in Karlsbad zur Kur! Josefine hatte ihr geraten, an ihn zu depeschieren. Frau Trina war außer sich, hatte sie ihm doch schon geschrieben: es seinicht sicher, er solle nach Haus kommen. Aber er hatte es nicht geglaubt. ›Die Franzosen seien viel zu höflich, es gäbe keinen Krieg, Unsinn!‹ Was sollte sie nun machen, so allein, wenn die Franzosen nach Düsseldorf kamen? Die Tochter hatte sie beruhigt, und der Invalide war mit der Mutter zum Telegraphenbureau gehumpelt. Natürlich kam Ferdinand jetzt nicht wieder, sondern saß in irgend einem Wirtshaus fest.
Josefine war allein, ihren Kleinen hatte sie zu Bett geschickt; der hatte sich an ihre Seite geschmiegt, bis ihm die Augen zufielen. Nun wartete sie auf ihren Peter. Warum kam er nicht, wie sonst alle Abend, zu ihr herüber? Drängte es ihn denn nicht zu ihr? Sie fühlte ihr Herz heftig pochen ohne Unterlaß.
Drüben lag die Kaserne, mehr erhellt wie sonst je am Abend; in den Bureaux wurde noch gearbeitet, in fieberhafter Thätigkeit rührte es sich da. Krieg, Krieg mit Frankreich – o, wenn der Vater das erlebt hätte! Wie oft hatte er ihr erzählt von den Freiheitskriegen, in denen sich Preußen freigemacht von seiner Schmach. Es war das Märchen ihrer Kindertage gewesen. Und jetzt? Ihr war, als sei sie wieder ein Kind, als müsse sie dem lauschen, begierig lauschen, was wie ein Schwur zum finsteren Nachthimmel aufstieg:
›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹
›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹
›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹
›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹
Warum der Peter noch immer nicht kam?! Zum erstenmal hatte es schon Zapfenstreich geblasen. Sie strengte umsonst die Augen an. Endlich hörte sie seinen Schritt.
»Mutter,« sprach er durch das Dunkel, und seine Stimme klang matt, »’n Abend.«
Sie fuhr auf ihn zu, sie hatte ja so nach ihm verlangt. »Krieg – wat sagste derzu? Krieg!«
»Un ich muß mit,« sagte er dumpf.
»Och Jott, ja!«
Das hatte sie ja noch gar nicht recht bedacht. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr ihr die Glieder, die Kniee wollten ihr brechen, taumelnd lehnte sie sich gegen die Hauswand.
Er sagte kein Wort, er stand nur immer da im trüben Laternenschein und starrte vor sich hin.
»Jesus, ja, och mein Jung’!«
Mit einem unterdrückten Schrei warf sie sich ihm plötzlich an die Brust, ihre Arme umwanden seinen Hals – da – ›trötrö‹ – der Zapfenstreich!
Er riß sich los ohne weiteres Wort, er mußte ja fort; wie ein Schatten verschwand er jenseits im Kasernenthor.
Heute nacht schloß Josefine kein Auge; nicht das Lärmen der spät aus den Wirtshäusern Heimkehrenden, nicht das Rumoren des Invaliden, der lange nach Mitternacht stürmisch Einlaß begehrte, raubten ihr die Ruhe. Etwas andres vertrieb ihr den Schlaf und ließ ihre Thränen auf’s Kissen fließen: der Peter mußte mit! Endlich, spät gegen morgen, als die Sonne das Dach der Kaserne längst mit Gold überschüttete, schlummerte sie ein.
Ein kurzes Stündchen Schlaf war ihr nur vergönnt, aber sie erwachte wunderbar gestärkt – ihr Vater hatte an ihrem Bett gesessen. –
Der Lärm des ersten Rausches hatte sich gelegt, stiller war’s geworden in den Bürgerhäusern, in den Wirtschaften, auf den Straßen. Aber emsig schaffte es in der Stille, denn heute war mobil gemacht. Scharen junger Leute strömten in die Kaserne, die sonst nichts drin zu suchen gehabt hätten: Knaben fast noch, blutjunge Abiturienten und Jünglinge, deren Fähigkeit, die Waffe zu tragen, mindestens sehr zweifelhaft. Aber alle, sie alle stellten sich als Freiwillige.
Eine ungeheure Rührung bemächtigte sich Josefines, als sie die Burschen vorüberziehen sah. Wie sie eilten, wie sie eilten! Wie überschlank, wie engbrüstig waren viele, und manche noch viel jünger als ihr Sohn. Etwas kam über sie – ähnliches hatte sie noch nicht empfunden, nein, nie! – es war wie ein Glück, und doch ein Schmerz zugleich. Sie schämte sich der Thränen, die sie geweint.
Die ganze Stadt war in Thätigkeit. Hier kündigten Schuhmacher ›schnellste Anfertigung von zweckentsprechenden Feldstiefeln‹ an, dort die Militärschneider ›Uniformen aller Waffengattungen binnen vierundzwanzig Stunden‹. Hunderte von Händen rührten sich Tag und Nacht. Fässer und Kisten kollerten am Proviantamt, Komitees gründeten sich in aller Eile, zu Liebesgaben wurde aufgerufen; wollene Unterkleider wurden trotz der Hitze in Masse gekauft, wollte doch ein jeder seine Liebsten ausrüsten und schützen so gut es ging.
Die Kreuzschwestern, allen voran, stellten hundert Betten für verwundete Krieger zur Verfügung und sechs Krankenpflegerinnen für’s Feld. In der Kaserne wurde nicht viel Unterschied mehr gemacht zwischen Tag undNacht, die Vorgesetzten hatten keine Mußestunden mehr, jetzt hatten sie strammeren Dienst als je die Mannschaft. Und überall, im ersten Haus und im letzten, vom größten Schulmädchen bis herab zum kleinsten, fingen gewaschene und ungewaschene Finger an, Charpie zu zupfen.
›Gebt, gebt! Gebt für die ausrückenden Krieger, gebt für die zurückbleibenden Hilfsbedürftigen! Gebt ohne Rücksicht auf Religion! Alle geben für alle!‹
Josefine kam nicht zur Besinnung. Sie hatte ja nicht bloß ihren eignen Sohn auszurüsten, da waren noch so viele gute Jungen, die ihr Lädchen stürmten: Putzkreide! Wichse! Schreibpapier! Notizbuch! Bleistift! Portemonnaie! Schnupftabak! Mancher forderte eine kleine Bibel.
Bruder Friedrich konnte nicht herüberkommen, um ihr beizustehen. Krupp arbeitete auch Tag und Nacht – Aufträge aus Nord und Ost, Süd und West – Kanonen, Kanonen und wieder Kanonen, Geschütze schweren Kalibers. Nicht nur Frankreich und Deutschland, die ganze Welt schien sich rüsten zu wollen.
Und Gewitter brauten und brauten und zogen von Sonnenaufgang bis Niedergang, standen und dräuten und konnten sich nicht entladen in erlösenden Fluten.
›Betet, betet!‹
Ein allgemeiner Bettag war angeordnet. Die protestantischen Kirchen ließen ihre Glocken rufen, und in allen katholischen war Hochamt und nachmittags Betstunde vor dem ausgesetzten hochwürdigsten Gut.
»Mit Gott für König und Vaterland!« rief der Geistliche im schlichten Talar von der schmucklosen Kanzel herabund machte das Zeichen des Kreuzes über seineGemeinde.»Der Herr segne euch und behüte euch, der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden, Amen!«
Und auch der Priester in der weihrauchduftenden, bildergeschmückten Kirche rief: »Mit Gott für König und Vaterland!« Und schlug das Kreuz: »Die Gnade Gottes und die Fürbitte aller lieben Heiligen sei mit euch, Amen!« –
Es hatte Josefine immer leid gethan, daß Hucklenbruch und Schmidt so spinnefeind waren; jetzt that es ihr doppelt leid, nun war es doch wahrhaftig an der Zeit, solche Dummheiten zu lassen. Sie redete Hucklenbruch, als dem jüngsten, energisch in’s Gewissen; er hörte sie auch ruhig an, und als sie zu Ende war, reichte er ihr treuherzig die Hand: »Chute Madam, Sie sind sehr chut!« Aber es blieb doch beim alten; kam der eine in’s Lädchen, ging der andre schleunigst hinaus, und sie sahen sich an, als ob sie sich vergiften wollten.
Josefine hatte sich noch alles mögliche eingethan zur Feldausrüstung, was sie sonst nicht geführt. Sie begriff selbst nicht, daß sie noch an’s Geschäft denken konnte; sie besorgte es auch eigentlich nur ganz mechanisch, alle ihre Gedanken waren bei Peter. Der war so stumm, so blaß! Sie sah ihn wenig; drüben in der Kaserne hielten sie ihn fest, da er eine schöne Handschrift hatte, mußte er beim Feldwebel schreiben die halbe Nacht. Ein eigentliches Bangen um den Sohn stieg nicht mehr in Josefines Seele auf, da waren ja so viele, so viele, die in’s Feld zogen. Das Gemeinsame gab Kraft, und das Singen auf denStraßen, und die erhöhte Arbeitsleistung, diese erregte Thätigkeit, die nie erlahmen zu können schien; und der Drang nach Freiheit, der allerorten, in allen Herzen verborgen ruht, und der hier neu wieder emporloderte, in Flammen, die niemand künstlich geschürt.
›Frei werden, frei werden,‹ das war wieder einmal die Losung. Von wem denn – von was denn?! Ei, vom Napoleon, dem Erbfeind, und von – von – recht klar hätte keiner darauf antworten können. Aber die Studenten sangen es zu Bonn vom alten Zoll hinüber zu den sieben Bergen – grüßend blitzten ihre erhobenen Schläger – und das ganze Volk sang es nach, das ganze Vaterland, das ganze Deutschland:
›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze,Du bist und bleibst ein deutscher Strom!Ich schaue dich im Freiheitslenze,Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹
›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze,Du bist und bleibst ein deutscher Strom!Ich schaue dich im Freiheitslenze,Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹
›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze,Du bist und bleibst ein deutscher Strom!Ich schaue dich im Freiheitslenze,Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹
›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze,
Du bist und bleibst ein deutscher Strom!
Ich schaue dich im Freiheitslenze,
Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹